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Der Schmetterling

Wilhelm Busch: Der Schmetterling - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnd die Moral von der Geschicht
authorWilhelm Busch
year1982
publisherC. Bertelsmann Verlag
addressMünchen
isbn3-570-03004-0
titleDer Schmetterling
pages53
created20101212
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erst die Mittagssonne des nächsten Tages öffnete mir die Augen. – Und wahrhaftig! – Da saß er schon wieder, drei Schritt weit weg, mein kunterbunter Schmetterling, auf einem violetten Distelkopfe, und fächelte und ließ seine ausgebreiteten Flügel verlockend in der Sonne schimmern. Mit kunstvoller List schlich ich näher. – Vergebens. Genau eine Sekunde vorher, eh' ich ihn erreichen konnte, flog er ab wie der Blitz, und dann noch einmal und noch einmal, und dann – fiwitz! – mit einem eleganten Zickzackschwunge weg war er über eine haushohe Dornenhecke.

»Zu dumm!« dacht' ich laut, denn ich war sehr erhitzt. »So ein kleinwinziges Luder, will sich nicht kriegen lassen, ist 969 extra zum Wohle des Menschen geschaffen und verwendet doch seine schönen Talente nur für die eigenen selbstsüchtigen Zwecke! Es ist empörend!«

Im Eifer der Verfolgung hatt' ich den einen Stiefel im Sumpf steckenlassen, und zwar tief, so daß ich erst eine Zeitlang tasten und grabbeln mußte in der schwarzen Suppe, eh' ich ihn wiederfand. Ich schüttete den Froschlaich heraus, wusch mich und ging nun, nachdem ich mich abgekühlt und besänftigt hatte, in gemäßigtem Bummelschritt einem fernen Hügel entgegen, über den sich als heller Streifen die Landstraße hinzog. Hier hofft' ich ortskundige Leute zu treffen, die mir sagen konnten, wie ich nach Hause käme.

Auf einem Meilensteine saß ein älterer Mann, der eine ungewöhnlich breitschirmige Mütze trug. Zwischen seinen Knien hielt er einen grauhaarigen Hund.

»Guter Vater!« sprach ich ihn an. »Ich möchte gern nach der Stadt Geckelbeck.«

»Genehmigt!« gab er zur Antwort.

»Könnt Ihr mir vielleicht zeigen, wo der Weg dahin geht?«

»Nee, ich bin rundherum blind.«

»Schon lange?« fragt' ich teilnahmsvoll.

»Fast neunundfünfzig Jahre; nächsten Donnerstag ist mein dreiundfünfzigster Geburtstag.«

»Was? Schon sechs Jahre vor Eurer Geburt?«

»Sogar sieben, richtig gerechnet. Ich wollte schon damals gern in die Welt hinein, tappte im Dunkeln nach der Tür, fiel mit dem Gesicht auf die Hörner des Stiefelknechts, und das Unglück war geschehn.«

»Dann laßt Euch raten, Alter«, sagt' ich, »und schielt nicht zuviel nach hübschen Mädchen; denn das hat schon manchen Jüngling zu Fall gebracht.«

»Faß!« schrie der Blinde und ließ den Hund los.

Ich aber nahm die Frackschöße unter den Arm, steckte mein Schmetterlingsnetz nach hinten zwischen den Beinen durch, 970 wedelte damit und ging so in gebückter Stellung meines Weges weiter; eine Erscheinung, die dem Köter so neu und unheimlich vorkam, daß er mit eingeklemmtem Schweife sofort wieder umkehrte.

Vor mir her schritt ein Bauer, der weder rechts noch links schaute, und da er einen ernsten, nachdenklichen und vertrauenerweckenden Eindruck machte, beschloß ich, an ihn meine Frage zu richten.

»He!« rief ich. Er gab nicht acht darauf. »He!« rief ich lauter. Er ließ sich nicht stören in seinen Betrachtungen. Jetzt, als ich dicht hinter ihm war, klappt' ich ihm mein Netz über den Kopf. – Oh, wie erschrak er da! Ich hörte deutlich, wie ihm das Herz in die Kniekehle fiel.

»Könnt Ihr mir nicht sagen, guter Freund, wo Geckelbeck liegt?« fragte ich und hob das Netz.

Er hatte sich umgedreht. Er kniff die Augen zu, riß den Mund auf, so daß seine dicke belegte Zunge zum Vorschein kam, steckte die Daumen in die Ohren, spreizte die Finger aus und schüttelte traurig mit dem Kopfe.

»Döskopp!« rief ich in meiner ersten Enttäuschung, sah dabei aber ungemein freundlich aus.

Der Taubstumme, der dies wohl für einen verbindlichen Abschiedsgruß hielt, zog ergebenst seine Zipfelkappe, obgleich er eine bedeutende Glatze hatte.

Der Abend kam. Auf einem Acker rupft' ich mir ein halb Dutzend Rüben aus, und da ein starker Tau den Boden benetzte, stieg ich in eine Tanne, band mich fest mit den Frackschößen und machte mich sodann über die saftigen Feldfrüchte her, daß es knurschte und knatschte. Von der letzten, bei der ich entschlummert war, hing mir die Hälfte nebst dem Krautbüschel noch lang aus dem Munde heraus, als ich am andern Nachmittag wieder erwachte. Schnell stieg ich herab, erfrischte mich in einer Quelle und kehrte auf die Landstraße zurück. Ich befand mich in der heitersten Laune; ich wußte es, eine innere Stimme sagte es mir: Dir wird heut noch besonders was Gutes passieren!

 

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