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Der Schindelmacher

Hermann Stehr: Der Schindelmacher - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorHerrmann Stehr
titleDer Schindelmacher
publisherS. Fischer, Verlag
year1899
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20110204
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II.

»Wenn ma ei a Himmel gieht, mags auch aso sein: man kemmt immer o Lichtern verbei; åber sållerhenderschte, dås, wås de jetze noch aussieht wie eene Finkel-Mecke, dås is',« dachte der Alte vor sich hin, während er durch das Abenddunkel den Eschberg zu seiner Wohnung emporstieg.

Das hellere Band des Weges wand sich in scharfen Biegungen durch die graue Schattenfläche der Wiesen zu beiden Seiten. Platte Steine, die in dem ungewissen Lichte wie Brote aussahen, lagen da und dort in der Pfadfläche zerstreut.

Franz suchte sie mit seinen Füßen, und es war doch gar nicht kothig.

Dann blieb er stehen und zählte die Lichter, die an der rechten Wegseite in fast ganz gleichen Abständen bis beinahe auf die Spitze des Berges zu sehen waren. Die Häuschen, denen sie entglommen, glichen unförmigen Heuhaufen.

»Ens, zwee, dreie … achte; derhender fanga de Sterne å. Wer weß, ob dås dat a Licht, a Menschalicht is, oder a Stern? – wer weß? – –

Wärsch nie ganz leichte un gut aso fir mich ala Anton Uebrig, ich ging etz å der Lichterreihe nuf, höb de Beene immer mehr, je hicher ich komm – dernochern, wenn ich's Leere under mir fihl, mach ich eefach en langa Schritt. Und wie ichs thu, dreck ich de Aja zu. Ernd wo muß ich doch ufstußa. Of ne Zeit gitt mrsch en Ruck wie em Wäne, der vrm Gåsthause helt – – mh! – då wern mr ja! – – – ma guckt sich em of dem Sterne – un de andern Sterne wackln em en rem, gemitlich wie Nobbersleite, de finklicha, de gala, de ruta, un drzehla sich vo der Ewigkeit. Hä! ruf ich of gut Glecke aso a Lichtmannla, du, wo magn Meine, de Gatte, wohn'n: Katharina Umlauf, aus'm Sauerborne, wenn r bloß hochdeitsch kennt eim Himmel.

Ha, siehst de, aler Tone, do, kaum dåß de gefret host, kemmt aus em ganz weita Lichtwenkel a Gerufe – mh! – spetz de Ohrn! – dås kennst de ja vo frieher her: wie de Blomeese fein un lang hin wie a Otterjempfala pfeift – s kemmt gråda Wegs ein mich nei. Ich weß schon wer a su ruft un mach lange Beene eis Bloë nei zu dir, Gatte – ee Schrit, ein ållerenziger, un s wär geschehn. Warum, ei åller Welt, warum mach ich n denn nie? Derwarta thu ich mr doch nischt!«

Mit einem formlosen Murmeln gesprächelte er seine verlangenden Traumgedanken vor sich hin. Treibend kam es über ihn. Mit mächtigen Schritten stieg er bergan. Der Schweiß brach ihm aus. Schwer stieß sein Stock auf. Die Augen schauten glänzend, aber nur auf jenes Ferne, das sich an die Weiten seines Innern anschloß.

Leute gingen an ihm vorüber. Er sah sie nicht.

»Met Franz Tonan regierts,« sagten sie, sahen ihm nach und dachten: Wer hot schon ein rednich Glecke gesehn?

Aber der Ausgedinger merkte nichts und rannte, als wolle er wirklich heute noch in die andere Welt. Schon ward die Steigung gemächlich. Die zwei Felder breite Platte begann, jenseits welcher der Berg mit letzter Kraft seine Spitze im Schutze des Waldes ins Blau hinauftrieb.

Die schwüle Nacht redete murmelnd mit den Wipfeln des Waldes zu ihm herüber, Wasser plapperten verschlafen darin, und eine einsame Fichte auf dem Plane bewegte im Traum ihre herabhängenden Aeste gleichmäßig und stumm über dem spitzen Giebel eines kleinen Hauses unter ihr. Es war die letzte Menschenwohnung auf dem Berge und kauerte wie eine schwarze Katze an den Stamm des Baumes geschmiegt. Lauernd sah das Häuschen mit dem unsteten Licht seiner beiden Fensteraugen nach dem einsamen Wanderer aus, der auf dasselbe zuschritt.

Franz Tone glaubte noch immer, er steige; oder wollte er wirklich nun »den letzten Schritt« thun? Genug, er eilte mit seltsam hohen Beinschwingungen versunken dahin.

Er hörte weder das Knarren der Thür des einsamen Hauses unter der Fichte, noch sah er das Weib spähend auf den Weg treten.

Immer murmelnd, rannte er gerade auf sie zu.

Die Arme entrüstet auf die Hüften setzend, trat diese auf die Seite, augenscheinlich, um sich das Ungeheuerliche bestätigen zu lassen, daß der Alte »besoffen« am Hause vorbeitorkele.

Wahrhaftig!

Da konnte sie ihre Wut nicht mehr bemeistern:

»Nu Remleefer,« gellte sie mit einer widerlichen Stimme, »håst de dich ausgebockert? Schwein! un wie de besoffa best. Scham dich ei a Håls nei!«

Dem Schindelmacher gabs einen Ruck. Er blieb stehen und sah sich zweifelnd um: »Jaa, dås is dr Himmel? Nu, ja, ja! es muß wohl wåhr sein. Ma härt ja schon de Engala senga.«

»Wås, Engel? Alla marsch nei etze! Grokoppiger Nachtålb, denkst du, wir warn wejen dir offeblein bis em fufzah?« –

So aus der Höhe sehnsüchtiger Träume gerissen, fand sich der Schindelmacher wieder auf der Sandbank seines einsamen Elends.

Das machte den Alten mit dem mächtigen Körper, dem harten Gesicht und den großen, nachdenklichen Augen verschüchtert und scheu.

Unsicher ging er auf das zornige Weib zu: »Seffla, siehch, a aler Mån vermart un versennt sich halt,« sagte er mit bittender Güte.

»A aler Åffe, sprich åch,« platzte ihre hastige Roheit heraus. Dann lachte sie über ihren Einfall.

Unterdes war auch ihr Mann, von ihrem wüsten Geschrei aus dem Hause gelockt, herzugetreten mit sicheren, behutsamen Schritten. Eine Weile sah er von einem zum andern.

»Hihi! – a su eim Dunkel un a su laut? – Warum dn dås? – dås? war is n dås? – Ja – Dås is unser Man!«

Franz wich einen Schritt zurück, als er den biegsam-bebenden Ton der ironischen Worte des kleinen, mageren Mannes hörte.

»Fåll nie, Aler, s wär mr doch går zu sehr drem, wenn de dr a Geneipe macha thetst,« bemerkte der Kleine, als er den Ausgedinger zurückweichen sah.

Dann kehrte er sich zu seiner Frau:

»Komm, Seffla, ereifre dich nie, s kenn dr schada ei denn Zustända. – Gude Nacht, Tone, zo Omd gassa host De ja schon.«

Der Alte folgte den beiden, ohne ein Wort zu erwidern. Die Thür ward hinter ihm donnernd ins Schloß geworfen. Mit zagen, tastenden Schritten tappte er nach der Thür seines Auszugstübchens.

Wahrhaftig, wie ein ausgeblasenes Ei war er und seine Stärke nichts als eine rauhe, nutzlose Schale. In dem engen Raum, der mehr dem Innern einer großen Kiste mit vergitterten Gucklöchern glich, stieß er gegen die Decke, weil er in seiner Verlorenheit vergessen hatte, sich zu bücken.

»Ueberål stößt ma å. Dohier hot ma bloß Ruh, wenn ma sich hieleet. –

Warum thu ichs nie? – Warum – warum, fre ich – warum?« frug er sich mit halber Stimme, indem er in zweckloser Unruhe in der Stube umhergriff.

»Dås is Bette, wie a Hondebocht – de Ueberzücha starrn vr Dreck un stinka – mei Hemde wie a Mestbrat – Geft em mich, Wutt, Geiz, ke Liebe, ke Lacha, ke freindlich Gesechte – ålls ei Fetza, mei Tage, mei Senna, mei Arbta.

Un wer kån dås flecka? – doderfir hots kenn Schneider wie a Tod.«

Plötzlich kam er zu sich und erschrack, denn er stand in der Finsternis gebückt vor der fensterlosen Hinterwand und redete auf die Balken ein.

»Tone, dås nemmt kee gut Ende,« sagte er dumpf zu sich, »Kroner säte ach, säte ach, ach« … und das übrige erstarb in einem Schüttelfrost, denn die Folgen seiner Ueberanstrengung zeigten sich nun.

Er kehrte an den Tisch zurück, an dessen Langseite das Bett stand, und legte den Rest seines Brotes vor sich hin, das in ein buntes Taschentuch geschlagen war. Er knüpfte es mit frostgeschüttelten Händen auf, um die harte, trockene Kruste zur Abendmahlzeit zu verzehren.

Plötzlich überfiel ihn unbezwingliche Müdigkeit.

Er schob das Brot von sich, entkleidete sich eilig, legte sich ins Bett und zog die Decke bis ans Kinn herauf.

»Lon mr a Honger. Dr Schlaf is der ala Leite Assa.« Dann drehte er sich um und war still.

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