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Der Schaktarp

Ernst Wichert: Der Schaktarp - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLitauische Geschichten
authorErnst Wichert
year1935
publisherDeutsche Hausbücherei
addressHamburg
titleDer Schaktarp
pages228-317
created20031112
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ernst Wichert

Der Schaktarp

Es ist ein gar merkwürdiger Strich Landes, der sich, entlang dem Kurischen Haff, zwischen den Ausflüssen des mächtigen Memelstromes – bekanntlich in dem benachbarten Rußland »Niemen« geheißen – dahinzieht. Der Nemonien, die Gilge, die Ruß sind selbst breite Ströme, und durch das Flachland zwischen ihnen ziehen sich in großer Zahl andere Wasserläufe, teils ebenfalls in das Haff einmündend, teils jene miteinander verbindend, teils mit breitem Anlauf sich abzweigend und plötzlich in einem Schilfsee stagnierend. Geradlinige Kanäle, von Menschenhand zur Beseitigung der Gefahren der Schiffahrt auf dem oft stürmischen Kurischen Haff angelegt, schneiden sie in der Richtung nach Norden. Wassergräben, für den Sprung eines kräftigen Mannes oft nicht zu breit, ziehen sich gleich langen Fäden eines Spinnennetzes überall in die Wiesen und Wälder hinein. Wer von einem Ort zum andern will, besteigt eines der langen Boote mit flachem Boden, die in der Nähe jedes Hauses angekettet oder halb auf Land gezogen liegen, und die Häuser selbst stehen vielfach auf frei vortretenden Pfahlrosten, die sie gegen die Überschwemmung und den Eisgang im Frühjahr zu schützen haben.

Was da von Baumschmuck in der Nähe der Höfe und entlang den Dämmen sichtbar wird, ist ein Gemisch von Weiden, Pappeln und Ellern. Besonders die Weiden gedeihen gut und wachsen rasch zu mächtigen Bäumen mit zierlich gestalteten Laubkronen auf, zwischen denen das zackige Geäste sichtbar bleibt. Auch an Birken mit ihrem beweglichen Behang an den weißen Zweigen mangelt es nicht. Hinter den Häuschen liegen die Kartoffel- und Zwiebelgärten. Tiefe Rinnen sondern die schwarzen Beete schachbrettartig voneinander ab, und an der tiefsten Stelle fehlt nie die Schöpfvorrichtung, durch welche das sich überflüssig ansammelnde Wasser in die höher gelegenen Röhren unter dem Damme geworfen wird. Weiter zurück ziehen sich meilenweit die grünen Wiesen oder die braunen Moorbrüche hin, von denen noch zu reden sein wird, und in einiger Entfernung, zu beiden Seiten der Flüsse, schließt der Wald die Aussicht ab, oft nur ein dichtes Gestrüpp von Ellern auf Sumpfgrund, nordwärts aber sich ausbreitend zu dem großen Ibenhorster Forst, in dem noch ein kleiner Stamm des Elchwildes haust, das manchmal von vornehmen Jägern aufgesucht wird.

Der Grundstock der Bevölkerung ist lettisch und litauisch, aber seit zwei Jahrhunderten sind auch viele deutsche Kolonisten angesiedelt und als Ackerbauer, Stromschiffer, Holzflösser, Händler tätig. Man spricht beide Sprachen gleich geläufig. In den Schulen wird deutsch unterrichtet, und auch die Amtssprache ist deutsch; aber Geistliche, Schullehrer, Förster und Fischmeister wissen sich bald auch litauisch mit den Leuten zu verständigen, mit denen sie täglich zu verkehren haben. Wer dort eine Anstellung gefunden hat, sitzt meist fest bis an sein Lebensende und sucht sich in seiner Verlassenheit möglichst behaglich einzurichten.

Am Ausfluß des Gilge-Stromes in das Haff liegt das große Fischerdorf Gilge, lang hingestreckt zu beiden Seiten der Wasserstraße. Die Ufer sind durch breite Aufschüttungen von Kies und Sand erhöht und gegen den Fluß hin durch Pfahlwerk und Faschinen geschützt. Darauf stehen in langer Reihe die Fischerhäuser, meist in alter Weise von Holz gebaut, mit dem buntverzierten Giebel gegen den Strom hin gestellt, einstöckig, mit breitem, bemoostem Strohdach ohne Rauchfang. Zu jedem Hause gehört ein kleiner Hafen für die großen und kleinen Fischerkähne und Boote. Auf dem Damm, der ihn sichert, stehen einige vom Sturm zerzauste Weiden, kleine Stallungen, lange Holzreihen. Die Kirche ohne Turm erhebt sich rechts auf einem aufgeschütteten Hügel, der als Friedhof dient. Auf dem Haken gegen das Haff hin dreht eine Windmühle ihre Flügel. Weiter hinaus, hinter den weiten Schilfkampen, tauchen aus der glitzernden Wasserfläche Stangen mit Fähnchen auf, die tiefere Fahrstraße bezeichnend. Ein scharfes Auge erkennt in weitester Ferne den grauen Streifen der Nehrung. Sind die Fischer heimgekehrt, was zweimal wöchentlich geschieht, so ragen aus allen Häfen die Masten ihrer Fahrzeuge auf, an der Spitze mit einem Fähnchen von Eisenblech geschmückt, in das der Name des Besitzers eingeschrieben ist, und auf dem gewöhnlich noch eine Figur von Blech, meist ein Schiff oder eine Kapelle, emporragt. Auch farbige Wimpel am Mast oder an der gebogenen Gaffel fehlen nicht. Es herrscht dann ein reges Leben, namentlich in der Nähe der Gasthäuser, wo der Fischmarkt abgehalten wird, zu dem sich die Fischhändler von weither einzufinden pflegen.

*

In den letzten Tagen des Mai, vor einer Reihe von Jahren, war es, als die Bewohner des Dorfes Gilge, bis zum geringsten Fischerknecht hinunter, durch ein Ereignis besonderer Art lebhaft beschäftigt wurden. Es sollte ein großes Begräbnis geben; denn Michael Endromeit, einer der reichsten Fischerwirte und zugleich der erste Holzhändler des Ortes, war gestorben. Er hinterließ eine Witwe, Grita Endromeit, und außer zwei verheirateten Töchtern einen einzigen Sohn, Endrik, der in der Wirtschaft und im Holzgeschäft an seine Stelle treten sollte. Das Fischerhaus lag nicht weit von der Windmühle und gehörte zu den größten und ältesten des Dorfes. Bei Bränden war es stets verschont geblieben, und schon der Urgroßvater hatte es so bewohnt, wie es sich jetzt zeigte. Die ganze Giebelwand war von getäfeltem Holz hergestellt, und auf der Spitze über der Strohlage kreuzten sich zwei Pferdeköpfe von Holzschnitzwerk, reich gezäumt. Auf den gebogenen Hälsen saßen kleine Vögel, und aus der Mitte zwischen ihnen erhob sich ein Tannenbaum, dessen Spitze wieder ein Vögelchen mit gespreizten Flügeln einnahm. Links vom Hause öffnete sich eine Halle, von einem Strohdach bedeckt, das der Länge nach von vier geschnörkelten Pfosten gestützt wurde; fast an ihrem Ende zeigte sich die breite Tür. Letztere führte in den großen Küchenraum mitten im Hause, von dem aus Türen nach vorn in die Wohnstube und Schlafkammern leiteten, während nach hinten hinaus ein langer Gang auf Stallungen und Vorratsräume zu beiden Seiten unter demselben Dach, weiter auf Garten und Feld wies. Unter der niedrigen Feuerstelle in der Ecke hing an eiserner Kette der große Kochtopf. Der Rauch zog oben durch die Decke ab, wo auf Latten und Stangen die großen und kleinen Netze ausgebreitet lagen.

In der Vorderstube, deren beide Fenster nach der Flußseite hin verhängt waren, während das nach der Halle führende Fenster offenstand und ein gedämpftes Licht einließ, stand in der Mitte auf zwei Holzschemeln der weiße »Notsarg«, in dem die Leiche des Michael Endromeit im Kirchenanzug lag, ein Gesangbuch zwischen den Händen. Den richtigen Sarg hatte Frau Grita gleich am Todestage beim Tischler Abroms bestellt, der in dem Rufe stand, die schönsten Malereien anbringen zu können. Der Sarg sollte, nach uraltem Herkommen in dieser Gegend, mit himmelblauer Farbe angestrichen sein und grüne Kanten haben: die Seitenbretter und der Deckel aber mußten mit Blumen, etwa Rosen, Tulpen und Maßlieb, möglichst bunt bemalt werden, und die Witwe hatte einen Taler über den geforderten Preis zu zahlen versprochen, wenn des Tischlers Kunst diesmal etwas Außerordentliches leiste. Einbegriffen in diesen Preis war zugleich die Gedenktafel, die auf das Grab gestellt werden sollte: auf einem Pfahl ein grüngestrichenes Brett mit einem weißen, rotumrandeten Herzen in der Mitte, auf dem der Name des Verstorbenen und das Todesjahr zu lesen; daran nach unten hin zwei Pferdeköpfe mit roten Rosen an Stelle der Augen und Nüstern, nach oben hin aber, schräg aufsitzend, zwei gelbe Vögel mit rosa Flügeln und blauen Köpfchen; obenauf endlich eine kleine Säule, die auf gewundenem Draht ein kleines, buntes Vögelchen zu tragen hatte. Frau Grita bestimmte alles genau, und Abroms hatte versprochen, das beste Material zu verwenden.

Die große Stube zeigte übrigens mancherlei mit diesem Geschmack übereinstimmende Werke von seiner oder seiner Vorgänger Hand. Das große Kleiderschaff, der Himmel des Bettgestells, der Tellerschragen an der Wand, der Kasten zwischen den Fenstern, die hohen Lehnen der Stühle waren blau angestrichen und mit Blumen bemalt. Auf den Tischen lagen Decken von dunklem Wachstaffet und darüber schmälere von grauer Leinwand mit eingestickten blauen und roten Streifen zu beiden Seiten. Auf dem Himmelbett standen große Gefäße von blauer Fayence, die Endromeit als Matrose von England mitgebracht hatte. An den vom Rauch glänzend gebräunten Balken der Decke aber hingen in langen Reihen weiße Henkeltöpfe von verschiedener Größe, Tassen und Seidel, zum Teil mit Goldrand und Aufschrift oder mit blanken Zinndeckeln versehen, von jeder Sorte wohl zwanzig und mehr. Im Schragen steckten die Löffel. Dunkelblau waren die Vorhänge an den Fenstern und um das Himmelbett, grün glasiert dagegen die Kacheln des mächtigen, von Bänken umstellten Ofens in der Ecke zwischen den beiden Türen. Aller Schmuck, der die Wohlhabenheit des Hauses beweisen konnte, schien in dieses eine Zimmer zusammengetragen zu sein; in dem einfenstrigen Stübchen nebenan und in den Schlafkammern begnügte man sich mit dem dürftigsten Mobiliar.

Frau Grita hatte alle Fußböden scheuern und reinigen lassen. Ein Kalb und diverses Federvieh waren geschlachtet, Roggen- und Weizenbrot angeteigt, eine Tonne Bier in einem Winkel des großen Flures bereitgestellt. Bewies sich auch bei allen diesen Vorbereitungen die Herrin selbst als die Tätigste, so half ihr doch die Magd Else Jurgeitis treulich, während ihr Sohn Endrik die Einladungen im Dorf und stromauf in der Nachbarschaft besorgte. Da war der Herr Fischmeister Grünbaum mit seiner Tochter zum Begräbnis zu bitten und weiter der Herr Förster Labrenz mit seiner Frau, auch der Lehrer und der Aufseher der großen Schöpfwerke in Petriken – lauter Honoratioren, mit denen man sich gern in so freundschaftlichem Verkehr zeigte. Die beiden Knechte waren mit dem großen Kahn ausgeschickt, eine Ladung Sand für das Grab herüberzuholen; denn jeder, der eine Leiche auf dem Kirchhof bestatten ließ, war verpflichtet, die Stelle zu erhöhen, da man wegen des Wassers nicht weit in die Tiefe graben konnte.

Nun schickte die Witwe, die bei ihrer Geschäftigkeit gar nicht zu stiller Trauer kam, ihren Sohn noch nach dem Dorf Nemonien, dort den Posthalter, den Lehrer und einige von den großen Wirten einzuladen. Zu Wasser, auf den Flüssen und Kanälen wäre es ein weiter Weg gewesen, aber am Haffrande entlang über die Moorwiesen, die jetzt schon ziemlich trocken waren, ließ er sich in einer guten Stunde zurücklegen. Mit seinen hohen Wasserstiefeln durfte Endrik hoffen, auch die schlimmsten Stellen leicht überwinden zu können. So ließ er sich denn von Else auf das jenseitige Ufer übersetzen, um seinen Gang anzutreten.

Schon seit vierundzwanzig Stunden blies ein scharfer Westwind gegen den Strom, sich noch immer verstärkend. Das Wasser war deshalb hoch aufgestaut und schlug kräftige Wellen. Zwischen den langen Holzreihen war es ein Pfeifen und Singen, als ob Herr Blasius sich eine Extramusik bestellt hätte, und im geschützten Hafen selbst tanzten die angeketteten Fahrzeuge lustig auf und ab. Else stand vorn in dem flachen Kahn, der den Wellen nur ein leichtes Spielwerk schien, und legte das platte Ruder bald rechts, bald links ein. Endrik stieß hinten mit einer Stange gegen den Grund, solange dies möglich war, und suchte dann mitten im Strome die Richtung zu halten, mit der Stange steuernd.

»Gib mir das Ruder, Else«, sagte er nach einer Weile, »du wirst gegen den Wind ermüden.«

»Ich ermüde nicht so leicht«, antwortete sie, kaum hastiger atmend. »Bin ich doch eines Fischers Kind und habe schon bei schwererem Wetter das Ruder in der Hand gehabt.«

Er versuchte, ob die Stange schon wieder Grund faßte, aber mit den ersten Stößen vergebens. »Steh nur fest«, sagte er, »daß der Sturm dich nicht umwirft; hier hat er gerade den freiesten Anlauf.« Wirklich zauste er recht grob das rote Kopftuch und drückte die Röcke fest gegen den Körper.

Else lachte dazu und gab dem Fahrzeug eine Wendung, noch schärfer gegen den Wind hin. »Wir müssen eine Strecke weiter hinauf«, meinte sie, »bis zum Krüger, damit mich der Wind zurück nicht abtreibt. Dir liegt es ja auch auf dem Wege.«

Sie landete ganz sicher. Endrik drückte ihr die Hand, als er ausstieg, rief einen Jungen herbei und trug ihm auf, Else auf dem Rückwege zu begleiten. Sie wollte davon nichts wissen. »Du übernimmst deine Kraft«, schalt er besorglich, »einem Mann wird es bei solchem Sturm schwer, sich allein zu helfen.«

Else stieß schon den Kahn vom Pfahlwerk ab. »Sorge nicht für mich«, sagte sie, ihm mit dem freundlichen Gesicht zunickend. »Wann kommst du wieder? Winke nur – ich will schon aufpassen.«

Die letzten Worte wurden vom Winde fortgeblasen. Der Kahn trieb mit großer Schnelligkeit seitwärts ab in die Strömung hinein. Einen Augenblick schien es wirklich, als ob Else derselben nicht Herr werden könne. Dann aber setzte sie mit den kräftigen, nackten Armen das Ruder ein und warf das Fahrzeug herum. Sie stand nun an der hinteren Spitze, die deshalb tief in das Wasser einsank, während die vordere über jede Welle hinwegzutanzen schien. Der Wellenschaum spritzte an ihr hinauf, die Zipfel des Kopftuches und die Röcke flatterten. Immer rechts ruderte sie, um die Gewalt des Winddruckes zu überwinden. Und wirklich, schnurgerade erreichte sie ihr Ziel, den Endromeitschen Hafen, ohne auch nur einmal zu schwanken. Wer ihr nachsah, mußte bei aller anfänglichen Beängstigung an dieser sicheren Leistung seine Freude haben.

Endrik sah ihr nach, bis sie hinter den Holzreihen drüben verschwunden war. Auch dann wartete er noch eine Weile. Er konnte sie über den Damm in das Haus gehen sehen. In die Halle eintretend, wandte sie sich zurück und hielt die Hand über die Augen, um weiter auszublicken. Vielleicht erkannte sie ihn, wie er sie. Aber was sie dazu für ein Gesicht machte, konnte er wegen der weiten Entfernung selbst mit seinen scharfen Augen nicht erkennen. Sie hielt sich auch nur einen Augenblick auf. Tiefer drückte er den Hut in die Stirn und ging mit raschen Schritten dem Haffufer entgegen.

*

Am zweiten Tage darauf, vormittags, fand bei schönstem Frühlingswetter das feierliche Begräbnis statt.

Zwei volle Stunden lang hatten die Glocken läuten müssen. Vor dem alten Fischerhause und auf dem Wege zum Kirchhof sammelten sich Scharen von Männern, Frauen und Kindern, die wenigstens sehen wollten, wie der Sarg vorbeigetragen wurde. Nach und nach kamen auch die Gäste an, meist zu Wasser, die einen über das Haff, die andern stromab. Der Hafen war nicht geräumig genug, all die Fahrzeuge zu fassen, unter denen auch die hübsche Jolle des Fischmeisters mit der roten Flagge nicht fehlte – heute ein zu Ehren des Tages angebrachter Ausputz, sonst oft genug auf Haff und Fluß das mit Schrecken bemerkte Zeichen, daß eine Revision der Netze zu erwarten sei.

Von den Eingeladenen war keiner ausgeblieben. Die Witwe, jetzt in städtischer Kleidung und das Taschentuch nur ungern von den Augen lassend, empfing sie in der Stube, wo der prächtige Paradesarg stand. Alle Welt wußte, daß die Eheleute nicht die friedlichste Ehe geführt hatten, da der Mann gern zu tief in das Glas sah und die Frau regelmäßig deshalb zankte; jetzt aber konnte ihn dreist ein jeder loben, was er für ein guter Ehemann und Vater gewesen und wie sein Wort in jedem Geschäft verläßlich befunden sei, wie er die Wirtschaft in die Höhe gebracht habe und aus einem Fischerwirt ein großer Holzhändler geworden. Der Förster meinte, einen ganzen abgeräumten Wald hätte man ihm anvertrauen können, und der Fischmeister rühmte, daß er ihn nie auf Haff und Fluß bei etwas Unrechtem betroffen habe. Frau Grita nickte zu allem zustimmend und sagte: »Es ist nur gut, daß ihn der liebe Gott so lange hat leben lassen, bis Endrik erwachsen war. Hoffentlich wird er von seinem Vater etwas Tüchtiges gelernt haben und auf eigenen Füßen stehen können. Es wäre mir sehr beschwerlich, wenn ich in meinen Jahren noch einmal heiraten müßte.«

»Sorgt nur, daß Endrik auch bald eine zuverlässige Schwiegertochter ins Haus bringt«, bemerkte der Fischermeister und schielte zu seiner Tochter hinüber, »er braucht nicht gerade ängstlich zu sein, in einem guten Hause seine Werbung anzubringen. Versteht er sich auf seinen Vorteil, so beschränkt er die Fischerei mehr und mehr auf des Tisches Notdurft, bringt dafür aber den Holzhandel in Flor; dann zählt er zu den Kaufleuten! Dazu gehört freilich auch die richtige Frau . . .« Er zog die Finger durch den struppigen Kinnbart und hob zugleich ein wenig die breiten Schultern, wie jemand, der andeuten will, daß er eigentlich noch nicht ganz fertig ist.

»Ja, dazu gehört die richtige Frau«, antwortete die Witwe sehr überzeugt, ohne sich doch näher auszulassen, was sie unter einer solchen verstand.

Nun kam der Herr Pfarrer in seinem Ornat, und der Küster begleitete ihn, eine große schwarze Decke tragend. Frau Grita küßte dem alten Geistlichen demütig die Hand. »Ich hatte gehofft«, sagte derselbe, »daß du deinen verstorbenen Mann in einem schwarzen Sarge würdest in die Grube senken lassen, wie es überall in der Christenheit so Sitte ist, und den andern im Dorf mit gutem Beispiele vorangehen, damit endlich dieses heidnische Wesen aufhöre. Denn solche bunte Farben sind eher die Kennzeichen der Freude als der Trauer; und ob wir schon den glücklich preisen mögen, der in Gottes Frieden eingegangen ist, so bleiben wir doch zurück als Leidtragende und sollen billig unsere Augen abwenden von solchem heiteren Schmuck.«

»Er hat es sich selbst in der Sterbestunde alles so bestellt, lieber Herr Pfarrer«, antwortete die Frau, »und es ist auch so alter Brauch hier unter den Litauern und drüben auf der Nehrung ebenso. Weicht einer davon ab, so ist gleich schlimmes Gerede, daß er zu den Deutschen in den Himmel wolle und sich hochmütig von seinesgleichen abwende. Ein kurischer Fischer ist Endromeit doch einmal gewesen!«

»Aber ein Kreuz wirst du ihm doch auf das Grab setzen lassen?« erkundigte sich der alte Herr weiter.

Die Frau sah verlegen zur Erde. »Er hat es nicht gewollt«, sagte sie ausweichend. »Es schlafen da auf dem Kirchhof viele gute Christen, deren Name auf einem Herzen geschrieben steht.«

»Aber die beiden Pferdeköpfe! Was sollen die auf dem Grabe? Und die Vögel? Was haben sie zu bedeuten?«

»Ich weiß es nicht, Hochwürden, und frage auch nicht danach. Aber hübsch sieht es doch aus, wie die Vögelchen da aufgeflogen sind – ich denke mir, das sollen Paradiesvögel sein. Und die Pferdeköpfe, die jeder sein Leben lang über sich auf dem Dache gesehen hat, die will er doch auch auf dem Grabe haben.«

Der Pfarrer seufzte und winkte dem Küster. »Breiten wir denn wenigstens die schwarze Decke während des Gebetes über den Sarg«, sagte er so entschieden, daß sich dagegen Widerspruch nicht laut machen konnte. Der Küster führte seinen Befehl aus, und gleich darauf hub der allgemeine Gesang an. Alle Verse eines langen Kirchenliedes wurden durchgesungen, und so gut waren die Stimmen geschult, daß man am Schluß auch nicht um einen halben Ton abwich. Nach dem Gebet wurde der Sarg von acht Fischerwirtssöhnen hinausgetragen, und in feierlichem Zuge ging es dann nach dem nahen Kirchhof, an der neugierig drängenden Menge vorüber. Am Eingang rechts zeigten sich Begräbnisplätze, von eisernem oder hölzernem Gitter umgeben, und Gräber mit schwarzen Kreuzen; links aber und weiterhin um die uralte Weide saßen dicht die bunten Vögel auf den Pferdeköpfen, und die kleinen Vögelchen oben schaukelten im Winde auf den Spiralen von Draht, als ob sie eben auffliegen wollten. An vielen solchen älteren Postamenten waren aber auch die Verzierungen schon abgefallen und die Farben verblichen; kaum daß man auf den gemalten Herzen noch die Namen und Jahreszahlen zu lesen vermochte.

Vor der Weide, nicht weit von der Kirchentür, hatte die Familie Endromeit ihren Begräbnisplatz. Er war hoch aufgeschüttet, und der Pfarrer war, während er am offenen Grabe stand, nach allen Seiten hin sichtbar. Er hielt eine Rede, die dem Fischmeister Grünbaum wahrscheinlich zu lang wurde, denn er gähnte mehrmals kräftig hinter der Hand. Während des dann folgenden Liedes verschwand die Witwe; sie hatte im Hause nachzusehen, ob zur Aufnahme der Gäste alles gehörig vorbereitet sei.

Endrik blieb, bis der Totengräber sein Amt verrichtet hatte, und half selbst den grauen Kies aufschütten. Auch Else hatte eine Schippe in die Hand genommen und arbeitete mit, dem alten Mann die Mühe zu erleichtern. Als sie fertig waren, sprachen sie noch ein stilles Vaterunser und gingen dann zusammen nach dem Hause zurück. Anfangs schweigend; schließlich aber sagte Endrik: »Es wird jetzt vieles anders werden, seit der Vater tot und begraben ist. Meinst du nicht auch, Else?«

Das Mädchen sah auf und nickte. »Du bist nun der Herr.«

»Doch nicht so ganz, Else. Die Mutter wird die Wirtschaft nicht abgeben wollen, und was da herauskommt, wenn zwei nebeneinander –«

»Aber sie braucht dich.«

»Das wohl; ich meine nur, sie wird überall allein befehlen wollen, wo sie die Dinge doch nicht leiten kann. Es gehört ihr ja auch die Hälfte von allem, und die andere Hälfte geht auf drei Teile.«

»Wenn geteilt wird! Es ist für dich aber besser, du wartest ab, bis sie dir das Haus mit der Fischereigerechtigkeit übergibt und ein Ausgedinge nimmt.«

»Das schon, aber wann geschieht das? Ich bin ihr noch zu jung, und sie hat mich immer anders haben wollen, als ich bin. Sie selbst hält zwar am alten Brauche fest, aber ihren Sohn sieht sie nicht gern in der Fischerjacke. Deshalb war ihr auch die Schule hier nicht gut genug für mich. In Labiau aber, unter deutschen Bürgerkindern, habe ich noch weniger gelernt, als mein Kopf sonst vertragen hätte. Darum bin ich bei dem Herrn Pfarrer auch so oft die Antwort schuldig geblieben. Hinterher sollte ich in der Stadt die Handlung lernen, um zu wissen, wie man alles aufschreibt und ordentlich nach dem Buche hält; aber da kam gar nichts heraus, und der Kaufmann hat mich zum Glück beizeiten zurückgeschickt. Nun kann ich, was mein Vater gekonnt hat: bei jedem Wetter will ich einen Fischerkahn führen, und im Walde bei Holzkäufen soll man mich nicht betrügen. Aber das ist der Mutter nicht so recht. Es soll alles ein vornehmes Wesen haben und womöglich auf deutsche Art eingerichtet sein, wie sie es bei den Holzhändlern in Ruß oder gar in Memel gesehen hat. Das kommt daher, weil sie auf ihr Geld stolz ist und doch nicht bedenkt, wie leicht man es im Großen verlieren kann, wenn es im Kleinen schwer verdient ist. ›Wir haben Geld!‹ sagt sie nur immer. Aber das ist das wenigste. Man muß es zu gebrauchen verstehen, und wer nicht im Kopfe rechnen kann, der soll sich hüten, mehr zu schreiben, als er aus der Hand auf den Tisch zählen oder vom Tische in den Beutel streichen kann. So hat es mein Vater gehalten und ist gut dabei gefahren. Deshalb wollte es nie einem etwas nützen, wenn er ihm vor dem Geschäft scharf zugetrunken hatte; denn so nüchtern blieb er noch immer, daß er das Geld zwischen den Fingern fühlte. Zum Schreiben aber hat ihn keiner bewegen können, auch nicht morgens früh. Was er kaufte, das hat er auch bar bezahlt, und was er verkaufte, das gab er nicht eher aus der Hand, bis das Geld auf dem Tisch lag. Sie haben ihm oft angeboten, in der Luft Geschäfte zu machen, und großen Vorteil versprochen; aber er hat immer alles mit Augen sehen wollen, und darum ist es langsam gegangen mit dem Reichwerden, aber sicher. Ist es der Mutter so recht, so bleiben wir auf derselben Bahn, und meine Schwestern sollen dabei nicht zu kurz kommen. Weiß sie es aber besser, so taugen wir schwerlich zusammen.«

Else hatte ihn sprechen lassen und ruhig zugehört. Sie konnte wohl denken, daß er mancherlei auf dem Herzen hatte, was nun herunter wollte, und es verwunderte sie auch nicht, daß er gegen sie so vertraulich war, da er auch sonst vor ihr nichts geheimgehalten hatte, was ihn nahe anging, weder Freudiges noch Betrübendes. Sie war schon viele Jahre im Hause. Der alte Endromeit hatte sich aus Mitleid ihrer angenommen, als ihrem Vater, seinem Nachbar, das Fischerboot verkauft wurde und er in das Gefängnis gehen mußte, besonderer Umstände wegen. Sie war dann als Magd geblieben, und der Alte hatte sie immer freundlich behandelt. Zwischen Endrik und ihr bestand das alte Verhältnis, wie zwischen Nachbarskindern, fort. Im letzten Jahre war es noch viel inniger geworden, und hatte er sein Herz auch nicht auf die Zunge gelegt, so wußte das Mädchen doch darin zu lesen.

Längst schon hatten sie den hohen Steg am Graben hinter sich und den Kartoffelacker zu beiden Seiten, der sich bis an das Haus zog. Noch wenige Schritte, und sie mußten sich trennen. Er schien zu warten, daß sie ihm etwas antworten solle; aber sie ging nachdenklich mit gesenktem Kopf neben ihm her, die Schippe nachschleifend. Endlich, auf der Brücke nach dem Stallgang, sagte sie: »Du mußt nur von Anfang an fest sein in allem, was du meinst von deiner Mutter fordern zu können. Dann gewöhnt sie sich vielleicht rasch hinein. Was du aber jetzt nicht erlangst, das erlangst du künftig nimmermehr, wenn sie erst einmal ihren Willen gehabt hat.«

»Das ist auch meine Meinung«, versicherte er. »Ich muß sehen, daß ich festen Boden unter den Füßen bekomme. Hilf mir dazu, Else!«

»Wie soll ich dazu helfen?« fragte sie, blieb aber im Gange stehen und streichelte die Kuh, die den Kopf über den Baum legte.

Er hielt eine kleine Weile die Antwort zurück, stellte sich aber dicht neben sie und reichte der Kuh die Hand zum Lecken hin. »Ich will dir's sagen«, zischelte er dann, »wenn du heute noch einmal auf den Kirchhof an des Vaters Grab kommen willst, wo wir ganz ungestört sind. Gerade da möcht' ich dir's gern sagen, und heute noch. Wenn die Gäste bedient sind, bist du ja hier nicht mehr so nötig, und ich selbst wäre ihnen am liebsten ganz aus dem Wege gegangen. Das konnte freilich nicht geschehen!«

Else sagte dazu weder ja noch nein, und er war auch damit zufrieden. Da sie aber nicht fortging, legte er leise seinen Arm um sie, und sie ließ es sich gefallen. Freilich nur eine kurze Minute; dann bückte sie sich, um ein Bündelchen Heu aufzuheben, das die Kuh verloren hatte, fütterte sie damit und entfernte sich nun eilig. Vom Mittelraume des Hauses her war die Stimme der Herrin zu vernehmen, die wegen der Bewirtung der Gäste Anordnungen traf.

Als Endrik an seiner Mutter vorüberging, meinte sie: »Du bliebst so lange fort! Sprich den Gästen freundlich zu, daß sie sich satt essen. Das ist nun deine Sache. Der Herr Kapitän trinkt gern ein Glas Portwein; gieße fleißig ein. Wie gefällt dir seine Tochter? Ein hübsches Mädchen, und gar nicht so hochmütig wie des Posthalters Franziska. Die will hoch hinaus und bleibt am Ende noch sitzen. Mit Geld wird da viel geklappert, aber es soll fremdes Geld sein. Der Herr Kapitän kann seiner Tochter keine große Ausstattung geben. Was tut das, wenn sie in eine wohleingerichtete Wirtschaft kommt? Und ihr Vater ist ein Mann, der vielen helfen und schaden kann; ich möcht' ihn lieber zum Freund als zum Feind haben. Wer weiß, ob der Anskis Jurgeitis nicht noch jetzt unser Nachbar wäre, wenn . . . Aber ich will nichts gesagt haben; es mag alles strenge nach dem Rechten gegangen sein. Ein Glas Portwein trinkt er gern – das vergiß nicht.«

Der Herr Kapitän, von dem sie sprach, war kein anderer als der Fischmeister Grünbaum. Er war früher Schiffskapitän gewesen und hatte zuletzt, bevor er diesen Posten erhielt, ein Dampfboot auf dem Kurischen Haff und im Memelstrome gefahren. Er ließ sich noch immer lieber Herr Kapitän als Herr Fischmeister nennen. Er war als ein sehr strenger Beamter allgemein gefürchtet, aber man konnte ihm, wie man auch aufpaßte, nichts nachsagen, außer daß er eben sehr streng war und genau nach dem Gesetz verfuhr, was natürlich keinem gefiel. Er hatte Sorge genug gehabt, seine drei Söhne zu erziehen und zwei Töchter anständig unter die Haube zu bringen; aber niemand durfte sich rühmen, daß er ihm etwas in die Hand gesteckt hätte, was ihm nicht auch in demselben Augenblick zurück gegen den Kopf geflogen wäre. Mit den Fischerwirten vermied er sonst jeden gesellschaftlichen Verkehr; nur bei einigen ganz zuverlässigen, die vornehmlich Holzhändler waren, machte er gelegentlich eine Ausnahme. Sein Besuch wurde dann als eine große Ehre angesehen. Und so war er auch heute die Hauptperson, der Gegenstand ganz besonderer Aufmerksamkeit.

In der großen Stube gingen die Gäste ab und zu. Es war ein Tisch mit allerhand Speisen hineingetragen und mit Wein- und Schnapsflaschen bestellt. In einer Ecke lag auf einer Holzbank die Biertonne, fest gestützt und mit einem blanken Kran versehn. Jeder konnte nach Belieben zugreifen, in der Stube bleiben oder in die offene Halle hinausgehen, wo jetzt gleichfalls Tische und Bänke standen.

Grünbaum hatte dort Platz genommen, wo er, wie er sich ausdrückte, »mehr Luft schnappen« konnte. Die Speisen und Getränke wurden durch das Fenster hinausgereicht, damit er keine Mühe hätte, und davon zogen dann auch seine Nachbarn Vorteil.

»Julchen«, rief er seiner Tochter zu, »hilf hübsch der guten Madame Endromeit. Ein junges Mädchen muß nicht müßig sitzen und sich bedienen lassen. Immer offene Augen und flinke Beine. Das gefällt alt und jung. Da bringt der Endrik die Portweinflasche: nimm sie ihm ab und schenk' ihm auch ein Gläschen ein – wir wollen anstoßen. Na, nicht den Kopf hängen lassen, mein Junge! Sterben müssen wir alle, und es ist einmal so der Welt Lauf, daß einer dem andern Platz macht. War ein braver Mann, der Alte, und ein Glas Memeler Portwein hat er allemal zu würdigen gewußt. Sein Sohn wird doch nicht aus der Art schlagen? Nochmals voll, Julchen, und dann gib uns nur gleich die Flasche hinaus. Ich wette darauf: wir trinken unserer Wirtin den Vorrat doch nicht aus! Ha, ha, ha!«

Er lachte kräftig, und alle seine Nachbarn lachten aus Gefälligkeit mit. Der Herr Fischmeister war heute sehr leutselig, und es fand sich für die Fischerwirte nicht so bald wieder die Gelegenheit, mit ihm freundschaftlich ein Gläschen zu trinken. Julie aber, ein schlankes, gewandtes Mädchen mit frischen Backen und munteren Augen, tat gehorsam, wie ihr geboten war, und ließ sich dann auch von der Wirtin nicht abweisen, bei der Bedienung der Gäste zu helfen. Unaufhörlich fragte sie hinaus, was dieser und jener wünsche, bepackte selbst die Teller und füllte die Bierkrüge. »Und nun setzen Sie sich selbst endlich einmal, liebe Frau Endromeit«, bat sie, »und lassen Sie sich von mir ein Stückchen Fleisch vorlegen. Ich glaube, Sie sind noch ganz nüchtern und doch sicher heute schon früh auf! Ein Gläschen von dem süßen Wein, nicht wahr? Oder lieber Bier, gegen den Durst? Es schäumt prächtig! Befehlen Sie nur.«

»Bemühen Sie sich doch nicht, mein Engelchen«, widersprach Frau Grita, der es nicht wenig schmeichelte, von dem »Fräulein« so aufmerksam bedient zu werden. Sie ließ sich denn auch auf einen Stuhl nötigen und verschiedene Schüsseln reichen. Julie sollte sich nun wenigstens zu ihr setzen und ebenfalls zugreifen.

Nach dem Essen – die Reste wanderten durch die vorderen Fenster auf die Dorfstraße hinaus, wo die Ortsarmen schon darauf warteten – wurden Tabakspfeifen und Zigarren angesteckt, die Bierkrüge aber wieder gefüllt. An den Aufbruch dachte niemand so bald. Else unterhielt im Küchenraum ein mächtiges Feuer unter dem Kessel, in dem der Kaffee für die ganze Gesellschaft gekocht wurde. Der Rauch zog sich in die Stube hinein und durch die offenen Fenster wieder hinaus. Wie vorhin die weißen Bierkrüge, so wurden nun die großen Tassen mit Goldrändern und Inschriften von den Nägeln an der Balkendecke abgehoben und bereitgestellt, auch gewaltige Schüsseln mit allerlei Backwerk aufgetragen. Der Kaffee kam in großen Kannen herein und duftete stark nach Zichorien; ohne diesen Zusatz hätte die Brühe nicht genug Farbe und Kraft gehabt. Die Schmauserei begann von neuem. Hiermit waren aber auch die Gastgeber ihrer Pflichten entledigt. Es kam nun noch darauf an, mit dem Vorhandenen reinen Tisch zu machen und die hinten bereits aufgekippte Biertonne zu leeren.

Gelang es auch dem Förster zeitweilig, die Aufmerksamkeit der Umsitzenden auf sich zu lenken, indem er von den überhandnehmenden Wild- und Holzdiebereien erzählte, so führte doch der Kapitän entschieden das große Wort. In dieser Gesellschaft interessierte natürlich am meisten, was sich auf Fischerei bezog. Und nun konnte man einmal gemütlich über die Dinge plaudern, die sonst nur ihren Ernst hervorkehrten: was es für Ursachen habe, daß der Fischreichtum im Haff abnehme, und ob mit den Schonzeiten zu helfen sei, in denen nun doch die Feinde der jungen Brut unter den Fischen selbst ungestört ihre Raubzüge machen könnten. Wenn man dem Fischer bis ins kleinste vorschriebe, wie seine Netze und Pricken beschaffen sein müßten, welchen Fisch er fangen dürfe und welchen nicht, und wenn auf jedes Versehen unnachsichtig die Strafe folge, so mache man ihn unlustig in seinem schweren Gewerbe und zwinge ihn, lieber ganz zu Hause zu bleiben; vorteilhaft sei die Fischerei schon lange nicht mehr.

»Kinder«, fuhr Grünbaum dazwischen, »ihr redet, wie ihr's versteht. Ging's nach euch, so müßte ein Gesetz gegeben werden, daß auf dem Kurischen Haff niemand weiter fischen dürfe als die Fischer von Gilge. Und die von Nemonien und von Inse und von Karkeln denken ebenso, von den Nehrungern nicht zu reden. Nun seid ihr aber einmal alle da und müßt Gottes Gabe teilen, die leider nicht so reichlich bemessen ist, daß jeder nur so alle Tage zugreifen kann. Da muß gesorgt werden, daß keinem die Nahrung ganz ausgeht und daß auch noch für eure Kinder und Kindeskinder etwas übrigbleibt. Säße man euch nicht fortwährend auf dem Nacken, ihr möchtet gegeneinander Krieg führen um die Wassergrenzen, wie's denn auch früher oft genug geschehen ist. Es soll aber nicht heißen: wer die stärkste Faust hat, der hat das beste Recht. Ist nun einmal ein Gesetz gegeben, so muß es auch gehalten werden, bis auf den kleinsten Buchstaben. Denn wozu wär's sonst Gesetz? Und gilt's für den einen, so muß es auch für den andern gelten – das ist meine Meinung. Sehe ich heute dem Kunz durch die Finger, so kommt morgen der Peter und verlangt's ebenso. Zuletzt weiß keiner, woran er ist. Gönnt den Fischen ihren Sonntag, und euer Schade wird's nicht sein.«

Während so das Gespräch munter im Gange blieb und in der Stube um den einen Tisch die Frauen, um den andern die jungen Mädchen von ihren Angelegenheiten plauderten, gab Endrik nur Obacht, ob Else seinen Wunsch erfüllen würde. Zu tun hatte sie jetzt nichts mehr, und unter die Gäste schien sie sich nicht wagen zu wollen. Als sie sich eine Weile in der Stube nicht hatte blicken lassen, ging er ihr nach in den Hausflur und bemerkte, daß sich eben die Tür am Ende des Stallganges schloß. Nun glaubte er zu wissen, was er wissen wollte, wartete noch ein paar Minuten und folgte ihr dann nach, so langsam, daß er erst auf dem Kirchhof mit ihr zusammentraf. Sie traten an das frische Grab, das der Totengräber mit weißem Sand bestreut hatte. Darauf faßte er ihre Hand und führte sie weiter durch die Reihen der bunten Grabschilder bis zur alten Weide und hinter dieselbe. Der kurze Hauptstamm war dick genug, ihnen eine Art von Versteck zu gewähren. Man hatte von da eine Aussicht über die Moorwiesen und das Haff, war aber gegen das Dorf hin gedeckt.

»Else«, begann er hier, »ich mag's nicht länger mit mir herumtragen, was sich doch nimmer ändern kann. Du weißt, daß ich dir gut bin, und ich weiß, daß du mich liebhast. Warum sollen wir's für uns behalten und auf etwas warten, das uns zusammenbringt, da uns doch eher vieles entgegen ist und nur wir selbst uns zu unserm Glück helfen können? Solange mein Vater lebte, wollte ich keine Änderung im Hauswesen machen. Nun er die Augen geschlossen hat und ich an seine Stelle treten soll, wird's meine Mutter ganz in der Ordnung finden, daß ich mich nach einer Frau umsehe. Nach der brauche ich aber gar nicht zu suchen; bist du einverstanden, Else, so feiern wir im Herbst die Hochzeit.«

Was er ihr da sagte, schien ihr zu gefallen, denn das ganze Gesicht lachte dazu. Die Augen wagte sie aber doch nicht aufzuschlagen. »Einverstanden wär' ich schon«, meinte sie, »aber –«

Er horchte gespannt, was sie einzuwenden hätte. Sie schien sich aber nicht weiter äußern zu wollen, und so faßte er ihre beiden Hände, drückte sie herzhaft und fragte: »Was hast du noch für Bedenken, Else? Ich denke, wenn wir einig sind, so ist's abgemacht.«

Nun sah sie ihn an, aber nicht mehr lachend, sondern mit einem recht ernsten Gesicht: »Deine Mutter wird's nicht wollen, Endrik.«

»Was kann sie an dir auszusetzen haben?« rief er. »Du hast ihr treu gedient und wirst ihr auch eine gute Schwiegertochter sein.«

»Sie wird aber kein Mädchen zur Schwiegertochter haben wollen, das ihr vorher als Magd gedient hat.«

»Eine Magd bist du eigentlich nie gewesen, Else, und was mein Vater war, das war dein Vater auch, bevor ihn das Unglück traf.«

»Das Unglück hat ihn doch einmal getroffen, und er ist nun ein armer Zeitpächter im Moosbruch, während dein Vater als ein reicher Holzhändler gestorben ist. Eine Frau, die ihrem Manne nichts mitbringt, mag die Schwiegermutter ungern im Hause leiden.«

»Sie wird sich aber fügen, wenn sie Ernst sieht.«

»Deine Mutter wird sich nicht fügen, Endrik; sie ist gar zu stolz und hat im Hause immer ihren Willen gehabt. Bedenke, was du heute selbst gesagt hast: ›Du bist nicht dein freier Herr.‹ Wie sie's für gut findet, so wird sie's einrichten, und wenn du dich mit ihr erzürnst, so wirst du bei der Teilung zu kurz kommen. Soll ich das zu verantworten haben? Weil ich dir gut bin, Endrik, wie gewiß kein anderer Mensch auf der Welt, so rat' ich dir: schlag dir's aus dem Sinn! Es ist nicht nötig, daß du gleich jetzt anderswo auf Freischaft gehst; aber nach einigen Jahren wirst du mich vergessen haben, wenn du mich nicht täglich siehst, und daß das nicht geschieht, dafür will ich wohl sorgen.«

»Ich mag mir's aber nicht aus dem Sinn schlagen!« rief er. »Du hast mich nicht lieb, wenn du so etwas von mir verlangst! Dich will ich zur Frau und keine andere. Nicht für meine Mutter heirate ich, sondern für mich; und wenn sie die Frage so stellt, ob ich lieber Haus und Hof aufgeben will oder dich, so weiß ich, was ich zu antworten habe. Ein Bettler werd' ich deshalb noch lange nicht sein, denn mein Erbe muß ich herauserhalten. Das reicht hin, ein kleines Fischerhaus zu kaufen, und ein großes brauchen wir ja nicht für den Anfang. Will ich aber den Holzhandel treiben, so weiß ich in den Wäldern bis nach Rußland hinein gut Bescheid und habe meine Kundschaft sicher. Kann's also nicht anders sein, ist's das Schlimmste noch nicht. Ich hoffe aber, daß meine Mutter sich dreimal besinnt, ehe sie's soweit treibt.«

Er sprach so zuversichtlich, daß auch Elsen der Mut zu wachsen schien. »Was eine mit zwei kräftigen Armen und gutem Willen ausrichten kann«, sagte sie, »daran soll's nicht fehlen. Wenn du dir's zutraust – sprich mit deiner Mutter!«

Endrik umfaßte sie und drückte sie an sich. »Ich traue mir mehr zu als das!« versicherte er. »Auch wenn meine Mutter halsstarrig ist, will ich nicht von dir lassen.«

»So mein' ich's auch«, erwiderte Else und litt, daß er sie küßte. »Denn ins Gerede mag ich nicht kommen. Was wir einander heute versprechen, das muß gelten für Zeit und Ewigkeit!«

»Für Zeit und Ewigkeit!« wiederholte er.

Sie gaben einander feierlich die Hand, und damit galt's ihnen für abgemacht, daß sie Brautleute seien. Sie setzten sich ins Gras unter die Weide, hielten sich umarmt und plauderten unter Liebkosungen von allerhand vergangenen und zukünftigen Dingen.

Sie merkten nicht, daß sie belauscht wurden.

*

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