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Der Sang von Hiawatha

Henry Wadsworth Longfellow: Der Sang von Hiawatha - Kapitel 20
Quellenangabe
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typepoem
authorHenry Wadsworth Longfellow
booktitleWerke in neun Bänden, Band 7 - 9
titleDer Sang von Hiawatha
publisherTh. Knaur Nachf., Berlin und Leipzig
seriesWerke in neun Bänden
volumeNeunter Band
year
firstpub1857
translatorFerdinand Freiligrath
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091015
projectid5b6ab089
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XVII

Die Verfolgung des Pau-Puk-Keewis.

Voll von Zorn war Hiawatha,
Als er nun zum Dorf hineinkam,
Ratlos und bestürzt das Volk fand,
Alle Schelmenstreiche hörte,
Alle Tat und alle Tücke
Des verschlagnen Pau-Puk-Keewis.

Kam sein Hauch hart durch die Nüstern,
Summt' und murrt' er durch die Zähne
Wort des Grimms und Wort der Rache,
Heiß und summend, wie 'ne Horniß.
»Töten will ich diesen Unnutz,«
Sprach er, »diesen Pau-Puk-Keewis!
Ist so lang und weit die Welt nicht,
Ist so hart und rauh der Weg nicht,
Daß mein Zürnen ihn nicht fasse,
Meine Rach' ihn nicht erreiche!«

Rasch sodann von hinnen zogen
Hiawatha und die Jäger
Auf der Spur des Pau-Puk-Keewis,
Durch den Wald, wo er hindurchschritt,
Hin zum Vorland, wo er ruhte;
Doch sie fanden ihn daselbst nicht,
Fanden im zertretnen Grase,
In den Heidelbeerenbüschen,
Nur die Statt, wo er gelegen,
Nur den Abdruck seines Leibes.

Aus der Niedrung unter ihnen,
Aus der Muskoday, der Wiese,
Macht', im Umschau'n, Pau-Puk-Keewis
Die Gebärde noch des Trotzes,
Macht' ein Zeichen noch des Hohnes,
Und ganz laut rief Hiawatha,
Von dem Gipfel des Gebirges:
»Ist so lang und weit die Welt nicht,
Ist so hart und rauh der Weg nicht,
Daß mein Zorn dich nicht ereile,
Meine Rache dich nicht fasse!«

Über Felsen, über Flüsse,
Durch Gestrüpp und Busch und Waldbruch,
Lief der list'ge Pau-Puk-Keewis,
Lief und sprang wie eine Hirschgeiß,
Bis er stand vor einem Bächlein
Tief im Innersten des Forstes,
Vor 'nem Bächlein still und ruhig,
Ausgetreten aus den Ufern,
Vor 'nem Damm gemacht von Bibern,
Vor 'nem Teiche stillen Wassers,
Wo knietief die Bäume standen,
Wo die Wasserlilien flossen,
Wo das Röhricht wispernd wallte.

Auf dem Damm stand Pau-Puk-Keewis,
Auf dem Damm aus Stamm und Astwerk;
Schoß die Flut durch Dammes Ritzen,
Strömte drüberhin das Bächlein.
Und vom Grund aufstieg ein Biber,
Sah erstaunt mit großen Augen,
Augen die zu fragen schienen,
Auf den Fremdling, Pau-Puk-Keewis.

Auf dem Damm stand Pau-Puk-Keewis,
Stand im Bach bis an die Knöchel,
Stand im silberlichten Wasser,
Und er redete zum Biber,
Sprach mit Lächeln solchermaßen:

»O mein Freund Ahmeek, mein Biber,
Kühl und lustig ist das Wasser,
Laß mich tauchen in das Wasser,
Laß mich ruhn in euren Hütten;
Mach' auch mich zu einem Biber!«

Sehr vorsichtig sprach der Biber,
Gab mit Rückhalt dies zur Antwort:
»Laß mich erst nur Rates pflegen,
Fragen erst die andern Biber!«
Und er sank hinab ins Wasser,
Schwer versank er, wie ein Stein sinkt,
Nieder in die Äst' und Blätter,
In des Grundes bräunlich Flechtwerk.
Auf dem Damm stand Pau-Puk-Keewis;
Schoß die Flut um seine Knöchel,
Spritzte unten durch die Ritzen,
Platschte abwärts auf die Steine,
Dehnte klar und still sich vor ihm,
Und das Licht zusamt dem Schatten
Fiel gesprenkelt auf ihn nieder,
Fiel in kleinen glänzenden Flecken
Durch die weh'nden, rauschenden Zweige.

Stiegen auf vom Grund die Biber,
Schweigend an die Oberfläche
Stieg ein Kopf und dann ein andrer,
Bis der Teich voll schien von Bibern,
Voll von blanken Schwarzgesichtern.

Sagte bittweis Pau-Puk-Keewis
Zu den Bibern, sagte dies nun:
»Äußerst schön ist eure Wohnung,
Meine Freunde! schön und sicher;
Könnt ihr nicht mit euren Listen,
Eurer Weisheit und Erfindung,
Mich auch zu 'nem Biber machen?«

»Ja doch!« sprach Ahmeek, der Biber,
Er der König aller Biber,
»Laß hinab zu uns dich gleiten,
Nieder in das stille Wasser!«

In den Teich hinab zu ihnen
Sank mit Schweigen Pau-Puk-Keewis,
Wurde schwarz sein Hemd aus Hirschfell,
Wurden schwarz auch seine Strümpfe,
Seine Mokassins imgleichen,
Und zum Schwanze, breit und schwärzlich,
Hinter ihm ging auseinander
Fransenwerk und buschiger Fuchsschwanz;
Er war richtig nun ein Biber.

»Macht mich groß,« sprach Pau-Puk-Keewis,
»Macht mich groß, und macht mich größer,
Größer als die andern Biber!«
»Ja doch!« sprach der Biberhäuptling,
»Komm nur erst in unsern Wigwam,
Dorten machen wir dich größer,
Zehnmal größer als die andern!«

So ins klare, braune Wasser
Sank mit Schweigen Pau-Puk-Keewis,
Fand bedeckt den Grund des Teiches
Mit Baumstämmen, Zweigen, Ästen,
Reichem Vorrat für den Winter,
Haufen Vorrats für den Hunger,
Fand den Bau mit wölb'gem Türweg,
Führend in geraume Kammern.

Hier nun ward er groß und größer,
Ward der größeste der Biber,
Zehnmal größer als die andern.
»Du sollst unser Herr sein,« hieß es
»Fürst und Häuptling aller Biber!«

Doch nicht lange so gesessen
Hatt'im Staat er bei den Bibern,
Als ein Warnruf ward vernommen
Von der Wacht auf ihrem Posten
In den Schilfen und den Lilien,
Sagend: »Hier ist Hiawatha!
Hiawatha mit den Jägern!«

Drauf ein Schrein zu ihren Häupten
Hörten sie, ein Schrein und Stampfen,
Hörten ein Krachen und ein Rauschen,
Und das Wasser rings im Teiche
Sank und schlurft' hinweg in Wirbeln,
Und sie wußten, daß ihr Damm brach.

Sprangen auf den Bau die Jäger,
Traten ein das Dach der Hütte;
Schien die Sonne durch die Spalte,
Flohn die Biber durch den Türweg,
Bargen sich in tieferm Wasser,
Unten in des Bächleins Rinnsal;
Doch der mächt'ge Pau-Puk-Keewis
Ging nicht durch den engen Türweg;
Bläht' ihn Stolz, und bläht' ihn Schmausen,
Strotzt' er, bauchig wie 'ne Blase.

Durch das Dach sah Hiawatha,
Rief ganz laut: »O Pau-Puk-Keewis!
Eitel, Freund, all' deine Listen,
Eitel all' dein Dichverkleiden!
Kenne wohl dich, Pau-Puk-Keewis!«

Schlugen sie ihn wund mit Keulen,
Tot den armen Pau-Puk-Keewis,
Stampften ihn, wie Mais gestampft wird,
Bis sein Schädel war zerschmettert.

Schlank und schwank sechs lange Jäger,
Trugen ihn auf Stangen heim nun,
Trugen heim den Leib des Bibers;
Doch der Geist der Jeebi in ihm,
Dacht' und fühlte wie er selbst noch,
Lebte fort als Pau-Puk-Keewis.

Und er schwirrt', und stritt, und strebte,
Wallend hierhin, wallend dorthin,
Wie der Vorhang eines Wigwams
Ringt mit seinen Hirschfellriemen,
Wenn der Winterwind am Wehn ist;
Bis er dicht sich zog zusammen,
Bis er aufstand aus dem Leibe,
Bis er nahm Gestalt und Züge
Des verschlagnen Pau-Puk-Keewis
Abwärts in den Forst verschwindend.

Doch der kluge Hiawatha
Sah den Flücht'gen, eh' er hinschwand,
Sah den Geist des Pau-Puk-Keewis
Gleiten in den weichen Schatten,
In den bläulichen, der Föhren:
Auf die lichten Stellen jenseits,
Auf 'ne Öffnung zu im Forste
Rauscht' und keucht' er wie ein Sturmwind,
Beugend alle Zweige vor sich;
Und, wie Regen folgt dem Winde,
Also hinter ihm, verfolgend,
Rauschten Hiawathas Schritte.

Zu 'nem See mit vielen Inseln
Atemlos kam Pau-Puk-Keewis,
Wo einherschwamm zwischen Lilien
Pishnekuh, die Schneegansherde,
Segelnd durch die Röhrichtbüschel,
Steuernd durch die schilf'gen Inseln.
Jetzt die breiten schwarzen Schnäbel
Hoben sie, gleich dann versinkend;
Wurden dunkel jetzt im Schatten,
Hell dann wieder in der Sonne.

»Pishnekuh!« rief Pau-Puk-Keewis,
»Pishnekuh! ihr meine Brüder!
Macht auch mich zu einer Schneegans,
Blank von Hals und blank von Federn,
Macht mich groß und macht mich größer,
Zehnmal größer als die andern!«

Machten sie ihn stracks zur Schneegans,
Mit zwei großen dunkeln Schwingen,
Mit 'ner Brust glatt und gerundet,
Mit 'nem Schnabel wie zwei Schaufeln,
Machten größer ihn als alle,
Zehnmal größer als die größte,
Grad' als, rufend aus dem Forste,
Ans Gestad trat Hiawatha.

Stiegen sie mit Schrein und Schnattern,
Mit Geschwirr und Flügelschlagen;
Stiegen von den schilf'gen Inseln
In die Höh' sie aus den Lilien.
Und sie sagten: »Pau-Puk-Keewis,
Sieh' nicht unter dich im Fliegen,
Nimm in acht dich, sieh' nicht nieder,
Daß kein Unfall sich ereigne,
Nicht ein Mißgeschick dich treffe!«

Flogen schnell und fern sie nordwärts,
Schnell und fern durch Duft und Sonne,
Nährten sich in Moor und Marschland,
Schliefen zwischen Rusch und Röhricht.

Als sie zogen so des Morgens,
Von des Südens Wind getragen,
Fortgeweht vom Wind des Südens,
Der sich auftat hinter ihnen,
Der sie anblies frisch und kräftig,
Stieg empor ein Ton von Stimmen,
Stieg empor ein Schrein und Rufen,
Auf von eines Dorfes Hütten,
Auf von Leuten Meilen abwärts.

Denn im Dorf die guten Leute
Sahn erstaunt die Schneegansherde,
Sahn die Schwingen Pau-Puk-Keewis'
Wehn und klappen hoch im Luftraum,
Breiter als zwei Türvorhänge.

Pau-Puk-Keewis hört ihr Rufen,
Kannte Hiawathas Stimme,
Kannt' Jagoos lauten Ausschrei,
Und, der Warnung ganz vergessend,
Zog den Hals er ein, sah nieder,
Und der Südwind, der ihm nachblies,
Faßte seinen mächt'gen Fächer,
Sandt' ihn kreisend, wirbelnd abwärts.

Rang vergebens Pau-Puk-Keewis,
Sich zu bringen in die Schwebe!
Wirbelnd rund und rund und abwärts,
Sah er unten jetzt das Dörfchen,
Sah er oben jetzt die Herde,
Sah das Dorf er näher kommen,
Sah er ferner stets die Herde,
Hört' er lauter stets die Stimmen,
Das Geruf und das Gelächter;
Sah er dann nicht mehr die Herde,
Sah nur unten noch die Erde;
Und tot aus dem leeren Himmel,
Mitten in den Kreis der Rufer,
Schweren Falls und dumpfen Schalles,
Tot und mit zerbrochnen Schwingen
Niederfiel die große Schneegans.

Doch sein Hauch, sein Geist, sein Schatten
Lebte noch als Pau-Puk-Keewis,
Nahm Gestalt und Züge wieder
An des schmucken Yenadizze,
Stürzte rauschend wieder fürbaß,
Hiawatha gleich ihm folgend,
Rufend: »Ist so weit die Welt nicht,
Ist so lang und rauh der Weg nicht,
Daß mein Zorn dich nicht ereile,
Meine Rache dich nicht fasse!«

Und so nah kam er, so nah ihm,
Daß die Hand er schon entreckte,
Schon die rechte Hand, zu fahn ihn,
Als der list'ge Pau-Puk-Keewis
Wirbelnd sich in Kreisen drehte,
Einen Wirbelwind entfachte,
Staub und Blätter in die Luft warf,
Und in Wirbeln und Gewölk so
Sprang in einen hohlen Eichbaum,
In ein Schlänglein rasch sich wandelnd,
Schlüpfend rasch durch Wust und Wurzel.

Mit der Rechten Hiawatha
Schlug machtvoll den hohlen Eichbaum,
Riß ihn ganz zu Span und Splitter,
Ließ ihn liegen dort in Trümmern.
Doch umsonst; denn Pau-Puk-Keewis,
Wieder als ein Mensch gestaltet,
Sichtbar, floh und lief voraus ihm,
Eilt' hinweg in Sturm und Windstoß,
Eilt' am Ufer Gitche Gumees,
Westwärts längs dem Groß-See-Wasser,
Eilt' und kam zum fels'gen Vorland,
Kam zu den Bemalten Felsen,
Den Bemalten Sandsteinfelsen,
Ausschau'nd über See und Landschaft.

Und der alte Mann des Berges,
Er der Manito der Berge,
Tat weit auf sein felsig Bergtor,
Weit auf seine tiefen Schlünde,
Gab Zuflucht dem Pau-Puk-Keewis
In den Höhlen trüb und traurig,
Hieß willkommen Pau-Puk-Keewis
Seinem finstern Haus von Sandstein.

Draußen dort stand Hiawatha,
Fand das Tor für sich geschlossen,
Nahm die Handschuh, Minjekahwun,
Hieb sich Höhlen in den Sandstein,
Rief ganz laut im Ton des Donners:
»Öffne! Ich bin Hiawatha!«
Doch der alte Mann des Berges
Tat nicht auf, gab keine Antwort
Aus den stummen Sandsteinklippen,
Aus der Felsen finsterm Abgrund.

Hub der Held drauf seine Hände,
Hub' die Händ' er auf zum Himmel,
Rief mit lautem Flehn den Sturm an,
Rief Waywassimo, den Blitzstrahl,
Und den Donner, Annemeekee;
Und sie nahn mit Nacht und Dunkel,
Fegen übers Groß-See-Wasser
Von den fernen Donnerbergen;
Und mit Zittern Pau-Puk-Keewis
Hört des Donners dumpfe Schritte,
Sieht des Blitzes rote Augen,
Ist entsetzt, und bebt, und lauert.

Drauf Waywassimo, der Blitzstrahl,
Schlug des Höhlengrundes Türweg,
Schlug das Tor mit seiner Kriegskeul',
Schlug der Sandsteinklippen Vorsprung.
Und der Donner, Anemeekee,
Jauchzt' hinab tief in die Höhlen,
Rufend: »Wo ist Pau-Puk-Keewis?«
Und der Fels fiel ein, und drunter
Tot nun zwischen Schutt und Trümmern
Lag der list'ge Pau-Puk-Keewis,
Lag der schmucke Yenadizze,
Diesesmal in seiner eignen
Menschlichen Gestalt erschlagen.

Aus nun seine wilden Fahrten,
Aus nun seine tollen Streiche,
Aus nun alle seine Listen,
Aus nun all' sein Unheilstiften,
All' sein Spielen, all' sein Tanzen,
All' sein Werben um die Mädchen!

Nahm darauf mein Hiawatha
Seine Seele, seinen Schatten,
Sprach und sagte: »Pau-Puk-Keewis!
Nie in menschlicher Gestalt mehr
Sollst auf Abenteu'r du ausgehn;
Niemals mehr mit Scherz und Lachen
Staub und Laub in Wirbel tanzen;
Sollst von nun an dort am Himmel
Schweben und in Kreisen segeln;
Will zum Adler ich dich machen;
Sei Keneu, der große Kriegsaar,
Herr der Vögel all' mit Federn,
Herr der Küchlein Hiawathas!«

Und der Name Pau-Puk-Keewis
Weilt noch heute bei den Leuten,
Weilt noch heute bei den Singern,
Den Erzählern von Geschichten;
Und im Winter, wenn die Flocken
Wirbelnd kreisen um die Hütten,
Wenn der Wind in wildem Aufruhr
Ob der Rauchflucht pfeift und winselt, Heißt es: »Da kommt Pau-Puk-Keewis!
Tanzt er wirbelnd durch das Dorf hin,
Tut er ein sich seine Ernte!«

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