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Der Sang der Sakije

Willy Seidel: Der Sang der Sakije - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorWilli Seidel
titleDer Sang der Sakije
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc4361105
created20061214
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Vorwort

Die tiefe Sehnsucht nach der Fremde, nach fernen Ländern steckt dem Deutschen im Blut. Sie ist oft auch Antrieb kolonisatorischer und wissenschaftlicher Arbeit in Afrika und Asien geworden, sie findet aber schon in frühen geschichtlichen Zeiten, im kleinsten sozialen Kreis Ausdruck. Sie verlockte Dichter und Schriftsteller in die Ferne und findet ihren Niederschlag in einer Fülle von Werken, die eben aus diesem Sehnen heraus von vielen gelesen werden. Dies trifft besonders für die Gegenwart zu, denn ein Volk, das jahrelang wie durch Mauern von der übrigen Welt abgeschlossen lebte, ist dementsprechend aufnahmefähig für das veränderte Weltbild. Viele haben dies Bild darzustellen versucht, die der uralte Gegensatz Orient – Okzident reizte. Allein, viele sind berufen, wenige auserwählt. Einer der wenigen, die die Gabe inneren Schauens besitzen und sie verbinden mit einer vollendeten Form, die Vision zu gestalten, ist Willy Seidel. Die Sehnsucht nach der großen weiten Welt im allgemeinen wie insbesondere die Liebe zum Orient, dem Schauplatz des »Sang der Sakije«, wurde schon vom Vater her in ihm erweckt, der, von Haus aus Chirurg, viel mit Forschungsreisenden, wie beispielsweise Wißmann und Hans Meyer, verkehrte und der selbst in Ägypten ein halbes Jahr lang Ausgrabungen leitete. Auch von der Seite seines Stiefgroßvaters Georg Ebers, der in seinen Romanen das Bild des alten Orients zeichnete, wurde das Interesse Seidels auf Ägypten gelenkt. Noch während er Naturwissenschaften studierte, kam sein erstes Werk, ein biblisch-orientalisches Epos »Absalom«, aus dieser Sphäre. Hier zum erstenmal glüht die heiße Luft des Orients, blühen die Farben auf, singt die blumenreiche Sprache des Morgenlands, die später in vollendeterer Form zum Ausdruck kommen. Zunächst im »Garten des Schuchan«, einem Bande exotischer Novellen, die der Fünfundzwanzigjährige 1912 veröffentlichte, ohne vorher je an den Stätten seiner Träume gewesen zu sein. In der Titelnovelle ist wenig Handlung; trotzdem wird eine Spannung erzeugt, die sich allein durch das parallele Geschehen in der Natur erklärt: aus der Oase, aus der eine Beduinenhorde einen blühenden Garten schafft, der besteht, solange Schuchan lebt, wird wieder windverwehte Wüste, als Sadaui, der Führer der Karawane, in blindem Haß den Bruder Schuchan ermordet hat. Das schildert Seidel in einer glockenreinen, edlen Sprache, er lebt sich ein in die primitive Natur dieser Menschen und ihrer Umgebung, so daß er ihre feinsten seelischen Schwingungen erspürt, und dies ist das Moment, das ihn von vielen modernen Schriftstellern der Erotik unterscheidet. Seidel ist kein Romancier der Mode, er ist nicht der brutale Abenteurer wie Ossendowsky, nicht der Globetrotter der Zeitung, er gibt nicht nur Tatsachen – obwohl er, in späteren Werken, als Musterbeispiel für die vielgerühmte neue Sachlichkeit genannt werden könnte –, er erfaßt auch seelische Inhalte. Dabei verkennt er nie die unüberbrückbare Kluft zwischen brauner und weißer Rasse, aber ihr Gegensatz ist nie Tendenz bei ihm, er behandelt ihn ganz frei, von der Warte einer feinen Ironie eines Thomas Mann etwa, mit dessen Stil ihn nicht nur diese Ähnlichkeit verknüpft. Aber trotz dieser Kluft weiß Seidel sich auf eine erstaunliche Art in die fremde Volksseele einzufühlen. Das gilt nicht nur für den von ihm so tief erlebten Orient und für die Südsee, sondern erweist sich auch in der Novelle »Utku«, die in ganz anderem Kulturkreis, im Norden Kamtschatkas spielt, und dies spricht für seine Poetengabe, denn seine Phantasie bedarf für ihre Schöpfungen durchaus nicht nur der Sonne Afrikas. Man möchte sagen: er läßt sich in die Seele des Korjäken ebenso hinab wie in die des Beduinen Sadaui; wir zittern mit ihm in der Eiseskälte des nordischen Winters, wie wir das Tötende der Wüstensonne empfinden; wir verstehen die rührende, plumpe Sorgfalt Utkus um sein Enkelkind und seinen schweren Wintertraum in der einsamen nordischen Jurte ebenso wie den primitiven Haß Sadauis gegen seinen jungen Bruder Schuchan in der Wüste. Die Traumgesichte des Poeten spiegeln sich in seinem Werk, oft gleitet Wirklichkeit ins Reich des Traumes über, und die Grenzen verschwinden. So geht es Seidel im »Utku«, im »Sang der Sakije« und in der Novelle »Jali und sein weißes Weib«. Hier, in dieser Schöpfungsvision, wird ein kleines blondes Mädchen bei einem Sturm an der Feuerlandküste zu den Wilden verschlagen. Bei einem von ihnen, Jali, wächst sie auf, bis sie eines Tages vor dem »Manne« flieht. Und nun singt Seidel das Lied des Blutes, des urmächtigen Instinkts, der, halb verschüttet, halb traumhaft ein lichtes weißes Wesen gleich ihr zu schauen vermeint. Von dem Kannibalen läuft sie durch den Urwald diesem Oro genannten Traumbild bis ans Meer nach, und dieser Lauf ist begleitet von einem Hohenlied auf die Vielfältigkeit der Urwaldnatur, auf brausende Geräusche, schattige Höhlen, zauberhafte Pflanzen, Sonne, Tiere, Leben. Am Meer scheint ein Schiff mit Oro zu nahen, es entschwindet, und damit reißt in Weißvogel – so nennt man sie – alles, was sie mit ihrer europäischen Vergangenheit verknüpfte. Ihre Seele ist tot, sie wird nun vollends eine Wilde. In dieser Arbeit rührt Seidel bereits an ein Problem, das ihn später, als ihn ein Verlag wirklich in den Orient sandte, noch in ganz anderer Form beschäftigte, das Problem der Beziehungen zweier grundverschiedener Rassen. Die Frucht dieser Reise war der »Sang der Sakije«, auf Grund dessen der Autor nunmehr mit Förderung des Auswärtigen Amtes eine weitere Reise, diesmal nach der deutschen Kolonie Samoa antrat. Dort spielt sein Roman »Der Buschhahn« (1921), den er in Amerika vollendete, wohin er bei Kriegsausbruch der englischen Besatzung auf Samoa entschlüpfte. Auch hier und in seinem nächsten Werk »Der neue Daniel« (1922), das seinen eigenen erzwungenen Aufenthalt in Nordamerika während des Krieges schildert, rührt er an das Rassenproblem, hier schon mehr in der Richtung, wie es etwa Heinrich Mann in »Zwischen den Rassen« und Hermann Bang in »Die Vaterlandslosen« taten. Dann folgten 1922 »Das älteste Ding der Welt«, ein phantastisch-symbolische Erzählung, und 1924 »Der Gott im Treibhaus«, ein Zukunftsmärchen.

Im »Neuen Daniel« stellt Seidel einen Deutschen, einen feinen jungen Gelehrten und seine englische Gefährtin gegen die brutale Welt amerikanischer Seelenarmut. Er zeigt die Qualen dieses völlig Isolierten, dieses neuen Daniels in der Löwengrube in einem kleinen Kurort, wohin ihn der Zufall und die Überredungskraft eines wo fremde Volksseele hat dieser Roman allgemeingültigere Bedeutung als schlechthin eine erotische Erzählung, ein origineller Bericht oder eine Studie. Denn hier ist das Leben, das glühende, rasende Leben in einem Ausschnitt des Ägypten von heute eingefangen, mit den Augen eines Poeten gesehen und sprachlich meisterhaft gestaltet, und hier ist mit visionärer Sicherheit die feine Grenzlinie gezogen, bis zu der die Beziehung der braunen zur weißen Rasse geht und gehen wird.

Kurt Merlaender.

Zur neuen Ausgabe

Port Said, im September 1925

Welche Wiedersehns-Beklemmung erfaßt mich hier, an der Tür des ägyptischen Orients! Denn genau so nahte er damals heran! – Viereckige Segel hingesprenkelter Fischerboote, schaukelnd in friedlicher Pärchen-Eintracht; – herübergeirrte Hornisse, zitronengelb schnurrend hinter runder Scheibe des »Stierauges«; zarte Silberstiftstriche dreier Schornsteine, auf weißem Faden aufgereiht! – So meldet sich der Koloß Afrika. Dann kommt dies unendlich klarfarbige und plastische Gewimmel, der äußerste Zipfel des Deltas: Port Said... Du hast kaum Anker geworfen, so stürmt dir diese Stadt schon entgegen. Vorläufig sind es Horden von Geldwechslern, Teppichhändlern und solchen, die den Verschleiß von Straußfederfächern zum Daseinszweck erkoren haben.

Du kämpfst dich durch und kommst an Land. Hier wird das Straßenhändlertum, werden die aufdringlichen braunen Hände, die dir phantastisch unnützen europäischen Exportschund unter die Nase stoßen und an deinen Kleidern zupfen, zu einer wahren Pest. Dein Gesicht läuft krebsrot an; kaum kannst du Luft bekommen. Zuviel sind der Verlockungen, der Suggestionen. Schließlich brüllst auch du; und was brüllst du? »Emsch j'allah!«

Bis die nächste frische Horde um die Ecke streicht, hast du für fünf Minuten Ruhe. Sie weichen zurück; sie grinsen breit. Du hast gerufen: »Geht mit Gott«; aber du hast es zornig gerufen. Darin liegt Komik, und die arabischen Leichtathleten und Kurzstrecken-Champions empfinden das. Es ist erheiternd, wenn man Segenswünsche im Tonfall der Verfluchung äußert. Manche schlagen sich auf die Schenkel, so daß der ganze Kramladen an ihrer Brust ins Klirren kommt, und kopieren dich bellend, grölend, atemlos vor Lachen: »Emsch j'allah!«

Nun aber geschieht mir etwas hier, und das muß ich registrieren. Mein Ägypten von 1913 erkennt mich wieder. Es schickt mir einen Schirmherrn, einen »Abu Nabbût«, einen »Vater des Knüppels« – irgendwoher taucht er auf, magnetisch angezogen von meiner Not. Er ist gar nicht repräsentativ. Ein magerer, gebeugter Fünfziger, blatternarbig, dunkel brennenden Auges, in einer dunkelblauen Kelabije aus ehemals besserem Stoff – so kriecht er wie eine Spannerraupe in der Luftlinie heran. Man wende nicht ein, dieser Vergleich hinke! Er schwingt sich, dieser Bresthafte aus der Hefe, an zwei Krückstöcken herzu, fast zwei Meter deckend bei jedem Anhub; zähneknirschend, hohläugig, mit aller Energie wütendster Servilität... Und bei der Gruppe meiner Peiniger angelangt, schreit er wie eine Posaune ein unvergeßliches Wort. Er schreit nicht, auch ihm gebühre ein Plätzchen an der Sonne, am »Herrn Baron«, oder »Kapitän«; er nennt sie nicht auf saftiges Vulgär-Arabisch »vor Allah verworfene Abfallprodukte«, »Rinnsteinerzeugnisse«, oder, näherliegend, etwa: »Söhne von sechzig Hunden« – nein, während sein Arm mit erhobener Krücke wie ein Fledermausflügel flattert, schreit er mit aufräumender Stimme: »Gehn Se weck!! Ach!! Gehn Se weck!!«

Was? Wie ist das? Höre ich recht? Ägypten selbst, das mir zu Hilfe eilt und sich der Potsdamer Zunge bedient?! Deutsch lispelnd, nimmt mich das Tausendjährige ans Herz? – Und siehe da, es erweist sich: der Alte an den zwei Krücken ist eine Straßenmacht! – Die Kerle grinsen und weichen, die Horde läßt ab, der ganze Kitsch verflüchtigt sich, Augen rollen von mir zu ihm; und noch immer vor mich hingepflanzt, beide Krücken abwechselnd schwingend, gewaltige dunkelblaue Schutz-Fledermaus, bellt er ihnen nach: »Gehn Se weck! – Ach!! Gehn Se weck!«

Nachdem er solchergestalt Beweise seiner Macht gegeben, entblättert er ein unsagbar dreckiges, aber noch lesbares Stück Papier, auf dem vermerkt steht: »Take this man. He cheats you less than the others.« Mit dem Stempel eines – offenbar nicht unsachlichen und unwitzigen – englischen Bureaubeamten. Er sieht mich voll fanatischen Selbstvertrauens an. Er weiß: »Dies Papier ist gut. Superlative stehen nicht drin, Allah weiß es. Aber auf die Ingliz wirkt es wie Zauber.« – Mit einem Schlag wird mir klar, woher die Straßenmacht kommt. Offiziell beglaubigte Tugend ist's, die diesem Einäugigen unter Blinden die Segel bläht. In dieses Stück Papier ist das Schicksal seines früheren und zukünftigen Lebens verwoben; sein Amulett ist's, seine magere, doch stetig anzapfbare Stallziege, sein moralischer »mascot« und Neutralitätswimpel; und in diesen von Fliegendreck, Kaftanschweiß und fettigen Medikamenten besudelten Fetzen Kanzleipapier ist er hineinverbissen wie eine Dogge. Ich kann mir die von Diebesangst schwangeren Nächte denken, wenn er ihn in den Turban hineinpraktiziert, unter die gestickte Kappe vielleicht, eng an seinen armen, trüben Fellachenschädel. Er kann, wie sich herausstellt, leidlich gut Englisch; doch den finsteren Humor des Schriebs, das »Vonhintenherum« der Lobeserhebung – das schiebt er aus seinem Verständnis fort. Es gibt andere beglaubigte Fremdenführer, gewiß, die haben schöne lange Zeugnisse, die von Ausdrücken wie: »excellent« und »reliable« nur so strotzen. Er sticht sie aus. Er weiß den Grund nicht; die Tatsache genügt ihm für seine armen alten Tage.

Ich lache also und nicke. Der Imperator der Gasse hierauf schreit hohlen Tons und voll; der Laut zerspaltet sich an vier Ecken, und schon ist eine Gummidroschke zur Stelle. Der Berberiner Kutscher zieht das Maul schief, als er das wandelnde Gewissen seiner Kaste sieht, und der »Vater der Ehrlichkeit« klettert an seinen Krücken zu ihm auf den Bock hinauf, ohne daß jener sich zur Hilfeleistung rührt. Eine strenge Taxameteruhr des lieben Gottes bist du, empfinde ich gerührt; und dann bin ich wieder unterwegs auf der alten, rauschartig gleitenden, traumähnlichen Zweistundenfahrt in langsamem Trab, gewiegt von Brisen und Gerüchen, vorbei an endlosen, schwarz starrenden Augenpaaren und den Flüsterwellen halbheller Basare.

Mit allen Fibern sauge ich in dieser modernen, unechten Hafenstadt, in der sich doch das uralte Treiben niederließ wie ehedem und immerdar, diesen Orient wieder in mich ein. Geblähte Gesichtsschleier, Eseltrappeln, weiß gekalkte Moschee im intensivsten Kristallblau ... Daûd am Schöpfrad, den ich hier erlebt, Hassan-Bey-Muharram, der Diener der Verworfenen, sie werden wieder in mir lebendig und lächeln über zwölf Jahre hinweg ihr altes, etwas eitles, gleichbleibendes östliches Lächeln – über zwölf von ödem Gepolter, blechernen Schlagwörtern und trüber Zersetzung erfüllte Jahre! ... Sie gehen, kleiner Schuhputzer und Straßen-Taschenspieler, kindlich die Hemden gerafft, oder als feiste, guttural schwatzende Herren im Tarbusch, plastisch und doch schemenhaft an mir vorbei. Oh, über die weisen Opportunisten und sonnigen Tagediebe! – Und mitten unter ihnen, die Faust im Starrkrampf schier vor nervösem Behauptungsdrang und kahlem Machtwillen, die Sperbernase witternd im Schatten des Tropenhelms: England ... Mit Konzessionen pflastert es seinen Weg, Zugeständnis über Zugeständnis macht es an die »sonnigen Opportunisten«, an die ägyptischen Parlamentarier, an diese empfindlichen, umhergescheuchten, immer hoffnungsfrohen, immer enttäuschten Herren: doch sie drehn ihm lächelnd und schmeichelnd jetzt manches aus der Hand, denn nie war eine Überzeugung reifer und brünstiger als die des Zaglul!

Und wir, die Parias unter den Weißen? Die diskreditierten Halbbrüder, gegen die man Farbige hetzte? ... »Gehn Se weck! – Ach!! Gehn Se weck!« – schreit Mohammed-abul-Sikr und wedelt mit beiden Krücken ... Dieser Pascha der Gasse nimmt uns in Schutz, umzirkelt uns, krückenschwenkend: »hands off!« – Wen ich heranlasse, den läßt auch er heran. Stelle ich mich taub (er belauert meine Miene), so stempelt er das feilschende Geschöpf zum Auswurf. Polizisten grinsen. Er hat mich gepachtet. Er setzt sich, pompös auf seine Krücken gestützt, an den Nebentisch. Er verwaltet meine Einkäufe; läßt es sich nicht nehmen, unter blumigster Inanspruchnahme des höchsten Wesens und Hineinbeziehung seiner Mutter, meine Pakete selbst zu schleppen und zu bewachen. Er drückt die Preise erbarmungslos, fanatisch glühenden Blickes. Ummurrt vom Pöbel, dem er das Geschäft verdirbt, thront er bei gespendeten Zigaretten und Kaffee, als habe ich ihm einen lebenslangen Vertrauensposten samt Altersversorgung geschenkt. Bei Engländern, das weiß er, kriegt er Fußtritte und herbes Nasenpusten als Entgelt. – Bei Deutschen nicht. Die lassen ihn leben und mitverdienen; sein Gebresten ist ihnen nicht gleichgültig. In seinen tiefliegenden Augen liegt eine schattenhafte Erkenntnis dessen, was uns von jenen trennt ...

Nun aber röchelt die Schiffssirene; man muß an Aufbruch denken. Diesmal geht es zu Fuß zur Pier zurück, und der »Vater des Knüppels«, mit großen, schwingenden Hopsern, bahnt mir eine Bresche. Ich habe mir, trotz seines finster-ergebenen Protestes, selbst einen Teil der Pakete aufgeladen; er läßt es nur geschehen, weil es im Hinblick auf seine Bresthaftigkeit geschieht. »Tok-tok«, sagte seine gehöhlte Zungenspitze, mit Schnalzlauten am Gaumen – »ein edles Herz hat dieser Effendi ...« Schier bedauernd blickt er mich an, doch es gibt eine Brücke, die sich von krankem Alter schlagen läßt hinüber zu beschwingten Jahren, und die hat nichts mit Hautfarbe oder Kaste zu tun ... So akzeptiert er's; seine Ärmel flattern; seine Krücken krachen rhythmisch aufs Pflaster ... Am Motorboot bekommt er die ausgemachten zwei Schilling.

Nun, ein letztes Erstaunliches: gibt man einem Araber hier einen unter Beteuerungen und Unterbietungen der anderen vorher vereinbarten Tip, so meint er selbst, und der Effendi meint im Grunde auch – das Doppelte. Sonst wird das Geld zu heiß in der braunen Hand; sie schlenkert es zurück, und es kühlt nur ab, wenn es mehr wird. Dieser jedoch nimmt die zwei Schillinge ohne Gezeter, ohne Schreckschüsse; nimmt sie still und selbstverständlich. Er bekommt einen draufgelegt; ei, da freut er sich.

Ich seh' ihn am Quai stehen, den alten, rissigen Mund wie flötend gespitzt, hingesunken auf die Stütze beider Krücken, denn die andere Hand vollführt das Salaam. Ich höre noch die dringliche Frage in schlechtem Englisch, wann ich wiederkomme; dann sei er wiederum mein Mann.

Fern, als Silhouette gegen das staubige Abendrot, voll grotesker Krümmungen und Streckungen, entschwindet er.

Und nun wollen wir dem Hinkefuß noch einmal folgen –in seine eigenste Welt, die vor zwölf Jahren das gleiche Antlitz trug.

Willy Seidel.

Erster Teil

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