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Der Salutist

Carl Spitteler: Der Salutist - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleDer Salutist
pages21-30
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Carl Spitteler

Der Salutist

Polternd schmetterten die Kieselsteine in dichtem Hagel an die Fensterläden des Hauses, in welchem die Salutisten sich versammelt hatten.

Umsonst versuchte der Pfarrer die wütende Menge zu besänftigen.

Der einzige Polizeidiener des Städtchens saß im Wirtshaus «Zum goldenen Adler», ins Kartenspiel vertieft und sich weislich hütend, seine herausfordernde Figur der Menge zu zeigen.

Neben der Salutistenherberge aber, im Schloßgarten, stand die Herrin mit ihren zwei bildschönen Töchtern am Straßengitter, schreckensbleich, doch gefaßt, kraft ihrer Anwesenheit verhütend, daß der Zorn sich seitwärts nach dem Eigentum des beneideten Aristokraten verirre.

Unter den Leitern des Angriffes befand sich ein blutjunger Uhrenmacher, Pierre Grosjean mit Namen, welcher, die Pfeife im Mundwinkel, die Mütze auf dem Hinterkopfe, seelenvergnügt den Krawall mit kurzen Zurufen anfeuerte, die Hände nachlässig in den Hosentaschen behaltend. Die meiste Zeit bemühte er sich nicht selber mit dem Zerstörungswerk; nur dann, wenn es dem Pfarrer nach unsäglicher Mühe gelungen war, auf einer Seite den Steinregen zum Aufhören zu bringen, suchte er im Pflaster, wählte einen Kiesel von der Größe eines Kindskopfes, drehte ihn eine Weile schmeichelnd in der Hohlhand und jagte ihn schließlich mit solcher Gewalt an den nächsten Laden, daß die Fensterscheiben dahinter klirrend auseinander prasselten.

Ein Mädchen zwängte sich lachend durch die Meuterer und schmiegte sich stolz an ihn heran; das war Jeanne-Marie, sein Schatz.

Gemeinsam genossen sie den zunehmenden Spektakel mit leuchtenden Augen. Es war ein Festtag wie ein anderer; es diente ihnen für eine Keilerei am Ostermontag in einer Tanzschenke.

Endlich wichen die Läden aus den Riegeln, gleichzeitig an mehreren Orten, so daß durch die unbewehrten Scheiben jetzt die Geschosse tief in das Innere drangen, Spiegel und Stühle und allerlei Kleinkram zertrümmernd.

Ein ohrenbetäubendes Siegesgeschrei begrüßte diesen ersten Erfolg, und im Nu wurde beschlossen, die Haustüre zu zwingen.

Schon stürmte der Schlosser mit seinen Gesellen die Vortreppe hinan, da tat sich unversehens die Türe von selbst auf, und in geordnetem Zuge erschienen paarweise die Salutisten, plärrend und betend.

Verblüfft stutzten die Aufrührer, und der tobende Lärm verwandelte sich plötzlich in lautlose Stille.

In der Richtung, nach welcher die Salutisten abzogen, wich der Volksknäuel in unfreiwilliger Ehrerbietung zurück, einen weiten Raum gewährend.

Allmählich fielen aber einige halblaute Sportworte, so oft einer von den heimischen Heilsleuten hervortrat; auch verengte sich der Raum um die Abziehenden mehr und mehr durch das feige Drängen der Hinterstehenden. Mit der Zeit wurden die Hohnreden dreister und zahlreicher; an den Straßenecken trennte man einzelne der Salutisten von der Gesamtreihe und mißhandelte sie; die frisch Nachkommenden wurden jetzt eine Weile durch Beschimpfungen und Drohungen geschreckt, ehe man sie den übrigen nachfolgen ließ.

In diesem Augenblick zeigte sich die junge Hauptmännin in ihrer goldgestickten Uniform. Steif wie ein Ellenstab kam sie hervor, mit strenger Puritanermiene, einen verächtlichen Engländerblick auf die heißblütigen, leidenschaftlich aufgeregten Romanen niederschickend.

Ihre stumme Herausforderung wurde mit einem unartikulierten Wutgebrüll und einer Flut von persönlichen Schmähungen erwidert, welche alles enthielten, was ein Weib zu beleidigen und zu empören vermag. Und als nun die blonde Hauptmännin mit zusammengekniffenen Lippen trotzig den Kopf zurückwarf, bewaffneten sich Dutzende von Händen.

Noch war ihr keine tätliche Unbill widerfahren.

Da zischelte Jeanne-Marie ihrem Liebhaber etwas ins Ohr, indem sie zugleich mit weiblichem Neidesblick nach der weißen, blauäugigen Engländerin hinübersah.

Grosjean bückte sich, versteckte die Hand hinter seiner grünen Bluse, und während die Hauptmännin sich anschickte, die erste Treppenstufe zu betreten, schnellte er verstohlen den Stein ab, ohne zu zielen, mehr aus dem Bedürfnis, seinen Haß anzudeuten, als in der Absicht, sie zu treffen.

In derselben Sekunde schreckte die Hauptmännin vor dem Haufen, der ihr auf der Treppe entgegenwogte, zurück, und der Stein streifte den Kopf, ehe er im Innern des Hauses auf den Flur niederschlug.

Sie wankte, kehrte sich dann rasch nach der Richtung um, aus welcher das Geschoß geflogen gekommen, schaute ihren Gegner, der sich durch seine Bestürzung verriet, mit ihren kalten, wasserblauen Augen fest an und erhob segnend ihre Arme: «Herr, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun», rief sie ihm in französischer Sprache zu, klar und laut, wennschon mit fremdländischer Betonung. Hernach wandte sie sich seitwärts, ohne des Blutes zu achten, welches aus ihrer Wunde sickerte, und stieg zuversichtlich die Treppe hinab.

Das Volk aber, durch den Anblick des Blutes entsetzt und ernüchtert, gab ihr schweigend Raum, so daß sie ohne weitere Fährlichkeit den Bahnhof erreichte.


Pierre Grosjean flüchtete wie betrunken aus dem Getümmel die Bergstraße hinan, seine Braut von sich stoßend und die Fragen seiner Kameraden überhörend.

Er war schon weit über die Burgruine hinausgelangt, aber der starre Blick, die regelmäßigen Züge und der stolze Segen seiner Feindin scheuchten ihn noch immer vorwärts. Der grelle Widerschein der Sonne auf dem weißen Kalkboden verblendete seine Augen, und der Schweiß trat ihm auf die Stirne, kalt und peinlich.

Hoch oben vor dem dunklen Buchenwalde, welcher das Gebirge krönt, meinte er Ruhe zu empfinden. Er stand stille und schaute sich mit einem seufzenden Atemzuge um.

Eine schwarze, scharf abgeschnittene Wolkenschicht zog langsam am Himmel heran.

In der Tiefe der Wolkenwand, da, wo sie am dunkelsten war, spielten ohne das mindeste Geräusch blitzende Lichter.

Ein fröstelnder Schauer überfiel ihn; plötzlich wandte er sich talwärts und lief im tollen Laufe wieder bergab dem Städtchen zu.

Da schwebte von unten her im gleitenden Sonnenschein ein glänzendes, grünlich schimmerndes Meteor kugelförmig über der Landstraße, hart über dem Boden.

Gleichmäßig flog die Kugel heran. Sie drehte sich, wälzte sich und entlud Feuerfunken. Vor ihr wirbelte der Staub in die Lüfte.

Grosjean, anstatt ihr auszuweichen, stierte ihr wie gebannt entgegen. Ein Zittern überfiel ihn, und er klapperte mit den Zähnen.

Jetzt erreichte ihn das Ungetüm, unglaublich, doch unleugbar.

Ein Zischen betäubte sein Ohr; in beiden Knien verspürte er einen Schlag bis in die innersten Nerven der Knochen; ein ameisenartiges, wumselndes Gefühl krabbelte durch seinen ganzen Körper.

Dann war alles vorbei, und als er den Kopf umwandte, schwebte die Kugel hinter ihm dem Walde zu, wo sie mit knatterndem Schlage platzte wie eine Granate.

Lange Zeit rührte er sich nicht vom Fleck, bis unter anhaltendem Donnerrollen ein Gewitterregen ihn durchnäßte.

Jetzt taumelte er heim und legte sich laut flennend zu Bett, wie ein Kind, das sein Spielzeug verloren hat.

Eine Woche lang blieb er liegen, ohne daß er beschädigt gewesen wäre. Übrigens klagte er nicht über Schmerz, aß und trank tapfer und sprach vernünftig. Aber stehen konnte er nicht, und so oft sich eine etwas dunklere Wolke am Himmel zeigte, begann er kläglich zu weinen.

Am achten Tage sann und lächelte er viel vor sich hin und nickte allen Reden beifällig zu, mit einem glückseligen, verklärten Ausdruck der Augen und des Gesichtes.

Während der folgenden Nacht kramte er seine Ersparnisse an Geld und Gülten zugleich mit seinen besten Kleidungsstücken zusammen, packte alles in einen Bündel, und nachdem er erst seiner Jeanne-Marie einen langen, wohlstilisierten Abschiedsbrief hinterlassen, entwich er.

Mit Tagesanbruch erreichte er die Stadt, wo er sich nach dem Quartier der Salutisten-Hauptmännin erkundigte. Im Gasthof wartete er geduldig vier Stunden lang, bis er vorgelassen wurde.

Sobald er die Hauptmännin erblickte, fiel er vor ihr auf die Knie, küßte ihr die Hand und meldete ihr, er wäre von Gott erleuchtet worden, hinfort seine Kraft und sein Leben der Heilsarmee zu widmen, unter der einzigen Bedingung, daß sie ihn ihrer Verzeihung versichere.

Die Hauptmännin musterte eine Weile den Knienden und sein Bündel, dann verlangte sie vor allem das Opfer seiner äußerlichen irdischen Habe, notierte auch, nachdem sie das Bündel geöffnet, sorgfältig jeden Gegenstand in ihr Taschenbuch. Zuletzt hieß sie ihn, sich des Abends in der Gebetversammlung einzufinden, wo sie ihn der Gemeinde als Zeichen der unerforschlichen Wege Gottes vorstellen und zur Aufnahme empfehlen werde.

Statt sich zu entfernen, zauderte Grosjean und errötete.

Die Hauptmännin aber, nach einem befremdeten Blick in sein Gesicht, errötete ebenfalls, obschon oberflächlicher, klingelte dann und schickte nach ihrem Vater, dem Major.

Bald erschien ein korrekter, würdiger Herr, in tadelloser Krawatte, mit welchem sie einige Konsonanten wechselte; in seiner Anwesenheit gewährte sie dem neuen Bruder aus besonderer Gnade feierlich den Versöhnungskuß zum Zeichen ihrer rückhaltlosen Verzeihung.


Nachdem der Präsident der Geschworenen den Angeklagten Pierre Grosjean gefragt, ob er sich der Ermordung der Fräulein Betty Smith, Hauptmännin der Heilsarmee, schuldig bekenne, und dieser das bejaht hatte, erteilte er dem Angeklagten das Wort, und dieser begann: «Herr Präsident, meine Herren Geschworenen! Ich hatte sie geliebt – nein, ‹geliebt› ist nicht das Wort, denn sie war für mich eine Heilige. Wenn sie mich tadelte, wenn sie mich strenge anblickte, so war ich ein Verdammter; wenn sie mir ein anerkennendes Wort gönnte, so triumphierte ich und verlangte auf den gefährlichsten Posten gestellt zu werden, um meinen Dank abzustatten. Den Tod für sie suchte ich wie ein Glaubenszeuge, und Torheiten ihretwegen scheute ich nicht. Ich war lächerlich, aber ich lachte über meine Lächerlichkeit. Was war mir neben ihrem Urteil die Meinung der Welt? Wie viel ich für sie getan und gelitten – bah! das sind Kleinigkeiten! Sprechen wir nicht davon! Meine Herren, ich bin ein einfacher Uhrmacher und mit den Künsten des gewählten Stils nicht vertraut; ich vermag meine Tat nicht mit beredten Worten zu entschuldigen: Ihr Billigkeitsgefühl wird für mich reden; was mich betrifft, so vermag ich bloß zu sagen, was wahr ist. Meine Herren, es gab eine Zeit, da war ich ein unbescholtener Arbeiter, nicht besser und nicht schlechter als ein anderer, aber meine Auftraggeber behaupteten, mit mir zufrieden zu sein, und die Gebrüder Sandoz und Kompanie verabreichten mir für meine Zifferblätter stets den höchsten Preis. Ich war reich, ich war frei, ich konnte heiraten; denn nichts hinderte mich daran; und Jeanne-Marie liebte mich. Da kam sie, die Hauptmännin, quer über meinen Weg. Wer hieß sie kommen? Ich rief sie nicht. Lange Zeit meinte ich, der liebe Gott habe sie mir gesendet; später glaubte ich, der andere, der im untern Stock der Welt. Wer weiß? Vielleicht war es weder der eine noch der andere. Aber seit dem Tage, da sie mich zwang, sie zu verwunden, hatte sie mich in ihrer Gewalt. Ich könnte es Ihnen erzählen, allein wozu? Sie verurteilen mich ja doch, ich sehe es Ihnen an. Kurz, meine Braut – ich kann es ihr nicht übelnehmen, nachdem ich sie verlassen – heiratete einen andern, den sie glücklich machte. Ich gönne es ihm: aber es tat mir doch weh, ich kann es Ihnen heilig versichern. Versuchen Sie's einmal, meine Herren Geschworenen, nachher können Sie mir davon erzählen. Was meine Mutter betrifft – Gott habe sie selig –, meine Mutter, nun, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen, das haben Sie gewiß schon selber erfahren – Mütter sterben ja immer vor Kummer, wenn einer einen Fußbreit außerhalb der ausgetretenen Gleise wandelt. Meine Kameraden, die Tröpfe, grüßten mich nicht mehr, und meine Heimatsgemeinde behandelte mich als einen Lump. Ich behaupte nicht, es wäre mir gleichgültig gewesen, aber ich habe es mit Stolz und mit Lust geduldet, ihr zuliebe. Dummkopf! Geschieht dir recht! Wie konntest du dir einbilden, daß sie dich je lieben könne. Lieben! Ja, wenn ich eine Banknote gewesen wäre mit dem Bilde Jesu Christi und der Unterschrift des Barons Rothschild! Ich sage nichts mehr. Und wenn ich mir etwas vorzuwerfen habe, wenn mich etwas reut, so ist es höchstens das, daß ich in meiner Verblendung dem Aktiengeschäft der Bekehrung als Agent diente, und auch ein wenig als Polichinell. Was den Mord betrifft, ich behaupte nicht, daß es mich freut, ihn begangen zu haben: es ist eine häßliche Sache um einen Mord, aber im Grunde, weiß man denn in jedem Augenblick, was man tut? Ich bin von Jugend auf ein Hitzkopf gewesen, und wenn man dem Stier ein rotes Tuch vor den Augen schwenkt, so entzündet sich sein Auge. Sie hätte halt ihren Liebhaber nicht vor meinen Augen küssen sollen! Ich hatte sie oft genug gewarnt. ‹Betty›, sagte ich ihr, ‹trau mir nicht! Ich kenne mich; einen andern darfst du mir nicht vorziehen.› War es mein Fehler, daß sie mir nicht glaubte? Und so ist es denn gekommen. Das ist es ungefähr, meine Herren Geschworenen, was ich Ihnen zu sagen hatte.»

Die Geschworenen waren zufällig gebildete, gefühlvolle und billig denkende Männer; und da sie ein besonderes Mitleid mit dem armen, betörten Uhrmacher empfanden, erklärten sie ihn einstimmig für schuldig in allen Punkten, ohne mildernde Umstände, um die Unabhängigkeit ihres Urteils von ihrer Rührung zu beweisen.








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