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Der Sadducäer von Amsterdam

Karl Gutzkow: Der Sadducäer von Amsterdam - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleDer Sadducäer von Amsterdam
pages7-66
created20020416
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Karl Gutzkow

Der Sadducäer von Amsterdam

Novelle

Glückliche Juden, die ihr zwischen Hollands Poldern und Deichen euer Asyl suchtet! Habt ihr je in der Fremde euer Passahlamm in solcher Ruhe genossen und zu den Laubhütten so viel Zweige von den Bäumen brechen dürfen, als an dem Meerbusen IJ? So lustig rauchten nirgends eure Schornsteine bei der Paraskeue am Vorabende des Sabbaths; so reich verbrämte Talare durften die Männer, so schwere goldene Ketten und Ohrgehänge eure Weiber nur in Amsterdam tragen. Die Holländer fürchteten sich weder vor eurem Gelde, noch vor euren Bärten, noch vor euren schönen Töchtern, noch vor Jehova, der sich prächtige Tempel in ihrem Lande baute und mit Wachskerzen, unartikulirten Tönen, ja selbst mit recht unduldsamen, ketzersüchtigen und orthodoxen Priestern und Leviten verehrt wurde.

Es war in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, in einer der Straßen, die von dem großen Kai zu Amsterdam auslaufen, in einem stattlichen Hause, das sich vor Niemanden versteckte, aber schon spät, bei eingebrochener Nacht, daß vielleicht die sorgsamste und ehrwürdigste der jüdischen Mütter mit dreien von ihren Söhnen zusammensaß. Welch prachtvolle Umgebung! Welche sonderbare Verbindung des orientalischen und holländischen Geschmacks: in Vorhängen, Sophas, Rauchpfannen, der weitfaltige, elastische, sinnliche Orientalismus, in allem übrigen Zubehör eines großartigen Gesellschaftszimmers die nette, barocke, chinesische Eleganz des Holländers. Esther aber wechselte mit ihren Söhnen jene zärtlichen, sorglichen Reden und Blicke, welche nirgends so treu gemeint sind und wie vom beklommenen Herzen kommen, als im Schooß einer Judenfamilie. Sie ist egoistisch, grausam gegen andere, gewissenlos, die Familienzärtlichkeit der Juden, aber sie ist voller Hingebung und Aufopferung für die Ihrigen.

Sie waren Alle vor Kurzem erst aus Portugal eingewandert. Eliezer schrieb, das Haupt auf den linken Arm gestützt, in die alte Heimath und rückte sich die Kerzen auf dem Tische immer näher; Joel wog portugiesische Münzen in einer kleinen Goldwage und trug den Betrag sorgfältig in ein Buch ein, worin er darauf das Gewicht, in holländischen Münzen ausgesprochen, berechnete; Ruben, der jüngste, ein etwa zwölfjähriger Knabe mit glänzenden Augen, sang lustige Lieder von den Rebeufern des Tajo; Esther aber neigte sich zu jedem, blickte bald in Eliezers Brief, lauschte bald auf das Zünglein in Joels Goldwage, bald strich sie Rubens lockiges Haar und küßte den treuen Mund, der so schöne Weisen nicht vergaß. Das ist die Mutter des Hebräers, sie will jedem ihrer Söhne das ganze Glück, die längsten Jahre, die schönste Braut und die reizendsten Kinder schenken, sie ist mit einer Liebe immer ungerecht gegen die andere, und liebt sie doch alle.

Nun aber Eliezer seinen Brief und Joel seine Goldwage zusammenschlug, fühlte Esther, wie ihr gleichsam zwei Sorgen vom Herzen fielen, und schnell (anders konnte sie nicht leben) griff sie nach einer neuen. Ach! sie lag ihr nicht fern. Esther seufzte und ihre Söhne verstanden sie, so daß selbst Ruben schwieg und die Hand seiner Mutter küßte. Lange blickten sie stumm vor sich hin, bis es der älteste wagte, der Mutter die Last einer schmerzlichen Frage vom Herzen zu nehmen und leise vor sich hinsprach: »Wird Uriel diese Nacht wieder ausbleiben?« Uriel war Esthers dritter Sohn. Sie warf sich unmuthig auf ihren Sessel, dann ermannte sie sich und fragte Eliezer, ob er nirgends von Uriel eine Spur gefunden? »Ich sprach Jochai, unsern Vetter,« antwortete Eliezer; »er traf ihn einige Stunden von Amsterdam, in einer bessern Stimmung als sonst, sogar mit dem Entschlusse, bald in die Stadt zurückzukehren.« Esther traute diesen Worten nicht; denn sie selbst hätte sich nicht gescheut, die Unwahrheit zu reden, wo sie den Ihren damit etwas Liebes zu erweisen wußte. Sie hielt abwehrend die Hand gegen Eliezer und sprach: »Täusche mich nicht, Lieber; ich weiß es, daß er die Seinen flieht, weil seine Liebe zu Jehova täglich mehr erkaltet. O, was hoffte ich von diesem Sohne! Aufgezogen ist er in allen Wissenschaften, welche der menschliche Geist nur erdenken kann; jedes Beispiel übertraf sein Wandel, er erreichte früh, was Andere erst durch den Verlust ihrer besten Jahre erkauften; er hat den Muth gehabt, uns Alle dem Glauben unsrer Väter wieder zurückzugeben, nachdem wir gezwungen gewesen waren, ihn abzuschwören, und jetzt wendet sich bei ihm Alles wieder den alten Irrthümern zu, seine Tugend setzt Rost an, sein Herz ist verstockt, er verläßt seine Mutter und seine Brüder. Wo wird er wandeln? In den Beichtstühlen der Christen, in ihren Tempeln, bei ihren Priestern wird er sich Belehrung holen und unser Leben wird er elend machen.« Joel wollte seinen Bruder in Schutz nehmen und die Mutter trösten. »Wie du Uriel nur so kränken magst!« sagte er; »denn dein Verdacht ist ohne Grund. Er hängt an uns mit ganzer Seele und achtet seinen Glauben hoch. Aber verstimmt ist er; was hat er um unsertwillen nicht Alles aufgeben müssen! Er ist ein gelehrter Mann, der es schmerzlich erträgt, daß er mit so vielen Irrthümern zu kämpfen hat, die in den Wissenschaften verbreitet sind.« – »Ja,« setzte Eliezer hinzu, »er war von jeher ein Träumer und quälte sich mit dem Loose des Menschengeschlechts. Er möchte die Welt recht glücklich machen und alle menschlichen Wesen verhindern, daß sie durch Verbrechen sich selbst im Lichte stehen. Das treibt ihn hinaus in die Einsamkeit, wo ihn die Berührung unsers eigennützigen Rennens und Treibens nicht stört. Wir wollen darum nicht übel von ihm denken.« Esther winkte zweifelnd und sprach: »Wäre es so! Doch wißt Ihr ja, was die Weisen in der Synagoge von ihm denken. Er vermeidet ihren Umgang, und wann er einen antrifft, so disputirt er. Der alte Ben Akiba Rabbi sagte mir wohl, daß schon ein langes Verzeichniß aller der Irrthümer, welche er im öffentlichen Gespräch geäußert, aufgesetzt sei, und ihm bei fernerem Verharren dabei ein schreckliches Schicksal bevorstünde. Ja, ist es nicht erwiesen, daß er zweien Christenmännern, welche gesonnen waren, in den Schooß der alten Kirche zurückzukehren, von ihrem Vorhaben abgerathen hat? Kann es dafür, daß er selbst seinen Schritt bereut, ein deutlicheres Zeichen geben?« – »O leg' ihm das besser aus!« bat der zweite Bruder; »wie sehr auch jene Abmahnung mit seiner eigenen Handlungsweise im Widerspruche zu stehen scheint, so bescheid' ich mich doch, daß ich zu schwach bin, seine Absichten zu fassen. Wir sind Alle nicht im Stande, uns in den Zustand seiner Seele zu versetzen. Er ist uns an Geist, Kenntnissen, ja selbst an Erfahrung in jedem Stück überlegen.« – »Auch mag seine Liebe zur Judith Manasse,« fiel Eliezer ein, »dazu beitragen, seine Gedanken etwas in Unordnung zu bringen. Da aber seine Bewerbungen, wie ich höre, günstig ausfallen, so kann es nicht fehlen, daß er bald in seine gewohnte Stimmung zurückkehrt.« Hier richtete sich Esther langsam auf und sah ihre Söhne mit durchbohrenden, fast gespenstischen Blicken an. »Judith Manasse?« sagte sie feierlich; »ich schwöre Euch bei dem ewigen Gott, die wird ihn zu Grunde richten. Die Launen dieses sonderbaren Mädchens können Uriels Phantasie wohl eine Zeitlang beschäftigen, aber er wird ihres Wesens bald müde werden und wie ein Verzweifelter untergehen; dann reißt er mich und euch und seine Schwester in's Grab nach; der große Gott, der jede Nacht zu mir im Traume spricht, ließ mich dies schon Alles deutlich voraussehen. Ich träumte, ihr waret noch alle sehr jung und ich führte euch hinaus in die Berge von Porto. Wie wir da so einsam waren, erhellte sich plötzlich die Gegend, und ein wunderbares Schloß stand vor uns, in Sonnennebel eingehüllt, und drinnen wie von tausend Sonnen erleuchtet. An dem Thor aber ließ sich eine herrliche Frau in himmelblauem Kleide blicken, die rief euch mit schmeichelnden Worten zu, bei ihr einzutreten. Aber nur Uriel verstand, was sie sprach. Er eilte zu ihr hin und sie schloß ihn in ihren Arm. Doch nun währte es nicht lange, so hörte ich aus dem Schlosse ein klägliches Wehklagen; es war Uriels Stimme, der bald auf der höchsten Zinne erschien und flehend, wie im letzten Todeskampfe, seine Hände nach uns ausstreckte. Er rief: Mutter, Joel, Eliezer, Ruben! der doch damals noch gar nicht geboren war. Ich wollte ihm zu Hülfe eilen, aber im Augenblick verschwand das Schloß und ich hörte nichts mehr als sein klägliches Rufen, das immer herzzerschneidender wurde. In meiner fürchterlichen Angst lief ich der Stimme nach, aber ich sah nichts, bis es Nacht wurde und ein jäher Abgrund mir und euch das Leben nahm.«

Noch hatte sich Esther von der Aufregung, in die sie die Erzählung dieses Traums versetzte, nicht erholt, die Brüder blickten mit Schrecken in das Antlitz ihrer todesbleichen Mutter, als die Thür sich öffnete, und Uriel hereintrat. Es war eine hohe, herrliche Gestalt, vom kräftigsten und ebenmäßigsten Gliederbau, das Antlitz dunkel und mit vollem Barte bedeckt, die Miene ernst, verschlossen, nur selten von einem Zucken um die Mundwinkel überrascht, aber das Auge matt, in sich zurückgezogen. Das phantastische, ritterliche Gewand vermehrte die edle Haltung und den Anstand, der seinem Benehmen angeboren schien. Uriel wußte nicht, was seinem Eintreten unmittelbar vorhergegangen war; aber die aufgeregte Stimmung, in der er seine Familie antraf, war ihm willkommener, als hätte man sich ihm mit ruhiger Erwartung oder gar mit vorbereiteten Fragen genähert. Die Spannung war ihm lieb, denn sie gab ihm ein Recht, sich still auf einen Sitz zu begeben, den das Licht nicht erhellte, seinen weiten Mantel um sich zu schlagen, und ohne Gruß oder Danksagung auf einen gebotenen in seinem dumpfen Brüten fortzufahren.

Ruben näherte sich ihm zuerst und zerrte gleichsam kindisch an dem Riegel, der sein Benehmen verschloß. Die Uebrigen suchten durch Töne, die sie absichtlich, dies oder jenes im Zimmer verschiebend, hervorbrachten, die ängstliche Stille zu unterbrechen, denn sie litten sichtlich an dieser Pein der Ungewißheit, ob sie gleich nicht wagten, sich geradezu an die Ursache ihres Kummers zu wenden. Uriel, der ein so feines Ohr hatte, daß er die Pulse in seiner Familie klopfen hörte, war unfähig, seine Verstimmung bis zur Grausamkeit zu steigern. Er richtete sich auf, legte seinen Mantel ab, lüftete seine Kleider und nahm eine so freundliche Miene an, daß er Vieles dafür hingegeben hätte, wäre sie ihm natürlich gewesen. »Ihr wart vielleicht meinetwegen in Sorge,« begann er. »Es ist wahr, ich sollte nicht so lange ausbleiben; aber ihr wißt, wie sehr ich es liebe, mich auf einsamen Wanderungen mit meiner Seele zu beschäftigen.« Er näherte sich dem Tische und verschmähte die Erfrischungen an Obst und Südfrüchten nicht, die ihm die Mutter anbot. »Ihr solltet euch nicht so abhängig von mir machen,« fuhr er fort; »denn ich bin ein mürrischer Mann und nicht dazu geschaffen, jemanden glücklich zu machen. Ich sollte nur ein Geschäft haben, dann würden meine religiösen Händel eure Aufmerksamkeit nicht so erregen. Was kümmern euch diese Streitigkeiten, welche neben euren und meinen Schicksalen nur so nebenher laufen und Niemanden von uns in den Weg treten können? Auch habe ich mich entschlossen, alle diese Zwistigkeiten von mir zu weisen. Ich will sehen, ob es mir nicht gelingt, selbst meinen Geist von einer Unruhe, welche völlig fruchtlos ist, zu befreien. Warum beraube ich mich des Glückes, in ruhiger, ungestörter Gemeinschaft eurer Freuden zu leben? Ich ritze mir selbst die Seele wund und mache, daß alle meine Geistesthätigkeiten in fortwährendem Fieber liegen. Ja, ich gestehe euch, daß ich oft nicht weiß, ob ich mich meines Unglücks nicht eher zu schämen, als zu trösten habe.« Er hielt einen Augenblick inne in diesen Geständnissen und genoß vielleicht selbst die seligen Gefühle, welche er damit in den Seinigen hervorrief. Dann fuhr er fort: »Ich weiß wohl, daß die menschliche Seele niemals ihren Mittelpunkt finden kann, außer in Gott, und daß sie, so oft sie von selbst einen solchen gefunden zu haben glaubt, von Gott immer am entferntesten ist. Ich fühle es, wie nahe ich dem Tode bin, wenn ich glaube, das Leben ergründet zu haben. Meine Unruhe hat keinen Grund, oder ich muß gestehen, daß es meine Schwäche ist, die mich martert. Wie oft schuf ich dem Schöpfer schon seine Welt nach, und wie oft riß ich sie wieder nieder, um sie auf's Neue zu bauen! Das scheint mir jetzt der Fluch jener abgefallenen Geister zu sein, welche in ihrem noch seligen Zustand beauftragt waren, dem Herrn bei der Weltschöpfung zur Hand zu sein. Sie wandten sich von dem Meister ab, und nun quält sie das brennende Verlangen, ihm es nachzuthun. Das Ansammeln von Gedanken, von denen sich einer aus dem andern spinnt, ist überhaupt mehr eine Versuchung, als eine Benutzung göttlicher Kräfte; denn es ist mir noch nie geworden, Freude an dem Gewonnenen zu finden, es sei denn, daß ich gerade jenes bestätigt fand, was ich mit meinen Gedanken zertrümmern wollte. Ich fühle, wie wohl es thut, in eurem Kreise zu leben.« Diese Gedanken, welche schon oft allein im Stande waren, ringenden Genien einen augenblicklichen Frieden wiederzugeben, verfehlten auch auf Uriel ihre Wirkung nicht. Es ist jene Ideenfolge, welche starke Seelen immer einschläfert, weil sie nur im Zustande der Ermüdung eintreten kann. Uriel setzte sich heiter in den Kreis der Seinen, und beobachtete lächelnd, wie die Mutter, die ihre freudige Beruhigung gern noch hinter einem kleinen Einwurfe versteckt hätte, durch einen ernsten, gleichsam unwilligen Blick von seinen Brüdern in die Schranken gewiesen wurde. Unter vertraulichem Gespräch zog sich der Abend diesmal bis nahe an die Schwelle der Mitternacht.

Kaum graute der Morgen, als sich Uriel schon von seinem Lager erhob. Er fand im Hofe seinen Diener damit beschäftigt, sein Pferd anzuschirren, schwang sich dann auf und ritt durch die noch stillen Straßen von Amsterdam. Obgleich die Stimmung des gestrigen Abends noch einige Töne in seinem Innern nachklingen ließ, so konnte er doch nicht umhin, da er bei der Judensynagoge vorüberritt, gleichsam wie zum Morgensegen einige Verwünschungen gegen sie auszustoßen. »Was dürfte dem Himmel angenehmer sein!« setzte er hinzu und spornte sein Pferd, daß er diesem verhaßten Bereiche entkam. Dem Thore sich nähernd, hielt er öfters an und warf in die hier auslaufenden Straßen spähende Blicke, als ob er jemandes wartete. Doch wie er das Thor erblickte, sah er, daß sein Vetter Ben Jochai sich schon früher zu ihrem Stelldichein eingefunden hatte. Ben Jochai war jünger als Uriel, kleiner von Wuchs, die Gesichtszüge zusammengedrängter und orientalischer, in seinem ganzen Wesen lag viel freiwillige Unterwerfung, vielleicht mehr, als hinreichend war, um Vertrauen zu erwecken. Er verneigte sich tief gegen Uriel und nahm die ihm dargebotene Rechte mehr als eine unerwartete Herablassung an, denn als die freundschaftliche Begrüßung eines Gleichgestellten, geschweige eines Verwandten. Uriel, dreisten und unverschlossenen Sinnes, verwies ihm, indem sie fortritten, diese seine Zögerung und nannte sie Mangel an Zuvorkommenheit. Aber Jochai lächelte bescheiden und sagte: »Theurer Vetter, es ist eine zu kurze Zeit, daß mir vergönnt ist, in deiner Nähe zu sein. Du warst schon lange in Holland, ohne daß ich mehr von dir erringen konnte, als die ausdruckslose Begrüßung eines Verwandten, der älter und weiser ist, als ich. Jetzt haben dir aber günstigere Verhältnisse mein brennendes Verlangen, von dir Freund genannt zu werden, erst seit Kurzem verrathen, und ich fühle, daß es, wie sehr ich dich liebe, doch immer noch eine Scheidewand gibt, welche mich, wenn auch nicht von deinem Herzen, doch von deinem Geiste, deinen hohen Einsichten und deinen Tugenden trennt.«

Uriel entgegnete: »Das gelte nicht, lieber Vetter! Du hast mich dir verpflichtet durch Aufopferung und durch Unterstützung in meinen theuersten Planen, und ich weiß, was ich dir Alles dafür zu geben schuldig bin. Diesen Morgen habe ich dazu erwählt, dich in meine Verhältnisse, die dir zum Theil noch unbekannt sein müssen, tiefer blicken zu lassen. Sieh, die Sonne ringt sich drüben aus den Nebeln los. Sei dies ein Zeichen, daß nur reine, lichte Wahrheit über meine Zunge kommen soll.« Uriel ließ die Zügel seines Pferdes tiefer gleiten und begann folgende Mittheilung: »Vor allen Dingen höre das Wichtigste, lieber Vetter: ich bin ursprünglich im Christenthum geboren, erzogen, und habe länger als zwanzig Jahre darin gelebt. Mein Vater Acosta, ein Jude, veränderte seinen Glauben, ich weiß nicht, ob dazu gezwungen, oder durch Vorspiegelung solcher Ehren, wie sie ihm später wirklich zu Theil wurden. Er kam in genaue Berührung mit dem Hofe von Portugal und wurde sogar in den Ritterstand erhoben. Seine großen Reichthümer mögen hiezu die meiste Ursache gegeben haben. Ich war gleichsam dazu bestimmt, die gute christliche Ueberzeugung meiner Eltern recht an's Licht zu stellen; denn ich sollte mich, wenn auch nicht dem geistlichen Stande, doch einer verwandten christlichen Wissenschaft, hauptsächlich dem canonischen Rechte, widmen. Mein angeborner Hang zur Erforschung religiöser Wahrheiten kam dieser Bestimmung zur Hülfe; ich saß Tag und Nacht über den Schriften, in welchen das Christenthum gelehrt wird, und war diesem Glauben so hingegeben, daß ich ihm selbst da noch treu blieb, als mein Vater starb und sich in meiner Familie die Sehnsucht nach ihrer alten gewohnten Weise, oder wie sie es nannte, das Gewissen regte. Ich betrieb das Rechtsstudium mit regem Eifer und wurde in meinem zweiundzwanzigsten Jahre der Hauptkirche von Porto als Schatzmeister beigesellt. Doch bald ließen die näheren Berührungen mit den Wortführern der christlichen Lehre meine Liebe für sie erkalten, und wie ich denn immer so schwach bin, die Wahrheit einer Sache mit der Lüge ihrer Vertheidiger zu verwechseln, so entschloß ich mich, zu dem Glauben meiner Vorväter zurückzukehren.«

Ben Jochai richtete, vielleicht unwillkührlich, bei dieser Stelle einen scharfen Blick auf Uriel, den dieser sogleich verstand und fortfuhr: »Du wunderst dich, lieber Vetter, daß ich meinen Entschluß, zum Gesetze zurückzukehren, durch meine Schwäche herunterzusetzen scheine. Doch wollte ich nur sagen, daß sie mir den ersten Anstoß gab, am Christenthum zu zweifeln. Wie sehr ich mich mit Jesus, dem größten Juden aller Zeiten, befreundet hatte, so sah ich doch bald ein, daß es niemals in seiner Absicht liegen konnte, den Dienst Jehovas, den er seinen Vater nannte, zu stürzen und dafür seinen eigenen aufzubauen. Ich überzeugte mich, daß die Schriften des neuen Testaments mit Unrecht zu der Ehre gekommen sind, die Grundlage eines neuen Glaubens sein zu sollen, sondern daß sie für nichts mehr oder weniger gehalten werden dürfen, als für eine Erscheinung des ersten Anstoßes, den Jesus gab, und welcher ebensowenig für die Erforschung der Wahrheit verloren gegangen ist, als die Entdeckungen eines Pythagoras, Moses und Sokrates.«

»So schloß ich weiter,« fuhr Uriel fort, »und riß zuvörderst das historische Gewand von der Christuslehre; denn niemals wird dem die Wahrheit sichtbar werden, welcher sich über die Begünstigung, welche der Irrthum so oft von der Zeit, dem Orte, von weltlicher Macht, von dem Zeugnisse darauf gebauter Einrichtungen empfängt, nicht gänzlich hinwegsetzen kann. O wie frei athmete ich damals auf, wie schien mir plötzlich Alles eine andere Gestalt angenommen zu haben! Wie erhaben fühlte ich mich, seit ich den Muth gehabt hatte, dies ganze Gewirre von Satzungen, Parteigezänk, von weltlichen und geistigem Pomp, von kecker Anmaßung der richtigen Meinung und von Verfolgung für Nichts zu halten! Meine ganze Familie kehrte damals gemeinschaftlich mit mir zum jüdischen Bekenntniß zurück, und da wir nicht hoffen durften, unter diesen Umständen in Portugal gesichert zu sein, da zumal die Inquisition das erste Geschenk war, welches die spanische Herrschaft der mit ihr vereinigten portugiesischen brachte, so verließen wir die Heimath und kamen zu Euch, wo wir liebevolle Aufnahme fanden.« Uriel hielt hier inne, denn er fühlte wohl, daß er sich schwierigen Geständnissen nahte. Er mußte entweder von dem so eben Zugestandenen Vieles zurücknehmen, oder sich selbst einer auffallenden Unbeständigkeit anklagen. Ben Jochai strich die Mähne seines Pferdes; doch schien sich hinter dieser Unbefangenheit seine lauernde Erwartung zu verstecken. »Nun weißt Du ja, lieber Vetter,« fuhr Uriel endlich fort, »was mir fernerhin Alles begegnet ist. Die ganze Gemeinde ist davon voll, und ich muß sehr fürchten, daß sie in ihrem Eifer schon gegen mich Partei genommen hat. Was ließ sich natürlicher voraussehen, als die Ketzerei, deren man mich beschuldigt? Ich kam bald auf den Gedanken, ob es denn, um meine Abneigung gegen das Christenthum zu beweisen, nöthig war, daß ich Jude wurde? Hatte ich mich nicht von einem Symbol an das andere verkauft, von einer Ceremonie an die andere, von einem Zwange an den andern? Ach, das schnitt tief in meine Seele ein, denn der Trank, den ich gegen genossenes Gift an meine Lippen setzte, war eben so zerstörend, als der frühere. Es war nicht mehr Zweifel, sondern Haß gegen das Göttliche, der mich ergriff. Ich klagte den Himmel an, daß er sich der niedrigsten, elendesten, materiellsten Stützen bediente, um in die Herzen der Menschen einzusteigen, und ergab mich zuletzt einer dumpfen Gleichgültigkeit, von der ich glaube, daß sie gegen Alles schützen könnte. Ich zog mich von der Gemeinde zurück; doch der unglückliche Wahn, in mir ein erwähltes Werkzeug der Jehovalehre gefunden zu haben, bestimmte diese, mich immer aus meinem Versteck wieder hervorzusuchen. Ich sollte die Anwaltschaft für das jüdische Gesetz übernehmen, bald in Schriften, bald in öffentlichen Disputationen, bald gegen Christen, die sich dem Judenthum zuwenden wollten. Mein Herz ist der Lüge Feind, ich schwieg, wenn meine Gegner die Rabbinische Tradition angriffen, ich erklärte sogar, niemals eine Moral des Eigennutzes vertheidigen zu können. Der Bruch mit der Synagoge wurde immer sichtlicher. Man brach in meine Wohnung, raubte die Papiere, welchen ich meine zitternden, schüchternen Gedanken anzuvertrauen wage, Gedanken, die ich nicht aufzeichnen würde, wenn ich sie für schon ausgemachte Wahrheiten hielte; man übergab sie dem Arzte de Silva, meinem ehemaligen Freunde, der entschlossen sein soll, sie durch eine öffentliche Schrift zu widerlegen. So werde ich, ohne es zu wollen, in einen harten Kampf verwickelt, den ich nicht bestehen kann, weil ich ohne alle Rüstung bin. Denn fragst du mich, welches mein Ziel, mein Letztes, das ich trotz aller Martern nicht lasse, so bricht mein Leid in die Klage aus, die im Raum und in der Zeit Alles um mich her stöhnt, und die mich unaussprechlicher verzehrt, als die Widerwärtigkeiten mit der Synagoge. Es läßt sich nichts unwiderruflich festsetzen: ich weiß nichts, lieber Vetter.«

Ben Jochai war offenbar in Verlegenheit gerathen; man wird es immer, wenn die Aufrichtigkeit eines Helden plötzlich in jene Rührung übergeht, welche Zuspruch zu verlangen scheint, und den man doch nicht zu geben wagt. Noch dazu war er darauf vorbereitet, daß sein Vetter in das Lob des Christenthums ausbrechen würde; ja er glaubte nach einigen Augenblicken, sich doch nicht in seiner Rechnung betrogen zu haben, und wandte sich zu Uriel: Unter solchen Umständen muß natürlich deine alte Liebe zum Christenglauben wieder in dir erwachen, und ich glaube, du würdest glücklich werden, wenn du einzig der Eingebung deiner Neigung und deinem Muthe, den ich nicht in Abrede stelle, nachgäbest.«

Doch Uriel winkte mit der Hand, und ohne zu ahnen, daß sein Vetter wie im Tone des Versuchers zu ihm gesprochen hatte, flüsterte er heimlich, als wenn er sich des Bekenntnisses schämte, aber doch mit ganzer Seele: »Ich hasse die Christen!« gab seinem Thiere die Sporen, und schien eine weite Strecke lang nur mit dem schnellen Hufe seines Rosses beschäftigt zu sein.

Doch jetzt entfernten sich die Reiter von der großen Landstraße und bogen in einen Seitenweg ein, der sie ihrem Ziele näher führen mußte. Vielleicht kam Uriel dadurch in eine ruhigere Gedankenverbindung und hätte gern das Unvermeidliche fallen lassen; doch Jochai hatte die Pause benutzt, um eine Trostrede zusammenzusetzen, wie sie großen Situationen gern nachzuhinken pflegt.

»Obschon sich nicht erwarten läßt,« sprach er, daß du auf die Synagoge mit Veränderungen wirken kannst, so wird sie sich zuletzt doch entschließen müssen, dich deinen eigenen Weg wandeln zu lassen. Du bist schon weit berühmt in diesen Ländern, und wenn gleich der Ruhm das am leichtesten Antastbare ist, so ist der Synagoge doch nicht gegeben, dich zu erreichen. Du wirst die glücklichsten Tage verleben, wenn erst Judith deine Gattin ist und sie alle ihre wunderbaren Reize, die jetzt noch ihres Vaters Haus verschließt, in dem deinigen entfalten kann.«

Diese Wendung war wirksamer, als der Anfang in Jochais Beruhigungsworten. Uriel sah freudig auf, ritt seinem Vetter näher und sprach mit Entzücken: »Dem theuern Weibe so nahe, nimmt mir die Welt eine andere Gestalt an. Kann auch das, was häßlich ist in meinem Leben, nicht zur Schönheit sich plötzlich umwandeln, so fühle ich doch, wie geringfügig es ist, und hüte mich, Gedanken daran zu verschwenden, die ich in dem Augenblicke nur meiner Liebe entzogen glaube. Noch begreife ich nicht, Vetter, wie du mir deine Rechte auf Judith so ohne Schwierigkeit abtratest.«

Jochai lächelte und entgegnete: »Obgleich mich schon die Wiege zu Judiths Verlobten machte, so gelang es mir doch in reiferen Jahren nie, mich in mein Recht einzusetzen. Ich überließ es dir, weil ich dich liebe und dein Leiden um die Angebetete mir Mitleid einflößte. Ich konnte auch Judiths Verlangen nicht besser stillen, als wenn ich dir den Paß erleichterte. Ich freue mich nun, euch glücklich zu sehen.«

Uriel reichte ihm die Hand und sagte: »Deßhalb hast du mich auch zu deinem ewigen Schuldner gemacht. Einen treuern Boten und uneigennützigeren Zwischenhändler, wie sie jede Liebe verlangt, habe ich nicht finden können. Verzeihe mir's, daß ich dich heut zum Lohne mit so vielen trübseligen Geschichten bedachte!« Aber Jochai hörte nicht darauf, und wie in Vergessenheit versunken, sprach er vor sich hin: »O Judith ist schön!« Uriel fühlte, wie seine gesteigerte Sehnsucht das Echo dieser Worte wurde und lauschte entzückt, wie Jochai seinen heimlichen Ausruf mehrfach wiederholte.

Die Sonne hatte schon weit über ein Viertel ihres Halbbogens zurückgelegt, als sich die Reiter dicht in der Nähe ihres Zieles befanden. Das im besten Style für die damalige Zeit gebaute Landhaus des reichen Juden Manasse Vanderstraten schimmerte ihnen durch Boskete und Alleen entgegen; in kurzer Zeit hatten sie die Zugbrücke des Grabens, der noch ziemlich feudalistisch das moderne Schloß umgab, erreicht, und ritten in den Hof ein. Dieser so frühe Besuch war eine Ueberraschung; doch bald waren die zerstreuten Glieder des Hauses auf einem Punkte, Judith in den Armen Uriels, der alte Vanderstraten im Handelsgespräche mit Ben Jochai. Es war eine kindische Vorbereitung, mit der die beiden Liebenden die Festtage ihres Zusammenseins zu beginnen pflegten; denn als sie die Orangerie erreicht hatten, welche dicht am Hause in die hinten liegenden Gärten führte, setzten sie zuerst ihren Schmuck und die äußern Auskleidungen ihrer Schönheit zurecht: Uriel, der jede Kette, jede Haarschnur, das Stirnband, die Ohrgehänge, den Gürtel, Alles unübertrefflich und ganz angemessen fand dem dunkeln, in langen Locken fallenden Haar, der majestätischen Stirn, dem blendenden Nacken, den zahllosen Reizen, mit welchen Judith die kühnste Vorstellung von der griechischen Liebesgöttin übertraf; sie aber, der nichts recht war, weder die Halskrause, noch die Verschlingung der goldnen Brustkette, weder der Fall der Barettfeder, noch die Schleifen an den Schuhen, die ihr vor Allem pedantisch erschienen. Sie hatte viel an ihm zu stutzen und zu ordnen, ehe sie ihrer glühenden Küsse ihn für würdig hielt. Und Uriel war glücklich in diesem Spiele, seine Augen verkleinerten sich, als wäre der Horizont seiner Seele viel zu weit für diese stille Freude, er gab sich der Arglosigkeit dieses Genusses, den sonderbaren, liebenswürdigen Einfällen Judiths, ihren Launen, ihrem kindischen, verstandlosen Geschwätz, dem ganzen Wahnwitz einer so jungen Liebe hin, mit derselben schwelgerischen Entwaffnung, die ihr empfindet, wenn eine zarte Hand in eurem Haare wühlt! Warum läßt sich für die unbelauschten Genüsse der glücklichen Liebe keine Schilderung finden! Man würde Aphrodite beleidigen, lauschte man an dem Zelte des Achilles, wie Briseis ihm den Helm und Harnisch nimmt und unter Kosen und Lachen über den Schrecken der Schlacht einen Triumph des verliebten Scherzes nach dem andern feiert.

Ueberfälle der Liebenden gelangen nur, wenn sie mit List verbunden waren, und da sie zur Vorsicht keine Zeit hatten, so wurden sie oft überlistet. Sie mußten dann an den Gesprächen der Uebrigen Theil nehmen, auch an ihren Mahlzeiten, mußten Antworten auf Fragen geben, die man eifrig an sie richtete, und doch thaten sie Alles dies nur im dämmernden Bewußtsein. Sie träumten, indem sie Vanderstratens weit hergewanderte Fasanen aßen und die herrlichsten Seefische bald ausschlugen, bald nach ihnen verlangten. Judith hielt Alles für eine widerliche Störung und fand einen Gang der Gerichte ihres Vaters mißrathener als den andern. Sie warf mit Brodkugeln nach ihren Verwandten und behauptete, sie hätten auf ihre Bärte heute nur geringe Sorgfalt verwendet. Die Weine ihres Vaters gab sie für verfälscht aus, und wenn man sie mit vielen Fragen behelligte oder ihre Schönheit pries, so schrie sie auf und nannte sich das unglücklichste Wesen, das am Ufer des Meerbusens IJ wohne. Kurz, sie war so liebenswürdig, daß Uriel verstummte und sie kaum anzusehen wagte, weil er fürchtete, das, was ihn bezauberte, zu zerstören. Endlich waren sie wieder allein und wandelten mit verschlungenen Armen durch die schattigen Gänge des Parks.

Sollte ich mir einen Ort wählen, wo ich am liebsten mit der Königin meines Herzens zärtliche Zwiesprache hielte, so führte ich euch hinaus aus den Städten, in grüne Wälder und zeigte euch jenen lachenden, weißen Schimmer, der von einer einsamen Villa durch die flüsternden Zweige fällt. Was braucht ihr, um zu wissen, daß es sich hier friedlich lebt, mehr als jenes schlanke Reh, das ohne Scheu durch die halbgeöffnete Pforte in den Hof schlüpft, während ihr Anstand nehmt, ihm zu folgen? Höchst royalistische, aber auch höchst poetische Sitze, in die Frankreichs Heinriche ihre Dianen von Poitiers einschlossen! Die Göttin Langeweile ist die Haushofmeisterin jeder Villa, welche dazu bestimmt ist, dem Geschäftsüberladenen, dem Denker, der Sommerlust oder gar der sogenannten Freude an der schönen Natur zum Asyl zu dienen. Nur für die Liebe sind sie geschaffen, diese stillen Plätze mit ihren langen Fenstern, ihrer weitschallenden Thurmuhr, ihren Orangerien, Springbrunnen, Teichen, Schwänen, mit ihren Grotten, chinesischen Tempeln, Statuen, mit all diesen reizenden Geschmackwidrigkeiten, welche aber dann nur noch einem Gärtner, einem Koch und einer alten Hausmagd zugänglich sein dürfen. Die Liebe braucht mehr als die gewöhnliche Zeit, um vollkommen zu genießen, sie braucht Langeweile, Anreizung zum Schlaf, tausend gähnende Herausforderungen, um zu wachen, sich zu kurzweilen und zu küssen. Darum war auch Uriel so glücklich unter den Tempelchen und Grotten und Götterbildern, die des alten Vanderstraten elender Geschmack hier aufgehäuft hatte. Beide, Uriel und Judith, bedurften jener wasserspeienden Delphine und geschwätzigen Cascaden, welchen sie auf Stunden übertrugen, das zu murmeln, was sie selbst verschwiegen, nur in den Armen sich haltend und treue Blicke wechselnd. Das einförmige Rudern langweiliger Schwäne war ihnen, die sie kaum ihren Athem hörbar machten, wie der laute Flügelschlag der äußern Welt, die sie nicht mehr kannten und kennen wollten. Das Leiseste schreckte sie auf, und so heimlich sprachen sie, als ob sie fürchteten, das schweigende Laub aus seinem Schlummer zu stören. Schon näherte sich der Abend, der Sonnenschein sprang höher hinauf in die Wipfel der Bäume, eine prosaische Allee, die, indem sie die Bedürfnisse der Liebe nicht kannte, in schnurgerader, tugendhafter Linie zum Schlosse führte, brachte sie in den Kreis der versammelten Gesellschaft zurück. Ben Jochai kam ihnen mit dem unverschämten Lächeln der Vertraulichkeit entgegen, und ein gemeinschaftliches Gespräch, herumgereichte Früchte und Weine hatten sie bald an den schwachen elektrischen Faden angekettet, der die verschiedensten Personen hier zusammenhielt.

Da wurde im Hofe unerwartetes Geräusch hörbar. Ein Diener kam in den Gartensaal hereingestürzt, um die Ankunft einer sonderbaren Gesellschaft zu melden. Diese folgte ihm auf dem Fuße: Männer mit langem Talar und ungeschornem Barte, Rabbiner und, wie man mit Schrecken sah, Abgeordnete der Synagoge traten schnellen Schrittes herein und warfen spähende Blicke auf die, welche sie hier versammelt fanden. Was konnte ihnen erwünschter kommen, als daß Uriel, nichts Gutes ahnend, aufstand und ihnen entgegenschritt? Denn ihn suchten sie.

»Wehe, wehe!« riefen alle eintönig, und der mit dem Worte Beauftragte fuhr mit schreckhafter Geberde und in dumpfem Tone fort: »Wehe diesem Hause, daß der pestartige Aussatz des Fluches, den die Kirche über einen ihrer entarteten Söhne verhängen muß, sich durch seine Mauern verbreitet! Dir aber gilt der Fluch, Uriel Acosta, meineidiger Verräther an dem ewigen Gesetze des ewigen Gottes, Schützling der abgefallenen Engel und geheimes Werkzeug der gottlosen Feinde Jehovas und der Spötter! Lange genug ertrug Jehova, wie dein lügenhafter Geist sich in immer neuen Schmähungen seines Namens überbot. Du hast kein Mittel gescheut, den göttlichen Bau des Gesetzes zu untergraben und zur Verspottung deines Glaubens geborgt die falschen Künste und Lehrmeinungen von allen Völkern, die meisten aber von den Christen. Ein weiser Gelehrter, Judas de Silva, hat deine Zweifel für gefährlich erklärt und in musterhafter Schrift nachgewiesen, daß du mit ihnen die äußerste Strafe über dich verhängt hast. Die Langmuth des Himmels ist zu Ende. Wir sind mit dem elenden Auftrage hier, dich in die geistliche Acht zu erklären und den Fluch Gottes über dich auszusprechen. So versenge das Gras unter deinem Fuße und die Luft weiche bebend vor deinem Munde zurück, wie man einen Aussätzigen flieht! Gelobt sei Gott! In den Leib des Weibes, das dich geboren, fahre Siechthum, deine Brüder werden dich meiden wie böse Ansteckung, und deine Schwester wird dir einen Stein reichen, wenn du vor Hunger verschmachtest. Gelobt sei Gott! Das schmutzige Thier, das wir verachten, wird dir nachlaufen, und jedes Wasser, in dem du dich reinigen willst, wird sich vor deinen Augen trüben. Gelobt sei Gott! Die Gebrechen des Alters werden dich früh belasten, und ein sieches Leben wirst du lange fristen, Jahre lang wird der Todesengel an deiner Kehle schnüren und deine Gebeine werden schon in Staub zerfallen, noch ehe du gewaschen bist. Deinen Bitten wird der Himmel sein Ohr verschließen und eher dem verzeihen, der seinen Vater erschlug, als dir, den Gott durch der Kirche Mund verflucht hat!«

Diese Verwünschung erschütterte Uriel weniger als die Wirkung, welche sie auf die Versammelten hervorbrachte. War er bei den ersten Worten des Rabbiners noch zweifelhaft, ob er diesen unverbesserlichen Fanatismus mit der gleichgültigen Miene eines Erhabenen aufnehmen sollte, verglich er noch einen Augenblick den lächerlichen, ich möchte sagen hohnlächerlichen Kontrast, in welchem die Natur und die Einfachheit des Glücks, das er eben genossen, zu jener, auf so viel unnatürliche Voraussetzungen gebauten Autoritätsanmaßung stand, so erblaßte er, als er seine Umgebung auseinanderstieben sah, und hielt sich wankend an einer laubumrankten Säule fest. Noch ehe der Fluch zu Ende war, waren schon alle Uebrigen von ihm mit Entsetzen zurückgewichen; Vanderstraten riß seine bebende Tochter zu sich heran, und sie leistete keinen Widerstand; Jochai zog sich zurück, um jede Verlegenheit, in die sein Aberglaube, seine Furcht und seine Freundschaft gerathen konnten, zu vermeiden. Uriel streckte flehend die Hand aus nach Judith; aber sie war zu schwach, um die Möglichkeit, an des Verfluchten Seite zu verwesen, herauszufordern; sie wies ihn mit Entsetzen zurück. Uriel stand vernichtet, alle mit Mühe zurückgedämmten Mißlichkeiten seines Lebens fielen eisenschwer auf ihn nieder, er athmete kaum und schwieg. So blieb er einen Augenblick, dann schien ihn eine plötzliche Wuth zu erfassen, er ballte die Faust, die Adern des Halses schwollen an, ein Schrei der Verzweiflung und der Drohung erstickte in seinem Munde, und mit wüthenden Geberden stürzte er fort. Er flog in den Hof, riß sein Pferd aus dem Stalle und sprengte ohne Sattel davon.

Wer Uriel in der Dämmerung über die Straße stürmen sah, ohne Hut, mit fliegendem Haar auf dem schweißtriefenden Rosse, das er unausgesetzt mit seinen Sporen stachelte, mußte ihn für einen Dämon der Fabel, einen König der Heide halten, der funkenstiebend durch seinen Zauberkreis flieht, um die Nacht zu erreiten, oder für Orestes, der den Muttermord eben vollzog und die Furien hinter sich die brennenden Fackeln schwingen hört. Bäume, Hügel, Seen glitten nebelhaft an Uriels Blicken vorüber; er wollte nichts, als das Nichts, das Oede, die Leere, Gedankenlosigkeit, Vergessen. Aber des Thieres Kräfte reichten nicht aus, es mäßigte endlich keuchend seinen Schritt und an Uriels Ohre hörte es auf, in's Leere zu sausen. Die Dinge flogen nicht mehr, er sah, daß Alles stand und nur auf ihn wartete, ob er herankäme. Der Mond stand über ihm, die Bäume warfen lange, schweigsame Schatten, ein Stern blitzte nach dem andern am Himmel auf. Er mußte inne halten, um sich auf Alles, was geschehen war, zu besinnen. Es schien ihm, als läge eine lange Vergessenheit hinter ihm und eine alte, trübe Erfahrung, die ihn betrog, äffe ihn auf's Neue. Aber verzweifelnd schlug er die Hände zusammen, als ihn die Täuschung verließ, und er wohl die ungeheure Last empfand, die noch die jüngste Stunde auf ihn gewälzt hatte. Er sah den Mond, diesen alten Wächter seiner Liebe, und es war ihm, als habe er nur Untreue erlebt, Verrath in Judiths treugeglaubtem Herzen. Dann aber fiel ihm ein, warum sie floh, als er flehend nach ihr winkte; die öden Priester klopften an seine Seele, ihre knöchernen Arme streckten sich von den Gräben am Wege herauf, und Alles um ihn her rief mit dumpfer Grabesstimme die Worte des Fluches nach, die sie vorsprachen. Uriel zitterte; er spornte sein Thier, denn er war noch nicht im Stande, die ganze Last zu tragen. Die zunehmende, vom Mond erhellte Dunkelheit half ihm; sie nahm ihm den Horizont, sie umzog ihn mit weiter, wüster Leere, so daß seine Empfindungen zerfließen konnten in die Weite, ohne Störung, ohne Erinnerung an das, was nun nicht mehr ist, was Alles verloren ist. Er sah nun Judith nicht mehr allein, nicht mehr die Priester allein, sondern Alles und sich, den Verfluchten, den Ausgeschiedenen, den Geächteten. Er hatte mit dem Menschengeschlechte jetzt keine religiöse Gemeinschaft mehr. Was ihn unter andern Umständen nicht gestört hätte, das peinigte ihn jetzt, daß er für sich selbst die Verantwortlichkeit seiner Seele übernehmen mußte. Er fragte sich zweifelnd, ob er sich denn einen Tempel bauen dürfe? Ob nicht, wie einst in Jerusalem, feurige Flammen, aus der Erde kommend, seinen heidnischen Bau zerstören würden? Ob nicht der Himmel ein Ort sei, den sich nur der Glaube einer Gemeinde schaffe, und es vergebens sei, für sich, zu seiner eigenen Seligkeit, diesen Himmel zu beschwören? Ob Jehova gerechter sein werde, als die Juden, da er mit der Befangenheit eines irdischen Geistes oft um ihn herumgegangen wäre, an ihm gemeißelt und gedeutelt hätte? Ob nicht Alles Verbrechen an ihm sei, und jetzt Alles gerechte Strafe? Seine Gedanken verwirrten sich, er verlor die Besinnung, und ohne zu wissen wohin, schwankte er auf seinem müden Thiere fort.

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