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Gutenberg > Ludwig Thoma >

Der Ruepp

Ludwig Thoma: Der Ruepp - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Ruepp
authorLudwig Thoma
year1922
publisherAlbert Langen Verlag
addressMünchen
titleDer Ruepp
pages3-304
created20020508
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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Ludwig Thoma

Der Ruepp

Roman


Erstes Kapitel

Ein Sonntag mitten in der Ernte wäre eigentlich zum Ausruhen gut gewesen, denn es lag viel Arbeit hinter Mensch und Vieh, und nicht weniger stand bevor. Wenn man durch Weidach ging, breitete sich auch diese feiertägliche Rast wohltuend um die Bauernhöfe aus; ein altes Weibl saß auf der Hausbank und stopfte an einem blitzblauen Socken herum, daneben stand die Junge im Putz bei der Nachbarin; sie hatte sich nach dem Rosenkranz noch nicht ausgezogen, weil sie ein langer, ausgiebiger Ratsch aufhielt.

In den Ställen herrschte die friedlichste Stille; wer so einem Ochsen zuschaute, wie er auf dem Stroh lag und nachdenklich wiederkäute, der konnte glauben, daß das Vieh den Genuß des Ausrastens am besten verstand. Jedenfalls viel besser wie die Bauern, die in der rauchigen Wirtsstube hockten und soviel tranken, daß ihnen die Frühstunde am Montag die wehleidigste der ganzen Woche werden mußte.

Die jungen Burschen und Knechte lärmten in der Kegelstatt neben dem Wirtshaus. Vor einer die Kugel auf den Laden setzte, fluchte er; warf er wenig Kegel um, fluchte er, und warf er viele um, fluchte er auch.

Ein paar Mädeln gingen auf der Straße, steckten die Köpfe zusammen und taten so, als bekümmerten sie sich kein bissel um die Burschenschaft, obgleich sie bloß derentwegen vorbeischlichen.

Ein Knechtl tat ihnen den Gefallen und pfiff gellend durch die Finger.

»D' Ecker Zenzi! Und d' Liebhardt Nanni. Da geht's zuawa! Herrgottsaggerament! Wiah, macht's amal, geht's zuawa!«

Ein paar andere pfiffen durch die Zähne und schnackelten.

»Höi! Zuawa da!«

Die Mädeln gingen zögernd hin, nippten an den Bierkrügen, die ihnen zugeschoben wurden, und kicherten über die kecken Reden, die sie hören mußten.

Am lautesten war der Wenger Hartl, ein rothaariger Bursch mit einem blatternarbigen Gesicht, ein schiecher Kerl, aber ein gefürchteter Raufer und das frechste Maul weitum.

Er verstand es am besten mit den Mädeln, und lachte selber am meisten über seine zotigen Sprüche.

»Du spinnst im höchsten Grad,« sagte die Liebhardt Nanni zu ihm und wischte sich mit dem Handrücken den Bierschaum ab.

»Laß mi no eini in d' Kamma, na spinn i dir dein Flachs owa . . . was is?«

»Da Seppi hat an Kranz g'schoben.«

»Ah Herrgottsaggera, der Bluatshund, der miserablige . . .«

In der Wirtsstube horchten sie hie und da auf, wenn es draußen überlaut wurde, und es schüttelte auch einmal einer den Kopf.

Früher war das anders, meinte er, und sich gar so auslassen durfte man als junger Mensch nicht.

Die Alten hätten's nicht gelitten und hätten sich Ruh verschafft. Aber jetzt sollte es einmal einer probieren und den Jungen was sagen; wie sich die aufgemanndelt hätten! Und wie einem jeder Knecht schon das Maul anhing und gleich die Arbeit vor die Füße hin schmiß.

Früher ließ man so einen gehen und stellte einen andern ein, aber die Sache war jetzt so, daß man froh sein mußte um einen schlechten. Wenigstens in der Ernte.

Bald gab man in der Wirtsstube nicht mehr auf den Lärm acht, der von der Kegelstatt hereindrang, da es drinnen selber lebendig wurde.

Der Ruepp von der Leiten hatte sich seinen gewohnten Sonntagsrausch angetrunken und nahm den Stadelscheck, einen kleinen Häuselmann, in die Arbeit.

Wenn der Ruepp einen vor hatte, hörte er nicht mehr auf, bis der andere ging, oder auch, bis er selber hinausgeschmissen wurde.

»Dei Vata hat von dem mein zwoahundert Guld'n z' leicha g'habt.«

»Net wahr is.«

»Net is wahr? Hat ma's mei Vata net hundertmal g'sagt, der alt Stadelscheck, hat er g'sagt, hat mir zwoahundert Guld'n wega g'schwor'n, aba, hat er g'sagt, dem müass'n seine Schwurfinga derfäul'n.«

»Du lüagst . . .«

»I? Hat ma's mei Vata net g'sagt?«

»Der ko g'sagt hamm, was er mög'n hat, der Leutbetrüaga!«

»A's Grab eini tatst du mein Vata schimpf'n, du . . . du . . .«

Der Stadelscheck schlug auf den Tisch, daß die Krüge hoch sprangen.

»Leutbetrüaga . . . hab i g'sagt . . . Lump hab i g'sagt . . .«

»Sagst du?«

»Der nämli, wia du, akkrat als wia du . . .«

»Jetza, Manndei, hast was hör'n lassen. Jetza kriag i di . . .«

»Hört's amal auf mit enkern G'schroa! Es san ander Leut aa no da,« sagte der Lukas, der neben dem Stadelscheck saß.

Der Kleinhäusler ließ sich durch den barschen Ton einschüchtern, denn der Lukas in Buch war der angesehenste Bauer in der Gemeinde.

Aber wie hätte der Ruepp von der Leiten auf seinen heimlichen Feind und Nachbarn was geben sollen?

»Mi bekümmern die andern Leut gar nix,« schrie er.

»Dös werd si nacha scho aufweisen. Mir woll'n unsern Ruah hamm.«

»Durchaus gar nix bekümmern mi d' Leut. Und du scho gar net.«

»Is scho recht.«

Der Lukas hatte eine Ruhe, die den andern ganz auseinander brachte.

»Is vielleicht it wahr, daß ma du vor der Arndt an Knecht ausg'spannt hoscht?«

»Geh, red it!«

»Jo, red i. Der Eckl Kaschpar waar zu mir kemma, und er hat ma's scho g'hoaßen, und na hoscht ma'n du wega g'redt, du Falschhauser!«

»Überleg dir's a weng, was d' redtst.«

»Wahr is! An Sunntag vor Jakobi bist beim Eckl hiebei g'wen. Hat ma di scho g'sehgn, Manndei, wann'st as aa no so hoamli machst. Di kenn i guat, di!«

»I di aa, Ruepp. Und deswegn gib i mi net ab mit dir. Net amal wann's d' nüachtern bist.«

»Du protz di vor de andern, aber net gegen meiner! Von dir woaß i allerhand . . .«

»So viel's d' magst. Kellnerin, zahl'n!«

»Zwegn was hat denn selbigsmal dös Hüatermensch so gschwind furt müassen bei enk? Soll i da's sag'n, was d' Leut g'sagt hamm?«

»Red zua . . .«

»Du Feinspinner, du schlitzohreter! Möcht er oiwei der gar ander sei und 's Muster für de ganz Gmoa, und derweil hat eahm fei Bäurin 's Hüatermensch außi g'haut . . .«

Der Lukas hatte gezahlt und stand auf.

Dabei sagte er mit einer Verachtung, die den Ruepp schmerzhafter traf wie jedes erregte Schimpfwort:

»I kannt di jetzt verklag'n, net? Aber du bist der Letzt, mit dem i mi vor's G'richt hi'stell'n möcht. Und weil's d' scho g'sagt hast, du woaßt allerhand, oans woaßt du do net. Wia's dir selm helfen solltst.«

»Brauch i di dazua?«

»I waar net zum brauchen. Pfüad Good beinand!«

Und damit ging der Lukas zur Stube hinaus.

Der Ruepp war einen Augenblick still geworden und schaute stier vor sich hin.

Die paar Worte mußten einen schlimmen Sinn haben, der ihn nachdenklich machte.

»Brauch i den dazua?« murrte er und schob seinen Bierkrug weg. »Den Falschhauser, den scheinheiligen?«

Nun schrie er schon wieder.

»Überhaupts bin i vielleicht wem was schuldi da hierin? Sollt oana hergeh und sag'n, daß i eahm was schuldi bin. Und dei glumpeter Vata hat si wega g'schwor'n von de zwoahundert Guld'n . . .«

»Dös sagst net nomal!«

»Dös sag i tausad mal.«

»Na hascht dös dafür!«

Der Stadelscheck gab dem Ruepp einen Faustschlag ins Gesicht, daß der betrunkene Mensch rücklings vom Stuhl fiel.

Er raffte sich mühselig vom Boden auf und keuchte.

»Jetzt muaßt sterb'n . . .«

Ein paar Leute hielten ihn, als er nach einem Bierkrug langen wollte.

Der Wirt kam schnell an den Tisch.

»Werd koa Ruah? Da hätt i ja an jeden Sunntag de b'suffene Gaudi. Du machst, daß d' außi kimmst, Stadelscheck!«

»Was braucht denn er mi . . .«

»Is scho ausg'redt. Rafft's draußen, aber net bei mir herin! Außi, sag i!«

Der Metzgerbursch faßte den Kleinhäusler unsanft an und drehte ihn durch die Stube zur Türe hinaus.

Derweil nahm der Wirt den Ruepp beim Arm.

»Außi beim Loch!«

Der Ruepp wollte sich sträuben.

»Dem kimm i g'richtsmaßi . . . dem Haderlump . . .« stöhnte er.

»Heut nimmer. Dös ko'st morg'n toa. Und jetzt wasch di am Brunna hint ab . . .«

Aus der Nase floß dem Betrunkenen Blut und tropfte auf Janker und Gilet herunter.

Er ging schimpfend neben dem Wirt her, der ihn in den Hof hinaus führte und an den Brunnentrog stellte.

Eine Küchenmagd, die neugierig nachgelaufen war, mußte Wasser pumpen, mit dem sich der Ruepp oberflächlich abwusch.

Etliche Buben standen um ihn herum.

»Ah, der blüat! Dem hat oana d' Nas'n anand g'haut. Der bsuffa Ruepp is . . .«

»Macht's it, daß weida kemmt's?« schalt der Wirt. »Muaß i d' Goaßel hol'n und enk hoam jag'n?«

Sie wichen ein paar Schritte zurück.

Derweil richtete sich der Ruepp brummend und schimpfend auf und ging hinter den Nachbarhäusern herum einem Feldweg zu, der durch Kornfelder am Dorfe vorbei führte.

Er war nüchterner geworden und hätte darüber nachdenken können, wie gut es einem verheirateten Manne, der erwachsene Kinder hatte, anstand, wie ein Handwerksbursche verprügelt und aus der Wirtschaft hinausgeschmissen zu werden.

Stellte der Lukas daheim und in der Gemeinde nicht ganz was anderes vor? Bei seiner Bäuerin, bei den Kindern und den Ehhalten galt bloß das, was er sagte. Drunten im Dorf geschah nichts gegen seine Meinung, für die er immer gute Gründe vorbrachte.

Und er, der Ruepp? Seine Afra war ein gutes Leut und hatte es nicht mit Schimpfen und Keifen, sooft er ihr auch Ursache dazu gab. Aber weil sie hinter seinem Rücken oft was gutmachen mußte, merkte er wohl, daß sich die richtigen Dienstboten mit ihr gegen ihn verstanden, und daß er dabei schon lang sein Ansehen verloren hatte.

Die Kinder waren ihm von klein auf aus dem Weg gegangen, wenn er angetrunken heimkam, und blieben scheu gegen ihn, auch wenn er nüchtern war.

Jetzt, wo sie erwachsen waren, zeigten sie deutlich, daß sie nichts auf ihn hielten, und der Älteste, der Kaspar, hatte ihm geradeheraus gesagt, daß er das gute Sach heruntergebracht habe.

Die Tochter, die Leni, war ja alleweil mit der Mutter zusammen gesteckt und wußte es schon als Schulmädel nicht anders, als daß sie mitjammern mußte über sein Wirtshauslaufen und Geldausgeben. Jetzt, als resches Frauenzimmer, das in Haus und Stall die meiste Arbeit traf, war sie schärfer wie die Alte, und er ging ihr gern aus dem Wege.

Am besten stand der Ruepp noch mit seinem Jüngsten, dem Michel, der in der Studi war, auf dem Freisinger Gymnasium, um geistlich zu werden.

Wenn der Ruepp zuweilen an einem geschmerzten Tag fand, daß man ihn in der Gemeinde nicht genug schätzte, malte er sich aus, wie ihm die Leute einmal doch alle Ehren erweisen mußten, nämlich an dem Tage, wo man die Primiz seines Michel feiern würde. Wenn er als Vater des hochwürdigen jungen Herrn beim Altar hiebei stünde, müßte der Lukas, so geschwollen er sonst tat, neben ihm verschwinden.

Ob der Ruepp jetzt auf dem Heimweg, wo er unsicher bald einmal links und bald einmal rechts in einen Kornacker trat und dann wieder stehen blieb, um sich seine blutende Nase abzuputzen, an das schöne Zukunftsbild dachte?

Jedenfalls erinnerte er sich dunkel daran, daß sein Michel gerade heute in die Vakanz heimkommen sollte, und dabei überkam ihn aufs neue die Wut über den Stadelscheck, der ihn so zugerichtet hatte.

Aber er wollt's ihm schon eintränken, dem Fretter, dem glumpeten!

Gleich den andern Tag, oder nein, den nächsten Mittwoch, wollte er nach Dachau fahren und die Geschichte advokatisch machen.

Und ins Amtsgericht wollte er hineingehen, damit daß der grobe Herr Oberamtsrichter, der ein wenig häßlich auf ihn war und ihn schon einmal eine bsuffene Sau genannt hatte, damit daß er den Schmerzensmann selber anschauen konnte mit seinen Spuren der Mißhandlung. Wann er die Arbeit sah, die wo der hundshäuterne Kleinhäusler verrichtet hatte, mußte er erkennen, auf welcher Seite die Gewalt und auf welcher das Leiden gewesen war.

»Bürschei, zahl'n laß i di, daß d' schwarz werst . . .« sagte der Ruepp vor sich hin und stolperte über den Feldrain.

Er fiel mit dem Gesicht ins Kornfeld und wollte sich aufraffen.

Dabei überkam ihn eine große Müdigkeit, und da es ihm in den hochstehenden Ähren kühl und angenehm vorkam, drehte er sich um und wollte schlafen.

Ein paar Grillen zirpten neben ihm, eine Hummel, die er durch seinen groben Fall aufgescheucht hatte, brummte unwillig um ihn herum.

Vom Dorf herauf drang das Donnern der Kegelkugel, die an die Hinterwand der Bahn krachte.

Ein paarmal öffnete und schloß der Ruepp seine Augen. Dann schlief er ein.

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