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Jules Amedée Barbey d'Aurevilly: Der rote Vorhang - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorBarbey d'Aurevilly
titleDer rote Vorhang
publisherEOS-Verlag
year1926
translatorArtur Schurig
illustratorOtto Goetze
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060225
projectid79d7abb1
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Diese kleine Verruchtheit – ja, Verruchtheit – ist ein ungeschminktes Spiegelbildchen gallischen Wesens und ein Prophet echten Franzosentums hält es mit kaltem Lächeln seinem Volke vor.

Aber aus der Einsamkeit und den geschärften Sinnen aller Propheten heraus. Denn Jules Barbey d'Aurevilly hat mit seinen »Diaboliques« 1874 (als welchen düsteren Teufeleien der hier folgende »Rote Vorhang« entnommen ist) nur die tiefen und verbissenen Einsichten in das Wesen des französischen Menschen gestaltet, wozu ihm jahrzehntelanges Abseitsstehen vom rauschenden Flusse des Pariser Lebens alle Muße schuf: Dieser Sproß eines normannisehen Herrengeschlechtes war aus seiner von Revolution und Bürgerkönigtum »entcanaillierten« Gegenwart in das Halbdunkel seiner Einsiedelei der Rue Rousselet gewichen. Dieser Don Quichote altfränkischen Heldentums hatte zur Feder gegriffen, weil ihm der französische Marschallstab versagt war. Dieser Dandy nach dem Riesenmaße der Beckford und Brummel schleppte ein mühseliges Dasein in enger Dreizimmerwohnung zwischen Brotsorgen und Haushaltsgekeife dahin. Seinem katholischen Monarchismus hatte die Theaterfrömmigkeit des zweiten Kaiserreiches ins Gesicht geschlagen und vor dem führerlosen Durcheinander des demokratischen Frankreich sank der Herold rücksichtslosen Willens in galligen Pessimismus zurück. Bis zur Qual des Wüstenheiligen aber muß dem Einsamen das düster unersättigte Liebesbedürfnis des Romanen gediehen sein. Denn der Brassard des »Roten Vorhangs« ist Barbey selbst und dergleichen gespenstigflackernde Liebesgesichte mögen den Eremiten der Rue Rousselet in gnadenlosen Nächten wie Träume der Erfüllung atemversetzend überkommen haben. Dem Katholiken Barbey entartet das Suchen der Geschlechter zum Satanismus, dem rationalistischen Franzosen ist es Verdienst, das Liebeserlebnis mit allem Schrecken und allem Zauber unnatürlichen Genusses zu umkleiden, auf daß heilsame Furcht jede Nachahmung ertöte, der dekadente Mitlebende von 1870 führt wollüstig die Raserei der Geschlechter hart an die Vernichtung heran. Im Hintergrunde aber lauert, dem Gallier selber unbewußt, das französischeste aller Erlebnisse: Romantik der Ausschweifung, Genuß um des Genusses willen, Liebe ein grausames Spielzeug wie der Tod.

Der verlästerte Prophet Barbey d'Aurevilly nun ist dem heutigen Frankreich des Nationalismus und politischen Katholizismus ein wirkender Führer geworden. Und so mag's an der Zeit sein, dieses sein bezeichnendstes Werk, diesen bei aller Abseitigkeit typischen Ausschnitt französischer Lebenshaltung erneut vor die Augen der Welt zu setzen. Otto Goetze mit seiner spielerisch-nackten und wieder sanatisch-flackernden Eingebung wird dabei von allen Kennern als der berufene künstlerische Erwecker von Barbeys eisklarem und verhalten funkelndem Stil gewertet werden.

Karl Toth.

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