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Der rote Freibeuter

James Fenimore Cooper: Der rote Freibeuter - Kapitel 33
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer rote Freibeuter
publisherHesse & Becker Verlag
firstpub
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Einunddreißigstes Kapitel.

Schrecklicher und schneller war die letzte Bö nicht über das Schiff dahingefahren als die soeben geschilderte Szene. Aber der lächelnde Anblick des ruhigen Himmelsgewölbes und die glänzende Sonne über der karaibischen See fand nichts, was mit den grausenvollen Momenten, die auf das Gemetzel folgten, in Vergleichung gebracht werden konnte. Die augenblickliche Verwirrung, die Scipios Fall begleitete, löste sich bald, und Wilder überblickte nunmehr das ganze scheußliche Gefolge der Schlacht, die Zertrümmerung aller der gerühmten Kräfte seines Kreuzers, die Zerstörung so vieler Menschenleben.

Wenige Schritte von dem Ort, den er einnahm, stand regungslos die Gestalt des Freibeuters. Indessen mußte er sich durch einen zweiten Blick erst überzeugen, ob es auch wirklich dessen milde Gesichtszüge seien, da ihnen die schon erwähnte Entermütze ein etwas grausenhaft Wildes ankünstelte. Als Wilders Auge die gerade Gestalt maß, in deren Stellung sich noch der Triumph aussprach, wurde es ihm schwer, sich der Einbildung zu erwehren, daß sie plötzlich und unbegreiflich höher geworden sei. Die eine Hand ruhte auf dem Griff eines türkischen Säbels, und die längs der gekrümmten Klinge herabperlenden Blutstropfen deuteten an, welche schreckliche Dienste die Waffe im Gemetzel geleistet hatte; der eine Fuß trat wie mit übernatürlicher Wucht auf jenes Nationalzeichen, das herunterzureißen sein Stolz gewesen war. Ernst und prüfend schweifte sein Auge über die Szene; allein weder durch Worte noch auf irgendeine andere Weise verriet er, wie innig ihn das Geschehene ergreife. Ihm zur Seite und fast im Kreise seines Armes stand halb gekrümmt der Knabe Roderich, ohne Waffen, in blutbespritztem Gewand, das Auge unruhig und furchtsam blinzelnd, und das Gesicht blaß wie die, in denen die Lebensflut soeben ihren Kreislauf geschlossen.

An verschiedenen Stellen traten dem Blicke die verwundeten Gefangenen entgegen, deren düstere Gesichter verkündeten, daß ihr Geist unbesiegt blieb, während viele ihrer beinahe ebenso unglücklichen Feinde auf dem Verdeck umher in ihrem Blute lagen, die Seele noch immer mit rachsüchtigen Gedanken erfüllt, wie das wilde Blitzen ihrer Augen bewies. Die gar nicht oder nur leicht Verwundeten beider Parteien beschäftigten sich bereits, die einen mit der Plünderung, die anderen ebenso emsig mit Versteckung der Habseligkeiten.

Wie tief mußte die vom Anführer der Freibeuter eingeführte Manneszucht Wurzel gefaßt haben, wie unumschränkt seine Macht sein, da kein Schuß, kein Degenhieb, kein Schlag fiel, von dem Augenblicke an, wo sein Verbot vernommen wurde! Aber das Zerstörungswerk war auch ausgedehnt genug, um selbst die heißeste Blutgier zu stillen, selbst wenn sie der einzige Beweggrund des Angriffs der Freibeuter gewesen wäre. Wildern blutete das Herz, als er die marmorblassen Totengesichter so manches ihm befreundeten Subalternen, so manches treuen Dieners überschaute; das tiefste Weh aber ergriff ihn, als sein Auge auf die starren Züge seines veteranen Kommandeurs fiel, die der Ausdruck des Zorns nicht verlassen hatte.

»Kapitän Heidegger,« sagte er, sich bemühend mit Festigkeit, wie es für den Moment geziemend war, zu sprechen, »das Glück hat sich heute für Sie erklärt; ich bitte um Gnade und Schonung für die Übriggebliebenen.«

»Beides soll denen, die mit Recht Anspruch darauf machen können, zuteil werden. Ich wünsche, der Ausgang möge zeigen, daß dieses Versprechen alle in sich schließe.«

Feierlichkeit und tiefe Bedeutung lag in der Stimme des Rovers; sie sollte offenbar mehr sagen, als die Worte ausdrückten. Aber Wilder würde über den Doppelsinn in der erhaltenen Antwort lange vergebens nachgesonnen haben, wenn ihm nicht die Annäherung der feindlichen Mannschaft, unter der er sogleich den erkannte, der sich bei der Meuterei auf dem Delphin am meisten ausgezeichnet hatte, nur zu bald den Schlüssel zu dem verborgenen Sinne der Worte ihres Befehlshabers gegeben.

»Wir fordern die Vollstreckung unserer alten Gesetze!« hob der Vormann der Rotte an, seinen Chef mit einer Kürze und wilden Frechheit anredend, die um so verzeihlicher war, als sich in ihr noch die Hitze des erst geendeten Gefechtes ausdrückte.

»Was wünscht ihr?«

»Den Tod der Verräter!« war die grimmige Antwort.

»Euch sind die Bedingungen unseres Dienstes bekannt. Wenn sich irgend solche in unserer Gewalt befinden, so führt sie ihrem Schicksal entgegen.«

Hätte Wilder noch im geringsten zweifelhaft sein können, wen diese furchtbaren Ankläger meinten, und was sie beabsichtigten, so würde ihm doch jetzt die entsetzliche Gewißheit aufgegangen sein, als man ihn und seine beiden Gefährten mit rohen Drohungen vor den Freibeuter-Häuptling schleppte. Stark zwar regte sich in seiner Brust die Liebe zum Leben, allein selbst in diesem schreckenvollen Augenblicke zeigte er sie nur, wie sie dem Manne ziemt, und verschmähte jede erniedrigende Bitte. Sein Geist war auf der Stelle gefaßt und frei von jeder Versuchung, sich der mindesten Ausflucht zu bedienen, die seines Standes oder seines Charakters unwürdig wäre. Statt dessen heftete er einen gespannten, forschenden Blick auf das Auge des einzigen Mannes, dessen Macht ihn noch retten konnte. Ihm entging der kurze, aber heftige, innere Kampf des Mitleids nicht, der in die starren Gesichtsmuskeln des Rovers Bewegung brachte, aber ebensowenig die kalte ruhige Fassung, die sich im nächsten Augenblick wieder über seine Züge verbreitete. Dies war für ihn Andeutung genug, daß die Pflichten des Chefs über die Gefühle des Menschen den Sieg davon getragen, und mehr bedurfte es nicht, um ihn von der gänzlichen Hoffnungslosigkeit seiner Lage zu unterrichten. Der Jüngling verschmähte es, sich zu fruchtlosen Vorstellungen herabzulassen; fest, unbeweglich und stumm stand er auf dem Fleck, wohin es seinen Anklägern gefallen hatte, ihn zu stellen.

»Und was ist euer Begehr?« sagte nach langer Pause der Seeräuber mit einer Stimme, die trotz seiner unerschütterlichen Nerven die innere Bewegung nicht verbergen konnte. »Was verlangt ihr?«

»Das Leben des Verräters!«

»Ich verstehe euch; – geht, es sei euch überlassen.«

Wie vorbereitend auch die Schreckensszene, die der Jüngling eben erlebt hatte, wie groß auch seine heldenmütige Lebensverachtung im Kampfe sein mochte, so wurde dennoch sein ganzes Wesen von dem langsam und feierlich ausgesprochenen Urteil seines Richters, das ihn einem schnellen und schmachvollen Tode preisgab, bis zur Bewußtlosigkeit erschüttert. Zurück zum Herzen strömte all sein Blut, und die betäubende Empfindung in seinem Hirn drohte seine Vernunft zum Wanken zu bringen. Allein der Stoß ging im Augenblick vorüber und ließ ihn in seiner bisherigen aufrechten, stolzen und festen Haltung verharren, so daß ein menschliches Auge wenigstens keine Zeichen sterblicher Schwäche an ihm hätte entdecken können, als er mit bewunderungswürdig beherrschter Stimme sprach:

»Für mich verlange ich nichts. Ich weiß, die Gesetze, die Sie sich selbst vorgeschrieben haben, verurteilen mich zu einem elenden Tode; doch diese Treuen, die mir mit blindem Vertrauen folgten, für sie fordere, ersuche, bitte, ja flehe ich Gnade von Ihnen: sie wußten nicht, was sie taten, und . . .«

»An diese hier müssen Sie sich wenden!« sagte der Rover, mit abgekehrtem Gesicht auf den Trupp zeigend, der den Bittenden umzingelte: »Diese sind Ihre Richter, und sie allein können Gnade schenken.«

Heftiger, fast unbesiegbarer Ekel sprach sich in dem Wesen des Jünglings aus; allein eine Kraftanstrengung, und er überwand ihn.

»So will ich denn«, fuhr er fort, indem er sich zu der Mannschaft wandte, »mich selbst gegen diese bis zum Flehen demütigen. – Ihr seid Menschen, seid Seefahrer . . .«

»Fort mit ihm!« ertönte Nightingales Rabengekrächze; »er will uns bepredigen! Fort mit ihm an die Rahenocke! Fort!«

Auf den grellen, langgezogenen Ton, den der hartherzige Bootsmann nun aus seiner Pfeife erschallen ließ, antwortete der rauhe, mißtönende Widerhall zwanzig verschiedener Stimmen von Menschen aus ebenso vielen verschiedenen Nationen:

»An die Rahenocke! Alle drei, fort!«

Zum letztenmal blickte Wilder auffordernd nach dem Korsarenhaupt hin; allein ihm wurde kein erwidernder Blick von einem Antlitz, das absichtlich weggewandt war. Mit glühendem Gehirn fühlte er sich jetzt fortgestoßen von der Schanze. Man brachte ihn nach dem Zentrum, dem weniger bevorrechteten Teil des Verdecks. Die Heftigkeit dieser Fortbewegung, das hastige Einschließen der Seile, samt allen den schrecklichen Vorbereitungen bei einer Hinrichtung zur See, mußte dem, der dem Rande der Ewigkeit so nahe stand, nur wie das Geschäft einer Sekunde vorkommen.

»Eine gelbe Richtflagge!« brüllte der rachsüchtige Vormann des Vorkastells; »laßt den Herrn seine letzte Seereise unter der Spitzbubenflagge machen!«

»Eine gelbe Flagge! Eine gelbe Flagge!« widerhallte es höhnend aus zwanzig Kehlen. »Herunter mit der Piratenflagge, hinauf die Farbe des Profos-Marschalls! Eine gelbe Flagge! Eine gelbe Flagge!«

Fid, der bis jetzt die rauhe Behandlung geduldet hatte, ohne ein Wort zu sprechen, und zwar aus keinem anderen Grunde, als weil er glaubte, sein Oberer sei besser geeignet, das wenige, was nötig sein möchte, vorzubringen, vergaß bei dem rohen Gelächter und lustigen Gespötte, womit der grobe Einfall aufgenommen wurde, die Mäßigung, die Klugheit heischte, und erfüllt von Verachtung und Ingrimm platzte er heraus:

»Schert euch zum Teufel, ihr Schufte! Ihr halsabschneiderischen lümmelhaften Schufte! Denn daß ihr Schufte seid, ist euch in eure Rachen rein zu beweisen, da ihr euer Schiffspatent vom Teufel selber habt; und daß ihr gleicherweise Lümmel seid, kann jedermann sehen an der Art, wie ihr dieses Tau mir um den Hals geschossen. 's wird ein hübsches Gedreh geben mit dieser Kinke in euerm Klappläufer! Aber schon gut, mit der Zeit werdet ihr schon alle erfahren, wie man einen mit Anstand hängt, das werdet ihr, ihr Halunken ihr. Ja, ja, zu der Kenntnis werdet ihr seinerzeit in aller Ehrlichkeit gelangen, ja!«

»Die Bugt glatt gemacht und aufgehißt mit ihm!« brüllten eine, zwei, drei Stimmen nacheinander; »ein kinkenfreier Klappläufer gibt eine rasche Fahrt gen Himmel!«

Zum Glück wurde die sofortige Ausführung durch einen neuen Ausbruch pöbelhaften Lärms von einer der Luken her gehemmt; und nun drangen die Stimmen einiger Schreier durch:

»Ein Priester! Ein Priester! So recht, pfeift die Schurken erst zum Gebet, ehe sie auf leerer Luft ihr Tänzchen machen.«

Im Nu, als wenn der, dessen Macht sie so lästerlich herausforderten, von seinem Gnadenthron herab auf ihren Hohn eine Antwort sendete, verstummte ihr wildes Gelächter, da sich eine tiefe Herrscherstimme in ihrer Mitte erhob:

»Beim Himmel, wird ein Gefangener in diesem Schiffe frech berührt von einer Hand, einem Blick, so trifft mein Zorn den Frevler so schrecklich, daß er sich das Los dieser Unglücklichen als eine Gnade ausbitten soll. Beiseite, befehl ich, und laßt den Kaplan herantreten.«

Sogleich fiel jede verwegene Hand, verstummte bebend jeder fluchende Mund, so daß der entsetzte, schreckenerfüllte Geistliche, der Gegenstand ihres frechen Spottes, Raum gewann, sich dem Strafschauplatze zu nähern.

»Schauen Sie hierher,« sagte der Rover mit mehr Ruhe, aber mit demselben hohen Herrscherton; »Sie sind ein Diener Gottes, und Ihr Amt ist heilige Menschenliebe; wenn Sie irgend etwas haben, was Ihren Nebenmenschen die letzten Augenblicke versüßen kann, so eilen Sie, es mitzuteilen.«

»Womit haben sich diese vergangen?« fragte der Geistliche, als er endlich zu sprechen vermochte.

»Gleichviel womit; genug, ihre Stunde ist nahe! Wenn Sie wünschen, Ihre Stimme im Gebet zu erheben, so fürchten Sie nichts; selbst hier sollen die ungewohnten Töne willkommen sein. Ja, diese Abtrünnigen, von denen Sie sich so frech umgeben sehen, sollen sprachlos auf den Knien liegen, wie die Wesen, deren Seelen von der heiligen Zeremonie gerührt sind. Spötter sollen stumm. Ungläubige ehrfurchtsvoll sein, auf einen bloßen Wink. – Reden Sie frei!«

»Zuchtrute der Meere!« begann der Geistliche, dessen bleiche Züge die Glut heiliger Begeisterung rötete, »gefühlloser Verletzer der Gesetze der Menschen! Frecher Verächter der Gebote deines Gottes! Fürchterliche Wiedervergeltung wird Rache nehmen für dies Verbrechen. Ist es nicht genug, daß du an diesem Tage so viele unvorbereitet dem Tode weihtest, daß sich deine Rachgier mit noch mehr Blut sättigen muß? Zittre ob der Stunde, wenn dies alles heimgesucht wird, wenn die Allmacht dein eigenes Haupt der Strafe weihen wird.«

»Sehen Sie doch!« sagte der Freibeuter, lächelnd zwar, allein mit dem Ausdruck einiger Gewissensbisse, trotz der erzwungenen, unnatürlichen Triumphmiene um seine bebende Lippe; »hier sind die Beweise von der Art, wie der Himmel das Recht beschützt!«

»Ist auch seine hehre Gerechtigkeit eine Zeitlang aus unerforschlicher Weisheit verborgen, täusche dich nicht, die Stunde schlägt, da sie mit Majestät erscheinen und sich fühlbar machen wird!« Hier erstarb dem Kaplan plötzlich die Stimme; denn sein wanderndes Auge war auf das zürnende Totenantlitz Bignalls gefallen, das von dem Flaggentuch, das der Rover mit eigener Hand über die Leiche geworfen hatte, nur halb bedeckt war. Der ehrwürdige Mann bot indessen alle seine Kräfte auf, und mit dem ungetrübten Tone der Ermahnung, der seinem heiligen Berufe ziemte, fuhr er fort: »Man sagt mir, das Gefühl für Ihre Nebenmenschen sei nur halb erstickt in Ihnen; der Same besserer Grundsätze, der in besseren Tagen in Ihr Herz gepflanzt wurde, mag unterdrückt sein, allein er ist noch da und kann belebt werden zu frommen . . .«

»Schweigen Sie! Sie sprechen umsonst. An Ihre Pflicht mit diesen Männern oder schweigen Sie.«

»Ist ihre Strafe unwiderruflich?«

»Sie ist's.«

»Wer sagt es?« erhob sich dicht beim Rover leise fragend eine Stimme, die ihm erschütternd bis in die verborgensten Nerven drang und das Blut aus seinen Wangen in den Mittelpunkt seines Herzens zurücktrieb. Demungeachtet hielt er mit seiner Antwort nur eine Sekunde inne, und gab sie dann ruhig, denn mit der Überraschung war auch schon die Schwäche vorüber:

»Das Gesetz.«

»Das Gesetz!« wiederholte die Gouvernante; »können die, die aller Ordnung Trotz bieten, die jede menschliche Einrichtung mit Füßen treten, von Gesetz sprechen? Sagen Sie, es sei herzlose, wilde Rachgier, wenn Sie wollen; aber legen Sie der Handlung nicht den geheiligten Namen Gesetz, bei. Doch nicht dies wollte ich sagen! Ich bin auf die Kunde von diesem grausenvollen Auftritt gekommen, um Ihnen Lösegeld für die Fehlenden anzubieten. Nennen Sie den Preis, und lassen Sie ihn bedeutend sein, damit er mit der Person des Losgekauften in einigem Verhältnis stehe; ein dankbarer Vater wird ihn freudig hergeben, es gilt dem Erhalter seines Kindes.«

»Kann Gold euch zufrieden stellen,« fiel hier der andere mit der Schnelligkeit des Gedankens ein, »kann Gold das Leben dieser Menschen von euch erkaufen? Es ist in Haufen da, zur Stelle da. Was sagen meine Leute? Wollen sie Lösegeld annehmen?«

Die Freibeuter sannen eine Weile brütend nach; doch bald entstand ein dumpfes Murren von schlimmer Vorbedeutung unter der Menge, denn nur zu klar bewies es ihre Abgeneigtheit, der Rache zu entsagen. Das Glutauge des Rover schoß einen Blick der Verachtung auf die grimmigen Gesichter, die ihn umgaben; seine Lippen bewegten sich heftig, aber kein Ton entkam ihnen. Er ließ sich zu keiner Verwendung mehr herab, sondern sich zu dem Geistlichen wendend, fuhr er mit seiner ganzen, bewunderungswürdigen Ruhe fort:

»Vergessen Sie Ihre heilige Pflicht nicht . . . die Zeit entflieht«, hier verschleierte die Gouvernante ihr Gesicht und entfernte sich von der empörenden Szene, und auch er, ihrem Beispiel folgend, wollte langsam weggehen, als ihn Wilder anredete:

»Für den Dienst, den Sie mir so gern noch erzeigen wollten, danke ich Ihnen von Grund der Seele. Wenn Ihnen daran liegt, zu wissen, daß ich Sie versöhnt verlasse und in Frieden scheide, so geben Sie mir noch eine feierliche Versicherung, ehe ich sterbe.«

»Welche?«

»Schwören Sie, daß die, die mit mir in Ihr Schiff kamen, es unangefochten und bald verlassen sollen.«

»Schwöre, Walter!« ertönte feierlich aus dem Kreise eine kaum hörbare Stimme.

»Ich schwöre.«

»Es ist alles, was ich verlange. Und nun, du ehrwürdiger Knecht Gottes, verrichte dein heilig Amt bei meinen Gefährten. Verlasse ich dieses glänzende, herrliche Licht des Tages gedankenlos ohne Dankbarkeit gegen das Wesen, das mir, wie ich in Demut vertraue, das Erbteil noch größerer Herrlichkeit geschenkt hat, so sündige ich mit Bewußtsein, und darf keine Vergebung hoffen. Allein diesen hier kann Ihr Dienst von Nutzen sein; sie sind unwissend, für diese beten, diese trösten Sie.«

Hehr und tief war die Stille, als sich der Kaplan den verurteilten Gefährten Wilders näherte. Man hatte sie, in Vergleich mit ihren Oberen, als nur von geringer Bedeutung betrachtet und daher während des größten Teils des vorhergehenden Auftrittes ganz außer acht gelassen. In dieser Zwischenzeit, in der sie so sich selbst überlassen blieben, war in ihrem Zustand eine wesentliche Veränderung vorgegangen: mit aufgeknöpfter Weste, den verhängnisvollen Strang um den Hals, saß Fid auf dem Verdeck und stützte dem schon beinahe erstarrten Neger das Haupt, das er mit einer ganz besonderen Zärtlichkeit auf seinem Schoße hielt.

»Dieser Mann wenigstens wird die Bosheit seiner Feinde vereiteln«, sagte der Geistliche, indem er die steife, schwarze Hand in die seine nahm. »Das Ende seiner Leiden und seiner Erniedrigung naht; bald wird ihm die Ungerechtigkeit der Menschen nichts mehr anhaben können. – Freund, wie nennt man deinen Kameraden?«

»'s macht wenig Unterschied, wie Sie einem sterbenden Matrosen zurufen«, erwiderte Fid mit einem tragischen Kopfschütteln. »Er ist ins Schiffbuch gewöhnlich unter dem Namen Scipio Afrika eingelogt worden, weil er, sehen Sie, von der Küste von Guinea kam; aber rufen Sie ihn Sip, das wird er gleich verstehen.«

»Ist die Taufe an ihm vollzogen? Ist er ein Christ?«

»Wenn er kein Christ ist, so weiß ich nicht, wer zum Teufel denn einer ist!« gab Fid zurück, mit einer Heftigkeit, die freilich der Zeit nicht sehr angemessen scheinen durfte. »Wenn einer seinem Vaterlande dient, seinen Tischkameraden treu ist und sonst nichts Kriechendes an sich hat, so nenn ich ihn einen Heiligen, in dem, was bloß die Religion anbelangen tut. Hör' doch, Guinea, lieber Junge, gib dem Kaplan einen Händedruck, wenn du dich einen Christenmenschen nennst. Die Schraube an einem spanischen Bratspill kann nicht stärker fassen, als noch vor einer Stunde die Faust des Negers; und jetzt . . . soweit kann's mit einem Riesen kommen, seht Ihr.«

»Sein letzter Augenblick ist in der Tat nahe, wollt Ihr, daß ich ein Gebet spreche für das Heil seiner scheidenden Seele?«

»Ich weiß nicht, weiß nicht!« antwortete Fid, seine Worte zurückschluckend, und dann ein Hm! herausräuspernd, dessen Baß nicht gewaltiger in den glänzendsten und glücklichsten seiner Tage erdröhnen konnte. »Wenn einem armen Teufel zu dem, was er auf dem Herzen hat, nur noch so kurze Frist gelassen ist, so ist's wohl das beste, wenn man ihm erlaubt, die Hauptperson im Gespräch abzugeben. Vielleicht fällt ihm was ein, was er noch gern seinen Angehörigen in Afrika sagen lassen möchte; in dem Fall könnt' es nicht schaden, daß wir uns nach einem passenden Boten umsähen. Ha! was ist es, Junge! Sie sehen, er versucht schon einen von seinen Gedanken heraufzuhissen.«

»Mister Fid . . . er nimmt ab den Halsband«, stammelte der Neger hervor.

»Schon gut«, erwiderte Fid, indem er sich abermals räusperte und dabei rechts und links wilde Blicke schoß, als suchte er einen Gegenstand, an dem er seinen Grimm auslassen könnte. »Schon gut, Guinea; sei du nur ganz ruhig hierüber, und, was das anbelangen tut, über alles andere gleichermaßen. Du sollst ein Grab haben, so tief wie die See, und auch christliche Bestattung, lieber Junge, wenn der Prediger da seine Schuldigkeit tun will. Hast du irgend was an deine Verwandten sagen zu lassen? Es soll ins Logbuch kommen und gesorgt werden, daß sie's zu hören kriegen. Hast deiner Zeit viel schlecht Wetter gehabt, Guinea, und 's kann wohl sein, daß dir einige Windstöße um die Ohren gesaust haben, mit denen man dich verschont hätte, wenn deine Farbe um ein paar Schatten heller gewesen wäre. Und was das anbetreffen tut, so kann's auch sein, daß ich selbst, Junge, zu hart auf dich gestoßen bin, wenn ich mir in der Hitze auf meine Haut was Rechts einbilden tat; für alles dieses möge der Herr mir so reichlich Vergebung schenken, als, wie ich hoffe, du mir schenken wirst.«

Der Neger machte einen vergeblichen Versuch, sich zu erheben, und suchte umher nach Fids Hand, die er endlich faßte und die Worte sprach:

»Misser Fid, Pardon bitt von eine schwarze Mann! Herr da droben alles schon hat vergessen, Mister Fid, er nicht mehr dran denkt.«

»Wenn er's tut, so wird's, sag' ich, eine verdammt großmütige Handlung sein«, erwiderte Fid, dessen rohes Gefühl der Schmerz und das Gewissen bis auf einen außerordentlichen Grad gesteigert hatten. »Da ist die Affäre, wie ich von dem Schmugglerwrack ins Meer rutschte; darüber haben wir auch noch keine eigentliche Rechnung geschlossen, und viele andere kleine Dienste der Art, wofür ich dir, siehst du, nur gleich, solang's noch Zeit ist, meinen Dank abstatte. Denn wer steht mir dafür, daß du und ich jemals wieder in eine und dieselbe Schiffsliste eingeschrieben werden?«

Hier machte der Gefährte des Toppmanns eine schwache Bewegung; dieser hielt inne und bemühte sich, ihren Sinn so gut es gehen wollte zu erraten. Richard, in dessen Charakter eine Mischung von Selbstgefälligkeit keineswegs fehlte, wurde es nicht schwer, das, was der Sterbende sagen wollte, zu seinen Gunsten auszulegen, daher fuhr er also in seinem gutmütigen Geschwätze fort: »Ja, meinst du? Nu ja, kann sein, daß du recht hast. Höchstwahrscheinlich tun sie da oben auch die Leute zusammen, die sich am besten zu Kameraden passen, wie hier unten, und da kommen wir am Ende doch wenigstens in Rufnähe, ich und du. Gesiegelt sind unsere Patente ohnehin schon alle beide, nur gewinnst du mir den Wind ab, da dein Kabel wahrscheinlich schon gekappt sein wird, ehe die Diebe da fertig sind, meins zu lichten. Ich will dir nicht erst weitschweifig auseinandersetzen, was du für Signale zu geben hast, Guinea, damit wir uns droben auch nicht verlieren, denn ich nehm's für ausgemacht an, daß du wegen des geringen Vorteils, ein bißchen früher den Hafen klariert zu haben, doch unsern Master Harry nicht übersehen wirst, und ich, sieh', ich will mich schon seinem Fahrwasser so nahe als möglich halten, was mir den zwiefältigen Nutzen bringen wird, erstlich sicher zu sein, daß ich nicht auf eine unrechte Fahrt gerate, und zweitens, daß ich auf dich stoße . . .«

»Dies sind gottlose Worte, und verderblich sowohl für Euern eigenen Frieden, als für den Eures unglücklichen Freundes«, unterbrach der Geistliche. »Er muß sein Vertrauen auf einen setzen, der in allen Eigenschaften verschieden ist von Euerm Offizier; diesem folgen, seiner ungewissen Führung Euch überlassen, wäre die höchste Spitze des Wahnsinns. Richtet auf einen andern Euern Glauben . . .«

»Wenn ich das tue, soll mich der . . .«

»Still,« sagte Wilder, »Scipio will mir was sagen.«

Dieser hatte die Augen nach seinem Offizier hingewendet und machte eben wieder eine vergebliche Anstrengung, die Hand auszustrecken. Wilder legte die seinige in die des sterbenden Negers, dem es gelang, sie an die Lippen zu führen, und nun schwang sich noch einmal mit einer krampfhaften Bewegung der herkulische Arm, der noch so kürzlich seinen Herrn glücklich verteidigt hatte, und erstarrt sank er dann nieder. Aber noch immer heftete der Verblichene sein stieres Auge voller Anhänglichkeit auf das Antlitz, das er solange geliebt, und das in allen Unbilden, die dem Dulder widerfuhren, nie verfehlt hatte, dessen liebenden, hingebungsvollen Blick mit einem wohlwollenden, gütigen zu belohnen. Nun entstand zunächst dumpfes Gemurmel, das bald in lautes Murren ausbrach, bis mehr als eine brummende Stimme tiefen Unwillen darüber aussprach, daß man die Rache solange aufgeschoben hatte.

»Fort mit ihnen!« schrie eine unheimliche Stimme aus dem Gedränge. »In die See mit der Leiche, und 'rauf an den Mast mit den Lebenden.«

»Hinweg!« stieß Fid aus der tiefsten Brust hervor, mir einem Baß, der selbst in diesen zügellosen Augenblicken so furchtbar war, daß er die frevelvollen Bewegungen hemmte. »Wer wagt's, einen Matrosen dem Salzwasser zu übergeben, solang ihm der Todesblick noch in den Lichtern steht und sein letztes Wort seinem Kamerad noch in den Ohren klingt? Ha! Könnt ihr einem Mann die Finnen nicht besser stoppern, wie einer Hummer die Scheren? Da seht, was ihr für schiffsjungenmäßige, unbeholfene Knoten schießen könnt!« Bei diesen Worten zerriß der aufgebrachte Toppmann die Leine, die lose um seine Ellbogen geschlungen war, und schnürte damit die Leiche des Schwarzen an seinen eigenen Körper fest. Obgleich er dies alles mit der größten seemännischen Genauigkeit ausführte, so erlitt das Hervorsprudeln seines Zorns dadurch nicht die mindeste Unterbrechung. – »Wo,« fuhr er fort, »wo ist der Mann in eurer ganzen lümmelmäßigen Schiffsmannschaft, der so über eine Rahe weglehnen konnte, wie der Schwarze da, oder die Segelnocke an der Leeseite anholen, und doch zu gleicher Zeit das Reffband von der Luvseite festhalten? Wer von euch allen hat je, einem kranken Tischkameraden zulieb', seine eigene Ration aufgegeben, oder in einem Boot zwei Riemen gehandhabt, um den schwachen Arm eines Freundes zu schonen? Zeigt mir mal den, der unterm Feuer gerad' und ohne Zittern, wie ein gesunder Hauptmast stehen kann, der soll hier einen sehen, der ihn darin noch übertreffen tut. Jetzt ist's genug! Hißt nu an euerm Klappläufer und dankt Gott, daß das ehrliche Ende aufsteigt, indes ihr Spitzbuben am andern noch eine Zeitlang ein Brett unterm Fuß behaltet.«

»Drauf losgehißt!« rief Nightingale ihm nach und begleitete den rauhen Ton seiner Stimme mit seiner Bootsmannspfeife; »nach dem Himmel mit ihnen, fort!«

»Halt!« schrie der Kaplan und erhaschte noch glücklich das Seil, ehe es seinen verhängnisvollen Dienst getan. »Um dessentwillen, des Gnade vielleicht der Allerverhärtetste unter euch einst anflehen wird, halt! gewährt noch die Frist eines einzigen Augenblicks! Was bedeuten diese Worte! Lese ich recht? Arche, von Lynnhaven!«

»Ganz recht!« sagte Richard, indem er sich den Strick etwas loser machte, um freier sprechen zu können, und die Gelegenheit zugleich benutzte, um aus seiner Tabaksdose den letzten Bissen in den Mund zu bringen; »sintemalen Sie ein hochstudierter Herr sind, so ist's kein Wunder, daß Sie's so leicht rauskriegen, obgleich es von einer Hand geschrieben ist, die stets mit dem Marlpfriemen besser umzugehen wußte als mit einer Federpose.«

»Aber woher die Worte? Und warum tragt Ihr diesen Namen so unvertilgbar in Eure Haut eingegraben? – Geduld, ihr Leute! Ihr Ungeheuer! Ihr Dämonen! Könnt ihr dem sterbenden die einzige Minute kostbarer Lebensfrist rauben wollen, die allen so teuer ist, wenn der Tod herannaht?«

»Noch eine Minute gewartet!« befahl eine Stimme aus dem Hintergrunde.

»Woher kommt diese Schrift, verlange ich zu wissen?« fragte der Geistliche zum zweitenmal.

»Sie sind nichts mehr und nichts weniger als die Art, wie ein Vorfall eingelogt worden, der jetzt von keiner Bedeutung ist, sintemalen es mit der Fahrt aller, die es vornehmlich angehen tut, bald aus ist. Der Schwarze hat vom Halsband gesprochen, weil er meinte, ich bliebe noch im Hafen, während er zwischen Himmel und Erde herumsteuert und Ankergrund sucht.«

»Hier ist etwas, was mich zu wissen angeht!« unterbrach Mistreß Wyllys mit hastiger, zitternder Stimme. »O Merton! Warum diese Fragen? War das Geschrei meines Herzens prophetisch? Gibt die Natur ein so geheimnisvolles Ahnen ihrer Rechte?«

»Still, teuerste Frau! Sie hoffen das Unwahrscheinliche, und Verwirrung umfängt mir die Sinne. – Arche, von Lynnhaven war der Name eines Landguts auf den Inseln, das einem inniggeliebten Freunde angehörte; dort war es, wo ich das kostbare Pfand, so Sie meiner Sorgfalt anvertrauten, empfing, und von dort aus war es, daß ich es zu Schiffe schickte. Aber . . .«

»Weiter!« schrie die Dame, stürzte wie wahnsinnig auf Wilder zu, erfaßte den Strang, der einen Augenblick vorher beinahe bis zum Ersticken zusammengezogen war, und riß ihn ihm vom Halse mit einer scheinbar übermenschlichen Kraft und Gewandtheit; »es war also nicht der Name eines Schiffes?«

»Eines Schiffes! Gewiß nicht. Doch was hoffen, was zittern Sie?«

»Das Halsband? Das Halsband? Sprecht, wie war's mit dem Halsband?«

»I nu, damit hat's gerade nicht viel auf sich, gnädige Frau«, erwiderte Fid, indem er sich ganz ruhig die Bequemlichkeit, die Wildern geworden war, dadurch selber verschaffte, daß er sich mit seinen entfesselten Armen den Strick vom Halse losmachte, ungeachtet der Bewegung eines Kerls der Mannschaft, es zu verhindern, die indessen durch einen strafenden Blick des Anführers gezügelt wurde.

»Erst will ich dieses Seil hier lose machen; sintemalen es für einen unwissenden Mann, wie ich bin, weder anständig noch sicher ist, in einer so unbekannten Seefahrt vor seinem Offizier voran zu steuern. Das Halsband hatten wir am Hund gefunden, hier trägt's der arme Sip um den Arm, der in den meisten Dingen, sehen Sie, ein Mann war, dessengleichen man lange vergebens suchen würde.«

»Lesen Sie es,« sagte die Gouvernante, deren Augen ihr den Dienst versagten; »lesen Sie es!« rief sie nochmals und gab mit bebender Hand dem Geistlichen einen Wink, die deutliche Aufschrift auf der messingenen Platte zu lesen.

»Heiliger Geber alles Guten! Was sehe ich! Neptun, das Eigentum von Paul de Lacey!«

Die Gouvernante tat einen lauten Schrei; eine einzige Sekunde hob sie die gefalteten Hände in die Höhe, ihre Seele war in Dank aufgelöset, aber schon in der nächsten kehrte die Erinnerung zurück. Da drückte sie Wilder mit Liebe, mit Wahnsinn an ihre Brust, und in den erschütternden Tönen der allmächtigen Natur schrie sie:

»Mein Kind! Mein Kind! Sie werden nicht . . . können . . . dürfen nicht einer lange unglücklichen, beraubten Mutter ihr Kind nehmen. – Gebt mir meinen Sohn wieder, meinen edeln Sohn! O, ich will den Himmel mit Gebeten für euch ermüden. Ihr seid tapfer und könnt nicht taub gegen Gnade sein. Ihr seid Menschen, habt in dem beständigen Anschauen der Majestät Gottes gelebt, ihr werdet eure Augen diesem Beweise seines Willens nicht verschließen. Gebt mir mein Kind, behaltet alles andere, was ich habe. Er ist von einem Geschlecht, dessen ruhmreicher Name den Meeren bekannt ist, und kein Seemann bleibt unbewegt von dessen Ansprüchen. Die Witwe de Laceys schreit um Gnade; ihr vereintes Blut fließt in seinen Adern, ihr wollt es nicht vergießen! Eine Mutter windet sich im Staube vor euch und fleht um Gnade für ihr Kind. O, gebt mir mein Kind! Mein Kind!«

Als der Klang der flehenden Stimme erstarb, herrschte ringsumher ein Schweigen, jener hehren Stille ähnlich, die sich in der Seele des Sünders verbreitet, wenn sie von besseren Gefühlen ergriffen wird. Zweifelvoll sahen die wilden Freibeuter einander an, und selbst in ihren schroffen, starren Zügen offenbarte ein Zucken das Wirken der unvertilgbaren Natur. Dennoch hatte die Sehnsucht nach Rache zu tiefe Wurzeln in ihre Gemüter geschlagen, als daß sie ein bloßes Wort vernichten konnte, und der Ausgang wäre immer noch zweifelhaft gewesen, wenn nicht plötzlich einer in ihrer Mitte erschienen wäre, der nie einen Befehl gab, der unbefolgt blieb, und der es verstand, ihre Neigungen zu leiten, zu dämmen, oder ihnen entgegenzutreten, ganz nach eigenem Gutdünken. Eine halbe Minute lang blickte er um sich her und verfolgte mit den Augen den im Verhältnis mit seinem Umherschauen immer mehr sich erweiternden Kreis, bis selbst die, die schon am längsten gewohnt waren, seinem Willen zu gehorchen, über den außerordentlichen Ausdruck zu erstaunen anfingen, womit er jetzt sein Wollen kundtat. Wild und verwirrt war der Blick, sein Antlitz erblaßt, wie das der bittenden Mutter selbst. Dreimal öffnete er die Lippen, ehe der Laut aus der Tiefe seiner Brust vernehmbar hervorkam, und dann schlug an das Ohr der atemlos lauschenden Menge eine Stimme, der das innigst aufgeregte Gefühl und hohes Machtbewußtsein unsägliches Gewicht verliehen. Mit einer stolzen Bewegung der Hand und einer Haltung, die sie zu gut kannten, um ihre Bedeutung nicht zu verstehen, sagte er:

»Geht auseinander! Ihr wisset, ich handhabe Gerechtigkeit; aber ihr wisset, ich heische Gehorsam. Meinen Willen sollt ihr morgen erfahren.«

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