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Der rote Freibeuter

James Fenimore Cooper: Der rote Freibeuter - Kapitel 30
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer rote Freibeuter
publisherHesse & Becker Verlag
firstpub
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

»Ja!« murmelte der Freibeuter mit bitterer Ironie, als sein Boot unter dem Spiegel des königlichen Kreuzers wegruderte; »ja! ich und meine Offiziere wollen von Euerm Gastmahl kosten! Aber die Speisen sollen von der Art sein, daß diese Mietlinge eines Königs wenig Appetit dazu haben sollen! – Ausgeholt! wacker ausgeholt! meine Leute: in einer Stunde sollt ihr zur Belohnung die Vorratskammern dieses Narren durchwühlen!«

Die gierigen Freibeuter, die die Ruder bemannten, unterdrückten nur mit Mühe ihr Freudengeschrei und heuchelten jenen Schein von Mäßigung, den die Klugheit noch immer zur Pflicht machte; dagegen äußerten sie ihre innere Aufgeregtheit durch verdoppelte Anstrengung beim Vorwärtsstoßen der Pinasse, so daß sich sämtliche Abenteurer nach einer Minute wieder unter dem Schutze der Kanonen des Delphin befanden.

Aus den stolzen Blitzen, die in den Augen des Rover leuchteten, als sein Fuß das Deck seines eigenen Schiffes wiederum betrat, schlossen seine Leute, daß der Zeitpunkt einer wichtigen Unternehmung gekommen sei. Einen Augenblick weilte er auf der Schanze, mit einer Art von grimmiger Freude die handfesten Gegenstände seines gesetzwidrigen Kommandos überblickend; darauf schoß er plötzlich, ohne zu sprechen, hinab in seine Kajüte, entweder uneingedenk, daß er anderen deren Gebrauch überlassen hatte, oder in seinem jetzigen aufgeregten Gemütszustande, sich gar nicht daran kehrend. Den erschrockenen Frauen, die sich bei dem gegenwärtigen freundschaftlichen Benehmen zwischen beiden Schiffen von dem geheimen Ort, wohin sie Wilder in Sicherheit gebracht, wieder heraufgewagt hatten, verkündete ein plötzlicher und furchtbarer Schlag auf die chinesische Glocke nicht nur, daß er angekommen, sondern auch in welcher Laune er angekommen sei.

»Man sage dem ersten Leutnant, daß ich ihn erwarte«, war der düstre Befehl, der auf die Erscheinung des gerufenen Bedienten erfolgte.

Während der kurzen Zeit, die verfloß, bis seinen Befehlen nachgekommen werden konnte, schien der Rover mit einer Bewegung zu kämpfen, die ihm fast den Atem versetzte. Als sich aber nun die Türe der Kajüte öffnete und Wilder vor ihm stand, da hätte der argwöhnischste und schärfste Beobachter von dem wilden Zorne, der in seinem Innern wütete, vergebens auch nur die geringste äußerliche Spur gesucht. Mit der Rückkehr seiner Fassung kam ihm auch die Erinnerung wieder an die Art und Weise seines stürmischen Einbrechens in einen Ort, der nach seinem eigenen Befehl bevorrechtet sein sollte. Jetzt erst blickte er sich nach den eingeschüchterten Gestalten der Damen um und eilte, sie von dem Schreck, der nur zu deutlich auf ihren blassen Gesichtern saß, durch eine entschuldigende Erklärung zu befreien.

»Die Ungeduld, einen Freund zu sprechen, hat mich vergessen lassen, daß ich so glücklich bin, Wirt von solchen Gästen zu sein, obgleich die Bewirtung weit hinter der Ehre zurückbleibt.«

»Ersparen Sie sich alle Artigkeiten, Sir«, sagte Mistreß Wyllys würdevoll. »Wir werden viel leichter vergessen, daß uns diese Kajüte eingeräumt wurde, wenn Sie vollkommen so handeln, als wäre es nicht geschehen.«

Der Rover führte die Damen erst zu ihren Sitzen und winkte dann mit einem Lächeln vornehmer Höflichkeit seinem Leutnant, ebenfalls Platz zu nehmen, als ob er dächte, die außerordentliche Gelegenheit sei eine hinlängliche Entschuldigung für diese Abweichung von der üblichen Sitte.

»Sr. Majestät Schiffsbauer haben schon schlechtere Fahrzeuge, als der Pfeil ist, in die See laufen lassen, Wilder,« fing er mit einem bedeutsamen Blick an, der dem andern zu sagen schien, daß er sich das übrige zu den Worten hinzudenken möge; »aber seine Minister hätten ein gewandteres Subjekt zum Kommando des Schiffes wählen sollen.«

»Kapitän Bignall besitzt den Ruf eines tapfern und redlichen Mannes.«

»Der ist ihm allerdings zu wünschen, denn streift man ihm diese Eigenschaften ab, so bleibt wenig übrig. Er gibt mir zu verstehen, daß er in dieser Breite mit dem ganz besondern Auftrage abgeschickt sei, ein Schiff aufzusuchen, von dem wir alle haben sprechen hören, sei's nun Gutes oder Schlechtes; ich meine den roten Freibeuter!«

Das unwillkürliche Zusammenschrecken der Wyllys und die ängstliche Hast, mit der Gertraud den Arm ihrer Erzieherin faßte, blieben von dem zuletzt Redenden zwar nicht unbemerkt, allein auch nicht die leiseste Andeutung davon erschien in seiner Weise. Bewunderungswürdig wetteifernd mit der Selbstbeherrschung des Seeräubers war die Fassung Wilders, der mit höchst natürlicher Unbefangenheit antwortete:

»Seine Reise wird erfolglos sein, wo nicht gar gefahrvoll.«

»Vielleicht beides. Und doch verspricht er sich keine geringen Dinge.«

»Ihm geht es wahrscheinlich wie allen andern: er hat einen unrichtigen Begriff von dem Charakter dessen, den er sucht.«

»Inwiefern unrichtig?«

»Insofern er wähnt, es mit einem gemeinen Seeräuber zu tun zu haben, einem rohen, raubgierigen, unwissenden und schonungslosen, wie andere seiner . . .«

»Seiner was, Sir?«

»Seiner Klasse, wollt ich sagen; allein ein Seemann, wie der, von dem wir sprachen, bildet eine Klasse für sich.«

»Lassen Sie uns ihn immerhin bei dem Namen nennen, Herr Wilder, unter dem er einmal bekannt ist – Rover, Seewanderer.Dies ist die eigentliche Bedeutung der Benennung Rover und bezeichnet insofern einen Seeräuber, als dieser keinen bestimmten Hafen zum Ziel seiner Fahrt zu haben pflegt.   Der Übersetzer. Doch, antworten Sie mir, ist es nicht merkwürdig, daß ein so alter, erfahrener Seemann gerade in dieser wenig besuchten See ein Schiff aufsucht, dessen Treiben viel eher darauf hinführen muß, es in lebendigeren Gegenden zu suchen?«

»Er kann dem Schiff vielleicht bei dessen Durchfahrt durch die Meeresengen der Inseln auf die Spur gekommen sein, und kann den Strich, auf dem man es zuletzt sah, verfolgt haben.«

»Ja, wohl kann er das«, erwiderte der Rover tiefsinnig. »Ein ausgemachter Seemann weiß Euch, trotz allen möglichen Fällen, seinen Weg durch Wind und Wasserströmungen zu finden wie ein Vogel in den Lüften. Aber wenigstens müßte er doch eine Beschreibung von dem Schiffe haben, die ihn bei der Jagd leite.«

Wilder mußte, trotz aller Mühe, vor dem ihn durchdringenden Blick des Räubers sein Auge bei folgender Antwort auf den Boden gleiten lassen:

»Vielleicht fehlt ihm auch diese Kenntnis nicht.«

»Vielleicht nicht. In der Tat, er gab mir zu glauben Ursache, daß sein Spion das Geheimnis des Feindes besitze. Ja, er hat es geradezu gestanden und zugegeben, daß seine Aussicht eines guten Erfolgs allein von der Geschicklichkeit und der Mitteilung jenes Subjektes abhinge, das ohne Zweifel seine geheimsten Mittel besitzt, die erschlichene Kenntnis der Bewegungen seiner gegenwärtigen Genossen weiter zu befördern.«

»Nannte er die Person?«

»Ja.«

»Er war? . . .«

»Heinrich . . . Arche, sonst genannt Wilder.«

»Es wäre vergebens, wollte ich leugnen,« sagte der junge, sich von seinem Platze erhebende Abenteurer, mit einer stolzen Miene, hinter der er aber eine Anwandlung von Unruhe zu verbergen strebte; »ich sehe, Sie kennen mich.«

»Als einen treulosen Verräter.«

»Kapitän Heidegger, es ist freilich keine Gefahr dabei, wenn Sie sich an diesem Orte dergleichen Schmähungen erlauben.«

Der Rover kämpfte mit sich, bis es ihm gelang, seines empörten Innern Herr zu werden; doch ließ die Anstrengung, die es ihn kostete, heftige und bittere Verachtung durch seine Züge durchscheinen.

»So teilen Sie denn auch diese Tatsache Ihrem Vorgesetzten mit«, sagte er mit höhnender Ironie. »Das Ungeheuer der Meere, er, der wehrlose Fischerleute plündert, unbeschützte Küsten verheert und der Flagge des Königs Georgs ausweicht, wie sich andere Schlangen beim Herannahen von Menschentritten in ihren Höhlen verkriechen, darf in der Sicherheit seiner eigenen Kajüte und an der Spitze von hundertundfünfzig Freibeutern ohne Gefahr seine wahre Meinung aussprechen. – Vielleicht auch weiß er, daß er in der Atmosphäre des friedlichen und friedestiftenden Weibes atmet.«

Wilders erste Überraschung war indessen vorüber, und nunmehr vermochten ihn weder Schmähungen zu einer harten Gegenrede anzustacheln, noch Drohungen bis zu Bitten einzuschüchtern. Gelassen und mit verschränkten Armen sagte er nur:

»Ich habe dieses Wagnis bestanden, um eine Pest des Ozeans zu vertilgen, an der alle bisherigen Versuche gescheitert waren. Ich wußte, was ich wagte, und werde vor der Strafe nicht fliehen.«

»Das sollen Sie nicht, Sir!« erwiderte der Räuber, und schlug dabei nochmals mit Riesengewalt auf den Gong. »Laßt den Neger und seinen Kameraden, den Toppgast, in Fesseln werfen und erlaubt ihnen unter keiner Bedingung, weder durch Worte, noch durch Signale, den geringsten Verkehr mit dem andern Schiffe!« Als sich der Vollstrecker seiner Strafbefehle, der auf den wohlbekannten Aufruf erschienen war, wieder zurückgezogen hatte, wendete sich der Rover wieder gegen die fest und regungslos vor ihm stehende Gestalt Wilders und fuhr fort: »Herr Wilder, die Verbrüderung, in die Sie sich so verräterisch einzustehlen wußten, hat ein Gesetz, wodurch diese zusammengehalten wird, und das Sie und Ihre elenden Mitverschwornen der Rahenocke überliefert, in demselben Augenblick, wo meine Leute von Ihrem wahren Charakter unterrichtet sind. Ich darf nur die Tür öffnen und die Beschaffenheit Ihres Verrats kundtun, so sind Sie den unbarmherzigen Händen der Mannschaft überantwortet.«

»Das werden Sie nicht tun! Nein, das werden Sie nicht!« jammerte eine Stimme dicht bei ihm, die selbst seine eisernen Nerven erschütterte. »Wenn Sie auch die Bande, die die Menschen untereinander vereinigen, nicht achten, ach, Grausamkeit ist Ihrem Herzen doch nicht natürlich. Bei allen Erinnerungen Ihrer frühesten und glücklichsten Tage, bei der Zärtlichkeit, dem Mitleid, das liebevoll über Ihre Kindheit wachte, bei dem heiligen, allwissenden Wesen, das nicht duldet, daß dem Unschuldigen ein Haar ungestraft gekrümmt werde, beschwöre ich Sie, innezuhalten, ehe Sie Ihre eigene schreckliche Verantwortlichkeit vergessen. Nein! Sie werden nicht – können – dürfen nicht so erbarmungslos sein!«

»Welches Los bereitete er mir und meinen Leuten, als er dieses verräterische Unternehmen begann?« fragte dumpf der Korsar.

»Göttliche und menschliche Gesetze sind auf seiner Seite«, fuhr die Gouvernante fort und zagte nicht, als ihr zusammengezogenes Auge von dem strengen Blicke des ihr Gegenüberstehenden getroffen wurde. »Hören Sie in meiner Stimme die der Vernunft; hören Sie die Stimme der Gnade, die, ich weiß es, in Ihrem Herzen spricht. Die Sache, der Beweggrund heiligen seine Handlungen, während Ihre Laufbahn keine Rechtfertigung findet, weder vor dem Richterstuhl des Himmels noch der Erde.«

»Dies ist eine kühne Sprache für die Ohren eines blutdürstigen, schonungslosen Piraten!« sagte der Rover und schaute mit einem Lächeln stolzen Selbstgefühls um sich her, in dem sich kundgab, daß er recht gut wisse, die Sprecherin fuße auf Eigenschaften, die denen, die er nannte, gerade entgegengesetzt war.

»Es ist die Sprache der Wahrheit; und ein Ohr wie das Ihrige kann gegen ihren Klang nicht verschlossen sein, wenn . . .«

»Hören Sie auf, Madame«, unterbrach der Rover, indem er mit Ruhe und Würde den Arm ausstreckte. »Mein Entschluß war bereits von Anfang an gefaßt; und keine Vorstellung, keine Furcht vor den Folgen vermag ihn zu ändern. Herr Wilder, Sie sind frei. Wenn Sie mir nicht so treu dienten, als ich erwartete, so haben Sie mir wenigstens eine Belehrung über die Kunst der Physiognomik gegeben, die mich für den Rest meiner Tage um vieles weiser gemacht hat.«

Sich selbst verurteilend und gedemütigt stand der schuldige Wilder da. Welcher Kampf in seinem Innersten vorging, war leicht auf seinem bewegten, von Scham und Schmerz bedeckten Gesicht zu lesen, von dem die Maske der List nunmehr abgefallen war. Doch dauerte dieser Kampf nur einen Augenblick.

»Sie kennen vielleicht den ganzen Umfang meines Planes nicht, Kapitän Heidegger,« sagte er; »es war auf nichts Geringeres abgesehen, als den Verlust Ihres Lebens und die Zerstörung oder Zerstreuung Ihrer Leute.«

»Das war es freilich, nach dem bestehenden Gebrauch jenes Teilchens Erde, das den Rest der Erde unterdrückt, weil es einmal die Macht dazu hat. Gehen Sie, Sir, begeben Sie sich auf Ihr Schiff; noch einmal, Sie sind frei.«

»Ich kann Sie nicht verlassen, Kapitän Heidegger, ohne ein Wort der Rechtfertigung.«

»Wie! kann der gehetzte, vogelfreie und verurteilte Freibeuter noch auf eine Erklärung Anspruch haben! Kann der tugendsame Diener der Krone das Bedürfnis fühlen, seine gute Meinung zu besitzen!«

»Bedienen Sie sich triumphierender und vorwurfsvoller Ausdrücke, ganz nach Ihrem Belieben, Sir«, erwiderte der andere, indem ihm beim Sprechen das Blut bis an die Schläfe stieg. »Mich kann jetzt Ihre Rede nicht beleidigen; doch möchte ich Sie nicht gern verlassen, ohne einen Teil des Hasses zu beseitigen, den ich in Ihrem Dafürhalten verdiene.«

»So sprechen Sie frei. Sie sind mein Gast, Sir.«

Obgleich der beißendste Spott den reuigen Wilder nicht tiefer hätte verwunden können als dies großmütige Betragen, so behielt er seine Gefühle doch genug in der Gewalt, um fortzufahren:

»Sie erfahren's jetzt gewiß nicht zum erstenmal, daß das gemeine Gerücht Ihren Handlungen und Ihrem Charakter eine Farbe geliehen habe, die nicht geeignet ist, die Achtung der Menschen zu gewinnen.«

»Sie werden vielleicht Zeit finden, die Farben noch stärker aufzutragen«, unterbrach ihn rasch sein aufmerksamer Zuhörer, obgleich das Beben in seiner Stimme deutlich durchschauen ließ, wie tief er die Wunde fühle, die eine Welt ihm schlug, die er zu verachten affektierte.

»Wenn Sie überhaupt wollen, daß ich spreche, Kapitän Heidegger, so erwarten Sie von mir nur die Wahrheit. Urteilen Sie selbst, ob es so erstaunlich sei, daß ich mich begeistert für einen Dienst, den Sie selber einst für ehrenvoll hielten, sollte willig finden lassen, das Leben zu wagen, ja, die Heuchelei zu verschmähen, um eine Tat zu vollbringen, die, wäre sie gelungen, nicht nur Belohnung, sondern Ruhm verschafft hätte? Solche Gefühle beseelten mich, als ich zuerst das Wagnis übernahm; allein, der Himmel ist mein Zeuge, Ihr männliches Vertrauen hatte mich auch schon halb entwaffnet, als mein Fuß noch kaum über Ihre Schwelle gekommen war.«

»Und dennoch kehrten Sie nicht um?«

»Vielleicht waren mächtige Gründe vorhanden, die mich zum Gegenteil bewogen«, nahm der sich Verteidigende wieder das Wort, indem er beim Sprechen unwillkürlich einen Seitenblick auf die Damen warf. »Ich blieb meinem Worte zu Newport treu; und wären meine zwei Leute damals aus Ihrem Schiffe befreit gewesen, so würde ich es gewiß mit keinem Fuße betreten haben.«

»Junger Mann, ich glaube Ihnen nicht ungern. Es war ein gewagtes Spiel, was Sie spielten; und statt daß es Sie schmerzen wird, es verloren zu haben, werden Sie sich einst darüber freuen. Gehen Sie, Sir; ein Boot wird Sie zum Pfeil führen.«

»Geben Sie dem Glauben nicht Raum, daß Ihre Großmut, wie tief ich sie auch anerkenne, mich gegen meine Pflicht blind zu machen vermöge: Sie würden sich täuschen, Kapitän Heidegger. In dem Augenblick, wo ich den Befehlshaber des von Ihnen soeben genannten Schiffes sehe, wird Ihr Gewerbe verraten.«

»Ich erwarte es.«

»Auch wird meine Hand nicht müßig sein bei dem Kampfe, der unausbleiblich folgen muß. Es hängt von Ihnen ab, ob ich hier sterben soll, ein Opfer meines Irrtums: allein in dem Moment, wo ich frei bin, bin ich Ihr Feind.«

»Wilder!« rief der Rover, indem er dessen Hand mit einem Lächeln der Begeisterung erfaßte, »warum haben wir uns nicht früher gekannt! Doch bedauern ist vergeblich. – Gehen Sie; erführen meine Leute die Wahrheit, so würde meine Gegenvorstellung so wenig gehört werden wie Geflüster in einem Sturmwinde.«

»Als ich zuletzt auf den Delphin kam, so geschah es in Begleitung.«

»Ist es nicht genug,« versetzte der Rover, mit Kälte einen Schritt zurücktretend, »daß ich Ihnen Freiheit und Leben anbiete?«

»Von welchem Nutzen kann ein weibliches Wesen, hilflos und unglücklich wie diese, in einem Schiffe sein, das einem Gewerbe wie das des Delphin geweiht ist?«

»Soll ich denn auf immer getrennt bleiben von der Gemeinschaft der besten meiner Mitgeschöpfe! Gehen Sie, Sir, lassen Sie mir den Schatten der Tugend wenigstens, wenn mir auch das Wesen fehlt.«

»Kapitän Heidegger, einst, begeistert von Ihren besseren Gefühlen, verpfändeten Sie Ihr Wort zugunsten dieser Damen; ich hoffe, es kam Ihnen vom Herzen.«

»Ich weiß, worauf Sie sich beziehen, Sir. Was ich damals aussprach, ist nicht vergessen, wird es nie sein. Allein wohin wollen Sie Ihre Gefährtinnen bringen? Gewährt nicht mein Fahrzeug auf der hohen See ebenso große Sicherheit als ein anderes? Soll ich mich eines jeglichen Mittels, mir Freunde zu erwerben, berauben lassen? – Verlassen Sie mich, Sir – gehen Sie – Sie möchten sonst zaudern, bis meine Erlaubnis zu gehen Ihnen nichts mehr helfen würde.«

»Was unter meine Obhut gestellt ist, werde ich nie verlassen«, sagte Wilder fest.

»Herr Wilder – oder Herr Leutnant Arche, wie ich Sie vielmehr nennen sollte – Sie werden so lange mit meiner Nachsicht spielen, bis der Augenblick Ihrer eigenen Sicherheit vorüber ist.«

»Handeln Sie mit mir nach Ihrem Gutdünken: ich sterbe auf meinem Posten, oder gehe in Begleitung derer, mit denen ich gekommen bin.«

»Sir, die Bekanntschaft, die Sie so stolz macht, ist nicht älter als die meinige. Wer sagt Ihnen, daß die Damen Sie als Beschützer vorziehen? Ich müßte mich sehr getäuscht haben und weit hinter meinen Absichten zurückgeblieben sein, wenn sie Grund gefunden hätten, sich zu beklagen, seit ihr Wohl und ihre Zufriedenheit meiner Sorgfalt anvertraut sind. Schöne, sprechen Sie, wen wollen Sie zu Ihrem Beschützer?«

»Fort, fort«, schrie Gertraud, als er sich ihr mit dem einnehmenden, verräterischen Zuge um den Mund nahte, und bedeckte die Augen mit beiden Händen, als wollte sie sich gegen den verderblichen Zauber eines Basiliskenblicks schützen. »Ach, wenn Mitleid in Ihrem Herzen wohnt, lassen Sie uns Ihr Schiff verlassen!«

Ungeachtet der erstaunenswürdigen Gewalt, die der Mann, den sie so stürmisch und aus ihrem tiefsten Innern von sich zurückstieß, in der Regel über seine Gefühle ausübte, konnte er sich doch beim Anhören dieser Worte eines Blickes tiefer, demütigender Kränkung, trotz aller Anstrengung, nicht erwehren. Ein kaltes, wildentstellendes Lächeln durchzuckte seine Gesichtszüge, als er mit einer Stimme, die er ebenso vergeblich zu unterdrücken bemüht war, vor sich hin murmelte:

»Diesen Abscheu hab' ich mir von allen meinen Mitmenschen erkauft, und teuer, sehr teuer muß ich ihn büßen! – Dame, Sie und Ihre liebenswürdige Mündel sind Herrinnen Ihrer Handlungen. Dies Schiff, diese Kajüte stehen Ihnen zu Befehl; indes sind andere bereit, Sie zu empfangen, wenn Sie wählen, beide zu verlassen.«

»Unser Geschlecht kann nur unter dem pflegenden Schutze der Gesetze wahre Sicherheit finden«, sagte Mistreß Wyllys. »Wollte Gott . . .«

»Genug! Sie sollen Ihren Freund begleiten. Wenn mich alle verlassen haben, so wird die Leere in diesem Schiffe nur ein Bild von der in meinem Herzen sein.«

»Riefen Sie?« fragte eine leise Stimme nahe bei ihm, aber so traurig und weich, daß er sie nicht überhören konnte.

»Roderich,« antwortete er mit einiger Verwirrung, »du wirst unten Beschäftigung finden. Verlaß uns, lieber Roderich. Verlaß mich auf einen Augenblick.«

Gleichsam als wünschte er, dem Auftritt sobald als möglich ein Ende zu machen, gab er hierauf noch ein Signal durch den Gong. Er befahl, daß man Fid und den Schwarzen in das Boot bringen solle, wohin auch die wenigen Sachen seiner weiblichen Gäste geschafft wurden. Sobald diese kurzen Vorbereitungen vollendet waren, bot er mit gewählter Höflichkeit der Gouvernante den Arm, führte sie längs der Reihen seiner überraschten Leute nach der Schiffsseite, wo er wartete, bis sie, ihre Pflegbefohlene und Wilder ihre Sitze in der Pinasse eingenommen hatten. Zwei Matrosen saßen an den Riemen. Hierauf winkte er mit der Hand ein stummes Lebewohl hinab und verschwand. Den Damen kam ihre gegenwärtige Befreiung, so wie vorher die Gefangenschaft wie ein Trugbild des Traumes vor.

Allein den Ohren Wilders war die Drohung, daß sich die Mannschaft des Delphin selber könnte Recht verschaffen wollen, noch nicht verklungen. Ungeduldig gab er den Ruderern ein Zeichen, tüchtig auszuholen, und lenkte vorsichtig das Steuer des Bootes in eine solche Richtung, die es am schnellsten aus dem Bereich der Kanonen des Freibeuters führte. Als sie unter dem Spiegel des Delphin wegruderten, scholl ein rauher Anruf über die Wasserfläche: es war die Stimme Rovers, der den Kommandeur des Pfeils anredete:

»Ich schicke Ihnen einige Ihrer Gäste; die ganze Theologie meines Schiffes befindet sich unter ihnen.«

Nur kurz war die Überfahrt, so daß die Befreiten noch nicht aus ihrer Gedankenverwirrung gekommen waren, als man sie schon aufforderte, die Treppe des königlichen Schiffes zu besteigen.

»Hilf Himmel!« rief Bignall, als er durch ein Kanonengat Damen unter den Besuchenden entdeckte; »der Himmel helf' uns beiden, Herr Prediger! Der junge, gedankenlose Schlingel schickt uns ja ein paar Schürzen an Bord; und die nennt der gottlose Schelm seine Theologie! Es läßt sich leicht erraten, wo er diese Standespersonen aufgelesen haben mag; na, lassen Sie's nur gut sein, lieber Doktor, bei fünf Faden Wasser, es ist keine Sünde, wenn man sich einmal ohne Geistlichkeit behilft!«

Das aufgeräumte Lachen des alten Kommandeurs verriet, daß er mehr als halb geneigt war, es mit der vermuteten Frechheit seines dreisten Untergebenen nicht so genau zu nehmen, und beruhigte die Umstehenden, daß die fröhliche Stunde durch keine unzeitigen Skrupel getrübt werden würde. Als aber Gertraud hochrot durch das Aufregende der soeben erlebten Ereignisse, und strahlend von der der Unschuld eigentümlichen Liebenswürdigkeit, auf dem Verdeck erschien, rieb sich der Veteran die Augen mit einem Erstaunen, das nicht größer hätte sein können, wenn wirklich ein Herr im geistlichen Ornat vor seinen Füßen von den Wolken herabgefallen wäre.

»Der herzlose Schurke!« rief der wackere Teer; »ein so junges und liebenswürdiges Wesen zu verführen! Ha! So wahr ich lebe, mein eigener Leutnant! Was ist das, Herr Arche! Leben wir denn in den Tagen der Wunder?«

Ein Schrei, tief aus dem Innersten der Gouvernante, und ein dumpfer, trauernder Ton von den Lippen des Geistlichen unterbrachen seine Äußerungen von Unwillen und Erstaunen.

»Kapitän Bignall,« bemerkte der Geistliche, hinzeigend auf die zitternde Gestalt, die sich auf Wilders Arm stützte, »bei meinem Leben, Sie haben einen falschen Begriff von dem Charakter dieser Dame. Es sind über zwanzig Jahre, seit wir uns das letztemal sprachen, allein ich verpfände meinen eigenen Charakter für die Reinheit und Echtheit des ihrigen.«

»Führt mich in die Kajüte«, sprach leise Mistreß Wyllys. »Gertraud, meine Liebe, wo sind wir? Ach führt mich an einen einsameren Ort.«

Es wurde ihr willfahren, indem sich die ganze Gruppe zusammen den neugierigen Blicken der das Verdeck füllenden Zuschauer entzog. Jetzt gewann die tiefbewegte Frau einen Teil ihrer gewöhnlichen Fassung wieder, und es suchte ihr ängstlicher Blick das sanftmütige, gerührte Antlitz des Schiffskaplans.

»Dies ist ein spätes und herzzerreißendes Wiederfinden«, sagte sie, indem sie die Hand, die er ihr darreichte, an ihre Lippen führte. »Gertraud, in diesem Herrn sehen Sie den Geistlichen, der mich mit dem Manne verband, der einst der Stolz und das Glück meines Daseins war.«

»Trauern Sie nicht über seinen Verlust«, flüsterte der ehrwürdige Geistliche, sich mit väterlicher Teilnahme über die Stuhllehne zu ihr herabbeugend. »Er ist Ihnen früh genommen worden; allein er starb, wie alle, die ihn liebten, ihm nur hätten wünschen können.«

»Ach, ohne ein Kind zurückzulassen, das, mit seinem stolzen Namen, auch das Andenken seiner Tugenden der Nachwelt überliefern könnte! O sagen Sie, guter Merton, ist nicht die Hand der Vorsehung in diesem Verhängnis zu erkennen? – Sollte ich mich nicht vor ihr demütigen und es als eine gerechte Strafe hinnehmen für meinen Ungehorsam gegen einen zwar unerbittlichen, aber liebevollen Vater?«

»Wer mag sich erkühnen, in die Geheimnisse des gerechten Regierers zu dringen, der nichts ordnet, nichts tut, was nicht wohlgetan und wohlgeordnet wäre. Genug für uns, wenn wir uns in seinen Willen fügen lernen, in dem unbedingten kindlichen Glauben, daß er der beste, der gerechteste sei.«

»Aber,« fuhr die Gouvernante fort, mit einer so bedeckten Stimme, daß man sehen konnte, wie stark sie die Versuchung fühlte, seine Ermahnung zu vergessen, »war es nicht genug mit einem Leben? Mußte ich aller beraubt werden?«

»Fassen Sie sich, Madame! Was geschehen ist, geschah in Weisheit und – ich lebe des Vertrauens – aus Gnade.«

»Sie reden die Wahrheit. Ich will das Ganze der traurigen Ereignisse vergessen, nur nicht insofern sie auf meinen eigenen Wandel Einfluß auszuüben geeignet sind. Und Sie, würdiger, gütiger Merton, wo und wie sind Ihre Tage dahingeflossen, seit der Zeit, von der wir reden?«

»Ich bin nur der glanz- und geräuschlose Hirt einer wandernden Herde«, erwiderte der milde Diener Gottes mit einem leisen Seufzer. »Gar manche entfernte Meere hab' ich besucht, und viele fremde Gesichter und noch fremdere Gemütsarten war es mein Los auf dieser Pilgerfahrt anzutreffen. Erst vor kurzem kehrte ich vom Osten in die Hemisphäre zurück, wo ich zuerst das Licht der Welt erblickte, und kam, mit der Erlaubnis meiner Vorgesetzten, auf dieses Schiff, um einen Monat bei meinem Freunde hier zuzubringen, dessen Freundschaft sich sogar von noch früherer Zeit herschreibt, als die unsrige.«

»Ganz richtig, Madame,« erwiderte der wackere Bignall, dessen Gefühle durch die vorhergehende Szene nicht wenig aufgeregt waren; »ganz recht, es ist so ziemlich ein halbes Jahrhundert her, seit der Prediger und ich Knaben zusammen waren, und da haben wir denn auf dieser Reise alte Erinnerungen wieder aufgewärmt. Glücklich schätze ich mich, daß eine Dame von so lobenswerten Eigenschaften gekommen ist, um von unserer Partie zu sein.«

Hastig unterbrach ihn der Geistliche, gleichsam als wisse er, daß der wohlmeinenden Biederkeit seines Freundes mehr zu trauen sei, als dessen Klugheit:

»Sie sehen in dieser Dame die Tochter des verstorbenen Kapitäns ***, und die Witwe von dem Sohne unseres ehemaligen Obern, Konteradmirals de Lacey.«

»Hab' sie beide gekannt: 's waren tapfere Männer und ausgemachte Seeleute, die beiden! Die Dame war schon als Ihre Freundin, Merton, willkommen, allein sie ist es doppelt als die Witwe und Tochter der Herren, die Sie nannten.«

»De Lacey!« flüsterte bebend vor Rührung eine Stimme der Erzieherin ins Ohr.

»Das Gesetz gibt mir ein Recht, diesen Namen zu führen«, erwiderte die Gouvernante, indem sie ihre weinende Schülerin lange und innig an ihr Herz drückte. »Der Schleier ist nun unerwartet weggezogen worden. Teure, es wäre Ziererei, noch länger verborgen bleiben zu wollen. Mein Vater war Kapitän auf dem Admiralschiffe. Die Dienstpflicht zwang ihn, mich öfter in der Gesellschaft Ihres jungen Verwandten zu lassen, als er getan haben würde, hätte er die Folgen davon voraussehen können. Allein ich kannte sowohl seinen Stolz als seine Armut zu gut, um es zu wagen, ihn über mein Schicksal entscheiden zu lassen, nachdem die bloße Ungewißheit für meine unerfahrene Einbildungskraft größere Schrecken hatte als sein Zorn selbst. Wir wurden heimlich durch diesen Herrn verbunden, und weder sein Vater, noch der meinige ahnten das Verhältnis. Der Tod . . .«

Die Stimme der Witwe stockte, und sie winkte dem Kaplan, als wünschte sie, daß er in der Erzählung fortfahren möchte.

»Herr de Lacey und sein Schwiegervater fielen in derselben Schlacht, als noch kein Monat seit der Trauung verflossen war«, fügte Merton mit gedämpfter Stimme hinzu. »Sie selbst, teuerste Frau, kennen die tragische, aber herzerhebende Szene noch nicht, die ihrem Ende voranging. Ich war der einsame Zeuge ihres beiderseitigen Todes; denn mir wurden sie in der Verwirrung der Schlacht überlassen. Das Blut beider floß ineinander. Ihr Vater umarmte noch den jungen Helden und segnete in ihm, ohne es zu wissen, seinen Sohn.«

»Ach, ich habe den Edlen getäuscht und schwer und teuer dafür gebüßt!« rief die sich demütigende Witwe. »Sagen Sie mir, Merton, erfuhr er noch meine Vermählung?«

»Nein. Herr de Lacey starb zuerst, an ihres Vaters Busen, der ihn stets wie einen Sohn liebte; allein die Gedanken, die ihre Seelen in jenen Augenblicken füllten, hatten anderes als fruchtlose Aufklärungen zum Gegenstande.«

»Gertraud,« sagte die Gouvernante mit tiefer, reuiger Stimme, »es gibt nirgendwo Friede für unser Geschlecht, als in der Unterwerfung; nirgendwo ein Glück, als im Gehorsam.«

»Es ist ja nun vorbei,« sagte leise das weinende Mädchen; »ganz vorbei und vergessen. Ich bin Ihr Kind – Ihre Gertraud – bin alles, was ich bin, nur durch Sie.«

»Aber Harry!« schrie nun Bignall, indem er sich so gewaltig räusperte, daß man ihn oben auf dem Deck hören konnte, dabei seinen in andere Räume entrückten Leutnant beim Arm faßte und von der Szene beiseite zerrte. »Harry! Was zum Teufel geht mit dem Jungen vor! Sie vergessen ja, daß ich die ganze Weile von Ihren eigenen Abenteuern gerade so viel weiß, als Sr. Majestät erster Minister von der Schifffahrtskunde. – Wie kommt's, daß ich in diesem Augenblick, wo Sie, wie ich glaubte, den Scheinpiraten spielten, Sie hier vor mir, und zwar als Besuchenden aus einem königlichen Schiffe sehe? Und wie kam das gelbschnablige Adelsreis da drüben in den Besitz einer so stattlichen Gesellschaft und eines so wackern Schiffes?«

Wilder holte einen langen und tiefen Atemzug, wie jemand, der aus einem angenehmen Traume erwacht, und war nur mit Mühe von einem Flecke wegzuziehen, wo er – das sagte ihm sein eigenes Gefühl – ewig hätte weilen können, ohne zu ermüden.

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