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Der rote Freibeuter

James Fenimore Cooper: Der rote Freibeuter - Kapitel 25
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer rote Freibeuter
publisherHesse & Becker Verlag
firstpub
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Der Zwang, womit die Damen ihren Besuch empfingen, erschien nach dem soeben stattgefundenen Gespräch sehr natürlich. Gertraud fuhr plötzlich zusammen, ihre Erzieherin bewahrte jedoch die Unbefangenheit ihrer Miene mit größerer Fassung, obgleich der forschende Blick, den sie auf den Ankömmling warf, als wolle sie schon in seinen Zügen den Zweck dieses Besuches lesen, ängstliche Besorgnis ausdrückte.

Das Antlitz des Korsaren selbst war gedankenvoll bis zum Tiefsinn. Als er in den Bereich des Lampenscheins trat, verbeugte er sich, einige leise rasche Silben mehr vor sich hin murmelnd als sprechend, so daß sie von den Damen nicht verstanden werden konnten. In der Tat war die Geistesabwesenheit, in die er versunken war, so groß, daß er offenbar nahe daran war, sich auf den leeren Diwan ohne weitere Erklärung oder Entschuldigung hinzuwerfen, wie jemand, der von seinem Eigentume Besitz nimmt, und die Erinnerung kam gerade noch zeitig genug, um diese Verletzung des Anstandes zu verhindern. Lächelnd und sich noch tiefer verbeugend trat er jetzt mit vollkommener Selbstbeherrschung vor bis zum Tisch und drückte die Besorgnis aus, daß Mistreß Wyllys seinen Besuch ungelegen, wenigstens nicht mit gehöriger Zeremonie angekündigt, finden möchte. Seine Stimme bei dieser kurzen Einleitung war weich wie eine weibliche, und so sehr trug seine Miene das Gepräge der Höflichkeit, daß man zu glauben verführt war, er fühle sich wirklich unbescheiden, in die Kajüte eines Schiffes eingetreten zu sein, in dem er doch buchstäblich Alleinherrscher war.

»Wie unpassend auch die Stunde ist,« fuhr er fort, »so würde ich doch meine Hängematte mit dem Bewußtsein bestiegen haben, mangelhaft in der Pflichterfüllung eines höflichen und aufmerksamen Wirtes gewesen zu sein, wenn ich es unterlassen hätte, Sie vorher nochmals von der Wiederherstellung der Ruhe im Schiffe nach dem Auftritte, den Sie heute mit angesehen, zu versichern. Es macht mir Vergnügen, Ihnen sagen zu können, daß sich die Aufgeregtheit meiner Leute schon ganz gelegt hat; Schafe in ihren nächtlichen Hürden können nicht friedlicher sein, als sie in diesem Augenblick in ihren Matten.«

»Die Autorität, die so schnell die Unruhe dämpfte, ist, glücklich für uns, stets gegenwärtig, uns zu schützen,« erwiderte die vorsichtige Gouvernante, »wir vertrauen gänzlich Ihrer Klugheit und Ihrer Großmut.«

»Sie schenken Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen. Gegen die Gefahr der Meuterei wenigstens sind Sie gesichert.«

»Wie gegen jede andere hoffentlich.«

»Wir wohnen auf einem wilden, unbeständigen Element,« antwortete er, den Sitz, zu dem ihn Mistreß Wyllys mit einer Bewegung der Hand einlud, nach einer dankenden Verbeugung einnehmend; »allein Sie sind damit schon vertraut und brauchen nicht erst unterrichtet zu werden, daß wir Matrosen selten Herren unserer Bewegungen sind. Wenn heute die Zügel der Mannszucht etwas lockerer gehalten wurden, so war es meine eigene Schuld,« fügte er nach einer augenblicklichen Pause hinzu, »ich lockte gewissermaßen den Aufruhr hervor, der darauf erfolgte; er ist jedoch vorüber wie der brausende Orkan, und der Ozean ist in diesem Augenblick nicht glatter als die Gemüter meiner Jungen.«

»Ich war oft auf königlichen Schiffen Zeuge dieser rohen Spiele, erinnere mich aber nicht, daß jemals eine ernstere Folge daraus entstanden wäre, als etwa das Abmachen eines alten Grolls, oder irgendein toller Streich seemännischer Laune, der aber nicht minder harmlos als drollig war.«

»Richtig; allein das Schiff, das sich oft den Gefahren von Untiefen aussetzt, strandet zuletzt doch«, murmelte der Rover. »Selten gebe ich die Schanze den Leuten preis, ohne ein genaues Augenmerk auf ihre Launen zu haben, aber . . . heute . . .«

»Heute! Sie wollten etwas hinzufügen.«

»Neptun mit seinen großen Einfällen ist Ihnen kein Fremdling, Madame.«

»Nein, ich habe den Gott in früheren Zeiten schon gesehen.«

»So glaubte ich Sie verstanden zu haben – unter der Linie?«

»Und anderswo

»Anderswo!« wiederholte halb unwillig der Rover. »Ach ja, der barsche Despot ist in jeder See anzutreffen, und Hunderte von Schiffen, ja sogar von großen Schiffen, glühen unter den Windstillen des Äquators – es war töricht, an den Gegenstand länger zu denken.«

»Sie beliebten etwas zu sagen, allein ich habe Sie nicht verstanden.«

Der Rover schrak zusammen; denn er hatte die vorhergehenden Worte mehr vor sich hingemurmelt als gesprochen. Er warf einen hastigen, prüfenden Blick um sich her, gleichsam um gewiß zu sein, daß sich kein unberufener Horcher herangestohlen habe, sich der Geheimnisse seines Innern zu bemächtigen, das er selten seinen Schiffsgenossen zu erschließen für gut fand. Und nun war er auch schon wieder im Besitz besonnener Gelassenheit und setzte das Gespräch so unbefangen fort, als wenn es gar keine Unterbrechung erlitten hätte.

»Ja, mir war entfallen, daß Ihr Geschlecht ebenso furchtsam als schön ist,« sagte er und lächelte dabei so einnehmend sanft, daß die Erzieherin unwillkürlich einen besorgten Blick auf ihre Pflegebefohlene warf, »sonst würde ich mit meiner Versicherung, daß jeder Grund zur Furcht verschwunden sei, nicht solange verzogen haben.«

»Sie ist uns selbst jetzt noch willkommen.«

»Und Ihre junge, sanfte Freundin,« fuhr er fort, sich gegen das Mädchen verbeugend, während er seine Worte noch immer an die Gouvernante richtete, »hoffentlich wird ihr Schlummer wegen des Vorgefallenen nicht schwerer sein.«

»Der Unschuldige findet selten ein hartes Kissen.«

»Diese Wahrheit enthält ein heiliges, ein unerforschliches Geheimnis: Die Unschuldigen schlafen so ruhig! – Wollte Gott, auch die Schuldigen könnten irgendeinen Zufluchtsort gegen die Dolche ihrer Gedanken finden! Allein wir leben in einer Welt, in einer Zeit, wo keiner gegen den andern, ja, nicht gegen sich selbst sicher ist.«

Er schwieg und blickte mit einem so wild entstellenden Zug des Lächelns um sich her, daß die ängstliche Gouvernante unwillkürlich ihrer Schülerin näher rückte, gleichsam als wollte sie sie gegen das gewisse Vorhaben eines Wahnsinnigen schützen und wieder von ihr beschützt werden. Der Rover verharrte jedoch in einem so langen und tiefen Schweigen, daß sie endlich das Verwirrende dieser Lage durch eigenes Sprechen beseitigen zu müssen glaubte.

»Finden Sie Herrn Wilder ebenso zur Gnade geneigt, als Sie selbst sind? Seine Nachsicht würde um so verdienstvoller sein, als gerade er offenbar der besondere Gegenstand des Zorns der Meuterer war.«

»Dennoch war er nicht ohne seine Freunde. Haben Sie nicht bemerkt, wie innig ihm die beiden Leute anhängen, die ihm zu Hilfe eilten?«

»Allerdings; es ist erstaunlich, wie es ihm in so kurzer Zeit gelingen konnte, diese zwei rohen Naturen so ganz für sich zu gewinnen.«

»Vierundzwanzig Jahre sind freilich ein anderes, als die Bekanntschaft von einem Tage!«

»Und schreibt sich ihre Freundschaft von so früher Zeit her?«

»Ich habe sie diesen Zeitraum unter sich nennen hören. Nichts ist gewisser, als daß der Jüngling durch irgendein außerordentliches Band mit diesen seinen zwei niedrigen Gefährten zusammenhängt. Vielleicht war dies nicht der erste gute Dienst, den sie ihm geleistet haben.«

Schmerz trübte den Blick der Mistreß Wyllys. Wohl war sie darauf vorbereitet, Wilder für einen geheimen Verbündeten des Rover zu halten, doch hatte sie sich zu hoffen bemüht, daß seine Verbindung mit den Seeräubern aus Umständen erklärt werden könnte, die ein minder ungünstiges Licht auf seinen Charakter werfen würden. Wie groß auch sein Anteil an der gemeinschaftlichen Schuld derer sein mochte, die den Zufälligkeiten und Gefahren eines für vogelfrei erklärten Schiffes leichtsinnig ihr Schicksal anvertraut hatten; davon hatte sie sich überzeugt, sein Herz sei zu edel, um wünschen zu können, daß sie und das junge, arglose Mädchen der Willkür seiner Kameraden geopfert würden.

Nunmehr bedurften seine häufigen und geheimnisvollen Warnungen keiner Erklärung. In der Tat, alles was ihr bisher sowohl von ihrer früheren unbegreiflichen Ahnung, als von dem ungewöhnlichen Betragen der Genossen dieses Schiffes dunkel geblieben war, wurde mit jedem Augenblicke klarer. Die Rätsel lösten sich eines nach dem andern von selber auf. Jetzt brachte ihr auch die Person und das Gesicht des Rover die Erinnerung in die Gestalt und die Züge des Individuums zurück, das, in dem Tauwerk des Sklavenhändlers stehend, den vorübersegelnden Bristoler Kauffahrer begrüßt hatte – eine Gestalt, die sich unbegreiflicherweise seit ihrer Anwesenheit in seinem Schiffe ihrer Einbildungskraft immer von neuem aufdrängte, wie ein Bild aus trüber Ferne. Nun begriff sie mit einem Male, wie schwierig Wilders Lage war, da er ihren Bitten ein Geheimnis zu verbergen hatte, auf das nicht nur sein Leben stand, sondern auch die, für ein im Laster nicht verhärtetes Gemüt ebenso gefürchtete Strafe – der Verlust ihrer Achtung. Kurz, viele von den Rätseln, die unsern Lesern leicht zu entwirren wurden, lösten sich nun auch dem Verstande der Erzieherin, obgleich noch manche Dunkelheiten übrigblieben, die sie ebensowenig aufzuhellen, als von sich zu verbannen vermochte. Sie hatte Muße, alle diese Gedanken zu durchlaufen; denn ihr Gast oder Wirt, welche Bezeichnung nun auch die richtigere sein mochte, gab nicht die entfernteste Neigung zu erkennen, sie in ihrem kurzen, traurigen Nachsinnen zu unterbrechen.

»Wunderbar!« nahm sie endlich das Gespräch wieder auf, »daß eine Anhänglichkeit, wie sie sich gewöhnlich nur unter Menschen von Erziehung und Bildung zu zeigen pflegt, hier ihren Einfluß auf so rohe Wesen geltend macht.«

»Es ist wunderbar, wie Sie bemerken«, erwiderte der andere, gleich einem vom Traum Erwachenden. »Tausend der blanksten Guineen, die je aus der Münze Georgs des Zweiten gekommen sind, gäbe ich darum, könnte ich die Geheimgeschichte dieses Jünglings erfahren.«

Mit der Schnelle des Gedankens unterbrach hier Gertraud fragend das Gespräch: »Also ist er Ihnen fremd?«

Der Rover starrte sie an, mit einem Auge aber, das sich, je länger es schaute, in klareres Bewußtsein und in einen solchen Ausdruck auflöste, daß der Fuß der Gouvernante hörbar bebte, und nach und nach ihre ganze Gestalt.

»Wer mag von sich behaupten, das Menschenherz zu kennen!« antwortete er mit einer Kopfneigung, die zu sagen schien, daß die Angeredete zu einer viel tiefern Huldigung vollkommen berechtigt sei. »Alle sind uns fremd, bis wir ihr geheimstes Innere gelesen haben.«

»Die Geheimnisse der menschlichen Seele durchdringen können, ist ein nur wenigen vergönnter Vorzug«, bemerkte die Erzieherin. »Viele Erfahrungen und gründliche Kenntnis der Welt muß der besitzen, der sich über die Beweggründe seines Nebenmenschen ein Urteil erlauben darf.«

»Und doch ist's eine angenehme Welt, es kommt nur darauf an, daß man den Mut habe, sie sich dazu zu machen«, rief der Rover; ein Gedankensprung, der seiner Unterhaltungsweise charakteristisch war. »Wer selbständig genug ist, ungeteilt der natürlichen Richtung seines Geistes zu folgen, findet nichts schwierig. Glauben Sie mir, das wahre Geheimnis des Weisen besteht nicht darin, die gegebene Lebenszeit zu verlängern, sondern sie wirklich zum Leben zu verwenden. Wer nach Vollgenuß im fünfzigsten Jahre stirbt, hat mehr und länger gelebt, als wer sich mühsam durch ein Jahrhundert schleppt, ohne es je gewagt zu haben, die Kapricen der Welt, diese schwere Bürde, von sich zu werfen, der nie ein lautes Wort sprach, weil ihn die Furcht, sein Nachbar könnte etwas an seinen Worten auszustellen finden, zum ewigen Flüstern verdammte.«

»Dennoch gibt es einige, die in der Ausübung der Tugend ihre Freude finden.«

»Die Worte lassen Ihrem Geschlechte gut«, antwortete er mit einer Miene, in der die scharfsinnige Frau die Zügellosigkeit des Freibeuters zu entdecken glaubte, und gern hätte sie ihren Besuch jetzt entlassen; allein ein gewisser Blitz in seinem Auge und die Fröhlichkeit, die er durch eine Art von unnatürlicher Anstrengung gewonnen hatte, erinnerte sie an die Gefahr, einen Menschen zu reizen, der kein anderes Gesetz als seinen Willen anerkannte. Daher suchte sie dem Gespräch geschickt eine andere Wendung zu geben; mit einem Tone und einer Weise, die, obgleich der Würde ihres Geschlechts nichts vergebend, doch von Strenge entfernt waren, zeigte sie auf verschiedene musikalische Instrumente hin, die einen Teil des seltsam zusammengesetzten Ameublements der Kajüte ausmachten, und sagte:

»Der, dessen Seele die Harmonie erweichen kann, dessen Gefühle dem Einfluß des Wohlklanges offen stehen, sollte von den Freuden der Tugend nicht geringschätzig sprechen. Diese Flöte und die Gitarre dort, beide erkennen Sie als Ihren Meister an.«

»Und wegen dieser Tändeleien, die um mich her liegen, sind Sie geneigt, mir die genannten Vollkommenheiten zuzutrauen! Dies ist wieder einer jener Mißgriffe, denen wir armselige Sterbliche bloßgestellt sind. Der Schein ist das Alltagsgewand der Ehrlichkeit. Ebensogut könnten Sie es mir zum Verdienst anrechnen, daß ich jeden Morgen und jeden Abend vor dem glänzenden Spielzeug dort hinknie!« Hier wies er auf das Kruzifix aus Brillanten, das an dem schon bezeichneten Orte über der Türe des Gemaches hing.

»Ich hoffe doch, daß Sie dem Wesen, an das jenes Bild erinnern soll, Ihre Huldigung nicht versagen. Im Stolze des Kraftbewußtseins und des Glücks kann der Mensch die Tröstungen, die eine stärkere Macht als seine einzuflößen vermag, verschmähen; wer aber ihren Wert am meisten in seinem Innern erfahren hat, wird auch am tiefsten von Anbetung und Dank gegen den Urheber alles Trostes durchdrungen sein.«

Sie hatte anfangs von ihrem Gesellschafter den Blick weggewendet; allein während ihrer Rede fiel ihr mildes, sinniges Auge allmählich wieder auf ihn. Ernst und tiefsinnig wie der ihrige war der Blick, dem sie begegnete. So leise, daß sie es kaum fühlte, berührte er ihren Arm mit dem Finger, indem er die Frage äußerte:

»Glauben Sie, es sei unsere Schuld, wenn der Zug unseres Temperamentes zum Bösen stärker ist als die Macht, ihm zu widerstehen?«

»Niemand strauchelt, als wer ohne höhern Beistand auf dem Pfade des Lebens zu wandeln versucht. Wird es Ihre männliche Würde beleidigen, wenn ich die Frage tue, ob Sie je sich mit Gott unterhalten?«

»Seit langer Zeit, Madame, ist dieser Name in meinem Schiffe nur gehört worden, um jenem niedrigen, profanen Gespötte, dem einfachere Rede nicht mehr pikant genug ist, eine Würze beizufügen. Aber in Wahrheit, sie, die ungekannte Gottheit, was ist sie mehr als das, was dem empfindsamen Menschen aus ihr zu machen beliebte?«

Mit einer so festen Stimme, daß selbst der, der solange an den Tumult und die großartigen Auftritte seines wilden Treibens gewöhnt war, bei den Tönen zusammenschrak, sprach sie: »Der Tor spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott. – Gürte deine Lenden wie ein Mann; ich will dich fragen, antworte mir: Wo warest du, als ich die Erde gründete: Sage mir's, wenn du klug bist?«

Er blickte lange und stumm das hochgerötete Antlitz der Sprecherin an. Dann wandte er das Gesicht unwillkürlich seitwärts und brach in die Worte aus, die offenbar mehr ein Lautwerden seiner Gedanken, als eine Fortsetzung des Gespräches waren:

»Habe ich doch dies alles schon so oft gehört, und dennoch weht es jetzt meine Gefühle mit der Frische heimatlicher Lüfte an!« Hier erhob er sich, trat auf seine ruhige, würdevolle Gesellschafterin zu und sagte halb flüsternd: »Dame, sprich jene Worte noch einmal, verändere keine Silbe daran, und laß in allem die Betonung der Stimme dieselbe sein, ich bitte dich.«

Verwundert und innerlich erschrocken über dies Gesuch gewährte es Mistreß Wyllys, indem sie die geheiligte Sprache der gotterfüllten Propheten mit einem Feuer wiedergab, das seine Nahrung und Gewalt aus ihrem innersten Gefühle zog. Ihr Zuhörer lauschte wie ein verzücktes Wesen. Fast eine Minute stand er vor ihr, die so eindringlich für die Majestät Gottes gesprochen hatte, regungslos in Haltung und Blick, wie der Mast hinter ihm.

»Ja, das heißt mit einem einzigen großen Schritte wieder zum Pfad des Lebens zurückkehren«, sagte er und ließ seine Hand auf die seiner Gesellschafterin fallen. »Ich weiß es nicht, warum ein Puls, der sonst Zeit hält wie ein Hammer, jetzt so wild und unregelmäßig schlägt. O Dame, diese kleine, schwache Hand wäre stark genug, ein Gemüt zu leiten, das so oft schon Trotz geboten der Gewalt von . . .«

Plötzlich hielt er inne; denn als sein Auge bewußtlos der Richtung seiner Hand folgte, fiel es auf die zarte, aber nicht mehr ganz junge Hand der Erzieherin, und mit einem tiefen Seufzer, gleichsam als erwachte er von einer angenehmen, aber vollkommenen Täuschung, wendete er sich weg und ließ seine Rede unvollendet.

»Sie verlangten ja Musik!« rief er nachlässig. »So wollen wir denn Musik haben, und sollten wir dem Gong die Sinfonie entlocken!«

Hierbei schlug er dreimal an die chinesische Glocke, so rasch hintereinander und so heftig, daß der dröhnende Widerhall des Metalls alle andern Wahrnehmungen der Sinne verwirrte. Wie tief es auch die Gouvernante kränkte, teils daß er sich so schnell dem Einfluß entzog, den sie bis zu einem gewissen Grade über ihn gewonnen hatte, teils daß er es wieder für gut befand, sie mit so wenigen Umständen seine Unabhängigkeit fühlen zu lassen, so vergaß sie doch nicht, daß ihr die Notwendigkeit die Verheimlichung ihrer Gefühle zur Pflicht machte. Als die betäubenden Töne verklungen waren, sagte sie:

»Gewiß, dies ist nicht die Harmonie, zu der ich einlud; auch halte ich sie nicht für geeignet, die Ruhesuchenden in den Schlaf zu wiegen.«

»Seien Sie unbesorgt um die Leute. Der Matrose schläft dicht bei der Mündung der Kanone, wenn sie donnert, und nur die Bootsmannpfeife weckt ihn auf. Er ist zu lange bei der Gewohnheit in die Schule gegangen, um dieses Geräusch für mehr als einen Flötenton zu halten; vielleicht, wenn Sie wollen, für einen stärkern und vollern als gewöhnlich, aber doch immer für einen solchen, der ihn nichts angeht. Ein vierter Schlag hätte Feuerlärm bezeichnet; aber drei bedeuten nur Musik. Es war das Signal für das Musikkorps; die Nacht ist still und ihrer Kunst nicht abhold, lauschen wir den süßen Klängen.«

Kaum hatte er gesprochen, so hörte man einige Blasinstrumente tief intonieren. Die Künstler standen draußen vor der Kajüte, wahrscheinlich einem frühern Befehl ihres Kapitäns gehorchend. Nach einem Lächeln des Triumphes über die Schnelligkeit, womit seinen Befehlen Folge geleistet wurde, die allerdings der Macht, die er besaß, viel mehr einen zauberischen als despotischen Charakter verlieh, warf er sich auf den Diwan und lauschte der Musik.

Die Klänge, die jetzt durch die Nacht tönten und sanft und melodisch über die Wellen dahinglitten, würden in Wahrheit weit schulgerechteren Künstlern Ehre gemacht haben. Schwärmerisch wild und melancholisch war die Weise, und vielleicht um so mehr im Einklang mit der augenblicklichen Laune des Mannes, für dessen Ohr sie gespielt ward. – Darauf, dem aufregenden Charakter entsagend, konzentrierte sich die ganze Gewalt der Instrumente in sanftere und weichere Klänge, und der Genius, der die Melodie erzeugt hatte, schien darin seine innersten und erhabensten Gefühle erschließen zu wollen. Die Gemütsstimmung des Rover entsprach dem wechselnden Ausdruck der Musik; ja, als die Klänge den höchsten Grad von Rührung ausdrückten, ließ er das Haupt sinken wie ein Weinender.

Mistreß Wyllys und ihre Schülerin, obgleich selbst von der Musik ergriffen, konnten den Blick von dem so eigentümlich geschaffenen Wesen nicht abwenden, in dessen Hände sie ihr böser Stern geführt hatte. Bewunderung über den furchtbaren Gegensatz von Leidenschaften, die sich unter so verschiedenen und so gefährlichen Gestalten in einem und demselben Menschen offenbaren konnten, erfüllte die erstere, während Gertraud mit der ihren Jahren eigenen Nachsicht und Teilnahme urteilend, dem Glauben Raum gab, daß ein Mensch, dessen bessere Gefühle so leicht ins Leben gerufen werden konnten, wohl das Opfer der Verhältnisse, aber nicht der Schöpfer seines unglücklichen Schicksals sein könne.

Als der letzte Akkord dem Ohr verklungen war, sagte der Freibeuter: »Italien atmet in diesen Tönen, das süße, träge, üppige, leichtsinnige Italien! Ist es Ihnen je zuteil worden, Madame, jenes Land zu sehen, dessen Erinnerungen ebenso groß sind, als seine jetzige Lage ohnmächtig?«

Die Gouvernante gab keine Antwort, und die Neigung ihres Hauptes ließ ihre Gefährtin vermuten, daß auch sie dem erschütternden Einflüsse der Musik huldige. Endlich dem Drange seines wechselvollen Innern nachgebend, schritt der Korsar auf Gertraud zu, indem er mit der Galanterie, die einer sehr verschiedenen Szene Ehre gemacht hätte, und sie in einer Sprache, ganz im Charakter der Höflichkeit des Zeitalters, anredete:

»Die, deren bloße Stimme schon Musik ist, hat sicherlich die Gaben der Natur nicht vernachlässigt. Sie singen?«

Wenn Gertraud das Talent, das er ihr zutraute, auch besaß, so würde ihr die Stimme bei seiner Aufforderung doch den Dienst versagt haben. Sie machte eine erwidernde Verneigung, und die Worte, die ihre Entschuldigung enthalten sollten, waren selbst dem angestrengt Lauschenden kaum vernehmbar. Indes bestand er nicht auf einer Bitte, die offenbar unwillkommen war, wendete sich und tat einen leisen, aber doch erweckenden Schlag an die Glocke.

»Roderich,« fuhr er fort, als der leichte Tritt des Knaben auf der zur Kajüte herabführenden Treppe hörbar ward, »schläfst du?«

Die langsame und halb unterdrückte Antwort war natürlich verneinend.

»Apollo war nicht abwesend, als Roderich das Licht der Welt erblickte, Madame. Dem Knaben stehen Töne zu Gebote, an denen mehr als einmal schon die verhärteten Gefühle des Seemanns schmolzen. – Geh, lieber Roderich, stelle dich an die Kajütentüre, und laß die Musik deine Worte leise begleiten.«

Der Knabe gehorchte; die Stellung, die seine schlanke Gestalt einnahm, war so beschaffen, daß denen, die innerhalb der Beleuchtung der Lampe saßen, der Ausdruck seiner bewegten Züge unsichtbar bleiben mußte. Nun intonierten die Instrumente eine liebliche Einleitung, die bald zu Ende war; zweimal hatten sie die Weise angefangen, und noch immer ließ sich keine Stimme hören.

»Worte, Roderich, Worte; wir verstehen uns schlecht darauf, den Sinn der Flötentöne zu deuten.«

Auf diese Weise an seine Pflicht erinnert, fing der Knabe an, in einem vollen, reichen Konteralt, doch nicht ohne eine Bebung, die offenbar nicht zur Melodie gehörte, einige Strophen zu singen:

Im Westen, dort am Meeresrand,
    Dehnt weit sich aus und schön
Das süße, heilige Zauberland,
    Wo Fried' und Freiheit wehn.
Dort eilet nicht
    Der Sonne Licht,
Vergoldet jedes Tages Abend,
    Und ruht auf Baum und Seen.
Für dich, o Mensch, strahlt es so labend,
    Strahlt es so schön
Auf Tal und Baum und Seen!
    Das Mädchen sehnsuchtsvoll durchirrt
Mit ungewissem Fuß
    Den Hain, und ihm entgegen schwirrt
Der Vögel Liebesgruß.
    O süß Gestad',
Wann Abend naht,
    Spricht Hoffnung . . .

»Genug hiervon, Roderich«, unterbrach ungeduldig sein Herr, »Dieser Gesang hat zuviel vom verliebten Korydon, um der Laune eines Matrosen zuzusagen. Singe uns von der See und ihren Freuden, Knabe; und heb' die Töne auf eine Weise hervor, die mit dem Geschmack eines Seemanns in besserem Einverständnis stehen.«

Der Knabe blieb stumm; kann sein, aus Abneigung gegen diese Aufforderung, vielleicht aber auch, weil er ihr wirklich nicht genügen konnte.

»Wie, Roderich! Verläßt dich die Muse? Oder wird dein Gedächtnis schwach? Sie sehen, das Kind ist eigensinnig in seinen Melodien; wenn er nicht von Liebe und Sonnenschein singen kann, so weiß er nichts. Wohlan, meine Leute, gebt einen kräftigern Akkord, und laßt Leben in den Kadenzen wehen, ich will zur Ehre des Schiffes ein Seelied versuchen.«

Das Korps, angesteckt von der augenblicklichen Laune seines Herrn (denn wahrlich! den Namen verdiente er), spielte eine kraftvolle und graziöse Einleitung zu dem Gesang des Korsaren. Jene verräterischen, berückenden Klänge, die sich so oft, wenn er sprach, durchhören ließen, mußten allerdings zu der Erwartung führen, daß seinem Gesang Fülle, Tiefe und Metall nicht fehlen werde; und solche Erwartung wurde nicht getäuscht. Von diesen natürlichen Vorzügen begünstigt, und von einem ausgebildeten Ohre unterstützt, sang er folgende Stanzen auf eine Weise, die, seltsam genug, halb dem Lebemann, halb dem Sentimentalen angehörte. Die Worte waren höchstwahrscheinlich eigene Komposition; denn außerdem, daß sie im ganzen das Gepräge seines Handwerks an sich trugen, fehlten ihnen auch nicht Züge des dem Sänger eigentümlichen Geschmackes:

            Zu Hauf! Macht Anker licht!
Nun schallet rauh und froh der Ton,
    Und keinen hält der süße Schlummer;
Im Takte knarrt das Gangspill schon,
    Der Bootsmann pfeift und scheucht den Kummer!
Das junge Schiffsvolk, freudentbrannt,
    Jauchzt auf; es lärmt die Meng' am Strand:
            Zu Hauf! Macht Anker licht!

            Ein Segel dort! ahoi!
Spannt alle Nerven zum Gefecht,
    Steuert mutig zu, den Feind zu fassen;
Ein still Gebet fürs heilige Recht,
    Fürs Weib, so wir daheim gelassen.
Nun los von jedem Segelbaum!
    Zerstiebt der Meeresfluten Schaum!
            Ein Segel! ho, ahoi!

            Dem Sieg dreimal Hurra!
Nicht folg den Tapfern Klag' hinab;
    Nein: pflegt die Wunden eurer Brüder;
Das Meer ist des Matrosen Grab,
    Und Helden sehn sich droben wieder!
Genug, daß uns das Werk gelang,
    Drum jauchzet hoch den Siegsgesang:
            Hurra! Hurra! Hurra!

Gleich nachdem er dieses Lied beendigt hatte, ohne zu warten, ob seiner Leistung in Hinsicht der Stimme oder des Vortrags einige Worte der Anerkennung folgen würden, erhob er sich, ersuchte seine Gäste, über die Dienste seines Musikkorps nach Gefallen zu gebieten, wünschte ihnen sanfte Ruhe und angenehme Träume und stieg dann gelassen, offenbar, um sich gleichfalls zur Ruhe zu begeben, hinab in eines der untern Gemächer. – Mistreß Wyllys und Gertraud, obgleich beide sich unterhalten, oder vielmehr verlockt fühlten, durch das Gewinnende einer Charakterweise, die sich bei allem Eigensinn nie der Roheit näherte, hatten dennoch, als er verschwand, ein ähnliches Gefühl, als wenn man nach der eingeschlossenen Atmosphäre eines Kerkers endlich wieder freie Luft schöpfen darf. Die Gouvernante betrachtete ihre Schülerin mit einem Blick, in dem unverkennbare Liebe mit tief verborgener Besorgnis kämpfte; doch sprach keine, denn eine leise Bewegung an der Kajütentüre sagte ihnen, daß sie nicht allein waren.

»Wünschen Sie noch mehr Musik, Madame?« fragte Roderich mit erstickter Stimme, furchtsam während des Sprechens aus dem Schatten hervortretend. »Ich will Sie in den Schlaf singen, wenn Sie es wünschen; aber mir versagt die Stimme, wenn er mir befiehlt, meinen Gefühlen Gewalt anzutun und fröhlich zu sein.«

Schon hatte sich die Stirn der Gouvernante zusammengezogen, und es war ihr anzusehen, daß sie sich auf eine zurückweisende Antwort vorbereitete; da sprach die trauernde Stimme, die eingeschreckte, unterwürfige Gestalt des Knaben so stark zu ihrem Herzen, und an die Stelle des strengen Blickes trat ein weicher, verweisender Blick, wie man ihn oft das Zürnen mütterlicher Teilnahme mildern sieht.

»Roderich, ich hatte geglaubt, du würdest dich für diese Nacht nicht mehr zeigen.«

»Sie hörten ja die Glocke. Ach, wenn er auch in seinen aufgeräumten Augenblicken so heiter sein, so das Innerste ergreifend singen kann – Sie haben ihn noch nie im Zorn gehört.«

»Und ist denn sein Zorn so schrecklich?«

»Vielleicht ist er es anderen nicht so sehr, aber ich kenne nichts Fürchterlicheres, als ein einziges Wort von ihm, wenn sein Gemüt düster ist.«

»Er ist dann rauh gegen dich?«

»Niemals.«

»Du widersprichst dir selbst, Roderich. Er ist es, und ist es wieder nicht. Erzähltest du nicht, wie fürchterlich dir seine düstere Rede sei?«

»Ja; denn ich finde sie verändert. Einst war er nie tiefsinnig oder übelgelaunt, allein seit kurzem ist er nicht mehr er selbst.«

Mistreß Wyllys antwortete nicht. Des Knaben Rede war ihr allerdings weit verständlicher, als ihrer jungen aufmerksamen, aber von allem Verdacht freien Gefährtin, die, während sie selbst dem Knaben einen Wink gab, sich zu entfernen, nicht wenig Lust zeigte, ihre Neugier zu befriedigen und sich von dem Leben und den Sitten des Freibeuters mehr erzählen zu lassen. Indes wurde der Wink gebieterisch wiederholt, und der Knabe zog sich, offenbar sehr ungern, langsam zurück.

Hierauf ging auch die Gouvernante und ihre Pflegebefohlene in ihre Staatskajüte. Viele Minuten weihten beide dem stillen Opfer des Gebets und des Dankes, ein Opfer, von dem sie sich nie durch Verhältnisse abhalten ließen, sie mochten sein, von welcher Art sie wollten. Das Bewußtsein der Schuldlosigkeit und die Zuversicht in einen allvermögenden Schutz, sicherte ihnen einen süßen Schlaf. Außer der Schiffsuhr, die regelmäßig die Wachen der Nacht hindurch die Stunden schlug, störte während der Dunkelheit kein anderer Ton die Ruhe, die über den Ozean und alles, was auf seinem Spiegel schwamm, ihren beschwichtigenden Fittich gebreitet hatte.

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