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Der rote Freibeuter

James Fenimore Cooper: Der rote Freibeuter - Kapitel 21
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer rote Freibeuter
publisherHesse & Becker Verlag
firstpub
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehntes Kapitel.

Erwägt der Leser die Schnelligkeit, mit der das Fahrzeug vor dem Winde flog, so darf es ihn nicht befremden, daß wir imstande sind, die Szene des gegenwärtigen Kapitels in einer ganz verschiedenen Gegend zu eröffnen, wenn wir von dem Zeitpunkte an, wo sich die bisher erzählten Ereignisse schließen, eine Woche überspringen. Wir halten es für überflüssig, dem Rover in den Krümmungen jener irren und oft scheinbar ungewissen Fahrt zu folgen, während der sein Kiel weit mehr als tausend Seemeilen durchschnitten, mehr als einem königlichen Kreuzer geschickt die Spur verdorben und verschiedene minder gefahrvolle Tete-a-tetes ebensosehr aus Neigung als aus irgendeinem andern zu vermutenden Grunde vermieden hatte. Zu unserem Zwecke reicht es vollkommen hin, den Vorhang, der eine Zeitlang die Bewegungen des Fahrzeuges verhüllen mußte, zu lüften, um es in einem mildern Klima und, bedenkt man die Jahreszeit, in einer günstigern See wieder auftreten zu lassen.

Genau sieben Tage also, nachdem Gertraud und ihre Erzieherin Genossen des Freibeuterschiffes geworden waren, befand es sich, als die Sonne über seinen flatternden Segeln, symmetrischen Spieren und dunklem Rumpfe aufstieg, innerhalb des Gesichtskreises einiger niedrigen, kleinen, felsigen Eilande. Wenn man auch nicht das geringste Hügelchen blauen Landes sich aus der Welt von Gewässern hätte heben sehen, so würde doch die Farbe des Elementes schon jeden Seemann belehrt haben, daß sich der Boden des Meeres mehr als gewöhnlich der Oberfläche nähere und man folglich gegen die wohlbekannten, gefürchteten Gefahren der Küste auf der Hut sein müsse. Kein Wind regte sich; denn das schwankende, ungewisse Wehen, das von Zeit zu Zeit auf einen Augenblick die leichtere Leinwand des Fahrzeuges füllte, verdiente nur der Hauch eines Morgens genannt zu werden, der über dem Meere anbrach, sanft, mild, und mit einem scheinbar so weichen Lüftchen, daß es dem Ozean den stillen Charakter eines schlafenden Binnensees verlieh.

Alles im Schiffe, was Leben hatte, war schon auf und munter. Fünfzig kräftige und von Gesundheit strotzende Kerle hingen in verschiedenen Teilen der Takelage, einige lachend und sich leise mit Kameraden unterhaltend, die nachlässig auf den nächsten Spieren ausgestreckt lagen, andere gemächlich eine leichte und unbedeutende Arbeit verrichtend, mehr um nicht müßig zu gehen, als weil sie nötig gewesen wäre. Eine noch größere Anzahl von anderen schlenderte auf dieselbe Weise sorgenlos unten auf dem Verdeck umher. – Das Ganze trug das Gepräge von Leuten, die sich etwas, wenn auch noch so Unwesentliches zu tun machten, mehr um den Vorwurf der Trägheit zu vermeiden, als daß die Notwendigkeit das Werk geboten hätte. Die Schanze, der geheiligte Fleck eines Fahrzeuges, das auf Disziplin oder auch nur auf einen Schein darauf Anspruch macht, war von anderen Personen eingenommen, die freilich auch ebenso unbeschäftigt und nachlässig waren, als die übrigen. Kurz, die Stille auf dem Schiffe glich der auf dem Ozean und in der Luft, die beide eine gelegenere Zeit zur Entfaltung ihrer Macht abzuwarten schienen.

Drei oder vier Jünglinge, die nichts weniger als ein unangenehmes Äußeres hatten, besonders wenn man die Beschaffenheit ihres Gewerbes erwägt, erschienen in einer Art von halber Schiffsuniform, bei deren Schnitt und Farbe jedoch die Mode keiner besondern Nation vorzugsweise zu Rat gezogen war. Ungeachtet der offenbaren Ruhe, die rings um sie her herrschte, trug jeder von ihnen einen kurzen, geraden Dolch am Gürtel; und als sich einer von ihnen zufällig über die Galerie lehnte, konnte man den Schaft eines Terzerols durch eine offene Falte seiner Uniform entdecken. Da indessen keine anderen unmittelbaren Zeichen der Vorsicht zu bemerken waren, so konnte man nur schließen, daß dies die gewöhnliche Tracht auf dem Schiffe sein müsse. Ein paar grimmige und verhärtet aussehende Schildwachen, ganz wie Militär zu Lande uniformiert und bewaffnet, die, gegen den Gebrauch in Flotten, auf der Grenzlinie zwischen dem Sammelplatz der Offiziere und dem Vorderteil des Verdecks ihren Posten hatten, deuteten ebenfalls auf ungemeine Vorsicht hin. Allein alle diese Einrichtungen ließen die Matrosen in einer solchen Gleichgültigkeit, daß man wohl sehen konnte, die Gewohnheit habe sie längst schon damit vertraut gemacht.

Das Individuum, das dem Leser bereits unter dem hochtönenden Titel General bekannt ist, stand aufrecht und steif wie ein Schiffsmast da und studierte kritischen Blickes die Equipierung seiner beiden Söldlinge, augenscheinlich so achtlos auf alles, was um ihn her vorging, als wenn er sich buchstäblich zu den unbeweglichen architektonischen Teilen des Schiffes rechnete. Eine Gestalt aber zeichnete sich unter allen, die sich umherbewegten, durch ihre würdevolle Miene und das selbst in ruhiger Stellung nicht zu verkennende gebieterische Wesen aus. Es war der rote Freibeuter, der allein stand, indem es niemand wagte, dem Fleck nahe zu kommen, wo es ihm beliebte, seine gewandte, grazienvolle und imposante Person hinzupflanzen, seinen lebendigen, überall hin gerichteten Blick verließ nie der Ausdruck des strengen Prüfens, sowie er bald den einen, bald den andern Gegenstand der Schiffgeräte traf, und zuweilen, wenn sein Auge eine der durchsichtigen, gekräuselten Wolken, die in dem blauen Äther schwammen, betrachtete, umzog seine Brauen jene Düsterheit, die man gewöhnlich als die Begleiterin angestrengten Denkens anzusehen pflegt. In der Tat, so finster und bedrohlich wurde zuweilen das Zürnen seines Auges, daß selbst das blonde Haar, dessen Locken unter einer schwarzsamtenen, mit einer tief herabhängenden Goldquaste geschmückten Kapitänsmütze hervorquollen, seinem Gesicht jenen milden Zug nicht zu verleihen vermochte, den es zu anderen Zeiten hatte. Gleichsam als verschmähe er Verheimlichung und als gefalle er sich in der Verkündigung seiner Macht, trug er seine Pistolen offen in einem ledernen Gürtel, über einem blauen mit Gold zierlich eingefaßten Rock: außerdem trug er noch, mit derselben Verachtung des Geheimnisvollen, einen leichtgearbeiteten, krummen, türkischen Säbel und ein Stilett im Gürtel, das, nach der Verzierung des Handgriffes zu urteilen, wahrscheinlich von den Händen eines italienischen Künstlers verfertigt worden war.

Auf dem Deck der Hütte, erhaben über die anderen, und von der unten sich bewegenden Menge zurückgezogen, stand Mistreß Wyllys und das ihr anvertraute Mädchen. Weder in dem Blick, noch im Wesen irgendeiner von ihnen war jene Ängstlichkeit zu bemerken, die man als etwas Natürliches bei Frauen voraussetzen darf, die sich in einer so kritischen Lage, in der Gesellschaft gesetzloser Freibeuter befinden. Im Gegenteil, als die Gouvernante ihrer Anvertrauten den fernen mattblauen, über die Wasser wie eine dunkle, genau begrenzte Wolke hervorragenden Hügel zeigte, da war in dem gewöhnlich ruhigen Ausdruck ihres Gesichtes der rege Zug der Hoffnung nicht zu verkennen. Sie rief auch Wildern mit heiterer Stimme herbei, und der Jüngling, der lange mit einer gewissen Eifersucht auf der von der Schanze hinaufführenden Treppe gestanden und sie bewacht hatte, war im Nu an ihrer Seite.

»Ich versicherte Gertraud soeben,« sagte die Gouvernante mit jenem zutraulichen Tone, den gemeinschaftlich ausgestandene Gefahren zu erzeugen pflegen, »daß dort ihre Heimat läge, und wir hoffen dürften, sie bald zu erreichen, wenn erst der Wind eintrete; allein nachdem wir soviel Schrecknisse erlebt haben, will das eigensinnige, furchtsame Kind ihren Sinnen durchaus nicht eher trauen, als bis sie zum wenigsten die Wohnung ihrer Kindheit und das Antlitz ihres Vaters erblickt. Sie sind doch schon oft an dieser Küste gewesen, Herr Wilder?«

»Oft, Madame.«

»Dann können Sie uns ja sagen, was für Land das ist, das wir in der Ferne sehen.«

»Land!« wiederholte unser Abenteurer, sich verwundert stellend; »ist denn irgendwo Land zu sehen?«

»Irgendwo zu sehen! Es ist ja schon vor mehreren Stunden von dem Manne im Mastkorbe angekündigt worden.«

»Kann sein; wir Seeleute sind nach einer durchwachten Nacht etwas stumpf und hören oft wenig von dem, was um uns her vorgeht.«

Die Erzieherin warf, aus Furcht, sie wußte selbst nicht wovor, einen flüchtigen, verdachtvollen Blick auf ihn, ehe sie fortfuhr: »Hat der Anblick des freundlichen, teuern Bodens von Amerika seinen Zauber bei Ihnen so schnell verloren, daß Sie sich ihm so teilnahmlos nähern? Ich habe es mir noch immer vergebens zu enträtseln gesucht, wie die Leute Ihres Faches für ein so gefährliches, verratvolles Element so bis zur Betörung eingenommen sein können?«

»Sind die Seeleute denn wirklich ihrem Beruf mit einer so ungeteilten Liebe ergeben?« fragte Gertraud mit einer Hast, von der es ihr schwer gewesen wäre, den innersten Grund anzugeben.

»Es ist eine Schwäche, die man uns oft zur Last legt«, erwiderte Wilder, sie mit einem Lächeln anblickend, worin nicht der leiseste Schatten der frühern Zurückhaltung zu erkennen war.

»Und mit Recht?« fragte Gertraud.

»Ich fürchte, mit Recht.«

»Ach wohl!« rief Mistreß Wyllys mit einer bedeutsamen Emphase aus, die sanften und doch bittern Gram verriet; »sie lieben die See oft mehr, als ihre stille, friedliche Heimat!«

Gertraud setzte das Gespräch nicht weiter fort, allein ihr schönes, großes Auge senkte sich auf das Verdeck, als ob sie tief nachsinne über den verkehrten Geschmack, der es lieber mit den wilden Gefahren des Ozeans aufnimmt, als sich den Freuden der Häuslichkeit hingibt.

»Ich wenigstens fühle mich von der letzten Beschuldigung nicht getroffen«, rief Wilder. »Mir ist ein Schiff immer das gewesen, was anderen die Heimat.«

»Auch ein großer Teil meines Lebens floß in einem Schiffe dahin«, fuhr die Gouvernante fort, offenbar in ihrem tiefsten Innern Bilder langer Vergangenheit zurückrufend. »Glücklich und traurig zugleich waren die Stunden, die ich auf der See zugebracht habe! Auch ist dies nicht das erste königliche Schiff, in das mich mein Schicksal geworfen hat. Und doch scheinen sich die Gebräuche seit jenen Tagen sehr geändert zu haben, wenn anders mein Gedächtnis die Eindrücke eines Alters nicht zu verlieren beginnt, wo jenes Seelenvermögen am stärksten zu sein pflegt. Ist es gebräuchlich, Herr Wilder, einem Erzfremden, wie Sie hier sind, in einem Kriegsschiff ein Kommando anzuvertrauen?«

»Durchaus nicht!«

»Und doch führten Sie, wenn mein schwaches Urteil nicht trügt, von dem Augenblicke an, wo wir als Schiffbrüchige, Hilflose dies Fahrzeug betraten, das zweite Kommando darin.«

Unser Abenteurer wendete abermals den Blick ab und suchte augenscheinlich nach Worten, ehe er erwiderte: »Ein Patent gebietet überall Achtung; das meinige hat mir die Wichtigkeit verschafft, von der Sie Zeuge waren.«

»Sie sind also ein königlicher Offizier?«

»Würde man irgendeine andere Autorität in einem königlichen Schiffe gelten lassen? Durch den Tod wurde die zweite Stelle in diesem Kreuzer vakant. Zum Glück für das Bedürfnis des Dienstes, vielleicht auch für mich, war ich bei der Hand, die Stelle auszufüllen.«

»Aber sagen Sie mir doch noch,« fuhr die Gouvernante fort, entschlossen, die Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, ohne sich noch mehr Aufklärung zu verschaffen, »ist es Sitte, daß die Offiziere eines Kriegsschiffs bewaffnet unter ihren Leuten erscheinen, wie es hier geschieht?«

»Es ist der Wille unseres Kommandeurs.«

»Dieser Kommandeur ist offenbar ein geschickter Seemann, allein seine Kapricen und seinen Geschmack finde ich ebenso außergewöhnlich wie seine Miene. Ich muß ihn schon einmal gesehen haben, und wo ich nicht irre, erst vor kurzem.«

Mistreß Wyllys verfiel in ein mehrere Minuten langes Stillschweigen. Während der ganzen Zeit blickte sie unverrückt hin auf die Gestalt des regungslosen Menschen, der noch immer in seiner ruhigen Haltung verharrte, entfernt von dem ganzen Haufen, den er so gewandt in unbedingter Abhängigkeit von seinem Befehl zu erhalten wußte. Die Gouvernante schien in diesen paar Augenblicken auch die flüchtigste Eigentümlichkeit seiner Person mit ihrem Auge einsaugen zu wollen, das sie nicht müde wurde, auf ihm ruhen zu lassen. Sie holte alsdann tief Atem und ließ vom Sinnen nach, indem sie sich erinnerte, daß sie nicht allein sei, und daß andere, schweigend und sie beobachtend, das Ergebnis ihres Nachdenkens abwarteten. Ohne Verwirrung jedoch wegen einer Geistesabwesenheit, an die ihre Schülerin schon zu sehr gewöhnt war, als daß sie ihr auffallen sollte, nahm sie, den Blick wie zuvor auf Wilder gerichtet, das Gespräch wieder da auf, wo sie selbst es unterbrochen hatte.

»Sind Sie denn schon lange mit dem Kapitän Heidegger bekannt?«

»Wir haben uns schon früher gesehen.«

»Dem Tone nach ist der Name deutschen Ursprungs, mir wenigstens ist er vollkommen neu. – Doch gab es eine Zeit, wo mir wenige im Dienste des Königs stehende Offiziere seines Ranges dem Namen nach unbekannt waren. Ist seine Familie in England eine alte?«

»Diese Frage kann er selbst wahrscheinlich besser beantworten«, sagte Wilder, froh, erlöst zu sein, denn der Gegenstand des Gesprächs näherte sich ihnen eben mit einer Miene, die das Bewußtsein ausdrückte, daß ihm niemand in dem Schiffe das Recht streitig machen durfte, an jedem ihm zusagenden Gespräch teilzunehmen. »Jetzt, Madame, ruft mich die Pflicht anderswohin.«

Wilder zog sich offenbar nur ungern zurück, und wenn seine Reisegefährtinnen überhaupt Verdacht gehegt hätten, so würde ihnen der mißtrauische Blick nicht entgangen sein, womit er die Art beobachtete, die sein Kommandeur annahm, als er den Damen einen guten Morgen wünschte; und doch war nichts im Wesen des Rovers, was ein solch eifersüchtiges Bewachen hätte veranlassen können, im Gegenteil, etwas Kaltes und Abweisendes darin gab den Anschein, daß er mehr aus Gastfreundlichkeit, als aus dem Wunsch sich zu unterhalten, an der Unterredung teilnehme. Indessen hatte sein Benehmen viel Gütiges, und seine Stimme war mild wie die Luft, die von dem herrlichen Klima der nahen Insel herüberwehte.

»Dort ist ein Anblick,« sagte er, indem er auf den blauen Rand des Kontinents hinzeigte, »der den Landbewohner mit Wonne und den Seemann mit Schrecken erfüllt.«

»Sind denn Seeleute dem Anblick von Regionen so abgeneigt, wo so viele Millionen ihrer Mitgeschöpfe mit Vergnügen wohnen?« fragte Gertraud, an die er seine Worte gerichtet hatte. Die Offenherzigkeit, mit der sie die Frage tat, bewies hinlänglich, daß ihre flecken- und arglose Seele von seinem wahren Charakter nicht die entfernteste Ahnung hatte.

»Zu denen auch Fräulein Grayson gehört«, erwiderte er, sich leise verbeugend, und mit einem Lächeln, hinter dessen Heiterkeit sich Ironie verbarg. »Nach den Gefahren, die Sie so kürzlich ausstehen mußten, kann selbst ich, ein so verstocktes und hartnäckiges Seeungeheuer, Ihnen die Abneigung gegen unser Element nicht verdenken. Doch ist es, wie Sie sehen, nicht ohne seine Reize. Kein See, von dem Festlande dort umkränzt, kann ruhiger und angenehmer sein, als dies Stückchen Meer. Befänden wir uns einige Grade südlicher, so wollte ich Ihnen Landschaften zeigen, zusammengesetzt aus Felsen, Gebirgen, Buchten, grüngetupften Hügelabhängen, spielenden Walfischen, nachlässig ausgestreckten Fischern, Bauernhütten in der Ferne und schlaffen Segeln – kurz, es würde sich selbst in einem Buche nicht übel ausnehmen, das die glänzenden Augen einer Dame mit Vergnügen lesen.«

»Und doch gehören die meisten Gegenstände, die Sie nannten, dem Festlande an. Zum Dank für dies Gemälde möchte ich Sie nach Norden fuhren, Ihnen dort finstere, drohende Wolken zeigen, ein grünes, verdrießliches Meer, Schiffstrümmer, Untiefen; auch Hütten, Hügelabhänge und Berge sind da, aber nur in der Sehnsucht der Ertrinkenden, endlich Segeltücher, gebleicht von Gewässern, die den gefräßigen Haifisch und den ekelhaften Polypen beherbergen.«

Gertraud hatte in seinem eignen, heitern Tone geantwortet; allein ihre blasse Wange und ein leises Zittern ihrer weichen, vollen Lippe verriet nur zu deutlich, daß die Erinnerung mit ihren entsetzlichen Bildern in ihr geschäftig war. Dieser Wechsel entging dem scharfforschenden Blicke des Rovers keineswegs, daher gab er, um jedes schmerzliche Andenken zu verbannen, auf eine ebenso gewandte als zarte Weise dem Gespräche eine andere Wendung.

»Es gibt Leute, die da glauben, die See habe nichts Unterhaltendes«, sagte er. »Für ein schwächliches, see- und heimwehkrankes Wesen mag das freilich wahr sein; allein der, dessen Geist kräftig genug ist, die Launen seines tierischen Teils zu unterdrücken, weiß ein anderes zu erzählen. So zum Beispiel haben wir regelmäßig unsere Bälle, und am Bord des Schiffes befinden sich Künstler, die vielleicht keinen so entschiedenen rechten Winkel mit ihren Beinen beschreiben können wie die Solotänzer in den Balletts, hingegen ihre Tanzfiguren im Sturmwind zu machen wissen, was mehr ist, als man von dem leichtfüßigsten Landhüpfer rühmen kann.«

»Ein Ball ohne Damen würde von ununterrichteten Leuten des Festlandes wenigstens für ein ungeselliges Vergnügen gehalten werden.«

»Hm! – es könnte freilich nicht schaden, wenn eine oder zwei Damen dabei wären. Dabei haben wir unser Theater, Posse, Lustspiel, spanischer Stiefel, alles kommt an die Reihe, um uns Kurzweil zu geben. Der Kerl, den Sie dort aus der Vormarssegelrahe ausgestreckt sehen wie eine träge Schlange, die sich auf einem Baumzweige sonnt, brüllt Ihnen so sanft wie eine Lachtaube! Und da drüben steht ein Verehrer des Momus, der selbst einen seekranken Mönch zum Lachen bringen würde: ich kann, glaube ich, nichts Empfehlenderes von ihm sagen.«

»Das nimmt sich in der Beschreibung recht gut aus,« erwiderte Mistreß Wyllys, »allein wieviel gehört davon dem – Dichter, oder soll ich Sie eher Maler nennen?«

»Keins von beiden, sondern einen ernst- und wahrhaften Chronisten. – Indes, da Sie Ihre Zweifel haben, und da Sie so seeneu sind . . .«

»Verzeihung!« unterbrach die Dame. »Ich bin im Gegenteil seealt, ich habe den Ozean schon oft gesehen.«

Der Rover, dessen unsteter Blick bis jetzt mehr das frische Antlitz Gertrauds als das ihrer Gefährtin getroffen hatte, richtete ihn hier auf die letztere, ja ließ ihn so lange auf ihr weilen, daß sie dadurch in einige Verlegenheit geriet.

»Es scheint Sie zu befremden, daß eine Dame ihre Zeit auf eine solche Weise zugebracht haben sollte«, bemerkte sie, nicht ohne die Absicht, ihn das Unschickliche seines stieren Blickes fühlen zu lassen.

»Wir sprachen von der See, wenn ich mich recht erinnere«, fuhr er fort, wie einer, der plötzlich von tiefem Nachdenken wieder zu sich kommt. »Ja, ja, von der See war es, denn ich war etwas prahlerisch in meiner Lobeserhebung geworden, hatte Ihnen gesagt, dies Schiff sei ein besserer Schnellsegler, als . . .«

»Nichts von alledem!« rief Gertraud, über seine Verwirrung herzlich lachend. »Sie spielten vielmehr den Zeremonienmeister in einem Schiffsball.«

»Wollen Sie ein Menuett tanzen? Wollen Sie meine Bretter mit den Grazien Ihrer Person beehren?«

»Ich, mein Herr? Mit wem? Vielleicht mit dem Herrn, der seine Tanzfiguren in einem Sturmwinde machen kann?«

»Sie wollten unsere etwaigen Zweifel an den Vergnügungen der Seeleute beseitigen«, sagte die Erzieherin, mit einem ernsten Blick die Ausgelassenheit ihrer Schülerin verweisend.

»Jawohl, es war die Laune des Augenblicks, auch will ich ihren Lauf nicht hemmen.« Hierauf wandte er sich zu Wilder, der sich nahe genug postiert hatte, um das Gespräch mit anhören zu können, und fuhr fort: »Die Damen bezweifeln unsere Lustigkeit, Herr Wilder; der Bootsmann soll seinen Zauberruf ertönen lassen, verteilen Sie die Parole: zum Unheil unter die Leute.«

Unser Abenteurer verbeugte sich gehorchend und gab den erforderlichen Befehl.

Wenige Augenblicks danach erschien dasselbe Individuum, mit dem der Leser bereits im Schenkzimmer des Unklaren Ankers Bekanntschaft gemacht hat, in der Mitte des Schiffes, dicht bei der großen Luke, geschmückt wie damals, mit einer silbernen Kette, an der eine Pfeife befestigt war, und von zwei Gehilfen, geringeren Scholaren aus derselben rohen Schule, begleitet. Nun ließ Nightingale mit seinem Instrumente einen langen, grellen Pfiff erschallen, und als der Ton dem Ohre verhallt war, erhob er seine tiefe Baßstimme: »Alle zu Hauf, zum Unheil, ahoi!«

Wir haben bei einer frühern Gelegenheit diese Töne mir dem Brüllen eines Stieres verglichen; in gegenwärtigem Fall sinnen wir vergebens auf eine Vergleichung, die passender wäre, daher mag es bei der frühern sein Bewenden haben. Ein jeder der beiden Bootsmannsgehilfen wiederholte nun die gebrüllte Aufforderung, und damit war's genug. Wie schroff und unverständlich auch der Ruf dem musikalischen Ohr Gertrauds klingen mochte, auf die Gehörorgane der Mehrzahl machte er einen absonderlich angenehmen Eindruck. – Schon als die Schwingungen des ersten schwellenden und anhaltenden Tones die obere stille Luftregion erreichten, hob sich hier der Kopf eines jungen Kerls, der auf einer Spiere ausgestreckt dalag, spitzte dort ein anderer das Ohr, der auf einem Tau hin und her schaukelte, jeder, um die Worte, die nun folgen würden, aufzufangen, wie ein wohldressierter Pudel aufpaßt, wenn er seinen Herrn sprechen hört. Aber kaum war das emphatische Wort, das unmittelbar dem langgezogenen »Ahoi!« folgte, womit Nightingale den Aufruf schloß, ausgesprochen, so entlud sich das dumpfe, bisherige Stimmengemurmel der Seeleute in einem gleichzeitigen und allgemeinen »Hurra!« Im Nu war jedes Zeichen von Lässigkeit verschwunden, und alles in der lebendigsten Regsamkeit. Die jungen, behenden Toppgasten schwangen sich wie hüpfende Tiere in das Tauwerk des jedem einzelnen angewiesenen Mastes, und erkletterten die sich hin und her schwingenden Strickleitern wie Eichhörnchen, die auf das Signal von Gefahr in ihre Schlupfwinkel flüchten. – Die ernsthafteren und schwerfälligeren Matrosen des Vorkastells, die noch wichtiger aussehenden Kanoniere und Quartiermeister, die minder schlauen und halb erschrockenen Kuhlgasten, endlich die ganz erschrockenen Rekruten der Hinterwache, alle eilten instinktmäßig auf ihre verschiedenen Posten; die Geübteren, um heillose Pläne gegen ihre Kameraden zu schmieden, die Einfältigeren, um sich über Verteidigungsmittel zu beraten.

Nun erschollen auf den Topps und Rahen Gelächter und geräuschvoller Witz, indem bald der eine übermütige Matrose droben seinen Einfall dem Kameraden verkündigte, bald ein anderer schadenfroh zankend darauf drang, seine Erfindung, Unheil anzustiften, sei die witzigere. Von der passiven Partei andererseits, nämlich von dem Haufen, der sich auf der Schanze und um den Fuß des großen Mastes immer dichter zusammenballte, wurden mißtrauische und oft wiederholte Blicke halb verstohlen in die Höhe geworfen, die genugsam die Zaghaftigkeit an den Tag legten, mit der die Neulinge auf dem Verdeck dem beginnenden Kampf gegen den handgreiflichen Witz ihrer Kameraden entgegensahen. Die solideren und ernsteren Seeleute auf der Back behaupteten jedoch ihren Posten mit einer Art von strenger Entschlossenheit, an der sich das Vertrauen, das sie in ihre physische Kraft setzten, und ihre genaue Bekanntschaft, sowohl mit den Gefahren, als auch mit den lustigen Launen des Seelebens, nicht verkennen ließ.

Außer diesen sah man noch einen Knäuel von Leuten, die sich, mitten im allgemeinen Wirrwarr und Getöse, so hastig und doch so taktmäßig versammelten, daß man bei ihnen einerseits ein Bewußtsein von der dringenden Notwendigkeit, unter obwaltenden Umständen vereint zu handeln, voraussetzen mußte, sowie andererseits die Gewohnheit, in Massen zu agieren. Dies waren die einexerzierten soldatischen Abhänglinge des »Generals«. Zwischen diesen und den minder taktfesten Seeleuten bestand nicht nur jene fast instinktmäßige, gegenseitige Antipathie von Marinesoldat und Matrose, sondern eine erhöhtere, die, aus leicht einzusehenden Ursachen, in dem Schiffe, von dem wir schreiben, so sehr genährt wurde, daß sie oft in unruhige und fast meuterische Zwiste ausbrach. Es waren in allem zwanzig Soldaten, die sich so schnell versammelten, und obgleich bei dergleichen Lustbarkeiten Feuergewehr verpönt war, so konnte man dem erpichten Grimm im Gesicht dieser schnurrbärtigen Helden leicht abfühlen, daß im Notfall keinem von ihnen der Appell an das Bajonett, das sie an den Schultern hängen hatten, schwer ankommen dürfte.

Ihr Kommandeur zog sich mit den übrigen Offizieren auf das Deck der Hütte zurück, um das Zwanglose der Lustbarkeiten, zu denen sie einmal das Fahrzeug hergegeben hatten, durch ihre Gegenwart nicht zu stören.

Es mochten wohl ein paar Minuten draufgegangen sein, bis die verschiedenen, soeben geschilderten Veränderungen zuwege gebracht waren. Sobald sich aber die Toppgasten überzeugt hatten, daß kein unglücklicher Nachzügler ihrer Partei irgendeiner der unten versammelten Gruppen nahe genug war, um ihrer wahrscheinlichen Wiedervergeltung ausgesetzt zu sein, so begannen sie, dem Ruf des Bootsmanns buchstäblich nachzukommen, indem sie Pläne zum »Unheil« schmiedeten.

Verschiedentliche Eimer, wovon der größte Teil die Bestimmung hatte, bei ausbrechendem Feuer Dienste zu tun, sah man bald an den KlappläufertauenEin Tau, das durch einen einschneidigen Block läuft, heißt in der Seesprache »ein Klappläufer«. von den äußeren Enden der Rahen in die See herabkommen. Trotz dem linkischen Widerstande der Untenstehenden waren die ledernen Gefäße bald gefüllt und in den Händen derer, die sie heruntergelassen hatten. Gar manch ein gaffender Kuhlgast und steifer Marine wurde jetzt mit dem Element, auf dem er schwamm, näher vertraut, als ihm lieb und bequem war. Solange indessen, als sich die Späße auf diese erst halb eingeweihten Individuen beschränkten, kühlten die Toppgasten ihr Mütchen ungestraft; kaum aber war die Würde eines Kanoniers verletzt, als die ganze Bande von Unteroffizieren und Backgasten in Masse aufstand, die Schmach zu rächen, wobei ihre Geschicklichkeit einen Beweis abgab, wie vertraut die ältern Matrosen mit allem waren, was in ihr Fach einschlug. Eine kleine Kanone wurde nun aufs Vorderteil heraufgeschafft und gleich einer genau zielenden Batterie, die zum beginnenden Kampfe Platz macht, auf den nächsten Topp gerichtet. Das laut lachende Gesindel droben machte sich aber bald aus der Schußweite, einige in die Höhe, andere auf den nächsten Topp, alle auf Seilen und über schwindlige Höhen hinweg, die für jedes Tier, minder behende als ein Eichhörnchen oder ein Affe, unerklimmbar schienen.

Nun forderten die siegreichen und boshaften Matrosen die Seesoldaten heraus, doch Gebrauch von ihrem Vorteil zu machen. Schon durch und durch naß, aber gierig, ihren Peinigern die Unbill wiederzuvergelten, rückte ein halb Dutzend Soldaten heran, von einem Korporal angeführt, dessen reich gepudertes Haupthaar durch eine zu innige Bekanntschaft mit einem Wassereimer in zusammengepappte Zotteln metamorphosiert war. Sie versuchten an der Takelage hinanzuklettern, ein Heldenstück, das ihnen schwerer ankam, als durch eine Bresche in die Festung zu stürmen. Die gottlosen Kanoniere und Quartiermeister, mit ihrem eigenen Erfolg zufrieden, feuerten sie zum Unternehmen noch mehr an; und Nightingale nebst seinen Gehilfen, die sich bald vor zurückgehaltenem Lachen die Zunge zerbissen, gaben mit ihren Flöten das Kommando: »Aufgehißt!« Der Anblick dieser waghalsigen Abenteurer, wie sie langsam und bedächtig die Strickleitern hinankletterten, hatte auf die zerstreuten Toppgasten ungefähr dieselbe Wirkung wie Fliegen, die sich einem Spinnengewebe nähern, auf ihre verborgene, blutdürstige Feindin. Die Matrosen in der Höhe bekamen von denen unten durch sprechende Blicke den Wink, daß Marinesoldaten erlaubtes Wild seien. Daher waren letztere noch kaum recht ins Netz gegangen, als schon zwanzig Toppgasten auf sie losstürzten, um ihre Prisen in Sicherheit zu bringen, ein Hauptstreich, der unglaublich schnell ausgeführt war. Zwei oder drei der aufstrebenden Ritter wurden da, wo der Feind auf sie stieß, mit einer Tracht Prügel bewillkommt, ohne sich verteidigen zu können, da sie sich an einem Orte befanden, wo der Instinkt selbst ihnen die unumgängliche Pflicht einzuschärfen schien, mit beiden Händen ja recht festzuhalten; andere von ihnen hatten ein verschiedenes, obgleich nicht besseres Los: man sah sie plötzlich vermittelst Klappläufertaue ihrem Orte enthoben und nach verschiedenen Spieren, wie ebenso viele leichte Segel oder Rahen hinschweben.

Mitten in der geräuschvollen Freude über diesen Sieg zeichnete sich ein Individuum durch die Ernsthaftigkeit und geschäftige Miene aus, mit der es seine Rolle in der Posse spielte. Auf dem äußern Ende einer der niederen Rahen sitzend, so sicher als befände es sich auf einer Ottomane, war es sorgfältigst damit beschäftigt, die Lage eines armen Gefangenen zu untersuchen, der, dicht vor seinen Füßen, weder vor- noch rückwärts konnte, während der lose Befehlshaber auf dem Topp herabschrie, ihn vollends aufzuhissen, einen »Juwelenblock« aus ihm zu machen; eine Benennung, die man den an gewissen Rahenenden herabhängenden Blöcken gibt, und die den Juwelenbommeln, die man so oft an den Ohren des schönen Geschlechtes glänzen sieht, entliehen zu sein scheint.

»Ja, ja,« brummte der bedächtige, ernsthafte Teer, der kein anderer war als Richard Fid, »das Bindsel, das der Kerl mitbringt, ist nicht vom haltbarsten; wenn er schon jetzt so quiekt, was wird er erst tun, wenn er, mit einem Tau durchrefft, in der Luft baumelt! Meiner Seel, Burschen, ihr hättet den Jungen besser ausreeden sollen, ehe ihr ihm die Ehre zudachtet, ihn in gute Gesellschaft raufzuschicken. Da sind ja mehr Löcher in seiner Jacke als Kajütenfenster in einer chinesischen Junke. Hilloa! – Du, da unten! – Du, Guinea, faß mir mal ein Schneiderlein und schick's rauf, um diesem Kuhlgast die Windluken zu verstopfen.«

Der athletische Afrikaner, dem wegen seiner Riesenstärke ein Posten im Vorkastell angewiesen war, schaute einen Augenblick hinauf, dann schritt er im Trabe mit verschränkten Armen das Verdeck entlang, so ernsthaft, als wäre er in einem Dienste von höchster Wichtigkeit begriffen. Ein höchst kläglich und hilflos aussehendes Wesen, von dem Aufruhr über seinem Haupte aufgeschreckt, war von einem verborgenen Winkel des Bachdecks auf die Leiter der Vorluke herausgekrochen. Nur mit dem halben Körper über die Planken hervorragend, eine Strähne Kamelgarn um den Hals, ein Stück Wachs in der einen Hand und eine Nähnadel in der andern, stand es da und schaute stieren Blickes um sich her. Ein chinesischer Mandarin, der plötzlich in die Geheimnisse des Ballens eingeweiht werden soll, hätte nicht verdutzter aussehen können. Auf dies Subjekt fiel das Auge Scipios. Er streckte einen Arm aus, warf es sich auf die Schultern, und ehe noch der verblüffte Gegenstand seines Angriffs wußte, in wessen Händen er eigentlich gefallen, war auch schon ein Haken an den Gurt seiner Beinbekleidung angebracht und er selbst unterwegs zwischen dem Wasser und der Spiere, wo Fid, dem er eben Gesellschaft leisten sollte, thronte.

»Gib acht, daß der Mann nicht in die See fällt!« rief Wilder streng von seinem Stande auf dem Deck der Hütte her.

»Is Schneider, Messer Harry,« erwiderte der Schwarze, ohne eine Muskel zu verziehen; »wenn seine Hosen halten nicht fest, er nur sich selber mag schuld geben.«

Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte der gute Mann Homespun schon das Ziel seines erhabenen Aufschwungs erreicht. Hier wurde er von Fid standesgemäß empfangen; selbiger hob ihn an seine Seite, und nachdem er ihn bequem zwischen Rahe und Baum gesetzt, befestigte er ihn mit einem Riemen, damit das Schneiderlein den freien Gebrauch seiner nähefertigen Hände haben möge.

»Ziehe mal 'n bißchen mit der Hand auf und nieder auf diesen Kuhlgast da!« sagte Richard, nachdem er den guten Mann gehörig sichergesetzt hatte: »so, beleg' mir die ganze Stelle da.«

Hierauf umschloß er mit dem einen Kniegelenk den Hals seines Gefangenen, faßte diesen dann bei einem gewissen Teil des Körpers, der nun durch den Druck am Kopfgelenk in die Höhe geschwungen wurde, und legte diesen Teil ruhig dem erschrockenen Schneider in den Schoß.

»Hier, Freundlein,« sagte er, »hantiere jetzt mit deiner Nadel wie bei deiner gewöhnlichen Arbeit. Dein schlaues Metier fängt ohnedies immer bei dem Fundament an, damit die Oberkardeele auch halte.«

»Gott behüte mich und alle sterblichen Sünder vor einem unzeitigen Ende!« schrie Homespun, den der Blick in die leere Luft von seiner schwindligen Höhe mit einem Gefühl erfüllte, das wahrscheinlich viel Ähnlichkeit mit dem hatte, das ein Luftschiffer bei seiner ersten Fahrt haben mag, wenn er von oben herunterschaut.

»Laßt mir den Kuhlgast da wieder hinab,« rief Fid wieder; »er stört alle vernünftige Unterhaltung durch sein Geschrei; dieser Schneider hier hat über seine Kardeele das Verdammungsurteil gesprochen, drum mag der Schiffszahlmeister eine neue Ausstaffierung für ihn bestellen.«

Die wahre Ursache jedoch, daß er den hängenden Gesellen fortschaffen ließ, war ein Funken von Menschlichkeit, der noch in dem rohen Gemüte des Teer schimmerte, denn er wußte, daß sein Gefangener nur auf Kosten körperlichen Wohlbehagens in der hängenden Stellung verbleiben konnte. Sobald sein Wunsch erfüllt war, wendete er sich zur Wiederanknüpfung des Gesprächs gegen den guten Schneider, ebenso geruhig, als säßen sie beide auf dem Verdeck, und ohne sich im mindesten dadurch stören zu lassen, daß über, neben und unter ihm ein Dutzend Streiche von derselben Art, wie der eben geschilderte, ausgeführt wurden.

»Warum glotzen denn Eure Augen so, Bruder, wie ein paar Pfortgaten?« fing der Toppgast an. »Das ist lauter Wasser, was Ihr da um Euch her seht, ausgenommen die blaue Hängematte dort nach Osten, was ein Stück Hochland in den Bahamas ist, seht Ihr?«

»Ach, was ist das für eine sündenvolle, übermütige Welt, in der wir leben«, erwiderte der Schneider. »Niemand kann sagen, in welchem Augenblick seine Tage abgeschnitten werden. Fünf blutige, grausame Kriege hab' ich erlebt und überstanden, und doch ist es nun mein beschiedenes Los, dieses schmachvolle und gottlose Ende zu nehmen.«

»Na, da du in den fünf blutigen und grausamen Kriegen mit einem blauen Auge davongekommen bist, so hast du ja um so weniger Ursache zu brummen, daß dir ein bißchen Seewasser zwischen die Kleider kam, wie sie dich auf die Rahenocke hier raufzogen. Kann dich versichern, Brüderlein, hab' schon gesehen, wie ganz andere, kräftigere Bengels als du bist, diesen Schwung taten, die nicht gewußt haben, wie oder wann sie wieder runtergekommen sind.«

Homespun, der Fids Anspielung nur zur Hälfte verstand, sah ihn jetzt mit einem Blicke an, der einerseits den Wunsch einer nähern Erklärung, andererseits aber starke Bewunderung ausdrückte über die Sorglosigkeit, mit der sich sein Gefährte, ohne die geringste Hilfe, nur durch seine equilibristische Fertigkeit, in seinem Sitze erhielt.

»Ich sage, Bruder,« nahm Fid wieder auf, »daß mancher kräftige Seemann schon mit dem Klappläufertau zum Ende einer Rahe hinaufgehißt wurde, der bei dem Signal eines Flintenschusses zusammenschreckte, oder der just so lange dort sitzen bleiben mußte, als der Präsident des Kriegsgerichts zur Besserung seiner Ehrlichkeit für nötig zu halten beliebte.«

»Daß sich Gott erbarm! Selbst der am wenigsten Schuldige, selbst der gewissenhafteste Seemann, der solche erschreckliche Strafe, bloß zum Spaß, im Spiele ausführen ließe, würde sich an der Vorsehung sowohl schrecklich als auch entsetzlich versündigen; aber doppelt schwer ist die Versündigung, sag' ich, in der Mannschaft eines Schiffes, das jede Stunde von der Wiedervergeltung und der Reue getroffen werden kann. Es scheint mir unweise, die Vorsehung durch dergleichen Schauspiele zu versuchen.«

Fid warf einen ganz ungewöhnlich bedeutsamen Blick auf den Schneider und schob sogar die Antwort auf, bis er seine Gedanken durch ein neues, großes Stück Tabak aufgefrischt hatte, das er dem, das seine Backen schon füllte, noch nachstieß. Hierauf schaute er sich um, ob sich auch keiner seiner lärmenden und zum Aufstand geneigten Kameraden innerhalb Gehöresweite befände, dann heftete er einen noch sprechenderen Blick auf den Schneider und sagte:

»Merk dir's, Brüderlein, der Richard Fid kann wohl viele gute Eigenschaften an sich haben, die nicht jedermann bekannt sind, aber das wissen alle seine Freunde, daß er kein großer Gelehrter ist. Da aber nun dem so ist, so hat er es nicht für gutgehalten, als er an Bord dieses trauten Schiffes kam, erst nach dem Schiffspatent zu fragen. Ich glaube dennoch, daß es zum Vorschein kommen kann, wenn's nottut, und daß kein ehrlicher Mann sich zu schämen braucht, unter seiner Flagge die Küste zu befahren.«

»Ach, wenn erst die Stunde dieses Kreuzers geschlagen hat, so sei der Himmel den Schuldlosen gnädig, die gezwungenerweise hier dienen!« erwiderte Homespun. »Aber ich sollte doch meinen, daß Ihr als ein seefahrender und gescheiter Mann Euch nicht habt zu dieser Fahrt einschreiben lassen, ohne das Handgeld zu empfangen und Euch zuerst über die Beschaffenheit des Dienstes zu unterrichten.«

»Dem Teufel auch ließ ich mich einschreiben, weder in der ›Entreprise‹ noch in dem ›Delphin‹, wie sie dieses Schiff benamsen. Seht Ihr dort unten auf der Hütte den jungen Herrn, den Harry, der Euch zu einem Toppgast heraufrufen kann, so lieblich, als wenn das Männchen vom Walfisch brüllte; dem seinem Signale folg' ich, seht Ihr. Mit Fragen, was für eine Richtung er heute oder morgen seinem Schiffchen geben wolle, laß ich ihn in der Regel ungeschoren, das ist seine Sache.«

»Wie! Wollt Ihr Eure Seele auf diese Art an Beelzebub verkaufen, und noch dazu ohne Kaufschilling?«

»Ich sage, Freundchen, es könnte nicht schaden, wenn Ihr Eure Gedanken erst etwas straff anholtet, ehe Ihr sie auf diese unmanierliche Art Eurer Zunge entfahren laßt. Nicht gern möcht' ich einen Herrn, der sich zu mir herausbemüht hat, um mir einen Besuch abzustatten, anders als mit der Höflichkeit behandeln, die meinem Topp Ehre macht, wenn auch die Mannschaft jetzt heillose Streiche ausführt, seht Ihr. Aber ein Offizier wie der, dem ich folge, besitzt selber einen Namen und braucht sich nicht erst einen von der Person zu borgen, die Ihr eben zu nennen beliebtet. Ich verachte jämmerliches Drohen: aber einem Mann von Euern Jahren darf ich nicht erst sagen, daß es just so leicht ist, von dieser Spiere hier hinabzuspazieren, als herauf, seht Ihr.«

Das Schneiderlein warf einen furchtsamen Blick auf das Salzwasser hinab und beeilte sich, den ungünstigen Eindruck zu verlöschen, den die letzte unglückliche Frage so offenbar auf seinen sonnverbrannten Gesellschafter gemacht hatte.

»Fern sei es von mir, daß ich irgend jemand einen andern als seinen Tauf- und Familiennamen beilege, wie es das Gesetz befiehlt,« sagte er; »ich wollte bloß fragen, ob Ihr dem Herrn, dem Ihr dient, zu so einem unanständigen und verderblichen Ort, wie ein Galgen ist, zu folgen Lust hättet?«

Fid sann eine Weile hin und her, ehe er für gut hielt, auf eine so hohe und gehaltvolle Frage zu antworten. Während des ihm ungewohnten Prozesses, des Nachdenkens, bewegte sich das Kraut, von dem sein Mund vollgestopft war, ungemein schnell, bald nach der einen, bald nach der andern Backe hin; drauf einen Strahl Tabakssaft fast bis zur Sprietsegelrahe hinspritzend, machte er seinen Betrachtungen und dem Kauen zugleich mit folgenden entschlossenen Worten ein Ende:

»Soll mich der Teufel holen, ich tät's! Nach einem vierundzwanzigjährigen, gemeinschaftlichen Segeln mit dem Harry müßte ich ärger als der feigste Kriecher sein, wollte ich die Kameradschaft aufsagen, weil uns eine Kleinigkeit von Galgen auf der Fahrt zu Gesicht käme.«

»Der Lohn in so einem Dienste muß sowohl reichlich als pünktlich sein, und Speise und Trank von der besten Sorte«, bemerkte Gevatter Homespun angelegentlich, so daß man sehen konnte, eine Antwort würde ihm nicht unlieb sein. Fid war auch gar nicht gestimmt, seine Neugier unbefriedigt zu lassen, vielmehr hielt er sich, da er einmal den Punkt berührt hatte, dazu verpflichtet, ihn von allen Seiten hinlänglich zu beleuchten.

»Was den Lohn betreffen tut, seht Ihr, so ist's just soviel, als einem Matrosen gebührt. Ich würde mich verachten, weniger zu nehmen, als der besten Fockmasthand in einem Schiffe zukommt, denn seht Ihr, das wär' gerade, als wenn ich eingestände, daß ich nicht mehr verdienen täte. – Aber der junge Herr, der Harry, hat seine eigene Manier, die Dienste von unsereinem zu berechnen; und wenn seine Gedanken in einer Sache dieser Art erst mal fest eingeklemmt sind, so kann ich sie mit dem größten Splißhorn nicht wieder flott kriegen. Ich spielte einst so von fern drauf an, es wäre doch nicht unschicklich, wenn er mir eine Quartiermeisterstelle verschaffen täte, aber den Teufel auch wollte er sich zu der Sache im geringsten verstehen, sintemal, wie er selber sagt, ich die Eigenheit an mir habe, von Zeit zu Zeit ein bißchen beduselt zu sein, was mich nur der Gefahr, beschimpft zu werden, aussetzen müßte; indem es männiglich bekannt ist, je höher ein Affe die Takelage hinaufklettert, desto leichter jeder auf dem Verdeck sehen kann, daß er einen Schwanz hat. Dann, was den Tisch anbelangen tut, es ist halt Matrosenkost; bald hat man eine Krume übrig für einen Freund, bald einen hungrigen Magen.«

»Aber da gibt's doch oft Verteilung des hm . . . hm . . . des Prisengeldes in diesem siegreichen Kreuzer?« fragte der Gevatter, mit abgewendetem Gesicht, wahrscheinlich weil er wußte, daß es eine ungeziemende Gespanntheit auf die Antwort verraten würde. »Ihr bekommt gewiß alle Eure Mühseligkeit reichlich vergütet, wenn der Schatzmeister die Beute verteilt.«

»Hör' mal. Schneiderlein,« sagte Fid, indem er wieder eine bedeutsame Miene annahm, »kannst du mir sagen, wo die Seebehörde sitzt, die seine Prisen verteilt?«

Gevatter Homespun erwiderte den Blick nicht ohne Angelegentlichkeit: aber ein ungewöhnlicher Lärm in einem andern Teil des Schiffes machte dem Gespräch gerade da ein Ende, wo es aller vernünftigen Wahrscheinlichkeit nach zu einer tröstlichen Erklärung zwischen den beiden gekommen wäre.

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