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Der rote Freibeuter

James Fenimore Cooper: Der rote Freibeuter - Kapitel 13
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer rote Freibeuter
publisherHesse & Becker Verlag
firstpub
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.

Sobald der Tag zunahm, fanden sich auch nach und nach die Vorzeichen eines starken Seewindes ein, und mit dem Zunehmen des Windes zeigten sich auf dem Bristoler Kauffahrteifahrer alle jene Bewegungen, die die Absicht verraten, den Hafen zu verlassen. Vor sechzig Jahren war das Absegeln eines größeren Schiffes ein Ereignis von viel mehr Wichtigkeit in einem amerikanischen Hafen, als heutzutage, wo man oft an einem und demselben Tage, und in einem und demselben Hafen zwanzig Schiffe ankommen und zwanzig andere absegeln sehen kann. Ungeachtet ihrer Ansprüche, Einwohner einer der vornehmsten Städte in der Kolonie zu sein, beobachteten die guten Leute von Newport die Bewegung am Bord der Carolina; doch nicht mit jener Art von Teilnahmlosigkeit, die aus Übersättigung entspringt, und die uns Sterbliche endlich auch gegen das seltenste Schauspiel abstumpft, selbst gegen die interessantesten Evolutionen einer ganzen Flotte. Im Gegenteil, in den Kojen wimmelte es unaufhörlich von Knaben, ja auch von erwachsenen Pflastertretern. Selbst die gesetzteren, arbeitsameren Bürgersleute, die sonst mit Minuten zu geizen pflegten, erlaubten sich von Zeit zu Zeit ein Mußestündchen, schlenderten aus ihren dumpfen Werkstätten nach der Küste hin, um sich am erhabenen Anblick eines Schiffes in Bewegung zu ergötzen.

Jedoch waren die Vorbereitungen der Carolina etwas zu zögernd, um die Geduld der mehr als die übrigen auf die Zeit, die liebe Zeit, bedachten Bürger nicht endlich zu erschöpfen. So kam es denn, daß nach und nach die Anzahl der Neugierigen aus der besseren Klasse bis auf die Hälfte geschmolzen war; aber das Fahrzeug zog noch immer keine frische Segel auf, noch immer flatterte nur das eine Segel einsam im Winde. Statt den Wünschen von Hunderten, die sich schon müde gesehen hatten, zu entsprechen, drehte sich das edle Fahrzeug um seine eigenen Anker und legte sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite, wie gerade der Wind den Kiel traf, einem raschen Rennpferde gleich, das, noch am Zügel gehalten, am Gebiß schäumt und es nicht abwarten kann, bis es die Luft durchfliege, hin ans Ziel. Nachdem man so eine Stunde gewartet hatte, und nicht begreifen konnte, was vorgefallen sei, verbreitete sich durch die Menge das Gerücht, daß jemand, der ein wichtiges Amt im Schiffe versah, einen bedeutenden Schaden genommen habe. Aber auch dies Gerücht hielt sich nicht lange und war schon fast vergessen, als auf einmal aus einer der Stückpforten der Carolina eine Wolke wirbelnden, aufsteigenden Rauches hervorkam, und dicht darauf ein Flammenblitz, dem ebenso schnell der Knall einer Kanone folgte. Nun entstand unter den von der Erwartung abgemüdeten Zuschauern jenes rege Drängen und Treiben, das der Ankündigung eines lang ersehnten Auftrittes voranzugehen pflegt, und bei jedem einzelnen war's jetzt ausgemacht, nun würde es mit dem Schiffe vorwärts gehen, es möchte darin vorgefallen sein, was wollte.

Diesem langen Zaudern, den verschiedenen Bewegungen an Bord, dem Signal zur Abfahrt und der Ungeduld der Menge hatte Wilder mit ebenso vielem Ernst als Aufmerksamkeit zugeschaut. Gegen einen Anker gelehnt, der zu einem zur Untätigkeit verurteilten Schiffe gehörte, und auf einem von dem Gedränge etwas entfernten Löschplatze lag, war er eine Stunde lang in derselben Stellung stehen geblieben und hatte während der Zeit kaum den Blick vom Schiffe weggewendet. Als die Kanone abgefeuert wurde, schrak er zusammen, nicht etwa aus jenem Eindruck auf die Nerven, der bei hundert andern dieselbe Wirkung hervorbrachte; was ihn erschreckte, schien vom Lande herzukommen, denn er warf einen ängstlichen, raschen Blick nach den Straßen hin, die zur Kaje führten. Doch nahm er bald seine vorige Stellung wieder an, obgleich die Unruhe in seinen Blicken und der ganze Ausdruck seines sprechenden Gesichtes leicht merken ließ, daß irgend etwas, das des jungen Seemanns Gemüt ganz eingenommen hatte, zu geschehen im Begriff wäre. Eine Minute nach der andern flog dahin, und mit ihnen seine Unruhe; ein Lächeln der Freude glänzte auf seinen Zügen, und seine Lippen bewegten sich, als wenn er vor innerem Behagen ein Selbstgespräch hielte. Allein kaum hatte er sich diesen angenehmen Betrachtungen überlassen, als mehrere Stimmen in der Nähe hörbar wurden, und wie er sich umwandte, erblickte er eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft wenige Schritte von sich. Bald entdeckte sein spähender Blick die Gestalt von Mistreß Wyllys und Gertraud in Reisekleidern, so daß es nun endlich gewiß war, daß sie sich einschiffen würden.

Keine Wolke, die an der Sonne vorüberzieht, verändert das Aussehen der Erde so sehr, als dieser unerwartete Auftritt Wilders Antlitz. Er hatte sich dem Glauben an das Gelingen einer List ganz hingegeben, die zwar hinlänglich seicht war, von der er sich aber doch, auf die weibliche Furchtsamkeit und Leichtgläubigkeit bauend, volle Wirkung versprochen hatte; und nun wurde er von diesem schmeichlerischen Wahn zu einer, alle seine Hoffnung zerstörenden Wirklichkeit aufgerüttelt. Halb unterdrückte Verwünschungen über die Treulosigkeit seines Mitverschworenen vor sich hinmurmelnd, verbarg er sich so sehr als möglich hinter dem Ankerflügel und heftete den düstern Blick auf das Fahrzeug.

Die Gesellschaft, die die Abreisenden bis ans Wasser begleitete, war, wie Gesellschaften zu sein pflegen, wenn der Abschied von geschätzten Freunden bevorsteht: schweigsam und unruhig zugleich. Wer sprach, hatte etwas Rasches, Ungeduldiges im Tone, als wünschte man die Trennung zu beschleunigen, die doch wehe tat, und die Züge derer, die ein Schweigen beobachteten, waren beredt genug, um den innern Gram zu verraten. Gar mancher liebevolle, herzliche Wunsch, gar manches abgezwungene Versprechen ertönte von jugendlichen Stimmen, während dazwischen die weichen, trauernden Antworten aus Gertrauds Munde vernehmbar waren, aber Wilder tat sich Gewalt an und erlaubte sich auch nicht einen einzigen verstohlenen Blick dahin, wo die Sprechenden standen.

Endlich hörte er in der Nähe Fußtritte, und der Seitenblick, den er wagte, begegnete dem der Mistreß Wyllys. Beide waren über das plötzliche gegenseitige Sicherkennen etwas betroffen, allein die Dame gewann die Fassung zuerst wieder und bemerkte mit bewunderungswürdiger Ruhe: »Sie sehen, mein Herr, wir lassen uns von einem einmal unternommenen Plane durch gewöhnliche Gefahren nicht abschrecken.«

»Ich wünsche, Madame, Sie mögen Ihren Mut nicht zu bereuen haben.«

Mistreß Wyllys hielt einen Augenblick, schmerzlich sinnend, inne, blickte dann hinter sich, um sich zu überzeugen, daß sie nicht belauscht werde, trat dann einen Schritt näher auf den Jüngling zu und sprach mit noch leiserer Stimme als zuvor:

»Es ist noch nicht zu spät: geben Sie mir nur einen Schatten von Grund zu dem, was Sie behauptet haben, und ich will die Ankunft eines andern Schiffes abwarten. Töricht genug, machen meine Gefühle mich geneigt, Ihren Worten zu glauben, wenn mir auch meine Vernunft sagt, daß Sie mit unserer weibischen Zaghaftigkeit Ihr Spiel treiben.«

»Spiel? Gilt es solches Wagnis, möchte ich mit keiner Ihres Geschlechts mein Spiel treiben, und am allerwenigsten mit Ihnen!«

»Sonderbar! Von einem Fremden unbegreiflich! Sind Sie nicht imstande, mir eine Tatsache, einen Beweggrund anzuführen, worauf ich mich bei den Verwandten meiner Pflegebefohlenen stützen könnte?«

»Das hab' ich schon.«

»So muß ich denn, wie ungern ich es auch tue, annehmen, daß Sie durch zwingende Rücksichten bestimmt werden, Ihren Beweggrund nicht mitzuteilen,« erwiderte die Gouvernante mit einer Mischung von Ruhe und gekränkter Empfindlichkeit, »und ich wünsche um Ihrer selbst willen, er möge kein unedler sein. Nehmen Sie meinen Dank hin für Ihre Absichten, wenn sie redlich, meine Verzeihung, wenn sie es nicht waren.«

Sie schieden mit der Zurückhaltung, die sich äußert, wenn man sich gegenseitig das Mißtrauen abfühlt. Wilder verharrte hinter seiner Brustwehr in stolzer Stellung, und dunkler Ernst umwölkte sein Gesicht. Allein die Nähe der Gesellschaft nötigte ihn, fast alles, was gesprochen wurde, mit anzuhören. Die am meisten sprach, war, wie sich's bei einer solchen Gelegenheit gebührte, Frau von Lacey, deren Stimme sich oft erhob in weisen Ermahnungen, auf eine solche Weise mit ihren Ansichten über die Schiffahrtswissenschaft vermischt, daß alle darüber erstaunten, wenngleich keine ihres Geschlechts, die nicht etwa das seltene Glück genoß, in engster Bindung mit einem Flaggenoffizier zu stehen, der Hoffnung Raum geben durfte, es Frau von Lacey gleichzutun.

»Und nun, meine teuerste Nichte,« schloß die Witwe des Konteradmirals, nachdem sie ihren Atem und Weisheitsvorrat fast erschöpft hatte in zahllosen Ermahnungen, als da sind: Die Gesundheit in acht zu nehmen, recht oft zu schreiben, ihrem Bruder, dem General, alles wörtlich auszurichten, wenn der Wind hoch gehe, hübsch in der Kajüte zu bleiben, ausführliche Berichte aufzusetzen von allem Merkwürdigen, was auf der Fahrt sich ereignen könnte: – kurz, in allem, was es nur bei einem Abschied dieser Art zu ermahnen und zu erinnern gab – »und nun, meine teuerste Nichte, befehle ich dich der mächtigen See und einem weit Mächtigeren – dem, der sie geschaffen hat. Verbanne von deinen Gedanken alle Erinnerung an das, was du über die Mängel der Royal Carolina gehört haben magst; denn die Meinung des alten Seemanns, der mit meinem betrauerten Admiral segelte, bestärkt mich in der Überzeugung, daß alles nur aus Irrtum hervorgegangen ist.«

»Der Verräter, der Schurke«, murmelte Wilder.

Beim Ende ihrer Rede waren die Augen der würdigen, gutherzigen Matrone voll Tränen, und das Natürliche in dem Zittern ihrer Stimme erfüllte jeden, der sie hörte, mit gleicher Rührung. In dieser herzlichen Stimmung wurde endlich das letzte Lebewohl ausgetauscht, und in der darauffolgenden Minute hörte man schon den Ruderschlag der Bootsknechte, die unsere Reisenden zum Schiff hinführten.

Mit einer Aufmerksamkeit, die fast an Schmerz grenzte, und von der er sich wohl selbst keine Rechenschaft geben konnte, lauschte Wilder dem wohlbekannten Schlagen der Ruder. Aus diesem halb bewußtlosen Hinstarren weckte ihn eine leise Berührung am Ellbogen. Etwas entrüstet über die Zudringlichkeit wendete er sich hastig um und sah einen Knaben von ungefähr fünfzehn Jahren vor sich. Seine Abwesenheit des Geistes machte, daß er erst beim zweiten Blick Roderich, den Burschen des Freibeuters wiedererkannte.

Sein Befremden über die zudringliche Unterbrechung seiner Betrachtungen ging nun in Unwillen über. »Was beliebt?« fragte er.

»Ich bin beauftragt, Ihnen diese Befehle zu übergeben«, war die Antwort.

»Befehle!« erwiderte der Jüngling, indem er die Lippen aufwarf: »Wahrlich, die Macht verdient Gehorsam, deren hohe Verfügungen durch solche Hände gehen.«

»Es ist eine Macht, der man noch nicht ohne Gefahr ungehorsam gewesen ist«, erwiderte mit Ernst der Knabe.

»So! Da muß ich mich denn freilich ungesäumt mit dem Inhalt bekannt machen, sonst dürfte wohl der Verzug verhängnisvoll sein. Hat man dich geheißen, auf Antwort zu warten?« Während dieser Worte hatte er den Brief erbrochen, und als er bei der Schlußfrage aufblickte, war der Bote schon verschwunden. Ein so behendes Wesen wie Roderich in dem Labyrinth von Gegenständen aller Art einzuholen, die auf dem Löschplatz und dem Strand entlang umherlagen, wäre vergebliches Bemühen gewesen, daher öffnete Wilder das Papier und las:

»Ein Zufall hat den Schiffer des zum Absegeln bestimmten Fahrzeuges, die Royal Carolina genannt, unfähig gemacht, seinem Amte vorzustehen. Der, dem die Ladung übergeben ist, hat kein Vertrauen in die Fähigkeit des Nächsten im Range auf dem Schiff; absegeln muß es aber. Man lobt es als einen Scharfsegler. Wenn Sie Zeugnisse über Ihre Aufführung und geeignete Kenntnisse besitzen, benutzen Sie die Gelegenheit und verdienen Sie sich den Rang, den Sie zu bekleiden bestimmt sind. Sie sind einigen von den Beteiligten vorgeschlagen worden, und man hat nach Ihnen überall gesucht. Erreicht Sie Gegenwärtiges noch früh genug, so verlieren Sie keine Zeit, und handeln Sie entschlossen. Lassen Sie sich kein Befremden anmerken, wenn Sie unvermuteten Beistand finden. Ich habe mehr Leute im Sold, als Sie anfangs glaubten. Die Ursache ist klar; Gold ist gelb, obgleich ich bin

Der Rote.«

Der Inhalt und der Ton dieses Briefes ließen Wilder nicht lange auf den Verfasser raten, wenn auch die Unterschrift gefehlt hätte. Einen Blick um sich her werfen und in einen Kahn springen, war Sache einer Sekunde, und ehe noch die Reisenden im Boote das Schiff erreicht hatten, hatte er den halben Weg dahin durchschnitten; da er sein Ruder mit kräftigem und geschicktem Arm handhabte, so stand er bald auf dem Verdeck, wo er sich Bahn brach durch die Menge, die sich auf einem Schiff, das eben in See stechen will, noch dies und jenes zu schaffen macht. So drang er bis zu dem Teil des Schiffes vor, wo ein Kreis von Menschen stand, deren geschäftige und sorgliche Mienen ihm sagten, daß sie bei dem Schicksale des Schiffes am meisten interessiert waren. Bis zu diesem Augenblick war er kaum zu Atem gekommen, geschweige zum Nachdenken darüber, wie sein plötzliches Erscheinen aufgenommen werden dürfte. Hätte er sich nun aber auch zurückziehen oder gar sein Vorhaben aufgeben wollen, so war es jetzt zu spät dazu, wenn er nicht gefahrbringenden Verdacht erregen wollte. Er nahm sich daher schnell zusammen und fragte: »Sehe ich hier den Eigentümer der Carolina?«

»Das Schiff ist an unser Haus konsigniert«, erwiderte ein gesetztes, bedächtiges Individuum mit schlauer Miene und in einem Anzug, der den reichen, aber ökonomischen Handelsmann verriet,

»Mir ist gesagt worden, daß Euch ein erfahrener Offizier fehle.«

»Erfahrene Offiziere sind eine trostreiche Sache für den Eigentümer eines Schiffes von Wert«, antwortete der Kaufmann. »Ich hoffe, die Carolina ist damit wohl versehen.«

»Ich hörte aber doch, man sähe sich ängstlich nach jemand um, der die Stelle des Kommandeurs vertreten könne?«

»Sollte der Kommandeur nicht imstande sein, seiner Pflicht zu entsprechen, so dürfte allerdings von so was die Rede sein. Suchen Sie vielleicht einen Platz im Schiff?«

»Ich bin gekommen, mich um die leergewordene Stelle zu bewerben.«

»So? Es wäre aber weiser gehandelt gewesen, wenn Sie sich erst davon vergewissert hätten, daß eine Stelle wirklich leer geworden sei. Aber Sie verlangen doch wohl nicht ein Kommando in einem Schiff, wie das gegenwärtige, ohne ausreichende Zeugnisse über Ihre Fähigkeit, und daß Sie einem solchen Posten gewachsen sind?«

»Ich hoffe, diese Dokumente werden genügend sein«, sagte Wilder, ihm einige entsiegelte Papiere einhändigend.

Während des Lesens blickte das Männchen mit dem schlauen Auge mehrere Male über die Brille weg auf den Gegenstand der Zeugnisse, und seine abwechselnden Blicke bald niederwärts aufs Papier, bald über die Brille weg auf den Jüngling, zeigten deutlich, daß es sich aus eigenem Anschauen von der Wahrheit des Gelesenen überzeugen wollte.

»Hm, hm! Freilich ein ganz vortreffliches Zeugnis zu Ihren Gunsten, junger Herr; und da es von zwei so respektabeln und vermögenden Häusern, wie Spriggs, Boggs & Komp. und Hammer & Hacket ausgestellt ist, allerdings glaubwürdig. Eine reichere und solidere Firma als die erstere, dürfte wohl in allen Kolonien Sr. Majestät nicht anzutreffen sein, und was die letztere anbelangt, so schätze ich sie sehr, wenngleich einige Neidharde sagen, daß sie sich etwas zu tief einlasse.«

»Wenn Sie eine so große Achtung vor jenen Häusern haben, so hab' ich mich wohl nicht übereilt, indem ich so vermessen war, auf meine Freundschaft damit als auf eine gute Empfehlung zu rechnen.«

»Nicht im mindesten, nein, nicht im mindesten, Herr – hm – hm – (mit dem Blick einen der Briefe durchlaufend) jawohl, Herr Wilder; ein billiges Anerbieten in Geschäftssachen ist niemals Vermessenheit. Ohne Anerbieten von seiten des Käufers und Verkäufers würde unsere Ware nicht von der Hand gehen. Teuerster, ha, ha! Wohlverstanden, junger Herr, nicht mit Prosit von der Hand gehen.«

»Ich sehe die Wahrheit Ihrer Bemerkungen ein und wiederhole daher mein Anerbieten.«

»Alles ganz schön und billig. Aber, Herr Wilder, Sie verlangen doch nicht, daß wir ausdrücklich eine Lücke machen, bloß damit Sie sie ausfüllen können – ob zwar zugestanden werden muß, daß Ihre Zeugnisse ganz vortrefflich sind – so gut wie die Wechsel von Spriggs, Boggs & Komp. selber – so verlangen Sie doch nicht, daß wir ausdrücklich . . .«

»Ich stand im Wahn, der Schiffer sei so bedenklich krank, daß . . .«

»Krank, aber nicht bedenklich,« unterbrach der verschmitzte Kommissionär, indem er mehrere der Beteiligten und einige andere Zuschauer, die nahe genug standen, um das Gespräch mit anhören zu können, flüchtig anblickte; »krank allerdings, aber doch nicht so sehr, daß er das Schiff verlassen müßte. Nein, nein, meine Herren: das traute Schiff Royal Carolina tritt seine Fahrt an, wie immer, unter der Leitung des alten und wohlerfahrenen Seemanns Nicholas Nichols.«

»So tut es mir leid, Herr, Sie in einem so beschäftigten Augenblicke gestört zu haben«, sagte Wilder mit der Miene getäuschter Hoffnung und trat einen Schritt zurück, um sich wegzubegeben.

»Nicht so eilig – nicht so eilig: ein Handel, junger Mann, schließt sich nicht so rasch ab, wie ihr die Segeltücher von den Rahen fallen laßt. Kann sein, daß Ihre Dienste von Nutzen sind, wenngleich nicht in dem verantwortlichen Amte eines Offiziers. Wie hoch schlagen Sie den Titel Kapitän an?«

»Ich kümmere mich wenig um den Namen, wenn mir nur das Schiff und der Oberbefehl darauf anvertraut werden.«

»Ein sehr gescheiter Junge!« brummte der kluge Kaufmann, »der versteht sich auf den Unterschied zwischen Schein und Sein. Dennoch kann es einem Herrn von Ihrem Verstande und Charakter nicht unbekannt sein, daß sich das Gehalt immer nach der Titularwürde richtet. Handelte ich in dieser Angelegenheit für meine eigene Person, so wär' das ganz was anderes, allein als Kommissionär befiehlt mir die Pflicht, das Interesse meines Prinzipals zu wahren.«

»Das Gehalt kommt bei mir nicht in Anschlag,« sagte Wilder mit einer Hastigkeit, die vielleicht alles verdorben hätte, wenn der, mit dem er handelte, nicht ganz in Gedanken verloren gewesen wäre (was immer der Fall war, wenn es einen so löblichen Gegenstand, als Sparen, galt), wie er sich wohl zu möglichst wohlfeilem Preise des andern Dienste sichern könnte, »mir ist es nur um Beschäftigung zu tun.«

»Die sollen Sie denn haben, auch sollen Sie an uns keine Knicker finden. Vorschuß für ein Fährtchen von weniger als einem Monat werden Sie wohl nicht verlangen, ebensowenig wie Akzidenzien fürs Stauen, da das Schiff schon bis zu den Luken angestaut ist, ebensowenig Gratifikationen, da wir Sie hauptsächlich nehmen, um einem so braven Jüngling einen Gefallen zu erzeigen, und die Empfehlungen eines so respektabeln Hauses wie Spriggs, Boggs & Komp. zu honorieren; aber freigebig, über die Maßen freigebig sollen Sie uns finden. Sachte – wer steht uns aber dafür, daß Sie die in dem Avi – wollte sagen, in dem Empfehlungsschreiben genannte Person auch wirklich sind?«

»Ist die Tatsache, daß ich die Briefe besitze, nicht Bürge für meinen Charakter?«

»Das wäre sie allerdings in Friedenszeiten, wo das Reich nicht von der Kriegsgeißel heimgesucht wird. Eine Personbeschreibung sollte dem Dokumente angefügt sein, wie ein Avisbrief einem Wechsel. Da wir demnach in dem vorliegenden Geschäft einiges Risiko laufen, so darf es Sie keineswegs befremden, wenn der Umstand etwas auf den Preis wirkt. Wir sind freigebig; kein Haus in den Kolonien belohnt meines Erachtens mit größerer Liberalität, aber man hat denn doch auch den Ruf der Diskretion zu schonen.«

»Des Preises wegen, das sagte ich Ihnen schon, werden wir nicht uneinig.«

»Gut; es freut einen, bei so liberalen und ehrenwerten Grundsätzen einen Handel zu schließen, aber doch wär' es mir lieb gewesen, wenn ein Notariatssiegel oder eine Personalbeschreibung die Zeugnisse begleitet hätte. Dies ist die Unterschrift von Robert Boggs, ich kenne sie wohl, und wollte, ich hätte sie unter einer Verschreibung von zehntausend Pfund, wohlverstanden mit einem verantwortlichen Endosseur; aber diese Unsicherheit, junger Mann, steht Ihrem pekuniären Interesse im Wege, da wir gleichsam dafür garantieren, daß Sie und kein anderer die gemeinte Person sind.«

»Damit Sie sich hierüber vollkommen beruhigen, Herr Bale,« rief eine Stimme aus dem Kreise der nahestehenden Personen, die mit ungewöhnlicher Teilnahme die Ohren spitzte, um kein Wort vom Gange des Handels zu verlieren, »so kann ich dafür Zeugnis ablegen, oder wenn's nötig sein sollte, auch Bürgschaft stellen, daß der junge Herr die gemeinte Person ist.«

Wilder wandte sich etwas rasch um und war nicht wenig betroffen über die Bekanntschaft, die ihm der Zufall auf eine so außerordentliche, ja so unangenehme Weise zuführte, und noch dazu in einer Gegend, wo er wünschte, vollkommen ungekannt zu bleiben. Zu seinem größten Erstaunen fand er nämlich, daß der hinzutretende Sprecher kein anderer war, als der Wirt zum Unklaren Anker. – Da stand der ehrliche Joram, blickte vollkommen ruhig drein, mit einem Gesicht, dem man's ansah, es würde auch vor einer höheren Behörde seine Gelassenheit behalten, und erwartete, was seine Bürgschaft auf die scheinbar noch schwankende Gesinnung des Kommissionärs für Wirkung haben würde.

»Ach, der Herr hat bei Euch eine Zeitlang logiert, und da könnt Ihr denn bezeugen, daß er ein pünktlicher Zahler und ruhiger Gast ist! Was ich aber gern möchte, sind Dokumente, um sie der Korrespondenz mit dem Eigentümer daheim anzuweisen.«

»Ich weiß zwar nicht, welche Sorte von Zeugnis Sie für dergleichen vornehme Gesellschaft gut genug halten,« erwiderte gelassen der Gastwirt, indem er mit der größten Unbefangenheit die Hand in die Höhe hielt; »wenn aber die auf Eid gegebene Erklärung eines Hauseigentümers von der Sorte ist, wie Sie es brauchen, nu so sind Sie ja eine Magistratsperson und können mir gleich den Eid vorsagen.«

»Mitnichten! Bin ich auch eine Magistratsperson, so fehlt doch die Form bei dem Eid, und er würde also vor Gericht nicht bindend sein. Aber sagt, was wißt Ihr von dem in Rede stehenden jungen Manne?«

»Daß er für seine Jahre ein Seemann ist, wie Sie ihn in den Kolonien nicht besser finden können. Einige mögen ihn vielleicht an Übung und Erfahrung übertreffen; sehr wahrscheinlich finden sich solche. Kommt es aber auf Tätigkeit, Wachsamkeit und Klugheit an, so würde es kein leichtes sein, seinesgleichen anzutreffen – ganz absonderlich was die Klugheit betrifft.«

»So, Ihr seid also ganz gewiß, daß diese Person eine und dieselbe mit dem in diesen Papieren genannten Individuum ist?«

Mit derselben bewunderungswürdigen Ruhe, die er von Anfang des Gesprächs an gezeigt hatte, nahm Joram die dargereichten Zeugnisse und machte sich dran, sie mit der gewissenhaftesten Sorgfalt durchzulesen. Um dieses Stück zu bewirken, mußte er seine Brille aufsetzen, denn der Wirt zum Unklaren Anker stand im abnehmenden Lebensviertel, und wie er so gemächlich das Lesewerkzeug herauszog, drängte sich Wildern die unwillkürliche Betrachtung auf, daß er ein merkwürdiges Beispiel abgebe, wie selbst die Verderbtheit den Anschein der Ehrbarkeit erhalte, wenn eine ehrwürdige Außenseite das Auge besticht.

»Alles sehr wahr, was dasteht, Herr Bale,« fuhr der Gastwirt fort, indem er die Brille ebenso bedächtig, als er sie aufgesetzt hatte, wieder abnahm, und die Papiere dem Kaufmann hinreichte; »aber man hat vergessen zu erwähnen, wie er die ›Muntre Nanette‹ rettete, auf der Höhe von Hatteras, und wie er ohne Lotsen die ›Margarete‹ durch die Barre des Hafens von Savannah führte, während die Batterien von Norden und von Osten her spielten; ich aber, der ich in meinen jungen Tagen zur See gewesen bin, wie Sie wohl wissen, hab' gar oft die Seefahrer von beiden Umständen sprechen hören, und ich kann wohl über die Schwierigkeit ein Urteil fällen. Ich nehme teil an diesem Schiff, Nachbar Bale (denn wenn Sie auch ein reicher Mann sind, ich aber nur ein armer, so sind wir doch immer Nachbarn), ich sage also, ich nehme teil an dem Schiffe, weil es ein Fahrzeug ist, das Newport selten verläßt, ohne klingende Münze in meiner Tasche zurückzulassen, sonst wär' ich heute nicht da, um zu sehen, wie es die Anker lichtet.«

Bei diesen Worten gab er hörbaren Beweis davon, daß sein Besuch nicht unbelohnt gewesen war, indem er mit der Hand in der Tasche einen Ton erklingen ließ, der den Ohren des haushälterischen Handelsmannes nicht weniger angenehm war, als seinen eigenen. Die beiden Ehrenmänner lachten wie Leute, die sich verstehen, und die aus ihrem Verhältnisse zur Royal Carolina ihren respektiven Profit zu ziehen wußten. Bale winkte Wilder beiseite, und nach noch einigen Präliminarien wurden endlich die Bedingungen seiner Anstellung festgesetzt. Der eigentliche Schiffer sollte nach diesen Bestimmungen an Bord bleiben, sowohl als Bürge für die Versicherung des Schiffes, als zur Erhaltung des guten Rufes; aber man machte nun kein Geheimnis mehr daraus, daß ihn sein Schaden, der in einem Beinbruch bestand, das die Chirurgen eben zurechtsetzten, aller Wahrscheinlichkeit nach nötigen würde, über einen Monat seine Kajüte und Hängematte zu hüten. Seinem Amte und seinen Pflichten sollte nun während dieser Zeit wesentlich unser Abenteurer vorstehen. Nachdem diese Verabredung noch eine Stunde Zeit weggenommen hatte, verließ der Kommissionär das Schiff, mit der klugen und ökonomischen Weise höchst zufrieden, mit der er seiner Pflicht gegen seinen Prinzipal nachgekommen war. Um aber sein eigenes Interesse nicht aus dem Gesichte zu verlieren, wählte er noch, bevor er in das Boot stieg, eine passende Gelegenheit, um den Wirt zu ersuchen, eine gehörige und förmliche Erklärung von allem aufzusetzen, was er aus eigener Erfahrung von dem eben angestellten Seeoffizier wisse. Der ehrliche Joram ließ es auch an Versprechungen nicht fehlen; als er aber alles nach Genüge arrangiert sah, so konnte er die Notwendigkeit, sich einem nutzlosen Risiko bloßzustellen, nicht einsehen, und wußte es so zu machen, daß er das Halten umging, höchstwahrscheinlich seine Entschuldigung darin findend, daß seine Aussage ja doch bei weitem nicht umständlich genug wäre, um vor den Gerichten bei genauerer Prüfung nach den erforderlichen Bestimmungen von Gewicht zu sein.

Das geschäftige Treiben, das Nachholen halbvergessener Geschäfte, das Getöse, die Wünsche, das Einschärfen der Aufträge für den oder jenen entfernten Hafen, und alle sich durchkreuzende, und scheinbar gar kein Ende nehmende Pflichten, die sich in den letzten zehn Minuten vor der Abfahrt eines Kauffahrteifahrers drängen, besonders wenn glücklicher- oder vielmehr unglücklicherweise Passagiere darauf sind – das alles zu schildern wäre überflüssig. Bei dergleichen Gelegenheiten verläßt eine gewisse Klasse von Leuten ein Schiff mit derselben Saumseligkeit, wie irgendeinen andern Ort, wo es was zu verdienen gibt, indem sie so träge an der Schiffsleiter hinabkriechen, wie der Blutegel, wenn er sich mit seinem blutigen Mahl angefüllt hat. Des gemeinen Matrosen Aufmerksamkeit ist zwischen den Anordnungen des Lotsen und dem Abschied von Bekannten geteilt, so daß er bald da-, bald dorthin rennt, nur nicht wohin er sollte, und das ist vielleicht die einzige Zeit in seinem Seeleben, wo er den Gebrauch des solang gehandhabten Tauwerks nicht zu kennen scheint. Trotz all dieser verdrießlichen Zauderei und herkömmlichen Belästigungen, ward die »Royal Carolina« endlich doch aller ihrer Besuche, mit der Ausnahme eines einzigen, los, und Wilder konnte sich nun einem Vergnügen überlassen, das niemand als ein Seemann nach Würden zu schätzen weiß – reines Feld auf dem Verdeck und eine wohldisziplinierte Schiffsmannschaft.

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