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Der rote Freibeuter

James Fenimore Cooper: Der rote Freibeuter - Kapitel 12
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer rote Freibeuter
publisherHesse & Becker Verlag
firstpub
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Als Wilder sich dem »Unklaren Anker« näherte, traf sein Auge und Ohr ein Schauspiel, das mit dem bisher so friedlichen Orte in vollem Widerspruch stand, und in irgendeiner außerordentlichen Aufregung seinen Grund zu haben schien. – Über die Hälfte der Frauen in der Nachbarschaft und ein gutes Viertel der Männer hatten sich vor der Tür des Schenkhauses versammelt und hörten auf die scharfen, schrillenden, durchdringenden Töne einer weiblichen Stimme, deren Deklamation, Klage und Beschwerde von der Art waren, daß es den Zuhörern in dem weiten Kreise, der sie umgab, ebenso unmöglich war, die Rednerin für kalt und unparteiisch zu halten, als selbst kalt und unparteiisch zu bleiben. Bei dem Bewußtsein, daß er sich selbst neuerdings in Verbindungen eingelassen hatte, deren Erfolg er nicht voraussehen konnte, und bei dem innern Gefühl seines Wagstücks, nahm unser junger Abenteurer Anstand, sich in den Haufen zu mischen, und hielt sich abwärts. Es bedurfte eines aufmunternden Blickes, den der alte Seemann auf ihn warf, der inzwischen ebenfalls angekommen war, sich mit Hilfe seiner Ellbogen durch die Menge Raum machte, und so der Gestalt, aus der die Wehklagen ertönten, bald nahe und gegenüber stand. Seinem Beispiele folgend, rückte der junge Mann nun auch vor, begnügte sich aber mit einer Stellung außer dem Gedränge, wo er sehen und hören und auf den schlimmsten Fall sich zurückziehen konnte, ohne von dem Strom aufgehalten oder fortgerissen zu werden.

»Ich rufe euch alle, die ihr hier seid, zu Zeugen, dich, Earthly Potter, und dich, Preserved Green, und dich, Faithsuhl Wantou« (so hörte Wilder die entrüstete Desideria schreien, dann einen Augenblick innehaltend, um Atem zu schöpfen, dann die ganze Nachbarschaft weiter namentlich aufrufend) – »und dich, Upright Crook, und dich, Relent Flint, und dich, Wealthy Poor!Diese Namen erinnern an die Sitte der Puritaner, sich statt der gewöhnlichen Taufnamen Benennungen und Eigenschaften aus der Heiligen Schrift beizulegen. Daß sie oft schlecht zu den Familiennamen paßten, sollen die hier angeführten: Irdischer Töpfer, Eingemachter Grün, Treuer Liederlich, Aufrichtiger Krumm, Weichherziger Kiesel, Vermögender Dürftig – zugleich beweisen, und den Gebrauch lächerlich machen. – So sonderbar übrigens diese Namen klingen, so sind sie doch alle der Chronik von Rhode-Island entnommen. Ich rufe euch zu Zeugen auf in meiner Sache. Ihr alle, samt und sonders, alle für einen, und einer für alle, gebt mir Zeugnis, wenn es nottut, daß ich von jeher und immerfort die sklavische, nachgebende Lebensgefährtin und Ehehälfte dieses Mannes gewesen bin, der mich in meinem Alter so schändlich verlassen und mir noch obenein seine vielen Kinder auf den Hals gebürdet hat!«

»Aber«, unterbrach sie der Wirt zum »Unklaren Anker« sehr zur Unzeit, »was habt Ihr denn für Gewißheit, daß er Euch verlassen und sich aus dem Staube gemacht hat? Der gestrige Tag war ein Tag der Freude, ein Siegestag, ein Feiertag; und so ist es denn ganz natürlich, daß Euer Mann, wie so viele andere, die ich nennen könnte – die ich aber nicht so dumm bin zu nennen – ein bißchen, wie soll ich sagen? über die Schnur gehauen hat, und nur etwas später als die übrigen ausschläft. Ich gehe die Wette ein, daß der ehrliche Schneidermeister in wenig Minuten aus irgendeiner Scheune hervorkriecht und sich seinen Morgenschluck Bitters bei mir holt, so frisch und nüchtern, als hätte er am gestrigen Feste seine Kehle nur mit Wasser benetzt.«

Ein allgemeines, halbunterdrücktes Lachen folgte dem Branntweinwitze des Schenkwirts. Nur auf die verzerrten Gesichtszüge der jammernden Desideria brachte er keine Veränderung, noch weniger ein Lächeln hervor: ihre Züge schienen im Gegenteil auf immer die Fähigkeit dazu verloren zu haben.

»Nicht doch,« rief sie, »nicht doch, der Mann hat nicht mal die Courage, sich als ein loyaler Patriot und Vaterlandsfreund an einem Fest- und Freudentage auf die Gesundheit und den Ruhm Sr. Majestät zu betrinken; er kann weiter nichts, der erbärmliche Mann, als nähen und flicken. Ich hab' ihn bloß der Arbeit wegen genommen; und nur, weil mir sein Arm und seine Nadel fehlen, vermiss' ich ihn, sonst um gar nichts. Ist es nicht ein Elend für mich armes, unterdrücktes Weib, nachdem ich den Mann solange für mich habe arbeiten und Brot schaffen lassen, daß ich mich nun mir nichts, dir nichts hinsetzen und selbst für mich sorgen soll? Aber ich will mich an ihm rächen, solange noch in Rhode-Island oder in Providence Recht und Gerechtigkeit zu finden ist. Laß ihn nur über die Zeit des gesetzlichen Termins wegbleiben! Laß ihn dann nur kommen und mir sein O-Jeminesgesicht zeigen! Er soll schön anlaufen, der Vagabund; er soll sein Weib und seine Tür verschlossen finden, und nichts haben, wo er sein hundsföttisches Haupt hinlege!«

Hier gewahrte sie das aufmerksame Gesicht des alten Seemanns, der sich bis zu ihr hingedrängt hatte. Sie unterbrach sich plötzlich und setzte hinzu: »Hier steht ein Fremder, ein eben eintreffender . . . Sagt mir, Freund, ist Euch auf Euerm Wege hierher ein Landläufer, ein Deserteur aufgestoßen?«

»Liebe Frau,« erwiderte dieser mit ungemeiner Fassung, »ich habe, während ich mit meinem alten Rumpfe hierzulande segelte, soviel mit mir zu tun gehabt, daß ich Namen und Rang derer, die mir begegnet sind, unmöglich habe in mein Logbuch eintragen können . . . Doch mir fällt ein, zu Anfang der TagwacheVon 4 bis 8 Uhr morgens. einen armen Teufel auf dem Wege hierher im Gebüsch zwischen der Stadt und dem Stück Fähre an der See angeprait zu haben.«

»Wie sah der Mann aus?« fragten fünf bis sechs Stimmen, ängstlich und in einem Atem, unter denen aber die der Frau Desideria das Übergewicht an Lungenkraft behauptete, ungefähr wie die Kadenzen einer Bravoursängerin über die schwächeren Triller der Choristinnen vorherrschen.

»Wie er aussah, der Mann? Ei nu, wie ein Mann aussieht, der die Armtakelage quer verschränkt hat, und die Schenkelklampen trägt, wie jeder andere Christenmensch. Wie soll er sonst aussehen? . . . Doch, halt, ich besinne mich: er schleppte ein Bein nach, wie ein lahmes Schaf, und schlenkerte ein gut Teil hin und her im Gehen.«

»Er ist's! Er ist's!« rief alles im Chor, sogleich stahlen sich fünf oder sechs eilig davon, in der heimlichen Absicht, dem Ausreißer nachzueilen, um sich wegen einiger kleinen Reste in der Rechnungsbilanz mit dem armen, verschrienen Schuldner abzufinden.

Desideria, die in der Form Rechtens von ihrem Tagedieb nichts zu fordern und in anderer Hinsicht nichts von ihm zu erwarten hatte, war stehen geblieben und fuhr fort, sich bei dem Fremden nach ihm zu erkundigen.

»Hatte der Mann einen Diebesblick?« fragte sie, ohne den Abgang derer bemerkt zu haben, die sich so schnell hintereinander fortgeschlichen hatten und noch eben in ihrem gerechten Schmerze so sympathetisch einstimmten. »Sah er aus wie eine Schlange, wie eine Blindschleiche?«

»Was sein Kopfstück betrifft,« sagte der Alte, »so würdet Ihr zuviel von mir verlangen, wenn ich Euch eine genaue Beschreibung davon machen sollte: doch beim Lichte betrachtet, sah er ziemlich so aus wie einer, der eine geraume Zeit in den Speigaten gelegen hat. Soll ich Euch meine wahre Meinung sagen? Er kam mir vor, als trüge er schwer an einer guten Ladung . . .«

»Von Müßiggang, wollt Ihr sagen. Ja, ja, Müßiggang ist aller Laster Anfang. Der Mann ist ganzer acht Tage fast ohne Arbeit gewesen; das hat er sich zu Gemüt gezogen, und weil er nichts Besseres zu tun und zu denken hatte, so ist er davongegangen. So ist's . . . Er trug schwer . . .«

»An seinem Weibe«, unterbrach sie der Alte mit pathetischem Nachdruck. Hier entstand ein zweites Gelächter, weit mehr und deutlicher auf Kosten der Dame Desideria, als das erste. Sie aber, nicht im geringsten dadurch aus der Fassung gebracht, und sowohl den groben Scherz des alten Seemanns, als den schallenden Beifall der Umstehenden tapfer und als ein echtes Mannweib verschmähend, fuhr fort:

»O, Ihr könnt nicht wissen, was und wieviel ich so lange Jahre mit dem Manne ausgestanden habe . . . Sah er aus wie einer, der eben eine beleidigte, gekränkte Frau verlassen hat?«

»Ich will eben nicht behaupten, daß er gerade zu mir gesagt hätte, inwiefern er seine Frau gekränkt und beleidigt, als er sie vor Anker gelassen; soviel aber ist gewiß, wo er sie auch gestauet haben mag, sein Weib, oder auch nicht sein Weib, viel Schiffsgut und Ladung hat er ihr nicht zurückgelassen. Der Mann hatte sich den Hals mit weiblichen Flittern ausstaffiert, so daß ich glauben mußte, er trage um den Nacken lieber ihren Schmuck als ihre Arme.«

»Was!« rief Desideria mit wildem Blick, »hat er meine goldenen Bommeln gestohlen? Was trug er von mir? Meine goldenen Bommeln?«

»Echt oder unecht, will ich nicht schwören.«

»Der Bösewicht!« fuhr sie wütend fort wie eine, die länger im Wasser geblieben, als ihr lieb war, und nach dieser unangenehmen Unterbrechung wieder zu Atem kommt. Zugleich drängte sie sich mit aller Gewalt durch die Menge, um die Größe des Raubes und ihres Verlustes zu übersehen, und rief im Laufen: »Der Bösewicht! Der Räuber! Der Kirchenräuber! Sein Weib bestehlen, an deren Busen er geruht! Die Mutter seiner Kinder bestehlen, und . . . und . . .«

»Da höre mir einer ganz was Neues!« sagte der Wirt zum »Unklaren Anker«. »Hab' ich doch mein Lebtag nicht gehört, daß man den guten Nachbar Homespun für einen Dieb gehalten: sein Spitzname war Hasenherz, weil er unter dem Pantoffel stand.«

Der alte Seemann schaute dem Wirt starr in die Augen und sagte mit Bedeutung:

»Hätte der ehrliche Schneider sonst niemand bestohlen, als seine Ehehälfte, so würde keine große Diebssünde auf ihm haften; denn mit den Bommeln und Goldperlen, die er um den Hals trug, würde ich nicht mal das Fährgeld bezahlt haben. Alles Gold, was er bei und auf sich trug, könnte in meinem Augenwinkel Platz finden, ohne mich im geringsten am Sehen zu hindern. Weil es aber eine Schande und Sünde ist, die Tür einer ehrlichen Taverne so zu belagern wie einen Hafen, auf dessen Schiffe man ein Embargo gelegt hat, so hab' ich, wie Ihr seht, das Weib fortgeschickt, nach ihren Bommeln zu suchen, und den ganzen Haufen hinterdrein, seine Neugier zu stillen.«

Joseph Joram starrte den Fremden mir einem Paar Augen an, die ihm wie bezaubert im Kopfe standen. Augen, Zunge, Hände und Füße blieben eine Minute lang unbeweglich. Endlich brach er in ein heftiges, mächtiges Gelächter aus, denn jetzt roch er Lunte, merkte den Pfiff, der die Menge von seiner Tür nach dem Schneiderhause weggefegt hatte, erkannte den schlauen Fuchs, breitete die Arme nach ihm aus und sagte:

»Willkommen, ehrlicher Jan, ehrlicher Bob! Willkommen, alter Knabe, willkommen! Aus welcher Wolke seid Ihr geregnet? Welcher Wind hat Euch hergeweht? Woher des Wegs? Wie und wann seid Ihr in Newport eingelaufen?«

»Zuviel Fragen auf einmal, um sie in offener Reede zu beantworten; und überhaupt ist's hier zu trocken für eine geheime Unterredung. Quartiert mich in eine von Euern innern Kajüten ein; setzt mir eine Kanne FlipBier, Branntwein und Zucker. und ein Stück gut Rhode-Island Rindfleisch in Enterweite hin – und dann soviel Fragen, als Euch beliebt, und soviel Antworten, als sich mit meinen Kauwerkzeugen vertragen.«

»Wer bezahlt mir aber die Musikanten, Bob? Welcher Schiffskassierer steht mir für den Tanz?« sagte der Wirt, indem er den ehrlichen Bob mit einer Bereitwilligkeit ins Haus ließ, die diese Zweifel Lügen strafen, oder die wenigstens durch zuvorkommende Artigkeit die Pille verzuckern sollte.

»Wer?« unterbrach jener, das Goldstück hervorholend, das er von Wilder bekommen hatte, und es auf eine Weise zwischen den Fingern haltend, daß es auch von den paar Leuten gesehen werden konnte, die noch vor der Türe standen, damit sie in diesem kleinen runden Dinge die beste Schutzrede für dessen Eigner lesen möchten: »Wer sonst, als dieser Gentleman! Ich bin stolz, in der Person Seiner Allerhöchsten Majestät des Königs, den Gott erhalte! einen Bürgen für mich aufstellen zu können.«

»Den Gott erhalte!« schallte es von allen loyalen Untertanen wieder, die sich auf der Straße befanden, und in einer Stadt, wo jetzt dieser Ausruf gewiß ebensoviel Staunen, nur weniger Bestürzung verursachen würde, als ein Erdbeben.

»Den Gott erhalte!« wiederholte Joram nochmals, als er eine innere Tür öffnete und seinen Gast hineinließ. »Ihn, und alle, die sein Bild im Beutel führen! Tritt ein, alter Bob, und du sollst bald einen halben Ochsen entern.«

Inzwischen war Wilder in die Gaststube getreten, gerade als sich die Leute vor der Tür zerstreut hatten und das verehrliche Paar, nämlich der Wirt mit dem Alten, tiefer ins Haus gegangen war. Er dachte eben nach, wie er sich mit seinem Verbündeten in Rapport setzen sollte, ohne zuviel Aufsehen zu erregen, als der Wirt zurückkam und ihm die Mühe des weitern Nachsinnens ersparte. Joram sah sich erst schnell im Zimmer um, warf dann einen Blick auf den jungen Abenteurer und näherte sich ihm halb zweifelhaft, mit einem Gesicht, das zu sagen schien: »Kenn' ich ihn, oder kenn' ich ihn nicht?«

Endlich, als er den Fremden wiedererkannte, der am Morgen bei ihm eingesprochen hatte, fragte er:

»Wie steht's, Sir? Ein Schiff gefunden? Schwerlich; es gibt mehr Nachfrager als Stellen.«

»Weiß nicht, ob es mit mir was wird. Als ich den Hügel hinaufging, begegnete ich einem alten Seemann . . .«

»Hm!« unterbrach ihn der Wirt, mit einem verstohlenen bedeutsamen Zeichen, ihm zu folgen. »Ich will Euch ein anderes Zimmer weisen, wo Euch das Frühstück besser schmecken soll.«

Wilder folgte dem Wirt, der ihn einen andern Weg aus der Gaststube führte, als er den ehrlichen Bob geführt hatte, und dabei ein geheimes Wesen annahm, das dem jungen Fremden auffiel. Er brachte ihn, tiefes Schweigen beobachtend, durch winkelige Umwege eine Hintertreppe hinauf, bis auf den Hausboden. Hier klopfte er leise an eine Tür. Mit hohler, schwerer Stimme, die Wildern stutzig machte, wurde Herein! gerufen. Er trat ein, fand sich in einer niedern, engen Dachkammer, und niemand darin als den ehrlichen Bob, die alte Bekanntschaft des Wirts, der ihm beim Wiedererkennen diesen Ehrentitel gegeben hatte. Während sich Wilder mit einigem Befremden nach der Stimme, die er gehört zu haben glaubte, umsah, begab sich der Wirt zurück und ließ die beiden allein. Der ehrliche Bob war bei einem wichtigen Geschäft begriffen. Er zerlegte die halbe Ochsenkeule und begoß sie reichlich mit einem Bier, das, in Erwartung des bestellten Flips, ebensosehr nach seinem Geschmack war, als die Knochen- und Fleischmasse. Ohne seinem Besucher Zeit zum Nachdenken zu lassen, lud er ihn ein, den einzigen Stuhl im Kämmerchen einzunehmen, und setzte seine Sektion des Lendenstückes so emsig fort, als sei keine Unterbrechung vorgefallen.

»Der ehrliche Joseph Joram«, sagte er, nachdem er einen Zug getan, der die Kanne fast bis auf den Boden leerte, »muß beim Metzgergewerk gute Freunde haben. Dies Rindvieh schmeckt so gut, daß man es für ein Stück HellbutteNorwegische Scholle, deren Floßfedern für eine Delikatesse gelten. halten sollte. Ihr seid weit gewesen, Landsmann; doch ich sollte sagen ›Seemann‹ oder noch lieber ›Tischkamerad‹, da wir beide an einem Tische ankern – nicht wahr, Ihr seid weit gereist?«

»Ein gutes Teil; müßte sonst ein schlechter Seefahrer sein.«

»Nu dann, so sagt mir frei raus, seid Ihr jemals in einem Lande gewesen, das, wie unser edles Amerika, wo wir beide vor Anker liegen, und wo wir beide, wie ich hoffe, geboren sind, soviel Herrliches an Fisch, Fleisch, Geflügel und Obst hervorbringt?«

Wilder, der seine Ursachen hatte, das Gespräch noch nicht auf den beabsichtigten Gegenstand zu bringen, weil er seine Gedanken erst sammeln und ordnen, und dabei gewiß sein wollte, ob ihn niemand behorche, sagte:

»Es hieße die Vaterlandsliebe zu weit treiben, wenn man dem Lande, das uns geboren, den Vorzug vor allen andern gäbe, England, wie es allgemein angenommen wird, übertrifft uns in allen diesen Gegenständen.«

»Allgemein angenommen? Angenommen? Von wem? Von unseren Nichtswissern, von unseren Alleswissern, von unseren sieben Jungenweisen! Ich, ein Mann, der die vier Erdteile gesehen, und die vier Wasserteile dazu, ich stehe auf und strafe die Großmäuler Lügen. Aber wir sind Kolonien, mein Freund: wir sind Kolonien, und in einer Kolonie ist es ebenso keck, der Mutter zu sagen, daß die Tochter diesen oder jenen Vorzug hat, als es sich für Jack beim Fockmast schicken würde, seinem Offizier unrecht zu geben, auch wenn er unrecht hätte. Ich bin nur ein armer Wicht, Master. Wie nenn' ich Ew. Ehren?«

»Mich? Mein Name ist . . . Harris.«

»Ich bin, wie gesagt, nur ein armer Mann, Master Harris; aber ich habe zu meiner Zeit manchen Wachtposten kommandiert, und so alt und rostig als ich Euch scheinen mag, bin ich manche lange Nacht auf dem Verdeck gewesen, ohne andere Beschäftigung als meinen Gedanken nachzuhängen. – Freilich hab' ich dabei nicht soviel von der Philosophie abgekriegt, als ein besoldeter Herr Pfarrer, oder ein bezahlter Herr Richter. Laßt Euch's aber dennoch von mir sagen, es ist ein dumm Ding um einen, der weiter nichts ist, als der Bewohner einer Kolonie. Es benimmt einem allen Stolz und allen Mut, und hilft einen zu dem machen, wozu ihn das Mutterland – sein Herr und Meister – gern gemacht haben will. Ich will nichts mehr sagen vom Obst, von seinen Gerichten, von dem, was Leckerei heißt und aus dem Lande zu uns kommt, von dem Ihr und ich nur zuviel gehört haben: ich will nur mit dem Finger nach jener Sonne hinzeigen und fragen: Denkt Ihr, daß König Georg die Macht hat, sie auf das Stück Insel, wo er lebt, ebenso wohltätig scheinen zu lassen, als sie hier in seinen unermeßlichen Provinzen von Amerika scheint?«

»Gewiß, nein: aber Ihr müßt doch zugeben, was jeder behauptet, nämlich: daß Englands Erzeugnisse den Vorzug haben vor . . .«

»Ei was? Eine Kolonie segelt immer an der Leeseite des Mutterlandes. So sagt man und so ist's; warum? Weil man's sagt. Ja, sagen läßt sich vieles, Freund Harris. Mit Worten wird's abgetan. Worte – Worte – Worte! Mit Worten kann man sich selbst ein Fieber an den Hals reden. Mit Worten eine ganze Schiffskompagnie bei den Ohren festhalten. Mit Worten macht man Kirschen zu Pfirsichen, eine Butte zum Walfisch. – Wimmelt nicht die unendliche Seeküste von Amerika, wimmeln nicht alle unsere Flüsse, Seen, Bäche von Fischen, vom Reichtum und Fett unseres Landes? Und doch muß man mit anhören, daß die Diener Sr. Majestät, die von jenseits des Ozeans kommen, von ihren Steinbutten, ihren Schollen, ihren Karpfen schwatzen, als habe Gott der Herr nur Steinbutten, Schollen und Karpfen erschaffen, und als hätte der Teufel, ohne dessen Erlaubnis einzuholen, alle übrigen Fische zwischen den Fingern durchwitschen lassen.«

Bei diesen Worten wendete sich Wilder rasch nach dem Alten und blickte ihn mit einigem Befremden an, während dieser ruhig sein Rindfleisch verschlang, unbekümmert über das, was er gesprochen hatte, weil er es als eine Meinung ansah, wie man sie in der gewöhnlichen Unterhaltung aufzustellen pflegt. Wilder, dem sie mehr aufgefallen war, gab es durch ernste Mienen und ernste Worte zu erkennen.

»Freund,« sagte er, »Ihr scheint mehr von Euerm Geburtslande, als von Loyalität zu halten.«

»Wenigstens bin ich nicht fisch-loyal, das heißt nicht stumm wie ein Fisch. Was Gott erschaffen hat, darüber läßt sich's, wie ich hoffe, vor Menschen sprechen, ohne jemand zu beleidigen. Was aber die Regierung anbelangt, die ist ein von Menschenhand gedrehtes Seil, und . . .«

»Und was weiter?« fragte Wilder, als er sah, daß der andere innehielt.

»Hm! Nu, ich denke, der Mensch kann sein eigenes Werk umstoßen, wenn er nichts Besseres zu tun hat. Damit will ich aber nichts gesagt haben, und niemand zu nahe treten, hoff' ich.«

»Das habt Ihr so sehr getan, daß es mich mahnt, zu dem Geschäft überzugehen, was uns hierher gebracht hat. Ihr habt doch Euern Mietspfennig nicht vergessen?«

Der alte Segler schob den Tisch ein wenig von sich ab, kreuzte die Arme, schaute seinem Gefährten voll ins Gesicht und antwortete mit Ruhe:

»Wenn ich mal in jemandes Dienste getreten bin, so läßt sich's auf mich bauen wie auf Felsengrund. Ich hoffe, Ihr segelt denselben Kurs, Freund Harris!«

»Ich wäre sonst kein rechtschaffener Mensch. Vor allen Dingen erlaubt mir aber, ehe ich Euch mit meinen Wünschen und Entwürfen näher bekannt mache, das Nebenkämmerchen zu untersuchen, um vollkommen gewiß zu sein, daß wir allein sind.«

»Ihr werdet nichts weiter darin finden, als das bißchen Staat von Jorams Schwiegertochter. Und da die Türe nicht mal gehörig schließ, so wird Eure Runde bald gemacht sein. Sehen ist besser als glauben.«

Wilder schien die Erlaubnis des Alten nicht abwarten zu wollen, denn er hatte schon die Tür aufgestoßen, als jener noch sprach, und nachdem er sich nun auch überzeugt hatte, daß dieser Raum nur die angegebenen weiblichen Fähnchen enthielt, kam er mit der Miene eines Mannes zurück, der sich verrechnet hat.

»Wart Ihr allein, als ich eintrat?« fragte er nach einer nachdenkenden Pause.

»Nur der ehrliche Joram und Ihr . . .«

»Sonst niemand?«

»Ich habe niemand gesehen«, versetzte der Alte, aber auf eine Weise, die ein wenig Verlegenheit verriet. »Seid Ihr anderer Meinung, so laßt uns das Zimmer visitieren. Wehe dem Horcher hier im Versteck; er sollte meine Fäuste fühlen.«

»Halt! Antwortet mir auf eines; wer rief vorhin: Herein?«

Bob, der schon aufgesprungen war, die Winkel zu durchsuchen, verlor mit einem Male seine Lebhaftigkeit, dachte einen Augenblick nach, und sich dann plötzlich besinnend, brach er in ein lautes Auflachen aus.

»Aha! Nun merk' ich, wo Euch der Floh sitzt. Was man doch für Gedanken aushecken kann! Nicht wahr, wenn geklopft wird und jemand Herein! ruft, der ein Pfund Rindfleisch im Maule hat, so soll er eben die Stimme haben, als wenn seine Zunge im ledigen Schiffsraume spazieren ginge?«

»Also Ihr waret es, der sprach?«

»Ich will darauf schwören«, erwiderte Bob und setzte sich wieder hin, wie jemand, der sich ganz zu seinem Vorteil aus einem bösen Handel gezogen hat. Dann fuhr er fort: »Nu, Freund Harris, habt Ihr Lust, mir Euer Inneres aufzuschließen, so bin ich bereit, Euch anzuhören.«

Wilder schien zwar nicht ganz durch diese Erklärung befriedigt. Gleichwohl rückte er den Stuhl näher an den andern und schickte sich an, den Gegenstand ihres Zusammentreffens ins Licht zu setzen.

»Nach dem, was Ihr gesehen und gehört habt, Freund, brauch' ich Euch nicht erst zu sagen, daß ich nicht eben wünsche, die Dame, mit der wir diesen Morgen gesprochen haben, und ihre Gefährtin in der Royal Carolina absegeln zu sehen. Ich nehme es bei unserer Verabredung für hinreichend an, diese Tatsache zugrunde zu legen und es dabei bewenden zu lassen; meine besonderen Ursachen, weswegen ich es gern sähe, wenn die Damen dort blieben, wo sie sind, können dem, was Ihr in der Sache zu tun habt, kein neues Gewicht geben.«

»Ihr habt ganz und gar nicht nötig, einem alten Seebären zu sagen, wie er das Schlappsegel eines vorübereilenden Gedankens fassen und zusammenhalten soll,« sagte Bob, seinem Gefährten einen pfiffigen Wink zuwerfend und sich dabei vertraulich schüttelnd, was Wilder mißfiel; »ich habe keine fünfzig Jahre im blauen Wasser zugebracht, ohne gelernt zu haben, es vom blauen Himmel zu unterscheiden.«

»Ihr glaubt also, Freund, meinen Beweggrund durchschaut zu haben?«

»Es bedarf keines Fernglases zu dieser Entdeckung. Wenn die Alten sagen: Geht! sagen die Jungen: Bleibt! oder denken es wenigstens.«

»Ihr habt hier unrecht, und tut beiden Teilen der Jungen unrecht; denn, auf Ehre, eher als gestern hab' ich die junge Person, die Ihr meint, nicht mit Augen gesehen.«

»Ah! Nu bin ich darauf gekommen. Die Eigner der Carolina haben sich gegen Euch nicht so artig betragen, wie sie gesollt, und deshalb erhalten sie nun auch Euern Dank.«

»Dies wäre freilich eine Wiedervergeltung in Euerm Sinne und nach Euern Grundsätzen«, sagte Wilder sehr ernst. »Mit den meinen ist sie nicht übereinstimmend. Auf dem ganzen Schiffe kenn' ich keine Seele.«

»Hm! So bleibt mir nichts weiter übrig, als der Gedanke, daß Ihr mit dem Schiff im äußeren Hafen in Verbindung stehen müßt. Nu, nu, wenn Ihr auch Eure Feinde nicht haßt, so liebt Ihr doch Eure Freunde. Das ist doppelt christlich. Wir müssen folglich auf Mittel bedacht sein, die Ladys in das Schiff hinein zu manövrieren.«

»Gott bewahre!«

»Gott bewahre, sagt Ihr? Freund Harris, jetzt kommt mir's beinahe vor, als ob Ihr die Pardunen Euers Gewissens etwas zu steif anzieht. Obschon ich mit Euch in dem, was Ihr von der Royal Carolina gesagt habt, weder übereinstimme, noch übereinstimmen kann, so ist doch wohl unter uns kein Meinungsunterschied in betreff jenes Schiffes. Ich halte es für einen vollständigen Bau von dem schönsten Ebenmaß in allen Teilen, kurz für ein Fahrzeug, das ein König mit voller Sicherheit besteigen könnte.«

»Ich stell's nicht in Abrede, aber . . . ich liebe es nicht.«

»Nicht? Nu, das hör' ich gern; und da die Rede eben auf diesen Gegenstand fällt, so muß ich Euch sagen, Master Harris, daß ich noch über dieses Schiff ein paar Worte zu verlieren habe. – Ich bin ein alter Seehund, dem was Außerordentliches in unserem Fache nicht so leicht entgeht. Sagt mir, findet Ihr nicht, daß es sich nicht mit einer ehrlichen Gewerbs- und Handelsweise verträgt, sich wie jenes Schiff vor Anker zu legen, außerhalb des Forts, in einer so schläfrigen, untätigen Lage, wie eine unbewegliche Masse, zumal da es ihr bei alledem anzusehen ist, daß sie eine andere Bestimmung hat, und eine andere Absicht haben muß, als Austern zu fangen oder Schlachtvieh nach den Inseln zu bringen?«

»Ich bin ganz Eurer Meinung und halte es für ein vollkommen gutes, fest- und steifgebautes Schiff. Ihr scheint ihm aber ein faules Gewerbe zuzutrauen? Welches? Etwa fremde Waren einzuschwärzen?«

»Hm! Ich sollte nicht glauben, daß man sich eines solchen Schiffes zum Schmuggeln bedienen würde, obschon der Konterbandehandel ganz und gar kein unebner sein soll. Seht nur, was für eine schöne Batterie das Schiff hat, insofern man sie von hier aus beurteilen kann.«

»Es kommt mir vor, als wollte sie sagen: Unsere Eigner sind des Schiffes noch nicht überdrüssig, und wir wollen schon dafür sorgen, daß es nicht in die Hände der Franzosen falle.«

»Wohl möglich! Kann sein, daß ich mich irre; aber wenn mich meine alten Augen nicht ganz trügen, so lese ich auf der Stirn des Sklavenhändlers, daß, selbst wenn er gültige Papiere führt, und es mit seinen Kaperbriefen seine Richtigkeit hat, nicht alles darauf ist, wie es sein sollte. Was meint Ihr dazu, ehrlicher Joseph Joram?«

Wilder wandte sich unwillig um und erblickte den Wirt, der mit so leisen Schritten eingetreten war, daß er, der seine ganze Aufmerksamkeit auf die Rede des Alten gerichtet hatte, nichts davon gewahr geworden. Jorams Bestürzung über die Frage war weder Spiel noch Verstellung; denn schon hatte sie der Fragende in noch deutlicheren Worten wiederholt, ehe sich der Wirt imstande sah, sie zu beantworten.

»Ich frage Euch noch mal, ehrlicher Joseph, ob Ihr den Sklavenhändler dort im äußern Hafen für ein ehrliches Schiff haltet?«

»Bob, Ihr fallt einem immer so plump mit der Türe ins Haus,« erwiderte der Wirt, die Augen in schiefer Richtung um sich werfend, als wolle er sich überzeugen, ob er auch alle seine Zuhörer um sich sähe, »mit Euern verwünschten Fragen, mit Euern verdammten Vermutungen, so daß ich oft in der Klemme bin, und nicht weiß, wie ich meine fünf Sinne zusammennehmen soll, Euch eine vernünftige Antwort zu geben.«

»Ist es nicht possierlich,« sagte der alte Mann bedächtig und ruhig, »den Wirt zum ›Unklaren Anker‹ verdutzt und duschig zu sehen? Ich frage Euch, ob Ihr nicht auch über das Sklavenschiff Eure Vermutung habt? Ob Ihr nichts argwöhnet? Nichts? Gar nichts?«

»Ich, argwöhnen? Guter Gott im Himmel, bedenkt, Master Robert, was Ihr sprecht. Ich möchte nicht, und gälte es die Kundschaft des Lord-Großadmirals Sr. Majestät, daß in meinem Hause ein einziges ehrenrühriges Wort gegen den Ruf irgendeines makellosen, rechtlichen Sklavenhändlers gesprochen wurde. Gott wolle mich vor der Sünde bewahren, den Charakter irgendeines ehrlichen Untertans Sr. Majestät des Königs anzuschwärzen!«

»Seht Ihr, würdiger, zartsinniger Joram, an dem Schiffe dort draußen im Vorhafen nichts Unrichtiges?« wiederholte Master Robert zum dritten Male, ohne ein Auge, ein Glied, eine Muskel zu verziehen.

»Nu, da Ihr mir so nahe auf den Leib rückt und durchaus wissen wollt, was ich meine, da Ihr überdies ein Kunde seid, der bar bezahlt, so will ich es denn von mir geben, daß, wenn sich was Unregelmäßiges, was Vernunftwidriges, was selbst Ungesetzliches im Betragen des Gentleman zu erkennen gibt . . .«

»Ihr segelt so nahe beim Winde weg, Freund Joram,« unterbrach der Seemann kalt, »daß man sieht, Ihr möchtet es mit niemand verderben. Ich bestehe also zum viertenmal auf eine gerade, einfache Antwort: Habt Ihr an dem Schiff was Unrichtiges bemerkt?«

»Na, wenn's denn so sein muß, nichts, auf mein Gewissen nichts,« platzte der Wirt heraus wie ein Walfisch, der aus dem Wasser steigt, um Atem zu schöpfen, »nichts, so wahr ich ein armer Sünder bin, ein unwürdiger Zuhörer und Beichtiger des guten, ehrwürdigen Doktor Dogma . . . nichts, nichts . . . gar nichts!«

»Gut, dann seid Ihr ein größerer Schafskopf, als ich mir von Euch eingebildet habe. Weiter im Text: Habt Ihr auch nichts geargwohnt?«

»Bewahre mich der Himmel vor Argwohn! Der böse Feind gibt uns allen Zweifel ein, das ist mal wahr; aber schwach und zum Bösen geneigt ist der, der ihm nicht wiedersteht. Die Offiziere und die übrige Mannschaft des Schiffes sind tapfere Zecher und freigebig wie die Prinzen; und da sie obenein nie vergessen, die Rechnung zu berichtigen, ehe sie das Haus verlassen, so nenn' ich sie mit Recht – ehrliche Leute.«

»Aber ich nenne sie Piraten!«

»Piraten?« hallte Joram wider und warf mit offenbarem Mißtrauen den Blick auf Wilder. »Pirat ist ein hartes Wort, Master Robert, und sollte keinem Gentleman an den Kopf geworfen werden, solange es an Beweisen zu einem Injurienprozeß fehlt, der die Sache, wie sich's schickt, vor zwölf geschworene, gewissenhafte Männer bringt. Aber ich will hoffen, Ihr wißt, was Ihr sagt, und vor wem Ihr's sagt.«

»Das weiß ich; und nu, da es scheint, daß Eure Meinung über diesen Punkt gerade auf Null hinausläuft, so werdet Ihr wohl die Güte haben . . .«

»Alles zu tun, was Ihr befehlt«, rief Joram, voller Freude, daß er der Unterhaltung eine andere Wendung geben konnte.

»Hinzugehen und Eure Gäste unten zu fragen, ob sie nicht durstig sind«, fuhr der Alte fort und winkte dem Wirte zu, des Weges, den er gekommen, wieder zurückzugehen. Dabei sah er aus, wie jemand, der gehört sein will, und voraus weiß, daß man ihm gehorchen wird.

Sobald der Wirt die Tür hinter sich zugemacht hatte, wendete sich jener zu seinem Kompagnon und fuhr fort:

»Ihr scheint mir ebenso backliegend wie der ungläubige Joseph, über das, was ich eben gesagt habe?«

»Ei was, alter Mann, Ihr erlaubt Euch da einen harten Argwohn und tätet wohl, zu überlegen, ob Ihr ihn beweisen könnt, eh' Ihr ihn wiederholt. Von welchem Piraten hat man hier auf der Küste was gehört?«

»Da ist der wohlbekannte Red-Rover«, erwiderte der andere, die Stimme senkend und einen verstohlenen Blick um sich werfend, als hielt er es für notwendig, bei der bloßen Erwähnung des furchtbaren Namens Vorsicht zu gebrauchen.

»Von dem heißt es ja, er treibe sein Wesen vorzüglich im Karaibischen Meere.«

»Red-Rover ist einer, der überall und nirgends ist. Der König würde einen schönen Preis für den aussetzen, der den Schelm in die Hände der Gesetze lieferte.«

»Leichter gedacht als getan«, antwortete Wilder nachdenkend.

»Mag sein, mag auch nicht sein. Ich bin ein alter Knast, auf der Neige, und mehr berufen bergab als bergauf zu gehen. Mit Euch steht's anders. Ihr seid ein neu ausgerüstetes Schiff, Eure Takelage steif, Eure Spieren gerade; nichts Geworfenes, Gebogenes an Euch. Wie wär's, wenn Ihr Euer Glück machtet und das Gelichter dem Könige verhandeltet? Es heißt doch nur, dem Teufel ein paar Monate früher oder später sein Futter gegeben!«

Wilder erstarrte vor Entsetzen und wendete sich von seinem Mitgenossen ab, wie einer, der über die Art höchst unzufrieden war, auf die sich jener ausgedrückt hat. Doch da er wohl einsah, daß er Antwort geben müsse, verwandelte er sie in eine Frage:

»Noch einmal, was für einen Grund habt Ihr, Euern Verdacht für wahr zu halten? Oder was für Mittel habt Ihr, im Fall er wahr wäre, da es hier an königlichen Kreuzern fehlt, den Plan auszuführen?«

»Einen Eid kann ich nicht darauf schwören, daß ich recht habe; wenn wir aber auch das Segel links wenden sollten, so dürfen wir es ja nur wieder rechts wenden, sobald wir den Irrtum einsehen. Was die Mittel anbelangt, so sind sie freilich leichter angegeben, als herbeigeschafft.«

»Geht doch, geht; das ist eitler, leerer Schnickschnack, ein ausgehecktes Hirngespinst Euers alten Kopfes«, sagte Wilder kalt. »Je weniger davon geschwatzt wird, desto besser . . . Die ganze Zeit haben wir darüber unser eigenes Geschäft vergessen. Ich bin fast der Meinung, Master Robert, daß Ihr falsche Lichter aufsteckt, um der Verbindlichkeit zu entgehen, die Ihr schon halb bezahlt bekommen habt.«

Auf dem Gesichte des alten Matrosen zeigte sich, während Wilder sprach, ein solcher Zug von Zufriedenheit, daß ihn der junge Mann hätte bemerken und darüber stutzen müssen, wäre er nicht mitten in der Rede aufgestanden und schnell und nachdenkend das Kämmerchen auf und ab gegangen.

»Nu ja, nu ja,« nahm der Alte das Wort, und bemühte sich, seine Freude hinter den gewöhnlichen schroffen, selbstischen Ton und Ausdruck seiner Stimme zu verbergen; »ich bin ein alter Träumer, der sich einbildet, mitten im Meere zu schwimmen, wenn er sicher und ruhig am Ufer vor Anker liegt. Mir scheint, ich würde nicht unrecht tun, sobald als möglich mit dem Teufel meine Rechnung abzuschließen, damit jeder seinen Teil von meinem armen Gerippe erhalte, und ich in Zukunft mein eigener Herr und ungeschoren bliebe . . . Und nun, zu Euer Gnaden Befehl.«

Jetzt nahm Wilder seinen Sitz wieder ein und schickte sich an, seinem Mitverbündeten die nötigen Instruktionen zu geben, die darauf hinausliefen, daß er alles wieder zurücknehmen sollte, was er vorhin zugunsten der Carolina gesagt hatte.

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