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Gutenberg > Heinrich Seidel >

Der Rosenkönig

Heinrich Seidel: Der Rosenkönig - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleHeinrich Seidel's erzählende Schriften Band II
authorHeinrich Seidel
year1899
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDer Rosenkönig
pages77-152
created20030522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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Heinrich Seidel

Der Rosenkönig.

Sonnabend den 1. April.

Dem Drängen und Treiben bin ich nun glücklich entronnen. Hier ist es fast friedlich und still, ich möchte beinahe vergessen, daß ich in einer großen Stadt wohne, tönte nicht ein fernes Rollen und Brausen zu mir her, gleichsam das Wogenrauschen des ewig flutenden Menschenmeeres. Im Winter, da ging es schon an; zumal ich fremd in der Stadt, und mir das ungewohnte Leben und Hasten neu war. Ich wohnte so recht mitten darin, wo Handel und Verkehr in den engen Adern winkeliger und verräucherter Straßen mächtig pulsieren. Nun aber, da der Frühling ins Land kam, zog es mich hinaus in die Stille der Vorstadt, wo man dem Frühling ins Angesicht sehen kann, wo es noch Bäume gibt und junges Grün und blühende Gärten, wo man außer der unvermeidlichen Drehorgel auch einmal den Schlag eines Vogels vernimmt, und wo der Donner des Himmels nicht untergeht im Geräusch des lauten Tages.

Heute gab es das erste Gewitter, und unter Blitz und Donner hielt ich den Einzug in mein neues Reich. Meine Fenster schauen auf einen zum Nebenhause gehörigen großen Garten hinaus – und als sich das Wetter verzogen hatte und die siegreiche Sonne milde wieder hervortrat, öffnete ich das Fenster und ließ den frischen Duft der erquickten Erde zu mir herein. Von den jungen Blätterknospen rannen die blitzenden Perlen; ein sanfter Regen vertropfte langsam, wie von der sinkenden Sonne ausgetrunken, und ein schöner Regenbogen stieg aus dem leuchtenden Knospengrün auf in das einförmige Grau des Himmels.

Ein jeder Mensch hegt nun wohl in seiner Brust dergleichen kindliche Thorheit, und so muß ich denn bekennen, daß mir das als eine anmutige Vorbedeutung erschien, als müsse ich an diesem Orte rechten Frieden haben und dereinst etwas Schönes erleben.

Es ist aber doch ein unbehagliches Ding um eine neue Wohnung.

Nun sitze ich hier an einem unbekannten Schreibtisch in einem Zimmer, mit dem ich nicht vertraut bin, unter lauter fremden Dingen, und ein Bett erwartet mich, in dem ich noch nie geruht. Es ist einem ähnlich zu Mute wie in einer Gesellschaft unter lauter unbekannten Menschen. In solchen Augenblicken begreife ich sehr wohl die Anhänglichkeit vieler Leute an alte Möbel und Geräte, die sie schon von ihren Vorfahren überkommen haben, mit denen sie aufgewachsen sind, mit deren Schnitz- und Bilderwerk ihre Kinderphantasie sich schon beschäftigt hat, und an deren Anblick hundert Erinnerungen geknüpft sind, fröhliche und traurige. Mein einziges Möbel, mein altes braves Schreibzeug, blickt mich allein vertraulich an mit seinem Muschel- und Blätterwerk aus Gußeisen.

Draußen ist eine dunkle, wolkenverhangene Frühlingsnacht.

Das Gewitter ist weit fortgezogen und steht am fernen Horizont als ein stummes Wetterleuchten; dunkel und schweigend ruhen die schwarzen Baummassen; nur zuweilen fällt ein schwerer Tropfen von den sattgetrunkenen Knospen leise hernieder.

Sonnabend den 15. April.

Jetzt fängt schon die gute alte Dame Gewohnheit an, mich mit ihren leisen Banden zu umspinnen; ich werde heimischer in dem Raume, der mir zur Wohnung dient, und vertrauter mit den Gegenständen, die mich umgeben. Der alte Sekretär, der mir als Schreibtisch dient, trat mir zuerst näher, dadurch, daß man einen gewissen Kunstgriff anwenden muß, um seine wackelige Klappe zu schließen; es besteht auf diese Weise eine Art von Geheimnis zwischen uns beiden, und das befördert die Bekanntschaft. Meine Bücher schauen mich wohlgeordnet aus dem Glasschranke an mit ihren Titeln wie mit bekannten Gesichtern; so ein Buch ist ein lieber trauter Freund, und oft wiege ich einen dicken schweren Band wohlgefällig in der Hand und denke über das Sonderbare nach, daß solch ein unscheinbarer viereckiger Körper so eine Menge von herrlichem Inhalt birgt, der beim Lesen gleichsam aus ihm herauswächst wie ein prächtiger Wunderbaum mit Blüten, Früchten und gaukelnden Schmetterlingen. Da sehe ich denn wohl den Schreiber dessen im Geiste vor mir im stillen Zimmer bei der einsamen Lampe, wie er gewiß viele Abende darüber saß und dachte und dichtete, wie sein Auge blitzte bei der Erfassung eines Gedankens oder wie er vor sich hinstarrte in stillem Sinnen.

Nun ist die Hand längst verdorrt, die dies schrieb, und das bißchen Staub, das im Leben seinen Namen führte, ruht unter einem schweren Leichenstein, aber der Geist ist unsterblich – der ging hinaus ins Volk, und viele Tausende von stillen Lesern ließen den Wunderbaum vor sich aufwachsen, labten sich am Dufte der Blüten, kosteten die süßen Früchte und erfreuten sich still an dem leichten Flatterspiel der Schmetterlinge. Es muß etwas Herrliches sein, ein solches Buch geschrieben zu haben.

Doch das schönste Buch liegt draußen vor mir aufgeschlagen, wo ein eiliger Frühling mit mildem Regen und Sonnenschein seine altbekannten immer neuen Werke schreibt.

Manch schöne Stunde zieht es mich von der Arbeit ans Fenster; es ist aber auch dort zu viel Anmutiges zu schauen und zu hören. Ein großer wohlgepflegter Garten mit sauberen Steigen und prächtigen Gebüschgruppen breitet sich vor mir aus, und bis zu meinen Fenstern hinaus ranken Rosen, deren Bätterknospen sich schon gewaltig entfalten. Wenn alles grün ist, wird mein Fenster erst hübsch werden.

Da gilt es nun den Gang des Frühlings zu verfolgen, und alle Tage entdecke ich Neues und Schönes. Herrlich gewachsene Rosenstämme und Büsche sieht man überall; über die Steige hinaus sind Laubengänge davon gezogen, an den Wänden ranken sie empor; das muß eine zauberische Pracht sein, wenn alles glüht und blüht.

Das lebende Getier will auch beobachtet sein; der Vogel, der durch die Zweige schlüpft oder im Sonnenscheine über die Wipfel fliegt, der frühe Schmetterling, der im leisen Winde dahingaukelt, und die Lerche, die sich zuweilen vom Felde aus über den Garten verirrt und wie ein jubelnder Punkt darüber steht.

Nun gar mein Nachbar, der Besitzer des schönen Gartens, ein freundlicher Mann mit dunklen schönen Augen und weißem Haar, obgleich er noch gar nicht so alt zu sein scheint, und jenem wehmütig-freundlichen Zug um den Mund, der auf ein tiefes Gemüt schließen läßt, der ist wahrlich geeignet, die Gedanken von meiner Arbeit abzulenken. Den ganzen Tag arbeitet er mit einem alten Diener im Garten, schneidend, begießend, pflanzend und hegend; es scheint, als wenn unter dem sanften Blick seines Auges, unter dem verständigen Walten seiner Hände alles mit größerer Freude emporwächst. Wenn ich mich aus dem Fenster lege, kann ich sein kleines, anmutiges, von Epheu und Rosen umsponnenes Häuschen mit einer Glasthür nach dem Garten hinaus seitwärts liegen sehen und am frühen Morgen erwarte ich ihn schon, wenn er pünktlich um sechs Uhr aus der Thür tritt, um sein anmutiges Tagewerk zu beginnen.

Die Frage nach den früheren Lebensschicksalen dieses Mannes beschäftigt meine Gedanken oftmals, und ich ergehe mich dabei in den wundersamsten Vermutungen, doch keine will mir ausreichend erscheinen. Für eine Militärperson sieht er nicht steif und militärisch genug aus, für einen Geschäftsmann nicht nüchtern, für einen gewesenen Beamten nicht trocken, für einen Lehrer nicht pedantisch genug, kurz, kein Stand will mir für ihn passend erscheinen; am geneigtesten bin ich zu glauben, daß er überhaupt niemals einem angehört hat, ein kleines Vermögen besitzt, in seiner Jugend viel reiste und nun mit einem alten Diener und einer ebenso alten Dienerin unter seinen Blumen ein behagliches Junggesellenleben führt.

Bei alledem geht es mit meiner Arbeit frisch vorwärts, mein Geist kehrt nach den anmutigen Ruhepunkten, die ich ihm gönne, um so lebhafter zurück, und Frieden und Ruhe ist in mein Gemüt eingekehrt in dieser friedlichen Behausung.

Montag den 17. April.

»Das ist der Rosenkönig,« sagte mein Wirt. »Rosenkönig – wieso?« fragte ich verwundert.

Mein Wirt, Herr Grund, ist ein vortrefflicher drolliger Kauz. Immer beweglich und geschäftig den ganzen Tag, so daß seine Familie und sein Haus dem unruhigen Rentier lange nicht zur Entfaltung seiner Tätigkeit genügen. Auf die ganze Nachbarschaft und noch weiter, wo nur irgend ein Bekannter aufzuspüren ist, erstreckt sich seine unermüdliche Wirksamkeit. Mit diesem geht er aus, eine Wohnung zu mieten, jenem vermittelt er einen Mieter. Hier besorgt er Einkäufe und Bestellungen bei seinen täglichen Gängen in die Stadt, dort wartet er mit den neuesten Ereignissen des Tages auf. Alle städtischen Angelegenheiten sind ihm geläufig. Soll irgendwo eine neue Straße angelegt werden – Herr Grund ist bis ins kleinste davon unterrichtet; ist jemand über die neueste Steuer in Zweifel – Herr Grund weiß darüber gründlichste Auskunft zu geben. Alle Häuser der Nachbarschaft mit ihren guten und schlechten Eigenschaften sind ihm vollständig bekannt, er kennt fast jeden ihrer Einwohner. Dabei in seiner gutmütig-freundlichen Manier und dem wahrhaft freudigen Eifer, womit er alles betreibt, wird er nie lästig, und mir ist seine praktisch-prosaische Weise, in der er über alles denkt, mit der er alles angreift, eine wahre Erquickung, ein erfrischendes gesundes Bad bei all den poetischen Gespinsten, die mein Hirn anfüllen.

Aus diesen Gründen war es mir um so überraschender, diesen poetischen Namen von Herrn Grund mit einem solchen Gleichmut wie eine alltägliche Bezeichnung aussprechen zu hören.

»Rosenkönig – wieso?« fragte ich verwundert.

»Ja,« sagte Herr Grund, »so wird er genannt wegen seinen schönen Rosen. Das sollten Sie sehen, wenn die blühen. – Ich sage Ihnen, in dem Garten steckt ein Kapital, sage ich Ihnen – ein Kapital. Na – Liebhaberei – der eine so, der andere so Das Haus . . .«

»Ein reizendes Haus!« flocht ich ein.

»Nun ja,« fuhr Herr Grund fort, indem er gutmütig lächelte – »romantisch, höchst romantisch, aber ich sage Ihnen, die Zimmer nach vorne heraus – gar nicht zu heizen. Sie glauben nicht, welche Menge Holz Herr Born im Winter gebraucht – kolossal!«

Und dabei sprach er das Wort »kolossal« mit solchem gewichtigen Nachdruck aus, als habe jede einzelne Silbe ein vierspänniges Fuder Klafterholz zu bedeuten.

»Also Born heißt der Rosenkönig eigentlich?« fragte ich, um Herrn Grund wieder ins Geleise zu bringen.

»Ja, sehen Sie,« sagte er in einem Tone, der eine längere Auseinandersetzung erwarten ließ, »das Haus gehörte früher der alten Frau Rätin Born, der Großmutter des Rosenkönigs. Die lebte dort mit ihrer unverheirateten Tochter. Die haben den Rosenkönig erzogen, denn seine Eltern sind beide früh gestorben. Nun wissen Sie ja – Weibererziehung. – Von dieser Pimpelei machen Sie sich gar keine Vorstellung – großartig! Mit anderen Kindern kam er gar nicht zusammen, denn das litt die Alte nicht, und die Tochter war noch schlimmer. Ich war damals ein Junge – na, Sie wissen ja, wie Jungens sind – wir sind in gleichem Alter, der Rosenkönig und ich – und mich hielten die beiden Frauenzimmer nun ganz besonders für eine Ausgeburt der Hölle. Freilich band ich ihren Katzen Blasen an den Schwanz und schoß ihre Hunde mit dem Pustrohr und stahl ihnen Sommer für Sommer das beste Obst aus dem Garten, aber den Haupthaß hatten sie auf mich geworfen, weil ich den süßen Jungen neckte und quälte, wo ich nur konnte. Ich hatte ihn Pimpelfritze getauft, und wo er sich blicken ließ, riefen wir dies hinter ihm her, im Winter warfen wir ihn mit Schneebällen und im Sommer sogar mit noch schlimmeren Dingen – na, es war unrecht, aber was thut so ein Junge nicht alles. Na kurz, er wuchs so heran; in die Schule ging er nicht, er hatte Hauslehrer und Gouvernanten, alle vier Wochen eine andere, später auch dies nicht mehr, sondern er studierte allein weiter, wie man sagte. Dann weiß ich einige Zeit nichts mehr von ihm, da ich fortkam in die Kaufmannslehre. Später, als er schon majorenn war und sein bedeutendes mütterliches Vermögen angetreten hatte, lebte er noch immer bei den alten Damen, ebenso eingezogen wie früher. Dann wurde er auf einmal rappelköpfig, man weiß nicht warum, trat das erste Mal energisch auf gegen die beiden Alten, und es dauerte nicht lange, so reiste er unter Heulen und Wehklagen der beiden Frauenzimmer ab, wie man sagte, nach einer auswärtigen Universität. Dann ist er lange Zeit fort gewesen, später auf Reisen, zuweilen kam er auf einige Tage und besuchte seine Verwandten, aber nie lange, es war, als wenn es ihm keine Ruhe ließe. Mittlerweile sind dann beide gestorben und einige Jahre, nachdem die Tante begraben war, kam er ganz wieder her, ließ das verfallene Haus neu herrichten und brachte den verwilderten Garten allmählich in den jetzigen Zustand. Sehen Sie, das ist die Geschichte – doch was stehe ich hier und schwatze, es ist die höchste Zeit, daß ich gehe, ich muß zur Stadt und Möbel kaufen helfen für ein junges Ehepaar – sie ist eine entfernte Cousine meiner Frau – apropos, was rauchen Sie da für eine Zigarre – Kostenpunkt? wenn ich fragen darf.«

Ich nannte den Preis.

»Hm, hm,« sagte er, »es geht an; aber für den Preis will ich Ihnen weit Feineres verschaffen – ich kenne die Quellen. – Warten Sie, heute nachmittag werde ich Ihnen eine Probe mitbringen. – Exquisit – höchst exquisit! sogar noch etwas billiger. Guten Morgen!« Damit war er zur Thür hinaus.

Sonntag den 7. Mai.

Wie die Tage so sanft dahinfließen in Arbeit und Muße, in angestrengtem Denken und müßigem Sinnen und allerlei kleinen Thätigkeiten. Ich hatte von jeher eine Gabe, mich am Kleinleben der Natur, an dem Walten und Treiben um mich her zu vergnügen und dann mit erfrischten Kräften an meine Arbeit zurückzukehren. Die Fliege, die über mein Blatt spaziert, beobachte ich mit Interesse, macht sie einmal einen Punkt in meine besten Satzkonstruktionen, wo kaum ein Komma am Platze wäre; die Spinne, die am Fenster ihr Netz baut, der Schmetterling, der vorüberfliegt, die Biene, die zufällig ins Zimmer summt, der Vogel, der draußen auf dem Zweig vor meinem Fenster konzertiert, alle finden in mir einen harmlosen Bewunderer ihrer Schönheiten, Fähigkeiten und Talente. Eine Rosenranke, die vor meinem Fenster im leisen Winde zittert und schwankt und nun schon mit fast voll entwickelten Blättern prangt, war mir eine Fundgrube der Beobachtung und ist es noch in ihrer fortschreitenden Entfaltung. Den Rosenkönig aber betrachte ich als meinen Hofgärtner, sein Garten ist eigentlich auch meiner; so weit ich ihn übersehen kann, kenne ich ihn fast ebensogut als er, das heißt von außen, was für ihn damit verwachsen ist, kenne ich natürlich nicht.

Es ist nun aber auch Mai, und zwar ein rechter Mai von Gottes Gnaden. Das ist nicht der ungezogene Range, der mit Schnee und Hagel unter die duftenden Blüten wirft und wild zerzaust, was er eben erst aus schüchterner Knospe gelockt hat, das ist nicht der launige Schlingel, der verdrossen umherrumort bei grauem, langweiligem Himmel, der sich beträgt wie ein unartiger Schulknabe, daß man ihn am Ohre nehmen möchte und ausrufen: »Junge, was unterstehst du dich!« Nein, das ist der lächelnde, rosige Genius mit wallenden Locken, mit dem Gesicht wie Sonnenschein, der Zauberer, aus dessen Fußstapfen Blumen sprießen, bei dessen mildem Blick Flur, Berg und Wald ergrünen, blühen und klingen in heller Lust, im freudigen Gefühle des jungen Seins. Im Triumph kommt er gezogen unter blauem Baldachin mit schimmernden weißen Wolken, mit seinen Dienern, Sonnenschein und mildem Regen, mit seinen gefiederten Hofsängern und seinen zierlichen Pagen, den Schmetterlingen.

Seiner Majestät des Königs Mai erste Sängerin, Frau Nachtigall, ist nach längerem Urlaub aus Afrika zurückgekehrt. Gestern abend war wieder große Soiree und es dauerte fast die ganze Nacht. Der Mond und alle Sterne waren zugegen und die großen alten Bäume, sowie die kleinsten Büsche standen ganz stille da, und horchten mit allen Blättern, um keine Note zu verlieren. Selbst die großen dummen Tulpen rührten sich nicht und standen still im Mondschein auf ihren langen Stengeln. Es war ein Solo mit Brummstimmen; diese wurden von den Maikäfern ausgeführt, die um den blühenden Kirschbaum summten, der nahe bei meinem Fenster steht, wo ich die Fremdenloge inne hatte. Frau Nachtigall aber saß auf dem weißleuchtenden Zweige, nahe vor mir, und sang und sang und schmetterte, als wollte sie sich die kleine Seele aus der Brust singen. Gern hätte ich der Künstlerin meinen allerhöchsten Beifall kundgethan, allein, da ich dies nicht auf menschliche Weise äußern konnte durch erhebliches Klatschen und einiges Brava-bravissima-Gebrülle, aus Furcht, das Zartgefühl der Sängerin zu verletzen, so enthielt ich mich dessen, schloß später leise das Fenster und ließ mich in Schlaf singen. Daher kann ich über den Schluß des Konzerts nur sagen, daß es am Morgen entweder schon wieder angefangen hatte oder noch gar nicht zu Ende war.

An diesem Morgen habe ich eine liebliche Entdeckung gemacht. Ueber den Garten des Rosenkönigs hinweg kann ich in den benachbarten sehen, der, da das Terrain nach dorthin etwas ansteigt, höher gelegen ist und durch eine nicht sehr hohe, aber dichte lebende Hecke abgeschlossen wird. Zuweilen hatte ich wohl arbeitende Leute darin bemerkt, auch eine alte Dame von freundlichem Aussehen, aber heute morgen in der Frühe, als selbst der Rosenkönig noch nicht im Garten war und ich ahnungslos hinaussah, bemerkte ich dort ein junges Mädchen. Nur der braune Lockenkopf war mir im Anfang sichtbar, da sie sich dicht hinter der Hecke befand; aber bald trat sie weiter in den Sonnenschein hinaus, und nun konnte ich die anmutige Gestalt in dem hellen Sommerkleide bewundern, wie sie mit dem Gebaren eines Menschen, der nach längerer Abwesenheit heimkehrt, in den Steigen umherging, alles mit Interesse betrachtend. Hier und dort verweilte sie und beugte sich zu einer Blume nieder, daß die Locken über das rosige Gesicht fielen, dann stand sie einmal und spähte zu einer Grasmücke empor, die ihr Morgenlied im Wipfel eines Baumes sang, bis endlich die Glasthür des Rosenkönigs klang, und sie schnell zu einer entfernteren Stelle der Hecke lief, wo diese sehr niedrig war. Dort stand sie und lachte und winkte dem Rosenkönig.

Der freundliche Mann begrüßte sie mit vergnügtem Gesicht und reichte ihr die Hand über die Hecke. Dann standen die beiden dort längere Zeit und sprachen miteinander; ich konnte wegen der Entfernung nichts verstehen, nur den melodischen Klang ihrer Stimme vernahm ich. Dann nahm sie Abschied und ging dem Hause zu. Ich schaute der leichten Gestalt nach, so lange ich sie erblicken konnte, dann sah ich dem Rosenkönig nach, wie er friedlich und still durch seinen Garten schritt; dann ging ich an meine Arbeit zurück und betrachtete nachdenklich die Papiere und Bücher, die auf meinem Tische ausgebreitet waren; ich betrachtete sie mit einem gewissen Mitleiden, denn es fing in mir an zu dämmern, daß dies neue Objekt, das in den Kreis meiner Beobachtungen getreten war, mehr als alle anderen geeignet sei, der Beschäftigung mit diesen Dingen eine gefährliche Konkurrenz zu machen.

Sonntag den 21. Mai.

Trotz der angestrengtesten Beobachtungen habe ich meine Nachbarin in diesen Tagen nur flüchtig gesehen, wenn sie durch den Garten ging zu einer Laube, deren entsetzlich dichte Zweige nicht das geringste von ihr blicken lassen. Dort arbeitet sie gewiß, wie ich aus Büchern und Heften schloß, die sie trug. Heute aber, als ich von meinem Morgenspaziergange nach Hause kam, verwünschte ich mein unzeitiges Davonlaufen, denn gerade als ich aus dem Fenster sah, ging sie im Garten des Rosenkönigs an dessen Seite dem Hause zu. Sie blieben noch einmal bei einer Blume stehen, sprachen zusammen, und der Rosenkönig pflückte sie galant und überreichte sie mit einer Verbeugung. Dann gingen sie zusammen in das Haus, und ich stand da und hatte das Nachsehen. Aber an diesem Tage sollte ich doch noch Glück haben und zwar ein großes, denn es war mir vergönnt, die Bekanntschaft des Rosenkönigs zu machen. Das vermittelte die schwankende Rosenranke vor meinem Fenster.

Ich saß ganz vertieft bei meiner Arbeit, so daß ich sogar das Hinüberspähen zum Nachbargarten vergessen hatte; da ward mit einemmal ein Geräusch vor meinem Fenster, als würde eine Leiter angelegt, und es fing an, langsam und bedächtig hinaufzusteigen. Ich sah schnell hinaus und dem Rosenkönig gerade ins Gesicht, denn er stand neben meinem Fenster auf der Leiter und hatte seine Hand nach der widerspenstigen Rosenranke ausgestreckt, die schon so lange vor meinem Fenster geschwankt hatte.

»Guten Morgen,« sagte er, indem er über mein verlegenes Gesicht lächelte.

»Guten Morgen,« sagte ich und wollte mich schnell wieder zurückziehen, als der Rosenkönig fortfuhr: »Ich möchte die Rosenranke anbinden.«

»Bitte, lassen Sie sie frei,« bat ich nun, »ich habe mich so an sie gewöhnt, daß ich sie entbehren würde . . . nun bekommt sie auch schon Knospen . . . es wird hübsch sein, wenn mir die blühenden Rosen ins Fenster nicken.«

»Sie lieben die Rosen?« fragte er, und ließ die Ranke fahren, die er bereits ergriffen hatte. »Vor allen Blumen,« war meine Antwort.

Der Rosenkönig ließ einen Blick über seinen Garten gleiten, dann fragte er: »Möchten Sie meinen Garten wohl einmal ansehen? Es ist noch nicht seine Zeit, aber vielleicht macht es Ihnen doch Vergnügen.«

»Sehr gern,« war meine erfreute Antwort, und ich muß bekennen, daß in dem Augenblicke der Gedanke wie eine duftende Rose in mir aufblühte, auf diese Weise vielleicht meine schöne Nachbarin kennen zu lernen. Ich wollte mich anschicken, der Einladung sofort nachzukommen, aber der Rosenkönig rief mich zurück: »Machen Sie keine Umstände, lieber Herr . . .« »Walter, Heinrich Walter,« schob ich ein. »Machen Sie keine Umstände, lieber Herr Walter; mancher junge Mann ist schon auf der Leiter durchs Fenster zu einer Rose hinaufgestiegen, so können Sie auch einmal auf demselben Wege zu den Rosen hinuntersteigen.«

Damit war er hinabgeklettert, hatte die Leiter umgedreht und an mein Fenster gelegt. Während ich hinabstieg, spähte ich in den Nachbargarten hinüber, allein dort ließ sich niemand sehen.

Dann gingen wir durch den sonnebeschienenen Garten, und nun erst lernte ich alle seine Schönheit kennen und schätzen. Er war ein Kunstwerk in seiner Art. Nirgends drängte sich etwas störend vor, alles erschien an seinem Platze in vollendeter Harmonie, niemals war der Natur ein Zwang angethan, sondern alles schien von selber freudig hervorgewachsen in geregelter Schönheit. –

Wir sprachen mancherlei von Blumen und Bäumen. Der Rosenkönig pflückte im Vorübergehen hier ein gelbes Blatt weg, dort nahm er eine Raupe vom Zweig oder entfernte eine verwelkte Blüte. Sein alter Diener arbeitete in einem Steige; dem flüsterte er einige Worte ins Ohr, und wir begaben uns dann an das Ende des Gartens, wo wir uns in einer grünenden Rosenlaube niederließen.

Der Diener kam bald und brachte Wein und ein einfaches Frühstück und entfernte sich wieder, indem er mich mit einem sonderbar prüfenden Blick von oben bis unten maß und dann mit leisem Kopfschütteln fortging. Er war es jedenfalls nicht gewohnt, derartige Besuche bei seinem Herrn zu sehen.

Wir hatten aber beide wohl Behagen aneinander, denn der Rosenkönig schaute mich oft mit freundlichen Blicken an, und mir gefiel der alte Herr ganz ausnehmend, ebenso wie sein vortrefflicher Wein.

» Chateau la rose,« sagte ich, indem ich auf das Etikett der Flasche deutete. Er lächelte und antwortete: »Ist es nicht eine brave Rose von Duft und Farbe und blüht zu jeder Jahreszeit?«

»Möge es mir vergönnt sein,« erwiderte ich, »den Duft dieser Rose dem Wohle des Beherrschers aller Rosen, dem Rosenkönig, zu weihen!« Damit trank ich mein Glas aus.

»Kennen Sie diesen Namen auch schon?« fragte er vergnügt, »gewiß Herr Grund . . .«

»Natürlich, Herr Grund,« sagte ich schnell, »er hat mir sogar Ihre ganze Lebensgeschichte erzählt.«

»So . . .?« sagte der Rosenkönig gedehnt, sah mich mit einem eigentümlichen Seitenblick forschend an und versank einen Augenblick in Nachdenken.

Ich glaubte etwas Unpassendes gesagt zu haben und mühte mich verzweifelt, ein anderes Gesprächsthema einzuschlagen; es wollte mir aber nicht das geringste einfallen, wie es wohl in solchen Augenblicken zu geschehen pflegt.

Der Rosenkönig riß mich aus dieser Verlegenheit, indem er, aus seinem Nachdenken wieder auftauchend, das Gespräch auf andere Dinge lenkte.

»Wie wäre es,« sprach er am Schluß, »wenn wir gute Nachbarschaft miteinander hielten. – Ich habe wenig Umgang und sehne mich oft nach einem anregenden Gespräch über ernsthafte und nicht ernsthafte Dinge. Sie gefielen mir gleich und ich will wünschen, daß wir gute Freunde werden.«

Ich sprach meine äußerste Zufriedenheit über seinen Vorschlag aus und erzählte ihm nun von meinen Beobachtungen und dem Interesse, das ich von vornherein für ihn gehegt hatte.

Es war ein wunderschöner Morgen. Die Sonne flimmerte durch das Blattwerk auf das weiße Tischtuch, glühte in dem roten Wein und malte rosige Schatten auf den Tisch; im Gebüsch neben uns jubelte eine Nachtigall wie berauscht vom Dufte der Frühlingsblumen. Der Rosenkönig hörte, bald lächelnd, bald ernsthaft, auf meine Ergießungen und nickte freundlich mit seinem weißen, von Sonnenlichtern umspielten Haupte.

Dann machten wir noch einen Gang durch den Garten. Als wir an die Leiter kamen, verabschiedete ich mich und stieg wieder in mein stilles Zimmer hinauf. Fast oben angelangt, hörte ich ein fröhliches Lachen; ich schaute mich schnell um, sah eben noch das helle Kleid meiner schönen Nachbarin in ihrem Garten hinter dem Gebüsch verschwinden. Vergeblich lag ich auf der Lauer, sie erschien an diesem schönen Morgen nicht wieder. Auch der Rosenkönig und sein Diener waren ins Haus gegangen, und die Nachtigall, die kleinen zwitschernden Vögel und die Schmetterlinge hatten das Reich in den blühenden Gärten.

Sonntag den 28. Mai.

Ich muß bekennen, daß in dieser Zeit die gefürchtete Konkurrenz eintritt, die die Beobachtung meiner schönen Nachbarin auf meine Arbeit ausübt. Mein Fenster ist zum Observatorium geworden, von dem aus ich die Bahnen dieses einzig leuchtenden Sternes beobachte; es ist der Festungsturm, von dessen Zinne ich über das Verhalten meiner schönen Feindin wache, und heute bemerke ich mit einigen Gewissensbissen, daß sich wirklicher sichtbarer Staub auf meinen sonst alltäglich gebrauchten Büchern gesammelt hat.

Wenn ich mich nach langem Spähen überzeugt habe, daß kein Atom ihres Kleides in der Nähe zu bemerken ist, und ich mich endlich mit kräftigem Entschlusse an meinen Arbeitstisch wende, da schauen mich die Bücher und Hefte so langweilig und schweinsledern an, das Papier hat so eine nüchterne Weiße, die Tinte eine so nichtssagende Schwärze, und der Gedanke, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen, so etwas Staubiges und Lähmendes, daß es mir Ueberwindung kostet, nur die Feder in die Hand zu nehmen. Ich versuche meine Gedanken zu sammeln, tauche die Feder ein und beginne zu schreiben. Ein paar Wörter . . . ein beobachtender Blick durchs Fenster . . . nun habe ich den Zusammenhang verloren. Ich strenge meine Gedanken an und will fortfahren zu arbeiten, da zuckt es mir in den Fingern, ihren Namen zu schreiben. Ich fange an, auf einem Blatt Papier höchst zierlich und künstlich den Namen »Marie« zu malen, denn diesen habe ich schon mit Schlauheit Herrn Grund abgelockt. Es gewährt mir eine gewisse Befriedigung, jedoch nicht lange; endlich komme ich zu dem Schluß, daß ich nicht zum Arbeiten aufgelegt sei, ergreife rasch meinen Hut und suche mein Heil in einem Spaziergange.

Doch auch hier finde ich keine Ruhe. Wo ich nur in der Ferne ein Band auf einem Mädchenhute flattern sehe – sie trägt so allerliebste braune Bänder –, pocht mir das Herz und ich muß mich überzeugen, ob sie es nicht wirklich ist; wo nur irgend ein weibliches Wesen durch Gang, Kleidung oder irgend etwas an sie erinnert, glaube ich sie zu sehen. Einmal ging eine Dame vor mir her, ganz wie sie gekleidet, es schien mir auch der Gang zu sein, und über den kurzen dunklen Locken flatterte das schmale braune Band, so daß ich meine Schritte beschleunigte, um sie einzuholen. Da blickte ich aber in ein so häßliches, ältliches, gelbliches Gesicht, daß ich für kurze Zeit von meinen Visionen geheilt war, aber nur für kurze Zeit. Einmal ist sie mir wirklich begegnet, dicht bei ihrem Hause, als ich gerade nachsinnend vor mich hin sah und an allerlei und gar nichts dachte. Aufschauend, begegnete ich flüchtig dem Blicke ihrer freundlichen braunen Augen, so daß ich vor Ueberraschung ganz rot wurde, und vorüber war sie.

Montag den 29. Mai.

Die ganze Geschichte kommt aber eigentlich davon, daß neulich Mädchengesellschaft beim Rosenkönig war, eine ordentliche richtige Mädchengesellschaft. Schon den ganzen Tag hatte ich eine eigentümliche Aufregung auf meinem Beobachtungsfelde bemerkt. Der alte Diener und seine Genossin hatten häufige Besprechungen mit dem Rosenkönig, und dieser selbst war in einer nicht gewöhnlichen Aufregung und schnitt schon am frühen Morgen mit einer Hartherzigkeit, die ich ihm gar nicht zugetraut hatte, Körbe voll seiner schönsten Blumen ab und trug sie ins Haus. Als er damit fertig schien und eben wieder geschäftig den Gartensteig an der Hecke herunterging, hörte ich plötzlich die liebliche Stimme, und meine schöne Nachbarin mit ihrer Mutter erschien im Nachbargarten. Es entstand ein Gespräch über die Hecke hinweg, über dessen Inhalt ich natürlich nicht zu berichten im stande bin. Der Rosenkönig hielt eine längere Rede, die, wie es mir schien, sehr herzlicher Natur war, indem er fortwährend die kleine Hand des jungen Mädchens in der seinigen hielt und sie sanft schüttelte. Jetzt – ich traute meinen Augen kaum – jetzt beugte sich Marie über die Hecke zum Rosenkönig, daß die braunen Locken ihr über das Gesicht fielen und sich mit seinem weißen Haar vermischten, und gab ihm einen Kuß; und ob ich es zugleich auch als eine Thorheit fühlte, so war ich doch in dem Augenblicke eifersüchtig auf den Mann, dem ein so süßes Geschenk zu teil wurde. Die alte Dame hatte freundlich lächelnd dabei gestanden und schien jetzt den Rosenkönig einzuladen, in den Garten zu kommen, denn er ging ins Haus, und bald darauf sah ich ihn zwischen den beiden Damen im Garten auf und nieder gehen.

Plötzlich klopfte es an meine Thür, und herein trat Herr Grund, aufgeräumt und lebhaft wie immer. Dergleichen Morgenbesuche pflegte er mir von Zeit zu Zeit zu machen, und ohne es zu wollen, wurde ich dann über alle städtischen und nachbarlichen Verhältnisse aufgeklärt. Die Gespräche des Herrn Grund fingen dem Inhalte nach piano an über das Wetter; dann pflegte er in einem langsamen Crescendo zu wichtigeren Sachen überzugehen, sich eine Zeit lang auf der Höhe des Forte zu halten und dann plötzlich abzuschnappen, indem ihm ein sehr wichtiges Geschäft einfiel, das nicht versäumt werden durfte.

»Vorzügliche Witterung! ganz vorzügliches Maiwetter! – Ich will Ihnen aber etwas sagen, Herr Walter, – es taugt nichts! Mai kühl und naß, füllt dem Bauer Scheuer und Faß! Altes Sprichwort – hat aber sein Wahres. Sie sollen sehen, wir bekommen einen kalten Sommer – gerade wie vor drei Jahren. Da war's ebenso: Vorzüglicher Mai, und nachher war es alle – rein alle. – Einheizen im Juni und dergleichen: denken Sie, was ich gesagt habe!«

»Wir wollen es nicht hoffen,« fügte ich ein.

»Ja!« sagte Herr Grund mit schlauer Miene, indem er die Achseln zuckte, als bedaure er sehr, den Gang der Natur nicht ändern zu können, »was kommt, das kommt!«

Unvermögend, diese unzweifelhafte, unumstößliche Wahrheit anzutasten, bestätigte ich lächelnd, daß daran nicht zu zweifeln sei.

»Nicht wahr, Herr Walter?« sagte Herr Grund, »das ist mein Spruch; ich bin so eine Art Philosoph und nehme alles, wie es kommt. Jeder muß sehen, wie er das Leben verdaut.«

Mir war eigentlich Herrn Grunds Gegenwart höchst fatal, denn er hinderte mich an meinen Beobachtungen. Ich sann eben nach über einen Auftrag, um ihn los zu werden, denn nichts konnte ihn mehr entzücken, als wenn man ihn mit etwas beauftragte, und dabei sich an seine größere Erfahrung und Einsicht wendete. Eine solche Angelegenheit ließ ihm dann keinen Augenblick Ruhe und brachte ihn sofort zum Verschwinden. Ich war noch zu keinem Resultat gekommen, da ward seine Aufmerksamkeit von seinen fortgesetzten Erörterungen über seine Lebensphilosophie durch ein helles, freudiges Mädchenlachen aus den Nebengarten gelenkt. Das liebliche Kind hatte dem Rosenkönig einen Kranz von roten und weißen Rosen aufgesetzt und stand vor ihm, der gutmütig lächelte und sich von der kleinen Fee hin und her drehen und bewundern ließ.

»Haha!« sagte Herr Grund, »wissen Sie wohl, daß heute dort Geburtstag ist? Marie Werner, die kleine Hexe, wie sie mit dem Alten schäkert. Der Kranz ist gewiß von ihm, denn er hat wunderschöne Rosen in seinem Glashause, das ganze Jahr hindurch.«

»Die hat er mir ja gar nicht gezeigt,« fuhr ich heraus.

Herrn Grunds Augen vergrößerten sich vor Erstaunen, er sah mich starr an und rief dann: »Was! Mensch! . . . bitte tausendmal um Entschuldigung – Herr Walter, wollte ich sagen – Sie waren beim Rosenkönig!?«

»Nun warum denn nicht? Er lud mich ein, und da bin ich auf einer Leiter in den Garten gestiegen.«

»Einen Stuhl!« rief Herr Grund in komischem Entsetzen und sank in meinen Lehnstuhl. »Unerhört! – Auf einer Leiter – in den Garten gestiegen! Die Welt geht unter!«

»Kommen Sie zu sich, Herr Grund!« sagte ich lächelnd, »was ist denn so Wunderbares dabei?«

»Was, nicht wunderbar?« fragte er, als sei ihm eine persönliche Beleidigung geschehen, und setzte sich aufrecht hin, mich ansehend und seine Worte mit energischen Schlägen auf die Stuhllehne begleitend. »Wissen Sie wohl, daß der Rosenkönig, solange er hier wohnt, gar keinen Umgang hat, außer mit den beiden Damen nebenan, einigen Kindern in der Umgegend und mit mir, der ich ihm manchmal Ratschläge gebe in Geldangelegenheiten oder dergleichen – denn er gibt etwas auf meinen Rat« – hierbei sah Herr Grund sehr stolz aus –, »wissen Sie wohl, daß ich selber in dieser Zeit niemals in dem Garten gewesen bin, denn er hat mich nicht aufgefordert – und ich frage Sie, ob es nicht wunderbar ist?!« Dann sah er mich von oben bis unten prüfend an, als wollte er das an mir entdecken, was den Rosenkönig zu dieser unerhörten Ausnahme bewogen haben könne. Er schien es nicht finden zu können, denn von der Seltsamkeit dieser Geschichte scheinbar übermannt, rief er vor sich hin: »Donnerwetter!« lehnte sich energisch in den Stuhl zurück, drehte die Daumen übereinander und schien tief nachzudenken.

»Das muß ich doch gleich meiner Frau erzählen! Guten Morgen!« rief er plötzlich und wollte hinaus. Jetzt aber war mir daran gelegen, ihn zurückzuhalten, denn meine Neugier war rege gemacht und außerdem waren auch die Nachbarn ins Haus zurückgegangen.

»Bleiben Sie doch noch, Herr Grund!« rief ich und drückte ihn auf den Stuhl zurück, »und erzählen Sie mir, wie es kommt, daß unser Nachbar sich so von allem Umgang abschließt!«

»Weiß ich es?« antwortete er, »er findet am Ende kein Vergnügen daran – ich hielte es nicht aus, das ist gewiß!«

»Wohnen die Damen schon lange dort?« fragte ich, um Herrn Grund in ein Lieblingsgeleise zu bringen.

»Ja, sehen Sie, Herr Walter,« begann er, »der selige Medizinalrat Trautmann, der Vater von Marie Werners Mutter, wohnte schon dort, als ich geboren ward, und die Anna Trautmann ist in einem Alter mit dem Rosenkönig, vielleicht ein paar Jahre jünger. Es war einige Zeit vor der Verheiratung der Anna Trautmann mit dem Doktor Werner, als der Rosenkönig so plötzlich auf die Universität ging. Na, der Medizinalrat war damals ein alter Mann und der junge Doktor Werner setzte sich ganz warm in seine gute Praxis hinein, und da er ein tüchtiger Arzt und liebenswürdiger Mann war, so hatte er bald eben solche Beliebtheit erreicht, wie der Alte. Sie hatten lange keine Kinder, bis ihnen endlich die Marie geboren wurde. Der alte Großvater hat es noch erlebt, doch kurze Zeit darauf starb er, und als die Marie zehn Jahre alt war, starb auch der Doktor Werner. Drei Jahre später kam auch der Rosenkönig wieder und seit der Zeit, es sind jetzt sechs Jahre, habe ich niemals bemerkt, daß er mit jemand umgegangen wäre, außer mit den beiden Damen, oder mit meiner Wenigkeit, denn, wie schon gesagt, er gibt etwas auf meinen Rat!

»Ja –« sagte Herr Grund darauf gedehnt, nachdem er eine Zeit lang schweigend in den Garten geschaut hatte, »heute macht er aber eine Ausnahme, wie allemal an diesem Tage – heute ist Mädchengesellschaft bei ihm.«

Die Reihe zu staunen war jetzt an mir. »Aber, Herr Grund, Mädchengesellschaft beim Rosenkönig, das ist ja unglaublich nach allem, was Sie von ihm erzählt haben!«

»Unglaublich, aber wahr!« sagte Herr Grund mit einer Miene triumphierender Ueberlegenheit. »Warum auch nicht?« fuhr er geheimnisvoll fort, »das thut er alles der kleinen Marie Werner, deren Geburtstag ist, zuliebe, die kann mit ihm machen, was sie will. Glauben Sie mir, das wird noch einmal etwas, es wird! – denken Sie später daran, wenn es so weit kommt, daß ich gesagt habe, es wird!«

»Aber, Herr Grund,« rief ich lachend, »Sie sprechen in Hieroglyphen, was soll so weit kommen? Was wird?«

Herr Grund beugte sich mit geheimnisschwangerer Miene ganz zu mir herüber und mit gedämpfter Stimme, die kleinen, gutmütig schlauen Augen fest auf meine gerichtet, sprach er: »Der Rosenkönig und Marie Werner . . . Verstehen Sie?«

»Sie meinen doch wohl keine Heirat?« fragte ich lachend, denn Herr Grund schien mir sehr auf falscher Fährte zu sein.

»Lachen Sie nicht, junger Mann! Es sind schon ganz andere Fälle vorgekommen. Der Rosenkönig ist trotz seiner weißen Haare ein Mann in seinen besten Jahren, zwischen vierzig und fünfzig, reich ist er auch, und Marie Werner hat nicht viel – er hat sie gern – sie hat ihn gern – denken Sie daran, daß ich gesagt habe – es wird!

»Doch ich sitze hier und sitze und habe noch so außerordentlich viel zu thun, was war es denn doch – hm – für die Fräulein Thomann einen Schinken zu besorgen – Herrn Florenz Bericht zu erstatten über das Haus, das er zu kaufen beabsichtigt – die Noten für die junge Frau Florenz – ich habe keinen Augenblick Zeit. Guten Morgen, Herr Walter. – Na, was meine Frau sagen wird – durch das Fenster auf einer Leiter – unerhört! – Guten Morgen!« –

Und die Gesellschaft fand wirklich statt. Ich hatte beschlossen, nicht zu Hause zu sein, um alles ungestörter beobachten zu können. Meine Vorhänge waren halb herniedergelassen und von meinen Blumen ein Lugaus gebaut, der mich verbarg, ohne mich am Sehen zu hindern.

Da dies sonst nur geschah, wenn ich ausgegangen war, so fühlte ich mich ziemlich sicher.

Es war ein wunderbarer Abend. Die Zeit der Fliederblüte war eben angebrochen und die Gärten lagen mit ihren violetten und weißen Blütengebüschen wie in einer Atmosphäre von Duft in der milden Abendsonne. Die Blätter rührten sich nicht, und in das selige Schweigen jubelte die Nachtigall zuweilen hinein. In der friedlichen Stille klangen lieblich die Stimmen und das silberne Lachen der Mädchen, die in ihren hellen Gewändern zwischen Blumen und Grün sich gar anmutig ausnahmen. Sie waren alle vom Rosenkönig mit Rosen geschmückt, die sie ins Haar geflochten hatten; Marie Werner aber trug einen Kranz von jenen blaßrosig angehauchten Rosen, die man »errötendes Mädchen« genannt hat. Sie war doch die schönste von allen, und wenn auch jene schlanke, majestätische Figur mit brünettem Teint, den dunklen, schwermütigen Augen und der gelben Rose im blauschwarzen Haar, oder jene niedliche, bewegliche Blonde mit einem Angesicht wie lauter Sonnenschein und einem herzerfrischenden, silbertönigen Lachen, ihr den Rang streitig zu machen suchten, so hafteten doch meine Augen nur auf der elastischen, sanft gerundeten Gestalt, die kindliche Anmut und jungfräuliche Würde so reizend in ihrem Wesen vereinigte. Den Rosenkönig mußte man sehen zwischen der Mädchenschar, wie sie ihm schmeichelten, und wie er sich verbeugte, mit dieser scherzte und sich mit jener neckte, wie er dann mit der Frau Werner behaglich im Garten auf und nieder wandelte, während die Mädchen in geschäftiger Hast eine lange Blumenguirlande wanden, mit der sie ihn ganz bewickelten, daß er mit flehenden Händen um Schonung bat. Wie er dann am Tische, der auf einem freien Platze zwischen blühenden Gebüschen gedeckt war, den Vorsitz führte zwischen Frau Werner und dem Geburtstagskinde und Reden hielt und Toaste ausbrachte, und wie sein Gesicht vor Vergnügen strahlte. – Doch auch dieser Abend nahm ein Ende und die Dämmerung lagerte sich zwischen den Büschen. Die fröhliche Gesellschaft brach auf, da es kühl ward, und zog sich in die Zimmer zurück. Verlassen lag der duftende Garten; die beiden alten Diener hantierten noch eine Weile am Tische, den sie abdeckten und hineintrugen, und dann war alles still. Der Mond stieg zwischen den Bäumen auf, und sein mildes Licht floß um die blühenden Büsche und senkte hier tiefen Schatten auf die Steige, während sie dort in hellem Licht lagen. Vom Hause des Rosenkönigs her tönte Musik und Gesang einer anmutigen Stimme.

Ich schaute auf den Steig hernieder; da lag eine weiße Rose – ich hatte gesehen, wie Marie sie verloren hatte.

Leise wie ein Dieb stieg ich aus meinem Fenster und kletterte vorsichtig an dem starken Rosenspalier hinunter. Mein Herz klopfte hörbar, wenn ich nach dem Hause herüber lauschte, ich fuhr bei jedem lauteren Geräusch, das ich verursachte, zusammen, allein ich erlangte glücklich meine Beute, die Rose, und erreichte damit unbemerkt mein sicheres Fenster.

Ich drückte meinen Schatz an die Lippen – und lange nachdem in des Rosenkönigs Haus alles still und stumm geworden war, lag ich noch im Fenster und schaute träumend hinaus in die schweigende Nacht.

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