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Der Roman einer Nonne

Benito Pérez Galdós: Der Roman einer Nonne - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorBenito Perez Galdos
titleDer Roman einer Nonne
publisherVerlag von Sachs & Pollák
year1902
translatorDoña Servita
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071202
projectide96cafb8
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1.

Auf dem rechten Ufer des Ebro, fünf Meilen von Saragossa, befindet sich eine alte Stadt, die zu Zeiten der Römer, welche sie gegründet hatten, Juliobriga genannt wurde, wie dies aus mannigfachen historischen Dokumenten und aus aufgefundenen Steininschriften ersichtlich ist. Im Laufe der Zeiten ward der stolze Name in das bescheidenere Fuentes del Ebro (Ebroquellen) abgeändert und so blieb er durch Hunderte aragonesische Generationen bis auf unsere Zeit erhalten.

Obgleich Fuentes del Ebro unter den Mauren ein wichtiger Platz gewesen war, obgleich es zur Zeit der Unabhängigkeitskriege eine bedeutende Rolle spielte, und obwohl es eine reiche Fabriksstadt geworden, wo der größte Theil der im Norden Spaniens gebrauchten Beuteltuche erzeugt wird, ist weder seine Antiquität, noch sein Reichthum, noch aber die wirklich sehr schöne gothische Kathedrale dieser Stadt die Ursache, daß der Name Fuentes del Ebro am Anfange dieser Erzählung steht, und wenn wir den Leser hinführen, so geschieht dies nur, um ihn mit dem Gasthause des Viscarrués bekannt zu machen.

Dieses Gasthaus, das auf dem großen Quellenplatze, neben dem alten »Königsbau« liegt, erfreute sich zur Zeit, als unsere Erzählung beginnt, in der ganzen Umgebung großen Ansehens. Es war der Zusammenkunftsort der Maultiertreiber, Kärrner und Reisenden, die von Saragossa nach der Provinz Valencia zogen. Der gesammte Handel von Alcanniz, Maestrazgo, Vinnaroz und des Rio Martin-Thales hatte hier seinen Knotenpunkt.

Der Gasthof enthielt große Stallungen, in welchen sich dem alten spanischen Brauche entsprechend Maulthiertreiber und ihre Thiere Seite an Seite aufhielten; im ersten Stockwerke befanden sich die für vornehmere Reisende bestimmten Zimmer, in welchen es auch – eine recht seltene Sache zu jener Zeit! – wohlversehene Betten gab; um aber der Wahrheit treu zu bleiben, muß man sagen, daß es in den meisten Zimmern nur auf dem Boden ausgebreitete Strohsäcke gab.

Die Küche war von riesiger Ausdehnung; ein monumentaler Kochherd nahm den Hintergrund ein und beschützte mit seinem breiten Mantel die rechts und links vom Feuer placirten Bänke, während zwei große Tische, an denen zwanzig Personen bequem speisen konnten, die Seitenwände einnahmen. In gewöhnlichen Zeiten vermochte es Viscarrués, von seiner Familie und einem Dienstboten unterstützt, seine zahlreichen Gäste zu bedienen, die in seinem Gasthofe sich versammelten; aber es kam ein Tag, wo der Wirth, seine Frau, seine Töchter und sein Dienstbote unfähig waren, den Anforderungen der Menschen und Thiere zu entsprechen, die zu gleicher Zeit die Schwelle des Gasthofes übertraten und hungernd und dürstend nach Brod und Wein schrien, nach Hafer für die Thiere und nach Stroh für ihre Lagerstätte.

Dies ereignete sich am Nachmittag eines schönen Februartages des Jahres 1837, und wüthend darüber, daß er nicht über ein zehnmal größeres Lokal verfügte, riß Viscarrués sich die Haare aus, sobald seine Gäste ihm dazu Zeit ließen. Mit großer Mühe und vielem Drängen gelangte er dazu, die Gäste zu beherbergen, indem er in jedes der oberen Zimmer acht Personen führte, und die Übrigen gruppenweise, in Serien und wirren Massen in die Ställe schob. Nachdem dies geschehen, wurde das Mahl servirt, wobei viele der Theilnehmer auf dem Boden sitzen mußten, da es an den Tischen keinen Platz mehr gab. In Ermanglung von Gläsern wurden die Weintöpfe von Mund zu Mund gereicht; die Schüsseln machten die Runde, wobei die Saucen herabrieselten; von allen Seiten ertönten Stimmen, die ihre Portionen forderten; hier klapperten die Löffel auf dem Tische, dort klirrten die Messer an den Gläsern. Glücklicherweise war der Wein ausgezeichnet und viel davon vorhanden, und das tröstete über die unzureichenden Speisen hinweg; denn Viscarrués hatte einen Carinnena, der zwanzig Meilen die Runde berühmt war, und so kam es, daß, während man auf der einen Seite dem Wirth der Kargheit des Mahles wegen fluchte, man ihn auf der anderen Seite für den Wein mit Lob überschüttete. Bald nannte man ihn den verabscheuungswürdigen Gastwirth, bald den bestversehenen Schankwirth.

– Nachsicht, meine Herren! wiederholte Viscarrués ohne Unterlaß, indem er bald seinen Kopf kraute, bald mit den bis an den Ellbogen nackten Armen den langen Gürtel, den er nach aragonesischer Mode um den Leib trug, hinauf und hinunterschob. – »Nachsicht meine Herren!« schrie er, während er und sein Dienstbote mit einem Eifer herumschossen, daß der Schweiß von ihren Gesichtern in die – Schüsseln rann.

Diese ganz unverhältnißmäßige Ansammlung von Gästen ergab sich aus dem Zusammentreffen zweier großen Reisendentruppen, deren eine, den Kriegsschauplatz fliehend, von Osten kam, während die andere, aus dem Westen kommend, nach dem Schlachtfelde eilte, wo zwischen den Carlisten und den Isabellisten der Kampf tobte. Die erste Truppe bestand aus neutralen Familien oder solchen, die es werden wollten, aus Kranken und Verwundeten, während die andere zumeist aus Offizieren und Mitgliedern der Nordarmee sich rekrutirte, die zu der Brigade des Borso die Carminati zogen. Viscarrués ließ frische Bohnen in die Töpfe geben und seine Gäste fanden sie ausgezeichnet, mit Ausnahme einer jungen Frau aus Ribera, die den Bohnen aus Cientrenigo den Vorzug gab. Was einen Tafelgenossen veranlaßte, nachdem er sein Glas höflich erhoben und geleert und sich mit der Handfläche den Mund abgewischt hatte, zu erklären, daß er die Frauen dieser Gegend mehr verehre denn ihre Bohnen, die Frauen, von deren vollendeter Schönheit die Sprecherin ein Beispiel gebe, die durch ihre Anmuth Jedermann entzücken müsse.

Die junge Frau aber antwortete, daß sie nur einem Manne, ihrem Gatten und Gebieter, Komplimente gestatte, der aber derlei Scherze nicht liebe. Bald verbreitete sich in der Gruppe die Mittheilung, daß sie die Gattin eines jüngst zum Souslieutenant erhobenen Wachtmeisters sei, der den Gasthof in dienstlichen Angelegenheiten verlassen hatte und den sie zur Armee begleiten wolle.

Nachdem das Gespräch schon einmal angebahnt war, begann die junge und hübsche Frau, die sich Salome Ulibarri nannte, in einer pittoresken Art Episoden aus dem Feldzuge im Norden zu erzählen, besonders die Heldenthaten ihres Mannes, die dieser auf Geheiß des Chefgenerals Don Baldomero Espartero vollbracht hatte. Sie ließ verstehen, daß das Avancement ihres Baldomero – ihr Mann hatte den nämlichen Taufnamen – nur eine geringe Belohnung war für solch bedeutende Dienste. Die Neugierde der Zuhörer ward lebhaft erweckt und die Erzählung von dem Angriff auf Bilbao und die Vertheidigung dieser Stadt zog sich sehr in die Länge, da die Zuhörer mit ebenso viel Vergnügen zuhörten, als die junge Frau erzählte.

Plötzlich aber erhob sich Salome und verließ brüsk den Tisch.

Nach der Gasthoftreppe blickend, hatte sie einen vornehmen, von zwei Dienern begleiteten Greis erblickt, der sich bitter beklagte, daß er keinen annehmbaren Schutz, der mit seiner socialen Stellung in Einklang wäre, finden konnte, und eben daran war, auf den Arm seines Dieners gestützt, wieder nach der Straße zu gehen.

Das abgemagerte Antlitz, die müden Glieder des Greises und seine bestaubten Kleider verriethen, daß er einen langen Weg zurückgelegt hatte. Salome folgte ihm, und als er in der Thüre stehen blieb, pflanzte sie sich vor ihm auf, als wollte sie ihn überraschen. Der Unbekannte aber that, als würde er sie nicht erkennen. Ungeduldig und verlegen, aber gleichzeitig von Mitleid erfüllt, berührte die junge Frau sanft den Arm des Edelmannes und sagte:

– Wäre es möglich, daß Don Beltran, Marquis von Urdaneta mich nicht erkennt oder nicht erkennen will?

– Ah, Salome, liebes Kind! Du hier? Ich erkannte Dich an Deiner Stimme, denn, ach, Du weißt es nicht ... ich beginne zu erblinden! Aber gehen wir hinaus, damit ich im Freien Deine hübsche Gestalt bewundern kann.

– Aber, Don Beltran, wo wollen Sie denn hin in so unvorsichtiger Weise?

– Ah, meine Theure, das ist eine lange Geschichte, antwortete der Marquis mit einem tiefen Seufzer. Ich sterbe vor Müdigkeit und Hunger und dieser grobe Wirth kann mir keine Unterkunft geben. Ich kann nicht weiter, ich bin müde an Leib und Seele.

– Alles ist besetzt. In jedem Zimmer sind sieben bis acht Personen wie Heringe aneinander gepreßt. Ich selbst bin ohne Zimmer.

– Lass' mich Dich betrachten, sagte der alte Edelmann, indem er sich zu ihr hinneigte. Ja, ich erkenne Dich, Du bist noch schöner geworden! Wäre es nicht ein Verbrechen, vorauszusetzen, daß Gott irren könnte, so würde ich fragen, warum Du nicht von vornehmerer Geburt bist, Du würdest eine wahre vornehme Dame abgegeben haben, eine ...

Salome, der es erwünschter war, dem alten Edelmann zu helfen, als seine Komplimente anzuhören, unterbrach ihn und sagte, es wäre am wichtigsten, ihm ein Mahl serviren zu lassen; dann führte sie ihn in die Küche, wohin sie den Wirth mit lauter Stimme rief:

– Wie wenig Schicklichkeitsgefühl habt Ihr, so viele Ihr auch seid! sagte sie zu Viscarrués. Wie konntet Ihr auch in dem Herren nicht einen der edelsten Männer Aragoniens erkennen? Habt Ihr denn nur für die Thiere Rücksicht, die Ihr beherberget?

Der Gastwirth, gerührt durch diese Vorwürfe, stotterte einige Entschuldigungen und beschwor, daß er den Marquis von Urdaneta nicht erkannt habe. Herr und Diener beeilten sich nun, herbeizuschleppen, was ihnen zur Verfügung stand. Salome half mit, den Greis zu bedienen, dann setzte sie sich an seine Seite, um zuzusehen, wie er mit guter Eßlust aß und trank. Schließlich nicht so sehr von weiblicher Neugierde, denn von echter Anhänglichkeit gedrängt, fragte sie ihn aus:

– Kommen der Herr Marquis aus Saragossa oder wollen Sie dahin zurückkehren?

– Das ist's, Theure, das ist's! Ich verließ Cientrenigo mit der Absicht, niemals dahin zurückzukehren. Ein Wuthanfall ... Stolz ... oder besser gesagt Würde ... Ich bin schon so, ich ertrage keine Erniedrigung, Nicht die Unverschämtheiten, die Grobheiten meines Enkels Rodrigo und seiner Bisgurn Mutter ... und diese sind schon derart geworden, daß ich sie nicht mehr ertragen konnte. Ich verließ das Schloß Idiaquez wie ein Student, der durchbrennt. Lieber unterstandslos sein, lieber das Elend, den Tod, als die Sklaverei und den Despotismus meiner Schwiegertochter und ihres Sohnes. Ich hab' genug davon! ... Ich hab' genug davon! ... – Ich glaube, Herr Marquis waren auch in Medina del Pomar.

– Bei meiner Tochter und meinem Schwiegersohn ... ja ... Man empfing mich nicht, wie ich erwartete. Es gibt keine Kinder mehr, keine wirklich guten Kinder mehr. Sie sind ausgestorben. Diese verdammten Bürgerkriege scheinen alles Menschlichkeitsgefühl vernichtet zu haben, ebenso wie die heiligsten Rechte der Familie und des Vaters. Kurz, ich sage Dir, daß ich nach meinem Aufenthalt in Mena, wo ich bei meiner Tochter und meinem Schwiegersohn mehr Egoismus vorfand als echte Pietät und Rücksichten, die mir ans Herz gegangen wären, mich nach Idaquez begab, wo man mich in einer ganz unschicklichen Weise empfing. Ueberdrüssig endlich dieser Schülerdisziplin, der man mich unterwerfen wollte, befand ich mich in der harten Lage, das Elend der Sklaverei, die Freiheit jenem Mönchsregime vorzuziehen, das im Schlosse zu Cientrenigo herrscht. Meine Schwiegertochter ist mir verhaßt geworden, um sie nicht mehr zu sehen, ging ich barfuß und bettelnd bis ans Ende der Welt. Was willst Du, mein Kind? Ich wurde als Edelmann geboren, ich ward als Edelmann erzogen, ich habe als solcher gelebt und ich kann mich nicht entschließen, in meinem Alter Erniedrigungen zu dulden. In welcher Lage ich mich auch immer befinden werde, ich werde meine Würde bewahren. Salome lauschte mit aufrichtigem Kummer der Erzählung Don Beltran's. Sie wagte es nicht, ihm zu rathen, dorthin zurückzukehren, woher er kam, erstens weil sie vor dem Alten Marquis wirklich Respekt empfand, und dann aus Mitleid, das sein Unglück ihr einflößte. In dem Wunsche, seine momentanen Bedürfnisse zu befriedigen, sagte sie ihm, daß es nothwendig sei, mit dem Stall vorlieb zu nehmen, da ein Zimmer eben nicht zu haben sei. Sie verpflichtete sich übrigens, ihm in diesem bescheidenen Obdach ein bequemes Lager zu bereiten, dank der Strohbündel und der zahlreichen Decken, über welche sie verfügen konnte. So würde er dann keine Ursache haben, die Strohsäcke der Gastzimmer zu bedauern. Don Beltran war mit Allem einverstanden. Er dankte gerührt und sagte:

– Unser Heiland gab uns das Beispiel der Demuth, indem er in einer Krippe zur Welt kam. Ein einfacher Edelmann, der nichts Göttliches an sich hat, kann sehr gut auf Stroh schlafen und sterben inmitten niedriger Leute und ländlicher Thiere!

Benützen wir die Pause, die in dem Gespräche der Beiden eintrat, um mit dem Marquis nähere Bekanntschaft zu machen und den Respekt zu erklären, welchen die Gattin des Souslieutenants Baldomero Gelan ihm in so zweckdienlicher Weise erwies.

Salome oder Saloma Ulibarri war die Tochter eines wohlhabenden Oekonomen aus Ribera, der Pächter Don Beltran's und Bürgermeister seiner Gemeinde war. Er war in dieser Stellung in dem Augenblicke, da Don Carlos zu den Waffen rief, um seine Rechte auf die Krone Spaniens zu unterstützen, welche seiner Nichte Isabella II., der Tochter Ferdinand's VII., zugesprochen wurde. Der Krieg, der sich auf mehrere Jahre erstrecken mußte, begann durch den Aufstand der nördlichen Provinzen Biscaya, Navarra und Aragon, und man weiß, mit welch wilder Energie er von beiden Parteien geführt worden ist.

Wie es der Zufall des Kampfes wollte, waren die Besitzer, die Gemeinden, die Bewohner der Städte und Dörfer, selbst Frauen und Kinder abwechselnd bald von den Anhängern Don Carlos', bald von denen Isabellens bedroht und gebrandschatzt, weil sie die Führer der feindlichen Banden nicht verrathen hatten, oder verrathen wollten, weil sie die Befehle der Einen oder der Anderen nicht erfüllen wollten oder weil sie den Ansprüchen der diversen Truppen nicht entsprochen hatten.

Adrien Ulibarri hatte in seiner Eigenschaft als Bürgermeister dem Befehle des Provinzgouverneurs gehorchend, dem Postenführer in Tafelle die Ankunft eines Carlistenkorps und Einzelheiten, die er sich über ihre Zahl und Organisation zu verschaffen wußte, angezeigt. Der Bote fiel in die Hände der Carlisten und der Brief ward an ihren Chefgeneral Zumala Carregin geschickt, der ohne weiteres Verfahren den Befehl gab, sich des Bürgermeisters zu bemächtigen und ihn sofort hinzurichten. Der Befehl ward am nächsten Tage pünktlich ausgeführt. Nach dem Tode ihres Vaters und nach einer Menge von Abenteuern, die zu schildern zu langwierig wäre, flüchtete Salome zu einer Tante, der Schwester ihrer Mutter, die von der Familie Ildiaquez einige Grundstücke in Pacht hatte und einen alten Thurm bewohnte, der nahe an dem herrschaftlichen Schlosse gelegen war. Salome war von auffallender Schönheit und der Schloßherr, seinen ritterlichen Gewohnheiten treu, zeigte sich ihr gegenüber von einer Liebenswürdigkeit und Güte, die übrigens durch das Unglück des Mädchens und die Ergebenheit Ulibarri's hinlänglich gerechtfertigt waren.

Zu dieser Zeit empfing Don Beltran häufig den Besuch eines jungen Soldaten, Baldomero Galan, der sechs Jahre lang sein Kammerdiener war und später in der inneren Verwaltung seiner Güter eine Vertrauensstellung hatte. Er war ein hochgewachsener, brauner, kräftiger Bursche, sehr ergeben und ehrlich, aber starrköpfig, wie es ja jeder gute Aragonese ist. Sein Gebieter liebte ihn sehr und bedauerte es aufrichtig, als er ihn verließ, um zum Militär zu gehen. Er ward ein guter Soldat, wie er ein guter Diener war; so avancirte er zum Wachtmeister, und so oft sein Bataillon in die Nähe von Cientrenigo kam, besuchte er seinen früheren Herrn, der ihn immer mit lebhaftem Vergnügen empfing. Im Laufe eines dieser Besuche lernte er Salome kennen, in die er sich verliebte; er bestimmte sie, ihm zu folgen, und bald darauf heirathete er sie. Das erklärt das Verhältniß zwischen Salome, Baldomero und Don Beltran, und es ist nur noch hinzuzufügen, daß, wenn Spanien das Land in Europa ist, wo die Ungleichheit der sozialen Klassen, was die Formen und den Verkehr zwischen Hoch und Nieder betrifft, sich am unerschütterlichsten behauptet hat, so ist es doch wieder das Land, wo die Gleichheit, was das familiäre Wohlwollen betrifft, zwischen allen Klassen der Gesellschaft herrscht.

Don Beltran de Ildiaquez Marquis von Urdaneta war zur Zeit, als unsere Erzählung beginnt, achtundsiebzig Jahre alt. Wie Salome es dem Gastwirth Viscarrués gesagt hatte, gehörte er einer der reichsten und ältesten Familien des Landes an, deren umfangreiche Besitzungen in den verschiedenen Provinzen von Aragon, Navarra, Biscaya gelegen waren. Durch das Ableben seiner Eltern sehr früh in den Besitz eines sehr großen Vermögens gesetzt, wollte Don Beltran, der mit einem heiteren Gemüth und schönen Aeußern begabt war, vom Leben nur dessen Vergnügungen und Annehmlichkeiten genießen.

Wie es zu jener Zeit gebräuchlich gewesen, heirathete er früh, um seinem Namen einem Erben zu sichern. Die Familie verursachte ihm keine großen Sorgen. Nicht als ob er die Marquise unglücklich gemacht hätte oder seinen Sohn und seine Tochter, die sie ihm geschenkt hatte. Aber er lebte, wie damals alle Ehemänner der höheren Stände, indem er seiner Frau alle Freiheiten ließ und die Erziehung seiner Kinder Erziehern und Erzieherinnen überantwortete.

Frühzeitig Witwer geworden, ging er auf Reisen. Er besuchte Frankreich, Rußland und Italien, wo er dank seinem Namen und seinem Vermögen überall herzlichen Empfang fand. Vor der Revolution wohnte er in Paris, zu jener Zeit, die Talleyrand so gut charakterisirte: »Wer sie nicht gekannt, weiß nicht, was es heißt leben.« Liebenswürdig, reich, feurig, hatte der Marquis von Urdaneta in dieser reizenden, frivolen Gesellschaft alle Erfolge, die er wünschte, deren Folgen, was das Schmelzen seiner Güter betrifft, nicht ausblieben. Nach Spanien zurückgekehrt, war er verschwenderisch, wie er es im Auslande gewesen, und eines Tages stand er ohne Hilfsquellen, ohne die Möglichkeit, neue Anleihen zu erhalten, da er den größten Theil seiner Güter mit unglaublichem Leichtsinn verpfändet hatte. Und doch waren seine Besitzungen so umfangreich, daß, würde er in diesem Augenblick eingewilligt haben, dem Spiel zu entsagen und sich einzuschränken, einige Jahre von dem Notwendigsten zu leben und sein Einkommen zur Tilgung seiner Schulden zu benützen, er sich leicht hätte aus der Affaire ziehen und die Güter seiner Vorfahren in ihrer Gänze bewahren können.

Das widerstrebte aber seiner verschwenderischen und großmüthigen Natur, denn man muß gestehen, daß, wenn er auch ohne zu zählen das Geld ausgab, um seine persönlichen Passionen zu befriedigen, er auch nicht kargte, wenn es galt, Anderen zu helfen. Niemals hatte ein Armer vergebens seine Hilfe angerufen; niemals hatte er einen rückständigen Pächter gedrängt. Oft hatte er unglücklichen Schuldnern seine Forderung erlassen, ja noch mehr, auch seine Börse in dessen Hände geleert, wenn es galt, den durch eine Epidemie vernichteten Viehstand oder die vom Hagel und Frost betroffene Ernte zu ersetzen. Seine Mildthätigkeit war sprichwörtlich geworden und so kannte man Don Beltran zwanzig Meilen in der Runde; seine Diener beteten ihn buchstäblich an, sie würden für ihn in den Tod gegangen sein.

Wie es auch kam, durch Geldnoth bedrängt, ohne die Kraft ärmlich zu leben, ward Don Beltran gezwungen, oft zu erbärmlichen Preisen zu verkaufen, wenn es galt, Spielschulden zu bezahlen. Nach und nach gingen seine Besitzungen aus seinen Händen in jene seiner Gläubiger und hauptsächlich seiner Pächter über.

Einer Jener, die durch diese Unordnung am meisten profitirten, war ein gewisser Juan Luco, der Stück um Stück Eigenthümer ward jener umfangreichen Domänen, die er gepachtet hatte und die das schönste Juwel im herrschaftlichen Schatzkästchen der Urdaneta bildeten. Die mehr als vortheilhaften Bedingungen, unter welchen die meisten dieser Erwerbungen erfolgt waren, flößten Juan Luco, wenn auch nicht Gewissensbisse, so doch häufig Scham ein, denn im Grunde genommen, war er obwohl egoistisch, wie nur ein Bauer es sein kann, doch ein braver Mann. Fügen wir aber hinzu, daß er die Stimme seines Gewissens beschwichtigte, indem er sich sagte, daß er eine zahlreiche Familie habe, und daß, wenn er aus dem Leichtsinn Don Beltran's Gewinn zog, er dies nur that, um das Glück seiner Kinder zu sichern.

Der Sohn des Marquis Urdaneta führte den Titel Sarinnan; in der Schule seines Vaters erzogen, hätte er gern dessen verschwenderischen Passionen nachgeahmt, aber auch er verheirathete sich früh mit einem sehr reichen Mädchen aus vornehmem Hause, mit Donna Juana Teresa Marquise von Sarinnan, die ebenso sparsam, ebenso berechnend war, wie sein Vater verschwenderisch. Trocken an Seele und Körper, beherrschte sie bald ihren Gatten und sie zwang ihn auch in die Grenzen weisen Betragens, Sie vermochte es, ihn von jeder unnützen Ausgabe abzuhalten und ihm Alles zu verbieten, was Don Beltran de Urdaneta mit Wonne trieb. Als sie einen Sohn hatte, befaßte sich die Marquise selbst mit seiner Erziehung und sie flößte ihm alle weise Mäßigung, alle Sparsamkeitstugenden ein, die sie selbst besaß. Es wäre überflüssig, zu sagen, daß der pompliebende, verschwenderische Don Beltran mit seiner Schwiegertochter keineswegs sympathisirte, und ohne mit ihr, die er gern eine Bisgurn nannte, alle Verbindungen abzubrechen, hatte er diese doch so wenig intim gestaltet, als es nur immerhin möglich war.

Die Tochter Don Beltran's, jünger als ihr Bruder, war, als ihre Mutter starb, noch ein kleines Kind. Sie ward mit großer Sorgfalt durch eine mütterliche Tante in einem vornehmen Ursulinerinnenkloster zu Saragossa erzogen. Sie war ein reizendes Kind, und die Erziehung entfaltete in ihr alle glänzenden Qualitäten ihres Vaters, dem sie auch körperlich sehr ähnlich war. Es wäre unmöglich, zu sagen, ob sie nebst der physischen Aehnlichkeit von ihrem Vater auch dessen Fehler geerbt hatte, aber in jedem Falle, wenn diese Keime auch in ihr gelegen wären, so hatte die religiöse Erziehung diese erstickt und vernichtet. Nachdem sie das Kloster verlassen hatte, heirathete sie einen jungen Edelmann, der ohne großes Vermögen auf seinem Landgute lebte; sie liebte den Grafen Villarcayo und dieser liebte sie. Sie hatten mehrere Kinder, welche das Band zwischen den Eltern nur noch inniger befestigten.

Die glücklichen Ehen haben keine Geschichte, wir begnügen uns daher zu sagen, daß der Graf und die Gräfin Villarcayo zu Beginn unserer Erzählung, trotz des bescheidenen Maßes ihres Vermögens, glücklich und zufrieden lebten, ihre Kinder anständig erzogen und Don Beltran warm empfingen, wenn dieser sie besuchte. Das geschah genug selten, denn der Graf ermangelte nie, ihm Moralpredigten zu halten, ihm seine luxuriöse Lebensweise, die jetzt weit über seinem Vermögen stand, zum Vorwurf zu machen, was den Greis erbitterte, der seine Kinder zumeist nur dann besuchte, wenn er sich eines Gläubigers entledigen wollte und die Hoffnung hatte, bei seinem Sohn oder seiner Tochter ein Anlehen zu erhalten.

Die Geldforderungen Don Beltran's waren, obgleich sie von den Villarcayos keineswegs mit Vergnügen aufgenommen wurden, doch häufig mit Erfolg gekrönt, wenn seine Tochter und sein Schwiegersohn eben Geld hatten. Aber bei den Sarinnans war es nicht so. Donna Juana übernahm es immer selbst, ihrem Schwiegervater zu antworten, und wenn er auch sein Geld erhielt, so war er sicher eine Rede zu hören, die von seiner Thorheit, seiner Verschwendungssucht und der Schande seiner weißen Haare handelte, was natürlich die Verzweiflung des alten Verschwenders auf die Spitze trieb. Das Alles war aber nichts im Vergleiche zu dem, was den armen Urdaneta noch erwartete.

Nach kurzer Ehe starb sein Sohn in Folge eines Jagdunfalls und Donna Juana, die mit der Vormundschaft über ihren Sohn betraut wurde, verhielt Don Beltran, Rechenschaft zu legen über das mütterliche Erbtheil seines Sohnes und über das Majorat, von dem Urdaneta nur die Nutznießung zukam. Don Beltran konnte nun wohl die Existenz der von seiner Gattin hinterlassenen Güter und auch des Majorats beweisen, er war aber genöthigt, zuzugestehen, daß er deren Erträgniß auf eine lange Reihe von Jahren hinaus bereits verpfändet hatte.

Donna Juana ergriff nun unverweilt alle Maßnahmen, um die Hände ihres verschwenderischen Schwiegervaters zu binden, und über Nacht befand sich der alte Edelmann nicht nur ohne Geld, aber auch ohne die Möglichkeit, sich welches zu verschaffen. Er war genöthigt, eine Vereinbarung zu unterschreiben, nach welcher er sich mit einer bescheidenen Pension begnügen mußte, deren eine Hälfe seine Tochter, die andere aber seine Schwiegertochter im Namen ihres minderjährigen Sohnes beisteuerten, und da diese Pension es Don Beltran nicht gestattete, einen eigenen Haushalt zu führen, wurde vereinbart, daß Don Beltran bei seinen Kindern leben werde, und zwar sechs Monate bei den Sarinnan und sechs Monate bei den Villarcayo.

So ward der Verschwender auf eine mäßige Portion reduzirt und überdies noch gezwungen, die Ermahnungen und Vorwürfe seiner Schwiegertochter über sich ergehen zu lassen, die ihm jetzt mehr als früher zur »Bisgurn« wurde. Man sah, wie sehr er unter diesem Joche litt, und er genirte sich auch nicht, sich über seine elende Lage zu beklagen. So erhielt auch Juan Luco Kenntniß davon, und dieser fühlte, daß er verpflichtet sei, dem Manne zu Hilfe zu eilen, der ihm in der Zeit seines Reichthums so viele Dienste erwiesen hatte. Er fand Mittel, ihn zu verständigen, daß er geneigt sei, im Einverständnisse mit ihm, Maßnahmen zu treffen, um ihn aus seiner elenden Lage zu befreien; sei es, indem er ihm die Einkünfte der zu vortheilhaft erworbenen Güter auf Lebenszeit überließ, oder aber, indem er ihm die gewisse Summe baar vergütete. Diese Nachricht erhielt Don Beltran in dem Augenblick, da er mit seiner Schwiegertochter und seinem Enkel Rodrigo einen Streit hatte, der ihn sehr verletzte, und unter der Herrschaft der Aufregung entschloß er sich, um jeden Preis Juan Luco aufzusuchen, dessen Wohnsitz sich inmitten des Kriegsschauplatzes befand.

Nun können wir den Faden unserer Erzählung wieder aufnehmen.

– Ich wußte, sagte der alte Edelmann zu der jungen Frau, daß Du Baldomero heirathetest. Verteufeltes Glück für solch einen Mann, ein so hübsches Mädchen wie Du zu bekommen.

– Danke, mein Herr, aber Sie wissen vielleicht daß Baldomero zum Souslieutenant ernannt wurde.

– Was! Souslieutenant! Holla! Da ist er ja Offizier. Er ist ein guter Junge, starrköpfig aber tapfer. Bravo! Ist er mit den Truppen von Norden gekommen?

– Ja. Er wird glücklich sein, Ew. Exzellenz zu sehen. Er wird bald zurückkehren.

Sie wandte sich zu einem der Diener Urdaneta's, die an einem Nebentische saßen und befahl ihm, den Souslieutenant Galan aufzusuchen und ihn von der Anwesenheit seines früheren Gebieters zu verständigen. Seine Mittheilungen wieder aufnehmend, versuchte Don Beltran seiner Freundin verständlich zu machen, daß er nicht der Abenteuer wegen durch das Kampfgebiet streife. Es war ihm darum zu thun, einen Plan, der seinen Interessen diente, zu verwirklichen und seine traurige Lage zu verbessern.

– Ich werde Dir das erklären, wenn ich ausgeruht habe, denn ich vermuthe, wir werden wieder ein Stück Weges zusammen zurücklegen. Für den Moment beschränke ich mich darauf, Dir zu sagen, daß die Mittel, die ich aus Cientrenigo mitnahm, weit unter meinen Bedürfnissen sind. Ich werde mir verschiedene Entbehrungen auferlegen müssen. Was mich aber am meisten beunruhigt, das ist, daß mir die Truppen Cabrera's oder die Kompagnien seiner Anhänger den Weg abgeschnitten haben.

Während dieses Gespräches kam Baldomero Galan, der entblößten Hauptes Don Beltran die Hand küßte, und wenig hätte gefehlt, da wäre er vor ihm in die Knie gesunken. Diese Respektsäußerungen waren aufrichtig, sie kamen aus dem Herzen, denn er liebte tief seinen früheren Gebieter.

– Salome und ich wir stehen Ew. Exzellenz zur Verfügung für Alles, was Sie uns befehlen wollen; wir werden Sie wie einen Vater beschützen.

Don Beltran erhob sich und als hätte die Stärkung seiner physischen Kräfte auch die Kräfte seines Geistes und seiner Hoffnung gehoben ging der Greis am Arme Baldomero's nach dem Stalle. Und bei jedem Schritte innehaltend, sagte er:

– Nein, nein, der Marquis Urdaneta kann seine Tage nicht in der Erniedrigung beschließen. Glaubst Du, Baldomero, daß es leicht sein wird, das Gebiet von Terruel zu erreichen? Wenigstens die Gebirge von Gudar?

– Exzellenz, die Truppen Cabrera's beherrschen fast das ganze Land, und insolange wir das Land von diesen brudermörderischen Feinden nicht gesäubert haben, würde ich nicht rathen, weiterzugehen, insoferne sie nicht einen Geleitsschein des Prätendenten besitzen.

– Gut, gut, wir werden schon sehen, denn ich besitze einige Freunde unter den Führern der Aufständischen.

Mittlerweile hatte Salome den am meisten geschützten Winkel im Stalle ausgesucht, wo es weder Luftzug noch Maulthiergeräusch gab, und dort bereitete sie dem edlen Greis ein weiches Lager. Allerorten sammelte sie Stroh, sie reinigte den Platz und vertrieb die Hühner, die sich dort eingerichtet hatten, und bald war Alles zur größten Zufriedenheit des Alten in Ordnung gebracht. Sie widmete dem leiblichen Wohl Beltran's alle Decken, die ihr zu Gebote standen. Galan zog ihm die Stiefel aus, bedeckte seine Füße mit Plaids, während Salome ihm ein Seidentuch um den Kopf wand und ihn seiner Kleider entledigte.

So eingehüllt, bot der alte Edelmann eine sonderbare Figur, über die er selber zuerst lachte, als er sich auf dem Stroh ausstreckte. Salome improvisierte aus einigen Spitzentüchern ein Kissen, dann lehnte sie sich auf die Mauer, so daß sie eine Art Bettschutz bildete und mit den Knien das Kissen stützte, so daß der Kopf Beltran's ruhig lag. Und um das Meisterwerk zu krönen, installierte sich Galan zu Füßen seines früheren Gebieters, um ihn von dieser Seite gegen die Kälte zu schützen. Urdaneta war verschnupft, doch da er gut eingepackt war, fühlte er sich bald durchwärmt. Seine gute Laune und seine expansive Fröhlichkeit kehrten bald wieder zurück. Er fand seine Lage ausgezeichnet und inmitten der traurigen Ereignisse empfand er sie als eine besondere Gunst der Vorsehung.

Es gab auch noch andere Gruppen in der Nähe, und je weiter die Nacht fortschritt, desto mehr Gäste füllten den Stall. Inmitten der Strohhaufen unterschied man vage Menschengruppen und man hörte hier den Lärm der Gespräche, dort stürmische Dispute, weiter das Geräusch der Schnarchenden.

– Lieber Baldomero, sagte Don Beltran, von dem man nur die Nase sehen konnte; ich hörte einige Worte von jenen Leuten, die zu Deinen Füßen liegen; ich glaube, sie sind aus Rubielos. Frage sie, ob sie den reichen Grundbesitzer Juan Luco kennen?

Einige Augenblicke später näherte sich ein Mann von gigantischer Gestalt in der reinsten aragonesischen Tracht; ein Taschentuch auf dem Kopfe, ein weitabfallender brauner Gürtel um die Lende geschlungen, war er in eine schlechte Decke gehüllt. Er schien verwundet oder krank, den Arm in der Schlinge, das Gesicht hart und gebräunt, mit mißtrauischer Miene. Er hinkte und hatte das eine Bein in Leinwand und Lumpen gehüllt, was ihm ein Elephantenbein machte. Als er der Gruppe sich näherte, schien er verwirrt.

– Der Herr Offizier ruft mich! Ah, was sage ich? ... Großer Gott ... Ich sah gar nicht Se. Exzellenz ... Ah, so eingehüllt auf dem Stroh ...

– Setze Dich. Du bist aus Terruel, Du kannst es nicht leugnen, sagte Don Beltran, ohne sich zu bewegen. Setze Dich und erhole Dich, Du scheinst es nöthig zu haben.

Langsam und Seufzer ausstoßend, die der Schmerz ihm erpreßte, setzte sich der Aragonese an die Seite Galon's, und als er in die richtige Lage kam, sagte er, er sei nicht aus Terruel selbst, aber aus Cuatrodineros. Doch kenne er das ganze Land zwischen Ademuz und Puerto Beceite wie seine Handfläche.

– Ah, rief Salome aus, jetzt weiß ich, wer Du bist. Ich sagte mir gleich: »Ich kenne diese Gestalt!« Du bist Joreas der Maulthiertreiber und Du hieltest es mit den Aufständischen.

– Mit der Erlaubniß der Frau Lieutenant und der Gesellschaft werde ich die Wahrheit sagen. Ich heiße Tanasio Joreas, und wenn ich zu den Aufständischen hielt, so geschah dies, weil ich es natürlich fand, die göttlichen Rechte Don Carlos' zu vertheidigen. Aber Sie sehen mich enttäuscht, da ich mehr Schläge erhielt, als ich Haare auf dem Haupte zähle. Ich sterbe vor Hunger, mein Haus, meine Familie sind verschwunden. Eines meiner Landhäuser ward durch die Liberalen, das andere durch die Carlisten vernichtet. Meine Kinder wurden erschlagen, meine Habe eingeäschert. Ich bin zu drei Vierteln tot! Was die Legitimisten mir ließen, haben die Usurpatoren mir genommen. Müde zu kämpfen, zu leiden, schrecklichen Dingen beizuwohnen, floh ich und gehe nun nach Saragossa, wo der Friede herrscht, wo es Menschen gibt, die Christen und nicht Todtschläger sind, wo ich mein Brod verdienen kann und es verzehren, ohne es mit Blut zu mengen.

Alle schwiegen unter der Macht dieser düsteren Worte. Endlich unterbrach Don Beltran die peinliche Stille.

– Armer Joreas, man muß Deine Reue loben. Wollte Gott, daß Alle zu Deiner Ueberzeugung gelangen und denselben Weg folgen. Aber kennst Du Juan Luco?

– Einer der besten Menschen in Aragonien... ja, mein Herr, und eine wichtige Persönlichkeit und sehr reich. Er besaß die zwei größten Güter von Rubielos, und auf seinem Besitzthum gab es einen Viehstand von mehr als tausend Köpfen. Ein anständiger Mann ... ein guter Freund ... und den Armen ein Vater ...

– Du sprichst, als würde Luco nicht mehr leben. Sei deutlicher. Ist er gestorben?

– Mein Herr, seien Sie mir nicht böse, ich war nur ein Werkzeug. Er begegnete uns an der Spitze von vierzehn bewaffneten Männern. Die Truppen des Peinado nahm ihn gefangen – ich war auch in derselben – und wir mußten ihn füsiliren.

– Schrecklich!

– Das ist der Krieg, mein Herr, das ist der Krieg. Und sobald wir ihn begraben hatten, zogen wir aus, um sein Besitzthum einzuäschern.

– Und ihr habt es eingeäschert.

– Es war unmöglich, denn die Anderen hatten das schon am Tage vorher besorgt. Die Truppen des Obersten Buil, ein elender Hund, der auch meinen Sohn Augustin erschießen ließ.

– Aug um Aug! Zahn um Zahn! Die Söhne Luco's werden ihren Vater rächen.

– Nein, mein Herr, kannten Ew. Exzellenz sie?

– Ja, und ich weiß, daß sie tapfer sind.

– Sie waren es.

– Wie, auch sie sind todt?

– Nicht ich bin schuld, aber Rogueras, dieser brutalste unter den Brutalen der Usurpatoren.

– Sie waren also Carlisten?

– Bruno hatte sich unter das heilige Banner gestellt. Er verließ Vater und Bruder, die Isabellisten waren.

– Ein Bruderkrieg!

– Und ein Krieg zwischen Vater und Sohn, zwischen Weib und Mann. Cinto Luco und seine Frau wurden gefangen genommen.

– Und auch erschossen? Welche Feigheit?

– Nein. Man entblößte sie der Kleidung, ohne ihnen auch das Hemd zu lassen. Dann wurden sie mit Lanzenstichen durchlöchert.

– Schweige! Gehe anderwärts hin, um Deine Sünden zu büßen.

– Das ist der Krieg. Nicht ich habe die Schuld daran. Uebrigens war ich gar nicht dabei, man hat es mir erzählt.

Die zwei Gefährten Joreas' näherten sich. Sie legten sich an seiner Seite nieder und sagten enttäuscht und reuevoll:

– Ich sah es, sagte der Eine, der in Stimme und Geberde eine bessere Erziehung, einen höheren sozialen Stand verrieth, aber ich und sechs Andere wir verließen die Truppe. Wir wollten Kämpfer sein, aber nicht Briganten.

– Genug, sagte Beltran, dem es erstickend heiß war, so daß er die Arme aus den Decken hervorzog. Genug, im Namen des Himmels! Oder wollt Ihr mir noch sagen, daß auch der letzte Sohn meines lieben Juan Luco, mein Täufling Franciscus in diesem Kriege umkam, der nur der Kaffern würdig wäre.

– Franciscus wurde bei Livia erschossen, bestätigte Joreas.

– Ich glaube, morgen wäre Zeit genug, diese brudermörderischen Geschichten zu erzählen, bemerkte Baldomero.

– Ich auch, sagte Salome. Unser Herr muß ruhen. Jetzt ist nicht der Moment für Tragödien, wohl aber für heitere Geschichten.

– Danke, liebe Kinder. Aber der Anlaß ist tragisch und da dürfen wir uns nicht amüsiren. Fahret nur fort. Sie, junger Mann, werden wir die Ereignisse von Livia erzählen und das Schicksal meines Täuflings Franciscus Luco. Sind Sie aus dieser Gegend?

– Eustachius de la Pertusa aus Binefar, um Ihnen zu dienen. Bis zum Februar 1835 hatte ich Theologie studirt Seither Adjutant des Cabrera, Lieutenant in der Colonne Pertegaz, und jetzt enttäuscht und von Ekel erfüllt. Ich erinnere mich genau: es war am 29. März, als wir Livia einnahmen. Vor Tagesanbruch erreichten wir geräuschlos die Stadtthore, welche die Nationalgarde vertheidigte. Sie öffneten ohne Mißtrauen. Es war uns leicht, einzudringen. Im ersten Angriff tödteten wir sieben Männer, neun im zweiten und dann machten wir siebenundzwanzig Gardisten und einige Einwohner zu Gefangenen. Wir äscherten die Stadt ein und verließen sie dann mit unseren Gefangenen.

– Und unter diesen der arme Franciscus!

– Ja, mein Herr. Ich kannte ihn aus dem Seminar zu Huesca, wo wir zusammen studirten. Auf dem Wege nach Chiva sprachen wir mit einander. Ich sagte ihm, er möge Geduld haben, denn sie würden gewiß nicht ohne Beichte erschossen werden: seine Seele wird gewiß gerettet werden, wenn auch nicht sein Körper.

– Schreckliche Scheinheiligkeit! schrie Don Bertran, der sich nicht halten konnte. Armer Franciscus! Fahre fort.

– In Chiva gab man Befehl, den Gefangenen die Beichte abzunehmen; jede Gruppe, so klein sie auch war, erhielt einen Kaplan ...

– Genug, genug! Du hättest den Muth, mir zu sagen, daß Du auf Deinen Freund Feuer gabst! Auf Deinen Studiengenossen! Eine schöne Theologie hast Du getrieben! Du bist ein ganz gewöhnlicher Brigant!

Eustache wollte erwidern, aber Joreas und dessen Gefährte hielten ihn zurück, bis Baldomero ihn hinausführte.

Der Dritte der bereuenden Carlisten, der bisher schwieg, der aber den Frieden wünschte und die Folgen einer Diskussion an diesem Orte fürchtete, blieb allein bei Beltran und erklärte, daß er bedingungslos von Ekel erfüllt und gesonnen sei, nicht wieder anzufangen. Und da er Vertrauen einflößen wollte, begann er:

– Ich bin aus Ablita und ich habe Sie erkannt, Don Beltran Urdaneta, ich wollte. Sie hätten keine allzu schlechte Meinung von mir, der Dummheit wegen, die ich verübt, als ich zu den Aufständischen ging.

Alle waren erstaunt über dieses Zusammentreffen, und Baldomero war der Erste, der den jungen Mann erkannte.

– Ah, sagte er, bist Du nicht Vinzenz Sancho, der Sohn von Joseph Sancho? Als ich Dich erblickte, sagte ich mir sofort: Ich kenne diesen Jungen.

– Ja, ich bin es. Ich erkannte Euch Alle, aber ich schämte mich, meinen Namen zu nennen.

– Gut, kleiner Sancho, sagte Urdaneta, es freut mich, daß Du da bist, mein Junge. Sag' mal, war Bartolomeo Sancho aus Montegnado nicht Dein Großvater?

– Ja, mein Herr. Sehen Sie, der eine meiner Freunde ist sehr grob, der Andere, den wir Epistole nennen, sehr exaltirt... Sie wollten Don Beltran nicht beleidigen, und da sie aufgefordert wurden, zu erzählen, so haben sie die Dinge so vorgetragen, wie sie sich ereignet haben. Diese Vorfälle sind an sich sehr häßlich, und wer sie erzählt, kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden.

Das ist wahr. Ich war zu rasch aufgeregt, sagte der alte Edelmann. Und wenn auch sie nicht mehr böse sind, mögen sie zurückkehren und ihre Erzählungen über die Ereignisse in Chiva weiter fortsetzen.

– Ich werde diese besser schildern können, sagte der junge Sancho. Ich war auch in Livia und in Chiva. Ich war mit in dem Carre, das die Füsilade besorgte, und ich kann versichern, daß wir Franciscus nicht getödtet haben. Er verschwand auf der Straße nach Chiva, möglich hat er selbst ein Mittel zur Flucht gefunden, möglich hat ein Freund ihm geholfen. Die Gefangenen wurden in einem Klosterhofe entkleidet und dort erschossen.

– Gräßlich! Wie konnten sie nur solche Gräuelthaten verüben! murmelte Don Beltran, Und dieser arme Franciskus?

– Vielleicht blieb er unter Jenen, deren Hinrichtung verschoben wurde. Wir zogen uns nach Livia zurück, und ich weiß, daß in Villar del Arzobispo diejenigen Gefangenen erschossen wurden, die noch aus Chiva mitkamen, mit Ausnahme einiger Weniger, die nach Cantaviege geführt wurden. Ich glaube, Franciscus Luco war unter diesen.

– Gut, mein Sohn, sehr gut. Und da sagt man noch, daß es auf dieser verdammten Erde Humanität gebe. Wenn ich Humanität sage, verstehe ich darunter Vertreter der menschlichen Gattung.

– O, Exzellenz, außer den Kämpfenden blieb kaum ein Mann übrig, nur wenige Weiber und fast gar keine Hausthiere ...

– Da wir von Weibern sprechen, mein Freund und Pächter Jaun Luco, besaß auch eine Tochter?

– Ja, sie ist Büßerin geworden; ich kenne sie nicht. Joreas, der aus Rubielos stammt, wird Ihnen Auskunft geben können.

Nach diesen Worten betrachtete Sancho fast geängstigt einen Mann, der in den Stall kam, um seine beiden Thiere zu füttern. Das zitternde Licht der einzigen Laterne, die bestimmt war, den Stall zu beleuchten, ließ die Gestalt des Ankömmlings kaum erkennen; der junge Bursche schien ihn aber zu kennen, ja zu fürchten, denn als er ihn herankommen sah, warf er sich nieder und gab sich den Anschein eines Schlafenden.

Als die Gefahr vorüber war, erhob sich Sancho und sagte:

– Das ist mein Vater. Er steht im Dienste eines vornehmen Italieners. Er kam diesen Morgen an, und als ich ihn bemerkte, wußte ich nicht, wohin mich verstecken aus Scham und Furcht, denn als mein Vater erfuhr, daß ich zu den Aufständischen ging, erklärte er, mich tödten zu wollen, sobald er meiner gewahr werde, um mich zu bestrafen, weil ich ihn entehrt habe. Denn er empfindet es als eine Entehrung, daß einer seiner Söhne unter dem Banner Carlos' V. kämpft.

– Da wir nun ein wenig ruhig sind, versuchen Sie zu schlafen, sagte Salome, es ist spät und mir müssen für morgen Kräfte sammeln.

– Ich will versuchen, Deinen guten Rath zu befolgen, sagte Don Beltran, indem er sich in die bequemste Lage brachte und bis zur Nasenspitze zudeckte. Aber ich glaube, es wird mir nicht leicht fallen zu schlafen, denn ich denke daran, ob dieser italienische Herr nicht ein Bekannter ist: ein Mann, der aus Madrid oder Neapel am Hauptquartier Don Carlos' akkreditirt ist, um die Verhandlungen zu führen, welche diesem schrecklichen Kriege ein Ende bereiten sollen. Ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen, denn ich habe kein Gedächtniß dafür. Aber ich habe eine Ahnung, daß er es ist. Deine erste Aufgabe ist morgen, Sancho aufzusuchen und ihn über seinen Herrn auszufragen. Frage ihn, ob er nach Saragossa oder nach der Levante geht. In diesem Falle wäre mir seine Freundschaft sehr nützlich, denn er führt gewiß gute Pässe mit sich. Du könntest ihn besuchen, und unter dem Vorwande, ich wollte wissen, ob ich sein Zimmer nach seiner Abreise beziehen könnte, meinen Namen nennen und erwähnen, daß ich gegenwärtig hier in einer ganz unwürdigen Weise untergebracht bin.

Die schöne Navareserin versprach, den Italiener und im Nothfalle ganz Italien zu erobern. Inzwischen kam Galan, der seine Runde gemacht, mit der Nachricht zurück, ein Gerücht sei verbreitet über den Tod Cabrera's. Woraus alle Drei in Kommentaren sich ergingen und darüber einig waren, daß dies eine große Wohlthat Gottes wäre, der sich des armen Spaniens endlich erbarmt hatte.

Dann versuchte Jeder zu schlafen, was in diesem Lärm gewiß keine leichte Sache war. Salome, niedergedrückt durch die Mühen des Tages, lehnte den Kopf an die Mauer und schlief ein. Galan placirte sich neben Don Beltran, und so schliefen sie bis zum frühen Morgen. Erst als Alle sich erhoben hatten, fiel der alte Edelmann, der seiner alten Gewohnheit treu in der Nacht nicht schlief, in einen tiefen Schlaf.

Als er nach einigen Stunden erwachte, berichteten ihm seine Freunde über die Ereignisse des Morgens. Galan war es gelungen, den jungen Sancho mit seinem Vater auszusöhnen, obwohl dieser lange Zeit allen Beschwichtigungsversuchen unzugänglich schien. Die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn ergaben, daß eine Herzensangelegenheit es war, welche den jungen Sancho in das Lager der Aufständischen getrieben hatte. Er konnte nur zwischen dem Ebro und den Carlisten wählen, und so wählte er das letztere. Das Erheiternde an der Sache aber war, daß er im Kampf der ersehnten Kugel entging und daß die Aufregungen des Krieges ihn auch von seiner Melancholie heilten. So kam er gesund, muthig und erfahren zurück, und die bald angenehmen, bald unglücklichen Ereignisse hatten ihm ernste Lehren ertheilt. Als Urdaneta erfuhr, daß der junge Sancho nach Ribera zurückkehren wollte, beschloß er, daß einer seiner Diener diesen begleiten sollte, er wollte sich mit Tomé allein begnügen, denn die Zeiten waren hart und es hieß zu sparen.

Die große Neuigkeit des Tages war aber, daß die ebenso geschickte wie liebenswürdige Salome sich mit dem Italiener in Verbindung gesetzt hatte. Sie traf ihn in seinem Zimmer, als er eben die letzte Hand an seine Toilette legen wollte. Sie hatte sich ihres Auftrages sehr fein entledigt, und es gelang ihr, wenn auch nicht das Vertrauen, so doch das Wohlwollen des Fremden zu erobern. Die Informationen, die Solome brachte, bestätigten die Annahme Urdaneta's, daß der Fremde wirklich jener Sizilianer sei, der zwischen den zwei Zweigen der Bourbonen, die sich um den Thron Spaniens stritten, der geheime Vermittler war.

Vor dem Einschlafen hatte der Greis sein Gehirn angestrengt, um den Namen dieser Persönlichkeit zu finden. Aber was Namen betraf, war sein Gedächtniß ein Chaos. Als aber Salome über ihre Unterredung berichtete, fiel ihm der Name plötzlich ein.

– Rapella! Rapella! Endlich erinnere ich mich. Der Name lag mir auf der Zungenspitze.

Endlich sagte ihm die schöne Navarreserin, der Fremde sei erfreut gewesen, zu hören, daß im Gasthofe ein Herr von so vornehmer Abstammung sei, den er dem Rufe nach sehr gut kenne; er bat Urdaneta zum Frühstück, um so Gelegenheit zu haben die Beziehungen mit ihm anzuknüpfen.

– Du siehst, sagte Urdaneta freudig und ohne die Bedeutung zu ahnen, welche dieser Besuch für ihn später haben würde. Du siehst, Salome, Du bringst mir Glück. Bei der Abreise ist's mir ziemlich übel ergangen, aber seitdem ich Dir begegnete, ziehe ich nur gute Karten.

Vor dem Dejeuner trafen sich der alte Edelmann und der Diplomat in partibus auf der Straße, wo sie einander tausend Höflichkeiten erwiesen, und später, während des Frühstücks sprachen sie über allerlei Dinge, die sie interessirten. Don Beltran versuchte vergebens, ihm einige Informationen über das Hauptquartier des Don Carlos zu entlocken. Der Sizilianer konnte keine Aufklärung geben. Endlich führte Rapella die Konversation auf Cabrera, den er bewunderte, und über den er in überschwänglichen Ausdrücken sprach.

– Ah, ah, wollen Sie gar einen Napoleon aus ihm machen?

– Ja, aber einen Napoleon der Wälder, lieber Freund.

Urdaneta sah ein, daß etwas Wahres an der Sache sei, und da gerade in diesem Moment über den Tod des Carlistenführers viel gesprochen wurde, fragte er den Sizilianer, was er darüber wußte. Dieser dementirte die Gerüchte, aber er gab zu, daß Cabrera zu Ende Dezember in großen Gefahren war; er fügte hinzu, Cabrera sei gerettet, aber seine Gesundheit noch nicht ganz hergestellt. Der gute Urdaneta verstand leicht, daß es ihm unmöglich sein werde, in der Gesellschaft seines Freundes zu reisen, obwohl dieser durchblicken ließ, daß er selbst ein großes Vergnügen an dieser Begleitung fände, wenn sie nur möglich wäre. Beltran, der selbst sehr zartfühlend war, gab zu verstehen, daß sein Reiseziel ihn zwänge sich mit der Begleitung seines Dieners zu begnügen; eine Erklärung, die den Anderen in eine Aufregung versetzte, da er befürchtete, auch Beltram wäre mit einer diplomatischen Mission, vielleicht als Delegirter der aragonesischen Adelschaft betraut. Da sie es aber nicht wagten, in Erklärungen einzugehen, hüllten sie sich, wie der Fuchs dem Fuchs gegenüber, in undurchdringliche Diskretion. Dann gingen sie an ihre Reisevorbereitungen. Don Beltran wollte sich der Truppe Baldomero's anschließen, während Don Annibal es vorzog, ein anderes Detachement zu warten, das ein ihm befreundeter Oberst befehligte.

Vor seiner Abreise ließ Don Beltran nochmals Joreas und Epistola rufen, um sie über die überlebenden Kinder Juan Luco's auszufragen. Ueber Franciscus wußten sie nichts Authenthisches; seine Schwester befand sich in einem Nonnenkloster zu Sijena. Epistola wußte, daß Marcela seit ihrem Eintritt ins Kloster, was ihren Geist und Kenntnisse betraf, ohne Vergleich dastand. Sie wußte Latein, war sattelfest in der Theologie, und sie konnte die heiligen Mysterien in Prosa und Versen feiern.

– Ich hörte auch schon lange von ihrer lebhaften Geistesbildung, bemerkte Don Beltran, aber sagt mir, wie sieht Marcela aus. Ist sie schön? Entsprechen ihre Züge und ihre Gestalt der rassigen Schönheit aller Lucos?

– Exzellenz, erwiderte Epistola mit allen Gesten echter Bewunderung, sie ist ein so schönes Weib, daß sie selbst unter dem schrecklichen Kleide der Büßerinnen alle geschmückten Damen weit überflügelt. Dabei kleidet sie sogar dieses Anachoretengewand sehr vortheilhaft; ich glaube sogar, daß dieses Kostüm, das an jenes der biblischen Frauen erinnert, die unvergleichlichen Konturen ihres Körpers hervortreten läßt. Niemals gab es eine Statue, die man mit ihr vergleichen könnte.

Epistola entfernte sich hierauf, um seine Freunde, die ihn riefen, einzuholen und Joreas fuhr fort:

– Dieser Schelm Epistola hat gerade die beste Geschichte nicht erzählt. Er traf Marcela allein auf der Straße, die nach Pueyo führt und machte ihr eine gewagte Liebeserklärung. Aber er hatte nicht mit dem Temperament Derjenigen gerechnet, die er eine Statue nannte: Donna Marcela versetzte ihm eine Ohrfeige von solcher Wucht, daß er zu Boden fiel, und ehe er Zeit fand, sich zu erheben, hatte sie ein Stück Holz aufgelesen, mit welchem sie den Kopf ihres Angreifers so energisch bearbeitete, daß, wären nicht seine Freunde herbeigeeilt, würde die Heilige mit einem Male alle Rechnungen Epistola's erledigt haben.

– Was Du nicht sagst. So weise und dabei so entschlossen und kräftig! Ich brenne vor Begierde, dieses Wunder kennen zu lernen! Und wäre ich auch nicht genöthigt, sie aufzusuchen, um mich über einige Angelegenheiten ihres Vaters, die mich wie die eigenen interessiren, informiren zu lassen, ich würde mich auf ihre Suche machen, nur um sie zu sehen, um ihre Schönheit zu bewundern, soweit meine schwachen Augen dies erlauben.

Die letzte Nachricht, die Epistola und Joreas vor ihrem Abschied über Marcela geben konnten, war, daß diese nun seit einigen Monaten in der Wüste von Calanda oder in d'Alcaniz sich befinde. Don Beltran, der mit seinen Gedanken allein blieb, schien es, als wäre er seit seiner Ankunft in Fuentes del Ebro im Reiche des Außergewöhnlichen und Wunderbaren. Nichts war gemein, nichts gewöhnlich: die Personen und Dinge gaben den Eindruck einer tragischen Welt, die von einer wilden Poesie durchdrungen war. Was unser guter Edelmann bedauerte, war, zu alt zu sein und nicht über Hilfsmittel verfügen zu können; allein sein Alter konnte er nicht ändern und da das Ziel seiner Reise gerade das war, in den Besitz des kostbaren Metalls zu gelangen, das er verschwendet hatte, das er aber liebte weil es Genüsse verschafft – wurde er bald wieder von Muth beseelt und er ließ sich in seine süßen Träume einwiegen, die mehr oder weniger vergoldet waren, Tomé brachte sein Pferd, das aus Guardie stammte und die Bewunderung Aller im Gasthofe erregte. Don Beltran stieg in den Sattel und ritt an die Spitze der Kolonne, die sich in Bewegung setzte.

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