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Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 7
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
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Siebentes Kapitel.

Durch die Heide aber ritt ein stattlicher Herr inmitten vieler anderen Reiter. Seine Kleidung war kaum so schmuck als der Begleiter ihre, aber um Kopfeslänge überragte er die meisten, und hielt sich auch keiner so stolz als er. War es derselbe, den Henning dort, weiter unten gegen die Städte zu angetroffen, und hätte ihn bald als Strauchdieb gegriffen. So irrt sich auch der Klügste.

»Kurfürstliche Gnaden!« sprach ein Ritter im Jägerkleide, »dort links ab, gegen den See zu, stöbern die Hunde. Scheint es dort verdächtig!«

»Nun sollen uns die Diebe zu Gott nicht entgehen,« antwortete der gnädige Kurfürst, Herr Friedrich der Andere.

»Ist auch eine Frechheit sondergleichen,« sprach einer vom Hofe, »einen Straßenraub im Walde, wo tags drauf Euer Gnaden jagen wollten.«

»Einen Tag nachher,« sagte der Fürst mit einem seltsamen Blick, »wär' es wohl schicklicher gewesen?«

Dann wandte sich der gnädige Herr zu einem Ritter um, der links hinter ihm ritt und ganz außer Atem schien, und wir kennen ihn auch schon. Er war kaum angezogen, als es sich für einen Junker schickt, der zu Hofe reitet, und auch nicht einmal auf der Jagd. Sein dunkel Wams war nicht gebürstet. Auf der Kappe trug er aber einen Busch Habichtsfedern. Sah man ihm's an, daß er sie erst vor kurzem draufgesteckt. Die Kappe trug er aber so unterm Kinn zugebunden, daß man davon nichts sah, sondern nur den Mund. Wenn's der Kälte wegen war, weshalb hatte er dann keinen Mantel um? Den hielt er überm Sattel gehängt. So viel Respekt forderte der gnädige Kurfürst auch nicht von seinen Mannen, zumal auf der Jagd in Winterszeiten.

Also redete er zu dem: »Herr Voß, Ihr kommt sehr spät zu unserer Jagd. Und von woher, da ich Euch doch nicht in Spandow wahrnahm, als wir auszogen; und erscheint Ihr hier wie aus dem Himmel geschneit?«

»Gnädigster Herr!« erwiderte der Ritter, sich verneigend, »ich war auch nicht in Spandow. Vielmehr als ich aus dem Havelländischen kam und zu Dürotz von der großen Jagd vernahm, so Dero Gnaden auf heut bestimmt, eilte ich, was ich konnte, an den Fluß, ohne Spandow zu berühren, fand dort einen Kahn, der mich und mein Roß übersetzte, und war es der lustige Hörnerschall, der mich so glücklich auf nächstem Wege in meines gnädigsten Kurfürsten huldreichste Nähe führte.«

»Und Ihr kommt zu einer Jagd von anderer Art.«

»Was mein gnädigster Herr und Fürst unternimmt, das möge zum besten ausschlagen. Ob es mich doch schier wundert, die edle Weidmannslust mit einem Treiben vertauscht zu sehen, so Euer Gnaden füglicher einem Hegereiter überließen.«

»Hat der Fürst nicht allerwärts die hohe Jagd?« Die märkischen Herren im Gefolge antworteten nur durch ein Gemurmel, denn sie wollten's nicht alle einräumen, daß der Fürst sie hätte; und gab's darum in der Folgezeit böse Händel, und ward noch später viel Papier darüber verschrieben; und nutzt' es den Herren doch nichts, der Arm der Fürsten ist stärker. »Er hat sie, Ihr Herren!« fuhr Herr Friedrich mit starker Stimme fort. »Und giebt's eine höhere Jagd als auf Übertreter des Gesetzes, und solche, so Rechte greifen, die nicht ihre sind?«

Da verzogen sich manche Stirnen kraus, und nur wenige antworteten, wie es sich bei Hofe schickt, wenn der Fürst seine Meinung sagt und will, daß die anderen auch meinen sollen, was er meint. Der vorige Ritter aber sprach: »Gott erhalte meinen Herrn, und möge sein hohes Recht allen einleuchten, die itzo noch im Dunkeln sind!«

»Ihr tragt einen seltsamen Federbusch, Herr Busso,« fuhr nach einer Weile der Kurfürst fort. »Sieht er doch so frisch aus, als unseres jungen Berliner Hauptmanns seiner.«

»Da ich mein Gepäck auf dem Wege nach Spandow zurückließ, muß ich mich bei Euer Kurfürstlichen Gnaden entschuldigen, wenn ich erscheine, wie ich bin. Ein Habicht, den ich drüben schoß, mußte mir die Feder geben.«

»Mir war's lieber, so Ihr allzeit erschient, als Ihr seid, und niemals anders,« sprach der Kurfürst, und das galt dem einen und vielen noch, wer sich's merken wollte.

Da erhob sich itzo aus der Gegend, wohin der Jäger gedeutet, ein großer Lärm. Die Hunde bellten doch fast so arg, daß man sein eigen Wort nicht hörte, und die Leute schrieen und jauchzten, und die Hörner, die einen Augenblick geschwiegen, stießen nun lockend und rufend, daß es war, als wenn der ganze Wald lebte. Nun schrieen sie allerhand häßliche und gemeine Worte, die es nicht gut ist, wieder aufs Papier zu bringen, und es rief: »Da ist er!« und »Wir haben ihn!«

Und war's ein solch Gedränge nach dem Platze zu, daß selbst der Kurfürst zuerst nicht heran konnte, um zu sehen, wen sie gefangen. Endlich machten sie Platz, und stand in der Mitte, die Hände auf den Rücken gebunden, ein Mann, der nicht mehr jung war, aber recht dick. Auf dem Kopfe hatte er eine Glatze und sah betrübt, ja fast erschrocken aus; denn es war wohl kläglich für einen Edelmann, daß ihm die Hunde Hose und Wams zerrissen hatten, und das Blut leckte heraus, und die Hunderte um ihn höhnten ihn und lachten und machten schreckliche Gebärden. Die Jäger hielten nun zwar die Hunde an der Leine; sie hätten den armen Mann zerrissen, aber vor ihm stand und lag und sprang einer, der toller war als ein Hund und sah so blutig und wild aus, daß man ihn auch hätte mögen an eine Kette legen. Der schlug mit den Armen um sich und ballte die Fäuste und grinste mit den Zähnen. Und aus dem Munde platzten, wie ein Raketenfeuer, solche Schmähworte vor, daß einem wirblig zu Mute wurde. Und alles gegen den Mann, dem die Hände auf den Rücken gebunden waren, und der mit den Zähnen die Lippen biß. Und auf den Baum zeigte er, an dem der Ritter stand, und hielt ihm eine Schlinge unters Kinn und zog sie zusammen und löste sie wieder. Damit wollte er ihm zeigen, was sein warte. War's Hans Makeprang, der Krämer, den sie im Walde, am Plötzensee ausgezogen, und der Gebundene war der Ritter Wedigo.

Weiß aber nicht, ob's dem Wedigo nicht lieber war, als der Hans Makeprang vor ihm schrie und sprang, als ein wild Tier im Käficht, und ihm ins Gesicht spuckte, denn itzt, wo sich der Kreis öffnete und der Markgraf vor ihm zu Roß hielt und ihn anschaute, ernst und kalt. Wenn ihm vorher das Blut zu Herzen stieg und in die Wangen spritzte, so sank es itzo in die Fußspitzen, und er war kalt wie ein Leichnam.

Es dauerte so eine Weil; und war's ihm, als ob die großen Augen des Fürsten wie ein Bohrer, den der Zimmerer in einen Balken läßt, immer tiefer und tiefer in die Brust ihm gingen. Konnte sich nicht rühren und auch nicht die Augen niederschlagen: mußte ihn ansehen, den Schrecklichen.

»Du also?« sprach der Kurfürst nach einer Weile.

Und wenn einer ihm Sacke voll Goldes gegeben hatte, er konnte da nicht nein sagen. Aber ja konnte er auch nicht sagen, denn die Zunge war ihm eingetrocknet am Gaumen. Er nickte aber mit dem Kopfe.

Nun fuhr Hans Makeprang los, als wie ein Trunkener, dem alles von der Zunge läuft und kann nichts zurückbehalten: »Ja, der ist's, der gottvergessene Gaudieb, der heidnische Schinder und Menschenschlächter! Willst Du's leugnen? Christ, Jesus, Maria, Mutter Gottes und all ihr heiligen Fürbitter, er war's! Hier faßt' er mich im Genick, hier stieß er mir den Sporn in die Weichen – das sind seine Sporen, Stachelsporen, ich schwör's beim heiligen Blut von Zehdenick und Wilsnack! Willst Du's leugnen? Ach Erbarmen mit einem armen Handelsmann! Bis auf den Heller alles ehrlich bezahlt. Da, da liegt's in den Kot getreten – die Raben sollen Dir's vergelten! Ich will ihm die Leiter halten. Gerechtigkeit, allergnädigste Herren. Und meinen Gaul haben sie erstochen; kostete mich ein Schock Groschen, so wahr ich Hans Makeprang heiße!«

»Hund, still! Der gnädige Herr spricht! Hörst Du nicht!« schrie ihm ein Jägermeister, es war ein Kleist, von denen da überm Wasser, ins Ohr und riß den Rasenden gewaltsam zurück.

»Du also brachst meinen Landfrieden?« sagte der Markgraf. »Ich kenne Dich wohl. Hast was für Dich zu sprechen? Sprich –«

»Herr!« Die Kniee schlotterten ihm; er hätte wohl niederknieen mögen, so war ihm zu Mut, aber er konnt's nicht.

»Ich kenne Dich wohl,« fuhr der Herr fort. »Du wurdest als Bub gefangen mit Deinem Vater bei Nauen, als mein erlauchter Vater, der Markgraf, den Gott selig habe, des Quitzow Räuberbande vertrieb. Du schworst mit Deinem Vater, als man Dich losgab, den Frieden zu halten und der schändlichen Räubereien Dich zu enthalten. Vergessen das?«

Herr Wedigo schwieg wie vorher.

»War der Mann Dein Feind? Lagst Du in Fehde mit ihm? Hattest ihm abgesagt? – Herr Gott, mein Erlöser und Heiland!« fuhr der Kurfürst itzt auf, »das ist zu arg. Ein Edelmann und mein Vasall, ein Mann, der es hat, wie ein niederträchtiger Strauchdieb nachts einen armen Gesellen auflauern, ihm den Hals abschneiden um zween Pfennige! Gott der Gerechtigkeit, sind wir in einem christlichen Lande, zwei Stunden von meiner Hauptstadt und meiner Festung; in meiner fürstlichen Nähe das; Ihr Herren umher, Ihr alten Edelleute und wackern Vasallen, Ihr Ritter, die in mancher Schlacht mit mir Euer edles Blut verspritztet gegen den Pommer und Mecklenburger, und Ihr edlen Landesverteidiger, die Ihr mit mir als Kurprinz Euer Herzblut dran setztet, als wir den wilden Hussiten bei Bernow züchtigten, und schirmten unsere reichen Städte und schützten unser armes Land, Ihr Herren, sprecht für den Schlucker dort. Ihr seht, die Sprache versagt ihm. Redet Ihr für ihn. Es wird doch ein Sachwalter für ihn sein, wo er so viele Verwandte hat.«

Und der Blick, den der Herr umherwarf, war gar zornig, und viele senkten die Häupter. Keiner sprach.

»Wie! so viele Blutsfreundschaft und gute Freunde, und kein Anwalt! Du sein Schwäher. Du sein Ohm, sein Vetter, und keiner etwas für ihn! – Verabscheuet Ihr so über alle Maßen sein schändliches, gemeines Verbrechen, daß Euch der Laut im Munde erstarrt? – Was freu' ich mich, in einem Lande zu herrschen, wo so rechtliche Gesinnung ist; in der Mitte von Rittern und Vasallen, die den Straßenraub aus Grund der Seele hassen! – Dauert mich doch fast der arme Teufel, der das nicht erwartet. – Nicht so? Du hast auf viele Fürsprecher gerechnet! Mancher, der itzt schweigt, hätte Dir vor seiner Bekehrung die Hand gebrückt, mit Dir gelacht und gezecht, auch geteilt. Nun stehst Du allein da, die Zeiten wurden anders. Such Dir bessere Freunde.«

»Unterm Galgen hört die Freundschaft auf,« sprach ein Ritter, der sich sehr stattlich trug in Sammet und kostbaren Pelzen. Sein Gesicht war voll und freundlich, und er schwenkte sein Roß mit reichen Decken zu dem Kurfürsten, nicht wie ein Vasall, sondern als wär er seinesgleichen. War's Herzog Erich von Stettin, Herzog zu Pommern-Stettin und Herr von Wolgast. – »Was meint nun Euer Liebden,« sprach der und streichelte sich den Bart, »Der Kerl hat bekannt: wenn wir schnell judizierten? Der Baum da ist stark, der Ast hoch genug und das schwarze Federvieh in den Wipfeln wartet schon.«

Da zuckte es durch aller Gesichter, wie der Pommer das sagte, und Herrn Busso entfuhr es: »Er ist ein Edelmann –«

»Und ohne ordentlich gehegtes Gericht!« rief der alte Herr Johannes, der seinen Herrn gestern nach Berlin begleitet.

»Ei was, wir hegen's hier,« sagte der Pommerherzog. »Es giebt was für die Augen.«

»Ohne Vorladung!« sprach der Kanzler.

»Er steht ja schon da. Und wenn's die gelehrten Richter nicht wollen, so sind unter den vielen Rittern hier doch sicherlich einige »Wissende«. Hegt ein Femgericht. Das geht schneller.«

»Recht und Ordnung, Herr!« traten mehrere bittend vor zu ihrem Kurfürsten.

»Wir sind auf der Jagd, Ihr Herren,« lachte der Pommer. »Und Jagdrecht ist, daß man's im Walde abthut. Man thut dem Wolf wie ihm recht, fragt aber nicht, ob's ihm bequem ist.«

»Recht und Gericht!« riefen die Ritter von allen Seiten.

»Ihm soll Recht werden,« antwortete der Kurfürst mit starker Stimme, und sein Gesicht schaute ernst. »Mein lieber Vetter von Stettin,« wandte er sich zu diesem, »Ihr seht, wie mein Adel Recht und Ordnung liebt, also soll's geschehen, wie hier zu Lande Brauch ist. Die Kieferbäume stehen aber nicht allhier,« setzte er leiser hinzu, »um unsere Edelleute daran zu hängen.«

»Hätt's wenigstens gern gesehen,« brummte der Pommerherzog in den Bart, »wenn wir die Meute auf ihn losließen. Das wär doch kein Gericht, sondern eine Jagdlustbarkeit.«

»In deutschen Landen, Herr Herzog,« sprach Busso, »hetzt man nicht Edelleute mit Hunden.«

»Ihr hetzt nur die Bauern mit,« erwiderte ihm der Herzog. »Nichts für ungut. Das ist so unterschiedlich in den Ländern.«

Da unterbrach sie der Kurfürst, indem er den Wedigo noch einmal anredete: »Eines guten Gerichtes Anfang ist eine gute Untersuchung. Als ich recht gehört, warst Du nicht allein, als Du den Mann niederwarfst.«

Wedigo antwortete ein deutliches: »Nein!«

»Wer war Dein Kumpan? Und wo ist er?«

»Gnädigster Herr! Er ist fort.«

»Ließ er Dich im Stich? Und Dir die ganze Bescherung auf dem Hals? Im Turm zu Spandow sind zwei Quartiere. Eins ist luftig, wie es sich für Ritter schickt, die grad Wort geben, das andere unter der Erd', und die Havel sickert hinein. Da legt man geschlossen die Übertreter, so trotzig sind und nicht Rede geben. Wer war Dein Kumpan, Wedigo?«

»Er war – ich kannt' ihn nicht. – Ihr sollt ihn nicht finden, Herr!«

»Wer war Dein Kumpan, Wedigo?«

»Was kümmert Euch, gnädiger Herr, der? War's wohl einer, der keinen Namen hat; denn war's ein Ritter, der ließ doch seinen Freund nicht in Not allein.«

»Wer war Dein Kumpan? Du hätt'st den Mann nicht angefallen ohn' ihn. Wer hat Dich angeregt und ließ Dich im Stich, als die Not kam? Ich rate Dir gut, nenn' ihn.«

»Mag er sich selber nennen. Mich, Herr, führt in den Turm. Kenn' ihn ja schon von ehedem.«

Und als der Wedigo nun abgeführt wurde, schaute der Kurfürst sich im Kreise um und sprach: »Wahrhaftig, Ihr meine lieben Herren und guten Vasallen, ich wünsche dem von Euch Glück, der den Wedigo Lüderitz zum Freunde hat. Er ist ein wahrer Freund.« Der Wedigo war gen Spandow von vier Bewaffneten abgeführt; der gnädige Herr mit den Rittern und dem Gefolge aber ritten hinunter nach dem See zu und an dem Ufer fort, dahin wo das wendische Fischerdorf liegt, so Tegel heißt. Dem Hans Makeprang aber hatte der Herr das ledige Pferd des Wedigo gelassen, daß er's, statt seines erstochenen Gauls vor den Karren spanne. Gewann er dabei viel und noch den Sattel obendrein, und lachte in sich, ob er doch noch immer fluchte, als er den Karren auflud. Von den Rittern aber schaute mancher grimmig darüber und schüttelte den Kopf. Denn ein edles Ritterpferd vor eines Hausierers Karren zu spannen, dünkte sie unrecht, und der Wedigo mußte zu Fuß nach Spandow. »Daß Dir's wohl bekomme!« rief ihm mancher im Vorbeireiten zu. Herr Busso aber lachte: »Was soll's ihm nicht bekommen? Fürstengunst ist Sonnenschein. Wohl dem, der sich gut zu legen weiß und den andern den Schatten läßt!«

Hans Makeprang aber war ein pfiffiger Mann, wenn er auch sonst ungestüm, war und fast toll; er kannte die Herren. Darum hastete er sich, daß sie ihn nicht allein hier träfen, und peitschte dann sein Pferd, wie es ein so edel Tier nicht gewohnt war, daß er mit dem Jagdtroß hinunterkam, und bei Tegel kam er gerade zur rechten Zeit an, als die Herren tafelten, was, wie man denken kann, viel Volks aus der Gegend und von weiter her angelockt hatte. Denen erzählte er nachher so schreckliche Dinge vor, was er gelitten, und wie der gnädige Kurfürst sich seiner angenommen, und wie der Wedigo gefaßt worden und in Ketten abgeschleppt und auf die Folter gelegt und gerädert werden würde, und noch manche Raubritter mehr, daß den armen Leuten das Wasser im Munde zusammenlief. Und seine Bänder und Latze pries er über die Maßen, wie der Markgraf und der Herzog von Stettin und der Fürst von Anhalt, der auch dabei war, sie gelobt und gesagt, sie glaubten es wohl, daß man darum einen Handelsmann auf offener Straße anfalle, und sei in allen Städten der Mark nichts Ähnliches auf den Krambuden. Das Tüchlein hatte der Wedigo um den Hals geschlungen und der gnädige Herr mit eigner Hand ihm abgerissen, um die Glasperlenschnur hatte der Pommerherzog gefeilscht, und die Schürze der von Anhalt gern für sein Liebchen gekauft. Da griff denn alles staunend zu, und bevor die Tafel aufgehoben, hatte Hans Makeprang seinen ganzen Kram an die Landleute verthan und hübsch Geld in der Tasche. Ehe es denn Nacht wurde, setzte er sich in der Stille auf sein Roß, ließ den Karren in Stich und jagte nordwärts über Bötzow gen Lentzen. Hat er nachgehends das Roß des Wedigo, das ihm der Kurfürst geschenkt, an gute Ritter an der Mecklenburgischen Grenze verkauft, die damit nachts manchen Ritt thaten, der sich wohl verlohnte. Denn das Pferd verstand es; wußte wie ein Fuchs den Kopf zu ducken und wie eine Katze durch die Gräben zu schleichen. Auch über Eis ging es und schwamm mit einem geharnischten Mann über die Elbe. War der Junker von Oertzen, der es nachmalen von Heinrich Bülow annahm um eine Schuld, so erfreut darüber, daß er dem Hans Makeprang noch einen halben Gulden schenkte, wofür der ihm manche gute Kundschaft nachwies; denn Hans hatte Bekanntschaften überall, verkehrte auch mit den Zigeunern und Herbergsvätern, und wußte immer voraus, wo ein Fuhrmann kam, der besser geladen hatte, als er damals. Und war's das Gescheiteste, was Hans thun konnte. In der Mark auf den Straßen hätte er sich nicht wieder sehen lassen dürfen. Der Kurfürst hätte ihm auch nichts geholfen, wenn ihn einer auf den Kopf schlug oder bei den Beinen hing.

Und wo Hans Makeprangs Karren gestanden, da ward bald darauf eine große Mahlzeit gehalten. Keines Menschen Aug' sah es; es thut's auch nicht gut, derlei mit Augen zu sehen. War doch der Himmel schon grau von den Wolken, nun aber ward er schwarz. Die roten Kieferbäume schüttelten ihre Äste und von jedem stieg eine Krähe auf und sie kreisten schreiend in den Lüften, dann stieg es wie Nacht herab auf die alten Steine, und wie Fliegen einen süßen Fleck, bedeckten sie mit ihren schwarzen Fittichen das tote Pferd. Aber es rauschte wieder in den Lüften, und auf den hohen Kiefern schaukelten sich andere Vögel mit krummen Schnäbeln, und schreiend blickten sie hinab auf das gemeine Geflügel. Waren's Habichte und Weihen vom See. Und von den Ästen ließen sie sich auf die Felsblöcke herab, und die Krähen wurden ängstlich und flatterten auf und ab. Aber derweil die stritten, und die Krähen, die davongeflogen, kamen immer wieder und gönnten den Habichten kaum das leckere Mahl, da erschienen zwei dunkle Punkte in höchster Luft; sie zogen umher in großen Kreisen, und immer enger wurden sie, je näher sie kamen. Ängstlich flatterten die Krähen, und die Habichte schauten auf und kreischten und wollten doch nicht von ihrem Fraß. Da schossen, mit ausgebreiteten Flügeln, daß sie ein Lamm umspannten, und zornfunkelnden Augen und gebogenen mächtigen Schnäbeln, zwei Adler herab. War es, als stürze aus den Wolken ein Mondschein nieder, zischend und glühend, und wo er hinfällt, fliegt Staub und Funke und Dampf auf. So schossen sie nieder auf das Aas, mit ihren Flügeln schlagend, daß das Gras wehte und der lockere Schnee aufflog, und ihre Krallen griffen in den Leib, daß es war, als rüttle sich noch einmal das tote Tier und versuche aufzustehen. Die Krähen flogen schreiend davon, daß es der Luft weh that, und das andere Raubgevögel kreischte und flatterte auf und kam wieder und wagte sich doch nicht heran. Es war ein Getös und ein Krieg in den Lüften, alles um ein Aas. Aber als die Nacht einbrach, und die Vögel unter den Ästen und in den hohen Stämmen ihr Lager gesucht, und die Adler gesättigt aufstiegen und mit Raubstücken ihre seinen Nester suchten, da schlichen die Füchse heran und beuteten, was die Adler gelassen. Doch nicht lange, denn aus den Tiefen des Waldes heulte es unheimlich, daß alles schwieg, was lebendig war, und in wilden Sätzen rauschte es durch das dürre Laub; die Füchse schlichen davon, denn die Wölfe kamen und zerrissen mit gräßlichem Geheul, was die Habichte und Adler und Füchse gelassen. Als der Morgen graute, war von Hans Makeprangs Pferd nichts übrig, als zerstückelt und abgenagt Gebein. Sie hatten es hierhin und dorthin geschleppt.

*

Da wo der See am tiefsten hineinspült ins Land, und stehen anmutige Höhen umher, von Grünholz überwachsen, gar lieblich anzuschauen in der Maienzeit und wenn der Flieder blüht, da ward auch eine Mahlzeit gehalten. Und es ging auch laut her, und die Lüfte dröhnten, aber nicht von häßlichem Vogelgeschrei, sondern von Trompeten und Pauken und lockenden Waldhorntönen und frohem Becherklang. War's ein Waidmannsfest, wie es oft in diesen Heiden von den edlen Fürsten gehalten ward. Da stand freilich kein Schloß und kein Haus, um so hohe Gäste zu beherbergen; die paar Fischerhütten mit ihren wettergeworfenen, bemoosten Schilfdächern sahen nur aus wie Erdhügel, und ein hochgewachsener deutscher Ritter hätte durch keines Thür eintreten mögen, ohne sich zu bücken, als es sich für einen Ritter nicht schickt. Die vier Winde hatten freies Spiel, und stand auch kein Turm da, der sie auffing und fortschickte. Aber da, wo die Höhen sich senken und eine weite Bucht bilden gegen den See, hatten die Jägermeister unter sechs hohen Bäumen Teppiche ausgespannt, daß es ein gar lustiges Zelt war, und darunter waren Tafeln aufgestellt und Bänke geschlagen; nicht so zierlich freilich, wie sie ein Nürnberger fertigt, aber darauf kam's den Herren auch nicht an, die hungrig waren von der Jagd, wenn nur die Tische gut bestellt waren. Und daran fehlte es wahrhaftig nicht; mußte doch der Pommerherzog bewirtet werden, dem's zu Ehren war, und der Herr Fürst von Anhalt, der verstand's auch, was Essen und Trinken heißt, und in der Weidkunst, und was da recht ist, suchte er seinesgleichen. Die Tische brachen doch fast von den Braten, so der Wald geliefert, und von den Fischen, die der See gegeben, und der kurfürstliche Küchenmeister, Herr Ulrich Czeuschel, hatte sein Bestes gethan, um die Pasteten und was sonst recht schmackhaft fertigen zu lassen, ob er doch meinte, er verstünd' es noch besser, wenn seine Leute da wären. Aber für die Pommern und Märker, und nach einer Jagd, sei es schon gut genug. Und sein gnädigster Kurfürst sei ein sehr trefflicher Mann, und auch sehr gescheit, aber was das Essen anlange, so sei er doch nur in Tangermünde geboren. Ja, war's sein durchlauchtigster Bruder, Herzog Albrecht, den sie Achilles nannten, der habe darin mehr Wissenschaft, und wolle er ihm anrichten, so er einmal in die Mark käme, eine Tafel, daß er doch nicht glauben sollte in der Sandbüchse zu sein des heiligen römischen Reiches. War's auch eine seltsame Küche, darin Herr Czeuschel mußte braten lassen und kochen. Sie hatten Löcher in die Lehmwände gegraben, und da brannten die Feuer und glimmten die Kohlen, und die Kessel hingen darüber und die Spieße drehten sich, und war der Rauchfang der große Himmel. Das war ein Bratengeruch im Walde, daß man's eine Viertelstunde weit roch, und glaubten die armen Leute im Himmel zu sein. Ward auch nachgehend unter sie ausgeteilt, was überblieb. Denn der gnädige Kurfürst hatte befohlen, es solle nichts mitgenommen werden nach Spandow, was nicht gegessen worden. Wie sauer es auch manchem ward, der treiben mußte, und im Wasser stehen und die Netze halten, nun hätten sie gewünscht, es wäre alle Tage Jagd.

Braucht sich auch keiner zu fürchten, daß die Herren Frost hatten, da sie im Freien tafelten. War's gleich Februar, so war's doch dazumal anders als itzo, wenn nicht mit der Witterung, doch mit den Menschen. Hatten alle Pelze an, und wenn sie doch fror, so hatte der gnädige Kurfürst durch zween Dinge Fürsorge getragen. Einmal so brannten ringsum Feuer, die sahen gar prächtig aus, zumal es dunkel ward. Aber viel mehr Feuer gaben die prächtigen Weine aus Hungarn und Griechenland, die alle zu Kahn herübergeschickt waren aus Spandow; aber sie wachsen nicht da. Wenn man den Kellermeister fragte, wie viel da getrunken worden, er wollt's nicht sagen. Und der Kurfürst selber erschrak, denn dem sagt' er es nachher. »Gerechter Gott, wieviel Maß kommt denn da auf einen?« fragte der Herr, der selber nicht viel trank. »Gnädigster Herr,« antwortete der Kellermeister, »zuvörderst muß man abziehen, was der Pommerherzog trank, und der Herr von Anhalt that's kaum minder; dann kommt auf jeden doch noch so viel nicht 'raus, als ein guter Märker vertragen kann.« Da lächelte der gnädige Herr und sprach: »Ein andermal magst Du dem Herzog noch mehr einschenken, denn Pommern ist es wert.«

Wie sich die Herrschaften bei Tisch gar anmutig unterhielten, davon könnte viel gesagt werden, wenn's in den Chroniken stände. Wes das Herz voll ist, davon muß der Mund über, und der Wein löset die Zunge. Aber doch sprach nicht jeder alles, was er dachte. Einmal die Ritter nicht, weil die Fürsten zugegen waren. Und dann wieder die Fürsten nicht, weil die Ritter da waren. Doch stand der Tisch, daran die Fürsten saßen und etliche ihrer Getreuesten, um einiges höher als die anderen Tische, auf Brettern, so daß sie die anderen überschauen, und so es ihnen gefiel, unter sich reden konnten, was denn auch geschah, und zumal die letzten Abenteuer, da sie statt eines Hirschen einen Raubritter gefangen.

»Werden denn Euer Liebden ihn hängen lassen?« sprach Herr Erich von Stettin. Der gnädige Kurfürst, der über seine Jahre ernst war, denn er war noch ein junger Herr, und sah doch viel älter aus, blickte still vor sich hin: »Lieber Vetter von Pommern,« sprach er leis, »das war ein ärgerlicher Vorfall.«

»Doch nicht der erste der Art, der Euer Liebden vorkam,« entgegnete Herzog Erich. »Und so wie Euer Vater seliger nicht viel Sprünge machte mit denen Puttlitz und Quitzow, die ich eigentlich loben müßte, denn wir waren Freund mit ihnen, was zaudert Ihr itzo, einen springen zu lassen. Ist's doch klares Recht.«

» Einen!« sagte der Kurfürst. »Ach, Vetter, so ich nach klarem Recht thun müßte, da verginge kein Monat im Jahr, wo ich nicht zwei richten müßte. Schaut Euch doch da unten um und sagt mir, wer es nicht verdiente! Muß ich doch immer das Aug' aufhaben und die Hand frei, denn wo ich den Rücken kehre –«

»Denkt jeder an die Zeit, wo noch keine Markgrafen im Land waren,« lachte der von Stettin. »Aber Ihr bleibt im Lande –«

»Ich bleibe,« sprach der Kurfürst mit fester Stimme, und als tränk' er sich zu ein Gelübde, hob den Becher und leerte ihn.

»Den Adel« – sprach der Pommerherzog und duckte mit der geballten Hand unter den Tisch, als wenn er einen beim Nacken unterstauche; aber es geschah in der Stille, und lachte er dazu recht schelmisch. »Ich glaubte, mit der Aufgab' seien wir fertig,« seufzte der Herr.

»Glaub's ja nicht, Vetter. Euer Vater seliger mähte; aber Ihr und Kindeskinder werdet noch reiche Ährenlese haben. Wir kennen sie ja in Stettin, Eure Herren und Ritter, wenn Ihr sie vertriebt, und kamen zu uns. Sagten, sie wären im Elend, aber Herr Gott, die trugen den Nacken so steif; meinten fast, uns noch eine Ehr' zu erzeigen, daß sie an unserer fürstlichen Tafel saßen.«

Kurfürst Friedrich legte die Hand auf den Tisch und sprach, derweil er mit ernstem Blick die Herren unten maß: »So lang ich mein Aug' aufhabe, lieber Vetter, sollen sie mir und Euch die Ehr' erzeigen, den Nacken so vor uns zu beugen, als es sich schickt für Vasallen, so vor ihrem Lehnsherrn stehen.«

»Ich bin's denen nicht,« sagte der Pommer.

»Ihr seid ein Fürst und sie – doch genug davon! Vetter, der Vorfall verdrießt mich, heut grade. Wünschte, wir hätten nicht hier gejagt. Im Grunewald heut und morgen hier.«

»Wenn Ihr's nicht sehen wollen, hättet ja nur absehen brauchen.«

»Der Fürst darf ein Aug' zudrücken, aber blind sein darf er nicht. Der Wedigo Lüderitz ist noch keiner von den Schlimmsten. Er hat gebüßt und wird im Turm büßen, doch zum Ärgsten ist nicht die Zeit.«

»Kann's nit leugnen, hätt' ihn gern baumeln sehen.«

»Ihr sollt, denk ich, etwas anderes sehen. Diese Städte, ich liebe die Städte, aber ihr Übermut ist's, der die Geduld herausfordert.«

»Sie schlugen doch Eurem Vater wacker mit.«

»Sie thaten's, Vetter. Aber alles, was Berlin that und Köln, ist's nicht auf eins verwirkt, da sie meinem Vater das Thor vor der Nase zuschlugen? Gerechter Gott, dem ersten Fürsten seiner Zeit, dem Rat des Reiches, dem Friedensstifter in Deutschland, dem Hort der Kirche und ihrer Prälaten, dem großen Feldherrn, dem Retter des Reiches gegen die böhmischen Ketzer, diese Krämer! Was sie für uns thaten, dadurch ist's verwirkt, und daß wir zwanzig Jahr die Unbill ungerächt hinnehmen mußten, dadurch ist der Zins zum Stock worden.«

»Hineinlassen müssen meine mich schon ins alte Stettin,« lachte Herzog Erich auf. »Denn ich wohne ja drinnen, und hol' sie alle der Teufel, wenn 'sie's nicht wollten. Gösse ihnen von meiner Burg herab ein paar Tonnen brennend Teer in ihre Schlote, daß den Frauen ihre Suppe anbrennen sollte. Aber Vetter, Dickköpfe sind meine guten Bürger wie Eure. Das prustet auf und dünkt sich, weil sie die Oder haben und mit den Rostockern und Stralsundern und Greifswaldern in den Meeren schiffen; und weil sie großes Maul haben bei den Schneekönigen da oben, meinen sie, gegen ihre Fürsten hätten sie's auch. Möchte mich manches Mal krank ärgern, was das fordert und verlangt; Jesus Maria, weil sie Deutsche sind, möchten sie auf ihren Kopf, den Gott ihnen gab, noch einen setzen. Auf allen Landtagen, was muß man hören, jetzt die und dann die. Weil meine erlauchten Väter ihnen Rechte gaben, ich meine den Deutschen, so meinen sie, es käme ihnen alles zu, und nun wieder die Klage von den alten Pommerschen, die meinen, sie wären zurückgedrängt und zurückgesetzt. Mag auch sein. Was kann ich dafür. Ich halt's nicht aus, wenn das losgeht. Ich lauf 'naus. Mag sich der Kanzler mit ihnen streiten. Aber prächtige Leute sind meine Bürger doch, der Wein, Vetter, den sie mir 'rauf schicken, alle Quartale in die Burg, Wetter noch mal, ich sage nichts gegen Euren, aber für einen pommerschen Magen, Ihr müßt 'mal zu mir kommen.« Der Kurfürst schien mit vorgebeugtem Kopfe sehr aufmerksam zugehört zu haben, aber das letzte, was Herr Erich sagte, mußt' er überhört haben: »Ganz recht, Vetter, Ihr traft den Punkt. Daß sie auf den Meeren schiffen, Kriegsfahrzeuge halten, Bündnisse haben mit den Seestädten, das ist der Kopf des Übels. Wer den träfe! Was soll's? Eure sind Pommern und meine Bürger Märker. Niemand kann zwei Herren dienen. Dem Hansebund und seinem Fürsten. Wollen sie unsern Schutz, so müssen sie uns gehorchen.«

»Der Albrecht Glinde sagt's auch, mein Bürgermeister,« unterbrach Herr Erich. »Aber die andern sagen,« fügte er lächelnd hinzu, »ich sollte ihm nicht trauen. Er sei brandenburgisch, und was er spräche, spräch' er nur zu Eurem Vorteil, Vetter. Nun, das wird alles ausgemacht heuer in Wittstock. Darum heut kein Kopfbrechen.«

»In Wittstock, ja! Angestoßen, Vetter, auf gute Einigung dort unter den Fürsten!« fuhr rasch der Kurfürst fort, der das Gespräch, so schien es, nicht gern wieder auf den Albrecht Glinde brachte. »Bei unserm Herrn und Heiland, ich versichr' es Euch, die Fürsten müssen zusammenhalten, die Fürsten Bündnisse schließen, die Fürsten einer dem andern beispringen. Denn sie sind die Kette, die das Gemeinwohl zusammenhält. Sie müssen größer werden und mächtiger in diesen nordischen Küstenländern, müssen die Kräfte zusammenfassen und aufspeichern, sonst zergeht und zerfällt hier das heilige römische Reich deutscher Nation.«

Und dann fuhr er fort, als Herr Erich darauf den vollen Becher wieder leerte: »Die Städte thun's nicht, und ihre Bündnisse auch nicht. Sind gute Werkstätter, wo ein reicher Mann arbeiten läßt, und können Segen bringen über Reiche und Länder, so sie fleißig sind und Ordnung halten. Aber eine Stadt sind viele Köpfe, und ist keiner darunter, der weiter schaut und höher sieht. Sieht jeder nur des Nachbars Mauer und keiner über die Dächer fort. Was sollen uns noch ihre Bündnisse? Da die Fürsten außer Landes waren und schwach, mocht' es hingehen, sie schützten sich untereinander. Aber wie schützt sich ein Blinder und ein Lahmer? Dafür sind die Landesherren. Die sehen weiter und haben immer stärkern Arm. Warum aber soll eine Stadt, die mein ist, und ich bin ihr Schirmherr, Bündnisse schließen mit anderen Städten, die auch mein sind? Ich bin das Band, das sie bindet, und sehe, was jeder fehlt und jede zu viel hat. Weg mit den Bündnissen. Was aber, frage ich, sollen Bündnisse der Städte, die mein sind, mit Städten, die nicht mein sind, die zum Reich gehören und anderen Herren? Das taugt nicht, Herr Vetter. Ist eine Kette, so hin und her zieht und den Arm mir bindet, und weiß niemand, wo er hingehört. Die Kette zerreiß' ich.« »Sie ist verflucht lang,« sagte Herzog Erich, der einen andern Becher füllte und leerte.

»Was ist eine Kette, so man ein Glied erst ausbrach? Stücke sind's. Mag die Hanse ein großes bleiben, ich gönn' es ihr. Meine Städte reiß' ich los.«

Herr Johannes, der Kanzler, nickte dem Kurfürsten mit einem Blicke auf den Pommerherzog zu. Er meinte wohl, dem Herrn von Stettin sei der Wein lieber als die Rede. Auch mochte er fürchten, der Eifer spreche zu laut in seinem Herrn und einer oder der andere könne es hören, der es nicht hören sollte.

Da stieß der Herzog aber selber dem Kurfürsten den Becher entgegen: »Auf Wittstock! Und daß wir uns da gut vertragen. Vertragen, Vetter, aber Pommern ist frei. Gute Freundschaft, aber kein Lehnsbund gebunden. Die Städte laß' ich Euch, da reißt oder bindet, wie's Euch gefällt. In Wittstock das übrige. Vetter, Euer Wein ist doch gut.«

Herr Friedrich lächelte: »In Wittstock also das Weitere. Wer weiß, wenn die andern Rat bringen, bring' ich schon – mehr.«

»Wie's Euch gefällt. Der Wein ist kostbar. Laßt uns anstoßen.«

»Auf alle guten Vorsätze,« sprach der Fürst von Anhalt.

»Ei, das nachher,« sagte der Pommer. »Zuerst und vor allem auf Euer Liebden wertes Ehgemahl, so uns drüben von Spandow aus zuschaut.« Da stießen sie an und lachten herzlich, denn wiewohl man den Turm und die Burg überm See sieht, ist's doch eine Meile und darüber entfernt, und hätte die Kurfürstin gar besondere Augen haben müssen. Möglich doch, daß sie die Feuer sah, als es dunkler ward. »Ihr habt der edlen Frau einen schönen Braten vorausgeschickt,« lachte Herr Erich, dessen Stirn immer röter glühte, und seine Zunge löste sich auch. »Ist das Brauch hier zu Land? Bei uns schickt man den Frauen, was man den Räubern nahm, aber nicht die Räuber selber.«

Und er erzählte lustige Geschichten von Jagden und andern Abenteuern aus Pommern, wo es gut war, daß keine sittige Frau zuhörte. Und der Tisch ward ihm zu klein, denn nun rief er auch hinüber an die unteren Tische, wo die Ritter saßen, und ward es sehr laut und die Lustigkeit allgemein. Kurfürst Friedrich lachte auch wohl mit, aber wie einer, der im Grunde ernst ist und es nur thut, um seiner Freunde willen, oder wie einer, der blaß ist und sich schminkt. Man sieht es doch durch.

»Sie haben des kein Sinn!« sprach er zu seinem Kanzler beiseiten. »So die Fürsten selber nicht wissen, was ihnen obliegt, das ist ein schlimm Ding. Und wie sollen wir's thun, daß die Bürger es fassen, was ein Fürst ist.«

»Gnädigster Herr,« entgegnete eben so leis der Kanzler, »so jeder Fürst im Deutschen Reiche ein Fürst sein wollte, als Ihr s, meint, da gäb' es doch keinen Fürsten, wie Ihr wollt. Es wären so viel als Köpfe in einer großen Stadt. Es sind viel Glieder an einem Körper, aber es ist nur ein Haupt. Also müssen auch viele zu Gliedern werden, die itzt sich Häupter dünken, und es nicht sind, damit eines das Haupt wird.«

»Das ist der Kaiser,« sprach vor sich hinblickend der Kurfürst.

» Das Haupt geht wandeln, und gehört itzo nicht mehr zum Körper. Der Kaiser sitzt im Reich, und ehedem schaute er nach Rom, und itzo, daß sie ihn nicht fortstoßen. In unseren Gegenden, wo die Sonne am Himmel nur trübe scheint, hatte auch die Sonne der Majestät nur trüben Schein. Einer Majestas, so zu ihnen gehört, die sie versteht und kennt und liebt, bedürfen diese Gegenden; daß sie nicht gottverlassen bleiben, wie die Spötter im Reiche sprechen, muß ein eingeborener Fürst diese Majestas um sein Haupt weben.«

Als der Kurfürst schwieg, setzte der Kanzler hinzu: »Wünsch' ich doch fast als guter Märker und Euer Gnaden treuer Vasall, wenig, daß die von Mecklenburg und Pommern solche Fürsten seien,« und dann sprach er noch vieles über den großen Fürstentag zu Wittstock, wo ausgemacht werden sollte und vertragen der alte Streit wegen der Erbfolge und der Lehnbarkeit, so die Brandenburger ansprachen, aber die Fürsten widerstritten es. »Um deshalb,« schloß der Kanzler, »bleib' ich des Dafürhaltens, daß bei den Verhandlungen unsere erste Sorge die sei, die Pommern und Mecklenburger uns zu gewinnen, und alsdann erst –«

»Nein, Johannes,« unterbrach der Kurfürst und stand auf. »Erst Herr im eigenen Lande, dann, was Gott will weiter. Wer andere heilen will, sehe erst für, daß er selbst gesund sei.«

Sie hätten auch lauter mit 'nander reden können als es war. Die anderen hätten sie nicht gehört. Nun war's wieder ein Toben und Tumult und Rufen und Drängen, und wollten einige noch gar nicht vom Tisch fort, da schon die Jägerknechte die Tische abbrachen. Im Gedränge ersah da der Kurfürst einen, der gar groß verwundert zugeschaut, und der Herr entsann sich, wer es war, und hätte er ihn schon früher zu sich winken können, weiß nicht, weshalb er's nicht gethan. Große Herren geben niemand Rechenschaft.

»Nun, Herr Junker mit der blutigen Feder, als ich mich recht entsinne, Henning Mollner geheißen, hab' ich mein Wort gelöst? Der Kurfürst hat lassen blasen. Wenn ich Dich auf falsche Fährte brachte, ist's wieder gut gemacht?«

»Habt ihm aber den Räuber vor der Nas fortgefangen,« sagte der von Anhalt. »Was soll der Junge nun nach Berlin bringen? Der hat wohl gehofft, mit Pfeifen und Trompeten einzuziehen, den Raubritter hinter sich.«

»Wahrhaftig, da habt Ihr recht, Vetter. Und ich raubte dem armen Gesellen –« – »Vielleicht den schönsten Dank seines Feinliebchen,« fiel der von Anhalt ein. »Hast Du eins?« fragte der Kurfürst, und alle Herren vom Hofe lachten herzlich, als der Junge wie verlegen dastand, was doch sonst seine Art nicht war, und hochrot ward und nichts vorbringen konnte. »Der und kein Schatz!« rief der von Anhalt. »So will ich Dir in Spandow etwas schenken, das Du ihr verehren sollst,« sagte der Kurfürst. »Denn dahin sollst Du uns begleiten, daß ich meinem lieben Ehegemahl einen zeige, der strenger ist gegen die Diebe als er, und ihn selber beinahe hatte fahen lassen als einen. Ist's nicht zu arg, Ihr Herren?«

Da lachten alle herzlich.

»Sag' Deinem Schatz dann,« fuhr der gütige Herr fort, »Du hättest den Markgrafen für einen Strauchdieb gegriffen, und er hätte sich damit gelöst.«

Und darauf setzten sich die guten Herren in die Kähne, die sie gen Spandow rudern sollten. Einige setzten sich nicht, sondern die legten die anderen hin. So auch den Herrn von Stettin, den sie mit Pelz ganz überdeckten, und merkt' er es nicht, auch fror er nicht. Er wachte erst auf, als sie ihn ins Bett gebracht in der Burg zu Spandow. Es war aber ein gar lustiger Anblick, die vier Kähne auf dem großen See, alle mit Fackeln und Pfeifern, die gar lieblich bliesen, daß es von den Waldhöhen widertönte. Und die vom Ufer riefen ihnen eins ums andere ein Lebehoch nach und warfen die Bretter und Stangen und viel Reisig in die Feuer, daß es himmelhoch flammte, und die auf den Kähnen weithin sehen konnten. Als sie auf der Mitte des Sees waren, und die von dem Turm in Spandow sie erschauen konnten, brannten sie das große Feldstück ab, das sie dort auf dem Walle hatten. War's von einem Italiener gegossen und brummte erschrecklich. Dreimal geschah das, und dann hub eine Pfeiferbande zu spielen und zu trommeln an, und das dauerte, bis die Herrschaften den Fuß ans Land setzten und der Kurfürst und seine Gäste in die Burg traten.

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