Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/alexis/roland2/roland2.xml
typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090602
projectidc10c8d63
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.

Wo der große See, den die Havel bei Spandow bildet, gegen Morgen und Mitternacht weit in den Wald einschneidet, umgrenzten ihn sandige Höhen, mit hohen, knorrigen Kiefern bewachsen. In einer der Buchten, von früheren Winterströmen gerissen, die aber schon dazumal auch nicht ein kleines Bächlein zurückgelassen, sah es so wüst und wild aus, daß man sie heut nicht wieder erkennen würde. Die Wände waren schroffer, von Lehmschichten und den tausendfach verschlungenen Wurzeln zusammengehalten; die hat nun Schnee und Regen längst heruntergespült, die alten Bäume sind gefällt, die Wurzeln, gefault und vertrocknet, hielten nicht mehr die Erdschichten zusammen, und die Winterwässer schlemmten Sand und Kies und Lehm dem See zu. Wo ein jäher Grund war, da ist itzt nur eine schwache Senkung; spärlich sind die Seiten mit Gras und Heidekraut überwachsen, und die Kieferbüsche auf dem gelockerten Boden stießen nicht mehr zu himmelhohen Stämmen empor. Dazumal wucherte mannshohes Farnkraut aus dem Boden, ein Versteck den Blindschleichen und Schlangen und allerhand giftigem Gewürm; aber auch dem Geächteten und Räuber, der in jedem Walde, bis ihn die Hunde aufstöberten, eine, zeitweilige Freistätte fand. Wo itzt trockne Tiefen sind, trichterförmig eingehend in die Erde, nur das hellere Grün am Boden als an den sonnverbrannten Wänden verrät den ehemaligen Wassergrund, da waren tiefe, stehende Gewässer, die Zucht von Schlangen und Getieren, so jetzt verschwunden, und hohes Schilf umkränzte sie; ein unfehlbares Versteck den Verfolgten, für viele, die sich unvorsichtig zu weit wagten, ein ewiges. Diese Moore und Wassertümpel allüberall; daher fanden bewaffnete Flüchtlinge in den Wäldern stets eine natürliche Festung, aus der nur Hunger und Übermacht sie vertrieb. Und die Tritte des Verfolgten verriet das hohe Laub am Boden, das keine Harke fortkehrte, der übermooste Reisig, die gebrochenen, modernden Stämme. Schuhhoch versank der schwere Fuß in den tieferen Gegenden bei Heiden, und das Lauscherohr des Verfolgten hörte ihn von weitem.

Auch lagen in jenen Zeiten auf allen Äckern und in den Heiden umher noch eine Masse mächtiger Feldsteine bis zu mannshohen Granitgeschieben, angeschwemmte Trümmer von den Gebirgen des Nordens, aus urweltlichen Erdstürmen.

Auch in dem Grunde am See lagen noch mehre. Zwei über Mannes hoch standen sich so gegenüber, daß man von fern sie für eins hielt. Und wenn man nahe kam, schwor man auch darauf, daß sie eins gewesen. Entweder hatte der Sturz von einer Höhe, die nicht mehr da war, oder der Blitz sie gespalten, und mit den beiden graden Wänden, die zu einander gehörten, bildeten sie eine enge Gasse.

Das war ein rechter Schlupfwinkel für solche, die der Menschen Augen, und mehr die der Gerechtigkeit flohen. Und nun, wenn's Winter ist, und der Winter sein grauestes Kleid übergezogen hat, und die Wollen, finsterer, wo sie über ein finsteres Land ziehen, und genährt vom Atem seiner Sümpfe, sich schwer niederlassen auf die Thäler und Hügel, und eine kalte, feuchte Luft Dein Antlitz giftig anhaucht, und die Krähen über Dir in den knorrigen, weit verzackten Ästen der alten roten Kiefer sich niedersetzen, und wieder aufrauschen, unheimliche Gäste, böse Nachbarn, schlimme Vorbedeutungen, und es seufzt der See, den Du aus der Schlucht siehst, dumpf und unheilvoll, das Schilf beugt sich, und ein kalter Wind kommt schrillend über die Eisfläche, und Du bist heimatlos und dem Gesetz verfallen. –

Die beiden, die heut hier saßen, sahen verstört aus, und sie fuhren auf bei jedem Geräusch und blickten einer den andern an. Sie hockten, jeder mit dem Rücken gegen eine Felswand, so sich schützend vor dem schneidenden Winde, und jeder hatte das Wächteramt, hinauszuschauen nach der einen Öffnung. Zwei Pferde, abgemagert, aber tüchtige Renner, scharrten noch etwas tiefer im Grunde nach frischen Gräsern unter dem Schnee. Sie waren frei, und mußten die Herren ihnen trauen können. Ein dritter Gaul, der gar kläglich und geschunden und zerschlagen aussah, war noch angespannt an einem Karren, der zerbrochen dalag, und die Waren, die darauf geladen, waren halb herausgefallen und lagen zerstreut umher, allerhand bunter Plunder.

»Verdammt!« rief unterweilen der eine, und der andere wiederholte es. Sie hatten mit Mühe ein kleines Feuer angezündet und Steine ringsum getürmt, daß es der Wind nicht verlösche; und einer um den andern schlich heran, sich zu wärmen. Aber sie beide fuhren dazu, wenn es zu verlöschen drohte, und desgleichen, wenn die Flamme zu hoch aufprasselte, aus Furcht, daß sie sie verraten könnte. Das hatte nun wohl gute Wege, denn die Steinwände waren hoch, und die schweren Wolken drückten den Rauch nieder, und der Rauch ward Wolke.

Da stampfte der eine, als ihm der Rauch in die Augen flog, auf die Erde und knirschte mit den Zähnen: »Wedigo! 'S ist ein Hundeleben.« »Daß sie der Geier alle holte!« antwortete der. »Dreimal, hunderttausendmal, die Markgrafen, die Hunde, die Jagdhörner,« trumpfte Busso drauf. »Daß uns der Halunke grad heute in den Weg laufen mußte.« »Ich sagte es gleich, Busso.« »Himmel tausend Kreuz Element. Um die Bescherung seinen guten Namen, seine Ehre und – wer weiß was!« Busso fühlte um seinen Hals. »Der Eiserne spaßt nimmer,« fiel Wedigo ein, derweil Busso mit seinem stählernen Fuß recht ingrimmig in die ausgestreuten Waren trampelte und verächtlich sie fortschleuderte. »Solcher Plunder! Hosenlatze, Hauben, Blumenbänder für das Süßherzchen eines Bauernlümmels! Darum, Sankt Mauritius! – Ich fluche nicht gern, Wedigo, aber so soll doch das heilige Kreuz Donnerwetter mit neuntausend Schwefelflammen drein fahren! Komm, hilf mir! Ins Feuer die Lumpen! mich ekelt's, das Zeug zu sehen –« »Dich wird noch mehr ekeln, wenn Du's riechst. Laß sein, Busso. Der Rauch erstickt uns und es hilft nichts. Was geschehen, läßt sich nicht ungeschehen machen.«

Busso warf sich wieder hin und biß in die Lippen: »Das ist's ja eben. Widerfuhr mir je so was im Leben! Fünfunddreißig Jahre und ein halbes. Hab' mich zusammengenommen wie 'ne Schnecke, die sich in ihr Haus verschließt, wie der Igel, der sich aufrollt, diese zwei Jahre über, seit der Eiserne Herr ist! Was für Gelegenheiten ließ ich vorüber; einen Warenzug der Frankfurter, so hoch bepackt, sechs Wagen, das Wasser lief einem im Munde zusammen; mit zwölf Gewappneten ich auf der Höhe und die Kerle zitternd, daß ich das Zähneklappern hörte. Hätten auf den ersten Anlauf Reißaus genommen. Ordentlich, als ob es mir der liebe Gott in die Hände spielte. Mein Vetter Gebhard kriegte den Koller. Was hilft mir's, daß ich nein sagte – und nun muß solcher Bettlerranzen uns verführen, Lumpen, nicht wert, daß ein Edelmann drauf hofiert –«

»Jetzt, wo es losgehen wird,« fuhr Busso in seiner Selbstklage fort, »eine ganz andere Jagd, mordio, wo wir unsere Rüden hetzen wollten gegen die Käsekrämer, wo der Tag erscheint, da ein ehrlich adlig Herz vor Lust zappelt, da muß das passieren! Wodurch hab' ich das verdient? frag ich. Zwei Jahre nicht die Hand gerührt. Der Markgraf nickte mir freundlich zu, zog mich zu Rate. Auch mit den fränkischen Rittern, den hochnäsigen, hatt' ich mich gestellt. Ließ nichts an mich kommen, gab ihnen alles wieder. Sie hatten Respekt. Und nun um solche Lumperei alles verdorben.«

»Merk's Dir, Busso, es thut nicht gut, anders scheinen wollen als man ist. Mancher von unsern hat's Dir verdacht. Unser Rücken ist grad, und ihrer ist krumm. Unser Gesicht, wie's der liebe Gott gemacht hat, ihres wie die Fürsten wollen. Und weißt Du, warum wir in der Patsche sitzen?« »Halt's Maul, wenn Du nicht weiß, wie wir 'raus kommen.« »Weil wir den Köpkin im Stiche ließen. Das ist der Teufel, der uns im Nacken stach.« »Still von dem!« »Der, wenn er bei uns war, hatte sich nicht zu vornehm gedünkt: hätte dem Halunken eins ins Genick gegeben, daß er das Aufstehen vergessen. Einen Stein um den Kopf, in den See 'rein, kein Hahn hätte gekräht. Weil wir gute Kameradschaft brachen, drum geschieht's uns. Der Zarnekow ist itzo salviert, wir stecken in der Pfütze.«

»'S ist was Hexerei dabei,« fuhr Busso nach einer Weile fort. »Lasse es mir nicht abstreiten. Kennen wir nicht den Wald aus und innen, und müssen uns bei dem bißchen Schneewirbel gleich anfangs in die Irre reiten. Hätten schon vorm Hahnenschrei über Tegel hinaus sein können, und waren, als es vom Turm vier schlug, erst dort am verfluchten Plötzensee. Dann die Geschichte, und aufs neue verirrt. Fünf Stunden die Kreuz und die Quere in der Heide – und nun, als wir 'raus wollen, kommt uns die kurfürstliche Jagd entgegen. Hätte auch an einem andern Tag jagen können.«

»Vor den Hexen hab' ich allen Respekt,« entgegnete Wedigo, »seit ich 'mal als Bub' einer nachlief mit den andern Buben vom Dorf, und wir zischten und schmissen sie mit Steinen und Kot. Die Knechte und Leute kamen dann auch dazu, und da's der Junker that, so meinten sie, das sei gute Gelegenheit. Richteten das alte Weib so zu, daß sie liegen blieb und drei Tage darauf eingescharrt wurde. Aber den Blick des Weibes vergess' ich mein Lebtag nicht, den sie mir aus ihren roten Augen zuwarf. Nächste Woche darauf kamen die Blattern ins Dorf. Starben siebzehn Kinder, und ich wär auch drauf gegangen, wär meine Mutter seliger nicht barfuß nach Heiligengrab gepilgert. Aber das hier war keine Hexerei, Busso. Der schwere Karren war's, das lahme Vieh, das wir treiben mußten, als wären wir Schinderknechte.«

»Schande über Schande!« rief Herr Busso. »Wenn das einer vom Hofe mit angesehen. Will auch nie wieder auf Fang ausgehen, das schwör ich bei der hochgebenedeiten Jungfrau, wenn ich nicht wenigstens einen Knecht bei mir hab'.«

»Der hätte die Mähre auch nicht schneller getrieben.«

»Wärst Du nur früher auf den Einfall kommen, das Pack aufzuschneiden. Mit dem Plunder uns zu schleppen, zwei Ritter, all ihr heiligen Fürbitter, 's ist zu viel!«

»Und nichts im Magen,« sprach Wedigo, »seit zwanzig Stunden. Und oben die verfluchten Krähen, die allerwegs was finden. Spotten unser.«

»Ist mein Magen weniger leer als Deiner? Aber die Schande, die Schande ist's, die nagt mehr.«

Der ältere und belebtere Gefährte raffte sich plötzlich, wie von einem Gedanken aus seiner stumpfen Ruhe gerüttelt, auf, und machte sich an den umgeworfenen Karren. Seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht, und jubelnd hielt er ein Stück Brot in die Höhe, daß er unterm Sitz gefunden. Es war ein Stück altes Gerstenbrot und die schon angenagte Keule eines Hammels; aber die Ritter sahen nicht drauf wie es war, sondern es war etwas, und fielen mit Heißhunger darüber her, und alle verdrießlichen Gedanken verschlangen sie mit den Bissen Fleisch, so lange davon an dem Knochen war.

Wedigo warf sich wieder hin. Er konnte es doch nicht anders machen. Aber Busso starrte eine Weile auf ein Etwas, das ihn beim Essen wohl hätte stören können, wenn's in seinem Temperament gelegen, daß so etwas ihn störte. Das arme Tier, so geschunden und gedrückt halb unter dem umgestürzten Karren auf den Knieen lag, hustete und stöhnte, und das Blut floß ihm aus hundert Wunden, und die Zunge lechzte, und das matte Auge schaute umher, wer es erlöse? Das wäre unrecht, zu meinen, daß Herrn Busso ein Gefühl beschlichen, so wir itzt Mitleid nennen. Es war ihm nur, wie vieles, auch das verdrießlich. Das sterbende Tier war ihm zu nahe, und er konnte nicht fortrücken, und das Tier auch nicht, wenn er auch den Sporn noch so oft ihm in den Leib bohrte. »Wer schafft uns die Bestie fort?« fragte er mit einem Blick auf den Kumpan, der die Arme gähnend über dem Kopf streckte.

»Was geht mich die Bestie an.«

»Das Tier kann uns verraten, wenn die Hunde nahe sind. Noch rauchend Blut wittert die Meute am ehesten. Man müßte ihm einen Gnadenstoß geben.«

»Ruf den Schinderknecht, Busso.«

»Höll und Teufel, es muß doch geschehn. Das Vieh krepiert zu langsam. Was meinst Du?«

»Ich meine nichts.«

»Ich aber meine, Wedigo, Not kennt kein Gebot. Einer von uns, oder wir beide.«

»Ich!« fuhr der andere auf. »Gebenedeite Jungfrau Maria, mir das! Dem Halunken, der uns verführte, hätte ich eins versetzt mit meinem guten Schwerte, und mich nicht geschämt. Denn das Schwert ist zum Schlagen, und weiß ich im Gefecht, ob der Kopf, den es trifft, ehrlos ist oder nicht? Aber Luder rühr' ich nicht an. Was des Schinders ist, dazu ist ehrlicher Stahl zu gut.« –

Busso war ärgerlich aufgesprungen: »Will's thun; gieb mir Deine Klinge.« Wedigo aber riß seinen Degen an sich und deckte den Griff mit beiden Händen: »Busso! bist Du rasend? Will sie eher zerbrechen, als dazu hergeben.« Busso stieß einen Fluch aus, der aber nicht zu Worten wurde. Dann riß er schnell sein Schwert aus der Scheide: »Not kennt kein Gebot. Es kommt in einen Topf der Schande.«

Wedigo schauderte zusammen, als der Ritter das wohlthätige Mordwerk mit kräftiger Hand und wenigen Streichen vollbrachte. Das arme Tier sank nieder, und seine langen Leiden waren in wenigen Sekunden geendet. Ein Strom Blutes färbte den Boden und rann bis an das Feuer, das davon zuerst zischend aufprasselte, dann in einen qualmigen Dampf sich auflöste und verlöschte. Wedigo wollte aufspringen, aber in dem Augenblick hörte er etwas, das ihn regungslos am Boden fesselte. Horntöne und untermischtes Hundegebell. Und Busso hörte es und lehnte sich blaß an die Steinwand.

»Wisch das Blut von der Klinge,« wisperte ihm Wedigo zu, »Gott sei mit uns.« »Und der Teufel ist schon da,« sagte Busso. »Denkst Du an Widerstand?«

»– Das wäre albern,« erwiderte nach einigem Besinnen Busso, und wischte das Blut an dem Moos des Steines ab. »Ob es doch nicht ausgemacht ist, mein lieber Vetter, ob wir nicht gescheiter thäten, unser Leben so teuer es geht zu verkaufen, als wie fromme Schafe uns zu ergeben, um auf der Leiter den Himmelsweg hinan zu steigen, so uns Seine Kurfürstlichen Gnaden weisen wird.«

»Gott der Barmherzigkeit! Er wird doch nicht? Christliche Edelleute!« »Dem eisernen Gesicht trau ich's zu.« »Um solchen Bettel, um solchen hundsföttischen Lumpenkerl. Nicht drei Gulden wert.« »Er warf, als Kurprinz noch, einen Edelmann in den Turm, der gar nichts gethan; nur einen Juden hatte er erschlagen, der ihn betrogen.«

»I, so muß doch die Welt untergehn!« stöhnte Wedigo, aber er horchte mit Vergnügen, wie der Jagdlärm, nachdem er sich bis auf einen gewissen Punkt genähert, wieder abging und endlich verhallte. Auch Busso hatte gehorcht: »Untergehen wird die Welt nun wohl nicht so bald, mein lieber Vetter,« sprach er wieder vortretend, indem er sich auf sein Schwert stützte. »Es wird nur einige Stöße geben, und wer nicht feststeht, sehe sich vor. Und wenn ein Ding wankt, muß man sich an das andere halten. Unsere Schlösser von Ziegeln, Lehm und Balken sind geborsten. Die faule Grete brummte zu stark. Aber die Fürsten bau'n ihre Schlösser aus anderen Stoffen. Da muß der Adel suchen, wie er sich untersiedelt.«

»Element noch einmal! Und unsere Freiheit!«

»Ein kluger Mann wird immer frei bleiben.«

»Niederträchtige Knechte!«

»Es wird noch immer Knechte geben unter uns. Und wer weiß,« brummte er mit einem höhnischen Lächeln, »ob wir nicht sehr vornehme Knechte bekommen, so wir's geschickt anfangen. An der Straße liegen muß man freilich nicht, aber die reich gewordenen Käsekrämer, diese aufgeschwemmten Stadtpilze, sollen uns doch zollen. Fein, fein aber, mein Vetter, muß man's einfädeln.«

»Fädle es fein ein,« unterbrach den Selbstredner der ältere Ritter unwillig, »daß wir hier loskommen. Wenn wir am Stricke baumeln, hilft uns das nicht mehr.«

»Wir sind eingeschlossen –« »Das ist ein altes Lied.«

»Die kurfürstlichen Jäger streifen von Spandow bis gen Bötzow, Über die Havel ist nicht zu kommen. Nirgends ein Kahn als in Tegel, wo der Hof tafelt. Von der andern Seite die Berliner Brut, als uns der Ziegelstreicher sagte. Die ganze Länge der Spree nur ein Treiben, item auf der Straße nach Bötzow. Aufstöbern werden sie uns also hier, der Beweis liegt da. Also bleibt uns nur die Wahl: versuchen durchzubrechen. Verdammt schwer, und zu zweien noch dazu! Oder auf die Bäume klettern, aufs Geratewohl, und die Nacht abwarten. Spürst Du dazu Lust?«

»Ich auf einen Baum! Was denkst Du, Busso.«

»Besser auf 'nen Baum steigen, als auf die Leiter.«

»Und unsere Rosse mitnehmen?«

»Ja, die Rosse. Hast recht, die verrieten uns. Meinen Hengst kennt jedes Kind. Also fürs Durchbrennen stimmst Du? Auf Deine Verantwortung. Du bist der Ältere, also der Gescheitere. Nur bedenke auch, mein Pferd und ich bin schneller. Du bist ein tapfrer Mann, aber damals auf der Flucht bei Angermünde konntest Du nicht mitkommen.«

»Was Durchbrechen! Purer Unsinn!«

»Und zumal zu zweien. Das Gescheiteste noch, wenn einer von uns es versucht. Er wagt seine Haut, sieht wie es steht, und wo ein Loch ist. Geht einer drauf, ist doch der andere salviert, und wer weiß, wie er ihm nachgehends hilft. Laß uns losen, Wedigo!«

Wedigo wußte nicht eigentlich, wozu er losen sollte, als der andere die Steinchen in der Kappe schüttelte. Aber als er hineingreifen wollte, fiel dem Kumpane noch etwas ein: »Wir trennen uns, Vetter. Und wie Zusammenhalten bisweilen not thut zu guten Dingen, so zu andern Zeiten, daß sich Freunde scheiden. Dann kann's auch nötig werden, daß keiner den andern kennt. Wohl verstanden, Wedigo, wenn ich gefangen werde, nützt mir's nicht, daß Du mitgefangen wirst. Und muß ich hangen, was hilft's mir, daß Du mitbaumelst? Sorg Du für mein Weib, dann –« »Christus Jesus, sprich nicht so!« »Freilich ist's noch ein Trost für einen ehrlichen Kerl, wenn er einen Freund hinterläßt, der sich kümmert um die Seinen, und wenn sie ihn schimpfen, den Leuten sagt, daß er ein braver Mann war. Bei Gott, Wedigo, wenn ich Dich überlebte, ich thät' es. Würd' auch thun, was an mir ist, den Schuften, die Dich verrieten, es einzutränken, und, kannst Dich drauf verlassen, meinen letzten Groschen gäb' ich für Seelenmessen. Aber das Ding hat noch eine andere Seite. Gesetzt sie fangen mich, wenn ich herumspioniere. Würde in den Turm geschmissen, vor den grünen Tisch zitiert, sie fragten mich des langen und breiten. Was kann da ein Freund thun, der frei ist! Wenn sie Verdacht hätten, denn wir sind Vettern, so wüßte keiner etwas vom andern, das wär' die erste Bedingung. Nun laß uns losen, aber zuerst schwören, einer dem andern, daß er ihn nicht verrät, nicht kennt, nichts weiß von ihm. Also schwören wir –«

»Aber der Halunke schwört, daß wir unser zwei waren.«

»Was schwört nicht solch ein Hund! Freilich waren's zwei; aber der andere ist fortgelaufen, irgend wer, ein schlechter Gesell, ein Schnapphahn von der Straße, der Dich verführt hat, wollte sagen, mich. Schimpf' auf ihn, nenn' aber mich nicht, wollte sagen, ich werde Dich nicht nennen. Hier ist mein Rosenkranz, eingesegnet in Wilsnack. Darauf wollen wir schwören.«

Wedigo schwor wie Busso wollte, und loste wie Busso wollte, ohne eigentlich beides zu begreifen, warum es war. Das Los traf ihn. Er schaute sehr verblüfft den andern an und kraute sich hinter dem Ohr. Er wußte doch gar nicht, was er eigentlich sollte. »Nun mach Anstalt, lieber Vetter. Du wirst's am besten wissen –«

»Nichts weiß ich,« fuhr Wedigo auf. »Wie soll ich mich durchschleichen, bei meinem Leibe!«

»Das ist freilich wahr. Ich bin dünner; meiner Statur sind viele. Aber ein Los soll man nicht tauschen, durch das Los spricht Gott. Ein schweres Stück bleibt es, und wenn sie mich fangen – was würde Dich das gereuen.«

»Kreuz Element! das ist doch eine verfluchte Zeit. Wenn man's nur allein mit dem Bürgerpack zu thun hätte.«

»Das sag' ich ja auch. Aber wenn gute Edelleute einem nicht beistehen dürfen. Nun, wenn Dir der Kurfürst begegnet, wirst Du mit ihm ein adlig Wort zu reden wissen.«

»Nein, nein, und dreitausendmal nein. Mach' Du's aus, ich bleibe hier.«

»– Vetter, ich laß Dich ungern,« sagte nach einer Weile Herr Busso und schüttelte ihm die Hand, »aber da Du's willst – ein Wort ein Mann – ich gehe. Denk' an den Schwur und bete für mich.«

Woran Wedigo dachte, und ob er im stillen betete, als Herr Busso leis sein Pferd bestiegen und durch die Schlucht nach dem Strande zu geritten war, steht in keiner Chronik geschrieben. Er war auch kein Mann, der das Denken liebte, und überließ es gern andern. Ausgestreckt lag er da, die Hände unterm Kopf, und schaute zum Himmel, und den Krähen zu, die in verdrießlicher Nähe über ihm flatterten, und das brachte ihn auf den ersten Gedanken: daß nämlich solch ein Vieh es besser hat als in gewissen Lagen ein Edelmann vom reinsten Blute. Dann fragte er sich, womit er das verdient? Denn er war im Grunde ein gutmütiger Mann, der keinem etwas zuleide that, der ihn nicht reizte, oder ihm nicht in den Weg lief. Wenn er einem aufgelauert, so hatte es immer einen Grund. Entweder er hatte ihm abgesagt, oder ein guter Freund, oder der Kaufmann gehörte zu einer Stadt, die es mit einem seiner Freunde verdorben; oder es war irgend sonst was vor alters geschehen, was nun vergolten werden mußte. Also glaubte er sich immer im Rechte und begriff schwer, wer ein Recht haben sollte, ihm in sein Recht zu greifen. Hier war es freilich etwas anders. Aber er fragte sich: wie hat ein solcher armseliger Wicht überhaupt ein Recht? Und war's nicht eine bare Herausforderung, mir nichts dir nichts durch den Wald seinen Karren zu treiben, wo zwei Ritter ritten, ohne sie um ihren Schutz anzusprechen! – Und warum pochte ihm doch hörbar das Herz, als der Wind abermals Waldhorntöne zutrug, und es kam immer näher? Was Beten anlangt, so betete Wedigo an den Tagen und Stunden, wo es ihm sein Priester geheißen: aber nie sonst und nie ein Wort mehr, als er auswendig gelernt. Aber außer dem Priester lehrt auch die Not beten. So klammerte er izt die Hände zusammen, und alle Gebete, die er wußte, und alle Heiligen rief er, die er kannte.

Ach die Waldhorntöne, sonst so herzerfrischend in der grünen Heide, wenn es hügelauf, hügelab geht, wie schrecklich klangen sie heute, wie Zetertrompeten zum jüngsten Gerichte. Und dazwischen aus weiterer Ferne das lange Horn derer zum alten Berlin. Und noch schrecklicher das Heulen und Klaffen der Hunde, hier und dort, links und rechts. Wirklichkeit und Widerhall. Er hatte auch einmal die Hunde gehetzt auf einen, und war ein lustiger Tag für ihn und seine Kumpane gewesen, des er sich gern erinnerte, wie der Kerl gesprungen und gestürzt und geschrieen und sich gewälzt, und sie galoppierten hinterdrein und knallten die Peitschen und hetzten die Bestien. Der Kerl hatte es verdient, den Braten samt dem Spieß aus der Burgküche gestohlen. Itzo fühlte Herr Wedigo, wie dem Kerl damals zu Mut war. Er hatte es auch verdient. Und immer näher schmetterte es und hallte wider, hier rufend, dort lockend und antwortend, das schrille Pfeifen, das Rossewiehern. Wie sie sich zuriefen, die Jäger, und lachten! Und immer stärker das Geheul und Klaffen der Rüden vom Wald, vom See. Das dürre Laub raschelte, er hörte ihre Sprünge, wie die Meute hinein brach und wieder heraus, jetzt ganz dicht hinter ihm, nein vor ihm. Da stand ein Tier auf der Höhe, mit funkelnden Augen, weit aufgerissenem Rachen, die Zunge heraus, und eine Reihe Zähne, um einen Eber zu erwürgen, glänzten ihm entgegen, ein Hund, groß und stark, um allein ihn niederzureißen. Und nun schlug er an, und sein Ruf dröhnte durch die Kiefern, und im nächsten Augenblick züngelten zehn giftige Mäuler ihm entgegen.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.