Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/alexis/roland2/roland2.xml
typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090602
projectidc10c8d63
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Es war der Zug Berlinischer Burschen, so Henning Mollner, des alten Mollners Sohn, anführte, als wir oben sagten, zwar durch das Oderberger Thor hinausgesprengt, aber nicht auf der graden Straßen, sondern sobald sie über der Brücken waren, hatten sie sich links geschlagen, in den Wald hinein, der da anfängt. Aber dort war es noch nicht dicht; es waren viele nackte Sandhügel, und dazwischen lagen Wassertümpel und Moräste mit grünem Wiesenwachs und Schilf, und alte Weiden wuchsen zu Füßen der Hügel.

Der große Kiefernwald, von dem jetzt nur noch ein Stücklein übrig blieben, und die Jungfernheide heißt, fing erst jenseits des kleinen Flüßleins an, so, von Bernau kommend, am Hofe Wedding, vorbeifließt, wo es in einen Graben geleitet war, der das alte Schloß umspülte und unterhalb der Stadt Berlin in die Spree fällt. Von da ab ward der Wald sehr dicht und finster, und war's niemand geraten, daß er sich allein hineinwagte. Der Wald aber war ein groß Dreieck. Gegen Mittag von Berlin nach Spandow schnitt ihn die Spree ab und ihre Wiesen, und der Weg zwischen den beiden Städten führte Winters und zur nassen Zeit durch den Wald selbst. Gegen Abend bekränzte ihn die Havel, die viele und große Buchten, die zu Seen wurden, hineinschnitt. Dann ist die Straße, die vom alten Berlin gen Bötzow führt (Oranienburg), die dritte und längste Seite: aber die schneidet der Wald nicht streng ab, denn er geht über sie fort und gen Morgen in den Barnim hinein, wo es noch viele Wälder hatte.

Über das Flüßlein, das die Panke genannt wird, und Sommerszeit von schönen, großen Landbäumen umschattet ist, führte nur eine schmale Brücke, wo je nur ein Mann zu Roß hinüber konnte. Und so unscheinbar das Wasser fließt, möcht' es doch keinem Reitersmann geraten haben, so die Gegend nicht genau kennt, daß er durchsetzte. Denn ist gar tief an etlichen Stellen, und der Boden an beiden Seiten unsicher. Ist schon manch Berliner Kind beim Baden drin ertrunken. Wer sollt's glauben, der das Flüßlein ansieht; meint man: halte den Fuß vor, und dann hört es auf zu fließen.

Darum ließ auch Henning seine Leute, die ihm folgten, hier halten und stellte sich an die Brücke, derweil sie einer um den andern hinüberritten, und dauerte das lang genug, da es an die zweihundert waren, die ihm sich angeschlossen; nicht zwar alle zu Roß, denn es war mancher Bub darunter, der nie den Fuß in einen Steigbügel gethan, aber es juckte ihn doch mitzulaufen auf den Spaß, wenn's auch Beulen gab. Wo der Henning voran war, da gab's etwas. Das war lustig anzuschaun, wie sie sich gewappnet hatten; was das Glück jedem gab und gute Nachbarn. Der hatte eine Pickelhaube und jener einen Küraß, der ging barhäuptig, hatte aber ein Paar alte Schienen um die Arme; der lief barfuß in Holzpantoffeln, hob aber einen gewaltigen Schild. Es waren ihrer aber schon etliche, die waren gewappnet, als wenn es in ein heißes Treffen ging, Pickelhauben auf dem Kopf, und Brustharnische umgeschnallt; die von den Kupferschmieden, die doch allezeit was voraus haben wollten, hatten schwere Schienen um Arm und Beine gethan, als gälte es keinen Schnapphahn im Busch aufjagen, vielmehr ein Turnier, oder eine Prinzessin einholen. Muß es doch überall närrische Leute geben, warum nicht zum alten Berlin? Die von den Knochenhauern, ein paar kecke Gesellen, waren noch zum besten armiert, wie es sich zur Gelegenheit schickte; Lederwämser trugen sie um, die schon manchen Streich aufhielten, und kurze Spieße, und scharfe Messer an der Seiten. In Summa, konnte die Schar auch kein festes Schloß stürmen, ihrer genug waren's doch, um ein Rudel Raubgesindels, und wären's auch über hundert, aus dem Versteck zu treiben.

Während die also über das Brücklein ihren Weg zogen und sich drüben aufstellten, wie es der Anführer geheißen, und es dauerte eine ganze Weil, rief der Henning den Hans Makeprang an sich, der auf einer alten Mähre saß, wie sie ihm der Baltzer aus Gnaden gegeben; Henning aber ritt ein herrlich hohes Roß, es war ein Rappe, das beste Tier, das der Roßtäuscher in seinem Stalle hatte. Überhaupt die beiden zusammen zu sehen, das war ein lustig Bild davon, wie es verschieden in der Welt ausgeteilt ist. Der Henning mit einem Panzerhemd angethan, das wie Sammet um seine starken Glieder schloß, und auf dem Kopf eine leuchtende Pickelhaube, und das Gesicht und die Glieder strahlten und hüpften ordentlich vor Lust an dem, was nun kommen sollte. Und sein Aug' schaute allerwegen hin, und es entging ihm nichts in der Luft und im Walde; und er kannte jeden einzelnen, wie er übers Wasser kam; und sein Roß, das auch vor Lust sich bäumte, regierte er mit den Lenden, derweil sein Arm mit dem Morgenstern spielte, der wie eine leichte Ballkugel ihm in der Hand schwebte. Und wie er stolz und aufgerichtet im Sattel saß, so krumm und gebückt saß der arme Hans Makeprang, und schaute überall mißtrauisch hin. Die linke Backe war blutrünstig von einer Schmarre, die ihm der Räuber versetzt mit seinem Stahlhandschuhe. Sonst war er breitschultrig und klein, der es wohl mit einem oder zweien aufnahm, die nicht besser waren als er selbst. Jetzt schlotterte er aber an allen Gliedmaßen, und sein Gesicht, das niemalen so gewesen, daß ein Mägdlein es mit Lust ansah, schaute nun so, daß mancher gern davonlief. So bös, und furchtsam schielte er; und wer verargt's ihm, denn die Gesellen, die auszogen, wie sie sagten, für sein Recht, höhnten ihn; und wußte er, wenn sie den Karren wiederkriegten, ob sie's ihm wiedergaben, oder was jeder nehmen würde für sich? Und weil er sich unterweilen die Schmarre mit dem Ärmel wischte und damit übers Gesicht fuhr, so war das ganz rot gefleckt und sah aus wie eine Blutwurst. Seine Kleider waren aufgerissen. Und wie der Mann, so die Mähre. Lieber Gott, es giebt doch viel Elend auf der Welt.

Und Henning war's am wenigsten, der sich sein erbarmt hätte; denn er that mehr, er zog aus, um ihm sein Gut wiederzuschaffen. Darum hatte er ein Recht, daß er ihn aufzog.

»Nun, Du Sohn von einer Mutter, der keinen Vater hat, schämst Du Dich, daß so viele gute Christen, deren Väter im Kirchenbuch stehen, um Deine Lumpen ihren Mittagsschlaf vergessen? Seit der Bär über Berlin brummt, ist das nicht fürkommen, daß zweihundert ehrliche Söhne um einen Bankert auszogen!«

Hans Makeprang verzog sein häßlich Gesicht noch grimmiger; »Krieg ich sie –«

»Was dann. Hans?«

»An Haut und Haar soll's ihnen gehn.«

»Zieh ihnen das Fell ab, und Dir über, so sagt man vielleicht, Du steckst in einer bessern Haut als man dacht. Aber sie sagen, Du betrügst die Leute auf dem Lande wie ein Jude, und in der Stadt verkaufst Du Katzenhäute für Hasenfelle. Vielleicht waren die Kerle, die Du Räuber schiltst, vom Femgerichte, und mit einem Strick Dir nachgeschickt. Schade, daß sie nur Dein besser Teil fingen und Dich der Stadt ließen. Es hatte ihr einen Strick erspart!«

»Herr! Mit der Feme ist nicht zu spaßen,« brummte Hans Makeprang.

»Hans, was schaust Du wie eine Gans? Der Himmel ist den Gänsen nicht erbaut.«

»Den Gottlosen auch nicht.«

»Das wirst Du freilich am besten wissen, wenn Dir Sankt Peter am Himmelsthor 'nen Fußtritt giebt. Bete, bete, Hans, mit Deiner Seele ist's so schlecht bestellt als mit Deinem Wams. 'S hat über all Löcher.«

»Wenn der Wolf die Gänse beten lehrt, frißt er sie fürs Lehrgeld,« brummte der ingrimmige Mann, und sah verwundert, wonach denn Henning im Himmel schaute. Da riß der ihm plötzlich die Armbrust, die Hans am Sattel führte, fort, spannte sie mit einem Ruck, legte den Bolzen drauf und richtete gen Himmel.

»Was will der Henning?« rief es. Da knallte schon die Armbrust, und der Bolzen zischte in die Lüfte, und dort kreischte es und schlug, und ein mächtiger Raubvogel, dergleichen man selten in diesen Gegenden sieht, kam herunter. Zuerst flatterte er noch mit ausgespreizten Flügeln, während die hellen Blutstropfen niederfielen auf den glatten Schnee, und es sah schrecklich aus, der Kampf zwischen Leben und Tod in den Lüften, und seine Augen glühten; dann als die Kraft ausging, stürzte er immer schneller und schneller und schoß zu Boden.

So hoch war der Vogel, daß viele ihn gar nicht gesehen, und Henning war nicht dazu vom Roß gestiegen, sondern hatte es festgehalten mit den Lenden, daß es sich nicht rührte, als er zielte. Und so gezielt hatte er, daß der Bolzen in den Hals gegangen. Als sie das sahen, konnten sie aber ihren Jubel nicht zurückhalten. Einige klopften dem Henning, der jetzt aus dem Sattel sprang, auf die Schultern, und ein anderer sprach zum Krämer: »Hans Bankert, Du kannst von Glück sagen. Das ist ein Zeichen. Nun treffen wir Deine Raubvögel auch.«

»Ach was! Nichts weiter ist's,« rief Henning, »ich brauch einen Federbusch, denn ich bin Euer Anführer,« und damit sprang er auf das Tier zu. Das war aber noch nicht tot, sondern es schlug gegen ihn mit seinem krummen, langen Schnabel, daß ihm die Hand blutete, und seine Augen rollten schrecklich in Todeswut. Da mußte der Junge mit dem Fuß es niedertreten, und auch da wehrte es sich noch erschrecklich; es war ein starkes Tier.

»Wollen doch fertig werden mit Dir, wie noch mit manchem andern,« sprach er und riß ihm nun den Flügel aus, und nachdem er ihn geschwenkt, daß er das Blut ausspritzte, steckte er ihn als Federbusch auf die Stahlhaube. Ein Tröpflein Blutes war ihm auf die Wange gespritzt. Nun erst sah Henning schreckhaft aus. Er schwang sich wieder aufs Roß und sprengte nun rechts und links und teilte seine Leute, wie er sie kannte und brauchen wollte. Die besten Reiter und die am leichtesten waren in Leder und auf schnellen Rossen, hatte er gleich anfangs, es mochten etliche sechzig sein, vorausgeschickt auf die Straße gen Bötzow, und einen rüstigen Mann ihnen zum Anführer gegeben. Sie sollten acht haben auf alles, und wer des Weges käme befragen, auf daß die Schnapphahne nicht über den Weg kämen. Denn er wollte sie einschließen in dem Walde, und deshalb sollten sie in den Hütten an der Straße, und wo ein Kreuzweg darüber ging, Leute in die Büsche legen und sich mit Pfeifen und andern Zeichen verständigen.

Nachdem das aber geschehen, musterte er die andern; und die schwer geharnischten und die barfüßigen Buben, ihrer hundert zusammen, die verteilte er in den Wald so, daß sie sich an der Spree hinziehen mußten gen Spandow, und von da ab die Heide Schritt um Schritt durchstreifen, und was sie Verdächtiges fänden, das sollten sie nach Mitternacht treiben, wo es den Reitern, die gen Bötzow vorausgeschickt waren, oder ihm selber in die Hände fiele. Da er nun die Mehrzahl seiner Leute von sich geschickt und ihnen nachschaute, hub er mit einem Male den Finger gegen Hansen Makeprang, den Krämer: »Hans! Diese hundert gute Bursche steck' ich zu Deinem Frommen in die Heide. Hast Du schlecht Spiel mit uns oder loses Wort gesprochen, so Gnade Gott Dir! Ist nur ein Wort falsch, und kommt einer zu Schanden, weil Du uns mit Arglist verlockt, so klopf' ich beim nächsten Tümpel das Eis, das darüber ist, mit Deinem Schädel entzwei. Der Henning spaßt nimmer mit einem Schuft.«

»Ich will küssen die Knochen aller heiligen Märtyrer,« rief der Krämer, »das ist wahr.«

»Schwör' auch beim Blut von Wilsnack –«

»Ich schwöre beim Blute von Wilsnack, daß all dem so ist, als ich gesagt.«

Nun der Krämer auf das heilige Blut von Wilsnack geschworen, war aller Verdacht fort; Henning setzte sich ruhig in den Sattel, kneipte den Hans ins Ohr und sprach: »Nun, Hans, auf die Fährte, und rieche gut.«

Sie mochten schon über Spandow hinaus sein, das ist nach Mitternacht zu, und hatten noch nichts funden, was sie auf die Spur brächte. Die paar Holzschläger, so sie antrafen, hatten auch nichts gesehen; waren arme Wenden aus Reinickendorf und da herum. Denen ist aber nicht zu trauen, denn so sie auch die Räuber sehen, so drücken sie die Augen zu und machen, daß sie fortkommen. Denn was hilft's ihnen, das Angeben und Zeugen, wenn's die Herren von der Stadt fordern? Die Herren sitzen hinter ihren dicken Mauern, aber sie kommen ihnen nicht zu Hilfe, wenn die Freien nachts dem kleinen Mann das Haus über dem Kopf anstecken, aus Rache. Und das ist noch nicht das geringste: denn ein Haus baut man morgen wieder, der Lehm ist vor der Thür und der Wald auch. Aber wenn sie den Schädel einschlagen, wer leimt ihn wieder zusammen, und wenn sie das Schwein aus dem Stall treiben, wer bringt's dem Bauer wieder?

Also ritten sie itzt durch eine tiefe lockere Sandfläche, an deren Ende der Weg sich teilte. Da sagte der Anführer:

»Hier ist Zeit, Hans, was dort nicht war, daß Du uns die Geschichte ganz erzählst, wie Du angefallen wardst, und wie die Schnapphähne ausschauten. Und alles, versteht sich, aufs heilige Blut von Wilsnack.«

»Das ist kurz abgemacht, so lang das Lied auch ist,« brummte Hans Makeprang. »Ich zog in Früh aus mit meinem Karren; denn in der Nacht, meint' ich, wo doch itzo keiner des Wegs zieht, werden die Schnapphähne auch nicht auf sein.«

»Da ging Deine Klugheit zum ersten Male fehl,« fiel Henning ein.

»Aber weil der Mond aufging und die Straße hell war, dachte ich, 's ist geratener, du biegst in den Wald ein, wo's duster ist. Wer wird da in einer Februarnacht liegen, wo nichts zu holen ist.« –

»Da ging sie zum zweiten Male fehl, Hans.«

»Also trieb ich den Gaul in den Holzweg. Wenn's Tag würde, wollte ich wieder nach Spandow einlenken.«

»Da warst Du also auf dem Holzwege.«

»Ich kannte den Wald wohl genau, aber ich muß zu weit links mich gehalten haben; denn nun war ich nicht mehr auf dem Holzwege.«

»Du bliebst doch auf dem Holzwege,« unterbrach Henning.

»Nein, ich kam beim großen Plötzensee 'raus. Der Mond glitzerte so kalt auf dem halb gefrorenen Wasser, und es sah mir gleich recht grauslich aus. Da stolperte der Gaul über eine große Wurzel und nun wußt' ich, was die Glocke geschlagen hat. Kreuzte mich und sprach drei Aves; aber 's war zu spät.«

»Sagte Dir immer, Hans, hättest früher sollen beten lernen.«

»An dem See ist's nicht geheuer. Wenn Eis drauf liegt, und der Wind geht, seufzt's abscheulich. Und so itzt auch, und die Schatten der großen Kiefern nickten auf dem Spiegel. Wie ich auch den Gaul antrieb, er kam nicht aus dem Schritt.«

»Weil Du ihm keinen Hafer giebst, wenn Du ihn nicht stehlen kannst.«

»Ach Herr, da habt Ihr unrecht,« sagte Hans Makeprang. »Grade gestohlener Hafer, der bringt das Vieh auf die Beine, aber –«

»Am Plötzensee stiehlt man keinen.«

»Es war zwischen vier und fünf. – Schlag vier hatte ich noch deutlich von Unser Lieben Frauen Kirchen gehört – da hörte ich plötzlich Pferdehufen hinter mir, und zweie, die fluchten. Ging mir durch Mark und Bein. Hätte mich in den Wald drücken mögen, aber mit einem Karren und Gaul, wo nimmt ein Vieh Vernunft an! Und sie trafen mich noch auf der lichten Stelle am See. Es waren ihrer zwei, wie ich sagte. Die Rosse waren schon gut, und sie waren bis über die Ohren in steifen Frieskitteln. Schon atmete ich wieder auf, denn sie waren in heftigem Gespräch und sprengten im Trabe an mir vorüber, als merkten sie mich nicht über das, was sie mit'nander stritten.«

»Über was stritten sie?«

»Du lieber Gott, in der Angst, wer hört da zu! Und was kann das auch sein, was solch niederträchtiges Raubgesindel mit'nander spricht. Wozu ist denn das Donnerwetter oben, wenn es nicht niederschlägt auf solche Menschenkinder, solche blutrünstige Hunde.«

»Es ist ja Winter; das Donnerwetter ist für den Sommer.«

»Solche Pestilenzschufte, solche höllischen Kehlabschneider, solche jüdische Würgengel.«

»Hans! Thu ihnen nicht unrecht. Christen werden's gewesen sein, und besser getauft als Du –«

»O, daß sie im Taufbecken ersoffen wären! Da wär' doch noch Gerechtigkeit unterm Himmel. Christen, freilich waren's Christen; sie sprachen vom Köpkin Zarnekow; dessen entsinne ich mich jetzt. O die erbarmungslosen, höllischen Hunde!«

»Vom Zarnekow! Ei sieh da!« rief Henning. »So sind's am Ende Herren vom Adel. Hans, nimm Dich in acht, daß Du die Juden nicht schiltst. Aber weiter! Sie kehrten nun wieder.«

»Waren schon im Walde, und sah nichts mehr von ihnen, hörte nur ihre Schwerterscheiden klirren, und kreuzte mich wie einer, der vom Alp aufwacht, als sie plötzlich Halt machten, und leis mit'nander sprachen. Sie stritten auch da wieder; der eine mochte wohl nicht auf der Stelle dran. Aber mit einem Male lachten sie beide auf, und das schnitt mir wie Höllengelächter in die Brust; denn nun machten sie beide Kehrt und trabten auf mich los. »Du Lumpenhund!« schrie der eine, der längere, »wie kannst Du Dich unterstehen durch den Wald zu reiten, und fragst uns nicht um Erlaubnis.« – Ehe ich noch einen Laut vorbringe, ist der andere auch schon heran, der Dicke nämlich –«

»Also einer war lang und der andere dick?«

»Und der schrie: »Weißt nicht, daß uns der Wald gehört? Du Hund von einem Juden. Verdientest, daß man Dir das Leder vom Leibe zöge, weil Du keinen Respekt hast.« Ich hatte nun die Sprache verloren und wußte nicht, was ich that, da ich das Pferd peitschte. Da kriegt' ich einen Schlag mit dem Stock über die Mütze.«

»Daß Dir Hören und Sehen verging.«

»Nein, da erwacht' ich erst, und wußte, wie es war. Der Lange schrie dabei: »Die Frechheit geht über das Maß,« und der Dicke wollte sich ausschütten vor Lachen. Ich lag nun auf den Knieen beinahe unterm Pferd, und umfaßte des Gauls Schenkel, als sei's mein Heiliger. Nun forderte der Lange von mir, daß ich die Matten aufschneide, daß sie sähen, was drein sei? Da schoß mir's zu Kopf, und das Blut, war's mir, als müsse es das Herz sprengen; ich sprang auf und warf mich drauf: das ist mein; 's hat keiner ein Recht zu!«

»Da ist Dir was recht Dummes zu Kopf schossen.«

»Will der Racker auch reden!« schrie nun der Lange, und eh ich's mich versah, gab er's mir mit dem Stahlhandschuh auf die Backen, daß ich fortflog gegen einen Baumstamm, und liegen blieb, ich weiß nicht wie lang.«

»Die wußten's, wie man mit Dir reden muß,« sagte Henning. »Nicht mal ein Schwert gezogen! Das waren feine Leute.«

»Als ich nun aufwachte,« fuhr der Krämer fort: »war's mir doch, als hört ich schon die Engel im Himmel pfeifen. Das schmerzte wie Höllenbrand, und es war Frost kommen, und die Räder meiner Karre knarrten, sie stießen und hieben auf den Gaul, und der eine Räuber lachte immerfort. – O Ihr Heiligen im Himmelreich, wie mir da zu Mute war! Ich raffte mich auf, ich schrie, weiß nicht mehr was, ich stürzte ihnen nach und klammerte mich ans Rad. Hätten mich rädern können; wäre nicht schlimmer worden, als es war. Da rief der eine: »Was quäkt die Kröte noch?« und der andere: »Spitzbub' von 'nem Bauerlümmel, was hast Du hier anzuhängen! Die Mähre zieht schwer genug ohne Dich.« – Herren! schrie ich, gnädige Herren! Um Gottes Erbarmen willen, das ist mein, mein einzig Hab', mein Seel' und Gut. – »Du Rabenaas!« schrieen sie nun beide, »Du wendischer Hund, wie kannst Du sagen, was unser ist, wäre Dein.« Und mit den Sporen nun mir in den Nacken und in die Seite.«

»Brave Leute!« rief Henning, »keine blanke Waffe gebraucht.«

»Aber ich,« fuhr der Ingrimmige fort. »Waffen hatte ich nicht, aber ein Stein lag am Wege; der traf den Langen ans Kinn, daß er auf dem Roß taumelte, und ich wette, bis Palmsonntag ist er geschunden.«

»Und sie legten Dir nicht das Handwerk?«

»Freilich schimpfte und spuckte der Lange, und drehte sein Roß nach mir, aber ich war zwischen den Bäumen und schimpfte wieder, und schleuderte Stöcke und Steine. »Kröte, ich häng' Dich an Deinen Gedärmen auf!« rief er, und war vom Pferde, und der Dicke auch. Der rief: »Den Hund muß man stumm machen. In den See mit ihm; die Plötzen kriegten lange kein Fleisch.« – »Er soll zum längsten gebellt haben,« schrieen sie beide und hinter mir drein. Ja, zu Roß, Ihr Rabenmäuler, Ihr Kirchenräuber, Ihr satanischen Buschklepper, die Gott in alle Ewigkeit verdamme, wenn eines ehrlichen Mannes Gebet was gilt, da wär's gangen. Eine Viertelstunde hinter mir drein; mir wurde heiß. Sie hätten mich gespießt, aber ich warf ihnen noch manchen Stein in den Weg. Und mein Schreien, das schreckte sie auf die Letzt.«

»Und sie zogen ab, da sie zu schwere Stiefeln zur Hasenjagd hatten.«

Hätte er das fröhliche Lächeln auf des Jünglings Wangen in seinem Ingrimm bemerkt, der Krämer, hätte er doch schwerlich erraten, um was es war. Henning freute sich. Denn das waren keine gemeinen Schnapphähne, die nirgends ein Obdach haben als den Graben am Wege und die Kneipe, wo der Zigeuner und Jude verkehrt. Es mußten edle Leute sein, die um solchen gemeinen Kerl keine scharfe Waffe ziehen. Also wenn er sie finge und in die Stadt brächte, zwei Edelleute, die er auf Raub gefangen, was mußte das ihm mehr Ruhm bringen und Ehre der Stadt, als wären's zwei vom Gesindel, die man hängt, wo man sie fängt, und fragt niemand danach. Ihre Gesellen mögen sie danach abschneiden und einscharren, wo's ihnen gefällt; das hat auch nichts auf sich.

Nun fragte Henning noch mancherlei: wie die beiden ausgesehen, wes Farbe ihr Rock und wie ihre Sprache geklungen, worauf alles der Krämer nur wenig antworten konnte. Denn so einer einen Schneider durchprügelt, fühlt der auch nicht, wie fein des andern Tuch ist, sondern wie hart sein Stock; und bei Nachtzeit obendrein. Wie aber Henning fragte: ob er sich getraute, sie wieder zu erkennen, bei Tageslicht, und zu schwören drauf, knirschte der Makeprang mit den Zähnen: »Ich will schwören.«

»Du, schwöre Dir keinen Meineid an den Hals.«

»'S wird viel geschworen auf der Welt, was nicht wahr ist und niemals wahr wird, was kommt's da auf ein bißchen Falschheit an bei solchen niederträchtigen, gottverdammten Habichtskrallen. Mit Teer müßt' man sie alle bestreichen und anzünden, daß sie als lebendige Höllenbrände dem Satan in den Rachen laufen.«

Der Krämer schimpfte noch eine Weile sich aus, als sie nun dem Wald wieder nahe kamen. Henning sah immer nur auf den Boden hin.

»Hans, wir finden die Spur nicht. Was fängst an, wenn Deine Lumpen zum Teufel sind?«

Der Handelsmann verzog sein häßliches Gesicht dermaßen, daß jeder, der's sah, doch an den dachte, den kein guter Christ nennt, und des Namen doch Henning eben anführte. So breit ward sein Mund von dem häßlichen Gelächter, und die Backen schwollen und die kleinen Augen traten glänzend 'raus.

»Was anfangen, Herr! – Wann ehrlich Verdienst aus ist, fangt der andere an. Die sie aus der Stadt ausweisen, wo gehn sie hin? Keine andere Stadt nimmt sie auf. Die Heide ist breit.«

»So!« rief Henning. »Also auf gradem Wege zu den gottverdammten Habichtskrallen.«

»Die sind auch nicht so schlimm, als Ihr meint. Weiß ihrer, die dreimal des Jahrs zum Abendmahl gehn, und mancher schenkt vor die Marienbilder Kerzen so groß, daß ein Graf sich schämen könnte. Der eine, er diente drüben bei den Stellmeistern, nachher trieb er's auf eigene Hand im Mecklenburgischen, der schenkte der Mutter Gottes in Wilsnack 'nen Rock, rot mit goldenen Blumen, der hätte einem Markgrafen Ehre gebracht. Voriges Jahr haben sie ihn in Rostock gehängt. Hätten auch säuberlicher mit ihm umspringen mögen, denn er war ein guter Christ. Wer dran mußte, daß er ihn umbrachte, damit er ihn nicht verriet, den ließ er vorerst zehn Minuten beten. Darüber ward der arme Schelm griffen. Neun Juden hat er in seinem Leben aus der Welt geschickt, die ließ er nicht erst beten. Es war eine rechtschaffene Seele, nicht wie viele. Hab' manches Gläslein mit ihm getrunken; er bezahlte immer gut, wenn ihm die Sachen gefielen, und handelte nicht, wie das Volk in der Stadt.«

»Hast wohl schon ehelängst Bekanntschaften da draußen?«

»Wie könnt' ich sonst durchs Land ziehen mit meinem einen Pferd! Ja, der Städte ihr Geleite, das man bezahlen muß, ein Hufeisen ist's, was nicht fest sitzt; es hilft nichts, und das Roß wird wund. – Bekanntschaften hab' ich schon noch ihrer genug, bei denen vom hohen Flemming, drüben bei den Salzwedelschen, bei den Freien in Barnim auch, auch da im Spreewald. Das bißchen Naß und Kalt zur Winterszeit abgerechnet, leben manche besser als das Volk in den Städten. Wild immer vollauf; ein Schwein, ein Schaf, eine Kuh, das darf auch keine Woche fehlen. Und was Achtung haben die Bauern vor ihnen! Wie vor 'nem Edelmann bleiben sie stehen und ziehen die Mützen; und wenn einer in ein Haus tritt, da fliegen die Weiber und Kinder, ihm's Gläslein vollzuschenken. Er kann ruhig auf der Bank schlafen hinterm Ofen, wenn's Haus einsam liegt.«

»Dich grämt's wohl, daß Du nicht längst ein Schnapphahn wurdest?«

»Wär ich's nur längst worden – aber man muß auch da früh kommen.«

»Da flögst Du längst schon in den Lüften, die Vögel hätten Dich vom Galgen gestohlen. Aber Hans, wenn Du auf so gutem Wege bist, wär's ja am gescheitesten, wenn wir die Schnapphähne laufen ließen. Wir griffen Dich und brächten Dich ein. Mein Seel, der Stadt würde viel erspart, und Du kämst auch schneller ans Ziel.« Das höhnische Gelächter der Leute schreckte den Krämer auf. Es klang gar ernst, was Henning zuletzt sprach, und er sah mit großen Blicken um sich; aber dann sagte er ruhiger, und die Augen schielten boshaft: »Ihr werdet's doch nicht thun, Herr Henning Mollner. Denn so Ihr jeden fangen und richten wollet, der einmal der Stadt Schaden thun wird, dann müsset Ihr manchen Mann hängen, der itzt stolzer zu Roß sitzt als der arme Hans Makeprang.«

Nun waren sie am Walde, wo der Weg sich teilte. Da sprang einer vom Pferde und suchte am Boden, wo noch lockerer Schnee lag, und mit einem Male schnalzte er mit der Zungen und hob den Finger. Hatte eine Spur funden, Huftritte, die in den Wald 'nein gingen, und die vier folgten ihnen, und hatte jeder Luchsaugen und that, was an ihm, daß es still abging. Nur Hans Makeprang schüttelte den Kopf; er sah wohl Pferd und Menschen im Sand, aber nicht die Radspur seines Karrens.

Und die Spur hatte sie nicht getäuscht. Als sie durchs Gestrüpp brachen, wo die Kiefern sich lichteten, und lag vor ihnen ein freier Platz, ein weniges tiefer, da standen drüben zweie, und unfern von ihnen waren zwei Pferde angekoppelt. Sie hatten weite Mäntel um von dichtem Zeug, und Kappen auf, die mit Pelzwerk ausgeschlagen waren. Der eine hielt eine Armbrust und der andere einen kurzen Spieß, wie er gut ist im Walde. Trugen auch tüchtiges Seitengewehr; und waren's Männer, denen man's auf den ersten Blick ansah, sie fürchteten sich nicht. Der eine war groß gewachsen und der andere kleiner, und ging mehr in die Breite.

Als Henning die sah, konnte er sich doch selbst nicht halten vor Lust; jauchzte auf und alle mit ihm, wie die Jäger, wenn sie den Hirsch vor sich haben; und brachen durch die Büsche alle vier. Die zwei, wie sie's sahen und hörten, wollten zu den Pferden. Das war nun aber zu spät. Der Anführer schrie: »Nicht von der Stelle, Ihr gebt uns denn Rechenschaft.«

Der größere wandte zornig den Kopf um, und seine Augen leuchteten groß und bös, indem er den Spieß aufhob: »Wem?«

»Davon wird nachher die Red' sein. Erst sollt Ihr mir sagen, wer Ihr seid,« antwortete Henning, und schwenkte den Morgenstern lustig zur Seiten. Seine Leute waren auch nicht faul, und wär's jetzt den Herren unmöglich gewesen zu entwischen, so hatten sie sich gestellt.

»Gesell! Zwischen uns ist ein Unterschied!« sprach der kleinere, mit seiner Armbrust etwas vortretend, als wolle er den andern schützen.

»Ihr seid zwei und wir sind vier,« rief dagegen Henning, »Ihr zu Fuß und wir zu Roß, und was mehr ist, wir sind ehrliche Leute, und was Ihr seid – das steht Euch nicht auf der Stirn geschrieben,« setzte er forschend hinzu.

»So!« sprach bei ältere, und war's fast, als ob ein Lächeln über seine hohe freie Stirn flog. »Und wofür hältst Du uns denn?«

»Mein kleiner Finger sagt mir, daß ich ein Paar ausgemachte Beutelschneider vor mir habe.«

Da sprang der zweite, der kleinere, drohend vor, schleuderte die Armbrust fort und zog das Schwert: »Hund, das sollst Du mir büßen!«

»Ruhig!« rief der große mit gebietender Stimme. »Man muß sich mit den Leuten doch zuvor verständigen. Sind vielleicht gute Leute, die ein gutes Wort annehmen.«

Henning pfiff über die Lippen: »Fangt Ihr mir so an! Ei seht doch. Zuvörderst, Ihr Ritter von der Nacht, dreht Eure Taschen um und klopft Eure Säcke aus. Dann wollen wir sehen, ob wir uns verstehen.«

Jetzt trat der größere um einen Schritt zurück, denn auch er meinte, er habe es mit Beutelschneidern zu thun, und der Zorn über die Keckheit färbte sein blasses Gesicht hochrot.

»Gnädiger Herr,« sprach der andere, »als ich recht sehe, kenn' ich von den Leuten. Sind von den mutwilligen Gesellen zum alten Berlin, die sich in den Schenken und auf den Straßen so viel 'raus nehmen, darüber mancher Ehrenmann schon geklagt hat.« –

»Mich dünkt, den einen kenn' ich auch,« sprach für sich der andere.

»Sollt noch mehr über uns klagen,« rief Henning. »So wahr ich Henning Mollner heiße, und Ihr seid, die wir suchen.«

»Wen sucht Ihr?« fragte der Hohe.

»Ein Paar, die Sporen tragen, just wie Ihr, die das Tageslicht scheuen, darum reiten sie des Nachts aus. Ihr seid ja auch wohl über Nacht geritten? Die einem ehrlichen Kerl das Seine fortreißen, wenn's ihnen in den Weg kommt. Ihr ließt es auch nicht liegen. Sagen, der Wald ist ihre und könnten Zoll nehmen, wie's ihnen beliebt; nehmen aber lieber alles, wenn man's ihnen nicht geben will. Nickst Du? Ist der Wald Dein? Holla, Herren, ein Paar Strauchdiebe such' ich, die den Mann hier nachts plünderten, rein auszogen am Plötzensee, ein Paar niederträchtiges Raubgesindel, die ich auffinden will, und wenn sie noch so heilige Gesichter machen, und der eine war lang wie Du, und der andere dick wie Du.«

»Das ist zu arg!« schrie des großen Mannes kleinerer Begleiter. »Weißt Du, Hund von einem Bürgersohn, mit wem Du sprichst? Runter vom Pferd und –«

»Halt!« unterbrach ihn ein strenger Blick des Begleiters, in dem viel lag. »Er weiß es nicht; sonst würde er anders sprechen.« »Aber Herr, der Gedanke allein –«

»Das ein Paar Ritter nachts einem Krämer auflauern, ist der zu Land hier so vermessen, Herr Otto Schliefen? Der Mann ward beraubt, wir sind zwei Ritter, er traf uns allein in diesem Walde, wo die That geschah. Das sind Verdachtsgründe genug, und es fehlt nur zweierlei, ein Zeuge, der uns bezüchtigt, und – das Recht des Burschen, danach zu fragen. He da, Herr Ritter mit dem Geierflügel, wo ist Dein Zeuge?«

Henning, der doch etwas betroffen war, auf was Art der Ritter so ruhig blieb, und ihm kam's itzt vor, er müßt' ihn schon gesehen haben, der sprach zu Hans Makeprang: »Sind's die?« Und Hans Makeprang schrie: »Ja, die sind's!« Denn er hatte keinen Augenblick gezweifelt, und war's ihm schon viel zu langes Gerede. Wie er so kochte in Wut, wäre er am liebsten auf der Stelle gegen die zwei losgesprengt und hatte sie niedergeritten, und das wollten die andern itzt auch thun, aber nun rief Henning ihnen auch ein Halt zu, das so gebieterisch klang, als des Ritters seines.

»Wir sind unserer vier, und können die uns nicht entkommen, aber die Sache muß noch ausgemacht werden. Runter vom Gaul, Hans, sieh Dir die Herren an, von allen Seiten, und dann mach's mit Dir aus, ob Du schwören kannst, ohne grad um Meineid an den Galgen zu kommen.«

»Gericht über uns halten!« rief Otto Schliefen in äußerster Entrüstung, und das Schwert flammte in seinen Händen. »Bei den elftausend heiligen Jungfrauen, das geht doch über den Glauben. Das ist zu viel, Herr! Ich duld' es nimmer.«

»Das Recht des Stärkeren!« lächelte der Herr, an eine Kiefer gelehnt. »Das ist das älteste Recht und gilt in aller Welt. – Zurück!« rief er aber plötzlich, und es war eine Stimme und ein Blick, davor sie alle, sie wußten's nicht wie, erschraken, zumeist aber Hans Makeprang, denn ihm galt es. Er hatte sich nämlich herangeschlichen an die Herren, um sie zu beäugeln, oder, man konnt's ihm zutrauen, ihnen hinterrücks eins zu geben. Aber so prallte der Hans ungeschickt zurück, daß er stolperte und überschlug lang auf die Erde. Seine eigenen Kumpane mußten lachen.

»Genug der Kurzweil!« rief der Herr mit stolzem Tone. »Ich will's nicht mehr. Wir sind Ritter, als Du siehst, vom Hof des Kurfürsten aus Spandow, auf der Jagd von den andern abkommen. Das Otto von Schliefen, des Markgrafen Freund und des alten Marschall Otto Schliefen Sohn; ich bin Friedrich von Tangermünde. Unser Ritterwort hier dafür, im Angesicht Gottes und seiner heiligen Dreieinigkeit, daß wir nicht den Mann da nachts anfielen, noch von denen wissen, die es thaten. Das ist genug, bei Gott genug, und wärst Du kein so junges Blut, es wäre schon allzuviel. – Zurück nochmals, denn stoß' ich in dies Horn, so sind in einer Minute fünfzig Reiter hier, die Dich um Dein Erkühnen züchtigen. Darum zurück! 'S ist gut gemeint.«

Der Ritter hielt sein Jagdhorn, bracht es aber nicht an den Mund. Auch Henning hielt still, wo er vorhin gehalten, und er war nun überzeugt, daß die zweie nicht den Hans Makeprang ausgezogen, sondern andere waren. Aber drohen ließ er sich nicht.

»Hoho, Herr Junker Friedrich von Tangermünde, den ich nicht kenne,« rief er, »wenn Euer krumm Horn da fünfzig ruft, so ruft das grade hier, wenn ich hineinblase, an die zweihundert. Die sind auf den Beinen, Und ich hab' auch nicht so viel Furcht vor Euren fünfzigen. Aber ich glaub' Euch aufs Wort, denn Euer Kinn ist ungeschunden.«

Ehe noch der Herr wissen konnte, was das bedeute, rief Hans Makeprang von der Erde, wo er noch immer lag: »Die sind's doch nicht.«

Henning war vom Roß gestiegen, denn er mochte dem Ritter nun auch zeigen, daß er sich nicht fürchte und ihm vertraue. Der Ritter bewegte sich nicht, auch that er, als hätte der Krämer das nicht für ihn gesprochen. Er winkte vielmehr dem Herrn Otto Schliefen, daß er die Pferde heranhole. Aber Henning lachte laut auf, und die andern lachten mit ihm, als er den Makeprang gefragt: woher er's denn nun wisse und vorher anders, und der geantwortet: »An ihren Sporen. Die tragen Rädersporen, aber die sie mir in die Seiten stießen, das waren Stachelsporen.«

»Herr Junker von Tangermünde,« sprach Henning, »der Mann nimmt seine Anklage zurück. Ihr seid nun frei und könnt des Weges ziehn vor uns, wo Euch beliebt.«

Da schaute ihn der Ritter, der itzt im Sattel sah, und Henning stand vor ihm, an. Es war etwas wie Zorn in dem Blick, aber doch auch flog wieder ein Lächeln über die Lippen. »Also auf des Mannes Klage wollte man uns fahen; und auf des Mannes Zeugnis läßt man uns wieder frei. Was meinst Du dazu, Otto?« Bevor der antworten konnte, und er saß auch schon im Sattel, und hätte er gewiß ein böses Wort gesprochen, nahm Henning das Wort: »Herr Ritter, so Eure Ehre dadurch geschädigt ist, daß der Mann falsch Zeugnis wider Euch ablegte, und Ihr's befehlt, so thun wir mit ihm als ihm recht ist. Dort ist eine Pfütze, wir könnten ihn einmal, auch, so's Euch recht ist, dreimal untertauchen. Dann wird er wohl besser sehen. Das Wasser ist frisch und treibt ihm den Schlaf aus den Augen.«

»Der Mann,« sagte der Ritter, »ist noch krank, und im Fieber, von dem, was er litt. Ihm darf man's nicht zurechnen, so er falsch zugriff. Aber den Richtern, so auf das Zeugnis eines, der blind ist vor Wut und Leidenschaft, selber blind handelten. Darum so will ich mit Euch rechten und fragen, wer Euch das Recht gab, uns hier anzuhalten?«

»Wer?« fuhr Henning verwundert auf. »Strauchdiebe fielen den an und nahmen ihm sein alles«

»Das ist bös. Und wenn der Mann sich selbst Recht geschafft gegen die Räuber, als sie's thaten, so war's sein Recht, Aber wer bist Du, und wer schickt Dich aus, die Räuber zu fahen? Bist Du ein kurfürstlicher Diener?« Henning lachte laut. »Oder ein Freibote der Feme?«

»Nicht mit Wissen, Herr Junker. Die nehmen nur Adlige.«

»So schickte Dich der Rat aus von beiden Städten?«

»Der!« sagte Henning mit komischer Miene. »Ach Gott, der weiß sich selber nicht zu raten.«

»Nun, fürwahr,« sprach der Ritter, »wer schickte Dich denn aus und gab Dir Gewalt über die zweihundert.«

»Ei, ich mir selber, Herr, und die guten Leute, so mir folgten.«

»Und wer bist Du?«

»Meinen Namen nannt' ich schon eh, und meines Zeichens bin ich ein Raschmacher.« Herr Otto Schliefen gab auf seinem Pferd sichtliche Zeichen des Unwillens und der Ungeduld, aber er schwieg; denn der andere Ritter blieb so ernst und gelassen, denn vorher. »Rasch bist Du, Gesell, das seh ich, und machst ab, was Dich nichts angeht,« sprach dieser.

»Bei meinem Heiligen!« entgegnete Henning. »Wer nicht rasch zur Hand ist, kann zu Haus bleiben. Die Herren vom Rate sollt' ich zuvor um Erlaubnis bitten! Die zerren sich und zanken, ob die Bratwurst mit dem dicken Ende nach Köln zu liegen soll, oder nach Berlin; aber ob einer, der nicht zu den Familien gehört, splitterfasernackt ausgezogen wird, das schiert sie nicht so viel.«

»Dennoch forderte Ordnung und Recht, daß Du zuvor Vollmacht von ihnen nahmst.«

» Die Ordnung, Herr Junker, gilt hier nicht zu Lande. Wer sich nicht selber hilft, dem wird nicht geholfen.«

Die Ritter schwiegen einen Augenblick, – »Aber sie könnten Dich als Friedensbrecher fordern. Du griffst ein in ihr Recht.«

»Was weiß da drinnen einer, was sein Recht ist. Jeder meint, alles, was er thut, ist recht, und was die andern thun, unrecht.« Der Ritter nickte seinem Begleiter zu: »Hörst Du, Otto!«

»Und zudem, Herr Junker, wenn Henning Mollner die Herren vom Rate zufrieden läßt, die lassen ihn zufrieden.«

»Du griffst aber,« fuhr der Ritter ernst fort, »noch in das Recht eines Höheren ein. Das Schwert, das richtet, ist des Landesherrn; an dem Kurfürsten und seinen Dienern ist es, die Übelthäter verfolgen. Der Grund ist sein hier. Hüte Dich, daß er Dich nicht fahen läßt und richten, weil Du in sein landesherrlich Recht eingriffst.«

»Der Kurfürst!« rief Henning erstaunt. »Was geht denn den der Hans Makeprang und sein Karren an! Und was schiert's den, so ich, Henning Mollner, die Räuber fange, die Hansen schlugen. Ja, wären's von des Kurfürsten Leuten, das wäre was anderes. So der Kurfürst nicht dulden will, daß wir die Strauchdiebe auf seinem Grund und Boden fangen gehn, so muß er sie selbst fangen. Das gefiele mir. Aber, Herr Junker, ohne Sorgen, der Kurfürst hat an anderes zu denken, als an solche Kleinigkeiten. Der fängt und schlägt sich mit den Mecklenburgern, der handelt mit Kaiser und Reich, und was ihm sonst gefällt; uns aber läßt er die Strauchdiebe und Räuber; und wenn's nichts weiter ist, so kein Bangen für den Henning Mollner, der fürchtet sich so wenig vorm Kurfürsten, als vorm Rat von Berlin.«

»Würdest Du das dem Kurfürsten selbst ins Gesicht sagen?«

»Warum nicht? Was des Kaisers ist, ist des Kaisers, und was mein ist, ist mein. Der Kurfürst mag seinen Leuten befehlen; aber ich hab' nichts von ihm zu Lehn. Das ist auch schlimme Rede von Euch, wißt Ihr's, Junker. Der Kurfürst, als ich's mir habe sagen lassen, möchte die Räuber auch gern fangen; aber sein Arm ist nicht lang genug. Nun, so einer seinen eignen Arm an des Kurfürsten seinen ansetzt, so mein' ich, 's wird ihm auch nicht unrecht sein. Nichts für ungut, Herr Junker, das mein' ich vom Kurfürsten.« Der Ritter wandte sich auf seinem Pferde etwas um und lächelte zu Otto Schliefen, dann sprach er: »Nun, es freut mich, daß Du den Kurfürsten so gut kennst. Wär's doch möglich, daß Du ihn heut noch im Walde träfst, da er hier auf der Jagd ist. Aber, Gesell, nimm Dich in acht, daß Du nicht gar den Landesherrn für den Dieb greifst, den Du suchest.« Dann wandte sich der Herr und wollte fortreiten. Aber plötzlich kehrte er um und sprach: »Hätt 'ich doch bald vergessen, daß Du Räuber aufsuchst, und muß mich am Ende bei Dir entschuldigen, daß ich Dich so lange auf falscher Fährte aufhielt. Mag's doch aber sein, daß ich Dir helfen kann. Also, wenn's Dir recht ist, sag' mir in Bälde, wie es mit der Sache steht.«

Da erzählte Henning, der nun auch wieder zu Roß saß, alles, was er wußte, wie sie den Hans Maleprang in der Nacht angefallen und ausgeplündert, wie er mit den zweihundert Berlinern ausgezogen, und wie er sie verteilt hatte und gestellt, und sie zu fahen hoffte, wenn er sie im Walde antreffe.

Zu dem nickte der Ritter wohlgefällig, denn er billigte im Sinn, was Henning gethan, und sprach bei sich: »Der hat gethan, wie ein fürsichtiger Feldherr.«

Dann sagte er aber laut: »Nun Gesell, ans Werk. Ich reite zum Kurfürsten, und wenn er hört, welche andere Jagd in der Heide los ist, wer weiß, ob er nicht selbst dazu blasen läßt.«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.