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Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel.

Auf seinem Hofe, unfern vom Oderberger Thor, stand Baltzer Boytin und hieß die Knechte die Pferde, die in ansehnlicher Zahl umherstanden, wieder in die Ställe führen. Die Knechte brummten, und ein älterer meinte: »Wenn er so mir nichts dir nichts die besten Rosse auf die Schindjagd giebt, was soll denn aus dem Geschäft werden! Die Tiere, wenn die sie wieder bringen, gehen ja vors Luder. Kein ehrlicher Christ kauft sie; und wenn wir noch so bürsten und färben, und teuren Pfeffer in die Kerben klemmen. Und's waren Prachtrosse aus Mecklenburg. Ein Fürst braucht sich ihrer nicht zu schämen.«

Ein zweiter nickte ihm verstohlen zu: »Ich diene ihm länger als Du. Aber das wäre nicht das erste Mal, daß seine Wirtschaft auf den Hund kommt.«

Ein dritter sagte: »Und Ihr seht doch nicht, daß er selber nur vom Pferde auf den Esel kam. Er hat itzo mehr Rosse denn jemals und sitzt im warmen.«

»Der Pferdehandel, wie er itzt geht, trägt's wahrhaftig nicht ein,« brummte der erstere, und der zweite sprach: »Und wo er seine liegenden Gründe hat, weiß auch kein Seel.«

»Schiert Euch das!« fuhr der Dritte fort. »Kriegt Ihr Euren Lohn darum weniger? Oder ist der Brei dünner und das Fleisch magerer? Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Unser Meister ist keiner von den gewöhnlichen. Wo er seine Mühlen hat, und wo er seinen Wind herkriegt, was geht's uns an, wenn seine Säcke nur voll sind. Andere färben und ölen und streichen ihre schlechten Mähren, daß sie für gut aussehen beim Verkauf; unser Herr giebt bisweilen gute Rosse für schlechtes Geld. Wißt Ihr, ob er nicht mehr damit gewinnt, als solch ein jämmerlicher Roßtäuscher, der sich über die Grenzen stiehlt und in den Vorstädten einliegt? He da, woher sind seine Säcke voll? Er versteht's, sag ich Euch. Er ist pfiffiger als einer. Er hört das Gras wachsen und weiß wohin die Vögel fliegen.«

Die Knechte krauten sich hinterm Ohr und thaten ihre Schuldigkeit. Der Herr war von ihnen gefürchtet, aber nicht geliebt. Das sah man, wie sie vor ihm zurücktraten, als er über den Hof nach einer hölzernen Stiege ging, die auf die Stadtmauer führte. Denn der Hof des Roßtäuschers lag dicht an derselben, und begrenzte ihn die Mauer, doch so, daß ein freier Verbindungsweg für die Stadtleute durch die zwei großen Thorwege seines Hofes führte. Auf die Stadtmauer, die viel höher war als itzo, und ein tüchtig Bollwerk gegen den Feind – und ist Berlin in alten Zeiten niemals, als die Chroniken recht berichten, von einem Feinde eingenommen worden – war jedem erlaubt zu steigen, der ein Bürger war; denn er war ein geborener und geschworener Soldat, der seinen Platz auf der Mauer hatte, wenn es den Feind galt. –

Herr Baltzer Boytin stieg auf einen der Warttürme, darauf man weit hinaussehen konnte über den Graben, der noch ist, ins Land und über die Straße; der Turm aber steht nicht mehr. Die Straße ging über die Stadt Bernow nach Oderberg, so eine berühmte Stadt war und ein Hafen und Stapelplatz und landesherrliche Niederlage. Aber hatten die Berliner seit den Zeiten Woldemars und noch früher dort Freiheit durch Brief und Siegel vom Markgrafen. Brauchten nicht niederzulegen ihre Waren, die sie auf den Oderkähnen hatten, noch Zoll zu zahlen, sondern konnten frei weiter schiffen, ob gen Stettin, oder so sie von Stettin kamen. Ging viel märkischen Weines dort vorüber, über Pommerland, zu den Kaschuben und Dänen, nach Nordland und zu den Griechen und Reussen, die dem moskowitischen Zar dienen. Aber die Schiffer dazumalen, ob ich die gleich auch nicht loben mag, bohrten den Wein unterwegs nicht an und kochten und fälschten ihn. Das thaten die Herren von der Kaufgilde selbst, so in Berlin als auch in Stettin; da nun zumalen; und haben die Stettiner von alters her den Ruhm, daß sie tüchtige Weinmacher waren. Und ward zu jedem ordentlichen Wein, bis man ihn auf hübschen Tafeln trinken mochte, viel Süßholz und Honig und noch viel mehr Ingber und allerhand kostbare Würzeneien zugethan, und zusammen gelocht und gebraut. Die Würzeneien kamen ehedem aus Asia über das Land der moskowitischen Griechen; seit den Tartaren aber, die Gott verdamme und in ihre ewige Heimat schicke, das ist der Tartarus, seitdem kamen sie über Venetia und die Schneeberge, über Salzburgen und Nürenberg und dann die Elbe hinunter zu uns ins Land, was nicht nach Hamburg ging.

Aber auf die Oderberger Straße schaute diesmal nicht der Baltzer Boytin, ob er doch dahin vielen Verkehr hatte, auch zweimal bankbrüchig worden, daß ihn die Stettiner einstecken wollten, und hätten vielleicht kurzen Prozeß mit ihm gemacht, aber er entfloh. Sondern er schaute auf den Landweg, der links durch die Heide abbiegt nach der Straße nach Spandow zu. Denn dieses Weges, ob es schon ein Umweg, war Henning und sein Anhang gezogen. Sie wollten, ob sie die noch fänden, die Raubgesellen von der Seiten suchen und greifen, denn über die Spree konnten sie doch nicht geritten sein, wo Eis ging; also hofften sie sie zu fangen zwischen Spree und Havel, wenn sie den Wald tüchtig durchritten. Denn ließ sich doch nicht vermuten, daß solche Schnapphähne in Spandow eingeritten wären, wo der gnädige Kurfürst gerade Hof hielt; und anders gab's keine Brücke.

Da hinaus also schaute Baltzer und sah dem Zuge nach, der bald im Dickicht der Kiefern verschwand, bald wieder vortauchte, wo sie lichter wurden. Endlich aber verschwand er ganz hinter den großen Bäumen. Es wirbelte kein Staub auf, da die lockere Erde von leichtem Frost überzogen war. Auch sagte ihm nicht der Schall, wohin sie sich wendeten, denn der Anführer hatte allen, sobald sie das Thor verlassen, geheißen, sich, was an ihnen, ruhig zu halten. Nur wo die Krähen aufflogen im tiefen Walde, konnte Herr Baltzer wahrnehmen, wohin die Richtung ging. Doch auch das hörte auf.

Mit grinsendem Gesicht lehnte sich der Roßtäuscher, den Kopf auf dem Ellenbogen, an die Zinne. Es war, wie wir sagten, ein grauer Tag, und die Wolken schwitzten einen feuchten Nebel, und unsereinem würde es durch die Haut gefröstelt haben. Das that einem von damals nichts. Sein häßlich Gesicht hielt er sogar frei in die Luft, und der geöffnete Mund, der die gelben, unregelmäßigen Zähne frei wies, schlürfte die nasse Luft ein, ohne daß er nachgehends darum von Verkühlung gesprochen und eine Kolika gespürt. Er stierte weit über die Gegend und dann verfolgten seine Augen wieder den Flug der Krähen in der Luft. Auch mancher Reiher und Adler, der sich über dem Kiefermeer erhob und wirbelnde Kreise zog. Zunächst unter ihm, und doch noch eine gute Strecke entfernt, lag ein sehr alter, hoher Turm. Der war viereckig, und an jeder Ecke schoß ein rundes Türmlein, das hinaus gebaut war, in die Höhe, und oben hatte er ein spitzes Kegeldach von gemauerten Steinen. Das war der feste Turm von dem Hofe Wedding, der zum alten Berlin gehört, seit ihn Markgraf Otto der Stadt um ihre treuen Dienste geschenkt; und war's der äußerste feste Punkt, den die von Berlin außer ihrer Stadt hatten. Er war von der Stadt aus besetzt, und oben saß ein Wächter, der ausschauen mußte, wenn er nicht schlief. Aber er hatte schwer ausschauen, denn war ringsum finsterer Wald, und Hügelzüge liefen durch. Darum konnte auch Baltzer nach der Seite nicht weit blicken; und war der Kirchturm von Reinickendorf das Hinterste, was er sah.

Aber doch schien es, als wenn seine kleinen grauen Augen durch den Wald sahen und hindurch die schwarzen Wolken, die in der Ferne ihre Bäuche an den Kieferwipfeln schlitzten. Mußte er wohl die Gegend kennen, denn er regte oft unwillkürlich den Arm und brummte etwas und zeigte mit den Fingern, als wie wenn er mit einem spräche und ihm Anweisung gäbe, wie er's machen sollte. Und es war ganz still ringsum, denn jetzt war's Mittag in der Stadt und die Bürger saßen an ihren Tischen, oder sprachen das Nachtgebet. Nur dann und wann ließ sich in weiter Ferne ein Hifthorn vernehmen, wie von einem verlornen Jagdzug, aber es verhallte wieder.

Auf der Mauer unten kam ein Mann mit einem Spieß gegangen. Es war, der die Wacht hatte, und Baltzer erkannte den Schneider Zademack. Der schaute auch ihn, und sie grüßten sich.

»Was Neues, Gevatter?« rief er ihm hinunter.

»Das möcht' ich von Euch wissen,« antwortete der, »Ihr schaut ja da weiter.«

»Es kommt drauf an. Die Luft ist trüb. Steigt 'rauf, Gevatter, ob Ihr was seht.«

Der Schneider stieg hinauf. Er konnte oben so gut Wacht halten, als auf der Mauer.

»Nun, seht Ihr was vor Euch?« lachte Baltzer.

»'S ist alles grau.«

»Nein, seht Ihr da und da!« Er zeigte auf die weite Landstrecke hin, davon wir oben sprachen, und wo nichts war, als der große Wald; und er lag schwarz und trüb und feucht vor ihnen. »Da geht die Sonne feuerrot auf.«

»Nach Spandow zu?«

»Meinethalben.«

»Meister Baltzer. Ihr faselt,« und sah ihn der Schneider groß an, » Jetzt ist erst Nachmittag und dort ist Abend.«

»Ich sage Euch aber doch, da geht's rot auf. Feuerrot über Berlin, brannstig rot über das alte Regiment. Wenn der Junge zurückkommt und bringt ein paar Räuber am Strick, meint Ihr nicht, daß das ein Einzug wird, wogegen der Auszug nichts war? Wenn vorhin schon den Herren die Zähne klapperten, wie wird's dann! he! Wer wird die Räuber hängen? Der Rat etwa? Element, wenn das die Bürger zulassen! Wir retteten der Stadt Ehre, wir sind die Herren!«

»Um einen Bankert soviel Aufhebens!«

»Und wenn's ein Jude wäre! Es war ihre Schuldigkeit, und sie haben sie nicht gethan. Wir setzten unser Leben dran, unser ist der Lohn.«

Der Schneider würgte nachdenkend an der Vorstellung, so der andere angeregt: »Sie brechen doch nicht los.«

Baltzer Boytin schaute ihm eine Weile grinsend ins Gesicht: »Ich glaube auch. Sie sind alle Schneider,« murmelte er vor sich hin.

Hans Zademack kreuzte die Arme über dem Spieß, auf den er sich lehnte. Dann sprach er, und es war eine gute Weile vergangen, wo sie beide schwiegen: »Der Henning ist ein kecker Bursch, und wo er losschlägt, trifft's. Aber dazu taugt er nicht. Ihm fehlt das Blut. Wenn keiner an die Spitze tritt, der Vorfahren hat, bleibt's in alle Ewigkeit beim alten.«

Ein vielsagend schelmisch Lächeln breitete sich über Baltzers Gesicht aus: »Nun, Euer Herr von Blankenfelde vielleicht?«

»Geht mir mit dem. Seit gestern sprang er um. Soll heut im Rat, wo er vorsaß, die Nase hochgestreckt haben. Der will nicht uns, der will nur Köln und sich. Einer taugt so wenig als der andere.«

»Das ist schlimm, Meister, sehr schlimm. In zwo so großen Städten keiner, der was taugt. Sollte keiner sein, der die Sache ins rechte Schick bringt?«

»Ihr spracht gestern vom Rathenow, vom Hannes, mein' ich. Ich lieb' ihn nicht; aber wenn ihn die Herren hassen, darum hass' ich ihn nicht mehr. Er ist Bürgermeister, und die vom Rat müßten ihm gehorsamen.«

»Das sag' ich ja auch,« antwortete der Roßkamm.

»Und wenn sie's nicht thun, blitz Element, so wird er doch –«

»Was wird er, Gevatter?«

»Reden.«

»Kann sein.«

»Das Donnerwetter ihnen über den Hals schicken.«

»Vielleicht. Wenn's aber nicht einschlägt? Er ist wohl der Enkel von dem Albertus, aber auch der Sohn von dem Mattheus. Und allemal ist er ein Patrizier.«

»Wer ist der Mann vom Volke, der's kann!« sprach Hans Zademack.

»Da habt Ihr wieder recht. Wüßte keinen im Volk. Mancher, der's jetzt gut meint; aber wer steht uns dafür, wenn er zum Regiment kommt, daß er's dann noch gut meint? Manchermann möchte von ganzem Herzen den alten Kram zertreten, den Sauerteig zum Fenster 'nauswerfen, und das Dach vom alten Rathaus abdecken, damit reine Luft wird; aber Du lieber Gott, es gehört doch ein Kopf dazu, der's wieder zudeckt und einrichtet. Und mancher, der jetzt die Herren aus dem Grunde haßt, wer weiß, wenn er selbst einer ist, ob er's dann nicht ebenso macht, und das Volk haßt, wie itzo die Herren. – Bringt mich auf einen, Gevatter. Der Henning Mollner, sagt Ihr selbst, ist ein Wildfang.«

»Gott beschütz' uns davor. Da würde nichts Kluges. Wer sollte vor dem Respekt haben!«

»Was sagt Ihr denn zum Bartz Kuhlemey? Der als Bürgermeister würde sich Ansehen zu geben wissen.«

»Ja, wenn wir Vieh wären! Ist ein guter Ochsentreiber und kann schreien wie drei Bullen. Das fehlte noch zur allgemeinen Not, daß die Knochenhauer zu Rat säßen.«

»Da habt Ihr gewiß recht,« entgegnete der Roßtäuscher, »ob ich schon meine, wer mit dem Vieh umzugehen weiß, der lernt auch das Volk traktieren. Wie steht's in Eurer Gilde? Wäre da keiner von den reichen Tuchherren?«

»Nichts da. Die Herren möchten sich auch mehr dünken, die das Tuch reißen, als die es weben und zu Gewändern verschneiden. Von denen um Gottes willen keiner! Und überhaupt, unsere Gilde in Ehren, aber ich möchte davon keinen am Regiment sehen. Warum? Es dächte jeder, ich bin ebenso gut,«

»Mit vollem Rechte,« sprach Baltzer Boytin. »Und was gilt's, bei den andern Gilden denken sie ebenso! Die Bäcker, die Schuster, die Messerschmiede, wo ist da ein Meister, der so vorzüglicher wäre vor den übrigen, daß sie es anerkennten. Und gesetzt, ein Schuster würde Bürgermeister, Herr Gott, will ich denn einen Bürgermeister haben, der mir die Schuh versohlt?«

»Behüte Gott!« sagte der Schneidermeister.

»Nun laßt uns einmal weitersuchen,« sprach der Roßkamm. »Von den Geschlechtern also keiner und die Unzünftigen ebensowenig.«

»Kein Patrizier!«

»Das versteht sich. Von außerhalb muß also der Mann gesucht werden, der unserer Not abhilft. Es gäbe da unterm Adel wohl manchen Ritter.«

»Einen Wolf in den Schafstall!«

»Bei den Welschen, wo ich war, wie Ihr, werter Meister, wißt, – und die Bürger sind dort so eifersüchtig auf ihre Rechte, als wer nur sonst, dort lassen sie auch keinen aus ihrer Stadt zum Regiment. Drum nehmen sie ihre Gewaltigen, die zum Rechten sehen müssen und dort Podestas heißen, aus der Fremde. Versteht Ihr, ein Fremder. Das ist ein ander Ding als einer, den wir sahen, wie ihm die Mutter mit dem Tüchlein die Nas wischte. Was schiert's einen Fremden, ob Hinz oder Kunz den Wisch aufsteckt; ein Fremder ist nicht verschwistert mit denen von Köln und Berlin; der riecht nicht nach Gevatterschaften. Er hat das Auge frei und schaut sich um, was der Stadt zum Besten und gerecht ist.«

»Aber der Stadt Beutel gefällt dem Fremden so gut, als unsern Herren und Gevattern.«

»Ei, versteht sich,« erwiderte der Roßtäuscher, »das müßte ein Fremder sein, so reich, daß unsere Säckel ein Bettel ihm wären, einer so hoch stehend, daß unsere kleinen Zwiste ihm nicht ans Knie reichten.«

»Aber er müßte ein Herz für die Stadt haben.«

»Versteht sich, ein großes Herz und ein großes Auge. Was ist eine Stadt für sich allein? Er müßte viele Städte umfassen.«

»Wie der märkische Bund.«

»Ganz richtig; nun sagt selbst, Gevatter, was hilft uns der Städtebund wie er ist? Auf dem Pergament steht's freilich, daß eine Stadt beispringen soll der andern. Aber wann kommt's dazu? Ist nicht eine neidisch auf die andere? Giebt's nicht allezeit Ausflüchte, wenn sie ausziehen sollen? Ja die Städte sind wohl gut, aber die Geschlechter, die drin herrschen! Die Bürger möchten sich beispringen, aber da hat einer im Rat mit dem Feindschaft, und möcht es wieder mit dem nicht verderben. – Sankt Christoph, vor unsern Mauern zogen sie einen armen Schlucker aus. Was half ihm der Städtebund? – Es muß einer über dem Städtebund stehen, der das Kommando führt, ohne Haß und Feindschaft und Eigennutz –«

»Und ein Herz muß er für unsere Freiheiten haben.«

»Freilich!« antwortete der Roßtäuscher mit einem ernsthaft haftenden Blicke auf den Gewandschneider. »Eure teuren, schönen Freiheiten muß er ins Aug fassen. Und das wird er auch; sie leuchten ja durchs ganze Land. Nur schade, daß wenn einer den Fuß über die Mauer setzt, die Strauchdiebe ihn fangen. Und will einer so frei sein, das Maul aufzuthun, wie die Herren mit der Stadt Säckel wirtschaften, dann sperren sie's ihm, und werfen ihn in den Stock. Und wenn einer sein Korn mahlen läßt, so streichen ihm die Müllermeister die Metze mit dem Streichbrett, wie's den Herren, deren die Mühlen sind, gefällt. Die Mühlen gehörten ehedem dem gnädigen Landesherrn. Da wurden sie anders verwaltet. Da hatte kein Bürger über die Müllermeister zu klagen.«

»Das muß anders werden.«

»Anders, das sag' ich auch. Rühmen sich der Stadt Rechte und Freiheiten, die sie den alten Landesherren abgetrotzt, die Herren vom Regiment! Ja, wer hat sie denn, wer wärmt sich dran, wer trinkt und ißt davon? Die Patrizier. Habt Ihr etwas, hab ich etwas davon? Hat ein ehrlicher Bürger was davon, daß sie uns das Geld prägen und der Abfall fällt in ihre Taschen, daß sie richten und den Blutbann haben? Und wen richten sie? Uns. Und wie? Das weiß der Himmel. Als ich Kind war, hab ich alte Leute sprechen hören und von den alten Zeiten, als alle die Rechte noch bei den Landesherren waren. Meint Ihr, daß es da schlimmer war? Gott bewahre; das Volk wurde nicht halb so gedrückt. Die Fürsten waren reich und großmütig. Die schenkten mit vollen Händen; und so einer nicht zahlen konnte, so erließen sie's ihm. – Wißt Ihr heut von einem Erlaß? Unsere, die scharren und schlagen ja zusammen, wo es noch was giebt. Das letzte Scherflein der Witwe, her damit! Das nennen sie Recht.«

»Wißt Ihr einen Fremden, der's besser macht?« sprach der Gewandschneider.

»Ich weiß einen,« antwortete Baltzer Boytin aufstehend. »Davon läßt sich aber hier nicht reden. Kommt zu mir in mein warmes Stüblein über dem Stall dort, so Eure Wache um ist. Da hört uns niemand, und will Euch Dinge erzählen, die Euch das Herz froh machen sollen – wenn Ihr ein kluger und verschwiegener Mann seid,« setzte er leis mit einem nachdrücklichen Blicke hinzu.

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