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Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 2
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel.

Die Töne draußen waren just das Widerspiel von dem, was hier drinnen vorging. Es klang wie ein Lachen und Weinen, aber ein Weinen aus Freude. Und das wiederholte sich immer stärker. Als nun die Thür aufging, sahen auch seine Augen etwas, das er nicht erwartet. Lauter frohe, überraschte Gesichter. Die Mägde und Diener hatten Lichter gebracht und der enge Flur war hell. Und in der Mitte stand seine Tochter Elsbeth, und so neben ihr, daß es fast den Anschein hatte, als hielten sie sich mit dem Arm umschlungen, der junge Henning Mollner. Wer aber von beiden froher aussah, das wäre schwer zu entscheiden gewesen. Denn wenn eins froh war, so strahlte die Freude auf des anderen Gesicht zurück, und wenn es von dem Widerschein heller ward, so gab es dem andern wieder von dem Leuchten zurück. Und wenn die Freude überall schöner malt als irgend ein Pinsel auf der Welt, so giebt es keinen schönern Spiegel dafür, als vier schöne Augen, die sich ansehen. Und schönere mochte es in Berlin und Köln nicht geben, als die Elsbeth Rathenows und die Henning Mollners, des alten Mollners Sohn, der bei Cremmen gegen den Adel focht. Aber es war noch einer, dessen Gesicht froh wurde. Als wie eine Wolke, die noch eben Hagel gedroht und den Himmel verfinstert, und die Vögel fliegen ängstlich hin und her und wissen nicht wohin, denn es dräut und bricht überall aus, und der alte Wald schrecket selbst zusammen, und nun bricht sie mit einem Male da, wo sie am düstersten und geschwollen war, und die Sonne scheint hervor und säumt mit Purpur die grauen Massen, und es wird heller und heller, und ihr Licht dringt in den Wald und durch die Wipfel auf Laub und grünen Rasenteppich, und die Vögel fangen wieder an zu singen und setzen sich auf die Zweige, preisend den Herrn und seine Allmacht. So rötete die Freude das graue Gesicht des Ältermannes, da er im Scheine der Kerzen die Rubinen und das Gold an seiner Tochter Elsbeth Nacken flimmern sah. Er sah nur dies, und nicht den Arm des jungen Henning, den er um den Arm der Jungfrau schlang, und er hörte nichts als die Worte des freudestrahlenden Kindes: »Gefunden!«

Und da eilte Elsbeth ihm entgegen mit ausgebreiteten Armen. Aber nicht allein, denn dicht mit ihr kam Henning Mollner. Er konnte nicht anders, wenn er auch nicht gemocht, denn Elsbeth zog ihn, sie wußte es nicht. Es hatte sich aber die Kette, die er ihr um den Hals gehängt, in seine Krause festgenestelt, und er hätte sie denn müssen abreißen, sonst war er an sie gekettet.

Da wollte sie sprechen, aber Henning unterbrach sie; und als Henning sprechen wollte, unterbrach sie ihn. Dem Vater aber, so schien es, genügte, daß er die Rubinen und die Spangen vor sich sah, und es war kein Traum. Er sank wieder auf seinen Stuhl, aber nicht todesmatt, sondern wie einer, der nach einer beschwerlichen Wanderung sich ausruht, und ihm wird wohl. In der einen Hand faßte er die Kette und mit der andern Elsbeths Hand und sah freundlich ihr ins Gesicht.

»Lieber Vater,« hub sie an, »ich konnte – ich wußte nicht –«

»Freilich wußtest Du nicht ihren Wert,« unterbrach er. »Wie schwer sie ist! – Und wöge sie leicht wie Flaumfedern, ich gäbe sie nicht hin um alle Schätze der Stadt Venetia. Frau Fides, Deine Eltermutter, trug sie in Ehren, und war kein Weib in den Marken so schön und angesehen. Herr Albertus, mein Großvater, wie ritt er darin umher, einem König gleich. Er ließ von der Stadt, nicht von der Kette. Das will ich nicht loben, doch die Kette bewährte sich. Mein Vater Mattheus, Gott habe ihn selig! verschloß sie in den Schrank. Ein strenger Mann; er fürchtete die Neider, trug drum kein Gold an seinem Leibe, er duldete auch keine lichte Farbe an seinem Gewand – aber die Kette, Frau Fides' Traum ging doch in Erfüllung.«

Wie er so vor sich redete und aufblickte, sah er den Henning lächeln. War's darum, daß er so seltsam verstrickt war, und niemand wußte es, oder daß er den strengen und wortkargen Herrn Johannes noch niemals so mit sich selbst sprechen gehört, und er mochte denken, der Mann wird auch alt. Da fragte ihn der Bürgermeister: »Was macht denn der da?«

»Der Henning ist's,« sprach Elsbeth, »kennst Du nicht mehr den Henning Mollner? Der Henning, der liebe, gute Henning, er brachte mir das Halsband wieder.«

»Das Halsband!« rief Herr Johannes. »War's denn fort?«

Nun stürzte und hastete sich Elsbeth, in kurzen Worten die Geschichte zu erzählen; aber da sie, wie es zu geschehen pflegt, wenn einer was Übles zu melden hat, mit dem glücklichen Ende anfing, und immer wieder auf das zurückkam, wenn sie das schlimme Ende, nämlich den Anfang, anfaßte, so hätte Herr Johannes gar nichts von der Sache erfahren und wäre so klug gewesen als vorher, wenn jetzt nicht Henning selbst, den Hut manierlich in der Hand, Miene gemacht, dem Alten die Sache vorzutragen, wie sie war. »Sprich Du!« sagte Herr Johannes, und wies auf ihn mit dem Finger.

Nun redete der Henning, obgleich nur eines Raschmachers Sohn, so verständig und bündig, daß ein Ratmann es nicht geschickter vortragen mögen. Erst was voranging, und dann was nachfolgte, daß es eine Lust war, es zu hören. Denn was schlimm war, darüber ging er leicht hin und wußte so zu erzählen, daß man es alles gut nahm, und es dem Wein zuschrieb, was der Haß gethan. Und wäre Herr Johannes nicht krank gewesen, so hätte er selbst lächeln mögen, da der Henning beschrieb, wie alles kopfunter, kopfüber gegangen, und wie der ehrenwerte Bartholomeus Schumm mit dem Dietrich Wyns auf der Diele gelegen. Und auch, was zwischen der Eva Schumm und der Elsbeth sich zugetragen, klang nicht so übel; und diese erfuhr hier zuerst, daß Eva es gewesen, die ihr die Kette vom Halse gerissen, als sie auf sie lossprang, darum, daß Elsbeth über ihren Vater gelacht. Und keine von beiden wußte es, daß die Kette da abgefallen war, und es war ein Wunder, daß sie nicht zertreten war unter allen den Füßen.

»Aber Henning,« fuhr Elsbeth auf, »wie weißt Du das alles? Du warst doch nicht dabei?«

Henning lächelte: »Mein kleiner Finger hat mir's gesagt.«

»Du bist ein Narr,« sprach Herr Johannes.

»Und die Narren sind überall,« entgegnete rasch der Bursch, und Herrn Johannes mißfiel die Antwort nicht, und seine Tochter dachte an den Narren, der beim Bankett um sie sprang, und ward hochrot. Nun sprach sie: »Vater, verzeihst Du mir?« und als er freundlich nickte, wollte sie vor ihm niederknien, und siehe da, Henning kniete mit ihr.

»Was will der Junge?« sagte der Vater. »Dir hab' ich doch nichts zu verzeihen. Denn so ich Dich auch als Stadt-Ältermann strafen müßte, daß Du bei Nachtzeit ins Rathaus stiegst, muß ich Dir ja noch ein Dankschreiben fertigen lassen, daß Du den hochwürdigen Herrn Propst Steeger vom Ersticken rettetest.«

»Ich kann nicht anders,« entgegnete Henning. »Muß doch thun, was die Jungfer will. Ihr seht's ja; sie hat mich festgebunden.« Da erst merkte der Bürgermeister, was es war, und lachte laut auf. Und Elsbeth, die es nun auch sah, wurde hochrot; aber ob es ihr der Vater auch hieß, sie konnte oder mochte sich nicht losmachen. Und Henning meinte, es sei auch nicht an ihm, wenn eine Jungfrau ihn gebunden, daß er sich losreiße.

»So muß ich es wohl thun,« sprach Herr Johannes, und er löste die Kette so von der Halskrause des Burschen, als von Elsbeths Nacken, und wog und beschaute sie mit einer Lust, daß die Tochter drob wunder nahm, und dann verschloß er sie in die geheimste Lade des Schrankes und steckte den Schlüssel zu sich.

Und wirklich hatte ihn keiner seit langem so froh und heiter gesehen, was auch den Henning Mollner wunder nahm, der doch so lange als Kind im Hause gelebt; und war es, als hätte er das Kranksein mit dem bösen Traume abgeschüttelt. Nun sprach er von allerhand Dingen, und unterhielt sich mit den jungen Leuten über das Bankett, und fragte nach vielem und lachte herzlich, zumal darüber, wie Henning beschrieb, daß er den dicken Propst unter dem Tisch gefunden, und er hatte mit dem Kopf gelegen wie ein armer Sünder, dem das Richtbeil auf dem Nacken schwebt. Da er den Henning aber fragte, wie es mit seinem Traume und dem heiligen Nikolaus stände, senkte er schelmisch den Kopf: »Wohlweisheit, Träume sind Schäume! sagt mein Oheim, der Schlachtermeister. Er hat nimmer bemerkt, daß ein Vieh, wenn es gesund ist, träumt.«

»Träume sind Schäume!« wiederholte Herr Johannes, wie vergnügt, und bei sich murmelte er: »Ich war krank, und der Traum war eine Lüge.«

Nun wollte Henning gehen, wie es sich schickte, denn was hatte er in des Bürgermeisters Haus noch zu thun? Aber als er Urlaub nahm, sah ihn der Herr groß und freundlich an: »Ich meine, Henning, Du bleibst. Wir sahen uns lange nicht, und hätten doch mancherlei miteinander zu reden. – Nun, weißt Du nicht was?« fuhr er fort, als der Junge ihn ehrerbietig ansah, als wisse er nichts.

»Wohlweisheit, die letzte Pön, als ich den Spittelweibern die Röcke zusammennähte, hab' ich schon abgebüßt, es sind fünf Jahre her.«

»Wir reden von anderen Dingen.«

»Von dem falschen Feuerlärm; das sind vier ein halb Jahr her, und ich saß drei Tage im Stock.«

»Die Sache, die ich meine, ist noch nicht ausgetragen, ob doch schon lange her.«

»Wohlweisheit! ich warf den Juden nicht in des Brauers Bottichfaß. Der Jude ist freiwillig hineingesprungen. Es haben's gute Leute beschworen.«

Der Bürgermeister mußte in einer sehr gnädigen Laune sein. Denn er strafte auch nicht mit einem bösen Blick den Burschen, aus dessen unschuldigem Gesicht freilich nicht jeder den Schelm heraussah. Vielmehr wandte er sich um, damit Henning nicht sehe, was auf seinem vorging und sich nimmermehr für einen Bürgermeister geschickt hätte, und dann setzte er sich mit einem so ernsthaften Gesicht, als ihm möglich war.

»Als der Jude im Bottich zappelte und schrie, schworen doch viele Leute, nur der Henning Mollner könne das stiften,« sagte Herr Johannes.

»Nachher vor Gericht, Wohlweisheit, schworen sie anders.«

»Und der arme Jude ward noch dazu aus der Stadt verbannt.«

»Wohlweisheit, daran sah man recht die Weisheit der Richter. Was konnte der Jude im Bottich anders suchen als Bier. Wer sucht, was nicht sein ist, stiehlt, und wer stiehlt, kann von Gnade sagen, wenn sie ihn nur aus der Stadt weisen. Alles von Rechts wegen, sagt der wohlweise Rat.«

»Henning! Wir sahen uns lange nicht. Laß mich einmal wieder zu Dir reden, wie ehemals. Will itzt nicht der Bürgermeister sein, sondern der Johannes Rathenow, Deines Vaters Freund, der Dich als ein Kind aufzog und liebte. So sprich auch Du zu mir. Du bist stark und groß worden, und mit jedem Jahre wirst Du um eins älter. Sie sprechen viel von Dir in der Stadt. Die tollen Hörner, sagen sie, hättest Du nun abgelaufen. Und wo sie noch vorgucken, stecke was anderes dahinter. Weiß es nicht, und mag's nicht glauben. Aber Du hast Freunde, Anhang. Freundschaft und Gewalt verleiten, und mancher Mann strauchelte und kam zu argem Fall, da er vermeinte, durch die Freunde hoch zu steigen.«

Henning verschlang die Hände über seinem Barett auf der Brust: »So ging's meinem Vater seliger auch. Was hatte der nicht auf seine Freunde gebaut!«

»Und er soll nicht auf Sand gebaut haben!« sprach der Bürgermeister und schüttelte den Kopf. »Aber es giebt Freunde zweierlei Art, wie es Tag und Nacht giebt. Solche, die man sehen lassen kann, und man freut sich, an ihrer Seite durch die Straßen zu spazieren und die Leute weisen auf uns und sprechen: Ei schaut mir, er geht mit dem Herrn, und der Herr spricht freundlich mit ihm. Aber es giebt auch Freunde, Henning, die man nicht gern sehen läßt, wo guter Leute Kind rot wird, wenn sie uns auf der Straße grüßen, und man eilt, daß man vorbei kommt. Solche laute Gesellen, die nachts in den Kellern und vorm Thore zechen, daß ein guter Mann weit des Weges geht, um nicht zu treten, wo ihr Fuß eine Spur ließ. Solche, die durch die Gassen lärmen, die Eimer von den Brunnen schneiden und Katzen dran binden, Stricke über die Straße spannen, daß der verspätete Wandersmann fällt, die Zank anfangen mit den Wächtern und ehrsamen Bürgern, die Feuerlärm rufen. Sie haben ein Maul weit wie ein Scheunenthor, wo Aufruhr ist; aber wie die Maus verkriechen sie sich und haben überall Löcher, wenn die Obrigkeit drein schlägt.« Henning horchte mit ehrerbietiger Aufmerksamkeit, sprach aber kein Wort drein. »Diese Freunde,« fuhr Herr Johannes fort, »haben alle Säcke voll Mut, wenn es Tolles gilt; kein Zaunpfahl steckt ihnen zu fest, und keine Mauer ist ihnen zu hoch. Keine schönere Lust, als mit dem Büttel und den Scharnwächtern anbinden. Sie wagen auch noch mehr. Sie necken Reisende, und ist ihnen Spaß, wenn einer zu viel auf Wagen und Pferd lud, mit ihm zu teilen. Henning, das sind gefährliche Freunde, und schon manch Kind guter Leute ward von ihnen beschwatzt. Dachte wunders was durch sie zu werden, und endete am Galgen oder in der Heide, wo die vogelfreien ihr Haus haben; der Schnee schneit hinein, und der Wind weht durch. Du hast ein hübsches Haus Henning, zum alten Berlin. 'S ist warm, und Vater und Vaters Vater starben drin als ehrliche Leute, und wurden auf den Kirchhof getragen mit Sang und Klang.«

»Gott habe sie selig!« sprach Henning sich bekreuzend.

»Kein Hahn, Henning, fliegt über einen Zaun. Sie dachten nicht drüber hinaus, als was sie waren, gute Bürgersleute; drum ging's ihnen wohl und die Leute lobten sie bei ihren Lebzeiten –«

»Und haben sie itzo vergessen,« murmelte Henning.

»Du bist ein schmucker Gesell, halte Dich zu Deinesgleichen, und Dir kann's nicht fehlen. In den Zünften hat's wackre, hübsche Töchter mit einem guten Stücke Geldes. Klopfe sittig an, und sie werden rufen herein! Du wirst ein Bürger und Meister, der sich kann sehen lassen, kannst sein dereinst ein Altmeister, dessen Wort in der Stadt etwas gilt.«

Jetzt erst hatte sich die Miene des Burschen verändert. Der fromme Zug war fort; die Augen blitzten schelmisch und die Lippen warfen sich etwas spitz auf. Aber sonst stand er wie vorhin. »Mir fehlt noch was.«

»Was denn, Du Hans Niegenug? Das Sitzfleisch fehlt Dir, wie Du schon als ein Bub auf alle Bäume mußtest, und über die Häuser, und ging Dir noch nicht weit genug. Nun bist Du kein Bub mehr. Meinst, weil Du einmal das Schwert geführt, Deine Hände wären zu gut für die Kratzbürst und die Elle? Jedweder gute Bürger muß das Schwertführen verstehen; aber verstanden, Herr, nur für seine Stadt, nicht für sich. Laß Dein Schwert an der Mauer hängen bei der Rüstung, und schau alle Sonnabend zu, daß es nicht rostet, auf daß es blank ist, wenn die Stadt Dein bedarf und Dich ruft. Sonst aber zieh es nicht, denn es ist ein scharf Ding und hat zwei Schneiden. Mit der einen trifft man den Feind, mit der anderen sich selbst. Was fehlt Dir noch? Hast eine schöne Nahrung, einen Hof draußen und Wiesen in Deinem Dorf, daß ein Edelmann Dich drum neidet. Was fehlt Dir noch, Hans Nimmersatt?«

»Siebenundvierzig Schock Groschen ist der Stock. Was der Zins austragt, habe ich noch nicht gerechnet.«

»Bläst aus dem Loch der Wind! Das wollen wir stopfen,« sprach der Bürgermeister aufstehend.

»Es ist ein alt Loch, gestrenger Herr. Seit dreißig Jahren hat's der Wind noch größer macht.«

»Es soll gestopft werden, sag' ich Dir, Henning; mit was Stoff es auch ist,« setzte er für sich hinzu und schritt durch das Zimmer.

Da blickte Henning auf die Jungfrau Elsbeth, die am Fenster stand und mit den Fingern an den Scheiben malte. Sie wurde rot und auch der Henning sah jetzt anders aus, als vorher.

»Das soll nicht mehr sein,« fuhr Herr Johannes fort. »Das alte Lied soll ausspielen, Du wirst ausgezahlt werden, mein Wort darauf als Bürgermeister, Du sollst auf Heller und Pfennig bezahlt werden. Am Montag nach Estomihi komm wieder, und hier auf dem Tische sollen sie liegen, die siebenundvierzig Schock; kein Groschen daran fehlen. – Nun, Gesell, blickst Du auf den Tisch, weil er leer ist? Mein Wort darauf.«

»Eures, Herr! aber der Rat?«

»Als Johannes Rathenow, meines Vaters Mattheus Sohn, geb' ich Dir das Wort. Und nun heiß ich Dir, kraft meines Amtes, keinen Laut der Klage mehr gegen die Stadt! Ich vertrete sie und was sie schuldig ist; und so wahr ein Gott im Himmel ist, und seine Heiligen uns beschützen, Dir soll Dein Recht werden, als ich auf Recht hoffe.« Da machte der Junge eine Bewegung, als möchte er etwas dawider sagen; Herr Johannes merkte es: »Willst noch mehr von mir und dem Rat?«

»Weniger von Euch, das heißt nichts; und mehr vom Rat, das heißt alles.«

»Du wirst nehmen und nicht fragen, wer giebt. Der wohlweise Rat –«

»Giebt nichts!« fiel Henning keck ein. »Herr Johannes Rathenow,« sprach er mit einem Male mit düsterer Stimme. »Glückauf, wenn Ihr mit dem Rate anbindet; es sind ihrer viele, und Ihr seid nur einer. Und wer am stärksten schreit, wird überall am besten gehört. Doch, wenn Ihr mir befehlt, laß ich meine Freunde schreien, und was gilt's, des Rates Stimme, und wären ihrer zehnmal mehr, nicht lauter soll's klingen als das Glöcklein am Spittel, das die alten Weiber ruft, wenn die Glocken von Köln und Berlin Feuer stürmen.«

»Henning!« sprach der alte Herr mit drohender Miene. »Will's nicht gehört haben, daß Du dem Rat mit Aufruhr drohst, und der Bürgermeister steht dabei. Verstanden, Herr! Der Bürgermeister hat es nicht gehört. Aber käm's ihm zu Ohren, er vergäße, was Dienst der Henning Vater dem Johannes in Liebe that. Verstanden; er läßt nicht seine Gesellen schreien, er läßt nicht Sturm läuten; Brand und Unwetter schlüge auf seinen Kopf, verstanden?« Und nachdem er noch einige heftige Schritte gethan,

blieb er vor ihm stehen, und legte die Hand halb als ein Vater, halb als ein Bürgermeister, dem Jungen auf die Schulter: »Thu's mir zu lieb, Henning, höre auf mich und nicht auf Deine Gesellen. Das thut nicht gut, der Obrigkeit widerspenstig sein, die Gewalt über uns hat. Ist wider Kaiserrecht noch Gottesrecht. Die das Schwert gezückt gegen ihre Herren, haben sich noch immer selbst geschnitten. Die Fehde angesagt ihrer Stadt, und deren Bürger waren wie der Nickel Kuro und Erich Falke, sind mit Schanden umkommen, und spricht niemand gut von ihnen. Was brächt' es Dir für Ehr' und Ansehn, so Du die Sturmglocke läutetest und auf die Fleischerscharnen sprängst? Und käme Dein Leib auch nicht aufs Rad, in der Stadt Chronika stände Dein Name als Empörer, und das läse Kind auf Kind. Dein Name ist ehrlich, laß ihn ehrlich bleiben; denn ehrlich währt am längsten.«

Hier meldete sich Elsbeth, daß der Ratsknecht Andreas aufs Haus zugeschritten käme, und es mochte dem hübschen Kinde das Gespräch zu lang dünken, das es nichts anging.

»Also am Montag um diese Stund', kommst Du wieder,« sprach Herr Johannes und nickte ihm freundlich zu.

Nun mußte Henning fort, ob er itzo wohl gern geblieben wäre und noch mancherlei gesprochen hätte, und auch Elsbeth nickte ihm freundlich zu. Den Andreas, den Ratsknecht, hätte er beinahe umgerannt auf der Treppe; und der verwunderte sich auch nicht wenig, den Henning Mollner im Haus des Bürgermeisters zu finden, wo er seit Jahren nicht hingekommen. Aber wäre auch Nachdenken seine Sache gewesen, wozu er nicht vereidet war, er hätte jetzt dazu keine Zeit gehabt, wo ihm ein sauer Geschäft oblag; und wußte er noch kaum, als er die Klinke in der Hand hielt, wie er's vorbringen sollte. Denn war doch nicht eingeschworen zu dienen zweien Herren, sintemalen Rat und Bürgermeister eines waren; und was ihm der Rat bis da befohlen, ihm durch den Bürgermeister ausgerichtet worden; nun aber sollte er im Auftrage des Rates sprechen zum Bürgermeister, oder seine Herren teilen. Und es verwirrte sich das in seinem Kopfe, was, wie die Sachen standen, wohl natürlich war; denn er ehrte und achtete, wie es eines Knechtes Pflicht ist, den Bürgermeister, der ihm immer freundlich gewesen und gewogen.

»So früh schon, Andreas!« sprach Herr Johannes. »Erwartete ich den Rat doch erst um die zehnte Stunde nach der schweren Sitzung gestern.«

»Das ist's alleben. Gestrenger, der sitzt schon.«

»Wer ist denn so versessen auf der Stadt Wohl?« antwortete ihr Ältester, noch immer in guter Laune.

»Der Herr von Blankenfelde war der erste, mit ihm die Bergholze und die Hoppenrades, und was da um die Ecke sitzt, der Herr weiß ja –«

»Vertragen die von Köln also doch mehr!«

»Na, was das anlangt, Gestrenger. Sie sehen gar grimmig blaß aus, zumal der Herr Hoppenrade, und die Augen stehen ihnen noch so. Mußten sich jeder führen lassen.«

»Nun lassen sie mich rufen, daß ich ihnen unter die Arme greife?«

»Ja und nein, Gestrenger. Das ist, wie man's nimmt. Sonst läßt doch der Bürgermeister den Ratmann rufen, so säumig ist, und will ihm's Kapitel lesen. Heute just umgekehrt. Traut ich doch meinen Ohren nicht, als sie's mir bestellten. Und dazu schnitten sie ein Gesicht! Aber mit der alten Ordnung, sag' ich ja, ist's aus.«

»Was haben sie Dir bestellt?«

»Verlaub, Gestrenger! Ich sei dem Rate eingeschworen, sagen sie, also müßt' ich sprechen, was der Rat spricht, und so sprech ich's denn auch. Und das ist's.«

»Was sollst Du mir vermelden?«

Der Ratsknecht warf sich, wie es bei solcher Meldung sich schickt, in die Brust, ob er doch vor dem regierenden Bürgermeister stand. Aber eben darum that er es: »Vermelden soll ich von dem wohlweisen, versammelten Rate, da der zur Zeit sitzt, sonder seinen gekürten Bürgermeister, unter Vorsprache seines Ältermannes, des Konsuls von Köln, beizeiten des wohlehrsamen Herr Matthis von Blankenfelde, wie der Rat mißfällig vernommen habe mancherlei Beschwerden –«

»Der Rat! Wer ist der Rat ohne mich!« fuhr Herr Johannes dazwischen, und seine großen Augen leuchteten dem Knechte ins Gesicht. »Der Rat ist nichts ohne seinen Meister, der ihm vorsitzt.«

»Es sei denn zu Zeiten der Not und gemeiner Fährlichkeit,« entgegnete der Diener mit minder feierlicher Stimme, aber er sprach doch mit den Worten des Rates. – »Zu Zeiten, wo das gemeine Wesen in Fährlichkeit gerät, war es Brauch, daß der Rat auch sonder Bürgermeister zusammensetzt und sich bespricht; und sitzt und spricht dann vor, wer der würdigste ist und nächste. Als wie es gehalten ward zu den Zeiten Tile Wardenbergs und des Albertus Rathenow, lassen sie Dir vermelden, wo der Rat sich für sich besprach und bei sich Hilfe suchte, sintemalen bei dem Bürgermeister und Ältesten, die nicht zu finden war.«

Es überfuhr Herrn Johannes, und er biß sich in die Lippen. Darauf aber antwortete er mit Ruhe: »Das war, als ich mich recht entsinne, auf Geheiß unseres hochwürdigen Herrn und Kaisers, Herrn Sigismunds, dem Gott seinen ewigen Frieden schenke, daß der Rat sich zusammenthat ohne seinen Meister. Welcher Kaiser und hohe Herr hat denn über Nacht nach Berlin geschickt, und durch welches Thor ist der Bote gekommen, daß ich nichts weiß und keine Meldung habe, daß der Rat notwendigerweis sitzen gehen mußte? Oder was ist vorgefallen seit gestern, daß sie um der Stadt Not aus den Betten krochen und möchte man sonst bei hellem Tag bisweilen die Sturmglocken läuten, daß man sie zusammen kriegt.«

In ganz anderm Tone als vorhin antwortete Andreas und machte den Kopf klein: »Gestrenger, es sind ihrer auch nur blutwenig. Des Herrn von Blankenfelde Sippschaft. Die andern schlafen auch noch. Denn es ging gestern scharf her im alten Rathaus.«

»Und was läßt mir, seinem Bürgermeister, vermelden der sehr wohlweise Rat, der itzo auf den Bänken sitzt?«

»Wie er mißfällig vernommen habe mancherlei Beschwerden,« fuhr der Knecht wie vorhin fort, »so die Zünfte und Gemeinheit gegen Herrn Johannes Rathenow vorzubringen hätten –«

» Hätten!« unterbrach Herr Johannes. »Also haben sich noch nicht beschwert! Der weise Rat riecht, was Rauch und Gestank kommen wird!«

»Als sich das nicht zieme, daß der Bürgermeister, der ohne den Rat nichts ist, für sich allein verkehre und unterhandle, was des Rates und ihrer gemeinsamen Aufgabe sei. Als er zu verhandeln gedenke für sich mit dem Henning Mollner, des alten Mollners Sohn –«

»Wahrhaftig, er denkt's,« unterbrach Herr Johannes.

»So der Stadt Rechten vergebe, und Einsicht fordere, Überlegung und Einigung.«

»In dreißig Jahren ward die Einsicht nicht reif, und sieht's ein Kind ein!«

»Als aber, und dies vor allem, der Bürgermeister sich unterfangen, die Bittschrift, so ihm die ehrsame Innung der Gewandschneider geziementlich überreicht, daß er sie an den Rat abgebe, nicht abgegeben, vielmehr auf offener Straße zerrissen, und dadurch Anlaß gewesen von Hader, Geschrei und Aufruhr, und sei Blut geflossen; als um deswillen gewärtige der Rat, daß Herr Johannes Rathenow vor ihm erscheine auf der Stelle, und vorbringe, was er zu seiner Rechtfertigung wisse, daß es der Rat überschlage und dann ein Urteil finde, wie es recht ist.«

Die rote Ader des Herrn Johannes schwoll ihm da auf der Stirn, so mächtig als die Elsbeth es noch nicht gesehen, und auch die Gertraud entsann sich dessen kaum. Beide zitterten sehr, und bei Ratsknecht Andreas, der's um kein Botenlohn gethan hätte, was er doch thun mußte, senkte den Kopf; er mochte seinen Herin nicht ansehen.

»Sag Du dem Rate – nein, dem Matthis Blankenfelde und seiner Sippe, der Hans Rathenow wird nicht kommen und nichts vorbringen. Auseinanderjagen wird er den Rat, der ohne ihn sitzt und ohne Recht und Gewissen spricht« – und da hatte er gefaßt einen Sessel, und warf ihn so zu Boden, wie man's dem alten Manne nicht zugetraut, und war überdem noch krank gewesen. Der Sessel krachte in allen Fugen, und war er nicht von starkem Eichenholz gewesen, er wäre zerbrochen, so ungestüm warf ihn Herr Johannes Rathenow.

Und nun schritt er wie grimmig durchs Gemach: »Mich vorfordern, mich zur Rechenschaft ziehen, die mich sitzen lassen und mir kein Recht gewähren. Aufruhr ich angeregt! Heiliger Nikolaus! Da sollen sie mir Rede stehen. Die Schneider geziementlich ihre Bittschrift überreicht! Empörung, offener Aufruhr war's! Sag' Du dem Matthis und den Seinen, ich will sie noch einmal zerreißen, in tausend kleine Stücke. Wehe der Obrigkeit, die eine Bittschrift annimmt, die ihr so gereicht wird. Leib und Leben setzt' ich aufs Spiel; das that ich für sie, für des Rats Ehre; und wollen mich zur Rechenschaft ziehen. Sag' Du –« Da sprang Elsbeth heran und umfaßte den Vater, und auch Gertraud trat bittend hinzu, und der Andreas schaute sehr trüb. »Du bist noch krank, Vater,« sprach Elsbeth. Er mußte es fühlen und schwieg einen Augenblick.

»Wenn die anderen Herren versammelt sind, kommt auch wohl ein anderer Schluß,« murmelte der betrübte Andreas.

»Heut so und morgen so. Jetzt dies und morgen jenes!« sagte Herr Johannes, »das ist's ja, was uns in Unehr' bringt und Schaden. Wir fördern nichts und setzen nichts durch. Ich aber will unter sie treten –«

»Vater! Vater! Nicht heut. Es spukt in ihnen der süße Wein noch.«

»Sag' ihnen, Andreas, sie sollen sich aufs Ohr legen – ausschlafen sollen sie. Hörst Du, ich, ihr Bürgermeister, laß es ihnen sagen. Wenn sie auf graden Füßen stehen, werde ich kommen und zu ihnen sprechen, wie's not thut, sprechen werde ich, – nein, sag's ihnen gleich: ich werde ihnen Rechenschaft stehen, ich werde nicht thun, was sie heißen, sondern was ich vor Gott, Stadt und Rat verantworten kann. Und sag' ihnen auch das noch: ich werde mit dem Henning Mollner verhandeln, als es mir beliebt, und ihm auszahlen auf Heller und Pfennig, wie's die Städte ihm schulden, so wahr Sankt Nikolaus unsere Stadt behütet. Sag's ihnen – basta – nun geh!«

Der Knecht Andreas konnte schon zehnmal im Rathaus auf der langen Brücke gewesen sein, als Herr Johannes noch immer im Zimmer auf und ab ging und viel mit sich sprach, und es gärte und kochte in dem alten Herrn. Darauf rief er seinen Diener Hans Dames und sandte ihn mit Aufträgen, die er ihm ins Ohr sagte, nach Köln in die Brüderstraße. Alsdann schickte er auch die Frauen fort und setzte sich an den Schrank, wo er viele heimliche Laden vorzog und Papiere herausnahm und Zahlen überrechnete und Zahlen schrieb.

Dann blieb er eine Weile sitzen, den Kopf im Arme, und seine Miene war sehr nachdenklich: »Siebenundvierzig Schock Groschen!« wiederholte er. »Das wäre vordem meinen Vätern ein kleines gewesen, und heut könnte ich's nicht machen ohne den Bartolomeus Schumm! Die Höfe bei Bernow noch wüste aus dem Hussitenkrieg, die Ställe bei Buckow abgebrannt und die letzte Ernte schlecht!« – Er blätterte in einem anderen Kasten: »Da sind ja noch die alten Rechnungen, als ich des Hennings Güter verwaltete. 50–60–80! Was für Schock Groschen die abwarfen und sind nicht schlechter worden unter meiner Hand. Die Hussiten kamen nicht dahin. Ist der Raschmacherbursch doch heut reicher als der Bürgermeister! Ist nicht gut, wenn das Volk reicher ist als die Herren.«

Und er brütete vor sich hin: »Ein guter Junge; machte dem Herrenstande Ehre! – Das ist nun nichts. Wer nicht zum Herrn geboren ist, der wird kein Herr! – Aber wer ein Herr war, kann der zum Knechte werden?« Seine Gedanken mußten immer trüber werden, so viel Falten legten sich auf seine Stirn, Da kam er an den Kasten mit der Kette, und das Auge leuchtete wieder auf: »Die bliebe mir doch. Ein Blendwerk der Hölle war's, und das Recht der Rathenows wird bestehen!«

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