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Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel.

So viel Trompeter hatten nie durch Berlins Gassen geschmettert. Die Fenster zitterten. Der Stahlglanz leuchtete hinauf bis an die Dächer. Da war kein Aug', das nicht sehen wollte. Und sahen die meisten doch nur einen Strom von bunten Federn.

Es war geschehen. Da war kein Widerstand mehr, alles gaffte nur. »Der Markgraf zieht ein.« »Der Markgraf ist gar zornig.« »Der Markgraf ist gar gütig.« Das lief durch die Keller, Zimmer und Dächer. Die jungen Mütter hoben die Säuglinge, den Herrn ihnen zu zeigen, und die alten Mütterlein ließen sich führen und aus dem Großvaterstuhl tragen. »Der Herr wird das Regiment ihnen nehmen, den stolzen Herren!« – »Hochmut hat ein Bein gebrochen!« – »Der gnädige, große Herr!« – »Nun wird's den armen Leuten auch einmal gut gehn!«

Da gafften sie nicht mehr an den Ecken stumm ihn an, es schrie ihn an, ließ ihn leben, und die Mützen und Hüte flogen in die Lüfte, und die Jungen liefen um sein Pferd und ihm vorauf. Brauchte nicht Silbermünze streuen zu lassen. Aus den Fenstern und von den Dächern schrie es: »Es lebe unser gnädiger Kurfürst!« – »Weg mit dem alten Rate!« – Und als er auf den weitern Platz kam, wo die Spandower Gasse in die mündet, so nach Oderberg führt, da standen viele von den verbundenen Gewerken, und auch alte und ehrbare Bürger darunter. Die machten einen Lärm und schwenkten Fahnen und Bänder, und ein paar mit weißen Haaren hielten ihm sein Roß, und sprachen von dem Druck der Patrizier, und erzählten von den alten Zeiten, als wie solche Leute erzählen, wo es anders gewesen, und die Geschlechter noch nicht die Macht gehabt, und die von den Gewerken auch im Rate gesessen, und wie die Landesherren da den Städten gnädig gewesen wären und ihnen Freiheiten und Privilegien geschenkt, und dann hob einer ein Kind in die Höhe, wie es sich auch fürchtete vor dem Pferde und seinem Busch und dem rasselnden Eisen, und zeigte ihm den Kurfürsten und sprach und rief: es solle sich ihn anschauen, den guten Herrn und gnädigen Fürsten, der werde die gute, alte Zeit wiederbringen. Und da rief alles mit ihm und sie wehten mit Tüchern und den Frauen traten Freudenthränen ins Aug'.

Der Fürst blickte ernst und hold das Knäblein an und sprach: »So Ihr meine guten Unterthanen und Bürger sein wollt, als Ihr es wäret den alten Fürsten, werde auch ich zu Euch sein als die alten Fürsten waren, und will Euch schenken meine Huld und was Euch not thut. Und daß kein Streit und Hader unter Euch sei, dafür will ich der Arzt sein, und heilen die Wunden, die Euch Zwietracht schlug; und Ihr sollt meine lieben Berliner und Kölner sein, wenn Ihr mir vertraut, und zu mir seid folgsam und gehorsam wie das Kindlein zu seinem Vater.

Aber da er's streicheln wollte, erschrak das Kind vor seinem Eisenhandschuh und schrie und sträubte sich. Er konnt' es nicht fassen. Aber die Bürger schrieen und jubelten, und die Frauen weinten immer lauter.

Zwischen dem alten Rathaus von Berlin und dem neuen der beiden Städte kamen dem Fürsten die Ratsherren entgegen. Schrieen nicht und trugen nicht die Köpfe hoch; waren auch ihrer nicht viel. Vor ihnen ging her Matthis Blankenfelde, der Ältermann von Köln. Der trug auf einem roten Sammetkissen die goldenen Schlüssel der Stadt und sank vor dem Herrn auf ein Knie und reichte ihm die Schlüssel dar und sprach: »Wollest uns sein ein gnädiger Herr!« Da ließ ihn der Fürst eine Weile knieen und schaute ihn ernst an, bis er sprach: »Ihr kommt sehr spät.«

Und der Herzog von Pommern sprach: »Sonst schickte sich's, daß sie die Schlüssel tragen vor's Thor, und nicht bringen, wenn man schon drin ist.« Der von Anhalt lachte: »War's wohl zu groß Gedräng, und sie konnten nicht durch.« – »Ihr seht ja, meine gnädigen Herren,« sprach Busso Voß, »sie zittern und sind ganz blaß vor Freude. Kam's ihnen zu unverhofft.«

»Ist das der ganze Rat?« fragte der Kurfürst, als er sie überzählte und ihrer so wenig fand. »Die, so es gut mit der Stadt und treu mit ihrem gnädigen Herrn meinen,« antwortete der Blankenfelder.

»Und wo sind die andern?« fragte der Markgraf. – »Wir waren uneins seit lange, als Dir wird kund sein, hoher Herr.«

»Ihr habt mir die Kunde geschickt, und da Ihr uneins seid, so werd ich Euch trennen, daß Ihr zufrieden werdet.« – »Meines Herrn Wille ist Weisheit,« sprach der von Blankenfelde, »und wir werden drauf horchen.«

»Und achten, hoffe ich!« sprach der Fürst. »Wo ist der Bürgermeister von Berlin? Ich sehe den Johannes Rathenow nicht.« – »Wir vom Rate hatten ihn angeklagt und verstrickt, alldieweil er eigenmächtig Verfahren. So auch hat er auf der Mauer gestanden und mit etlichen die Bürger aufgeregt. Dir das Thor zu schließen.«

»Und wo standest Du?« – »Wir ratschlagten im Hause auf der Brücken – wie wir den Zorn unseres gnädigen Herrn abwendeten, den ohne unsere Schuld böse Leute auf unsere Städte luden.«

»Und habt lange geratschlagt,« sprach der Fürst mit einem sehr ernsten Blicke. »So lange, bis ich im Thor war.«

Dann nahm er die Schlüssel und gab sie seinem Kanzler, und winkte dem Rate aufzustehen, und der ganze Zug ritt nun durch die Gasse, vor der Herberg zum Hirschen vorbei, nach der langen Brücken. Da war es still, so viel ihrer dort standen, denn die übrigen vom Rat und den Geschlechtern hatten sich versammelt, und auch der Propst von Köln, und die fürnehmsten Priester, und die Altmeister der Gewerke. Sie zogen ihre Hüte und neigten sich, keiner aber rief etwas. Und der Kurfürst musterte sie alle, grüßte sie aber nicht. Aber er stieg vom Roß und winkte, und mit ihm traten die Herren und Fürsten und Räte in das Haus, und stiegen die Treppen hinauf in den Saal, und wer vom Rate da war, folgte, es war ihnen so geheißen. Da stand der Kurfürst inmitten des Saales, – er setzte sich nicht auf den Lehnstuhl, den sie ihm reichten, er lehnte sich auf sein großes Schwert und sprach: »Ihr habt mich gerufen. Ich bin da. Ihr habt mich als Schiedsrichter gerufen, und ich werde Euch scheiden. Ihr habt mir Eure Schlüssel ausgeliefert; also ich bin Herr Eurer Stadt. Zween Herren in einer taugen nicht. Der Rat ist von Stund an nicht mehr Rat, und der sein Haupt war, ist nicht mehr sein Haupt. Johannes Rathenow, der Du Bürgermeister warst der beiden Städte, tritt vor Deinen Herrn!«

Da trat Johannes vor und neigte sich, aber er sprach kein Wort. Wie ihn der Fürst maß, vom Kopf bis Fuß, mit einem stolzen und fast zornigen Blicke, er veränderte doch keine Miene, und sah ihm wieder scharf ins Gesicht.

»Man sagt mit. Du habest die Stadt aufgewiegelt und die Bürger, zum Widerstand gegen ihren Herrn.«

»Gnädigster Markgraf, ich that als ich thun mußte, da ich rechtmäßig gekürter Bürgermeister der Städte bin.«

»Wie thatest Du?« fuhr ihn der Herr strenger an und stieß mit dem Schwert auf. Vermeinte ihn zu erschrecken.

»Ich that, wie Ihr gethan hättet an meiner Stelle,« sprach Johannes mit dreister Stimme, daß alle erschraken, und die Blankenfeldische Sippe schaute neugierig und hämisch lächelnd auf den Fürsten, wie er vor Zorn entbrennen würde. Und es leuchtete auch sonderbarlich über die hohe Stirne, und er sah ihn noch stolzer an als vorhin, aber im Aug' war nichts Böses.

»Johannes Rathenow!« sprach er nach einer Weil, »Du bist nicht mehr Bürgermeister und trägst die Kette noch um den Hals. Gieb die Kette zurück, willst Du nicht gerichtet werden um Hochverrat.« Und Johannes faßte an die Kette. Da erst zitterte die Hand und er warb blaß. »Auf die Knie!« riefen die Herren. Und er kniete nieder und überreichte dem Fürsten die Bürgermeisterkette. Bei sich sprach er: »Nun ging es in Erfüllung!« Und er stand da wie ein Gerichteter, seine Freunde flohen von ihm; seine Feinde sahen ihn schadenfroh an.

Und nun machten sich breit an den Tischen die fürstlichen Räte, mit großen Rollen Papiers, mit Tintenfässern und Federn, und voran saß der Kanzler Herr Johannes und vernahm die Ratsherren und die Altmeister und die Sprecher der Gewerke, und wies sie einzeln an die Rate und Schreiber, die mußten aufschreiben jedes Aussage und noch mehr. Da wurde an dem Tage so viel geschrieben, als nicht geschrieben ist in beiden Städten, seit sie gebaut worden. Und von da ab kam das Schreiben nach Berlin.

Und alle, nachdem sie ihre Namen drunter gesetzt und mit ihnen getagefahrtet worden, wurden bedeutet, daß sie tages darauf wieder kämen, und dann konnten sie gehen. Der Kurfürst und die Fürsten und die Ritter schrieben aber nicht mit. Sie standen an den Fenstern, und ward ihnen aus dem Ratskeller und aus der Küche zum Hirschen und aus denen der Patrizier zum Frühstück vorgesetzt, was nur war aufzutreiben an Wildpret und Braten und edlen Weinen. Tranken und aßen auch gehörig und lachten noch mehr und stießen die Becher gegeneinander mit Wünschen, die gar manches Ohr in der Stadt verletzten.

Der Markgraf aber war ans Fenster getreten mit dem von Anhalt und wies ihm über die Spree den Platz, wo am Wasser des Hans Ferbitz Bude stand. »Dort, Vetter, will ich mein Schloß bauen.«

»Und soll's heißen Zwing-Berlin oder Zwing-Köln?«

»Den Namen mag es sich selber schaffen.«

»Ist aber nicht hoch da, kein Berg, Vetter.«

»Da will ich's bauen, daß es ein Berg wird und ein Fels, soll stehen für alle Zeiten. Denn ich liebe diese Städte, Vetter.« Und er lächelte, und der von Anhalt wußte nicht, was er meinte.

*

Es war tages darauf, am 26. Februar 1442 gegen Mittag oder etwas früher, wo alles, was Beine hatte, nach dem Rathause lief, aber kamen doch die wenigsten von den Gemeinen an. Denn wo nur ein Plätzlein war auf der langen Brücke, da hielten die Ritter und die Richter und die Prälaten; ach Gott, wer konnte sie alle nennen, so die Urkund' anhören mußten, und aus freien Stücken kamen, sie zu hören. Wer ein Herz hatte für die Stadt, der hätte sich lieber verschließen sollen in sein Kämmerlein, und trauern in Sack und Asche und die Vorhänge zuziehen. Aber so sind die Menschen und zumal die in Berlin. Wär' es der Großtürke gewesen und hätte durch den Herold ausschreien lassen, wie sie ihre Frauen und Töchter in sein Harem liefern sollten, und von den Männern sollte der zehnte in die Sklaverei, sie wären doch gelaufen kommen und hätten die Dächer abgedeckt, um zu horchen, und auf die Masten der Kähne in der Spree wären sie gestiegen, ihren Schimpf zu hören. Ist doch immer was Neues. Also las nun vom Söller des Rathauses Herr Johannes, der Kanzler, die Urkunde vor, und um ihn und an den Fenstern standen der Kurfürst und seine Freunde und die Fürnehmsten aus den Städten.

»Wir Bürgermeister, Ratmannen, Viergewerke und ganze Gemeine der Städte Berlin und Köln bekennen vor uns und allen unsern Nachkommen offenbar mit diesem gegenwärtigen Briefe, gegen alle, die ihn sehen und lesen hören und thun kund, daß wir, die Viergewerke und ganze Gemeine, scheelhaftig oder zwieträchtig gewesen sind mit den ehrsamen Bürgermeistern und Ratmannen, die den Ratsstuhl beider Städte besetzt haben, seit die genannten beiden Städte mit einem einträchtigen Rate vereinigt gewesen sein; davon wir uns beider Städte Schaden und Verderb besorgt haben, und haben derselben Zwietracht und Scheelung mit den genannten alten Bürgermeistern und Ratmannen uns so wohl und gütlich nicht vereinigen mögen, als wohl not gewesen wäre. Dieselbe Sache haben wir darum mit Eintracht und gutem Rate an den erlauchten, hochgebornen Fürsten und Herrn, Herrn Friedrich Markgrafen von Brandenburg, des heiligen römischen Reiches Erzkämmerer und Burggrafen zu Nürnberg, unsern gnädigen, lieben Herren gebracht, und haben ihn beten, so die einen als die andern, uns gnädiglich zu vertragen. Und haben wir ihm auch die Schlüssel aller Thore von beiden Städten, Berlin und Köln, übergeantwortet und haben ihn gebeten, die Herrschaft der beiden Städte nach ihrer Notdurft zu bestellen, und auch einen andern Rat zu kiesen und zu setzen nach Willen und Gewalt seiner Gnaden. – Als unseren rechten, natürlichen Erbherren haben wir ihn mit demütigem Fleiße angerufen und gebeten, daß Seine Gnaden mit ihren Räten die Sache überwägen, die Gebrechen und Scheelungen gnädiglich erkennen, und genannte beide Städte, seiner Herrschaft zu Ehren und Nutzen in den obengenannten Städten zum Frommen und um Vermeidung größeren Schadens und Unwillens wegen, die davon kommen möchte, eine jede mit gesondertem Rate verfolgen wolle, so daß ein Rat zu Berlin, und der andere zu Köln, gekoren, bestätigt, und die Briefe jeglicher Stadt besonders, als oft das nötig wär, ohne Gift und Gabe gegeben würden. Und haben Seine Gnaden gebeten, eine gute, gewöhnliche Weise zu setzen und zu bestätigen, wie sich alsdann eine jegliche Stadt mit Verwandlung und Gesetzung ihres Rates nun und für ewige Zeiten manchmal halten solle, damit man sich vor Zwietracht, Unwillen und vor Schaden bewahren möge. Welcher Weise also Seiner Gnaden über uns bestimmen werden, das haben wir ihm und seinen Erben zugesagt, zu halten daran ewiglich, und ohne Widerspruch ihm zu folgen. Solche, unsere anliegende Not hat auf unsere demütige Bitte der gnädige Herr erkannt, und hat von Seiner und Seines Bruders besonderen Gnade und mit unser aller Wissenschaft, Vollbord und gutem Willen von unsern Mitbürgern zu Bürgermeistern und Ratmannen ernannt, die so unten genannt werden, und hat allen Einwohnern der beiden Städte ernstlich geheißen und geboten, daß jegliche denen, so für sie gekoren oder nachmalen gekoren werden, gehorsam seien und bleiben, also daß eine jegliche Stadt von den benannten beiden Städten ihren besonderen Rat nun und für ewige Zeiten haben und behalten solle.«

Und so ging die Verschreibung fort; und war's, wer möchte es glauben, totenstille, derweilen der Kanzler sie verlas. Und die Urkunde war sehr lang; deshalb nehmen wir nur heraus, was noch darin stand und wichtig ist. Als:

So die also vom Kurfürsten eingesetzten Ratmannen und Bürgermeister ein Jahr »nach ihrem Eide und ihrem besten Vermögen« regiert hätten, dann solle ein jeder Rat – zu Berlin besonders, und zu Köln auch besonders – »andere fromme, biedere Leute, sonderlich aus den Viergewerken und aus den gemeinen Bürgern« für das nächstfolgende Jahr zu Bürgermeistern und Ratmannen kiesen, und zwar, »nach guter Vernunft und nach ihren Eiden.''

Sollten aber die Räte keine Vettern und Freunde kiesen Keynen befründen Rath nicht kesen oder setten. und setzen, was der Gemeine zu Gefährde gereichen möchte.

Die neu Gekornen aber sollten sie dem gnädigen Herrn, oder dessen oberstem Hauptmann in der neuen Mark, falls der Markgraf nicht im Lande wäre, vorstellen und bitten, daß er sie bestätige, sei es mündlich oder schriftlich.

Wenn die Gekornen aber zu sothanen Sachen der Herrschaft »nicht nütz oder bequem wären,« könne die Herrschaft sie ändern und andere dafür einsetzen, nach ihrem Willen, und habe Rat und Bürgerschaft dagegen keinen Widerspruch, und kein gekorner Rat Recht und Gültigkeit, bis daß er bestätigt worden.

Die Gekornen und Bestätigten aber sollten sich des Rates unterwinden und die Einwohner ihrer Städte nach ihrem Vermögen und nach Redlichkeit regieren und ihnen vorstehen, auch solle ein jeglicher Rat in jeglicher Stadt besonders, nach Ablauf des Jahres, oder wenn es not thut, dem Rate, der nach ihm gekoren, und den Vierwerkmeistern, die dazu geschickt worden, redliche Rechnung thun und pflegen von allem Einnehmen und Ausgeben.

Item sollten alle Verschreibungen und Bündnisse, so die genannten alten Bürgermeister und Ratmannen und alle ihre Vorfahren, so inner- als außerhalb der Marken, geschrieben und geschlossen, fortan und für ewig aus sein und keine Kraft und Macht mehr haben.

Und die Bürgermeister, Ratmannen, Viergewerke und die ganze Gemeine der beiden Städte und alle ihre Einwohner und deren Nachkommen verpflichten sich für ewige Zeiten, keine Bündnisse zu schließen und keinen Aufstand zu machen, es sei denn mit Willen oder Vollmacht ihrer Herrschaft.

Und alles das verpflichteten sie sich durch Unterschrift und Siegel unverbrüchlich zu halten; und so lautete der Schluß der Urkunde:

»Des zu Urkund haben wir beider Städte Siegel, und auch wir Viergewerke unseres jeglichen Gewerkes Siegel, aus beiden Städten Berlin und Köln, mit Wissenschaft, Eintracht und gutem Willen unserer ganzen Gemeine, an diesen Brief hängen lassen, den wir unserm genannten gnädigen, lieben Herrn einträchtlich mit gutem Rate gegeben haben, der da gegeben und geschrieben ist zu Berlin, nach Gottes Geburt vierzehnhundert Jahr, und darnach im zweiundvierzigsten Jahre am nächsten Montage nach dem Sonntag, als man in den heiligen Kirchen singt Reminiscere in der Fasten.«

Als Zeugen standen dabei und hingen ihre Siegel an: Herr Erich, Herzog zu Stettin, zu Pommern und der Wenden Herzog, und Herr zu Wolgast. Herr Albrecht, Fürst zu Anhalt und Graf von Askanien. Herr Nickel Tyrbach, Meister des Sankt Johannes-Ordens in der Mark. Herr Peter Klytz, Propst zu Brandenburg, auch Herr Franz Steeger, der gute Propst von Berlin, der war wieder hergestellt; dann der Ritter Hans von Waldow, Wilhelm Voß, unseres Herrn Marschalk, Heintze Kracht, Seiner Gnaden erster Kanzler, Jürgen von Walenfels, Seiner Gnaden Kammermeister, Otto von Schliefen, der Alte, Matthias von Bredow, der Alte, Heyne Pfuel und der junge Otto von Schliefen und noch viel andere fromme, lobenswerte Leute.

Und da es verlesen war, war es noch stiller. Keine Hand rührte sich. Keiner ließ den Kurfürsten leben. Die von der Stadt senkten die Häupter, die Herren und Ritter blickten recht bös; nur der Markgraf schaute ernst, aber nicht finster über sie alle, als lese er, was in jedes Seele geschrieben stand.

Darauf verlas der Kanzler die Ratmannen und Bürgermeister, so für beide Städte der gnädige Herr selber ernannt. Wären's Namen, die kaum bis itzo fürkommen sind, also waren's wohl stille Leute, so sich um ihr Haus mehr gekümmert als um das gemeine Wesen. Solche sind der Herrschaft lieb. Zu Ratmannen für Köln ernannte er den Hans Lange, Hans von Grymene, Jakob Ottens, Clawes Kölre und Andreas Warbelen, und zum Bürgermeister setzte er Jakob Tydeke, der war ein Schmied. Darob ärgerte sich Herr Matthis Blankenfelde nicht wenig. Kam's aber noch ärger.

Und zu Ratmannen für Berlin den Barthomäus Pletze, Palme Schulten, Clawes Schulten. Heinrich von Walsleben, Matheus Arndes, Kaspar Mewes, Hans Hadewig, Nickel Falkenberg, Hans Franke und Jakob Heinze, meistens von den Gewerken. Augustin Volker, der war ein Lakenmacher, ward zweiter Bürgermeister; aber wie verwunderten sich alle, als er den ersten Bürgermeister nannte; das war Johannes Rathenow.

»Knie nieder, Johannes!« sprach der Markgraf, es war nämlich im Saal und alle Fenster standen offen, und als der niederkniete, hing ihm der Fürst die güldene Kette wieder um. »Stehe nun wieder auf als Bürgermeister, und als Du der Stadt treu gedient, dient auch treu dem Herrn, der über sie ist.«

Wer möcht' es glauben, wenn es nicht in der Chronik stände, und in der Urkunde auch, und ist noch da mit allen Siegeln. Den Johannes Rathenow ernannte der Kurfürst zum Bürgermeister, und er schwur in seine Hände den Eid. Des Matthis Blankenfelde Gesicht wurde doch wie eine Quitte gelb.

Und zur fürstlichen Tafel lud er auf den Tag den Johannes, dessen Gesicht darum nicht anders ward. Er war sehr ernst, und sah man's, daß viel drin vorging. Und da die Trompeter bliesen, daß sie zurückritten nach des Markgrafen Hause, wandte sich Herr Friedrich zum Johannes: »Wo aber ist unser Henning Mollner? Er ist Dein Freund.« – »Er ist nicht mein Freund, gnädigster Herr!« – »Er sprach gut von Dir.« – »Das ich nicht wieder sagen kann.« – »Du hast ein schön Töchterlein, Johannes.« – »Das ich aber lieber ins Frauenkloster nach Spandow schicke, als einem gebe, der seine Stadt verriet.«

Da zuckte es fast voll Zorn über des Fürsten Stirn, aber er faßte sich wieder: »Wo ist der Henning, Bürgermeister?« sprach er streng. »Als ich höre, ist er auf sein Roß stiegen und gangen ins Elend. Und hat gut gethan.« – »Warum gut?« – »Weil, so er nicht gangen wäre ins Elend, wir ihn schickten ins Elend.« – »Johannes Rathenow!« – »Den habt Ihr gekürt zum Bürgermeister der Stadt Berlin, gnädigster Herr! und hat Euch geschworen in Eure fürstliche Hand, nach seinem Vermögen und nach Redlichkeit zu regieren. Darum so schickt er den, der wider des Rates Gebot die Thore öffnete, aus der Stadt und ins Elend. So wahr mir Gott helfe!« – »Und Euer Herr und Markgraf?« – »Der kann richten über mich, als ich über den Henning richte.«

Der Herr schaute ihn gar groß an und wiegte den Kopf. Dann sprach er, als wäre gar nichts gewesen: »Nun, Johannes, die Suppe wartet. Aber der Henning, so Du ihn aus der Stadt jagst, ins Elend soll er nicht. Oder ist's bei mir Elend?«

Und als nun sie alle fortzogen und der Saal leer worden, nahm der Ratsschreiber Fidizinus das große Stadtbuch, schlug es auf, faltete die Hände und seufzte tief. Dann tauchte er die Feder ins Tintenfaß und schrieb hinein, es ward ihm schwer: »Und ist, ob doch noch im Jahre 1432 am Sonnabende nach Visitationis die Sachen beider Städte untereinander vertragen worden, doch im Jahre 1442 diese gute Einigung, nicht nach dem Willen Gottes, sondern von Zwietracht, die sich wunderlich und seltsam zwischen den Ratsherren und der ganzen Gemeinheit beider Städte an einem und den Viergewerken und etlichen Innungen am anderen Teile erhoben, auch von Beibringung und Schickung böser Leute wegen, wie Gott geklagt sei, wieder abgegangen und verstört, so daß nun in jeglicher Stadt alle Jahr ein besonderer Rat gesetzt und gewählt werden soll. Gebe Gott, daß das bald wieder anders wird!«

 

Ende des zweiten Bandes.

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