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Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.

An dem Tage lag, als wir schon sagten, ein dicker Nebel über den Städten: um so grauslicher klangen die Sturmglocken von den Türmen, die man nicht sah, und die Trommeln wirbelten. Wo ein Gemeinwesen untergehen soll, da sind nicht allein die Leute mit Blindheit geschlagen, daß sie dem Verderben in die offenen Arme rennen, auch die Natur selber läßt die Erde zittern und verfinstert den Himmel, um den Sinn der verkehrten Menschen ganz zu verwirren. So ging es in Jerusalem und in Babylon und in Troja vor alters, und in Berlin sollt es ebenso gehen. Die Trojaner sahen auch nicht, was im Bauch des Pferdes steckte, sie gafften das Roß an aus eitler Neugier; und wär' solch ein Pferd gewesen, die Berliner hätten's auch gethan. Darum mußte untergehen der gute König Priamus und sein ganzes erlauchtes Haus und die Stadt Troja, die so reich und groß war, und ihre Männer und Frauen, ja die unmündigen Kinder auch wurden fortgeschleppt und verkauft in die Gefangenschaft. Und alles, weil sie einmal blind waren, und verkehrten Sinnes. Ist's ein herzbrechender Gedanke, daß nichts, was mächtig und schön war, bestehen kann in die Ewigkeit, sondern es muß Staub werden. So ging denn auch Berlin unter und Köln, das mächtig hätte werden können als wie Lübeck und Nürnberg und Venedig.

Wie das untereinander trieb, die Bewaffneten und die Wehrlosen, die Männer und Frauen, die Alten und die Kinder. Die Stadt ist in Gefahr, das sah man auf allen Gesichtern. Auch wußten die mehrsten itzt vom Markgrafen; aber was der eigentlich wollte, das wußten die wenigsten. Was kümmerte sie der Markgraf? Der war ja Landesherr und nicht Stadtherr: und sie waren nicht vom Land, sondern von der Stadt. Darum hatten die Eifrigen von den Geschlechtern auch gut predigen unter den Leuten, und hatten des Eindrucks nicht entbehrt. Auch die mehrsten unter den Gewerken sahen das ein: sie mußten für die Stadt stehen; und wär's zum Sturm kommen, dann hätte es wohl blutige Schädel gesetzt und an dem Tag gewiß wäre der Herr nicht rein kommen.

Wie denn jeder seine Leute bearbeitete, als er sie kannte, und was ihm gerade in den Sinn kam, so sprach einer an der Eck': »Hat der Rat, den Ihr Euch feind nennt, eine Burg inmitten der Stadt? Hat er eine Burg sich gebaut, oder haben unsere Geschlechter Kastelle und Häuser mit Türmen und Gittern, darin sie sich verkriechen und die Bürger daraus befehden? Sie wohnen unter Euch; hier ist der Schmied und da der Knochenhauer des Patriziers Nachbar, und haben gemeinschaftliche Mauern und Zäune; und haben nie klagen gehört, daß der Knochenhauer litt oder der Schmied, daß der Patrizier neben ihm wohnt. Umgekehrt, der Patrizier muß den Amboß hören und darf's nicht hindern, und riechen muß er den Inschlitt, und wenn der Metzger die Gedärme bratet, darf der nicht die Nas rümpfen. Glaubt Ihr, wenn Ihr tauscht den Markgrafen für die Patrizier, daß er ein so guter Nachbar ist, oder seine Hauptleute, oder seine Ritter? Ja die feinen Nasen aus Franken werden Euer Lichtsieden riechen. Euer Fettausbraten, Eure Gerberjauche! Auf einen großen Hofhalt freuen sich einige, als ich höre. Ich weiß von Städten, wo die freien Bürger sich auch freuten und den Fürsten darum baten, zu ihnen zu ziehen. Geht mal dahin und fragt, wo ihre Freiheit ist? Die Schmiede haben sie hinter die Mauern gewiesen, die Schlächter in die Winkel am Graben; die Lohgerber, die Seifensieder mußten von Haus und Hof weit weg, denn die Nasen bei Hofe vertrugen den Gestank nicht. Und da gefiel dem Fürsten ein Haus nicht, versperrte ihm die Aussicht, das mußte eingerissen werden; und wie die Bürger künftig bauen sollten und ihre Häuser anstreichen, das ward ihnen vorgeschrieben. Und mußten ihre Gassen mit Steinen pflastern. Fällt's ihnen am Ende gar ein, die Steine sollen glatt sein; muß sie bei Steinmetz schleifen! Hier durften sie nicht mehr die Schweinekoben vor den Thüren haben. Denkt Euch doch das! Dort gar sollten sie nicht mehr vor den Thüren Feuer machen, keinen Kessel hämmern und Schuh flicken. Man befahl ihnen, die großen Schilde einzuziehen vor den Thüren, die Wettertraufen abzunehmen; und noch weit mehr. Man bedeutete sie, nicht auf einmal, sondern nachgerade, daß sie nichts in der Stadt zu sagen hätten, sondern der Fürst und der Hof. Der ließ anlegen prächtige Häuser, Brücken, schöne Brunnen, Türme; aber Schoß mußten sie zahlen nach wie vor. Gott weiß wo er geblieben. Bei den Patriziern gewiß nicht, die sie vordem angeklagt, daß sie der Stadt Kasten angriffen. Denn der Fürst hat seine Kämmeriere darüber gesetzt, daß sie die Schlüssel zu sich steckten. Und geklagt hatten die Bürger ehedem, daß die Patrizier keine Rechenschaft legten, als sich selbst und ihren Gevattern. Ja, wo blieb itzo die Rechenschaft! Es sollte 'mal einer danach fragen in der kurfürstlichen Kammer. Sie setzten ihn in Wach' und klagten ihn an um Hochverrat. In Summa: die Bürger, schöne Häuser haben sie, aber nicht wie sie wollten, sondern wie der Fürst wollte, und von ihren Patriziern werden sie nicht geplagt und nicht regiert, aber den Mund dürfen sie nicht aufthun, und wenn sie auf der Straße gehen, treten sie nicht auf wie Ihr, fest und sicher, denn der Boden ist nicht ihre, sondern der Fürsten. Und die Luft, die sie einschlucken, ist nicht ihre, sondern des Fürsten. Das hat man sie gelehrt in den Schulen, und sie glauben's. Und nochmals in Summa: sie, die ihre Patrizier anklagten und verjagten, weil die in ihre Rechte griffen, wie sie sagten, die haben itzt gar keine Rechte, und sind nicht freie Bürger, sondern wohnen aus Gnad' und Barmherzigkeit in der Stadt, so ihre Väter gebaut und darin geherrscht.«

Wer die Rede hielt, steht nicht in der Chronik, auch nicht was, die sie hörten, dazu sagten, und was Wirkung sie machte. Mochten's auch die wenigsten ganz gehört haben; denn wer hört auf Reden, wenn die Sturmglocken läuten! Wo Pawel Strobant war und Konrad Ryle und der Bürgermeister, und noch einige von den Eifrigen, da waren die Streitigkeiten vergessen, und sie brannten vor Lust, auf die Mauern zu steigen. Mochten manche von den Gewerken vergessen, daß sie's gewesen, die an den Markgrafen geschrieben. Die Lohgerber und die Färber, die Weber und auch die Bäcker, die doch mit nach Spandow geschickt, die schrieen und ließen die Stadt und den Rat leben!

Ja wäre nur nicht der Nebel gewesen, daß keiner den andern sah. Und wäre Einigkeit unter dem Rat gewesen, daß einer dem andern in die Hand arbeitete, dann hätte ihr Regiment noch lange währen können. Und hätten sie den Pawel Strobant nicht in die Klostergasse geschickt, wo er nichts thun konnte als aufpassen, und blieb fern vom Spandower Thor. Der hätte da stehen müssen, und der Kurfürst wäre wohl nicht hinein kommen. Aber so hatten die Knochenhauer sich dahin gemacht; das waren aber auch die einzigen, die sich verstanden, denn die Schneider, die immer einig waren, wo es nur Reden galt, die hatten jetzt das Herz in den Hosen und ließen sich einschüchtern durch solche Reden als die oben, und die Schuhmacher, die waren abgeschnitten von ihren Kumpanen und konnten nicht durch, wie auch Baltzer Boytin sich Mühe gab, zu ihnen durchzudringen und sie zu rufen. Er konnte doch auch vom Thor und den Knochenhauern sich nicht zu weit entfernen.

»Sind unser hier zu wenig,« flüsterte Bartz Kuhlemey dem Baltzer dort unterm Schwibbogen zu. »Das ist all ein Schrei!«

»Habt Ihr nicht auch Kehlen?«

»Aber sind trocken. Die vom Rat haben zu trinken gegeben.«

Baltzer knirschte: »Daß wir den Henning nicht haben!«

»Daß Ihr Euch nicht besser vorgesehen habt!« gab's ihm Bartz wieder. »An allen Ecken müßtet Ihr Schreier haben, daß die vom Rat nicht durchdringen.«

Baltzer Boytin verzog zu einem hämischen Lächeln sein Gesicht: »Kurier' Du die Kreatur, wie sie ist! Lieber Meister, manches Mal komm ich so auf den Gedanken, 's ist eitel Ding mit all unserm Rechnen und Fürsehen. Wer das Geld sucht, findet's nicht, aber dem Laffen läuft's ins Maul. Der Esel wirft seine Last nicht ab, und wenn der Treiber ihn noch so prügelt; aber vorm Schreck kriegt er den Schuh und schmeißt Mann und Pack ab. Der Zufall thut das meiste in den Dingen, und mein kleiner Zeh juckt mich: 's wird diesmal auch so gehen.«

Und kaum daß er das gesprochen, als es wie durch die Wolken schüttelte, schmetterte und riß. Die Nebel zitterten, die Fähnlein wehten, die Schilde schwankten, denn fünfzig Trompeten schmetterten draußen und klangen wider an den Mauern und Türmen, und hallten rückwärts gegen den Wald, und Schall und Widerhall mischten und kreuzten sich, und war's ein Wirrwarr und Lärm, der Allen ins Herz schnitt, hüben und drüben der Mauer, und die Krähen flatterten in die Lüfte, und die Habichte um die Türme. Und das Rossegetrampel auf dem festgetretenen Schnee, wie wenn eine Herde von vielen Hundert vor dem Wolfe jagt; und nun das Klirren von Erz und Eisen, von Rüstzeug und Harnischen, und das Wiehern von tausend Rossen. Und wie, als von Erschütterung der Trompeten und des Hufschlags und das Wieherns und des Stahls und der Ringe, brach der Nebel itzt, und hier ein Riß, und dort ein Riß, und man sah's funkeln von hellglänzendem Stahl, von bunten Federn und Fähnlein, und der Nebel zerfloß immer mehr und lagerte um die Kiefern, und die Sonne brach vor und flimmerte wieder von dem Stahlmeer, und schien auf die Dächer Berlins, als wollte sie noch einmal Abschied nehmen von der freien Stadt.

Seit Berlin und Köln Mauern von Stein haben, ein so gerüstet Heer stand noch nicht vor diesen Mauern. Denn als Waldemar, der Falsche, einrückte, kamen ihm die Ratmannen bis Tempelhof entgegen und holten ihn ein, vom Berge herüber, mit Pfeifen und Geigen und buntem Zeug, und waren's die Bürger selbst, die so einzogen, nicht Feinde. Und von den Hussiten, als die im Lande sengten und brennten, kamen nur kleine Trupps bis ans Oderberger Thor. Wurden mit einem Pfeilregen zurückgeschickt. Und in alten Zeiten, zu der Bayern Herrschaft, als der Lebuser die Polen und die heidnischen Littauer ins Land rief, Gott sei's geklagt, die wagten sich auch nicht an so große Städte. Die mordeten und plünderten und brannten auf dem flachen Lande; und dazumalen sind so viele adelige Familien in die Stadt gezogen, und sind ihre Wappenschilde eingehauen in die Mauern. Aber itzo: sechshundert geharnischte Ritter, in Stahl von Kopf bis zu Fuß, und item ihre Rosse, und Roß und Mann mit hohen Reiherbüschen, und über die Rosse prächtige Decken und über die Harnische Wappenröcke und Kettenhemden, die hielten vor dem Spandower Thor. Und hundert Fähnlein wehten über den Köpfen, und die fünfzig Trompeter in bunten Röcken bliesen ihre Stücke, als sollten ihre Lungen platzen. Und zu den sechshundert Rittern noch viele hundert Knechte und was zum Troß gehörte. Und die Rosse, die bäumten sich vor Stolz. War's ein schöner Anblick, wer sich da freuen konnte. Und inmitten der Markgraf und Kurfürst auf einem weißen Rosse, mit Fürsten und Herren und Grafen und Prälaten um sich. Was gäbe mancher darum, wenn er so etwas sehen könnte!

»Schau, die Störche sind auf dem Nest.« rief ein Ritter dem andern zu, als er Bürger mit Piken und Hauben auf den Mauern sah. Da sie um etliche Schritte dem Thore nahe waren, hielten die Ritter, und der Kurfürst, der hoch zu Roß saß, wandte den Kopf um: »Es ist geschlossen,« sprach er, und sein Blick forschte umher unter dem Gefolge und verweilte bei den Herren aus der Stadt und den Bürgern, die weder bewaffnet noch geschmückt als die Ritter, vielmehr mit sehr nachdenklichen Gesichtern und die Augen zu Boden dicht hinter ihm ritten. »Ihr Herren und Meister, man lud mich ein zum Richten, wie, und das Thor nicht geöffnet!« Die Meister von den Gewerken schwiegen und blickten kaum auf, so voll Hoheit und Zorn war sein Aug'.

»Gnädigster Herr,« sprach der eine von den Kölner Herren, »da wir in den schweren Zeiten nicht wissen, wer uns freund ist oder feind, halten wir die Thore vor männiglich geschlossen, bis daß er uns kund giebt, er ist unser Freund.«

»Soll mich also anmelden!« sprach der Kurfürst, und sein Aug' leuchtete sonderbarlich.

Da sprengte auf seinen Wink einer seiner Hauptleute bis auf die Brücke am Thor, und zween Drometer mit ihm. Die stießen wieder ins Horn und er rief mit lauter Stimme: »Ihr Ratmannen und Bürger unserer lieben Städte Berlin und Köln! Herr Friedrich der Andere, Euer gnädigster Landesherr, der Markgraf von Brandenburg ist und Kurfürst des heiligen römischen Reichs, läßt Euch seinen Gruß entbieten und vermelden, daß er kommen ist, als Ihr ihn gebeten, Euren Streit zu schlichten, und er steht vor Euren Thoren.«

Darauf ward alles still, die Rosse schnaubten nicht, und einen Augenblick rasselten auch nicht die Harnische, aber drinnen murmelte es und tobte, wie wenn das Meer gegen Mauern brandet. Die Blicke der Herren begegneten sich fragend und dann wandten sie die Augen wieder auf die Mauern. Nur der Markgraf bewegte sich nicht. Wie ein in Erz gegossen Reiterbild saß er aufrecht zu Roß und schaute mit finsterem Ernste auf die eisenbeschlagenen Thorflügel. Da flüsterte ein Ritter, war's der Graf von Knipprode, ihm zu: »Als ich sagte, nicht Schlüssel, Äxte werden die Thore öffnen.«

»Da sei Gott für,« entgegnete der Herr kopfschüttelnd, und wies auf die Mauer, wo drei Ratsherren itzo erschienen. In ihrer Mitte Konrad Ryke, der trat an die Brüstung vor und lehnte sich über.

»Des freuen die Städte sich von Herzen sehr, daß unser gnädigster Herr und Markgraf, den Gott erhalte, ist kommen auf Bitte etlicher unter uns, um zu vermitteln unter uns, was streitig ist; und fragen die Ratmannen ehrbarlich durch mich an, ob wir vom Rate hinauskommen sollen und ihm fürtragen unsere Sache, demütiglich als es sich schickt, oder ob der hohe Herr selber geruhen will, mit seinen Räten einzureiten in unser Thor, als wo dann der Rat es wird aufschließen lassen, um den Fürsten und was seine Dienerschaft ist und die Räte, so er namhaft macht, einzulassen.«

»Heiliger Christ im Himmelreich!« schrie der Herr von Voß auf. »Uns am Thor abzählen lassen wie die Schafe!«

»Dein Herr und Markgraf heischt und befiehlt von Euch, als Ihr seid seine Unterthanen,« fuhr der Hauptmann mit noch stärkerer Stimme fort, »daß Ihr sonder Zögerung aufschließt Eure Thore vor ihm, der Euer Herr ist, und er wird eintreten lassen, wen er will, und draußen lassen, wen er will!«

Da entgegnete Konrad Ryke: »Heil und Segen unserm gnädigen Herrn, und ein langes Leben; und Gott schütze sein Recht! Aber das ist nicht sein Recht. Vielmehr ist's unseres, einzulassen mit Mann und Roß niemand, denn den der Rat will, und ihn gerufen hat.«

Da tummelten die Ritter, die zunächst standen, ihre Rosse, und hundert Flüche und Drohungen stießen sie aus. Einige sprengten auf die Brücke und hoben die Fäuste drohend in die Höhe. »Aufgemacht!« schrie einer und stieß den Speerschaft gegen das Thor. – »Aufgemacht!« rief ein anderer, »wir alle sind die Räte, so Euch richten wollen!« – »Aufgemacht!« ein dritter, »denn's ist kalt. Wir wollen Euch einheizen!«

»Die Schlüssel!« schrie der Marschall. »Die Schlüssel her, und auf den Knieen Abbitte gethan, daß Ihr Euern Herrn warten lasset.«

»Vor Eurem Lausenest warten!« fiel der junge Pfuel ein.

»Die Schlüssel sind des Rates und nicht des Fürsten,« sagte der Ryke. »Und Deine Knochen des Schinders!« schrieen dreie.

»Aufgemacht, ehe ich fünf zähle, oder bei allen Märtyrern –« lief der Marschall Wilhelm Voß.

»So Ihr uns, bis Ihr fünf zählt, Beweis gegeben, daß der Markgraf das Öffnungsrecht hat, werden wir Euch das Thor geöffnet haben, bis Ihr fünf ausgezählt.«

Da sprengte Otto Pfuel, der jüngere, noch näher und schwang die Streitaxt, so er in der Hand hielt, als wär's ein Federball, und zwischen den Zähnen knirscht' es ihm, und sein Maul riß er weit auf: »Beweis willst Du, Du Käsekrämer, Du Hund, den Beweis Dir an den räudigen Kopf!« Und er schleuderte die Streitaxt in die Höh'; und es hätte wenig gefehlt, sie wäre dem ehrbaren Herrn Konrad an die Stirn geflogen. Aber sie schlug nur gegen die Brüstung und schlug ein gut Stück von dem Stein ab, daß die Splitter umherflogen, und alles auf der Mauer fuhr zurück. Die Axt flog in den Graben zurück. Nun war der Lärm groß, drinnen wie draußen. Die Glocken hörte man nicht mehr vor dem Geschrei. Zehn Lanzenschäfte stießen zugleich an die Thorflügel: »Aufgemacht Ihr drinnen! Hat der Landesherr keine Freunde in der Stadt?«

– Der Kurfürst aber, wer den ansah, mochte sich verwundern. War sonst doch ein rühriger Herr; sprach wenig und dachte mehr. Aber wo's not that, fehlte er nie. Saß aber itzt noch immer als das Steinbild zu Roß, den Leib nur etwas übergeneigt, und die Augen, als sähen sie einen Geist. Ohne die Starrsucht, ja da hätte er wohl mitgesprochen und seine Herren zurechtgewiesen, denn unnütz Schimpfen liebte er nicht.

Drinnen schwang auch einer ein Beil, aber es war ein blutig Metzgerbeil. Klaus Martinecke stand auf dem Eckstein und sprühte den Leuten das Feuer in die Adern, wie Baltzer Boytin den Bartz Kuhlemey dazu gefordert, der aber mocht' es nicht. Klaus war ein Faselhans und versoffen, und macht' schlechte Würste, und mit seinem Weib prügelte er sich alle Tage, daß es den Nachbarn ein Ärgernis war, und darum ging es schlecht mit seiner Nahrung. Aber wenn er getrunken hatte, und man ließ ihn los in der Morgensprache, dann war er als ein Eichhörnchen in seinem Rade, oder als ein Tiger in seinem Käfig. Der schrie's mit seiner gellenden Stimme den Knochenhauern und den andern zu, daß sie Esel wären und Narren, wenn sie itzo die Gelegenheit verstreichen ließen, und dem Rat glaubten und seinen Märchen, und den Markgrafen, der ihnen zu helfen da sei, draußen ließen.

»O Ihr lieben, grauen, grünen, gelben Esel! Wollt Ihr in alle Ewigkeit Stockfische bleiben? Wollt Ihr Euch aufbinden lassen in alle Ewigkeit ihre Märchen? Die Wurst mit Judenfleisch, wer hat sie gesotten? Die Teerbutte, wer hat sie Euch angeschmiert? Der mit Eurer Dummheit Wucher trieb, und Eure Augen Euch um ein Finkenaug' abkaufte. Vor der Brücken steht einer mit dem Schwert des Herrn. Wollt Euch noch mal das alte Märlein aufbinden lassen, daß die Herren Eure Väter sind, noch mal Euch beschwatzen, daß Ihr gegen Euch selbst wütet! Das Märlein stinkt. Riecht Ihr's nicht? Mord und Brand, nicht gefackelt. Jetzt, Brüder, nicht gefackelt. Unser Recht steht vorm Thor, schließt's ihm auf. Brecht die Stangen! Nieder mit ihnen!«

»Nieder mit den Stangen! Auf das Thor! Es lebe der Kurfürst, es lebe die Gemeinheit!« Ein paar hundert Stimmen riefen es, und Bartz Kuhlemey schrie: »Der Markgraf hat geschworen, die Städte sollen gleich werden dem Erdboden, Salz will er drauf streuen, wenn Ihr ihn nicht hört. Ein Narr, der den Freund draußen läßt und den Feind verschließt. Auf, die Thore!«

»Auf, die Thore! Die Schlüssel her! Fort mit dem Rate!«

Ja die Knochenhauer sind tüchtige Leute, und ihre Ellenbogen und Fäuste, wer kommt gern mit denen zusammen! Aber sie hatten's doch nicht gemacht. War zu dichter Gedräng um's Thor. Sie konnten nicht durch. Waren auch zu viel Unschlüssige. Da schrie eine Stimme, die alle kannten: »Aufgemacht!« und wie ein Rasender, so sah der Henning aus, als er sich durchdrängte. Seine Augen rollten, sein Gesicht war blaß, auf dem Kopf trug er keine Mütze, das Haar fiel ihm herunter, wie eines, der ertrunken war. Sein großer Leib zitterte, und die ihn gern hatten, erschraken, wie sie ihn so sahen. Als er am Stein vorbeikam, riß er dem Klaus Martinecke das Beil aus der Hand: »Das Beil ist zum Hacken, nicht zum Reden!« und schwang's über dem Kopfe. Und wie ihm nun alles wich, das mag jeder glauben.

»Um Gott, was ist das?« rief Herr Hoppenrade. »Ritter Ruthnik, mit Euren Lanzenknechten vor, schnell ans Thor! Er sprengt es.«

»Henning!« schrie der Bürgermeister.

Man hörte einige krachende Schläge, Eisen fiel, Riegel rasselten. Schrei der Angst und Wut, des Jubels und der Verzweiflung! »Es lebe der Markgraf! Nieder mit dem alten Rate! Hoch die Gewerke! Die Allgemeinheit!«

Die Thorflügel rasselten; Helme und Harnische blitzten durch, und Roßköpfe, es wogte und drängte zurück. Wer da stand, wurde fortgerissen.

»Hier ist nicht gut weilen. Es ist zu spät. Fort, Herr Johannes Rathenow!« Der Hoppenrade riß den Bürgermeister mit sich fort in die Quergasse. Konrad Ryke folgte ihnen händeringend. Seine Backe blutete: »Es ist aus!«

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