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Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel.

Als gesagt, so war das Rathaus schon voller Leute und die Herren im Saal, als der Bürgermeister sich Platz machte mit seinen Freunden. Die wußten alle, was es galt und so ernsthafte Gesichter haben sich selten angeschaut. Und zu ihrer Ehre muß man's sagen, heut war es nicht, wie ein Reichstag in Polen. Sie schrieen nicht, daß einer dem andern das Wort nehme; vielmehr wo einer sprach, schwiegen die andern, und drängten hinzu, und steckten die Köpfe zusammen. Sah es doch fast aus, als sei der Rat teuer im Rathaus.

Auf dem Treppenabsatz, es waren nur noch ein Paar Stufen bis oben, da stand Herr Bartholomeus Schumm; er verschnaufte. Denn er war fast gerannt und die Treppe war steil. Halb saß er, halb lehnte er auf einem Gesims, die Hände vor sich gestützt auf dem Goldknopf seines Stockes, und der dicke Schweiß lief ihm von der Stirn. Jetzt aber, als Herr Johannes heraufkam, sah er ihn eine Weile an, und dann nahm er die rechte Hand vom Stocke und hielt sie ihm hin: »Gott grüß Dich, Hannes!« – »Bartholomeus, grüß Dich Gott. Freut's mich, Dich zu sehen,« entgegnete Herr Rathenow. – Und beide schauten sich eine Weil ins Aug', bis der Bürgermeister sagte: »Glaubte, wir sollten uns nicht wiedersehen. Aber Not bricht Eisen und kittet Freundschaften, so gebrochen waren.« – »Pah!« sprach Herr Bartolomeus. »Wüßte nichts, was gebrochen war. Daß die Weibsen beim Tanz sich in die Haare kriegten, was schiert das Männer.« – »Dank! Dank Euch,« sprach Herr Johannes. »Dachte, 's hätte Euch was gestochen.« – »Mich! So ein Floh mich sticht, faß ich ihn, so eine Laus mich beißt, knack ich sie, und so eine Wanze mich ankreucht, werf ich sie in den Topf. Wer sonst könnte den Bartholomeus Schumm stechen?«

Da schauten sich beide an, fast lächelnd, und drückten sich fester die Hand, und so stiegen sie selbander die Stufen hinauf. Die es sahen, freuten sich. Und auch Herr Matthis Blankenfelde, der oben an der Thür stand, er freute sich grad nicht, aber ihm war's nicht unlieb. Denn seine Stadt liebt doch ein jeder, wenn er auch tückisch ist und neidisch und krumme Wege geht.

»Das wird ein schwerer Tag werden,« sprach Herr Johannes, als sie hinaufstiegen. Der Schumm brummte was in den Bart. »Er hat eiserne Zähne,« sprach der Bürgermeister. »Kirchenmäuse,« brummte der Kölner Ratsherr. »Wollen unsere Speicher ihnen schließen.«

Und als sie eintraten, die beiden Herren, stunden alle auf und machten ihnen Platz, und gleich, als wäre er nicht verstrickt worden, und die Anklage gegen ihn gar nicht geschrieben, und als hätten sie vergessen, was neulich am Montag nach Estomihi hier geschehen, ließen sie ihn zu seinem Platz, und es war still, daß man eine Nadel hätte fallen hören, als er anhub: »Gott und seine Heiligen seien mit uns und unsern Städten, Ihr wißt's.«

Nun riefen einige: »Wir wissen's!« Andere: »Sprecht, redet!« und nun ward es laut.

Und der Bürgermeister verlas den Brief, so ihm Niklas Perwenitz aus Brandenburg in der Hast geschrieben, darin er den Städten vermeldete, wie der Markgraf und Kurfürst, nachdem er die Klagen gehört, der einen wie der andern, der Berliner und der Kölner, der Gewerke und der Ratmannen, mit seinen Rittern, Räten und Herren im geheim viel gesprochen und beratschlagt, und darauf gesprochen, er wolle das Wesen nicht länger dulden, und solle es biegen oder brechen, und wollte er zerreißen das Band, das die trotzigen Städte zusammenhalte, und ihnen das Regiment nehmen, das sie nicht zu führen verstünden, als zum gemeinen Schaden. Und habe er die Thore schließen lassen von Spandow, daß keiner die Nachricht austrüge, denn er wolle kommen mit seinen Mannen und Reisigen, und als Landesherr die Schlüssel fordern, und daß sie ihm das Thor öffneten, so die Starrköpfe vor seinem Vater zugeschlagen. Und alle Ritter hätten dazu gejauchzt, und alle Räte gesprochen, es sei recht, und alle Fürsten, die bei ihm seien zum Hoflager, hätten ihm die Hand gedrückt und sich gefreut, als ging es zum Türkenzug. Von einem vertrauten Mann am Hofe hätte es heimlich Niklas Perwenitz erfahren und alsbald geschrieben und einen Schnellreiter gesandt, daß die Botschaft noch zum Rechten treffe. Denn Montag nach Reminiscere habe der Kurfürst geschworen, wolle er reiten vor die Stadt und den Harnisch nicht von den Gliedern thun, bis sie ihm geöffnet und die Schlüssel gebracht.

Auslesen konnte der Bürgermeister den Brief nicht, denn es überschrie ihn von allen Seiten. Hier Unwillen und Zorn, da Furcht und Schrecken. Und war beides geheilt, hüben und drüben, nicht mehr, daß die Spree die Grenze machte. Unter den Mutigen war nun natürlich obenan Pawel Strobant. Der war schon erschienen mit einem Küraß um den Leib und ein eisern Hemd drüber, eine Stahlhaube auf dem Kopf und ein langes Schwert an der Seite. Eigentlich schickte sich's nicht, so in den Rat zu kommen; wer aber fragte heut danach! Er zückte das Schwert und wieder ließ er's in die Scheide fallen.

»So mag er verdorren im Harnisch!« schrie er, als die Drohung verlesen ward. Und das schrieen viele ihm nach, andere riefen: »Hört ihn nicht. Er ist doch Landesherr!« und meinten, die Stadt sei nicht vorbereitet auf eine Belagerung

»Und braucht er uns zu belagern,« rief ein reicher Handelsherr aus Köln, »da unsere Waren zu Schiff und Achse draußen sind! Er braucht nur die Hand darauf zu legen, so hat er uns.«

»Wir aber,« rief Pawel, »legen hier unsere Hand auf Euch, und dann hat er Euch noch nicht, wir haben Euch.«

»Still! Friede! Ruhig!« Seine eigenen Freunde suchten ihn zu beschwichtigen. Pawel aber konnte doch nie den Mund halten. Auf die Kölner schimpfte er, sie seien schuld daran, denn sie hätten den Markgrafen gerufen. »Wer hat ihn zuerst beschickt!« sprach Herr Hoppenrade. »Die Gewerke, die Ihr hätschelt und ihnen das Wort geredet.« »Ihr!« schrieen die, meisten Kölner, »Ihr ließt sie klagen, Ihr schicktet Herren mit, Ihr habt uns verklagt!« –

Da schlug Herr Johannes mit dem Stabe auf den Tisch und die um ihn, halfen ihm, und von allen Seiten rief es zur Ruhe, und man riß die Heftigen zurück und ließ sie nicht mehr zu Worte kommen. »All Ihr heiligen Schutzpatrone! Einen Augenblick nur, Ihr Herren, hört mich an; dann urteilt! Es gilt heut nicht den Wundarzt Joris, nicht die Turmuhr und die Pfennige im Säckel, es gilt die Stadt, es gilt beider Städte Wohl – ihr Alles, gilt's, ihr Recht, ihre Freiheit, ihr Dasein. Bei Gott dem Allmächtigen, zu Worten ist nicht Zeit, zu Streit noch minder.« Und da nun alle aufmerksam hörten, trat er einen Schritt vor und sie drängten sich um ihn. »Wo Feuer brennt, springt, wer zunächst, aufs Dach, fragt nicht, ob's Freundes oder Feindes Haus ist, denn ein Brand im Nachbarhaus brennt auch mich. Wenn die Fluten durch die Deiche brechen, schaufelt Freund und Feind Arm in Arm, und wer an der Weide hängt, fragt nicht, so ein Boot kommt, wem's gehört, er springt hinein. Ihr von Köln habt mich angeklagt. Wohlan, die Städte müssen heut ein Haupt haben, oder sie sind nicht mehr eins, sie sind zwei, und dann nichts. Gilt Eure Anklag', es sei denn! Dann wählt einen anderen Ältermann, und ich, Johannes Rathenow, schwöre hier vor altem und neuem Rate und vor den Geistern unserer Väter, so vor uns sahen: gehorsamen will ich ihm, als wie der unterste Knecht. Sprecht! Sprecht! Aber schnell. Der Seiger geht fort, während Ihr Atem schöpft.«

»Ich weiß nichts von der Anklage,« sprach Herr Bartolomeus Schumm. Ein Gemurmel ging durch den Saal. Keiner sprach ein Wort. »Item sie ist nicht da; und der Johannes ist Bürgermeister, als er's war,« sprach Herr Schumm; und das war genug. Denn wer, wenn die Schumms mit den Rathenows waren, hätte sie angeklagt? Von allen Seiten aber rief es: »Es muß etwas geschehen! – Nichts von den alten Streitigkeiten!«

Und nun leuchtete ganz anders Herrn Johannes Gesicht. Auf seinen Sessel gelehnt, sprach er: »Ist schon geschehen, was an mir war. Mit Willen und Vollbord der Städte hab' ich die Gewerke entboten, an die Thore und an die Mauern, habe sichere Leute an die Türme geschickt, daß sie die Glocken läuten, wenn's not ist, habe das Rüsthaus zum alten Berlin öffnen lassen, und den Zeugmeister gestellt, daß er austeile. Oder weigert Ihr mir den Vollbord und wollt Euch unterwerfen, da sei Gott für, so sprecht!«

Und da, wie aus einer Stimme, rief es: »Da sei Gott für! Keine Unterwerfung!« Aber es riefen's doch nicht alle mit. Es klang nur so. Wer schweigt, des Stimme wird nicht gehört. Aber doch kommt's, daß, die schweigen, oft am lautesten sprechen. Es kommt ihre Zeit auch. Aber die Lauten und Mutigen überschrieen sich, Kölner wie Berliner: »Keine Unterwerfung!« »Zu den Waffen! Zu den Waffen! Er soll die Städte kennen lernen.« »Wir sind die alten!«

Konrad Ryke schüttelte den Kopf: »Wir sind nicht die alten,« sprach er leis. »Gott sei's geklagt. Wären wir die, hätten wir nicht gehadert, sondern uns fürgesehen. Er hat Kundschafter in den Mauern, und weiß wo die Risse sind.«

»Und laß ihn mit zehntausend Augen sehen,« sprach Pawel Strobant, »wenn Ihr Männer seid, soll er nur sehen seine eigene Schand'.«

Und sein Anhang rief es mit ihm, und war wieder große Verwirrung, denn an der Thür war einer, der etwas meldete, und dort drängten sie sich um ihn, und vergebens hob der Bürgermeister beide Arme hoch. Er fragte, was er antworten solle von der Mauer, so der Markgraf die Schlüssel fordere? Herrn Johannes Feinde schrieen: »Antworte ihm, was er will, der ihn gerufen hat.« Da schrieen die vor der Thür: »Hört Ihr nicht! Im alten Hof und im Haus in der Klosterstraße rüsten sie.« – »Feinde in den Mauern!« schrie es, und itzo läuteten die Glocken von Unserer Lieben Frauen Kirche, und die von Sankt Niklas antworteten und bald auch drüben aus Köln die von Sankt Peter. Nun war's zum Reden zu spät. Das trieb durcheinander als eine Herde, in die der Wolf gefahren, die Schafe rennen hin und her, die Hunde kläffen, und die Schäfer stürzen mit ihren Haken und Knütteln und wissen nicht wo.

»Nach dem grauen Kloster! Nach dem alten Hofe!« schrie der Bürgermeister, und vor ihm stand der Ritter Ruthnik und nickte ernst mit dem Kopfe, derweil draußen der Ritter Britzke die Lärmtrommel schlagen ließ. »Bei Eurem Kopfe, daß keiner von den Markgräflichen heraus kommt!«

»Und mein Kopf dazu.« schrie Pawel Strobant. »Die Kupferschmiede und die Hufschmiede sollen eine Mauer vor ihre Mauern ziehen, daß sie drin ersticken.« Wär's auf ihn angekommen, er hätte den alten Hof, des Markgrafen Haus, gestürmt, woraus viel Unglück beiden Städten hätte erwachsen können.

Ja wäre nicht Johannes Rathenow gewesen und Konrad Ryke, und der Bartholomeus Schumm und noch einige, da wär' es noch bunter hergangen. Der eine wollte das und der andere das, und sah man's recht, daß es ihnen kam wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Die ordneten an, wie die Stadt solle verteidigt werden, und dachten nicht, daß in der Stadt selbst der ärgste Feind war, das ist ihre Uneinigkeit und der Bürger Unzufriedenheit und noch sonst manches, darüber man lieber schweigt.

Herr Matthis Blankenfelde hatte wohl vorhin gethan, als ob ihm der Stadt Wohl im Halse brenne, und geschrieen und befohlen. Nun aber der Bürgermeister fort war, und das war der Augenblick, wo er zu Haus ansprach, als wir vorhin erfahren, machte er ein ganz ander Gesicht zu den Herren, die noch im Saal waren. Das war Herr Bergholz – der Hoppenrade war fortgegangen und that seine Schuldigkeit – und Herr Otto Buch und die Gebrüder Wyns, und noch einer oder der andere.

»Bei alledem,« sagte er, die Achseln zuckend, »was wollen wir thun, wenn es ernst wird? Unstreitbar sind wir im Rechte, und ich tadle auch gar nicht den Johannes. Behüte, es ist lobenswert und wacker. Aber wer im besten Recht ist, und kann's nicht durchsetzen, der thut nicht recht, wenn er darauf besteht, denn er kann noch mehr verlieren als er hat.«

»Wir sollten ihm also die Thore öffnen?« sprach Thomas Wyns. »Behüte, daß ich das sage, wo der Rat anders beschloß. Aber er bleibt der Markgraf, der Herr des ganzen Landes, und wer sind wir?« – »Sehr recht gesprochen,« sagte Otto Buch. »Unterwerfung ist ein häßliches Wort,« sprach einer. »Das sag ich auch. Aber Empörung ist item ein häßlich Wort. Verstanden, nur immer für den, der verliert. Wer da Gewißheit hat zu gewinnen, der ist im Recht. Haben wir die?«

Herrn Thomas Wyns sah man die Angst an – seine schönen Kähne, die Weinberge und das neue Vorwerk im Barnim, mit Ziegelsteinen gedeckt, seine Ställe bei Straußberg.

»Sankt Mauritius! Es wär' schrecklich, so der Markgraf an uns als Feind handelte.«

»Und auf wen müßten wir uns stützen?« fuhr Herr Blankenfelde leiser fort und schaute vorsichtig sich um. »In wessen Hand sind wir gegeben? Kann der Rat auf die Mauern ziehen, sind unserer Söhne genug, um sie zu besetzen? Wenn uns die Dörfer abgeschnitten sind, woher unsere Leute ziehen? Wir sind in den Händen der Gewerke. Was sie thun und wollen, das müssen wir; was sie vorschreiben, wird Gesetz. Da seht die Schuhmacher den Kupferschmieden nachziehen, die Lohgerber, die Färber! Wenn die Schlächter auf diesen Bänken sitzen werden, großer Gott, ich weiß nicht, ob das Schlimmer ist, als wenn der Markgraf seine Räte hersetzt.«

»Und von wem,« sprach Otto Buch, »tragt Ihr Eure Güter zum Lehn? Vom Markgrafen. Und wer ist hinter dem Markgrafen? Die Fürsten insgesamt und Kaiser und Reich. Ihr habt's gesehen und wir haben's empfunden, was es heißt, wenn der Schwächere sich gegen den Stärkeren auflehnt, auch wenn er im Recht ist. Waren wir vom Adel minder im Recht als Ihr? Ihr lieben Herren, es kommt die Zeit an einen jeden, und wer mächtig ist, und dann ist's mit seiner Macht aus. Dann ist nicht mehr die Red' vom Recht, sondern von der Weisheit, und der ist der Weiseste, so nachgiebt, wo es sich schickt und Zeit ist. Der zu spät kommt, den stellt man hinter die Thür.«

Als die Herren aufmerksam horchten, und einer etwas erwidern wollte, wurden sie durch ein Getös unterbrochen, von außen; aber es klang hell in den Saal, und alle wußten, was es war, und die Gesichter entfärbten sich.

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