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Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 13
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.

Das war die Nacht vom Sonntag Reminiscere auf den Montag darauf, und war's der vierundzwanzigste Februar des Jahres 1422 nach Geburt unseres Herrn und Heilandes.

Es war ein Eilbote, der so scharf an der Glocke zog. Kam aus Alt-Brandenburg, aber war durch den Teltow geritten, denn über Spandow, die gerade Straße, konnte er nicht nach Berlin kommen, was seinen Grund hat, hatte also einen großen Umweg machen müssen und sein Roß schier zu Tode geritten. Er ließ es draußen bei Sankt Gertraud am Thor, das nach dem Teltow führt, stehen, und war, weiß Gott wie, ins Thor hineinkommen. Denn die kölnischen Herren waren doch sonst nicht so gefällig, daß sie die Botschaften durchließen bei Nachtzeit, so nach Berlin gingen. Das Schreiben, so er brachte, war von Niklas Perwenitz, dem Brandenburger Ratsherrn, und hatte er's ihm auf die Seele gebunden, daß er's noch am Sonntag dem Berliner Ältermann bringe. Aber ist's jederzeit schlimm, wenn eine Obrigkeit sich vor Gespenstern fürchtet. Hätte Herr Johannes sich nicht unters Überdeck verkrochen, als es so laut schellte, sondern war selbst aufgesprungen und hätte sich erkundigt, was es war, und noch in der Nacht den Brief erbrochen, so wäre vielleicht manches anders kommen: er war der Mann dazu, wenn es schlimm ging, zum Rechten zu sehn und zu thun, als not war. Aber nachher war's zu spät, und die Dinge wuchsen ihm über den Kopf.

Muhme Gertraud, die für sich die Nacht zum Tag macht und mit ihren Schlüsseln und dem Gebetbüchlein noch immer treppauf, treppab wackelt, wenn alles im Hause längst schläft, die öffnete dem Boten die Thür und nahm ihm das Schreiben ab. Der Mann sagte wohl alles, was ihm aufgetragen war vom Herrn Perwenitz, und wollte es dem Bürgermeister selbst einhändigen, aber er war an die Rechte gekommen, die thut, was sie will oder sie sagt, was der Geist ihr eingiebt. Schön versprach sie's, dem Herrn das Brieflein auf der Stelle zu bringen, aber den Boten ließ sie nicht über die Schwelle; sie schlug ihm die Thür vor der Nas zu und hieß ihn morgen wiederkommen, sein Botenlohn zu holen. Daß er draußen schimpfte und fluchte, war ihr ganz gleichgültig. Auch daß er sagte, mit Luft speise man in einem ordentlichen Hause keinen Boten ab, der zwölf Meilen geritten und mehr, und lasse ihn nicht auf den Steinen schlafen. Sie schrie ihm 'raus, bei Nacht klopfe man an kein ordentlich Haus, und ein Bote, den man einlassen soll, müsse bei Tage kommen. Der Bote fluchte noch lang, bis er sich eine Herberge suchte; sie aber murrte ebenso lang und besah das Schreiben von allen Seiten, als sie die Treppe wieder hinaufstieg.

»Was wird's sein!« sprach sie für sich, »Eitel Irdisches von Stolz und Hochmut! Der Johannes schläft itzt, und da ist Gott bei ihm; und wann er aufwacht, ist Zeit genug, daß er's liest.«

Das sagte ihr der Geist. Hätte aber Herr Johannes noch gewacht, dann hätte sie's ihm doch gegeben, aber als sie die Thür leis aufmachte, schlief er fest, und sie legte ihm das Schreiben auf den Tisch. Ja, hätte sie gewußt, wie der Herr am Morgen, als er aufstand und das Brieflein fand und es las, gezittert, er, der starke Mann, und wie voll Zorn dann seine Adern schwollen, und er an der Glocke riß, als wäre Feuer, und sich in die Kleider warf und schrie und befahl und Boten aussandte, sie hätte doch nicht dem Geist gehorcht, sondern gethan, was sie dem Boten versprochen.

Nun traf es sich aber unglücklich, daß Herr Johannes an dem Morgen später aufstand, denn gewöhnlich. Es war nämlich ein starker Nebel am Himmel, und war trüb im Zimmer. Da war hohe Zeit, und er konnte nicht einmal die Muhme schelten, wie sie es verdiente, so viel Nötiges war zu thun, und kaum, daß er in den Kleidern war, ohne sein Morgensüpplein, ja, ohne daß er von der Tochter Abschied nahm, die auch erst von dem Geräusch erweckt wurde, stürzte er fort, und in einer Hast über die Straßen, wie es sich für keinen Bürgermeister schickt. Zuerst zu Konrad Ryken, der nahe wohnte, und war Herr Johannes seit zwanzig Jahren und darüber nicht in dessen Haus kommen, und jetzt trat er ein ungemeldet, dann zu den Wyns, den Heidecken, Gott weiß, wo alles er anklopfte und an den Glocken riß, und die Herren waren so erstaunt als er. Dann erst rannte er nach der langen Brücke; aber nicht allein. Es waren schon viele gute Herren um ihn, so ihn begleiteten. Auch nach Köln hatte er geschickt, selbst zu denen, die seine Feinde waren. Die drüben mußten's auch schon wissen. Das Rathaus war schon voll, und die Gassen auch, und die Brücke, und er mußte sich durcharbeiten. Aber heut war es anders als neulich. Es war ein stiller Aufruhr, und viel ängstliche Gesichter. »Kinder, wie Gott will!« rief er. »Aber laßt den Rat durch. Ohne den Rat sind wir alle verloren.«

»Was ist's? Was ist's?« rief auch Elsbeth, als sie nun wie ein Reh schnell die Treppen hinuntergesprungen kam, aber der Vater war schon fort. »Weiß es nicht, Kind. 'S ist außer dem Hause was.« – »Und mir nicht guten Morgen gewünscht.« – »Ei, soll der Vater dem Kinde zuvorkommen? Nun, nun. 's wird nicht so schlimm sein, höre da schon den Henning die Treppe heraufkommen. Er singt.«

Und war's wirklich, als ob der Singvogel, der den Morgen anruft, ihm noch auf den Lippen saß, so trat der Junge ein, und sein Gesicht, das war ein Spott dem grauen Tag und dem feuchten Februarnebel. Glänzten seine Augen wie Maiensonne auf Wiesengrün, und sein Gang, und wie er sich trug, als hätte ei Flügel, um in die Luft zu steigen.

»Grüß Dich Gott, schön Elsbeth.«

»Dich wieder!« sprach sie, und schüttelte ihm die Hand.

Und da überhört er's ganz, der thörichte Junge, daß sie ihm sagte, der Vater sei schon fort, und ihn fragte, was es in der Stadt gebe? Er, der allzeit voran ist, wo es Lärm giebt, wußte heut nichts davon, daß es laut ward, hatte nichts gesehn von den Leuten, die ihm auf den Gassen entgegenkamen, und die ihn fragten, hatte er nicht gehört. Mußte ihn Elsbeth itzt bei der Hand ans Fenster ziehen, wo die Leute um die Buden standen, und hin und her liefen, und einige Krämer schlossen ihre Buden, gleich als wie sie thun, wo sie einen Auflauf fürchten.

»Was schiert's mich,« sprach er lachend, und schaute ihr ins große blaue Auge, daß sie ihres senkte. »Bin darum nicht kommen.« – »Warum kamst Du?« fragte sie, und schlug ihre Augen kaum wieder auf. »Ich komme, weil Dein Vater mich beschied,« sagte er, und lachte wieder so recht innig, daß es ihr fast bange wurde. So hatte sie ihn noch nicht gesehen. »Will mir was Gutes sagen, Dein Vater.« – »Ach Du armer Junge!« dachte die Jungfrau. Und es ward immer lauter draußen, Haufen Volkes zogen nach der langen Brücke; andere entgegen, es wogte und wühlte; sie schrieen und holten Waffen, die Kramleute alle schlossen ihre Läden. Die Muhme an dem Eckfenster schlug die Hände über den Kopf. Einige sprachen von Feinden vorm Thor, andere vom Kurfürsten. »Der Kurfürst!« rief Elsbeth. »Was soll der Kurfürst!« »Der Kurfürst ist ein herrlicher Mann,« sagte Henning, »ist aber auch ein guter Mann. Was gilt's, so ich ihn bäte, er wäre mein Brautbitter.«

Die Jungfrau sah ihn ängstlich, aber mit Teilnahme an: »Henning, wie Du redest! – Haben die Leute doch recht, die meinen, sie hätten Dir was in den Kopf gesetzt in Spandow? Du bist mein lieber Jugendfreund, Henning, gewiß, es thut mir um Dich leid, wenn Du Dir was einbildest. Aber Du bist auch ein gescheiter Junge. Geh mir, der Kurfürst Dein Brautbitter! Da müßte wenigstens eine Grafentochter Deine Braut sein.«

»Mag keine Grafentochter! Können mir alle Grafentöchter verhext werden. Ich will ein Kind aus der Stadt, ein prächtig Kind, mit blauen Augen und blonden Locken, wie Du. Trägt die Nase etwas hoch, wie Du. Ei, das lieb ich, des Henning Frau soll nicht zu Boden sehen. Ich lieb sie von ganzer Seele und aus ganzem Herzen, und so hab ich sie geliebt, als ich noch so klein war, und sie so klein –« »Narr!« sagte Elsbeth, aber es klang nicht bös. »Die kenn' ich auch, die mag Dich aber nimmer.« – »Was gilt's? Schlag ein, sie will mich.« – »Henning! Was willst Du?« – »Die Hand.« – »Nimmermehr.« – »Und die muß ich haben, die werd' ich haben.« – »Herr Gott, wie die Leute draußen stürmen, höre doch.« – »Laß sie stürmen; in mir stürmt's auch. Ich möchte mich auf ein Roß setzen, das Flügel hat, und über die Mauern setzen, ich möchte so groß werden wie der Roland und mit dem Kopf die Decke einstoßen. Zurufen möcht ich allem Volk: Was streitet Ihr um 'nen Haderwisch; ich bin glücklich. Fassen möcht ich die Spitze von Sankt Nikolas, und die von Sankt Peter mit der andern Hand, und wie zwei Reiser zusammenbiegen.« – »Henning, Du rasest.« – »Rase nicht, habe Dich ja vor mir. Der Vater, der Vater, nun, kommt er nicht bald« – »Sie stürzen nach den Glocken, was ist's? – Der Vater ist fort.«

»Bin bei Dir. Weißt Du, wie viel Freunde ich habe? Wenn ich pfeife, kommen sie in Scharen und wollte sehen, wer Dir und mir was anhätte. Bin aber nicht mehr der tolle Henning Mollner, bin jetzt ein vernünftiger Mann, ganz geheilt, o, Du sollst Wunder an mir erleben. Soll alles sein, was ich thue und rede, für Dich. Will Dir und dem Vater Ehre bringen und mir auch. Und wer weiß, wenn der Markgraf will – Wie eine Königin sollst Du in meinem Haus gehalten sein; mein Haus, o denke nicht an das kleine alte mit der engen Thür, baue eins auf meinem Platz in der Stralower Straße, das soll sich mit jedem messen um Sankt Marien, ein Thor soll's haben mit zwei Pfeilern und zwei Heiligen davor in Holz geschnitten, und Du sollst hineingeführt werden mit Pfeifen und Geigen, mit Sang und Klang.«

»Armer Henning!«

»Nichts arm. Bin reich, viel reicher als ich dachte. Hab's gestern nacht überschlagen; was kümmerte mich's Rechnen bis da! Aber nun, nun soll das anders sein. Hans Rathenows Tochter soll sich nicht zu schämen haben. Will nicht mehr in die Keller gehn, nicht hinter allen Aufzügen sein, nicht die Schellenkappe tragen, nicht schreien und pfeifen, ein Bürger will ich werden, ein ordentlicher guter Bürger, um meines schönen, lieben, herrlichen Gemahls willen.«

Da faßte sich die Jungfrau, und ihre Brust hob sich. Sie schaute ihn ernst an, aber es war im Stolze auch Teilnahme. »Henning, das geht nicht.« – Liebst mich nicht?« – »Hab Dich geliebt recht sehr und liebe Dich noch, denn Du bist gut, und gönne Dir alles, alles Gute; will auch, wenn Du eine Jungfrau findest, die Dein wert ist und Dir gleich, sie lieben und schmücken und, willst Du's, ihre Brautjungfer sein –« »Aber, – Elsbeth, allerliebste, allerbeste Elsbeth –« Sie schüttelte den Kopf: »Geh nach Haus, guter Henning, und mache Dich nicht närrisch vor den Leuten.«

Er fuhr mit beiden Händen über den Kopf, als wollte er sich die Ohren öffnen, um zu hören, was ihm nicht möglich schien, oder um sich die Sinne zu stärken für etwas, das zu stark war. Eine Glocke, die sprang, das hatte nicht so geklungen.

»Else – wenn mir das ein anderer sagte – Du hast's auch nicht gesagt, Du sollst, Du darfst es nicht gesagt haben. Ich will's nicht gehört haben. O sprich noch einmal.« – »Es ist so, Henning« – »Warum? – Es darf nicht so sein. Warum närrisch! All Ihr Heiligen! Ach, habe auch Augen, ich habe Ohren. Ich sah es ja, ich hörte es ja, was Dein Vater sprach. Hast Du gelogen, als Du mir nicktest, mir die Hand drücktest? Log er, als er mir die Hand schüttelte, als er mich her beschied, je eher, desto besser. Wollt er mich aufziehen, mich, meines Vaters Sohn, der ihn am Cremmer Damm – nein, wer das vom Johannes sagt, ist sein Feind. Der ist ein Ehrenmann –«

»Er ist Dir gut, herzlich gut. Und er beschied Dich, weil er thun will, was an ihm ist, daß sie Dir der Stadt Fähnlein in die Hand geben, weil er meint, daß Du's wert bist.«

»Das Fähnlein!« rief Henning. »Die kalte Stange statt der warmen Hand. Das kann der Schmied Tydeke auch halten, der Metzger Beerbom so gut als ich. Das Fähnlein war's, heiliger Christ! Das Fähnlein mag ich nicht, nun gar nicht. Dich, Elsbeth, will ich, Dein bin ich auch wert. Gewiß und wahrhaftig. Es kann niemand so mit ganzer Seele Dich lieb haben, als wie ich. Bin ich Dein nicht wert? Zeig mir einen, der's mehr wert ist. Bin guter Eltern Kind, kein Bankert ist in meiner Familie, als weit wir rechnen, hab Haus und Hof und Leute, brauch nicht die Hand zu rühren, wenn ich nicht will. O, Du solltest – ach Gott, ich weiß nicht was! – Sieh, Elsbeth, war's nicht um Dich, ich wär längst hinaus aus diesen Mauern. Sind mir zu eng, zu schmutzig, zu dunkel. Haben schlechtere Leute als ich ihr Glück gemacht in der Welt. Im Reich brauchen sie Leute. Ward mancher ein Hauptmann und Obrist, der keine Schilde vor sich hat. Ist das schlechter, als des Väter den Bottich rührten? Du, Du allein hast mich hier gekettet, daß ich hier blieb und nichts bin. Du ganz allein. Herzallerliebste Elsbeth, was hab ich Dir gethan?«

Die Jungfrau, die so hoch vor ihm stand, mußte sich doch da eine Thräne aus dem Aug' wischen. »Ach Gott, wenn's doch anders wäre!«

»Ist's nicht anders worden? Der liebe Gott und die Heiligen selber haben's so gefügt. Ist nicht Dein Vater auseinander mit den Schumms? Weißt Du, Elsbeth, das hat mich auch gar nicht bang gemacht. Du und der Melchior, das ging gar nicht an. Nein nimmermehr! Und bin ich so schlecht für Deinen Vater! Kann ich ihm nicht helfen? Weißt Du, wie er steht zur Stadt? Hast Du's gehört? Wo sind seine Freunde? Weg wie der Wind, weil's mit dem Reichtum aus ist. Ich, o, ich wollte, die Rathenows sollten wieder zu Ehren kommen – so hoch, so groß, daß die stolzen Herren vor ihnen –«

Da, wie sich Henning mit dem Hut auf die Brust schlug, denn er war wie außer sich, kam die Jungfrau, die vorhin, wie er herzinnig sprach, nicht wußte, wie ihr geschah, wieder zu sich: »Henning Mollner! Mein Vater hat Freunde, die sind mehr wert als Deine, und braucht Johannes Rathenow deren nicht, um in Ehren zu stehen.« – »Elsbeth, heiliger Christ im Himmelreich, sprich nicht so. – Wer sind seine Freunde? Nenne sie, ob eines Herz so treu schlägt als meines.«

Da zeigte sie auf die Wand, wo alte Bilder hingen, und auf die Stammtafel! »Das sind seine Freunde. Die Herren von Rathenow, eine alte, edle Familie, die hat nie aus der Art geschlagen.« Und nun griff sie, es war Stolz und es war auch etwas Besseres, seine Hand und schaute ihn groß an: »Es schickt sich nicht, Henning, gewiß und wahrhaftig, es schickt sich nicht. Geh und arbeite und bleibe gut, aber ein zünftig Kind kann nimmer in die Geschlechter heiraten. Ich bin eine Rathenow.«

»Nimmer, nimmer?« rief er, und drehte und knüllte seinen Hut. Er zitterte und sein Aug' war naß. – »Der liebe Gott hat's so gemacht.« – »Der liebe Gott, Elsbeth! Elsbeth! Was hat der liebe Gott mit den Zünften und den Geschlechtern zu thun.« – »Geh zu Haus, Henning,« sprach sie, den Kopf abgewandt, »schnell zu Haus, eh der Vater kommt, eh er's hört.« – »Er soll's hören!« rief Henning außer sich, und dem mutigen Jungen schlug das Herz wie ein Hammer in der Mühle, die Stube tanzte um ihn einen Ringeltanz, vor den Augen war's ihm schwarz und blau; die Glocken stürmten, er hörte sie nicht.

»Gebenebeite Jungfrau, hörst Du nicht, Henning! Aufruhr; Brand! die Stadt geht unter.« – »Laß die Stadt untergehen! Es sind Zünfte und Geschlechter.«

Aber etwas hörte er jetzt, einen lauten Schrei der Angst, den Elsbeth ausstieß, als sie nach der Thür blickte: »Henning, ich sagt' es Dir ja,« sprach sie, und verschlang die Hände.

»Was soll ich nicht hören!« rief eine Stimme, und Johannes Rathenow, der Bürgermeister, stand vor ihnen. Das war wohl ein Anblick, der einen andern erschreckt hätte. Glühend rot sein Gesicht, die Adern geschwollen, tiefe Zornesfalten auf der Stirn, und Feuer in den Augen, und um den Mund Entschlüsse spielend. Da beide schwiegen, rief er: »Thörichter Junge, ich hab's gehört und will's doch nicht gehört haben. Ist dazu jetzt Zeit? – Hinaus, wer die Stadt liebt!«

Henning hatte nur Worte gehört, nicht den Sinn. Von Liebe hatte er gehört. »Johannes!« sprach er, und hob die Hände bittend. »Vater Johannes, Du hast mich lieb gehabt, ob ich ein zünftig Kind war. Herr Gott, das ist nicht Dein Wille, was die Jungfrau sprach.« – »Gut, daß sie wie ein Kind sprach. Bist Du ein Mann, Deines Vaters Sohn? Wie ein Weib betteln und zittern? Liebesgewäsch, indes Feindesharnisch vor den Mauern klirrt! Kann ich's ändern, daß sie ein Fräulein ist und Du ein Raschmacher!« – »Ich zittere nicht, Johannes; bin kein Weib. Kannst Du's nicht ändern? Kann nicht leben ohne die Elsbeth. Ich muß sie haben.« – »Mußt, mußt! Herr, Junge, Narr! Willst Eisen fressen und den Mond herunterholen.« – »Sag's noch einmal, Johannes.« – »Sage Dir: Ehe nicht da der Roland von seinem Gestell springt und durch die Stadt spazieret, kriegst Du mein Kind nicht. So wahr ich meiner Väter Sohn bin. Verstanden!«

Henning stand selbst so steinern wie der Roland da. Aber doch sah er noch einmal auf die Elsbeth hinüber, und es flüsterte von den Lippen ein: »Auch Du?«

Und da sie sprach, – es sollte freundlich klingen, aber es raspelte als eine scharfe Säge durch sein Herz: »Sei ein Mann, Henning, der Stein geht niemals fort« – da schüttelte er sich, als wollte er zeigen, daß er nicht Stein war, er faßte mit den Armen die Luft, ein Blick voll Zorn, Verlangen, Haß, Liebe auf die Jungfrau, ein zweiter auf den Vater, und dann stürzte er fort.

Aber eh das geschah, nämlich daß der Bürgermeister in sein Haus zurückkehrte, war vieles vorgegangen, das wir im nächsten Kapitel erzählen wollen.

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