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Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 11
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.

So laut es an dem Tag gewesen, so still ward es an dem folgenden; und an dem, der darauf folgte, noch stiller. Unsere Elterväter, die in den Wäldern lebten, ratschlagten abends beim Tranke, und im Rausche faßten sie Beschlüsse; aber morgens darauf überlegten sie's noch einmal, und dann kam es wohl, daß sie umgekehrt thaten, als sie beschlossen hatten. Denn was am Abende rot war, es kommt wohl, daß es am Morgen schwarz scheint. Schämte sich mancher, und mancher mochte es auch bereuen, denn so das zur Kunde kam der andern Städte, was mußt' es da für ein heillos Gerede geben zu Ungunsten der beiden; die andern waren ihnen auch nicht grün. Berlin und Köln waren die reichsten worden in den Marken, und die es vordem gewesen und es nicht mehr waren, sahen dazu auch nicht froh. Und was hatten sie gewonnen? Das fragten sich die Leute. Das Rathaus auf der langen Brücke stand leer, und wenn die Berlinischen zur einen Thür eingingen, gingen die Kölnischen zur andern hinaus und so umgekehrt. Eins sprach jeder zum andern: »So kann's nicht bleiben.« Aber wie's werden sollte, das wußte keiner.

Am zweiten Tag darauf aber sah es aus, als wenn beide Städte begraben würden, so läuteten die Glocken von früh an, und was auf den Beinen war, ging in Schwarz. Tydeke von Aken, der Alte, ward beigesetzt in der Gruft seiner Väter. War's doch, als ob alles in Sack und Asche trauerte, und in der Trauer um den einen Toten Buße thäte um das, was sie alle gegeneinander und wider sich selbst gesündigt. Der Himmel selber hatte einen Trauerflor umgehängt. Kein Sonnenstrahl brach durch das Grau. Und war's, als ob sie's wieder gut machen wollten durch die Ehre gegen einen Toten, was sie an den Lebendigen verbrochen. Bei dem Leichenzug fehlte auch keiner von den Herren; da gingen, wer hätte es vorgestern geglaubt, Berliner und Kölner nebeneinander einträchtlich und schauten zu Boden, keiner aber sah den andern an. Der Propst Steeger, Gott sei Dank, er hatte sich wohl in etwas erholt, aber die Leichenrede hielt er doch nicht. War die Luft ihm noch zu rauh, auch gemahnte es den lieben Herrn zu schmerzlich an den Abend, wo beide so froh gewesen, und der alte Tydeke vertrug's nicht, er aber war noch davon gekommen mit Gottes Hilfe und des heiligen Nikolaus, der dem Henning Mollner im Traum erschienen und ihn gerufen, daß er ihn unterm Tisch vorhole. Doch fehlte es nicht an Sang und Klang; die Schüler aus allen Kirchen und die Brüder aus allen Klöstern, und die Priesterschaft, wer frei war, gingen mit, barhäuptig alle, in Chorhemden mit Lichtern und Weihkesseln, und ein Kapuziner sprach die Leichenrede, so erbaulich und rührend, daß die Weiber alle in Thränen zerflossen. Aber auch den Männern griff es ans Herz, wo er von der christlichen Eintracht redete, und wie der Selige mit seiner eheliebsten Frau lange darin gelebt, daran sich andere ein Exempel nehmen könnten, die zwar nicht Eheleute wären, aber doch zusammenhingen, so, daß eins nichts wäre ohne das andere. Und dann sprach er von der Eintracht, durch die ein jeder Mensch allein lebe, nämlich die zwischen Seele und Leib, und wo die gelöset, da lebe der Mensch nicht mehr, wobei es denn auch feine Anspielungen gab auf die Städte; nur daß die Zuhörer uneins waren, ob er mit der Seele Berlin und mit dem Leibe Köln gemeint oder umgekehrt.

Darüber stritten sie denn beim Nachhausegehen und noch zu Haus und auch am nächsten Tage noch, zumal die Frauen, und gab es gar heftige Auftritte, und wenn die Männer schon uneins waren um andere Dinge, so wurden es die Frauen darum, denn die Berlinerinnen wie die Kölnerinnen wollten die Seele sein, und die andern sollten der Leib sein. Die Männer, als gesagt ist, hatten an anderes zu denken, denn es betrübte sie hüben wie drüben sehr, daß ihre Verordneten noch nicht aus Spandow heimgekehrt, noch sonst Nachricht von dorther gekommen war. Aber es hatte die beiden Nächte stark geschneit und lag der Schnee fußhoch in der Heide. Im Volke aber murmelte es, die Thore von Spandow seien verschlossen, und werde keiner ausgelassen, um zu sagen, was drinnen bei Hofe vorgehe.

Das aber war falsch, denn an demselben Abende kam ein Bote des Weges von Spandow hergeritten, wie dick auch der Schnee lag; aber als er sich dem Spandower Thore so näherte, daß sie ihn von den Türmen hätten sehen müssen, bog er links um in den Wald und hielt sich in den Gründen nach der Panke zu, dergestalt, daß er den Wächtern auf der Mauer wie auf dem Wedding unsichtbar blieb. Nachdem er so herumgeschwenkt, ritt er auf die Oderberger Straße und von da ans Oderberger Thor. Dort kam er grade noch vorm Thorschluß und gab an, daß er von der Uckermark komme und Botschaft hätte an Herrn Bartholomäus Schumm von dessen Sohne, dem Melchior. Da er nun eingelassen war, ritt er aber nicht nach der Brüderstraßen; vielmehr, als er über die lange Brücke gekommen, schwenkte er durch die breite Straße um und kehrte über den Mühlendamm nach Berlin zurück, wo er die Richtung nach der Stralower Straße einschlug. War's ein seltsamer Umweg, durch ganz Berlin zu reiten und noch über die Spree nach Köln, um über die andere Brücke dahin zurück zu kehren, und noch dazu für einen Reiter, der von Frost und Müdigkeit starrte. Als er durch die Stralower Straße ritt, war es schon dunkel, und nun bog er links um hinter den alten Mauern und eilte sich nach der markgräflichen Burg, die, als bekannt ist, neben dem grauen Kloster lag. Als da er anpochte und Einlaß forderte, sagte er, daß er von Teltow komme und Dringendes vom Hauptmann zu Mittenwalde zu vermelden habe. Aber als er eingelassen und die Wacht ihm beim Fackelschein erkannte, erschrak sie sehr, daß sie nicht feiner mit ihm umgegangen und ihn so lange draußen warten lassen und ausgefragt hatte. Denn es war ein vornehmer Ritter aus des Markgrafen Gefolge, und er hastete nun die Treppen zum Schloßhauptmann hinauf, mit dem er sich einschloß und viele Stunden geheim sprach.

Ward überhaupt an dem Abende viel geheim gesprochen und geflüstert, in den Kellern und Stuben und bei den Badern. Da sah in seinem Zimmer Bartz Kuhlemey und stützte den Kopf auf die Hand, und seitwärts vor ihm am Ofen stand einer, den sein Weib nicht gewohnt war, daß sie ihn dort sah. Warf ihm auch oft, wenn sie ab und zu ging, Blicke zu, wie so eben ein Weib einen Mann anblickt, den sie nicht gern sieht bei ihrem Manne. Unsere die wissen das in Manier zu bringen; aber als man zählte vierzehnhundert und etliche Jahr, meinten sie, sie hätten das nicht nötig. Sie war ein tüchtig Weib, als es sich für einen Meister schickte, wie Bartz Kuhlemey war, aber er war Meister im Hause und nicht sie. Darum, als sie's gar deutlich merken ließ, wie ihr der Gast zuwider sei, denn sie schlug die Thüre mit dem Fuße hinter sich zu, wenn sie kam, und drehte ihm immer dem Rücken, und wenn sie die zinnernen Krüge ansah, ob sie voll waren, so konnte der Gast lange warten, bis sie seinen wieder füllte, da sie doch nicht schnell genug springen konnte, wenn der Bartz seinen leer aufstieß. Darum also sprach bei Meister itzt: »Weib, schier Dich 'naus.«

»Will nicht 'raus gehn,« sprach das Weib und hielt mit einem gar seltsamen Blick die eine Hand in die Hüfte. – »Frau, –« rief Bartz, aber er mäßigte die Stimme wieder. »Hab' ein Geschäft mit ihm. Laß uns in Ruh.« – »Willst Roßfleisch verkaufen? Ich sage Dir –« »Nichts sollst Du sagen; schweigen sollst Du.« – »Ich sag' Dir aber doch, Bartz, es thut nicht gut, Deine Geschäfte, Deine heimlichen mein' ich. Handel und Gewerbe leidet's nicht, es nimmt Schaden, sag' ich Dir. Was hast Du mit ihm unter vier Ohren, das Dein angetraut Weib nicht hören darf? Ist er Dein Blutsfreund, ist er Deines Gewerks; nichts ist er, ist ein Roßtäuscher und Du bist ein Knochenhauer.«

»Schweig!« sprach nochmals der Hausherr, und man sah's ihm an, wie er sich mäßigte. »Will aber nicht schweigen,« fuhr sie fort. »Das gefällt mir nicht im Haus, Bartz. Jedes Mannes Haus ist sein eignes, und was sein Gewerk ist, das ist sein Brot. Du treibst es draußen itzund; in den Läden treibst Du Dich um, in den Kellern und auf den Gassen. Was schaffst Du damit fürs Haus? Nichts! Wenn ich nicht hinter den Gesellen wäre, die Gesellen wären nicht hinter der Arbeit.« – »Nun werd' ich hinter Dir sein.« – »Thu's nur. Will Dir doch sagen, was ich denke: Was Deines Amtes nicht ist, da laß den Fürwitz. Laß Du die Stadt sorgen für die Stadt, und Du sorge für Dein Haus. Fleisch essen müssen die Leute, ob die Herren oder die Gemeinen zu Rat sitzen –« »Aber nicht, wenn die Ochsen sitzen,« warf der Meister ein, »keiner frißt sich selber.« – »Und die das beste Fleisch schlachten, haben den besten Verdienst,« fuhr die Meisterin fort. »Die sich um des Kaisers Bart kümmern und die Augen wo anders haben, wenn der Ochsenhändler ihnen Vieh anschmiert, die kommen um ihren Verdienst. Ja, ja, Bartz, ich will Dir die Wahrheit sagen, wenn Du auch Augen machst als ein Ochs, will sie Dir ins Gemüt reden, grade vor dem, o vor zehntausend will ich's sagen. Nichts kommt 'raus als Dein Ungeschick und Dein Unglück. Hat noch keiner Seide gesponnen, der sich auf den Markt stellte und 's Maul aufthat; die Herren werden immer Herren bleiben, aber viele hat der Büttel gegriffen und zum Thor 'rausgebracht, und da können sie in der Heide die Fleischtöpfe suchen und den warmen Ofen; und so wird's Dir auch gehen.«

»Und so wird's Dir gehen –« sprach Bartz Kuhlemey. Und nun folgte etwas, was zu jenen Zeiten wohl nicht selten vorkam und in unsern auch dann und wann. Die Meisterfrau war ein starkes Weib, als wir sagten, er aber war noch stärker. Sie hob nicht die Hand gegen ihn, aber ihren Mund hielt sie nicht. Nein, es ging noch ärger los, grade derweil es geschah, als wie »Du Dummkopf! – Bleib Du doch bei Deinen Ochsen, die verstehst Du, aber nicht das Regiment." Worauf er: "Will Dir's zeigen, wie ich das Regiment versteh." Und der Fremde am Ofen kümmerte ihn gar nicht, wie er sein Hausrecht brauchte; und war das Ende vom Lied, daß sie nach etlichen Minuten, denn leicht machte sie's ihm auch nicht, sie hielt sich am Tisch und Schrank, aber zuletzt flog sie hinaus, und er warf die Thür hinter ihr zu. Aber ob es schon eine dicke Eichenthür war, so ein halb Schock Schimpfworte drangen doch noch durch, die sie ihm nachrief.

Da sprach eine Magd, die an der Thür gestanden. Daß sie gehorcht, kann man nicht sagen, denn man konnte den Streit bis unterm obersten Dach hören. Sie sprach: »Ist's auch unrecht vom Meister, daß er sich um solcherlei Dinge kümmert, so ihn nichts angehen. Sagen's unsere Kunden doch auch schon, und das Gewerb leidet, wo die Gesellen thun, was ihnen gefällt. Nie hat er sich beim letzten Markt mit den Schweinen aus Buchholz anführen lassen!« Aber das hatte die arme Dirne kaum gesagt, als die breite Hand der Meisterin zweimal ihr auf den Backen lag, und sie fuhr drei Schritt zurück, daß sie zu Boden gestürzt wäre, hätte sie sich nicht an der Wand gehalten. »Unverschämte Dirne, was untersteht Sie sich! Was mein lieber Herr und Meister thut, ist wohlgethan, und daß ich's nicht noch einmal höre, daß Sie Ihr Schandmaul aufthut, sonst fliegt sie zur Thür 'naus auf Nimmerwiederkehr. Verstanden! Mein Herr ist Ihr Herr, und was er will, das geschieht, und was er spricht, das ist recht. Sonst hat keiner ein Wort zu reden im Haus.« Drinnen im Zimmer lächelte wohl der Gast, als der Meister die Thür zugeschlagen, und Bartz merkte es: »Wollt Ihr mir was sagen?« – »Nichts Neues, Meister. Jeder weiß am besten, wo ihn der Schuh drückt.« Da stellte sich der Knochenhauer vor ihn, mit beiden Daumen im Latz: »Herr Baltzer Boytin, wo Euch der Schuh drückt, das weiß ich nicht. Wo mich aber der Finger juckt, das weiß ich. Ist's, wo einer über mein Weib reden will. Die ist eine so kreuzbrave Frau, so fleißig und geschickt und treu als eine im römischen Reich; und wer was anderes meint, und wenn er's auch nicht sagt und nur die Lippen zuckt, den wollt' ich zurecht weisen und in die Richte schütteln, daß ihm alles in seinem Leibe, und die Gedanken dazu, der Quer säßen. Verstanden, Herr Baltzer Boytin?«

Der Gast hatte es verstanden und stand ruhig am Ofen, die Hände hinter sich an den Kacheln. In den Augen hätte man's wohl noch können fortblitzen sehen. Der Meister inzwischen setzte sich wieder an den Tisch und leerte eine Kanne Bernower Bieres auf einen Zug, dann knöpfte er das Wams auf und lehnte sich wieder als vorhin auf die Hand, und die Finger fuhren durch die Haare, als suchten sie nach Gedanken, und dann sprach er: »Baltzer, mir gefällt's nicht.«

»Die gebratenen Tauben kommen uns nicht in den Mund geflogen,« antwortete der. Wieder stierte der Meister als vorhin auf den Tisch, wo außer und neben den Kannen noch etwas lag, so wie ein Stück Papier aussah, darauf mehreres verschrieben stand. Nun muß man wissen, daß Bartz Kuhlemey Geschriebenes lesen konnte; aber es ward ihm nicht so leicht, und es waren mehrere Sätze, mit Nummern davor. »Tauben ist kein Fleisch,« sprach er nach einer Weil.

»Ein gebratener Ochs ist freilich was anderes. Bei der Krönung Kaiser Friedrichs, sage ich Euch, briet dort ein Ochs am Spieß, daß einem das Wasser im Munde zusammenlief. Die Fleischhauer aus zehn Städten sagten, so was wäre ihnen noch nicht fürkommen. So was kommt in den Städten auch nicht für; die Herren von den Geschlechtern werden sich hüten, den Bürgern Ochsen zu braten. Darin, muß man nun sagen, sind die Fürsten großmütig.«

Mit einem schlauen Blicke schaute da Bartz Kuhlemey zu seinem Gaste in Höh: – »Nicht wahr, um einen gebratenen Ochsen seine Rechte und Freiheiten verkaufen! Das gefiele mir –«

»Wer redet davon. Ob sich's doch fragt: Wozu lebt der Mensch? Ob, sich mit dem Wind zu schlagen? Oder um Ochsenfleisch zu essen? Die Knochenhauer mindestens müßten doch fürs letztere sein. – Aber wir waren beim zweiten Punkt.«

»Ist also,« buchstabierte der Meister in der Schrift weiter – »ist also Seiner Gnaden bestimmter Wille, daß fortan in den Städten die Zünfte so gut in den Rat gekürt werden, als zeither die Geschlechter; sollen gut sein und fähig zu allen Ämtern, als Kämmerer, Schloßmeister, Ältermänner und Bürgermeister.«

»Klingt Euch das nicht?«

»Kling, Klang! Erst muß ich sehen,« sprach Bartz. »In den Statuten, so die alten Fürsten geschrieben, und ihre Siegel sind drunter, steht's auch so. Aber wie steht's in der Wirklichkeit?«

»Kommt daher, Meister, daß die Gewerke, meine unsere Väter und Väter-Väter, Schlafmützen aufsetzten, und ließen mit sich spielen. Wir wollen aber nicht mit uns spielen lassen, und unser Freund, der uns hilft, ist vor der Thür. Mit ihm setzen wir's dann fest, als es sein soll, wie es uns gefällt.«

»Und ihm doch auch!« fiel Bartz Kuhlemey ein.

»Nun sagt mal, warum soll's ihm denn nicht gefallen?« sprach Baltzer Boytin mit einem vertraulichern Tone und rückte einen Stuhl an den Tisch. – »Ein Fürst und ein Bürgersmann!« – »Ich meine, die können bequemer mitnander gehen als ein Fürst und ein Edelmann oder ein Edelmann und ein Bürger.

Zwischen denen ist's so schichtig, daß sie sich nicht mit den Ellenbogen zu stoßen brauchen. Was kümmert's einen Fürsten, ob ein Knochenhauer zehn Pferd' im Stall hat, und wie ein Edelmann auf die Freite reitet. Was den Edelmann verdrießt, dem Fürsten ist es recht; ihm ist's lieb, je reicher seine Bürger sind. Er bleibt doch reicher. Was kümmert's den Fürsten, ob ein Schuhmacher Bürgermeister ist, oder ein Patrizier! Er will doch nicht selber Bürgermeister werden, noch seine Söhne und Vettern es werden lassen, noch seine Töchter an einen vom Rat verheiraten. Der Fürst ist als die Sterne am Himmel; die beneiden uns nicht, sie lassen's ruhig gehn, als es uns gefällt.«

»Bis sie mal drein hageln und schneien.«

»Haben wir davon ein Exemplum, Gevatter? Waren nicht die von Anhalt, des Bären Albrecht Brut, die besten Bürgerfreunde? Beschenkten sie nicht die Städte mit Freiheiten und Privilegien; gaben sie uns nicht Güter und Rechte, daß es der Ritterschaft ein Dorn im Aug' wurde! und thaten die Bayern, die drauf kamen, anders, und dann die Lützelburger? Was hat Kaiser Karl, dessen Andenken die Heiligen segnen, dem märkischen Lande und seinen Städten Gutes gethan. Ihr seid ein kluger Mann, Bartz, was hätten die Nürnberger davon, so sie anders thäten? Waren wir nicht ihre guten Freunde, als sie ins Land kamen, und der ganze Adel fuhr wider sie auf wie zehntausend Stachelschweine. Wir ließen unsere Brücken nieder und öffneten ihnen unsere Thore, wir wärmten sie und nährten sie, wir zogen in hellen Haufen mit ihnen, wir zogen ihre schweren Feldstücke durch unsern Sand vor die Raubnester und kletterten durch die Breschen und hieben für sie Licht und Luft durch die Borsten des Stachelschweins. Wir waren ihre natürlichen Bundesgenossen und sie unsere. Das vergißt sich nicht.« – »Das waren andere Zeiten.« – »Richtig, Gevatter. Itzo ist der Adel wider uns. Meine nicht die paar, die unsern Gütern auf der Straße auflauern; der gesamte Adel ist scheelsüchtig gegen die reichen Städte, aus Haß. Er flickt uns an, wo er's vermag. Wir brauchen Freundschaft. Thun's die Städte unter sich? Pah, auf dem Pergamente steht der Städtebund. Im Lande ist er ein Wind, weht da, wo kein Widerstand ist. Wir brauchen gute, mächtige Freunde, das ist die Herrschaft.«

Bartz Kuhlemey stampfte die leere Kanne auf den Tisch, worauf seine Frau augenblicks erschien und sie aufs neue füllte. »Die Sache gefällt mir doch nicht,« sprach er nach einem herzhaften Trunke. »Wie Ihr wollt. Einen freien Bürger kann man zu nichts zwingen. Gehabt Euch wohl, Gevatter!« – »Wo wollt Ihr hin?« – »Zu den Schuhmachern auf die Herberg.« –

»Bleibt. Was die Schuster wagen, das thut ein Knochenhauer auch allemal.« – »Nun, es sind doch tüchtige Leute unter ihnen. Besonders die Altbüßer. Denen hüpft's ordentlich im Leib, die stolzen Herren zu versohlen auf ihre Art.«

»Noch eins, Baltzer: Dem Markgrafen kann's doch gleich sein, ob ich und Du und der Zademack oder wer's ist, im Rat sitzt, oder ob die Geschlechter sitzen bleiben. Was ist ihm denn so darum zu thun, daß wir ans Regiment kommen?«

»Ihr seid ein kluger Mann, Bartz. Jeder liebt sich selbst zuerst und zumeist, und ich will nicht schwören, was der Markgraf thäte, so wir beide, er an der einen Seite und wir Bürger zur andern, an der Speckseite zögen. Aber er ist auch ein kluger Herr. Er kennt Dich so gut als mich, er kennt jeden von uns, eben als die Sonne auf jedwed Ding scheint, weil sie so hoch ist; wir meinen aber, sie sähe nur die Giebel und Kirchtürme an. – Nun sagt mal, wer sind denn die stolzen Herren, unsere gnädigen Gebieter? Aus was Erz sind sie gossen, aus was Stein gehauen? Sind's Bäume oder sind's Pilze? Alte Bäume fällen, kostet viel Mühe, man muß bis an die Wurzeln gehen; Pilze stößt man mit den Hacken fort. Wie aber nun, wenn der Markgraf sorgte, daß aus den Pilzen Bäume würden! – Sattle doch Deinen Gaul und reite frühmorgens aus, und wenn Du abends ankommst zur Herberg, sei's gen Mitternacht oder Mittag, Du wirst noch immer ein Dorf finden, einen Hof, einen Acker, der einem Herrn Schoß zahlt. Und ihre vollen Kähne auf Spree und Havel, auf der Oder und sogar auf der Elbe! Die Schumms, die Ryke, die Brakow, die Wyns und die andern, sind sie nicht so reich, daß jeder von ihnen zehn Edelleute in die Tasche steckt! Haben Lehngüter wie ein Freiherr, ziehen Schoß und Pächte; könnte sich mancher damit eine Stadt kaufen und einem Fürsten es gleich thun. Die, Meister, sind es, die der Markgraf nicht im Regiment will, die's ihm gleich thun möchten an Stolz und Hoffahrt und reicher sich dünken als er, der ihr Herr ist. Reich ist er nicht, das wissen wir alle. Er kennt diese Bürgerherren von Nürnberg her. Dort im Reiche haben sie Wurzel geschossen, diese Patrizier, sitzen auf Tonnen Goldes, sind verbrüdert und verschwägert mit Herren und Fürsten, mit Kaiser und Reich, führen Wappen mit Schilden und Diener mit bunten Röcken, und verheiraten ihre Fräulein an Grafen und Fürstenkinder. Möchte mancher, der ein Zimmetkrämer war, sich ein Fürstentum lösen. Die fürchtet er.«

Als Bartz Kuhlemey schwieg, fuhr er fort: »Wir sind noch nicht so weit, aber könnten dahin kommen. Sitzt manchem noch der Mehlstaub auf dem Rock und die Elle guckt ihm aus dem Ärmel. Aber an Lust fehlt's uns wahrhaftig nicht, und wer kann's ihnen wehren! Wir doch nicht! Kaiser Friedrich ist kein Kaiser Wenzel. Gold aber findet überall seinen Weg. Hätte die Zucht, wie unter den Bayern und Lützelburgern, fortgewährt, wer weiß, ob die Herren von Berlin und Köln nicht schon Reichsfreie wären; wir könnten den gnädigen Herren die Schleppe küssen und uns bedanken, daß sie uns regieren. Da grade mußte des Markgrafen Herr Vater ins Land kommen, und er faßte die Sache anders an, als die vor ihm. Der Adel wollte auch reichsfrei werden. Nun der ist es nicht geworden. Und unter diesem, – unsere Stadtjunker werden's auch nicht werden.«

Bartz schnalzte mit der Zunge und stieß das Messer in den Tisch. –

»Ihr gebt mir recht. Werden sollen sie's nicht, es kommt nur drauf an, wer die Ehr' und den Vorteil davonträgt. Ob wir und der Markgraf, oder der Markgraf allein. Allein darum handelt sich's. Nun ich sehe. Ihr seid schläfrig; Gott befohlen.«

»Nicht doch, bleibt.«

»Mit dem Adel ist er draußen fertig worden, ich meine, sein Vater. Nun aber hat der Adel, der keine Schlösser mehr hat, anfangen in die Städte zu kriechen, wo es sich warm sitzt. Zählen auch schon eine hübsche Zahl Familien hier, die Buch, Ruthnik, Gröben, Blankenfelde. Lassen sich schon gefallen, mit unsern Patriziern das Regiment zu teilen, damit wir noch besser regiert werden. Wir lassen's uns auch gefallen, nicht wahr? Aber der Markgraf nicht. – Würden ihm solche Wespennester und Mauselöcher noch lieber sein, als die zerstörten! – Wird's Rindfleisch aufschlagen, Gevatter?« – »Die Nieren thun mir weh. Aber grad so, das gefällt mir doch nicht. Es schmeckt so nach –« »Hochverrat am hohen Rate,« fiel Baltzer ruhig ein. »Irgendwo hinaus muß es doch. Wollt Ihr vorerst noch eine Bittschrift an den Rat versuchen: möchten doch in sich gehn, Vernunft annehmen, aus gutem Herzen uns geben, was sie uns nahmen mit bösem. Wer weiß, bei Gott ist kein Ding unmöglich.« – »Die Pestilenz über sie! Losschlagen will ich –«

Ein heiseres, widerwärtiges Gelächter machte aus des Gastes Brust sich Luft, und sein Mund verzog sich so breit, wie seine Augen klein wurden: »Ihr und losschlagen! Wann denn? – Wenn's zum jüngsten Gericht läutet. Märkisch Blut und losschlagen, ehe die Herren es befehlen! Sagt mir, daß die Spree nach Köpnik fließt, und ich will's glauben, aber nicht, daß die Zünfte was durchsetzen. Ihr seid keine Welsche. Ward nichts draus zu den Zeiten der Wardenberge, warum heut? Heda! Dreimal haben sie angesetzt seit Maria Reinigung, vor Ferbitz' Bude floß schon Blut, ehegestern war die ganze Stadt auf den Beinen, das Rathaus zitterte, die Glocken dröhnten, Gott bewahre! Zerbrich Du Deine Knochen, aber es bricht nicht los.« »Es soll brechen!« Bartz trumpfte mit der Faust auf den Tisch. –

»Das haben schon viele gesagt, und wenn die Stunde schlug, sich salviert.« – »Morgen schon um zehn Uhr?« Bartz hatte wieder das Gesicht auf den Ellenbogen gestützt. – »Punkt zehn vorm Thor. Der Kurfürst läßt nicht auf sich warten.« – »Die werden Gesichter schneiden.« – »Mein's auch, Gevatter! aber mehr frohe als betrübte.« – »Warum grad aber hier! Er könnte sie ja nach Spandow rufen lassen.« – »Muß wohl so Lust haben. Die Schuhmacher in Alt- und Neu-Brandenburg werden sich auch nicht freuen. Das Gewerk hier soll die Lieferung bekommen für den ganzen Hof.« – »Und, sagt noch mal deutlich, das Rindvieh aus Mecklenburg –« »Sollt Ihr zollfrei, was ein Berlinischer und Kölnischer Knochenhauer ist, von der Grenze haben bis in Euer Weichbild. Wie's da geschrieben steht.« – »Das holsteinische auch?« »Ei nun, wenn die Knochenhauer ihm's Thor öffnen, gibt er auch wohl die Holsteiner frei. Schlag zehn Uhr werden die Hörner blasen und die Harnische rasseln. Der Rat wird blasse Gesichter machen. Was gilt's, ihre Hoffart fährt ihnen in die Schuh, und die Ratmannen von Köln und Berlin laufen um die Wette, die Schlüssel zu holen, und wer zuerst kommt, mahlt zuerst.« – »Sie sollen's nicht,« sprach der Meister und reichte dem Roßtäuscher über den Tisch die Hand. Es geschah mit Widerstreben, aber er reichte sie ihm als ein Mann. »Die Knochenhauer sollen die ersten sein, mein Wort darauf.«

Nun war Bartz aufgestanden und an den Ofen getreten, und da flüsterten beide noch vieles miteinander, wie zwei, die sich nun ganz verstehen, und die geschraubten Worte blieben fort.

»Auf den Henning habt Ihr gerechnet, Meister,« sagte Baltzer. »Wer hat nicht auf den gerechnet! Aber so sind die Menschen. Trau Du auf einen! Die siebenundvierzig Schock Groschen, was war das für ein Stock, so lange sie nicht gezahlt waren. Nun, ausgezahlt, ist's ein Quark. Was hat er davon.« – »Ich habe den Jungen lieb gehabt. Ich habe ihn auch noch lieb, meiner Schwester Kind!« – »Kein Laster steckt so an, denn Hoffart. Ich sag's Euch, Meister, wenn die Ratleute klug wären, so gäbe es viele Hennings. Das wird so herangelockt mit Zuckerbissen und Streicheln, und um einen Pappenstiel gibt einer sein schönes gutes Recht auf. Danken wir unsern Heiligen, daß wir mehr Schumms haben als Rathenows.« – »Doch! doch!« rief der Knochenhauer; »ich hoffe noch auf ihn; der Junge wird sein Blut nicht vergessen.« – »Ich hoffe auch,« sagte Baltzer nach einigem Sinnen. »Schön wär's gewesen, so der Henning die Lärmtrommel schlug und seine Gesellen das Thor sprengten. – Wenn's fehlschlug, war's ein Jungenstreich, die Zünfte konnten's von sich weisen. Er hatte es zu verantworten; würde sich ausgeredet haben; und ging's zum Schlimmsten, er ging ein paar Jahr in die Fremde. Der findet sich überall.« – »Ist meiner Schwester Kind, Baltzer.« – »Der Herr Johannes Rathenow wird ihn nun nicht im Stich lassen. Ist ja zum zweiten Male als ein Kind im Hause.«

»Kreuz und Wetter! Redet mir davon nicht.«

»Die Leute reden desto mehr. Er sitzt morgens und abends da, spricht lustige, süße Dinge, weiß zu erzählen, Gott weiß was, von seinen Jagden und seinen Streichen und vom Hofe des Kurfürsten, spielt auf dem Brett mit der Jungfer Elsbeth, und der alte Herr lächelt dazu. Das ist hübsch vom alten Herrn, klug wollt' ich sagen. Ja, klug sind die Rathenows.« – »Himmel und Hölle! es wird nichts draus.« – »Das mein' ich auch, Meister Kuhlemey. Eine Rathenow und ein zünftig Kind! Aber er ist ein feiner Mann, hält die Speckseite an einer Schnur, unversehens immer höher, immer höher. Der arme Henning nur thut mir leid. So gut er springen kann, die Speckseite greift er nicht.« – »Und ich will's dem Jungen eingeben.« – »Bei Leibe jetzt nicht. Ist ja unschuldig Spiel. Heut brauchen wir den Rathenow, und wer weiß morgen, wozu uns der Henning hilft. Nachher, nachher, Gevatter, ist noch immer Zeit. Kein guter Mann wirft heut ein Messer fort, mit dem er noch schneiden kann, wenn er auch voraussieht, daß es morgen ihm nichts mehr nutzt. – Und –« setzte er hinzu – »wir haben beide heut anderes zu thun, und keine Zeit zu verlieren.«

Bartz Kuhlemey nickte stumm. Beide griffen nach ihren Mänteln und gingen in der Stille die Treppe hinunter. Ihr Weg teilte sich bald, nachdem sie noch viel an der Ecke die Köpfe zusammengesteckt.

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