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Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 10
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
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Zehntes Kapitel.

»Bin hier! will Rede stehen auf all die Punkte und schönen Artikula. Heraus damit, Ihr Herren! Heraus, sag ich, bin der Mann, so auf alles Antwort gibt, wenn's nur deutlich gesprochen wird!« so sprach Herr Johannes Rathenow und pochte mit der Hand, darauf ein dicker Büffelhandschuh saß, auf den Tisch. »Habt mich angeklagt, wollt mich verstricken und absetzen. Hier will ich Euch Antwort geben, wie sie Euch gefällt. Hier ist's Schick und Ordnung, bin nicht mehr krank, ich bin gesund, Ihr sollt es merken.«

Wie eine Kriegstrompete auch den oft mutig stimmt, so es von Natur nicht ist, und der anfangs lieber Kehrt gemacht, darnachmalen, wenn es heiß wird, am wackersten mit einhaut, so wird oft einer hitzig durch die Hitzigen um ihn. Herr Johannes war ein ganz anderer, der in die Rathausthüren einbrach, als der vorhin die Treppen in seinem Haus herunterstieg. Zornig war er da auch, aber es war ein stiller Zorn; nun war er laut geworden durch den Lärm um ihn, und was vorhin kochte, das brodelte nun über. Was Wunders, wo Pawel Strobant das große Wort führte, der immer wie ein toller Ochs unter die Leute stürzt. Und war der Pawel bis da der einzige von den Herren, die ihm beistunden; und wie mancher hohe Herr, der gerecht ist und gern seinen eigenen Weg ginge, muß gehn wie sein Anhang will, sonst verliert er ihn. Ist es mit aller Macht in der Welt ein schlimm Ding. Die, so scheinen vor den Leuten, es müßte der Berg eben werden, worauf sie treten, und die Uhr müßte so viel Stunden schlagen, als sie wollen, grade die Herren sind oftmalen am wenigsten frei. Aber wer sieht's, wo sie der Floh sticht und der Stein im Schuh drückt, und der ihm die Schleppe hält, ihn zieht als er will?

Aber wer verdenkt's auch dem Herrn Johannes, daß er in den Schuß kam, so man das alles erwägt was vorangegangen und noch itzt geschah, ihn zu reizen. So hatte der Rat noch keinen Bürgermeister aufgezogen. Und da sollte einer ruhig bleiben, wie es von allen Ecken ihm zulief und zujauchzte; aber die, so seine Gegner waren, darum immer wütender wurden und alles anthaten, ihm weh zu thun. Denn es war wie ein Feuer durch die Stadt gelaufen, daß er käme. Und an der Ecke, wo's nach der Brücken umbiegt, hatte einer einen Topf aus dem Fenster gossen, ihn recht zu kränken. Fehlte wenig, daß sie das Haus gestürmt hätten und es kurz und klein gemacht. Im Rathause selber hatte es verschiedene Meinungen gegeben. Etliche, wie es in Berlin so laut wurde und es hieß, daß der Bürgermeister komme mit großem Zuge, hatten die Sitzung wollen aufheben und davon gehen. Denn mit dem Volke ist nicht spaßen, das seine Herren nicht liebt. Aber die Färber und Leinweber, die alle in Köln wohnen, und zumalen um und unter dem Rathaus, die hielten's mit den kölnischen Herren, denn sie wollten eine Innung werden und hofften's durchzusetzen durch die kölnischen Herren, daß sie den Brief bekämen; die von Berlin aber waren dagegen. Darum hielten sie um das Rathaus und auf den Treppen und schrieen den Herren zu, sie sollten sich nicht bange machen lassen. Waren's gleich nur Leinweber und Färber, so waren ihrer doch viele, und die meisten hatten Waffen. Das gab den Mutigen unter den Ratmannen auch Mut, und die ihn auch noch nicht hatten, mußten doch bleiben, denn wie hätten sie itzt nach der Brüderstraße und der breiten kommen sollen, von wo alles herströmte. Und so hatten die Färber die Treppen und den Flur besetzt, daß der Bürgermeister ohne seine Freunde nicht durchgekommen wäre. Aber Pawel Strobant machte sich Luft, und was der nicht that, das that der Henning. Da wurde mancher Mutter Sohn gequetscht gegen die Geländer: eins brach auch, und ein Leinweber flog zum Fenster hinaus, fiel aber nicht hart. Er mußte mehr Spott aushalten, als ihm lieb war. Aber in den Saal war nicht allein der Bürgermeister und Herr Pawel eingedrungen; wer hinein konnte, der war mit drinnen. Sie hatten draußen keinen Platz. Die kölnischen Herren sahen zumeist sehr bleich aus und schwiegen zuerst. Wer es konnte, drückte sich in die Ecke, und die sonst immer voran waren, waren itzt mäuschenstill.

»Nun, Ihr Herren, ich will mit Euch reden!« rief Herr Johannes.

Da ermannte sich Herr Matthis Blankenfelde, er saß aber so hinterm Tisch, daß ihm keiner so leicht beikam, ob ihn der Pawel Strobant von drüben gleich mit grimmigen Augen maß: »Wer sind die mit Dir, Johannes Rathenow?« sprach er. »Sind das Deine Ratleute?« – »Wer seid denn Ihr!« fuhr Pawel auf. »Wer kürte Euch?« – »Ruhe! Ordnung!« riefen viele.

Herrn Johannes büffellederne Hand lag noch auf dem Tisch. »Ich stehe Euch Rede, Ihr Herren, bei meinem Heiligen. Aber so Euch die Zunge stockt, will ich fragen: Wer schloß die Thore unsern Mitbürgern? Wer die Thore sonder des Bürgermeisters Geheiß? Wer rief bewaffnete Gesellen in die Mauern, so nicht Bürgerschaft und Bauerschaft haben? Wer that das der Gemeinheit zum Ärgernis und der Stadt zur Schmach?«

Da brüllten ein fünfzig und sechzig, die mit eingedrungen, das nach. Und am lautesten Henning Mollner; der stand oben auf'm Fenster und lehnte sich auf ein Holzgesims, und lachte, was er konnte, den Kölnischen ins Gesicht. Meinen auch einige, er hätte ihnen häßliche Gesichter geschnitten.

»Verfahrt doch, Ihr Herren! Die Sach' muß ausgetragen werden! Wes zeiht Ihr mich? Ich las noch nicht die Schrift.«

»Ist nicht bis Berlin kommen, die schöne Schrift!« rief Pawel Strobant. »War kölnisch geschrieben. Das vergiftet eine Ratze.«

Das war zu viel für einige kölnische Herren: »Auswärts klingt kölnische Schrift wie bar Geld; aber eine Berliner Schrift kann wandern als ein böser Schilling, bis der Jude sie nimmt.« Das sprach einer zum andern, und war's nicht überlaut gesprochen aber ein schlimmes Wort klingt überall wider und hallt lange nach. Konrad Ryke erhob sich und gab's ihnen tüchtig wieder; was er aber sprach, hörte man nicht vorm Lärm. Auch schauten alle itzt gar verwundert auf das Ende des Tisches, wo Baltzer Boytin aus seinem Säckel Geld aufzählte. Und nun rief Herr Johannes den Henning Mollner heran und sprach mit lauter Stimme, und alle hörten es, denn es ward stille:

»Als ich vernommen von der Klage, so die Herren haben wider mich, und habe das Schriftlein noch nicht gesehen, wollen sie mir's untersagen, daß ich Dir zahle die siebenundvierzig Schock Groschen, darum Du der Stadt anhängig bist. Item so ich zahle, wollen sie's mir rechnen als Übertretung und Verrat. Die Schuld ist gut und gerecht, dafür haben's gehalten weise Leute vor alters und itzt, und haftet auf beiden Städten, sintemalen Dein Vater gestritten hat zu beider Frommen und darum gefangen ward, und mußte gelöst werden. Weil die Schuld gut ist und gerecht, darum zahle ich sie Dir, Henning Mollner. Streiche ein das Geld und gib quitt die Städte. Du hast Dein Recht.«

Da ging ein Murmeln durch den Saal, und bei den Zuschauern, da ward's ein lauter Jubel und lief wie ein Funken auf verbranntem Papier über die Treppen und Flure hinaus, und draußen ward's ein Jubelgeschrei, und sie ließen den Bürgermeister leben und den Henning, daß den meisten Kölnischen schlimm zu Mute ward. Herr Johannes aber wandte sich nun zu den Herren, und er sprach so, mit Augen, die wie eines Löwen groß waren:

»Hab's gethan, Ihr Herren! Hier stehn hundert Zeugen und mehr, hab's gethan, daß Ihr Grund habt und Beweis für Eure Klage. Hab's gethan, ob Ihr's mir verbieten ließet oder erlaubtet, hab's gethan, nicht um des Rates willen, sondern um des Rechtes willen. Ob der Rat bestehen wird mit Unrecht, das weiß Gott im Himmel, aber Recht wird bestehen zu Recht, so lange die Welt steht.« –

Da bebten ordentlich vor Jubel die Wände; aber Herr Johannes hatte noch nicht ausgeredet: »Wißt Ihr, warum ich's hab gethan? Ihr schreit: um des Anhangs willen, so ich mir schaffen will. Ja, habt recht, ich will meinen Anhang haben; aber das sollen sein meine guten Thaten, die vor den Menschen mich zieren und vor Gott mich begleiten. Ist besser als ein Rat, der heut das rät und morgen jenes. Warum ich's that? – Nicht um meinetwillen, um Euretwillen. Daß die Leute nicht sagen, es habe der Rat von Berlin und Köln durch dreißig Jahr seine Schuldigkeit verschleppt und im einunddreißigsten that er ein Unrecht. Euch zuliebe, Ihr Herren von Köln, daß sie Euch nicht züchtigen eines Bundesbruches, darum, weil Ihr teilhaben wollt an unsern Ernten, aber nicht an unsern Schäden, und Euch, die Ihr unter Euren Geldsäcken schwitzt, weigert, die Hand in den Säckel zu thun, wo es ein Schock Groschen gilt. Euch und gemeiner Stadt Besten zuliebe, zu Ehren des alten Bundes, so unsere Väter gestiftet, hab' ich's gethan. Rühme mich dessen und werfe die Klage zurück auf Euch, auf Euch kölnische Herren, die Ihr durch dreißig Jahre widerbellt habt gegen die Gerechtigkeit, und um siebenundvierzig Schock Groschen zu sparen, einen Riß gethan in unsere Mauern, den hundert Schock und zweihundert, der um tausend Schock nicht zu bessern ist. Gott besser's!«

Da nickten alle Berliner Herren, auch die nicht mit den Rathenows hielten, und einige stellten sich zu ihm, die schon sonst seine Freunde waren, denn wer Partei haben will, die zu ihm hält, der muß zur Zeit ein tüchtig Wort sprechen, und wär's auch nicht gehauen und gestochen, so's nur haut und sticht, aber nicht muß er acht Tage hinterm Ofen liegen und maulen, wie der Johannes gethan. Das hilft nichts; und hätte einer auch die gerechteste Sache. Dadurch hatten's die Blankenfeldes und Bergholze durchgesetzt, daß sie itzt obenauf waren, und waren doch sonst auch nicht beliebt. Aber, all Ihr Heiligen! wie zündete das bei den Kölnern; so war's ihnen noch nicht gegeben. Den sie verklagt hatten, der verklagte sie nun.

Herr Matthis Blankenfelde sprang auf den Tisch. Wollte wohl zeigen, daß er Mut hatte; aber seine Rede, das war, wie ein Anwalt spricht vor den Gerichten, wo römisch Recht gilt, es schwindelte einem der Kopf vor den vielen Worten und schönen Sätzen, aber zum Herzen ging's nicht. Sprach rührend von der Eintracht, so nötig sei zu jedem Gemeinwesen, und daß, wer gebieten wolle, vor allem lernen müsse gehorchen, gleichwie wer gewinnen wolle, erst geben müsse und verlieren, damit er gewinne. Endete alles mit feinen Spitzen gegen den Bürgermeister. Sprach dann jämmerlich, fast, daß ihm die Thränen im Aug' standen, von der Not des Volkes, und wie der besser für sorge, so sich erkundige in den Gewerksläden und sonst wo im stillen, als der mit großem Aufzuge und Geschrei durch die Gassen schreite und allerlei Volkes hinter sich herzöge; und redete dann von dem Nutzen und der Löblichkeit der Gewerke, daß wer ihn nicht kannte, ihn für einen rechten Bürgerfreund gehalten, insonderheit aber der guten Leineweber und wackern Färber, die immer Freunde gewesen des Rates und der Ordnung, sittsam und züchtig, und ihren Schoß ordentlich gezahlt und ihre Dienste gethan, wie es guten Bürgern ziemt, und dennoch weigerten sich einige, so er nicht nennen wolle, ihnen Briefe zu geben, als andere Gewerke sie längst, er wolle nicht sagen mit Unrecht, besäßen. Das aber halte ein Gemeinwesen zusammen, daß man nicht ein Gewerk begünstige, sondern alle auf gleiche Weise, und nicht eins durch die That und das andere durch Hoffnungen nähre.

Ist zweifelhaft, ob eine so feine Rede, wie die Dinge standen, klug war; denn wer sieht, wenn ein Haus vor uns brennt, wie hübsch es gebaut war, und so's uns einer noch so genau schildert; und wer sich prügelt, der hört nicht drauf, so ihm einer die schönste Predigt über die Eintracht hält. Aber wer weiß, wo das hinauslief, denn Herr Matthis war ein schlauer Mann; doch zum Ende kam's nicht, denn Hans Zademack, der Gewandschneider, fuhr dazwischen und grade zu den Färbern gewendet, sprach er:

»Glaub Du dem Fuchs, so er von Treu und Glauben schwatzt. Wir wissen's besser. Ihr, Gevatter Färbersleute und Leineweber, hängt Euch nicht an seinen Schweif, er läßt Euch los, wenn Ihr in der Pfütze sitzt. Wer hat uns die Thore gesperrt, daß wir unser Anliegen bringen an unsern gnädigsten Herrn und Kurfürsten?«

»Wer hat uns die Thore gesperrt?« brüllten die Gemeinen; und nun muß man's den kölnischen Herren lassen, sie waren nicht eingeschüchtert. Mag sein, wie dem Johannes die Hitze kam, so wuchs ihre auch. Ein Stück Eis, das man in einen siedenden Grapen thut, bleibt nicht Eis. Es kocht mit. Da riefen alle mit ein: »Wir haben Euch die Thore gesperrt!«

Wer konnte nun noch auf seinem Platze sitzen. Da stiegen sie auf Tisch und Bänke, wollte jeder einen Kopf höher sein als andere.

»Des klag' ich Euch an, der Eigenmacht und des Verrates!« rief Herr Johannes durch den Lärm durch. – »Er ist verstrickt,« riefen die Kölnischen, – »Er ist nicht mehr Bürgermeister.« – »Wird Euch doch meistern,« schrie Pawel Strobant. – »Des klag' ich Euch an,« wiederholte Herr Johannes. – »Vor wem? Hier ist Dein Gericht.« – »Vor Gott und Euch selbst, vor dem wahren Rate, dem alten und neuen und den Sechzehnmännern beider Städte.« – »Die sind wir –«

So laut sie riefen, doch waren's ihrer nur wenige.

»Ihr!« schrie Pawel Strobant, und seine Stimme allein klang voller als aller Kölnischen zusammengenommen. »Der Rat wollt Ihr sein? Eine Schweineschneiderherberge, aber nicht der Rat!« –

»Item klage ich Euch an,« drang Herrn Johannes Stimme durch, »daß Ihr in unsere freie und gute Stadt, wo keiner bewaffnet Eintritt hat, auch der Markgraf nicht, einließet heimlicherweise Eure Leute, die Euch unterthänig sind, aber nicht der Stadt; einließet bei Nacht und Nebel mit Wehr und Waffen und sie verstecktet, und itzo an die Türme gestellt und an die Thore, nicht zur Stadt Nutzen, sondern zu Eurem. Des klag' ich Euch an des Verrates an der Stadt. Das, gemeine Wesen macht Ihr zu Eurem, und das ist arge Übertretung.«

»Johannes hat recht!« rief Herr Konrad Ryke, der bis da geschwiegen. Nun traten noch einige von den Berlinern, die schüchtern gewesen, und sie hatten sie überschrieen, zum Bürgermeister. Schade nur, daß ihrer so wenig waren, hätte sonst können noch in Ordnung was durchgesetzt werden. Aber von nun an ging's, wie in Polen auf dem Reichstag. Das sah sich an, als wollte einer den andern auffressen, und schrie sich ins Gesicht, und keiner verstand des andern Worte, und zeigten sich die Fäuste.

Noch einmal, ehe sie aufbrachen, machte Herr Matthis Blankenfelde sich Luft, daß noch einige ihn verstanden: »Ihr seid hier mehr und wir sind weniger. Wir weichen auf den Bänken, aber nicht in unsern Rechten. Wählt Euch einen Rat, als Euch lieb ist, aus Kesselflickern und Hurensöhnen, der Teig ist gehorsam, wenn der Stempel grob ist. Macht den Raschmacher zum Bürgermeister und den Roßkamm zum Kämmerer. Uns verschlägt's nichts. Brecht auch meinethalben die lange Brücke ab; wir sind mit unserm End' zufrieden. Der Bettel bleibt zurück.«

»Du kölnisch Lästermaul!« rief es, und Herr Pawel Strobant, der auf dem großen Tische herumsprang, daß er krachte, schrie: »Eine Zimmersäge her! Wollen den großen Tisch zerschneiden. Den Kölnern ihr Teil auf den Rücken.« – »Laßt Euch nur wieder am Narrenseil ziehen von des Albertus Sippe!« rief Herr Bergholz. – »Bindet ihm das Schandmaul!« riefen etliche Berliner. – »Eures wird bald genug schief stehen,« sprach der Hoppenrade. »Aber wenn's Euch sauer schmeckt, kommt nicht auf den Bettel zu uns. Unser Bettelvogt hat einen dicken Stock.« – »Zu Euch den Bettel!« erwiderten die andern. »Da müßte doch vorerst des Spittelvogts Frau keine Lumpen mehr haben.« – »Wir ziehen ab« – Hub Herr Bergholz an. – »Und wundert Euch dazu; wir wundern uns nicht,« fiel Pawel Strobant ein. »Es stank so nach Fischen, nun wird die Luft rein« – »Bis es donnern und einschlagen wird.« – »Von Köln aus, ach du lieber Gott! Kreucht in Eurer Frauen Unterröcke und steckt die Nas' unters Bett, dann hört Ihr die Sturmglocken von Sankt Nikolas und Sankt Marien nicht.« – »Die Glocken sollen von anderwärts schlagen,« sprach der Hoppenrade. – Und der Blankenfelder fiel ein: »Und sie werden Euch ins Ohr summen, daß alle Baumwolle, so Ihr 'reinsteckt, Euch 'rausfallen soll. Nutzt die Zeit, wo wir Euch leeren Tisch machten, es wird nicht lange dauern. Als wie zu den Zeiten unserer Elterväter. Wir werden ihn rufen, und er ist nicht fern, der da hilft und Ordnung bringt. Zu Spandow sitzt er und wird richten.«

Und die Kölnischen alle erhoben sich drohend, aber die Berliner schrieen auch gut: »Wie Ihr pfeift, wird Euch gepfiffen werden.«

Und andere: »Der Krug geht zu Wasser bis er bricht.« Aber verstand keiner mehr ein Wort, bis die Kölnischen alle, Mann für Mann, 'raus waren.

Herr Johannes war hingesunken auf den Lehnstuhl, so für den ersten Bürgermeister vorm Tische stand, und sein Kopf senkte sich. Er war sehr müde. Da saß er wie ein Sieger, denn der Feind hatte das Schlachtfeld geräumt; aber mancher Sieger, so den Platz behält nach einer harten Schlacht, sieht doch aus als ein Geschlagener. Käme das Te Deum zu schwach heraus. Und wer war denn auch bei ihm? Die paar Berliner Herren, die geblieben, es waren recht gute Leute darunter, aber wer von ihnen holte das Feuer aus dem Ofen! Konrad Ryke war fort, nicht mit den Kölnischen, aber er war doch fort. Die beiden Wyns sprachen mit Herrn Otto Buch und noch etlichen, aber zu einer Schlußnahme, wie sollte es mit denen kommen! Der Pawel war immer gut, wo es drauf los ging, aber wo man sich verständigen sollte, da taugte er nichts. Und itzt war er hinterdrein den Herren, die abzogen, und wetterte und fluchte zu den Leuten. Waren nie einander grün, die Blankenfelde und die Strobants, aber den Stein, der ihm da auf Ferbitzens Bude ins Maul flog und ihm zween Zähne kostete, konnte Pawel ihnen zeitlebens nicht vergessen.

Wer die hitzigen Leute kennt von beiden Seiten, und versessen auf ihrem Rechte, der könnte sich noch wundern, daß es so abging. Einige wollen meinen, es sei, weil der Henning Mollner sich zurückhielt. Dafür wußten sie unterschiedliche Gründe. Meinten die, er wolle nun den vornehmen Mann spielen und es mit dem Bürgermeister halten; andere aber sagten, seit er das Geld eingestrichen, habe er ganz anders ausgeschaut denn vorhin, gar nicht vergnügt etwa und zufrieden, sondern just itzo, als fehlte ihm etwas, da er doch das hatte, was ihm fehlte. Denn nun hatte er keinen Grund mehr zu klagen, und das, warum dreißig Jahre gebohrt und gebrummt war, war nun aus.

Aber, was auch der Henning vermochte unter den Gemeinen zum alten Berlin, zumal den jungen, denen jeder Streit eine Herzensfreude ist, was hatte er Einfluß bei den Kölnischen, so den Herren als den Gemeinen! War er doch mit den Färbern mehr als einmal arg zusammengekommen, und sie lauerten ihm auf den Dienst, seit er Pfingsten vor fünf Jahren mit seinen Gesellen ihren Altmeister eingewickelt hatte in ein Stück blau Tuch, als wäre er ein Wickelkind. Der Meister war beinah erstickt, denn die gottlosen Buben hatten ihn auf dem Anger hin und her gerollt, Summa eine Viertelstunde, und war er blau am ganzen Leibe und das Stück Tuch war zerrissen. Seitdem, wo sie die Raschmacher trafen, mußten sie aneinander, und die Leute sagten, das gehe schon nicht anders, die beiden Gewerke müßten sich in die Hände arbeiten.

Wie dem nun sei, mit und ohne Henning wären die beiden Parteien nicht so gut auseinandergekommen, wenn nicht jede noch was im Sinn gehabt und der andern ohnedem was zugedacht hätte. Es war nicht das Schlachtfeld hier und sie waren nur so zusammengetroffen von ohngefähr und hatten die Waffen nicht bei sich, damit sie die andern unterkriegen wollten.

Da flüsterte der Ratsschreiber. das war ein treuer Mann, dem Bürgermeister ins Ohr: »Was nun anfangen?«

»So kann's nicht bleiben, bei Gott, so darf's nicht bleiben!« rief der Herr und sprang auf. »Ein Mittler thut uns not, sonst zerreißt das Band.«

»Und ein starker,« sprach der Herr von Gröben, der war ein Edelmann vom Lande, und hatte sich jüngst zum alten Berlin angekauft und die Bürgerschaft genommen. War ein stattlicher Herr und auch letzt in den Rat gekoren, mischte sich aber nicht in die Streitigkeiten, denn er liebte den Frieden und war ein frommer Mann.

»Mit Vergunst,« sprach Baltzer Boytin, »wenn die Herren in den Städten sich in den Haaren liegen, richten's die Städte unter sich nicht aus. Das sieht alles mit Vettern- und Blutsfreundsaugen. Ein höherer Mann gehört dazu. Das meinen die vier Gewerke –« »Und die Herren von Köln desgleichen,« sprach einer, der hereintrat. »Als ich eben sicher vernehme, wollen sie auch eine Schrift aufsetzen in der Bergholz Hause, so noch heute nach Spandow soll.« – »Und wie die eingerichtet sein wird, kann ein Blinder sehen, und ein Tauber hört's,« sprach Herr Otto Buch. – »Man muß ihrer Anklage zuvorkommen.«

Da breitete Hans Zademack die Rolle aus, und Baltzer Boytin sprach: »So die Herren vom Rat und seine Wohlweisheit vergönnen, lesen die Meister die Klageschrift der vier Gewerke so uns die Kölnischen heut morgen verhindert nach Spandow zu tragen.«

Und Hans Zademack las. Da klang alles ganz schön, und war's allen längst bekannt, was die vier Gewerke und die gemeine Bürgerschaft von dem Rate forderte; aber es mußt' ein geschickter Schreiber es aufs Papier geschrieben haben, denn so fein und wohlgesetzt und rührend klang alles, und so in schöner Ordnung, daß auch ein Ratmann daran keinen Ärger genommen. Und desgleichen waren die Trübsale und Scheelungen, daran die Stadt litt, so kläglich und dringend drin verschrieben, daß es das Herz rührte. Und wäre gar nicht abzusehen, wie der Zwieträchtigkeit und Scheelung und gemeinem Elend abzuhelfen, es sei denn, daß der gnädigste Markgraf sich der Sachen erbarme und durch gerechte Richter das Recht finden lasse und es setze, wie es immerdar gehalten würde. Aber trau einer einem Fuchs und einem Schreiber! Stand so vieles dazwischen geschrieben, was nimmermehr der Bürgermeister gutgeheißen; aber das war mit Worten gesetzt, daß man's im Lesen nicht sogleich merkte, und Hans Zademack ging rasch darüber weg, gleich als wie der Ratsschreiber vorhin mit bei Klage des Rates vor den Bürgern that. Denn wo hätte Rathenow eine Schrift unterschrieben, darin alles Übels Wurzel auf den Hochmut der Geschlechter ward geschoben, und gesagt, ehe denn nicht die Bürgerschaft aus ihresgleichen in den Rat kürte, und die Zünfte dort säßen, sei kein Ende dem Unding. Und es seien die Familien allein hüben und drüben, so den alten Streit und Haß nährten, und gemeine Bürgerschaft, die es doch nichts anginge, darein verstrickten. Und werde der Zwist von den Herren nicht aus ihrem Säckel bezahlt, sondern aus dem gemeinen Kasten; und lasse sich gut streiten, wo ein dritter zahlen müsse, wie man's von den Anwälten wisse vor den römischen Gerichten, für die ein Rechtsstreit nicht lang genug sein könne. Alles das und noch vielmehr hörte der Bürgermeister nicht, denn Hans Zademack ging, als ich sagte, schnell darüber weg, oder verschluckte es; und nur das hub er mit lauter Stimme vor, was Ungebührliches an diesem Tag sich zugetragen, und wie in der Schmach, so ihr Bürgermeister von den Herren aus Köln erfahren, Stadt und Bürgerschaft gekränkt, und kein Recht in beiden Städten zu holen sei, ehe denn nicht die Kölnischen darum zurechtgewiesen.

Nun standen die vier Abgeordneten der Gewerke vor dem Bürgermeister, um Urlaub zu nehmen zu ihrem Ritt nach Spandow, und da keiner sonst zugegen war, hieß er dem Henning, daß er ihnen freies Thor mache und das Geleit gebe bis an der Stadt Weichbild.

»Haben sie nun des Vollmacht,« sprach Baltzer Boytin, »daß sie vor Seiner Gnaden reden, nicht um ihrer Rechtsame allein, sondern auch von wegen ihrer Stadt Berlin? Denn der Fürst könnte fragen: Von wem seid Ihr geschickt? Ich sehe nur die Siegel darunter und die Schriften der vier Gewerke. Hält denn auch der Rat zu Berlin und sein Bürgermeister es mit dem von Köln?«

»Wo ist denn der Rat von Berlin!« sprach Herr Johannes und schaute sich verdrießlich um. – »Bis wir die einzelnen mahnen, und sie kommen, daß ein gültiger Beschluß gefaßt werde, wird es zu spät,« sagte der Ratsschreiber. – »In solchen Fällen, als uns berichtet ist von alters,« sprach Baltzer Boytin, »vertritt, der das Haupt ist, den Leib, was besser ist, als daß der Leib für das Haupt spricht.« – »Zu Gott, dem ist so,« sagte der Herr von Gröben. »Zwietracht zu wenden, ist allerwegen ein Gott löblich Geschäft –«

»Es ist nicht so, als es sollte.« fiel Herr Johannes ein, und ihm war's nicht lieb, als er um sich, außer den paar Herren, nur die von den Gemeinen und ihre Sprecher sah. »So jedweder zuerst dächte, was er soll, und dann erst, was er darf, es stünde besser um unser Gemeinwesen.«

»Das ist gut gesprochen,« sagte der von Gröben, »und als es sich ziemt für ein christlich Oberhaupt. So Ihr aber meint, Herr Johannes, will auch ich mitreiten mit den Gewerken, und ein Wort sprechen mit dem gnädigen Herrn. Soll es dem alten Berlin, das ich liebe, nicht zum Schaden gereichen, denn der Kurfürst ist mir zugethan noch von Zeiten seines Vaters seliger, wo ich oft zum Frieden riet, und mancher Ritter dankt's mir überdem, daß ich mein Fürwort einlegte.«

»Der hohe Fürst kann's nur gnädig aufnehmen, so der Herr von Gröben ein Wort für uns einlegt,« sprach Baltzer Boytin, und man hatte wohl ein arglistig Lächeln um seinen Mund wahrnehmen mögen. »Was weiß ein schlichter Bürgersmann zu sprechen vor Fürsten, als es sich schickt, und er möchte uns fortweisen ohnedem, oder gar nicht vorlassen. Was kümmert ihn unser Streit!«

Herr Johannes schüttelte des Gröben Hand. Ihm war aber nicht wohl zu Mut. Da ward es abermals draußen laut, und man hörte von drüben von der Spree her Trompeten und sonst Musika, und es kam Nachricht, wie voller Mut die kölnischen Herren wären, und die Gewerke drüben ließen Zusammentreten und zu ihnen redeten: und die Herren machten sich gemein mit den Bürgern und ließen ihnen in ihren Fluren einschenken und tränken ihnen zu. Und allerwegen wäre die Rede von der Trennung der Städte, und das sei ein Mittel, daß man loskäme von dem Übermut der Berliner. Dadurch und die schönen Reden hatten schon viele von den Zünften sich breit schlagen lassen, das Schreiben zu unterzeichnen, was sie an den Markgrafen aufgesetzt, und es sei voll böser Klagen.

»So wird es Zeit,« rief Otto Buch, »daß auch wir vor ihn treten.« Der Herr von Buch war nicht gut zu sprechen auf die kölnischen Herren, die's dem Ritteradel zuvorthaten an Reichtum und sich ihm gleich dünkten.

»Was an uns liegt, so wollen wir dort sein vor ihnen,« sprach Hans Zademack.

»Aber des Bürgermeisters Wort muß in unsere Wagschale, sonst schlägt die Berliner in die Höh und die kölnische sinkt,« sprach einer, und alle meinten dasselbe. Thomas Wyns und sein Bruder Dietrich redeten ihm zu und auch Herr von Gröben. Ungern that es Herr Johannes und die Feder zitterte ihm in der Hand. Hörte er lieber Klagen an und entschied nach dem Rechte, als daß er klagte.

»Weiß Gott, was ich da gethan,« rief er vor sich, als er geschrieben seinen Namen und die Feder niederwarf. Als die Abgeordneten durch die Straße ritten und zum Thore hinaus, schauten ihnen die Bürger aus den Fenstern neugierig nach und dachten bei sich, was wohl draus werden wird. Aber als der Bürgermeister aus dem Rathaus in sein Haus zog, war es wie ein Freudenfest und ein großer Siegeszug. Pfeifer und Geiger gingen ihm vorauf, und etliche Fähnlein der Gewerke weheten, und aus allen Fenstern rief es seinen Namen und jauchzte ihm zu und ließ die Tücher flattern. Wie schweren Herzens Herr Johann auch war, da ward ihm doch froh. Und zumal als die schöne Jungfer Elsbeth an der Hausthür ihn empfing, und die Spielleute noch lange vor seiner Thür musizierten. Er reichte auch dem Henning die Hand und bat ihn, daß er wiederkomme auf den Abend.

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