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Der Roland von Berlin - Erster Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Erster Band - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Erster Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeVierter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090602
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Neuntes Kapitel.

Auf dem Söller über Meister Ferbitz' Badestube war es auch nicht leer, derweilen das, was wir erzählten, sich auf dem großen Platze darunter zutrug.

Es hatten einige von Anbeginn des Auflaufes demselben von dort zugeschaut; nicht daß sie hinaufgestiegen wären in Erwartung, was kommen werde, vielmehr schienen es Fremde, so der Zufall oder der schöne heitere Wintertag dahin gelockt, weil der Meister noch mit den Gästen unten in den Lauben beschäftigt war. –

Einer, welcher der Vornehmere war, hatte in seinen Pelz tief eingehüllt schon lange dort gesessen, die Arme verschränkt; und der scharfe, klare, aber ruhige Blick seines blauen Auges hatte die Gegenstände umher, einen nach dem andern aufmerksam gemustert, derweil die beiden andern, der eine auf seinen Schemel hinter ihm gelehnt, der dritte unfern davon an dem Geländer standen.

Die Morgensonne beleuchtete anmutig die Türmchen und Giebel des großen Rathauses auf der langen Brücke; die bunten geschnitzten Balkenknöpfe und Stiele mit all den Bildwerken daran glänzten hell, und die Fähnlein darauf wehten in der Morgenluft. »Ist's Euer Gnaden nicht zu luftig hier oben?« fragte der hinter ihm Stehende.

»Nichts von Gnaden hier,« sagte bei Sitzende. »Auch ist mir's grad so luftig, als ich es wünsche. Das ist ein guter Platz, den sich der Barbier gewählt; nur etwas höher sollte es sein! Übersähe man doch beide Städte, und meine liebe Spree dazu, welche sie verbindet und trennt. Zumal könnte man den Herren in den Ratssaal hineinschauen. – Nicht wahr, ein schönes Haus, was die reichen Bürger sich erbaut? –«

»Was schaust Du wieder so verdrießlich, Konrad?« wandte er sich zu dem Junker hinter sich. – Denn Junker waren sie alle drei gewiß; man hatte es auf den ersten Blick weg, sie waren von anderm Guß als die Bürgerherren unten. – »Du vergleichst immer nur mit Franken; und darum will Dir hier auch gar nichts gut und angenehm dünken.«

»Wahrhaftig,« entgegnete der Angeredete, »man thut hier besser, wenn man die Augen zudrückt, so kann man sich doch etwas vorstellen, was nicht da ist; denn was da ist, ist abscheulich und nicht zu ertragen,«

»Was hast Du auszusetzen an dem zierlichen Rathaus?«

»Daß die kurfürstliche Fahne drauf nicht anders steckt als wie eine Borste am Stachelschwein, wie ein Weizenkorn unter einem Haufen, wie – was weiß ich's! Wie sich's nicht schickt und recht ist.«

Der Junker in dem Zobelpelz sah scharf darauf hin, und wiegte bedächtig den Kopf: – »Etwas höher könnte sie freilich stecken; es käme nur darauf an, daß man es den Herren vom Rate vorstellte.«

»Vorstellen!« rief der andere wie ungehalten. »Wenn's mir erlaubt würde, wollte ich auf das Dach klettern und sie auf die oberste Firste pflanzen, und mich nicht drum kümmern, wenn ich beim Herunterklettern mit den Hacken den andern gespreizten Wischtüchern zu nahe käme. Blitz und Wetter! was sollen die Hansefarben dort!«

Der Junker auf dem Schemel winkte ihm Vorsicht zu: »Wir sind hier nicht unter uns, Konrad. Was fällt Dir gerade das so auf? Wenn wir aus der Burg zu Nürnberg auf die Stadt niederschauten, sahen wir da die kurfürstlichen Fahnen auf den spitzen Bürgerdächern? Das Stadtwappen ward uns ja auf jedem Pfahl gezeigt.«

»Was uns in Nürnberg mißfiel, soll's uns in Berlin gefallen?« entgegnete der Stehende. »Und was sind diese Krähennester, diese Maulwurfshügel und Ameisenhaufen gegen eine Reichsstadt! Schlammpfützen, Pfahlbauten, von ehegestern alles, mit Insekten darin, die nach dem Sand und Morast riechen, aus dem sie herauskrochen –«

Der Sitzende lächelte: »Unser Gelehrter dort mag Dir das einmal anders erklären. Nicht, Johannes« – sagte er zu dem dritten – »die Bürger dieser Städte wollen keine Wenden sein! Sie rühmen sich deutscher Abkunft.«

Der Angeredete bejahte es schweigend, da er meinte, daß der Junker es nicht ernstlich mit der Frage auf eine gelehrte Erörterung abgesehen.

»Und wenn,« fuhr der erste fort, »so sind es die breitgetretenen, plumpen sächsischen Gesichter, diese Flamänder und Friesen, die das Wasser dort forttrieb, und hier suchten sie ihr Element im feuchten Schmutz wieder auf. Es war der rechte Mischmasch zu dem wendischen Gezücht. Plump, halsstarrig, faul, Trunkenbolde, ohne Schwung und Erhebung bleiben sie fest, wo sie sich hinsetzen. Wie sie jenseits der Elbe in fetten Lehm sich einnisteten, so hier in den Moorgründen, um dem Kote am nächsten zu bleiben, aus dem sie geknetet worden.«

»Wenn es nach Dir ginge,« sprach lächelnd der im Pelze, »so setzten wir uns des ehesten allesamt zu Pferde und sagten der sauer erworbenen Mark Valet. Was unsere Brüder wohl dazu sprechen würden!«

»Ein Land ohne Berge ist kein Land für einen adligen Sinn. Wo man sich nicht umschauen kann, wie mag man da zu Haus werden!«

»Nun, man baut sich Berge« – sprach der Sitzende, und ließ dabei den Blick allmählich in den blauen, klaren Winterhimmel schweifen. »Der Platz hier, wie ich sagte, gefiele mir.«

Ein Raubvogel stieg gerade in die Lüfte, und die Augen des Redenden schienen seinen Flug unwillkürlich zu verfolgen.

»Bis wo der hinsteigt,« bemerkte der Ritter hinter dem Stuhle, »baut Ihr doch keine Berge, und wenn Kaiser und Reich aus ihren Truhen beisteuerten. Was waren die Burgen dieser Herren hier, die sich Ritter nannten und Adel – Gott weiß mit welchem Rechte? – Wolfsgruben und Fuchsbauten.«

»In einem flachen Lande,« sagte der andere, »genügt eine mäßige Höhe, um viel zu überschauen. Man braucht nicht Alpen aufzutürmen, um von der Elbe bis zur Oder zu sehen. Gute Werkmeister und Maurer und Zimmerer, die Spree hat einen geduldigen Rücken und trägt Steine und Holz zu als wir wollen, und in Monden und Jahren steht ein Berg da, wie – ich ihn will.«

Er war aufgestanden, indem er dies sprach, und schaute noch einmal ringsum, als itzt Meister Ferbitz, der seiner andern Kunden ledig geworden, die kleine schmale Treppe hinaufgestolpert kam. Mutmaßlich mochte er vorhin seine Gäste nicht genauer in Augenschein genommen haben, denn wenn seinem Gesichte zu trauen, so erschrak er nun, als er die Herren von Kopf bis Fuß musterte, daß er nicht früher geeilt war, sie zu bedienen.

Es hätte nicht Meister Hansens Pfiffigkeit bedurft, um das einzige, was er abmerkte, aus ihrer Sprache zu entdecken, nämlich daß sie Herren aus dem Reiche waren. Denn sie redeten unter sich hochdeutsch. Es waren aber zur Zeit der ersten Hohenzollern so viele Ritter und Herren aus Franken und da herum in die Marken gekommen, und der Hofhalt der Fürsten und ihre Verbindung mit den Burggrafen von Ansbach und Baireuth führte noch jahraus, jahrein Fremde, so Kriegsleute als Geistliche, Kaufleute und Künstler, ins Land, daß die hochdeutsche Mundart an sich nichts Befremdendes war.

Also indem er sein Messer schliff, ohne viel klüger zu werden, murmelte er vielerlei über die Bärte hier zu Land: – »Wie Borsten, meine gnädigen Herren! – Bei allen Barbierwahrzeichen durchs ganze heilige römische Reich! ich will lieber ein Stachelschwein rasieren, als dieses Bürgervolk. – Scharten, nichts als Scharten; ich sag nicht zu viel, wenn jeder Bart durch die Bank mich ein Messer kostet. – Und wie die Bärte, so die Menschen. Nichts Geschmeidiges; das steht alles trotzig und borstig, giebt nicht nach und kommt nicht entgegen; ist dumm und will nicht klug werden; ist versessen auf was es hat, und nimmt nichts an, was von außen kommt. Man mag's ihnen ins Land, man mag's ihnen ins Haus tragen, sie stellen's in den Winkel und bleiben beim alten.«

»Sind die Bärte anderwärts besser?« fragte der eine Junker.

Der Barbier fing, von seinen Wanderungen erzählend, an, Sachsen und Franken und Schwaben zu loben, ohne in seinem Lobe bei den Bärten zu bleiben; aber wo er auch anpochte, bei den schönen Mädchen, den stattlichen Rittern und prächtigen Herren, den fürstlichen Hofhaltungen und den reichen lustigen Städten, war's, als wenn er mit einem Fliegenwedel gegen stählerne Harnische schlug; er drang nicht durch und es kam kein Funken raus.

»Bist Du nicht von hier, daß es Dir in dem Lande nicht gefällt?« fragte endlich der im Zobelpelz.

»Leider, gnädiger Herr, bin ich aus dem Bärenneste; aber ich müßte nicht gewandert sein« – und nun folgte die ganze Reisebeschreibung und die Namensliste der berühmten Städte aufs neue – »nicht gewandert müßte ich sein, wo feine Sitte und feine Menschen zu Haus sind, wenn ich nicht –«

»Als geleckter Bär zurückkam,« fiel ihm der Junker hinter dem Stuhle ins Wort. »Nun zeigt er der ungeleckten Brut zu Haus seine Künste, und der feine Mann macht kein Glück damit.«

»Grade wie mein gnädigster Herr und Markgraf, der Kurfürst,« fiel Hans Ferbitz rasch ein. »Was zeigt der und seine fränkischen Ritter nicht alles diesem rohen Volke, und wie begreifen sie's, wie danken sie's, wie lohnen sie's ihm! Aber er sollte mich nur fragen, wie man mit ihnen umspringen muß.«

»Nun wie denn?« fragte der im Zobelpelze.

Aber Hans Ferbitz hatte eben den Schaum im Becken fertig geschlagen und ging mit einer vollen Hand davon auf den Junker los, nicht anders denkend, als, weil er ruhig da saß, daß er, seiner Dienste gewärtig, auch zuerst bedient sein wolle. Allein mit einer Bewegung der Hand, und einem Blicke, der noch viel mehr sagte wies ihn der Junker so zurück, daß der Barbier ordentlich erschrak, und die Frage ihm fast im Munde erstarb, warum er denn gekommen?

»Nicht um mich hier scheren zu lassen,« sagte der gestrenge Mann, und sein Mund verzog sich doch zum Lächeln. Die andern aber lachten laut auf, und Hans Ferbitz wußte zum ersten Male nicht, woran er war und was er mit seinem Schaume machen solle; denn die zwei anderen Ritter schienen ebensowenig geneigt niederzusitzen.

Aber der Junker nickte ihm schelmisch zu, als muntere er ihn auf, seine Gefährten zu demselben Dienste einzuladen: »Frage sie nur, Meister; mag sein, daß sie Lust haben, die ich nicht spüre.«

»Steck Dein schartiges Messer ein!« rief barsch der stolze Herr Konrad. »Die Bürger zu scheren, wie sich schickt, mag es gut sein! wenn wir's dazu brauchen, wollen wir Dich rufen.«

Der dritte aber wandte ihm gar den Rücken und sah die breite Straße hinunter. Hans Ferbitz war nicht ganz wohl zu Mute, denn niemand ist wohl, wenn er nicht weiß, was er aus den Menschen machen soll, zumal wenn er sonst gewohnt ist, mit den Menschen zu machen, was ihm gefällt. Da nun mit den Bärten nichts anzufangen war, fuhr er rasch mit seinen Händen, ohne sie zuvor vom Schaum ganz losgemacht zu haben, in die Haare und fragte: »Das?«

Der Junker schüttelte den Kopf und sprang auf: »Geh mit Deiner Kunst! Die Haare stehen mir schon genug zu Berge von dem, was ich hier hören mußte.«

Hans Ferbitz wußte noch viele Künste; aber hier, fühlte er, war keine davon angebracht. Denn die Herren waren nicht gekommen, um sich schröpfen, einen Zahn ausziehen, die Ader schlagen, oder Leichdornen ausbohren zu lassen, sagte ihm die eine Kunst, die er mit dem meisten Vorteil übte, nämlich die: den Umständen auf den Zahn zu fühlen. Also wie er gar nicht wußte, was er sagen und thun, und ob er stehen bleiben oder gehen solle, und seine Verlegenheit in einer tiefen Verbeugung zu verbergen suchte, waren die Herren zusammengetreten, und auf den Wink des Junkers im Zobelpelze, der itzt, da er stand, die andern fast um Kopfeslänge überragte, warf ihm der eine ein Silberstück in die Mütze.

Ob ihm das freilich mehr eintrug, als wenn er zehn Berliner Bürger barbiert hätte, dünkte er sich darum doch nicht reicher denn vorher, auch nicht größer; vielmehr ärmer und kleiner. Denn schon im Mittelalter galt das Bewußtsein für ein großes Gut; und Hans Ferbitz hatte hier das eingebüßt, daß er den Leuten über den Kopf wuchs, wenn ihre Schwächen ihm zu Füßen lagen. Diese ragten ihm über den Kopf, da sie entweder wirklich größer waren als er, oder sie verstanden's doch, ihre Schwächen vor ihm zu verbergen.

Da, als er im Begriff war fortzugehen, winkte ihm bei große Ritter noch einmal zu:

»Du bliebst uns noch etwas schuldig?«

»Mit allem, was ich kann und habe, stehe ich solchen Herren allezeit zu Diensten,« antwortete er, sich tief verneigend.

»Wie würdest Du mit den Bürgern umspringen, wenn Du der Markgraf wärst?«

»Wie sie's verdienen,« entgegnete der Barbier mit einem schlauen Blicke auf den Fragesteller. Er sah sich aber zugleich vorsichtig um, ob ihn niemand aus der Nachbarschaft hören könne.

»Nun, was verdienen sie denn, Meister Bartscher?«

»Es steht geschrieben: was Du säest, sollst Du ernten. Also, wie ihre Thaten sind, sollte auch ihr Lohn sein. Sind die Thaten gut, müßte man sie beloben, oder beschenken mit Gütern, Freiheiten und Rechten, wie die Fürsten vordem gethan; sind sie schlecht, müßte man sie tadeln und strafen, je nachdem sie straffällig sind.«

Der ernsthafte Junker, der mit dem Namen Johannes angeredet worden, verzog hier zum ersten Male sein Gesicht zum Lachen:

»Seht mir den Fuchs an, wie viel Löcher er sich läßt!«

»Trotziges Lumpengesindel!« brummte der Junker Konrad.

»Wenn ich Seine kurfürstliche Gnaden der Markgraf wäre,« fuhr der Barbier itzt fort, nachdem er sich gesammelt und so viel zu wissen glaubte, daß er es hier mit Männern zu thun habe, die nicht von zu großer Liebe für Rat und Bürgerschaft entbrannt waren – »wenn ich Seine kurfürstliche Gnaden wäre, so fragte ich die Ratmannen und die Gemeinen: Wer seid Ihr und wer bin ich? Wenn sie dann nicht anders antworten könnten, als: Wir sind die Diener und Ihr seid der Herr! – so fragte ich zum zweiten Male: Wessen Wille muß geschehen, des Herrn seiner, oder der Diener ihrer? Wenn sie dann nicht anders antworten könnten, als wie sich erwarten läßt: des Herrn seiner, so wäre nur zu ermitteln, was mein Wille wäre.«

»Vorangeht, daß Du der Kurfürst wärst,« unterbrach ihn Herr Konrad.

»Der Kurfürst geht immer voran, Ihro Gestrengen. Sonder Zweifel will nun der Kurfürst, daß er immer vorangeht und die andern ihm nachkommen. Um das möglich zu machen, muß er aber größer sein als die andern, denn einen kleinen Mann sieht man nicht, zumal von weitem, wie es unserm Bürgermeister geht; weshalb die Leute so wenig Respekt vor ihm haben.«

Die Ritter lachten: »Wie muß es der Kurfürst machen, daß er größer wird?«

Der Barbier machte eine pfiffige Miene: »In Paris haben sie Mittel für alles; aber das ist zu fein für das Volk hier. Einen Kopf höher, das thut es nicht. Wenn er ihnen nicht über die Köpfe wächst, wie der Turm von Babel, werden sie nimmer die Hüte vor ihm ziehen und fragen: was begehren Ihro Gnaden?«

»Also muß er auf den Turm von Sankt Marien steigen und den Bürgern zurufen: Schaut mich an und werdet verständig!«

»Oder er baut sich selber einen,« fiel der Barbier ein, und der Junker im Zobelpelz sah ihn wohlgefällig an.

»Davor bewahre der Herr das heilige römische Reich, und dieses Land zumal, daß noch ein babylonischer Turm gebaut wird. Haben wir nicht genug der Sprachverwirrung?« so rief Herr Johannes.

Aber der Junker im Zobelpelze sprach: »Ei was, muß es denn ein Turm von Babel werden! Der geriet nur darum nicht, weil die Völker ihn sich selbst bauten, zum Trotze gegen des Herrn Gebot, der sie auseinander trieb. Wenn ein Herr selbst ihn baute, auf starkem Grunde, langsam und fest, und gerade so hoch und groß, als es die Umstände fordern, wer weiß, ob das kein Turm der Eintracht würde.«

Und damit wäre die Unterhaltung zu Ende gewesen, denn der Junker hüllte sich fester in seinen Pelz, und seine Begleiter sahen dies als Aufforderung an, mit ihm den Platz zu verlassen, wenn sein Auge nicht noch, wie von den Ufern der Spree gefesselt, darauf geweilt hätte. Er schien die Entfernungen abzumessen; und wenn sein Blick jetzt in die Tiefe gerichtet war, wie ein Senkblei, so erhob er ihn dann wieder senkrecht in die Höhe, als beschreibe er Linien und Kreise in der leeren Luft. Und dann wandte er sich nach den anderen Seiten zu, wo die Stadtmauer, wie schon beschrieben, in einem weiten unförmlichen Bogen mit vielen kleinen Türmchen und überdeckten Wegen sich hinter der Kirche nach dem Werder, und dem Wasser entlang, da wo itzt die Stechbahn ist, hinzog, um sich mit den Hintergebäuden der Straße der schwarzen Brüder zu verbinden. Meister Ferbitz mochte wohl glauben, daß er einen vornehmen Baumeister vor sich habe, wie deren, aus Italien und andern fernen Ländern, an den Höfen der Fürsten lebten. Und dazu paßten auch die Fragen, die er an ihn richtete: wem dies und jenes Haus gehöre? ob dem Magistrat oder einzelnen Bürgern? was Grund und Boden gelte? wer hier den Wall zu erhalten, und welche Zunft den und jenen Turm zu verteidigen habe? Worauf alles der Meister Antwort gab; aber mit mehr Respekt und Zurückhaltung, als sonst seine Art war.

Aber die Frage setzte ihn in Verwunderung: »Und was schlügst Du Deine Bude an, so ein Käufer sich fände?«

»Gestrenger Herr, die Bude ist nicht mein; es ist des hochweisen Rates Badestube. Und zahl' ich ihm den Pachtschilling, wie mein Vater und Großvater seliger, und ist die Gerechtigkeit ein Erblehn in meiner Familie.«

»So ich Dir aber die Gerechtigkeit abkaufen wollte, möcht' ich doch Deinen Vorteil vorher wissen, daß der Handel nicht zu Deinem Schaden ausschlägt.«

»Der gestrenge Herr will –« fragte langsam der erstaunte Barbier, und seine kleinen Augen suchten den eigentlichen Sinn der Frage noch vergebens auszuforschen.

»Du hörst es ja, er will Deine Badestube,« lachte kurz auf Herr Konrad.

Hans Ferbitz verneigte sich schlau und tief: »Zu viel Ehre, meine gnädigen Junker, aber die Stube nützt Euch nichts. Die Bürger hierorts lieben es nicht, von vornehmen Herren barbiert zu werden.«

Die Ritter lachten.

»Auch gäb's der wohlweise Rat nimmermehr zu, und die Bürgerschaft und die Gemeinheit noch weniger,« fuhr der Barbier fort. »Seit und schon vor den Zeiten Markgraf Woldemars war der Ort hier zu Köln an der Spree eine Badestube, und Rat und Gemeine beider Städte haben es konfirmiert, und seit Ludwig des Römers Zeiten hat meine Familie allhier die Bärte abgenommen, so von Berlinern als Kölnern, von Ratmannen, Handwerkern und gemeinen Leuten. Ja, wenn's blutige und krause Sinne gab, hier kamen sie unter ein Messer, und die Eintracht machte sich wieder. Hier wurden die Köpfe zusammengesteckt, so vorher als nachher, und was auf dem Rathause schwarz aussah, sah hier oft rot aus, oft auch was da rot, hier schwarz. Denn die Herren, die hier zu Rat sitzen, lieben es unterweilen vor der Gemeinheit zu zanken, derweilen sie zu Hause sich ins Fäustchen lachen. Kann auch umgekehrt kommen, daß sie vor Volk und Leuten glatte Gesichter machen, aber wenn die Thür zugeschlagen, werden die Backen garstig rot, und die süßen Worte Schimpfworte. In meiner Badestube aber, wenn sie in den stillen Winkeln sitzen, die Herren von den Geschlechtern, da schenken sie sich untereinander reinen Wein, und mancherlei, so auf dem Rathause Jahre dauerte, machen sie bei mir in einem Stündchen ab. Ich kann's mit Wahrheit sagen, in meiner Stube ist die Wahrheit zu Haus; und wenn die Leute sonst sagen: einer käme klüger vom Rathaus wieder, als er hinging; in Köln und Berlin kann's heißen: alle kommen klüger von Hans Ferbitz nach Haus, als sie zu ihm gingen.«

»Du bist ein Kölnischer?«

Meister Hans machte ein sehr pfiffig Gesicht: »Was Ihr befehlt, gestrenger Herr. In meiner Badestube giebt es kein Köln und Berlin.«

»Seht doch, was diese Bretterbude für Bedeutung hat!« sagte der Junker zu den Rittern. »Der Stein des Anstoßes und Ärgernisses, die Klügsten mußten ihn liegen lassen, weil er ihnen zu schwer war, er hat die Städte in Verzweiflung gebracht, ja Kaiser und Reich selbst, der ist hier gehoben. Da wird der Schelm freilich aufschlagen, wenn er den Preis macht.«

Hans Ferbitz zuckte mit einer Miene die Achseln, die zu dem Namen, den ihm der Junker gab, wohl paßte: »Den Preis werdet Ihr nicht zahlen, Herr.«

»Warum nicht?«

»Weil sich niemand ein Recht abkaufen läßt.«

»So meinst, daß Deine Bretterbude ewig stehen wird, wo ein reicher Mann das schönste Haus baute!«

»So lange, als rechts vom Spreefluß Berlin liegt und links Köln, wird die Badestube an der langen Brücke stehen, und wenn Hans Ferbitz nicht mehr lebt, so lebt doch sein Recht.«

Der Junker im Zobelpelz schaute sehr nachdenklich vor sich hin, und dann auf den Herrn Johannes, der um vieles älter war denn er: »Ob man denn nicht ein Recht, wenn es alt wird und schädlich, so gut abtragen kann, wie ein altes Haus, das dem Einsturz droht!«

»Mit Vergunst, Gestrenger,« sagte da der Barbier. »Gesetzt der Junker wollte ein schönes, großes, neues Haus hier bauen, ein Kaufhaus oder ein Herrenhaus, mit Gewölben, Läden und Hallen, oder mit Türmlein und hohen Erkern – und gewiß in beiden Städten giebt's keinen Fleck so stattlich gelegen; aber die Herren dort – er blinkte nach dem Rathaus hinüber – ließen es doch nicht zu. Hans Ferbitz mit seiner kleinen Bude ist ihnen ein guter Nachbar, aber ein großer Herr könnte ihnen ins Fenster schauen und über die Spree was zuschreien, was ihnen nicht gefällt; er könnte auch – was weiß ich's. Aber mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen. Das sagen so die Bürger hier, wenn ein Ratsherr sich bei ihnen zu Gast bittet. Die Ratsherren sind große Herren, und wenn solch ein großer Herr sich mit ihnen zu Tische setzte, so möchten sie fürchten – ihre Bissen würden ihnen zu klein und zu schmal.«

Da hatte sich der vornehme Junker das Barett tiefer auf die Stirn gedrückt und wollte die Treppe hinunter, denn der Herr Johannes hatte ihm schon mehrere Male zugewinkt, was seinen Grund darin hatte, daß er viel Volks die breite Straße heraufkommen sah. Auch hatte der Junker es wohl gemerkt, aber gemeint, es werde nicht so bald herankommen; jetzt aber drängten und stürzten sie, und aus allen Häusern streckten die Leute die Köpfe heraus und schrieen und lachten und winkten dem Schauspiel, und aus allen Winkeln lief es zu. Da sprach Herr Johannes:

»Es ist die höchste Zeit, Herr Junker, so wir noch über die lange Brücke wollen; ich sehe sie auch schon aus Berlin in großen Haufen anziehen.«

Aber Meister Hans bemerkte ihnen, daß sei schon zu spät; denn bis sie hinunterkämen, werde der ganze Platz voll sein, und kein Durchkommens bis zur Brücke. Denn wenn es was Neues in Köln auf den Straßen gebe, bleibe kein Berliner Kind in seinen vier Pfählen, das es nicht sehen wolle; wiewohl er nicht verschwören möchte, daß es die Kölner ebenso machten, wenn auf den Berliner Gassen sich was zutrüge. Doch sei hier nichts zu besorgen, vielmehr die beste Gelegenheit mit anzuschauen, was es auch gebe, ein Schauspiel oder Raufspiel, wie denn aus dem ersten gewöhnlich das zweite würde. Wenn es aber, wie jetzt immer deutlicher der Anschein war, ein Faschingsspiel sei, das von den Zünften ausgehe, so werde es an Spaß und Lust und gutem Streit nicht fehlen, denn man munkele viel von einer Komödia, darin dem Rate übel mitgespielt werden solle, und niemand wisse, wo das enden könne, viele aber würden ihnen den Platz hier oben beneiden.

Also mußten die Herren oben auf dem Dache bleiben, denn es kam, wie Meister Ferbitz gesagt, und konnten alles mit ansehen und hören, was wir schon wissen; obschon sie alle, der Junker aber zumeist, nicht mit gutem Willen dableiben mochten. Dieser zumal hüllte sich noch tiefer in seinen Mantel, und drückte noch tiefer die Mütze ins Gesicht, und setzte sich so in eine Ecke, daß er alles mit ansehen, er selbst aber nicht wohl gesehen werden konnte. Doch blieben weder er, noch seine Begleiter gleichgültig bei dem, was vorging. Vielmals zuckte es wie heller Unwillen über sein blasses, strenges Gesicht, und wie unwillkürlich streckte er oft die zusammengefaßte Hand aus.

Darauf aber, als der Lärmen immer zunahm, und die Volkshaufen sich drängten, und die Fäuste und Knittel nicht weniger thätig waren denn die Kehlen und Mäuler, und der Auflauf schon an die Bretterwände des Hauses anprallte, und Mordgeschrei sich hören ließ, trat Herr Johannes an den Junker und sprach zu ihm ins Ohr:

»Ich riet Euch nicht zu dem Ritte, Herr! Wollte Gott, daß wir schon wieder zum Thor hinaus wären!«

Herr Konrad, der es mit angehört, lachte: »Meint Ihr, weil sie ihre Obrigkeit nicht respektieren, daß sie auf niemand hören? Wär's mir nur erlaubt, ein Wort zu sprechen – Ihr solltet sehen, wie das zusammenfährt.«

Der Junker sah ihn scharf an und schüttelte den Kopf: »Das Wort wäre zu gut für den schlechten Lärm.«

Da rief einer unten, den sie gedrängt hatten, daß er sich am Pfosten der Laube halten mußte: »Im Namen unseres gnädigsten Herrn und Markgrafen, des Kurfürsten, haltet mindestens seinen Frieden!« Es war der Hauptmann vom Schloß zu Berlin am Kloster, ein alter Herr und guter Ritter, der über die Brücke gekommen war, ohne zu wissen, was vorging.

Aber sie hörten ihn nicht.

»Das sieht schlimm aus,« sprach Johannes und sah die beiden anderen an.

Da stürzte der Vetter des Herrn Matthis Blankenfelde, hart von einem Stück Holz gegen die Stirn getroffen, und sie blutete. Die von seiner Sippschaft schrien: »Das that Pawel Strobants Knecht. – Schlagt ihnen die Knochen ein, so Herren wie Knechten! – Ins Wasser mit ihnen! Laßt keinen über die Brücke von den berlinischen Junkern!« – Es war ein Glück, daß Herr Johannes Rathenow, dem der Bierschröter mit seinen eisernen Fäusten Platz gemacht, schon auf der Brücke war, denn jetzt hätten sie auch den Bürgermeister nicht mehr geachtet; so fuhren sie auf die von Berlin los, und warfen und drängten sie gegen des Baders Haus, und ihnen war der Rückweg abgeschnitten.

»Ihr lieben Leute von Köln und Berlin« – rief der Hauptmann mit noch lauterer Stimme – »seht doch für, was Ihr thut! – Was Ihr auch für Klage habt, das ist nicht Ort und Weise es auszumachen. Was wird der Kurfürst, Euer Herr, dazu sagen, der jetzt in Spandow ist, zum Tagefahrten mit den Ständen« –

»Dort!« rief es. »Da oben!« – »Nieder mit dem Junker!« und alle sahen auf das Dach der Bretterbude. Wer jetzt in der Nähe gestanden und dem Junker im Zobelpelz ins Gesicht geschaut, hätte doch gemerkt, daß in ihm etwas vorging, was, wenn nicht Furcht, doch ein Gefühl war, was dem nahe kam. Lag etwas so Mutiges und Festes in diesem Gesichte, das in seinen Furchen Zeugnis ablegte von anderen größeren Gefahren, so er schon erduldet, auch eine Würde, die man sich nicht vorm Spiegel giebt, vielmehr die Ernst und Höhe der Geburt, oder nur ein Leben hervorbringt, das in großen Dingen verkehrt und in Wechselfällen des Glückes sich selbst geprüft hat. Aber auch Männer mit dem Stempel solcher Erfahrungen und dem Siegel solcher Würde auf dem Antlitz mögen von dem Augenblick überrascht werden. Denn der stärkste Geist ist doch unterthan der Zeit und ihren Wechselfällen, und nur dadurch bewährt er sich, daß er nach dem Unfall sich wieder erhebt, daß er wohl besiegt, aber nicht überwunden werden kann. Aber wenn ein Schatten über dem blasser gewordenen Antlitz des Junkers lagerte, niemand sah es, denn die beiden Ritter drängten sich dicht vor ihn, die Hände an den Schwertgriffen, und ihre Augen schauten umher, wie eine Löwin, die ihr Junges hütet, wenn die Jagd durch den Forst brüllt.

Eine Stimme schrie dicht in ihrer Nähe, daß der Aufruhr unten dagegen schwach war. Wie ein toller Gast und ein wütendes Heer hinter ihm, war nämlich Herr Pawel Strobant mit den Seinen die Treppe heraufgepoltert. Einige kamen auch über die Laube herübergeklettert. – Die Haare hingen von Schweiß und Blutstropfen naß ihm ins rote Gesicht, und so stand er am Geländer und drohte mit der Faust, der Degen war ihm aus der Hand geschlagen oder gefallen:

»Nur herauf, Ihr Rattenfänger und Fischweiber! Schmeißt Eure faulen Äpfel, Ihr armseligen Mausesteller: hier sind andere Äpfel! Herauf! herauf! Hier sind blutige Köpfe und zerbrochene Knochen wohlfeil, wenn Ihr Blut habt in Euren Fischleibern, und Knochen zum Zerbrechen; aber ich meine, Ihr habt nur Gräten in Eurer schlotterichten Leinwandshaut. Ihr Schneiderböcke, Ihr Pechdrähte, Ihr Borsten von Besenbindern, Ihr Ofensetzer, Lackenreißer und Beutelschneider! An die Geschlechter wollt Ihr, an den Rat wollt Ihr! Wenn ich der Rat wäre, Eure Häuser ließe ich Euch überm Kopf abbrechen! Hundehütten sind für Euch genug. – An den Kurfürsten wollt Ihr gehen? Mit Euren Pechfingern und Thranwämsern? Mit dem Fußtritt wird er Euch antworten, Euch die Treppe hinunterschmeißen, so Ihr Euch untersteht, ohne Eure Herren vor ihn zu treten. Nichts seid Ihr ohne uns. Das Pflaster, worauf wir treten, die Nullen wenn wir zählen, der Reibestein, worauf wir unsere Messer wetzen. – Recht wollt Ihr? Her Eure Rücken, wir wollen's drauf schreiben, was Euch recht ist. Euren Kurfürsten nennt Ihr ihn; und wenn zehntausend Kurfürsten Euch Brief und Siegel geben, daß Ihr recht haben sollt, Ihr bleibt doch nur die Sohle unter unseren Schuhen!«

Das schrie der rasende Pawel Strobant; aber nicht das zehnte Wort ward gehört. Denn die Wut überschreit sich selbst, und er stampfte auf den Boden, daß die Bretterbude wankte, und riß das Geländer ab, zu Waffen gegen die Stürmenden. Und nun, wer Besinnung hatte, dem ward bange; denn was wollten die paar in dem Hause und darum gegen die ergrimmte Menge? Drüben in Berlin sah man sie am Ufer stehen und drohen, und ihren Brüdern Mut zuschreien; einige sprangen in die Kähne und ein Sturmglöcklein läutete schon. Auch die Kupferschmiede und Klempner, die es dort mit den Geschlechtern zumeist hielten, rannten mit Blechkappen und Harnischen und Spießen wie toll um, und schworen, wenn den Berlinern ein Haar gekrümmt würde, sie wollten's mit Mord und Totschlag an denen von Köln rächen.

Auch mochten die Verständigen hier das selbst nicht wünschen, daß des Barbiers Haus von ihren Leuten erstürmt wurde; aber wenn ein Feuer brennt, wer löscht es durch vernünftigen Zuspruch; und so lange der sinnlose Herr Pawel auf das Kölner Volk so schimpfte, wer konnte es vom Äußersten abhalten! Da sprach Herr Johannes:

»Was haben wir mit dem Streit zu schaffen, die wir Fremde sind; und geht uns nicht eines Sache noch des andern an! Wäre nur ein guter Mann hier, der meinen Herrn, den Grafen, durch das Gedränge schaffte, es sollte ihm an gutem Lohn und Dank nicht fehlen.«

Dabei war sein Auge auf einen jungen Burschen gerichtet, der itzt dicht bei ihnen stand; sie hatten in der Unruhe nicht gemerkt, wo er hergekommen, ob mit Herrn Strobants Gesellen, oder ob er von außen über die Lauben geklettert war. Doch war sein Gesicht nicht wild, wie die, sondern eher ruhig, und seine klugen Augen sahen nicht erhitzt, sondern nur sehr neugierig sich um. Als er die Worte hörte, sagte er:

»Der Mann sollte ich wohl sein. Nur müssen sie erst auseinander.«

»Wenn Du das machen kannst, Bursch,« sagte Herr Konrad, »kannst Du dem Müller auch Wind machen.

»Dazu gehört auch noch kein Hexenmeister,« sprach der Junge, und legte sich mit einem absonderlichen Gesichte auf die Brüstung, und die Finger an den Mund. Gleich darauf pfiff es dergestalt laut und schneidend und anhaltend, daß alles aufhorchte, wie als müßte es so sein. Das Pfeifen klang aber auch so drollig, wie etwa eine schelmische Weise, daß viele, die noch eben sehr ernsthafte Gesichter machten, fast zum Lächeln geneigt waren. Nun mochte die Weise an irgend einen lustigen Streich erinnern, den viele kannten: wenn aber auch nicht, so wirkt ja oft, wenn, die Gemüter recht erhitzt sind, und auf dem Punkt, wo sie nicht mehr aus und ein wissen, ein lustiges Wort oder ein witziger Einfall dermaßen, daß sie lachen müssen, die noch eben tobten, und die Stimmung wird mit einem Male eine andere.

Es kam aber auch noch etwas anderes hinzu. Grade in dem Augenblick, wo der Schelm pfiff, hatte Herr Pawel Strobant den Mund aufgethan zu einem entsetzlichen Fluche, und grade da flog ein Stein, der nicht klein war, ihm in den offenen Mund, dergestalt, daß es ihm ein paar Zähne kostete, und er, der noch eben das allergrimmigste Gesicht gemacht, jetzt das allerkläglichste von der Welt machte, was auf alle, die es sahen, eine wunderbare Wirkung hatte. Denn die noch eben fast so grimmig ausgeschaut als Herr Pawel, konnten nicht umhin, sie mußten lachen. Der Schlag war aber auch so stark, daß Herr Pawel zusammenfuhr, und wenn ihn nicht der junge Mann aufgefangen hätte, war er zu Boden gestürzt. Dessen Miene, als ob er ihn bedauere, war hinwiederum aber auch von einer Art, daß man nicht ernst dabei bleiben konnte, und so war mit einem Male unter denen zunächst eine gar wunderbar lustige Stimmung,

Da schrieen mehrere dem jungen Burschen zu: »Henning, bist Du's?« – »Henning, was willst Du?« – Und Henning hielt sich die Hand vorm Mund, als rufe er einem oder dem andern im Vertrauen etwas zu, und dann hob er die Arme beide in die Höh', als wäre es etwas von Wichtigkeit: »Was ist's! Was giebt's! Was pfiffst Du?«

»Ihr tausend Elementer!« rief er. »Wißt Ihr nicht?« und er zeigte über die Spree.

»Was! Was?«

»Die rote Hanne wird gebrannt, und die Salome mit den langen Ohrlappen gepeitscht. Schnell! wer's mit ansehen will. Der Büttel ist schon vorm Spandower Thor!«

Und nun, wie wenn im April nach einem Platzregen die Sonne plötzlich hell scheint, während doch die Dächer und Traufen und Gossen noch rauschen, und die Straßen voll Wasser stehen, und die dichten, schwarzen Wolken schichten sich übereinander und stürzen fort; also brach ein Sonnenschein der Lustigkeit und Neugier in den Aufruhr und die tobenden Massen. Böses Blut war freilich noch da, eben wie die Wolken am Himmel, und es drängte und murrte und drohte, und neue Haufen traten mit grollenden Gesichtern aneinander! aber die zunächst gedroht, waren andern Sinnes worden, und unter den übrigen war, der Zusammenhang oder das geheime Band zerrissen, ohne das auch kein Straßenauflauf entstehen kann, wie zufällig der auch erscheine. Über die lange Brücke aber sah man nicht die Berliner nach Köln ziehen, sondern die Kölner nach Berlin; einige ruderten auch auf Kähnen ans andere Ufer, und es gab bald ein großes Gedränge in der Straße, welche jetzt die Königsstraße heißt, und es ward immer dichter nach der Spandowerstraße zu, denn wer gesunde Beine und Augen hatte, mochte sich's nicht entgehen lassen, mit anzusehen, wie der Büttel die Salome mit den langen Ohrlappen auspeitschte und die rote Hanne brannte. Und beide mußten Urfehde schwören.

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