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Der Roland von Berlin - Erster Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Erster Band - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Erster Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeVierter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.

Den Ochsen hatten die Knochenhauer nicht gefunden, aber überall auf den Gassen Lärmen und Unruh. Die Beschlüsse in der Morgensprache der Gewandschneider waren schnell durch beide Städte bekannt worden. Mußte viel Zunder der Unzufriedenheit aufgespeichert liegen. Von den steilen, engen Treppen stürmte der Jubel herunter, und aus den Kellern jauchzte er herauf. An Hochzeiten, Begräbnissen und Kindtaufen war's zwar genau vorgeschrieben, wie viel Tische und Schüsseln, Körbe und Kannen der zünftige Bürger, der Unterthänige und der freie Mann seinen Gästen vorsetzen dürfe; aber auch der strengen Sittenzucht des Mittelalters war es nicht gelungen, zu bestimmen, wie viel ein Mann außer diesen Feiertagen trinken dürfe. Zwar sollte ein betrunkener Gesell, wenigstens wenn er zu oft in den Fall kam, von der Innung gestraft werden; aber um ein oder zwei Gläser über den Durst, auch etwas mehr, machten unsere Vorfahren noch kein bös Gesicht. Ein Kuß in Ehren und einen Trunk in Ehren durfte niemand wehren; ja, wer bei gewissen Gelegenheiten nüchtern blieb, der konnte seinen Ruf als guter Bürger aufs Spiel setzen. Um deshalb hatte man sich nicht zu wundern, wenn bei den Morgensprachen außerhalb derselben die Schenkwirte und Kellerhalter guten Verdienst hatten. Und sie hatten heut, wo solche Sachen beraten wurden, die Fässer bis auf die Neige gezapft.

Das war nicht zu verkennen! Wie das alles miteinander und gegeneinander durch die Gassen strömte und wogte. Nur, wenn die Lustigkeit, die durch den Trunk hervorgebracht wird, bei allen Völkern und in allen Zeiten dieselben Kennzeichen hat, als da sind rote Gesichter, feuchte Augen, unreine Stimmen, schiefe Hüte, und einen wackelnden Gang, ist das nicht zu vergessen: es gab sich im Mittelalter jedweder Ausbruch von allgemeiner Lustigkeit nicht nackend, vielmehr mußte er seine Symbole haben, seine Masken, oder was wir auf Hochdeutsch jetzt Repräsentanten heißen. Öffentliche Schauspiele gab es keine, oder wenige; jeder spielte daher selbst gern Komödie, wo es Gelegenheit gab. Prozessionen und öffentliche Aufzüge, das waren die großen Aktus, die ans graue Einerlei bunte Schaufenster stellten, darin der Ernst und die Thorheit ihr Bestes aushingen: sie wurden oft vorbereitet, oft machten sie sich von selbst. Wo das Leben noch bunt war und jeder Stand schroff vom andern geschieden, und in Wirklichkeit der Sprung über die Schranken fast unmöglich, da war die Versuchung wohl nahe. Wer nicht fürnehm sein kann, grad den juckt's, daß er mal den Fürnehmen spielt. Will er doch im Scherz versuchen, wie sich's im Kleide des andern gehen läßt. Da schützte nicht die Würde des Senators, und nicht die Heiligkeit des Priesterrockes; und nicht Stände und Ämter allein, auch Männer und Frauen selbst in hoher Achtung ließ der Mutwille im Mummenschanz springen und singen, ohne daß Stand, Amt und Würde sich dadurch verletzt hielt. Im Gegenteil gönnten unsere Vorväter den andern das Vergnügen, über sie zu lachen, und lachten auch wohl selbst mit; sie meinten nämlich so fest zu stehen, daß ihre Stellung durch ein Gelächter nicht erschüttert wurde.

Wie das immer ist, da war Scherz und Ernst bunt untereinander. Während hier einer auf den hohen Steinen an den Ecken der Gassen stand, und zu denen umher redete in Feuer und Ernst, von Druck und angemaßter Gewalt, von den Zeiten ehemals, und wie es die Bürger in anderen Städten gehalten, wo das Regiment der Geschlechter aufgehört, kam ein Faschingszug vorüber, der sagte dasselbe, aber viel deutlicher und viel lustiger. Man kehrte dem zornigen Bruder den Rücken, um den Hanswurst zu sehen, der einen Mönch im Sack auf dem Buckel trug, und, mit der Pritsche um sich hantierend, Keuschheit, Armut und Gehorsam zum Verkauf anbot, weil sie ihm zu sehr drückten. Ein Ratsherr mit einem Bauch von Tonnenreifen, und auf einem stolzen Pferde reitend, das sich fortwährend unter ihm bäumte, ließ sich mit dem Hanswurst in Händel ein. Aber die drei Eigenschaften zusammen seien ihm zu viel, und schlug er vor, den Mönch in drei Stücke zu schneiden. Die Keuschheit könnten die Badewirte kaufen, die Armut möge er absetzen bei den Edelleuten auf dem Lande, den Gehorsam aber brauche er notwendig, um ihn seiner lieben Stadt Berlin zu schenken. Er wolle für den Teil so viel geben, als der ganze Mönch im Sack wert sei. Aber als man handelseinig war, und den Sack von der Kapuze und die Kapuze vom Mönche abzog, auch vielleicht noch einige andere Hüllen, war nichts darunter als ein paar Krähen. Wie jubelten sie da, als der Gehorsam in die Luft flog. Ein Mütterchen hatte in ihrem Korbe einen wohlfeilen Rat zu verkaufen und redete die Elstern, die ihre Köpfe aus den Stäben vorstreckten, zur großen Lust der Umstehenden, mit den wohlbekannten Vornamen der wohlweisen Ratsherren an. Auch sah man die verschiedenen Kardinaltugenden auf Eseln reiten, mit schönen, gereimten Sprüchen auf der Brust, und sie klagten, daß sie im Lande nirgends ein Unterkommen fänden. In Berlin und Köln, hätten sie gehört, sei ein Kalandsorden, der die flüchtigen Diener Gottes um Gotteslohn herberge, aber sie seien von Pontius zu Pilatus geschickt, und nirgends sei er zu Hause; zu Köln müßten die Herren Präpositi den neuen Wein probieren und zu Berlin das Bernower Bier. Auch durften die Lieblingsfiguren der Zeit, die Teufel, nicht fehlen. Sie ritten von aller Gattung und in allerhand abschreckender Kleidung und neckten die Tugenden wie die Zuschauer um die Wette. Wenn sie an den Fenstern ihre lieben Bekannten und Blutsfreunde grüßten und sich erkundigten nach gewissen Heimlichkeiten, die aber in einer Stadt, wie Berlin und Köln damals, männiglich bekannt waren, so wollte sich alles ausschütten vor Lachen.

Eine unförmlich dicke und große Gestalt, deren Schultern bis über die Fenster des ersten Stockwerks ragten, bewegte sich so schwerfällig daher, wie es bei einer Figur von Stangen und Leinwand nur sein konnte, die verschiedene darin steckende Personen mühsam regierten. Als sie näher kam, sah man, daß sie eigentlich zweilebig war; denn sie hatte alle Gliedmaßen doppelt; nur saßen sie in wunderlich verkehrter Ordnung und hinderten sich gegenseitig in ihren Verrichtungen, z. B. saß immer ein Bauch und ein Hinterteil zusammen, und die vier Füße gingen nach verschiedenen Richtungen, so daß sie bald vorwärts, bald rückwärts sich hätte bewegen müssen, wenn nicht ein gewaltsamer Impuls von dem Geiste drinnen sie fortriß, wohin er wollte. Daß dieser Geist in dem großen Kopfe saß, der auf dem Rumpfe wackelte, war schwer zu glauben, denn der Kopf schien allein damit beschäftigt, in seinem weit aufgesperrten Munde alles zu verschlingen, was die vier Hände ihm immerwährend zustecken mußten. An den Farben und Wappenschildern des Ungetüms ließ sich für jeden erkennen, daß der Gliedermann die verschmolzene Stadt Berlin und Köln vorstellte, und die Zureichungen, die er gierig verschlang, waren grob und deutlich. Auch die Kinder mußten den sehr anzüglichen Sinn verstehen.

Und wäre noch etwas zweifelhaft geblieben, so erklärte es der Hanswurst, der die Puppe umsprang, ihr bis auf die Schultern kletterte und, was das Publikum meinte, ihm ins Ohr schrie – denn es war angenommen, daß der Gliedermann taub sei – und dann verdolmetschte er dem Volke wieder mit ebenso lautem Geschrei das Grunzen der Puppe. Die Tugenden baten um Aufnahme bei der hochmächtigen Frau, aber der Hanswurst schrie ihnen als Antwort zu, sie hätte mit solchem landstreicherischen Gesindel nichts zu thun. Nun bemühten sich die Teufel um dieselbe Gunst anscheinend mit mehr Glück, denn sie nickte ihnen mit verdrehten Augen zu; aber plötzlich hob der Schalksnarr die ungeheure Hirnschale der Puppe in die Höhe, und siehe da, dieselben Teufel, die um Aufnahme bettelten, nickten schon daraus hervor. Die Teufel auf der Gasse waren darüber sehr ungehalten und schrieen, das seien Betrüger, sie wären die echten. Hanswurst disputierte gelehrt mit ihnen und rief alle Bürger zu Zeugen, ob die im Leibe nicht die allerechtesten Teufel wären und seit langen Zeiten bei seiner lieben Herrschaft zu Hause?

Da folgte dem Zuge ein Prokurator, auf einem Stuhle hoch über den Köpfen getragen. Eine lange Pergamentrolle rollte aus seinen Händen, und dicke Folianten, angeblich voll Kaiserrecht und geistlichem, dienten ihm als Kissen. Er rief es nach allen Seiten aus, daß er als Kläger komme, und wolle auf Scheidung einer Ehe klagen, so nach göttlichem und menschlichem Rechte ungültig sei.

»Vor welchem Gerichte klaget Ihr dann, Herr Doktor Kanonikus?« fragte Hanswurst.

»Vor Schöffen, Richter und Rat, daß sie ein ordentlich Gericht hegen mögen,« antwortete der Doktor.

»Wo ist dann die ordentliche Wurst, und die Speckseit, die Eier und Kuchen? Anders wird hüben und drüben der Spree kein ordentlich Gericht gehegt,« sagte Hanswurst.

»So lade ich sie vor Kaiser und Reich. – Wo sind Kaiser und Reich?«

»Die sitzen auf der langen Bank, Herr Doktor.«

»So will ich mich zu ihnen setzen.«

»Thut das ja nicht, Herr Doktor. Ihr bleibt dann auch sitzen.« – »So lade ich sie vor das heimliche Gericht.«

»Beileibe nicht, Herr Doktor. Da kehrt Ihr niemals wieder. Der Rat hat schon alle Stadtkassen vor sein heimlich Gericht laden, und ist noch kein Groschen zur Allgemeinheit zurückgekehrt.«

»So lade ich sie vor das geistliche Gericht,« sprach der Prokurator. »Wo ist dann das geistliche Gericht?«

Augenblicklich sah man die Teufel auf ihren Pferden ein Taschenspielerkunststück bewerkstelligen, und es saßen nun, statt der Teufel, ehrbare Kapuzen mit Brevier und Rosenkranz quer über den Sätteln. Einer, dessen Mütze zwischen der des Bischofs und Papstes in der Mitte schwankte, wollte das Gericht hegen, als eine der alten Frauen mit Besenstielen behauptete, das wären keine Bischöfe und Kirchenfürsten, sondern insgesamt Beelzebubs. Die anderen Hexen stimmten dem bei; jede wollte ihren besonderen vom Blocksberg herauserkennen; wozu die frommen Väter Blicke des Bedauerns und Entsetzens machten, einige aber, die heiligen Geräte erhebend, alle Flüche der Liturgie gegen die besessenen Weiber schleuderten. Als der Lärm zunahm, verwandelten sich zwei Teufel hinter ihren Pferden in ehrbare Bürger und bezeugten auf ihren Bürgereid, daß ihre Kumpane keine Teufel seien, sondern fromme Diener der Kirche.

Der bunte Lärm nahm zu, wie der Zug sich fortwälzte. Die alten Weiber suchten den kanonischen Herren die Kapuzen abzuziehen, die Teufel setzten sich zur Wehr, und eine Katzbalgerei verschönerte den lustigen Ernst. Der Prokurator erklärte jetzt, ob dies des Satans oder des Papstes Kammerdiener wären, wolle er doch nun vor ihnen nicht mehr Klage anbringen, da sie sich ja in den Haaren lägen, wie die Herren auf der langen Brücke! »Vor wem willst Du dann klagen?« rief Hanswurst.

»Vor der Gemeinheit beider Städte,« entgegnete der Prokurator, sich in seinem Sessel erhebend und den Arm hoch ausstreckend. »Da will ich Recht fordern und will Recht nehmen; denn da allein ist Recht zu Hause.«

Da war unendlicher Jubel. Das war der Haupt- und Glanzpunkt des Schauspiels. Die Mützen und Hüte der Gemeinheit an die so glücklich appelliert war, flogen in die Lüfte und Tücher und Fahnen weheten.

»Wie alt ist die Ehe, die Du dann willst geschieden haben?« fragte Hanswurst, jetzt vermutlich im Namen der Gemeinheit.

»Einhundertundfünfunddreißig Jahre,« antwortete bei Prokurator.

»Was für Ursachen hast Du dafür? Verträget sich dann die Ehe nicht, oder sind sie zu nahe verwandt?«

»Sie sind so nahe verwandt, daß es eine Schande ist, und sind so uneins, daß es auch eine Schande ist.«

»Wie kann man dann das besser machen?« fragte Hanswurst.

»Wenn man ihnen einen anderen Kopf aufsetzt. Denn der Kopf verschlingt alles, was die Glieder wirken und schaffen. Der Kopf denkt für sich und nimmt für sich ein und lässet den Gliedern nichts zukommen. Und wenn eins klaget und saget: das kam mir zu, so spricht der Kopf: das nahm das andere schon. Und kriegt keiner, was sein ist, denn es heißt allezeit: der andere hat's schon weg. Und ist darum Unfrieden. Darum frage ich die Richter: Sollen die beiden eins bleiben, oder sollen sie zwei werden?«

Das tausendstimmige Gericht gab die Antwort, welche man sich denken kann. Auch erschien bereits eine neue Puppe, ein hagerer Mann mit rotem Mantel, über dessen Schultern ein gewaltiges Schwert funkelte. Er war der Scharfrichter, der die Ehe trennen sollte. Doch verfuhr man auch in solchem Puppenspielgericht mit Billigkeit und forderte zuvor den Angeschuldigten auf, zu antworten und sich zu verteidigen. Die wandelnde, ungefüge Puppe, welche bis da ihrem Ankläger immer den Rücken zugekehrt, wurde mit Mühe umgedreht, und das ungeschlachte, dumme Gesicht, das in einem fort den ungeheuren Mund aufsperrte, ohne ein Wort hervorbringen zu können, erregte ungemeine Belustigung. Was man auch fragte, es grunzte, verdrehte die Augen und nickte und schüttelte, wie man es verlangte. Da es also alle Antworten gab, die man haben wollte, zur Ergötzung des Volkes Schwächen und Fehler eingestand und Fähigkeiten und Tugenden ableugnete, so erklärte es sich auch selbst für schuldig und willigte in seine Scheidung. Der große Stelzenmann hub sein Schwert auf und schwang es über die Puppe.

Die Zuschauer hatten sich inzwischen bedeutend vermehrt. Man war, als dieser Hauptaktus vorging, bis an den freien Platz gekommen, auf den Breite- und Brüderstraße mündet, und zu den mithergeströmten Zuschauern kamen noch die, die schon auf dem Platze um die Kirche waren, und aus der Barbierstube des Meisters Ferbitz die Faschingsneuigkeit mit ansehn wollten. Auch von drüben, über der Brücke, hatte die Neuigkeit Müßige angelockt. Der Scharfrichter hatte dem Ungetüm den vielbesprochenen Kopf abgeschlagen und die Puppe sich darauf in zwei Wesen gespalten, von denen einem jeden sofort zur großen Freude der Leute ein besonderer Kopf aufwuchs, und beide umarmten sich und tanzten miteinander. Der abgeschlagene Kopf rollte wie ein großer Kürbis auf dem Boden. Hanswurst hob ihn auf und zeigte, wie es ein hohles Ding gewesen, wovor man sich gefürchtet, und hielt ihm erbauliche Reden, wie er es sollen besser und gescheiter machen, wenn er hätte wollen fest sitzen. Er fragte ihn, was er nun anfangen wolle? Und als der Kopf nicht antwortete, versetzte er ihm zur steigenden Belustigung des Volkes einen Backenstreich und fragte ihn, was er denn könne, und wovon er leben wolle? Regieren? Raten? Richten? Wolle kratzen? Seife sieden? Ins Feld ziehen? Am Thore Wache sitzen? – Der arme Kopf konnte nichts; er war von seinem Leibe getrennt. – Hanswurst bot ihn nun aus, ob sich niemand seiner annehmen wolle? »Wenn er nichts kann, eins wird er doch können – schwimmen.« – »Die Wasserprobe an ihm probiert!« hieß es. »Schmeißt ihn in den Fluß!« – »In die Spree, in die Spree!«

Aber als Hanswurst den Kopf nach dem Ufer tragen wollte, war ein schwarz gekleideter Mann herangesprungen und riß ihm denselben zornig aus der Hand. In demselben Augenblicke lief ein Gemurmel durch die Menge: »der Bürgermeister!« Es war aber nicht Johannes Rathenow selbst, der dies that, sondern der Stadtschreiber, der mit ihm kommen war, und konnte seinen Zorn nicht halten darob, daß man ein Bildwerk, wenn auch nur ein schlechter Puppenkopf, darauf die vereinigten Zeichen der Städte Berlin und Köln, verunglimpfte.

»Da sei Gott für,« rief er, »daß so schlechte Hände ein so gut Ding schädigen.«

»Der Kopf ist mein,« rief Hanswurst, welcher in seine Verkappung die hohe Anwesenheit noch nicht merken mochte, und wollte ihn wieder haben. »Der Richter sprach ihn mir zu.«

»Der Galgen, Schelm, ist Dein,« rief der Stadtschreiber. »Und da steht Dein Richter,« und er wies auf Herrn Johannes Rathenow.

Nun ward auch Herr Johannes sehr zornig und rief: »Ist's so, daß man achtet der beiden Städte Ehr' und Wappen!« und in strengem Tone hieß er sie auseinandergehen, wo er nicht Ahndung verhängen solle. Aber mochten ihn viele nicht gesehen und erkannt haben, denn er stand nicht höher denn die anderen und war nicht von überragender Körpergröße, oder sie hatten ihn erkannt, die aber, die das Spiel angeordnet, hatten nicht Lust, das Heft aus den Händen zu geben und, was so hübsch anfing, so ohne Schluß und Ende ausgehen zu lassen. Also drängten die hinten die Vornstehenden vor, und es schrie von allerwärts: »Ins Wasser mit ihm! Probiert, ob er schwimmen kann, der gestrenge Herr.«

Da riß sich Herr Johannes in die Höh' und schwang sich auf eine steinerne Bank am Eck und rief, daß man es bis ans Ende des Platzes hören mußte: »Ihr Bürger von Köln und Berlin, Achtung vor Obrigkeit und Gesetz! Ich, Johannes Rathenow, erwählter Bürgermeister, heiße Euch auseinandergehen auf der Stell', im Namen des Rates, der Richter und Schöffen beider Städte!«

Da ward es wohl auf einen Augenblick stille; doch hätte nicht so viel Zunder liegen müssen, daß der harte Ton nicht Funken schlug. »Wer hat ihn denn gewählt?« rief eine Stimme aus dem Volk. »Hast Du ihn gewählt, Niklas? Oder Du, Peter?« – Da erhob sich ein stilles Gelächter, wie es dazumal selten war, desto häufiger aber ward es in späteren Zeiten im Berliner Volk vernommen. Einige sahen sehr scheel und possierlich; nur nicht die, so Herrn Johannes zunächst standen, denn sein Blick war so zornig, seine Augen schossen solche grimmige Blitze und seine Lippen waren so aufgeworfen, daß die ihn ansahen, ihre Augen senkten vor Furcht und Bestürzung.

»Er kann drüben befehlen, hier gilt nicht bange machen.« Das ungefähr der Sinn des Murmelns von fern her, das in lautem Aufruhrschrei endigte. »Hier ist Köln! – Hier sind wir Herren!« und es gab aufgehobene Hände und freche Gesichter, von fern her wälzte es und tobte gegen den Punkt, wo der Bürgermeister stand. Der Ratsdiener hielt schützend das Amtszeichen vor seinen Herrn, und der Stadtschreiber fragte, ob er die Wachtmannschaft aufbieten und die Stadttrommel solle rühren lassen? Aber vorerst hatte die bedrohte Obrigkeit schon anderwärts und einen näheren Schutz gefunden.

Ein wohlbeleibter Bierschröter, der sich vorhin die Seiten halten mußte vor Lachen über das Possenspiel, und hatte es auch dadurch gezeigt, wie er's meinte, daß er nicht einmal die Mütze vor dem Bürgermeister abzog, da er ihm doch zunächst stand, der fand sich jetzt gekränkt, denn er war von Berlin. Als zween Schusterburschen aus Köln, die dem Zuge vorandrängten, oder sie wurden vorangeschoben, mit frechen Gebärden ihm und dem Bürgermeister zu nahe getreten waren, da faßte und duckte er mit seinen Riesenarmen den einen dermaßen gegen den anderen, daß beide sich verwickelten, und sie stürzten übereinander. »Die Schuh mißt man an den Füßen, Ihr Lümmel,« sprach er.

Die Menge prallte im ersten Augenblick zurück, aber nur wie man zu einem Kampfe Platz macht. Auch die Kölner hatten ihre Ajax und Hektor; man schrie ihm entgegen: »Berliner Bierfaß, unterstehst Du Dich, kölnische Kinder anzurühren!«

»Wer Pech anrührt, beschmiert sich,« erwiderte der Schröter. »Aber nur 'ran, wer Lust hat! Kann mich wieder waschen.«

Das Pech und die Hände waren nur zu bald an vielen Stellen in Berührung; aber ehe der Ernst ernsthaft werden konnte, fing man mit einem Male an, hell zu lachen; denn beide Puppen, die Berlin und Köln vorstellten, und vorhin eins waren, begannen sich auch zu schimpfen und zu schlagen; sie rissen sich die Pappstücken und Leinwandfetzen vom Leibe, und schlugen sich die Wappen der Städte um die Köpfe, und dabei ward für die Eingeweihten der Spaß um so größer, denn der Köln vorstellte, war ein Berliner Kind, und umgekehrt der für Berlin ein wohlbekannt kölnisch Gesicht.

Während nun alles lachte, selbst wo man sich mit den Händen in den Haaren lag, hatte Herr Johannes Rathenow zum alleräußersten Ernst sich gesammelt. Er war vom Stein herabgesprungen, mitten in die Haufen hinein, und da wich man ehrerbietig vor ihm; und mit gerunzelter Stirn, mit drohendem, fast furchtbarem Blick und die Hand gehoben, wiederholte er seinen Befehl – daß sie auf der Stelle auseinandergingen, und den Mummenschanz fortwürfen. Ja er hieß den Hanswurst einfangen, der sich Schimpfes und Hohnes gegen das Stadtregiment erfrecht; und es war zweifelhaft, ob man ihm nicht gehorsamt hätte, wenn der Hanswurst sich fangen lassen; der aber hatte sich inzwischen in der Menge verkrochen und war nicht zu finden. Aber statt seiner kam, von großem Anhang umgeben, den Meistern der Gewandschneiderinnung, deren einer die aufgesetzte Schrift vor sich trug, ein kölnischer Patrizier zum Vorschein. Matthis Blankenfelde war sein Name, und sahen wir ihn schon, den Ältermann von Köln, ein Herr von ziemlicher Länge und zierlicher Kleidung, mit einem Weltmannsgesichte, der sich sehr verwundert zeigte, was denn hier vorgegangen, ob er es doch wissen mußte, und dabei sein Barett lüftete vor den Bürgern und einigen die Hände drückte, als wären hier zwei Parteien, und sie stritten nur untereinander um etwas, das zweifelhaft war.

Er zuckte die Achseln, als er vernahm, daß man ihnen ihren bunten Maskenanzug verarge, und redete gegen seinen Kollegen von einer harmlosen Lustigkeit, die man nicht so streng zu nehmen habe. –

Da wies Herr Johannes auf den zerspaltenen Kopf mit dem beiderseitigen Stadtwappen und fragte: ob das harmlos Spiel sei?

»Nun, Ihr lieben Freunde,« wandte sich Herr Blankenfelde zu dem Volke, »werdet den Kopf schon wieder zurecht setzen, wenn's not thut.«

Sie lachten und ließen Herrn Matthis Blankenfelde leben, der's mit den Bürgern gut meine.

»Ich aber will meinen grauen Kopf nicht mit Ehren fürder auf diesen Schultern tragen, so ich den Unfug dulde,« brach Herr Johannes heraus.

»Daß sie den Fasching vor der Zeit feiern!«

»Thorheit ist in aller Welt Thorheit,« fuhr der Bürgermeister fort; »der Thorheit ärgste aber die, wenn, die sich lieben und helfen sollen, sich Thoren schelten und aufsetzig sind denen, die sie schützen und schirmen.«

»Nun hier in Köln,« sprach Herr Blankenfelde, sich mit gar bedeutungsvoller Miene umschauend, »werden die Bürger sich wohl selbst schützen.«

Der Stadtschreiber rief entrüstet: »Herr! dulden wir's?«

Da fuhr es Herrn Johannes heraus: »Ihr wollt ein Ratmann und Ältermann sein, und die Zwietracht nähren! So, die ihnen ein Exempel sein sollen, mit Thorheiten ihnen vorangehen, muß ja wohl der Thoren Acker blühen.«

»Vorangehen!« rief lächelnd der Vorsitzer der Schneidergilde, denn das war Herr Blankenfelde, und schaute sich unter den Seinen um. »Nicht wahr, der Rat geht überall voran, und Ihr bleibt immer zurück! So lautet ja wohl die Summe des Inhalts Eurer Beschwerdeschrift an den Rat? – Nun übergebt sie doch Seiner Wohlweisheit, und Ihr erspart Euch den Weg bis zum Rathaus.«

»Was ist das?« sprach der Ratsschreiber, dem sie die Rolle hinhielten, und er blickte fragend den Bürgermeister an.

»Unsere Klagen!« schrieen zehn Stimmen, und ein unbändiger Lärm entstand. »Unsere Klagen!« tobte es durch die Menge, und der strenge fragende Blick des Bürgermeisters mochte ihnen als Herausforderung gelten, was auf dem Pergamente stand, ihm im verworrenen Getös von Hunderten von Stimmen zuzuschreien. Es war wie ein Platzregen, und ein Wort machte das andere tot. Herr Johannes hätte zehn Ohren und noch zehnmal mehr Zungen haben müssen, hätte er alles hören wollen und drauf Antwort geben. Um ihn und aus den Fenstern schrie es ihn an, und forderte Rechenschaft. Die Weiber waren ebenso laut wie die Männer, und da wurde alles Vernarbte und alte Vergessene wieder aufgerissen.

Herrn Johannes ruhige Haltung mochte die Menge nur noch mehr erbittern. Ein verwegen Gesicht drängte sich dicht an ihn:

»Und wer zahlt dem Henning Mollner?«

»Henning Mollner!« schrie es, das wurde jetzt das Losungswort. Man ließ ihn leben, und Schimpfworte, so kräftig und ausdrucksvoll, als sie noch vor vierhundert Jahren möglich waren, dröhnten durch die Luft gegen die Geschlechter und den Rat und die Feinde der Gemeinheit. Hatte es doch den Anschein, so frech umdrängten sie ihn mit Fragen und Gebärden, als wolle man von ihm selbst das Geld fordern. Vergebens suchte jetzt Herr Matthis Blankenfelde dazwischen zu reden. Ihm war es auch nicht darum zu thun, daß das Übel so arg wurde. Sprach, der Rat werde sein Unrecht einsehen, man müsse ihm nur Zeit lassen, denn gut Ding wolle Weile.

Weil nun einige schrieen: »Nichts von Weile, es hat genug geweilt« – »Wenn man sie nicht kitzelt und preßt, rücken sie nicht raus« – und: »Schmeißt den alten Rat zur Stadt 'naus, wir haben Rat genug bei uns,« und: »Die Zünfte sollen aufs Rathaus!« Einige schrieen sogar: »Macht den Henning Mollner zum Bürgermeister, und er wird gescheiter regieren!« Also während das und Ähnliches die Menge schrie, überlief es dermaßen den Bürgermeister, daß er die Schrift der Gewandschneider vor allen in Stücke riß, und dabei rief, daß er den Lärm übertönte:

»Also wie ich das thue, wird dem Henning Mollner sein Recht werden.«

Und nun möchte es schlimm bestanden haben mit dem Bürgermeister, weil eine rasche Handlung allezeit die andere vorruft, und wenn die, welche mit dem Beispiel zur Mäßigung vorangehen sollen, das Exempel des Ungestüms geben, die, so nachfolgen, keine Grenzen mehr kennen. Es war Herr Johannes Rathenow von Person der Gemeinheit nicht so verhaßt als mehrere andere der stolzen Herren, aber beliebt war er auch nicht. Wenn ihm auch keiner Druck und Beeinträchtigung vorwerfen konnte, wie anderen Häuptern von den Geschlechtern, so war es doch eben sein stolzer Blick und die Art, wie er grüßte, und daß er sich nur selten zeigte auf dem Schießanger, bei Hochzeiten und in der Faschingslust, was ihn fern hielt von der Bürger Herzen. Sie wußten alle, wie er zu Henning Mollner stand, und er, der sein Fürsprech sein sollte, hatte ihn hier öffentlich gelästert und die Schrift der Gewandschneider vor allem Volk zerrissen; und es war zu aller Zeit gefährlich, eine aufgebrachte Menge ins Angesicht zu verhöhnen. Der Beispiele hatte man aber aus den Städten in Sachsen und im Reich, wo in der Erhitzung der Parteien auf offner Straße Blut geflossen und Magistrate von den ergrimmten Bürgern erschlagen waren. Auch war es erst vor hundert Jahren geschehen, daß ihre Elterväter den Bernower Abt sogar vor der Kirchthür erschlagen hatten und zerrissen und darauf verbrannt, um daß er sie beleidigt hatte; war's aber kaum ärger, was er gethan, als was hier Herr Johannes vor aller Augen that.

Weil nun aber die Schneider und Schuster und die Frauen an den Fenstern, und das Volk ein gewaltig Geschrei anhuben – ja man hörte: »In die Spree mit ihm!« rufen, schrie eine Stimme, die als ein Donner klang, der die Wolken zerreißt: »Aufruhr!«

Es war Herr Pawel Strobant, der mit höchst zornigen Augen und von Unwillen glühendem Gesichte durch die Menge Bahn brach. Seinen Degen hatte er aus der Scheide und schrie: »Will das Gesindel auch sprechen! Ist denn niemand da, der aufs Maul ihm schlägt?« Und dabei drängte er und stieß mit seinem Degenknauf und den Armen die, so um ihn standen, unsanft zurück; und es schien, als ob sein zornschnaubender Blick eben wie das Volk auch den Bürgermeister selbst traf, daß er es geduldet. Herr Strobant, der immer auffahrend und heftig war, konnte aber wagen, was der Bürgermeister nicht wagen dürfen: denn er hatte bei sich mehrere Herren aus Berlin, die auch in der Barbierstube gesessen; und sie hatten sich ihm angeschlossen, und noch sonst kräftige Männer, die ihren Mann standen und bewaffnet waren, wie es sich für gute Leute schickte. Und als er anfing zu schimpfen, wie es seine Art war, wenn er in Zorn geriet, auf was ihm in den Weg trat, und das waren wohlbekannte Gesichter von Kölner Handwerkern, so lachten und schimpften mit ihm, was von Berlinern da war, und der Bierschröter voran.

Die Kölnischen bezahlten alles redlich wieder, und auf der Stelle, zumal als Herr Pawel, der sich in seinem Übermute sehr viel dünkte, sie kölnische Fischweiber schalt, und fragte, was denn ihre Männer dazu sagen würden, wenn sie über das unnütze Gewäsch auf der Straße zu Hause die Suppe überkochen ließen? Da hieß es: »Die Suppe kocht schon; wir wollen sie den Berlinern zu kosten geben.« Und die Hände griffen in den festgetretenen Schnee und Schmutz.

»Steckt Euer Schelten ein, Herr Pawel Strobant!« rief Herr Matthis Blankenfelde, seinen Degen ziehend.

»Steckt Eure Schneiderelle ein!« entgegnete ihm Herr Pawel.

»Die Fischsuppe in Köln könnt' Euch versalzen werden!« rief der Kölner Ratsherr.

»Das Austrinken ist Euer, wir wollen sie umrühren,« schrie Herr Strobant.

»Wenn Ihr den Bettel einrührt, wird man Euch den Bettelvogt schicken,« erwiderte Herr Matthis.

»Bettel hin, Bettel her. 'S ist alles Bettelgilde bei Euch.«

Nun ging es erst los. Vergebens rief der Bürgermeister hier- und dorthin Frieden. Die beiden Herren zankten sich, daß es eine Lust war, für die es hören konnten; aber der Lärm war viel zu groß. Und sie wurden von einem Ende des Platzes zum andern hin und her gestoßen und gedrängt; denn so strömte es von vielen Seiten. Der aufgebrachte Herr Matthis schrie, er wolle ihm beweisen, daß er edel Blut habe. Der wütende Herr Strobant schrie noch lauter: »Ihr Kölner seid durch die Bank wendische Bankerte. Was von deutschem Blut auf Euch kam, schwamm durch Eure Fischkasten fort, und nichts blieb zurück als der slavische Laich!« – Es war ein Glück, daß beide im Gedräng nicht aneinander konnten. Aber ihre Freunde halfen ihnen im Schimpfen; und was die Berliner Herren von Spott und Verachtung gegen die Bürger von sich gaben, das bekamen sie reichlich wieder, und alle Schimpfnamen, die auf die Geschlechter im Gange waren, wurden hervorgeholt und es wetterte und hagelte von dem, was den Ohren wehe that und das Blut erhitzte, all wäre es nicht im Februar, sondern im heißen August.

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