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Der Roland von Berlin - Erster Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Erster Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeVierter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090602
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Fünftes Kapitel.

Als man weiß aus Shakespeare, so verrichteten zu den Zeiten Othellos, des Mohren von Venedig, die Frauen der Leutenants bei den Frauen ihrer Kapitäne Kammerjungferdienste, und ihre Ehemänner fühlten sich dadurch gekränkt. Wenn dieses noch stattfand zu einer Zeit, wo sie das Schießpulver nicht allein schon erfunden, sondern schon stark brauchten, so wird es den Leser kein Wunder nehmen, wenn ich ihm erzähle, daß in einer offenbar früheren Zeit der Ratsknecht der Stadt Berlin bei dem Bürgermeister die Dienste eines Kammerdieners verrichtete. Sehen wir ihn nämlich bald nach jenem Gespräche beschäftigt, dem Herrn Johannes Rathenow den Degen umzuschnallen mit dem schönen silbernen Griff von Nürnberger Arbeit. Darauf zieht er ihm den mit Zobel verbrämten und mit Fuchs gefütterten Oberrock an, und bürstet ihm das sammetne Barett, an dessen Schlosse er die stolze Reiherfeder befestigt. Endlich reicht er ihm ehrerbietig den Stock mit dem Silberknopf, ein Stock, welcher fast so groß ist, als der Bürgermeister selbst, und öffnet ihm jetzt die Thür. Doch, wie ehrerbietig es geschieht, nicht den Bürgermeister läßt er, sondern er tritt zuerst hinaus, und Herr Johannes folgt ihm. Zwei andere Diener im Dienste des Hausherrn schließen die Thür hinter ihm und folgen ihrem Gebieter.

So ging der ernste Zug zum Hause hinaus, der Ratsknecht vorn mit dem Stabe seiner Würde in der Hand, die Hausdiener hinter dem Bürgermeister, beide in gemessener Entfernung von der Person, der ihre Ehrerbietung galt. Es war kein Gang in den Rat, oder zu einer andern Feierlichkeit, nur ein Besuch bei einem Bekannten; doch hätte Herrn Johannes Würde es kaum gestattet, daß er anders ausging. Das war kein Hochmut, es war Notwendigkeit. Freilich, Not bricht Eisen, und nachmalen sehen wir ihn wohl ganz anders ausgehen.

Wie man auf den Gassen stehen blieb, und ihn tief grüßte, hier mit ehrerbietiger Miene, dort die Mütze nur leicht lüftete, denn einige waren ihm hold, andere abhold, es gab gar viele Sinne im alten Berlin; oder wie Herr Johannes Rathenow, so ihm ein Priester mit dem Allerheiligsten begegnete, selbst stehen blieb, sich auf das Knie niederließ und das Barett zog, ist's nicht nötig, daß wir's aufschreiben. Sahen sich darin alle Städte im Mittelalter ähnlich. Auch beschreiben wir nicht seinen Weg, welcher entweder über den alten Mühlendamm, oder über die lange Brücke nach Köln führte; ein Weg, der, war auch sein Ziel nicht zu entfernt, sich doch aus mehreren Gründen nicht so schnell zurücklegen ließ als heut. Einmal ging ein Bürgermeister damals langsamer, weil er dicker war, als die Bürgermeister heute sind, und seine Würde es so forderte. Dann aber waren die engen, krummen Gassen, trotz der Kleinheit der Stadt, bei weitem belebter, indem viel Handel und Wandel und viel Fremde in den Städten waren, und die Bürger sich mehr in den Straßen aufhielten, als in ihren engen, finstern Häusern. Sie regierten mit, sie sprachen mit, jedweder war ein lebendig Teil der Stadt. Und ein Gemeinwesen, verschließt man's in vier Wände? Nein, im Freien ist sein Platz, und wenn's auch darauf regnet und schneit: das hielt der Pelz aus. Der Nachbar verkehrte mit dem Nachbar auf der Straße; sie arbeiteten selbander vor der Thür, und der Glockenschlag vom Kirchturm rief sie zugleich an den Mittagstisch und zum Feierabend. Die Häuser waren nur ihre Schlafstellen, Schränke und Rüstkammern; die ganze Stadt war ihr Wohnhaus. So mußte der regierende Bürgermeister hier ausweichen vor einem Kupferschmied, der fast auf der Mitte des Dammes hämmerte, dort vor einem Klempner, dessen Waren eben so weit ausstanden, und hier wieder vor den Bänken eines Schuhflickers, Altbüßer genannt. Hie und da an den breitern Gassen waren die Bürgerstege mit niedrigen Bretterzäunen vor den Häusern umhegt, und Gänse schnatterten und Schweine grunzten die Vorübergehenden an. Ein wie mächtiger Mann dazumalen auch ein Bürgermeister war, er mußte doch, um diese Koben, Bänke, Zäune, Kessel und Ambosse umbiegend, den schmalen Weg in Schmutz sich mühsam suchen; und man hätte ein gar groß Gesicht gemacht, wär' es ihm im Ernst beigekommen, daß er die Gänse und Schweine von der Straße verdrängen wollte. Erst zwei Jahrhunderte später gelang dies der noch größeren Macht des großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Sackträger, Lasten auf dem Rücken, wie sie nur ein Körper vor der Verbreitung des Branntweins aufhob, machten sich selbst Platz, gleichviel, ob Kesselflicker oder Ratleute ihnen begegneten. Auf Eseln und Saumtieren, häuserhoch bepackt, wurden Ballen und Tonnen hin und her getragen, Hausierer trugen ihre Waren auf dem Kopf, schreiend, durch das Gedränge, ohne anzustoßen, und keiner stieß sie an. Unter allen Fährlichkeiten und Hindernissen begegnete Herrn Johannes Rathenow nur allein die nicht, welche heut allein Gefahr bringen kann, schnell fahrende Karossen. Außer den Leiterwagen der Bauern war ein Wagen zum alten Berlin eine Seltenheit; und die ungefügen Sänften, in zwei Stangen vorn und hinten durch zwei Gäule getragen, bewegten sich nur langsam in den gekrümmten Gassen.

Dafür trabten stolz und keck auf seinem Pferde hier ein stutzerhaft geschmückter Bürgerssohn, dort im Lederkoller ein Edelmann vom Lande. Auch wohl geharnischt vom Kopf bis auf die Zeh ein Ritter; der wollte sich vor den Bürgern sehen lassen oder den geflickten Küraß, den er vom Waffenschmiede, nachdem der Markt vorüber, abgeholt, besser auf seinem Leibe, als auf dem leeren Sprossenwagen nach Haus schaffen. Die Reiter hatten manchen Verdruß und Streit mit den Handwerkern, Verkäufern und Fußgängern; mußten sich aber kaum weniger mit ihren Köpfen und Federbüschen denn mit ihren Sporen und den Hufen ihrer Pferde in acht nehmen. Denn überall hingen an den langen Eisenstangen in die Gasse Schilder und Bilder, von jedem Zeichen, von jeder Farbe. Der Wind bewegte sie, und die Helme und Federbüsche stießen daran. Auch wohl ein Ritterfräulein vom Lande, doch nur als Ausnahme, ritt auf ihrem Rosse und machte große Augen über den Reichtum der Kaufmannsläden; hatte nie davon geträumt. Das Geld fehlte dem Vater und dem Bräutigam, um sie in die Gewölbe zu führen und sich aussuchen zu lassen, was ihr gefiel. Vielleicht flüsterte ihr aber der Erwählte zu: möchte sich nur auf die nächste Fehde gedulden. Könne man besser wählen und mit den Krämern handeln, wenn man ihnen nichts bezahlt.

Jenseits der Spree war es minder lärmend, und die geräumigen Gassen waren nicht so gedrängt voll. Dennoch schien Herr Johannes Rathenow hier sich geringer zu fühlen; sei's weil es nicht seine Stadt war, oder weil das Ziel seiner Wanderschaft und damit der Anfang eines unangenehmen Geschäftes nahe war. Sie hatten die Straße der Brüder zum schwarzen Kloster erreicht; und als sie vor Herrn Bartholomeus Schumms Hause anlangten, kam ihnen der vorausgeschickte Bote schon mit der Meldung entgegen, daß der Hausherr des hochverehrten Gastes gewärtig sei. Auch empfing er ihn auf den obersten Stufen der breiten Treppe, wie es ein solcher Besuch und die Ehre des Hauses forderte, umgeben von den fürnehmsten Dienern; und was von den niederen einen Platz und Beschäftigung fand, war nicht vergessen aufzustellen, um Reichtum und Macht zur Schau zu tragen. Vor dem großen, verhangenen Tische waren zwei Armsessel für beide Väter der Stadt aufgestellt, und auf demselben prangte alsbald ein Silbergeschirr, darauf eine fein gearbeitete Kanne mit Malvasier, geschliffene Gläser und ein Zuckerimbiß standen. Man langte zu, aß und trank; dieses nicht allein der Schau wegen, denn die Kanne des schönen süßen Weins war ziemlich geleert, als Herr Bartholomeus erst anhub:

»Was schafft mir die Ehre dieses Besuches?«

Das Hin- und Herreden, wie die Diplomaten thun, bis man am Schluß einer Unterhaltung zum Zweck derselben kommt, war selbst bei Männern, welche regierten, damals nicht im Gebrauch. Aber wer bittet, hat von je an einen Eingang gemacht, um den andern günstig zu stimmen. Herr Johannes sprach von der betrübenden Uneinigkeit beider Städte, wie sie, aus geringfügigen Ursachen, allzu lange dauere, wie Kaiser und Reich schon im vorigen Jahrhundert einschreiten müssen, und der märkische Städtebund, der doch Wichtigeres zu sorgen habe, sich immer dazwischen legen müsse, um die Gott gefällige und allen ersprießliche Eintracht für den Augenblick zu erhalten. Er zählte alle nachteiligen Folgen für Handel und Gewerbe und für das Ansehen der Städte auf, und wie niemand mehr darunter leide, als die Väter der Stadt, auf die Volk und Allgemeinheit ohnedem mit Mißgunst sehe. Er redete mit Wärme und Eifer, wie die Patrizier zusammenhalten müßten, damit ihre Rechte und ihr Ansehen beim alten blieben, und wie es daher vor allem Pflicht der Selbsterhaltung für den Rat sei, den ärgerlichen Anstoß aus dem Weg zu räumen.

Wohlgefällig wiegte sich Herr Bartholomeus in seinem Stuhl und sprach: »Nun ich vermeine, wenn unsere beiden Häuser verschlungene Hände machen, giebt's eine Brücke, fester über die Spree, als die lange und der Mühlendamm zusammen.«

»Davon hört das Geschrei der Zünfte nicht auf.«

»Laß sie schreien!« sagte Herr Bartholomeus. »Die Pauken und Geigen zur Hochzeit unserer Kinder sollen mehr Lärm machen, vermein ich, als die schmutzigen Kehlen all mit'nander.«

»Hunger und Unrecht schreien doch lauter, Herr Bartholomeus. Man muß etwas thun, ihnen die Stimmen zu stopfen. Auch der Reiche muß Opfer bringen.«

Der Kölner Ratsherr erhob sich und öffnete eine Lade, darin zwei Körbe voll mit Silbermünzen standen. Die waren erst frisch aus der Münze kommen, und blitzten, daß es das Aug' erfreute. Seine Hand spielte darin, wie ein Handelsmann eine Probe Weizenkörner vor dem Käufer wohlgefällig durch die Finger gleiten läßt: »Diese beiden Körbe, Herr Johannes, stehen fertig da zur Hochzeit meines Melchior und Eurer Else. Beim Zuge nach Sankt Niklas, der nicht der kürzeste sein soll, reitet mein Diener Matthias in einem Scharlachwams auf einem weißen Pferde vorauf und streut den Korb aus unter das Volk, beim Rückwege den. Und nun schaut her.« – Er öffnete mit Anstrengung eine untere größere Lade, die mit andern Silberstücken bis an den Rand gefüllt war. – »Von Mittag an, wo wir zu Tisch gehen, steht Matthias am Erkerfensterchen des alten Rathauses in einem mit Silber durchwirkten Kleide, neben ihm beide Stadttrompeter. Alle fünf Minuten blasen sie einen Tusch und alle fünf Minuten wirft Matthias zwei Hände voll über die Köpfe. Meint Ihr, daß es ausgeht, bis die Hochzeit zu Ende? Ich habe noch mehr Vorrat. Meint Ihr, daß ihnen das die Kehlen stopfen wird? Steht Euch das Opfer an, oder soll ich Euch die Rechnung des Münzmeisters vorweisen?«

Herr Johannes Rathenow neigte sich unwillkürlich vor so vielem Gelde. Denn Geld war von je an eine Macht, vor welcher jede andere Macht Rücksichten nahm. Dennoch schüttelte er den Kopf. –

»Zweifle nicht, daß damit die Kehlen und Stimmen der Weiber und Buben, der Kesselflicker und Zigeuner gestopft werden: aber unsere Bürger sind reich, unsere Zünfte trotzig. Sie klagen über Druck. Das ist unrecht. Sie klagen über Unrecht. Es wäre schlimm, so sie recht hätten.«

»Laß sie klagen!« murmelte Herr Bartholomeus. »Mückengesumme! Und wenn mehr! Bei wem wollen sie klagen! Bei der Feme? Immerhin. – Bei Kaiser und Reich? Ist weit. – Beim Markgrafen? Der soll Gott danken, wenn er selber bei uns warm sitzt, und andere sitzen lassen.«

»Wenn nun,« unterbrach der Bürgermeister, »nur bei der Stimme, die uns selbst zu Gericht sitzt! Bei Gott, des Henning Mollner Klage ist gerecht. Sie quält mich morgens, und schnürt mir abends die Kehle zu –«

»Bin ihm nichts schuldig!« rief Herr Schumm, und stieß mit dem Fuß die Lade zu.

»Ich aber,« sprach feierlich Johannes Rathenow. »Was sein Vater für uns that, Ihr wißt es. Wollt's Ihr und die andern nicht, ich verdanke ihm mein Leben. Als er starb, zog ich seinen Buben in meinem Haus auf, bis der Junge der Zuchtrute über den Kopf wuchs. Mochte nicht mehr des Buben Vormund sein; aber seines Rechtes Vormund bin ich noch, und will es sein und bleiben zu seinem Besten und unser aller Besten. Siebenundvierzig Schock böhmische Groschen hat der Alte geben müssen, daß ihn die Bredows losließen. Aus seinem Eignen gab er's, und wir mußten's geben, laut Pakt und gutem Wort. Ihr von Köln weigert Euch auf Euer Teil, und Unsere wollen ihr Teil nicht eher geben, bis Ihr zuschießt. Vom wem soll der Junge es fordern, wer soll ihn befriedigen? Und bei allen Heiligen, er muß befriedigt sein, bis ehenächstens muß er's!«

Herrn Bartholomeus Schumms Gesicht war von einer Fassung, die entsprach seinem Gemüte; ließ er's selten aus derselben bringen, weil's ihm unbequem war und er die Ruhe liebte. Diesmal verschoben sich die dicken Mundwinkel dennoch zu einem spöttischen Lächeln, als er sprach: »Gebt ihm Eure Else zum Weib, so giebt Euch der Junge auch quitt. Sie sprechen ja viel davon in der Stadt.«

Scharf blickte ihn der Bürgermeister an: »Ist das Euer barer Ernst? – Das ist es nicht, ich weiß es. Aber steckt Ernst dahinter? Vermeint Ihr, daß an dem Gered etwas sei, daß meine ehrbare und sittsame Tochter Elsbeth Rathenowin nur mit einem Augenzucken dazu gethan haben könne, daß die unnützen Leute es verführen? Nehmt Ihr Anstoß daran, Herr Bartholomeus Schumm –« rief er aufstehend. Der Nachsatz erstarb auf den Lippen.

Herr Bartholomeus lachte: »Anstoß! Ich! Weshalb? Was die Leute schwatzen, kümmert mich nie, wenn ich weiß, was ich thun will. Ich will meinen Sohn Melchior mit Eurer Tochter Else verheiraten. Der Vertrag ist vorm Rate aufgeschrieben. Nun können zehn solche Raschmacherbengel kommen, und zehnmal sich in die Jungfer verlieben, und die Jungfrau meinethalben zehnmal in sie, das ändert keinen Buchstaben, kein Tippelchen auf dem i in meinem Willen. Übrigens, Herr Bruder, in Zukunft bitte ich achtbarer zu denken von meinem Sohn Melchior, als daß der nötig hätte, einen Handwerksburschen zu fürchten. Ich mindestens denke so von Eurer Tochter Else.«

Herr Johannes Rathenow war zufriedengestellt. In der Kürze trug er vor, was ihn hergeführt, was er beabsichtige. Er fühle sich gedrungen, selbst zu lösen, was Rat und Stadt dem jungen Henning schulde, um Frieden zu stiften und den Unzufriedenen und Aufredern, was an ihm, den Anlaß zu nehmen. Selbst wolle er daher die Summe dem Henning Mollner auszahlen, und zwar je eher, um so besser.

Bartholomeus Schumm sah ihn mit kleinen Augen scharf an. In Handelsangelegenheiten pflegten sie schärfer zu sehen und sein Gesicht, das, wie gesagt, die Ruhe über alles liebte, sich wohl zu verziehen, wenn er einen sehr vorteilhaften Handel abschloß, oder Zeuge ward eines beträchtlichen Fehlschusses, den ein anderer beging. So spitzte sich jetzt sein Mund und seine Augen verkleinerten sich.

»Da können sich ja die Berliner glückpreisen, einen so großmütigen Bürgermeister zu besitzen, der ihnen ihre Schulden bezahlt!« –

»Wenn ich zahle,« sagte Herr Johannes verdrießlich, »trete ich in die Rechte des Henning gegen die Städte.«

»Und Ihr meint, die Forderung in der Hand eines Bürgermeisters ist mehr wert, denn in der Hand eines von den Gewerken. Ihr kriegt sie auch wohl billiger vom jungen Mollner, und so ist's ein gutes Geschäft.«

»Nicht das eine, nicht das andere!« sprach Johannes Rathenow. »Will von meinem Gewissen abwälzen, was es drückt, und thun, was an mir, ein Unrecht gut zu machen.«

»Thut, was Euch beliebt,« sagte ruhig Herr Bartholomeus.

Herr Johannes mußte nun mit dem unangenehmsten Teile seines Antrages heraus. Die ganze Summe sofort auszuzahlen, überstieg für jetzt den baren Bestand seiner Kasse. Er ging Herrn Bartholumeus an, ihm die siebenundvierzig Schock Groschen vorzuschießen.

»Ist eine große Summe, ich weiß es: doch Eure Mittel sind auch groß.«

Der Bürger von Köln wiegte den Kopf nachdenkend. Dann klingelte er und ließ seinen Buchhalter mit dem großen Contobuch eintreten: »Seine Wohlweisheit von Berlin wollen uns die Ehr erzeigen, siebenundvierzig Schock Prager Groschen von uns zu borgen. Ob wohl so viel in cassa ist?«

Der Buchhalter lächelte schlau: »Da seit Mittwoch nach Advent, als wo Seine herzogliche Gnaden von Meißen auf sein inständig Bitten gegen gutes Pfand die hundert Mark erhielten, nichts ausgeliehen ist, werden der Schock Groschen grad noch so viel in cassa sein, daß man siebenundvierzig mehr oder minder nicht vermerken wird.«

»Markgraf von Meißen? Richtig, entsinne mich,« sagte Herr Bartholomeus. »Wer steht denn da noch verzeichnet? Daß man doch weiß, wo man zu fordern hat, wenn es einmal fehlt.«

Der Buchhalter verlas eine lange Reihe bedeutender Namen. Fürsten, Herren und Städte standen mit so großen Summen verzeichnet, daß siebenundvierzig Schock Groschen dagegen allerdings eine Kleinigkeit erschienen. Alle hatten aber noch bedeutendere Ortschaften dagegen verpfändet.

Herr Johannes stand rascher auf als gewöhnlich. Vielleicht, damit es nicht scheine, daß der Respekt vor solchen Schuldforderungen ihn niederdrücke. Seinen Hut ergreifend, sprach er: »Gott mit Euch, Bartholomeus. Im übrigen geb ich Euch auf Pfand bis zur Wiedereinlösung meinen halben Anteil an Buko, die zehn Hufen, so mir samt hoher und niederer Gerichtsbarkeit in Osdorf zustehen. Oder so Euch das nicht Sicherheit genug dünkte, solltet Ihr meinen Anteil am Dorfe Meere haben, das mir frei ist, auch die Hufen in Lichterfelde, und die drei in Schöneberg. Denn mein schuldenfrei Haus in Berlin kann ich Euch doch nicht anbieten, da Ihr als guter Kölner Bürger nichts mögt zu schaffen haben mit unsern Lasten.«

Die angebotene Sicherheit, als es sich versteht, weit den Wert des erbetenen Darlehns übersteigend, war nur ein Gegentrumpf auf die ausgelegte Schuldliste. Herr Bartholomeus verstand's auch wohl; ein freundliches Nicken deutete es an. Er schickte darauf den Buchhalter fort, mit der Anweisung, die siebenundvierzig Schock seiner Wohlweisheit, wenn er's befehle, ins Haus zu schicken, samt ausgefertigter Schuldverschreibung, die Herr Johannes Rathenow daselbst nach Bequemlichkeit vollziehen werde.

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