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Der Roland von Berlin - Erster Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Erster Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeVierter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel.

Inzwischen war der ehrenwerte Niklas Perwenitz wirklich, zwar mit Beschwerde, doch sonder Gefährde, zum Fenster hinein und in den Ratsaal halb gestiegen, halb gehoben, und hatte außer Atem auf einem Sessel Platz genommen, wo er vorerst mit dem leinenen Tüchlein die Stirn trocknete. Die gar verwunderten Blicke und die hundert Fragen der Ratsherren, was das bedeute, ließen ihn um keinen Augenblick früher zu sich und zu Worte kommen, als er es für gut fand. Entweder, wie er stöhnte und atmete, daß er die Rede vorbereitete, so er halten wollte, oder, was wahrscheinlicher, er beobachtete, unter dem Schweißtuche, wie denn die Dinge standen? Hier sah er nun, daß, wenn er erhitzt war, die drinnen im Saale es dreimal mehr waren. Schienen sie doch allzumal geneigt, den Streit fortzusetzen, ob doch Herr Niklas sich jetzt zum Sprechen erhub.

Die Gesichter hier waren sehr verschieden von den auf der Gasse. So Würde und Macht drückten sich eben wie in den goldenen Ketten, Knöpfen und Spangen auf schwarzem Sammet und seinem Tuche, in den beleibten Körpern, den vollen Gesichtern, den stattlichen schwarzen Bärten aus. Unter solcher Fülle von Wucht und Bedeutung glänzten auch die Augen ausdrucksvoller; der Zorn lagerte darin als ein Ungewitter. Aber vielleicht waren die Augen zu allen Jahrhunderten dieselben, und nur als die Aufregung verschieden war, ist auch der stiere Ausdruck, als ihn die Maler jener Zeiten auffaßten, uns fremd und schreckhaft. Zumal aber drückte sich die massenhafte Würde jener bürgerlichen Ehrenmänner in der Art aus, wie sie saßen; ein Rohrstuhl unserer Putzzimmer wäre unter ihnen eingebrochen. Die Würde senkte sich bis in die Beine. Dies Fußwerk giebt es nicht mehr. Ein Harnisch von Rindsleder um einen Fuß; wo er fußte, müßte er Spuren eindrücken, meinte man. Wenn ein Ratsherr von damals aufsprang, so bedeutete es etwas; wenn er den Fuß auf die Bank setzte, so hielt sie zwar, denn sie war von starken Eichenbohlen, aber sie krachte doch, und man war eines Unwetters gewärtig.

So trat jetzt ein Sprecher für Köln mit dem rechten Fuße auf die Bank, und sein Gesicht war rot, seine Augen funkelten. Er hatte nicht acht, daß auch Herr Niklas Perwenitz stand, und schier vergessen, daß er da war: »Klagen wollt Ihr!« rief er. »Worauf? daß Ihr nur einstreichen wollt, und wir sollen nur zahlen. Wir zahlen aber nicht, wir wollen nicht, wir werden nicht zahlen!«

»Ihr sollt und werdet zahlen!« fuhr ein Ratmann Berlins auf, die geballte Faust überm Kopf. Da fuhr's von beiden Seiten in die Höh', als wenn in tapferen Heeren nach Freiwilligen gerufen wird.

Aber dazwischen trat, von Berlins Seite, ein Mann, auf dessen Stirn stand die Würde, so Amt, Alter und Erfahrung geben, deutlich geschrieben. Sein Haupthaar war schon weiß gesprenkelt; aber der volle Bart prangte noch im glänzenden Schwarz, wie als wäre er im kräftigen Mannesalter. In seinem Ehrenstuhl hatte er unmutvoll gesessen, gedrückt als es schien von der Last des Körpers und der Jahre nicht minder als von Erörterungen, die seiner Seele weh thaten. Doch schien wieder die Kraft der Jugend in die Muskeln gekehrt, seine Augen leuchteten vor Zorn und Wehmut, und als er den Arm drohend aufhob, konnte man glauben, daß er in der Schlacht noch das Schwert mit Ehren schwingen würde.

»Bei Gott, Vater, Sohn und allen Heiligen, die unsere Stadt schirmen! Wenn der Hader uns Schande genug bringt vor uns, und Schaden vor unseren Feinden, schämt Euch wenigstens vor den Freunden. Zurück Deinen Arm! Im Namen der freien Städte Berlin und Köln, heischt Euer Bürgermeister Ruhe und Ordnung! In Eure Schranken, Ratmänner und Sechzehner! Hier steht der Abgeordnete von Brandenburg, unserer lieben Verbündeten und Freundin, hier steht er und will reden mit uns. Im Namen der alten Freundschaft, die uns stark macht, hört ihn an, oder ich breche die Sitzung ab.«

Niklas Perwenitz beeilte sich nicht, als er zu reden anhub: »Eigentlich sitzt er nicht, und es wäre wohl schicklich, daß man ihm vorerst einen Ehrentrunk reichte; denn der Gaumen muß feucht sein, um zu reden, und besser von Wein als von Galle. Aber freilich, was schicklich ist, das mögt Ihr hier vergessen haben; denn sonst läßt man einen Abgeordneten von Alt- und Neu-Brandenburg zur Thür ein und nicht durchs Fenster, und ein Trompeter bläst, so lange er die Treppe aufsteigt. Aber für die Musika schreibt Ihr der Bürgerschaft nichts an; Ihr macht ihnen selber Musik, daß sie's bis am Spandower Thor hören. Nun, solches Aufspielen kann ihnen gefallen, uns aber nicht. Um deshalb schickt mich der Rat von Brandenburg zu Euch und läßt Euch fragen, was für ein Teufel in Eure Pfeifen und Geigen fuhr, daß sie einen Lärm geben, davon alle guten Städte die Ohren zuhalten müssen. Das gellt und schreit aus Berlin, daß Frankfurt und Brandenburg und Spandow und Prenzlow und Stendal in die Lärmtrompete stoßen möchten, und unsere Hansefreunde in Lübeck und Hamburg uns fragen: »Sind die zu Berlin und Köln toll?« Was soll's, was giebt's nun wieder? Hat ein Berliner Knochenhauer die Kaldaunen zu kurz gehauen, oder hat eine Hexe aus Köln ihren Kehricht dahin gefegt, wo nur die alten Weiber aus Berlin ihre Lumpen abthun? Heda, Ihr weisen Herren! Raus mit der Antwort. Ich frage im Namen von Brandenburg!«

Zwanzig Stimmen schrieen Antwort statt einer. Der Schreiber von Berlin hielt die Klagepunkte in einer langen Rolle in die Höhe. Niklas Perwenitz hörte grade so viel raus, als er wollte. Der Lärm hub aufs neue an, und er war es jetzt, der auf eine Bank sprang und, beide Arme ausstreckend, in einem Tone sprach, der sehr abwich von dem, so wir vorher gehört von dem Verordneten der Alt- und Neustadt Brandenburg.

»Nieder auf Eure Bänke! Schließt Eure Münder und thut Eure Ohren auf, ehrenwerte Ratmannen, so alte als junge, Ihr Bürgermeister und Sechzehnmänner von Köln und Berlin! Die Stadt Brandenburg spricht durch mich zu Euch, die rechts- und ratreiche Stadt, die älteste in unserem Lande, die zu Euch allen in den Marken ist, wie die Mutterhenne zu den Küchlein. Schlagt auf Euer Schöffenrecht. Wenn der Rat Euch ausging, sollt Ihr ihn holen in Brandenburg, so steht's geschrieben von den alten Markgrafen und Euren Vätern. Eure starken Väter kamen und holten ihn; wir schickten ihn Euch, angesehen Eure Schwachheit und Unmündigkeit. Aber nicht wie eine Mutter ihren Kindern guten Rat aufdringt, den sie nicht mögen. Ihr seid groß geworden und steht für Euch allein da. Ihr seid hoffärtig und stolz und wollt nicht mehr hören. Vor zehn Jahren haben wir Euch vertragen, und Ihr habt wieder angefangen, wo Ihr aufhörtet. Nun, wie eine Busenfreundin, die selbst leidet, wenn es ihrer Schwester schlimm geht, schickt meine Stadt mich zu Euch, mit Bitten und Beschwörungen. Fort das Papier, ich weiß was drin steht; still, ich kenne den Plunder! Du meinst, Du giebst zu viel, und Du, der andere thäte zu wenig. Seid Ihr beide so dürftig und arm, daß Ihr mit der Goldwage messen müßt Schoß und Arbeit? Seid Ihr vielmehr beide wohlhabend und stark, seid Ihr zusammengewachsen wie zween Kirschen an einem Stengel? Ihr sitzet warm und es geht Euch wohl. Darum zankt Ihr und seid störrisch und rechthaberisch und seht nicht, derweil Ihr um den Rauch vom Schornstein streitet, daß das Haus unter Euch wackelt. Eure Väter vor hundertundfünfzig Jahren dachten anders. Sie warfen zusammen, was sie hatten und kannten, und rechneten nicht, ob der eine gewönne oder der andere verliere, beide froh, daß sie zusammen dadurch stark wurden gegen Räuber und Gesindel, gegen Adel, Land und Fürsten. Und Ihr möchtet das wieder lösen? Warum? Weil Dich eine Mücke aus Köln stach. Weil Dich ein Floh aus Berlin biß. Das merkt Ihr. Aber seid Ihr so dick gehäutet, habt Ihr Eure gestopften und geschlitzten Tuchwämser und Zobelmützen so dicht über die Ohren gezogen, daß Ihr nicht merkt, was von außen kommt, Euch zu stechen und zu beißen? Weil Ihr die Wälder gelichtet habt um Eure Mauern, und die Wölfe geschlagen und gescheucht, meint Ihr, daß es darum keine stärkeren Tiere giebt? Die Wölfe knirschen noch immer im stillen und warten auf Gelegenheit, es Euch einzutränken, daß Ihr halfet bei der großen Wolfsjagd. Aber spitzt nur schärfer Eure Ohren. Hört doch, wie's in den Lüften rauscht. Der Adler fliegt hoch, aber sein Auge sieht scharf. Er sieht durch die Spalten Eurer Dächer und die Ritzen Eurer Decken, und Eure Zwietracht ist sein Bundesgenoß. Wie stark sind denn Eure Mauern und wie tief Eure Gräben; oder baut Ihr Wälle und Türme gegen die Wolken, daß er nicht herein kann? Ihr seid reich, reich geworden durch Fleiß und Eintracht. Ist Euer Reichtum ein Panzer gegen den Neid, dadurch Pfeile und Kugeln und Steine nicht dringen? Nein, ein Köder ist er, ein glänzender Köder, der die Gewaltigen, die uns beneiden, blendet und lockt. Und Ihr hadert und zankt, und jetzt, jetzt wollt Ihr Euch trennen, wo Ihr mit zusammengebundenen Rücken stehen solltet, und ausschaun nach der Gefahr, die Euch kommt, Ihr wißt nicht von wo!«

Eine tiefe Stille herrschte, als der Redner einen Augenblick inne hielt. Seine Rede hatte gewirkt. Manche senkten die Blicke. Einige nickten mit dem Kopf. Er stieg von der Bank wieder herunter und sein Ton wurde vertraulicher, als er also fortfuhr: »Lieben Brüder, Euer Zank ist ärgerlich. Was sollen wir schreiben den Brüdern von der Hanse, den Herren in Lübeck und Hamburg? Daß die Herren in Köln und Berlin sich streiten um die Uhr am Rathaus, wer sie aufziehen, um den Stadtwundarzt, wer ihn bezahlen soll? Um Holzgeld und Stättegeld, und ob der Kölner Schreiber rechts oder links vom Richter sitzt? Und das in einer Zeit, wo die Herren und Mannen die Städte mit argen Augen ansehen, wo sie uns wieder nehmen möchten, was sie uns gaben.«

Da wurden Zeichen des Unwillens hier und dort auf den Bänken sichtbar. Auch ein stolzes Kopfschütteln.

Hans Möwes von Köln erhob sich: »Was Mannen und Adel sind, die kennen uns, denk ich. Wir fürchten sie nicht. Und seine Markgräfliche Gnaden, Friedrich der Andere, entsinnt sich wohl, daß sein Vater seliger ohn' uns als Burggraf von Nürnberg zu seinen Vätern gangen wäre.«

»Er entsinnt sich aber desgleichen,« fiel Niklas Perwenitz ein, »daß Berlin und Köln seinem Vater Kurfürstliche Gnaden das Thor vor der Nas zuschlugen, als er einreiten wollte.«

Die Ratmänner sahen sich wohlgefällig um. Von mehreren Seiten klang es: »Unser Recht!«

»Das Recht unserer Väter ist auch unseres,« sprach Konrad Ryke von Berlin. »Und so Kurfürst Friedrich der Sohn, den Gott erhalte, wie sein hochseliger Vater ans Spandower Thor geritten käme und Einlaß heischte mit Roß und Mann, würden wir ihm zurufen, wie unsere Väter seinem Vater: Es schickt sich nicht!«

»Wenn er nun aber nicht geduldig den Rücken kehrte, als sein Vater that?« sagte Niklas Perwenitz. »Sein Vater Friedrich war draußen im Reich zu Haus, bei uns nur zum Besuch. Friedrich der Andere möchte sich's aber warm machen bei uns, und ich glaube, er findet's in den Städten feiner und besser als auf dem Lande. Er hat eiserne Zähne, sagen sie.«

»Unsere Thore haben Eisennägel,« rief der kecke Pawel Strobant. »Laß die Zähne ihn dran versuchen.«

Das Wort fand doch nicht Anklang, und sie hörten wieder dem Perwenitz zu, als der, den Vordersten noch näher tretend, seine Rede in eine vertrauliche Zusprache umwandelte:

»Lieben Freunde, die Zeiten von ehedem sind vorbei, als man uns hätschelte und streichelte und mit Privilegien beschenkte, daß wir aufwüchsen und groß würden. Wir sind nun gewachsen und groß worden, und nun sehen sie uns anders an. Wir nutzen ihnen nicht mehr, was sie von uns wollten. Die Wenden, so ehedem im Lande saßen, und wir sollten ihnen die Zähne weisen und Sittigung beibringen, sind verschwunden. Der Adel ist aufs Haupt geschlagen, wir halfen; aber zu Hofschranzen taugen wir nicht, daß wir's täglich ihnen ins Ohr schrieen, was wir thaten. Der Adel taucht immer wieder auf, überall, und er raunt den Fürsten ins Ohr: »Was verfolgt Ihr uns, und seid doch unseres Blutes, derweil die Krämer da in ihren Ringmauern sich blähen und in ihrem Reichtum uns und Euch auch höhnen?« Thut doch auf Euer Auge, wie sie allerwärts rüsten zu einer großen Hetzjagd, und die wir dazumal mit ihnen hetzten, werden in ihrer Meute sein, und am lautesten klaffen und zerren.«

Der Bürgermeister von Berlin, Johannes Rathenow, so bisda ohne Bewegung still gesessen, die Augen zu Boden, erhob sich zum zweiten Male, Er schüttelte unmutig die grauen Locken, und sein zürnender Blick fiel diesmal auf den Redner selber:

»Eure Zunge geht mit Euch durch, Niklas Perwenitz. Wenn die Meute losginge, die Ihr meint, würden wir unsere Pelze und Wämser abwerfen, den Harnisch, wie vordem, umschnallen und uns schütteln, wie am Tage bei Cremmen und sonst wo. Vor dem Gerassel möchte mancher Hund nicht Stich halten.«

»Der Bär von Berlin fürchtet keine Bullenbeißer!« schrie Pawel Strobant.

»Wir zu Brandenburg auch nicht,« fiel der Abgeordnete ein, den Kopf höher werfend. »An unseren Mauern und Türmen kann man seit fünfhundert Jahren so viel zerbrochene Schädel zählen, als vor keiner Stadt dieser Marken. Unsere Väter zausten sich mit Raubtieren und Rittern, als das Land noch im Ärgsten lag, und wichen nimmer. Dennoch, Ihr Freunde und Herren, wär' es vermessen von uns, darauf zu bauen, und zu vermeinen, wir für uns seien stark genug, dem Ungewitter die Spitze zu bieten. Wodurch wurden wir Städte mächtig in den bösen Zeiten? Allein durch Einigkeit: daß zusammenhielten einer an dem anderen, Gesellen zu Gesellen, Meister zu Meister, und Meister und Gesellen in der Zunft, und die Zünfte und Gilden mit den Ratmannen. Aber das ist noch nicht genug. In den Dörfern halten sie auch zusammen, und schlagen Wölfe und Räuber fort, wo sie's vermögen. Aber was vermag ein Dorf, da keins zum anderen hält! Wir Städte schlossen Bündnisse, zwei, fünf, zehn, hundert und das machte uns fest. Die kleinen traten zusammen und wählten die größte unter sich zum Fürsprech, und die Fürsprechenden traten auch zusammen und berieten fürs gemeine Wohl. Das, lieben Brüder, gab uns Kraft. Von den Gesellen an, die in dieselbe Lade werfen ihren Scherf, bis zum großen Hansebund, der auf den Meeren herrscht und Königen und Völkern Gesetze giebt, ist's eine große Kette und Gliederung, die uns zusammenhält und umschlingt. Wo nur ein Glied ausspringt oder reißt, da ist's ums Ganze gethan. Die Kette hält nicht mehr. Die Fürsten haben stärkere Zähne als der Adel. Wie möchten sie uns itzt losreißen von der Hanse, daß wir allein stünden, abhängig von ihrer Gnade. Und wahr und wahrhaftig, ihnen gelingt's, wenn wir die verschlungenen Hände nicht festhalten. Hier auf der Brücke, zwischen beiden Städten, daß beide darauf schauen, haben Eure Väter das neue Rathaus erbaut, wo Kölner und Berliner zugleich das Regiment führen. Wollt Ihr zerstören Eurer Väter Werk, wollt Ihr niederreißen, so reißt Ihr auch die Brücke nieder, Worauf einer den anderen brachte, was ihm not that.«

Das fehlte denn doch nicht des Eindrucks, den es sollte. Es war wieder still durch den Saal. Nur einzelne blickten höhnisch auf, und nur Pawel Strobant von Berlin rief: »Meinethalben nieder mit der Brücke. Wüßte nicht, was wir in Köln zu suchen hätten. Wollen die Kölnischen zu uns: sind ja Fischer, können schwimmen.«

Zornig blickte ihn Niklas Perwenitz an: »Herr Pawel Strobant, so mich recht dünkt, schriet Ihr am lautesten über die Havel, als Euch die Köckeritze die Herde wegtrieben. Die brandenburgischen Tuchmacher auf dem Anger konnten zu Eurem Glück schwimmen und standen nicht an, wie sie waren, ins Wasser zu springen. Hochmut thut nimmer gut, und die uns zunächst wohnen, soll man zuerst bedenken.«

Viele Stimmen murmelten da beifällig. Nun greift ein kluger Vermittler, so die Parteien erhitzt sind, vor allem die Punkte auf, wo eine Einigung möglich scheint, so es auch gerade nicht die wären, worauf es ankommt. Es können Brücken werden über die tieferen Klüfte, und jede Einigung stimmt zur Versöhnung. So verächtlich er auch vorhin von den Klagepunkten der Städte, die sie gegeneinander hatten, gesprochen, zeigte Herr Niklas Perwenitz sich doch jetzt wohl unterrichtet, ging hier darauf ein und hörte dort aufmerksam zu. Er wiegte den Kopf und brummte vor sich bei dem Streitpunkt wegen der Bezahlung des Wundarztes, und schien es, als gab er jeden von beiden Teilen recht, denn er nickte jedem zu, wie er sprach; und dann erzählte er alte Geschichten von Äskulapius und Hippokrates, die gar drollig klangen; wie der Freunde und Feinde geheilt hätte, und die alten Griechen hätten ihm steinerne Bilder gesetzt. Aber von einem anderen Wundarzt erzählte er auch, der habe sogar mittelst seiner geheimen Kunst abgeschlagene Köpfe aufsetzen können. Aber weil sie ihn nicht bezahlen wollen, wie er's verdiente, so hätte er mal die Köpfe getauscht, und jeder hätte seines Feindes Kopf auf dem Rumpfe gehabt, denselben, den er ihm abgeschlagen. Das hätte eine Verwirrung gegeben: »Keiner wußte, wie er dran war, just wie Ihr. Keiner, ob er noch er selbst war oder der andere, ob er seine Frau sollte küssen, oder des anderen Frau, ob seine Kinder sein waren, oder des anderen, ob er auf den anderen losschlagen sollte, denn er schlug sich ja selbst? Und wenn er sich im Spiegel sah, so gab er sich immer selbst Ohrfeigen. Alles das, weil sie den Hexenmeister, den Flicker, nicht bezahlt hatten. Nun sagt Ihr Kölner zwar, der Peter Joris ist kein Hexenmeister, sondern ein Ochs; stehet aber nicht in der heiligen Schrift geschrieben: dem Ochsen, der drischt, soll man das Maul nicht verbinden? Umsonst ist der Tod, aber kein Medikus, Ihr Herren von Köln, ohne Bezahlung.« Man bietet schon die Hand, wenn man in einem Streite erst lachen kann. So wurden jetzt die mehrsten Punkte, worüber die Städte stritten auf die lange Bank geschoben, was bei unsern Vorfahren so viel war, als wir jetzt nennen ad acta schreiben; und kam man dabei so gut raus als heut aus Verwickelungen, die uns über den Kopf wachsen.

Nicht verschwiegen darf aber werden, daß außerdem zween Umstände dem Abgeordneten von Brandenburg zu Hilfe kamen. Einmal hatte sich die Sitzung so lange hingezogen, und er hatte selbst das Seine dazu gethan, daß die Mittagsstunde vorüber war. Man hielt aber vor vierhundert Jahren das Innehalten der Mahlzeiten für eine Sache der bürgerlichen Ordnung, so nicht ohne höchst wichtige Ursache geändert werden durfte. Darin waren die Herren aus Köln und Berlin einer Meinung, und hatten schon durch Husten und sonstwie ihre Ungeduld ausgedrückt.

Aber desgleichen zur Ordnung gehörte, daß eine Hochzeit etwas Außerordentliches war. Und war es gar eine Patrizierhochzeit, so hatte die ganze Stadt Ursach und Recht, sich darauf zu freuen; denn wer nicht geladen war, der bekam doch von dem Kuchen zugeschickt und den süßen Früchten, und an Musika und Tanz und lustigen Aufzügen konnte sich jeder ergötzen. Wie nun auch Köln und Berlin scheelsüchtig aufeinander sahen und auf ihre Rechte, standen die Parteien doch noch nicht eine der andern gegenüber als weiße und rote Rosen, als Welfen und Ghibellinen. Im Gegenteil ward aus Köln nach Berlin und aus Berlin nach Köln hinübergeheiratet. Freilich heiratete nur der Reichtum den Reichtum und Armut die Armut. Aber die langen, pfeifenden und geigenden Hochzeitszüge über die lange Brücke hin und her wurden oft das Band, das die getrennten Teile wieder zusammenband. Eine solche Hochzeit war auch jetzt im Werke zwischen dem Sohne des reichen Kölner Bürgers Bartholomeus Schumm und der einzigen Tochter des ehrenhaften Berliner Bürgermeisters Johannes Rathenow. Eine solche Hochzeit durfte ein Fest werden, davon Kind und Kindeskinder sprechen mußten, wiewohl es viele gab, die's den Rathenow nicht gönnten. Ein markgräflich Plakat, das in Stadtrechte greift, der Einfall eines Raubritters durfte darüber für den Augenblick vergessen werden. Denn Bartholumeus Schumm saß wie ein Herr der Herrlichkeit in seinem steinernen Hause in der Brüderstraße. In seinem Armsessel am Fenster nickte er nur wenig, wenn die Bürger vorübergingen und ehrerbietig die Mützen zogen; und wen er: »Wie geht's, Herr Gevatter?« anrief, der wuchs um einige Zoll vor Freude gegen seine Mitbürger. An Zahltagen aber, wenn die Pächter seiner vielen Güter, die Säckel unterm Arm, auf dem Flure warteten, und ihnen ward aufgethan, und sie traten, sich tief neigend, ein, wo Herr Bartholomeus am großen, eichenen Tische saß, zween Schreiber zu beiden Seiten, und sie stellten sich rechts und links mit ihren Kerbstöcken, Büchern und Säckeln, und er geruhte, sie die Reihe herum anzublicken, dünkte er vielen mehr als ein Fürst. Der Vermerk des Schreibers, sei's im Buche, sei's am Kerbstock, daß sie gezahlt, war den Pächtern keine so gute Quittung, als wenn Herr Bartholomeus mit dem Mittelfinger auf den Tisch klopfte, was er jedesmal zu thun pflegte, wenn der Pächter die Summe richtig aufgezählt hatte. Wie jener reiche Kaufmann in Bremen hätte er seinen Flur mit harten Thalern pflastern können; und ein harter Thaler war dazumal in Berlin etwas, um was es sich wohl lohnte, auf dem Markte stehen zu bleiben, so ein Käufer ihn aus dem Säckel zog. Seine Güter waren weit hinaus über das Berliner Weichbild bis an die Oder und die Uckermark zerstreut, und mit den reichen Itzenplitzen hatte er allein ein Jahr über Fehde geführt; fünf Dörfer waren darum verwüstet und niedergebrannt, viel Schädel gebrochen, und Herr Bartholomeus hatte sich nicht von seinem Lehnstuhl am Fenster an der Brüderstraße bewegt. Ein solcher Mann war Bartholomeus Schumm. Und wer Johannes Rathenow war, der Bürgermeister von Berlin, wenn das ein Fremder einen Bürger gefragt, der hätte ihn scheel angesehen, und hätte der Fremde nur eilen können, daß er seines Weges zog.

Die Freundschaft solcher Häuser, könnte man meinen, müsse auch ganze Städte, die nicht mehr waren, als heutzutage Stadtviertel, aussöhnen und zusammenbringen. Aber erstens war um deshalb, daß eine Heirat zwischen ihnen beschlossen, noch keine Freundschaft geschlossen. Die Schumm waren die Reichsten in Köln und die Rathenow mächtig in Berlin. Reichtum und Macht haben sich aber zu jeder Zeit aufgesucht; und um deshalb, da jenseits ein heiratbarer Sohn und diesseits eine mannbare Tochter waren, machten sich die Pakten wie von selbst. Dann aber war Bartholomeus Schumm zuerst ein Ratmann der Stadt Köln und Johannes Rathenow zuerst Bürgermeister von Berlin. Das war ihre Ehre und das andere war nur ihre Familie und ihr Vorteil. Keiner hätte um deswillen, daß ihre Kinder eine Ehe schließen sollten, ein Haar breit fahren lassen von den Ansprüchen der Städte, so sie vertraten.

Wie nun viele auch waren, die's den Rathenows nicht gönnten, in die reiche Familie zu heiraten, und andere, die's den Schumms nicht gönnten, daß sie mit den Rathenows eins wurden, die meisten freuten sich doch auf die Hochzeit; und was würde da nicht getauft werden und drauf gehen: denn Bartholomeus Schumm ließ sich nicht lumpen. Das wußte geschickt Herr Niklas Perwenitz aufzufassen. Den und jenen fragte er, ob er das Hochzeitskleid schon fertigen lassen, und den Trinkspruch schon bereit habe? Mit wie leckerem Munde wußte er von dem Fischgericht zu sprechen, das Seiner Kurfürstlichen Gnaden Küchenmeister, Herr Czeuschel, beim Landtage in Spandau bereiten lassen, nach fränkischen Rezepten, die man in den Marken noch nicht gegessen. »Auf der Zunge, sag' ich Euch, zerging's, und duftete wie Muskatnuß und indisch Gewürze, und sah von außen wie eine Schildkröte aus, die auf ihren Beinen rutscht; so man aber näher trat, waren die Punkte und Ringel auf dem Rücken alles die Wappen der Städte der Schlösser des gnädigen Markgrafen; auch Berlin war drunter und Köln, und stach die Seiner Gnaden recht apart für sich mit dem Löffel aus. Sie schmeckten ihm fürtrefflich, als ich's glauben will, da sie geschnitzt waren aus großen Aalen und Sandarten, mit Speck und Gewürz. Seine Gnaden lächelten und die von den Ständen desgleichen, als er sie auseinanderschnitt und sprach: »Das sind zwei Bissen, ist für einen zu groß!« – Darum nicht bange, lieber Nachbar, sprach ich zu Herrn Wyns von Frankfurt, der neben mir saß: ist einmal eine Hochzeit bei uns, wollen wir auch solche Fischpastete backen. Soll ausschauen wie die Stadt Troja, und lagen die griechischen Markgrafen zehn Jahre, ohne sie zu kriegen, davor, und hätten noch zehn Jahre liegen mögen, wären die Trojanischen nicht so einfältig gewesen und uneins unter sich.«

Als nun die Versammlung, halb aufgehoben, halb von selbst, in recht guter Laune auseinanderging, schien nur der Ratsschreiber der Stadt Berlin unzufrieden. Hatte umsonst die lange Liste der Klagepunkte aufgeworfen. Da sah er jetzt, als er die Verhandlung schließen wollte, einen Punkt, der war gar nicht berührt. Mit lauter Stimme rief er da, daß er die noch im Saale waren, zurückhalte: »Die siebenundvierzig Schock böhmische Groschen für Auslösung des am Tage bei Cremmen gefangenen Henning Mollner, Vater, deren auf ihren Anteil die von Köln sich weigern, was haben die wohlweisen Ratmannen darüber für gut erachtet?«

Alle schwiegen und sahen sich an. War's ein Hauptpunkt ihrer Streitigkeiten, so immer wiederkehrte. Man hatte ihn heute weislich nicht berührt. Da schlug Herr Bartholomeus Schumm die Hand auf den Hut: »Nicht einen roten Heller!« Die Kölner Herren, so noch im Saale waren, sprachen's ihrem Vordermann nach. Und Matthis von Blankenfelde, der Ältermann der Kölner und ihr gewählter Bürgermeister, von dem noch viel die Rede sein wird, der sprach: »Das versteht sich von selber.« Klang's fast als eine neue Herausforderung für die von Berlin; deren waren nur wenige noch im Saale.

Der Ratsschreiber schien nun gar nicht übeler Lust, von vorn anzufangen, und wollte Ursach und Status des Streites nochmals lesen, als Niklas Perwenitz die Hände hob und ihm zuwinkte, um Gottes willen, daß er's nur nicht thäte.

Johannes Rathenow sprach, die Stirne runzelnd, wie bös von der Sache berührt: »Die Forderung ist vollwichtig, und ist's eine Schande für den Rat beider Städte, daß sie von Vater auf Sohn dreißig Jahre forterben konnte.«

»Warum zahlt Ihr's dem Jungen nicht aus, was Ihr vermeint dem Alten schuldig zu sein!« rief Bartholomeus Schumm.

Hans Rathenow antwortete: »Wir wollen zahlen, was auf uns fällt, für treue und liebe Dienste. Ohne Henning Mollner wären wir im Sumpfe in die Pfanne gehauen.«

»Ja Ihr von Berlin!« riefen die Kölnischen.

»Er warf sich zwischen und ward gefangen, weil er uns gerettet.«

»Die von Köln hatten sich links schon selber durchgehauen,« sprach Herr Bergholz von Köln, der doch nicht dabei gewesen. »Brauchten des Henning Mollner nicht.«

»Weil Ihr uns im Stich ließt!« fuhr Konrad Ryke auf.

»Summa! Ihr zahlt das Lösegeld von Rechts wegen allein, weil er Euch allein rauszog aus dem Sumpf,« sprach Herr Bartholomeus. – »Und geht uns das andere nichts an,« sagte Herr Matthis Blankenfelde.

»Das ist nicht recht und gut,« rief der Bürgermeister und rückte an seinem Barett. »Auf beider Städte Frommen und Schaden thaten wir in gesamtem Haufen und aus freien Stücken dem Burggrafen Heerfolge. Was einer litt, das litt der andere mit, was einem frommte, das frommte dem andern mit. Wir nahmen den Schaden und Ihr hattet den Nutzen.«

»Gevatter!« flüsterte der Brandenburger. »Ich meine, wir hatten alle Nutzen vom Cremmer Damm.«

»Ist nicht erwiesen!« sprachen die von Köln ihrem Ältermann nach.

»Herr Gott und Sankt Nikolas!« rief Herr Johannes. »Er muß bezahlt werden, der Junge. Er muß, er muß!«

»Liegt Eurem Gemeinwohl so viel an dem Raschmachergesellen,« erwiderte Herr Matthis Blankenfelde spöttisch, »was schlugt Ihr ihm die Fähnrichstelle ab!«

»Meinethalben macht ihn,« sagte Herr Bartholomeus, »zum Rat und Bürgermeister.«

Und Herr Bergholz setzte hinzu: »Und wir von Köln wollen doch fertig werden mit Berlin, wenn sie auch ihre Burschen zu Meistern machen und die Kesselflicker zu Ratmannen.«

Hätte es da nicht voll ein Uhr geschlagen von den Türmen der Städte, und wäre Herr Niklas Perwenitz nicht dem einen um den Hals gefallen, als er reden wollte, und hätte den andern am Arm gefaßt, daß er ihn rauszöge, so wäre der Lärmen wieder von vorn angegangen. Es war Herr Johannes Rathenow ein jähzorniger Mann, er wußte sich aber zu beherrschen, wo es galt. Herr Bartholomeus Schumm, der jünger, war von Natur träger, denn er war auch sehr stark beleibt und hatte ein Doppelkinn um sein rund Gesicht; aber wenn er einmal Feuer gefangen, knisterte und sprudelte es lange, und man mußte sich hüten, daß man nicht die Flamme ersticken wollte. Er ließ ihn sprudeln und knistern; nur sah er darauf, daß der Funken nicht aus Zunder fiel, und wo Gefahr schien, goß er vorher Wasser hin. Einen der schimpft, bringt man am leichtesten zur Ruhe, wenn man mitschimpft. Also schimpfte Niklas Perwenitz auf alles, worauf Herr Bartholomeus schimpfte, und noch ärger auf die Raschmacher und auf die Schneider, auf die Zünfte und auf das Pack, und Herr Bartholomeus hatte nichts mehr zu schimpfen, denn Herr Niklas hatte es ihm vorm Munde weggenommen, und so brachte er ihn glücklich bis zur Treppe hinunter.

Bürger und Volk hatten sich verloren; denn darin stimmte auch die Gemeinheit von Berlin und Köln mit ihrem Rate, daß sie um zwölf Uhr zu Mittag essen wollten. Herr Bartholomeus henkte den Degen ein, den seine Diener ihm reichten, und ging links über die Brücke mit einem gar kurzen Gruße, der Bürgermeister aber rechts nach Berlin, und ihn begleitete der Abgeordnete von Brandenburg.

Ihr Gespräch war ernster Art. Aber sie waren nicht einer Meinung. Johannes Rathenow blieb mehrmals stehen und schüttelte den Kopf, wenn Niklas Perwenitz, als es schien, ihm Vorstellungen machte. Vor der Herberge nahmen sie Abschied.

»Wenn wir ihnen einen Finger nachgeben, fordern sie die Hand, und wenn die Hand, den Arm; und ständen wir höflich vom Stuhl auf, um sie zu empfangen, so setzten sie sich wohl darauf und ließen uns stehen: das war ihr Lohn,« sprach der Bürgermeister. »Redet mir nichts von anderen Zeiten, Herr Perwenitz. Wir sind die Herren und sie sind zünftige Leute; das ist älter als die Zeit, und wird über die Zeit dauern; denn Recht ist mehr wert, als was Ihr Schick, Zeit oder Verhältnisse heißt. Wir wissen zu regieren und sie sollen gehorchen. So sie's verlernt haben, wollen wir sie in die Lehre nehmen.«

Niklas Perwenitz' nachdenklich Gesicht mochte andeuten, daß er manches dagegen einzuwenden habe. Aber plötzlich, Ton wie Miene ändernd, sagte er: »So die von Köln nicht zahlen wollen, wer wird den Henning Mollner befriedigen? Er schreit arg, und was das Schlimmste, er hat recht.«

Das Gesicht des Bürgermeisters verfinsterte sich.

»Man spricht bei uns, er wolle an die Feme gehen nach Westfalen,« fuhr Perwenitz fort: »das wäre schlimm für Berlin. Mit den Freigrafen prozessiert sich schlecht. Man spricht auch, er wolle an den Kurfürsten gehen, und das wäre noch schlimmer. Schlimm für Berlin und uns alle, so die Markgrafen Richter werden über unsere Rechte. Bedenkt das wohl, Herr Johannes Rathenow.«

»Der Henning Mollner wird nicht an den Kurfürsten gehen,« sprach der Bürgermeister.

»Meint Ihr? Nun wer wird denn zahlen? Vom Himmel regnen nicht böhmische Groschen. Der Kurfürst zahlt's am Ende am liebsten; natürlich als einen Vorschuß, den er sich von den Städten wiederfordert. Denn wer hat durch der Bürger Tapferkeit, Opfer und Ausdauer damals gewonnen, als die Markgrafen? Der Henning Mollner Vater war ein tapferer Mann, wie einer; Kurfürst Friedrich machte wohl darum den Henning Mollner Sohn zum Fähnrich, so er ihn bäte.«

»Den tollen Buben, den Straßenläufer, den Taugenichts!«

»Sein Vater war ein tapferer Mann, sagte ich, Herr Johannes. Damals am Cremmer Damm, als er sich mit den zwanzig Reitern vor Euch Berliner warf, wo Ihr im Schilf stecktet und so viel mit dem Moor zu kämpfen hattet, um nicht zu ersaufen, daß Ihr an den Feind nicht denken konntet. Ihr, Herr Johannes, saßet auch, als ich hörte, bis am Gürtel im Sumpf. Da zog er Euch heraus und wies Euch sein anderes Pferd und sprach: Rettet Euch und unser Banner; ich will schon aushalten. Er hielt aus, bis ihn die Bredows fingen und arg zurichteten. Nun meinte ich, wenn die Kölner nicht mögen, und die von Berlin dafür halten, daß sie genug gethan, daß Ihr, Herr Johannes, der Mann wärt, es dem Jungen gut zu thun.«

Als der Bürgermeister antworten wollte, drückte ihm der Abgeordnete die Hand und sprach: »Ein andermal, Herr Johannes. Die Sache ist zu lang, und der Tisch gedeckt. Dort winkt mir schon gar ungeduldig Meister Winnewinkel; der arme Mann wartet eine Stunde auf mich. Wollt Ihr mein Gast sein auf eine Rebhühnerpastete, so mir der Meister, weil Ihr Rat hieltet, also zubereitet hat, als ich's ihm gestern noch im Bette verordnete, sollt Ihr mir willkommen sein.« Als der Bürgermeister das ablehnte, eilte Herr Niklas allein in die offenstehende Thür des blauen Hechtes, und hatte er eine Miene, als habe er den lieben langen Vormittag an nichts gedacht, als an die Rebhühnerpastete und den süßen Wein, den ihm Meister Winnewinkel, der Wirt, zapfen sollte.

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