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Der Roland von Berlin - Erster Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Erster Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeVierter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090602
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Zweites Kapitel.

Da ward ihr Gespräch durch etwas unterbrochen. Aus derselben Herberge, in deren oberm Stockwerke die Ritter zechten, kam es heraus, und war gar seltsam anzusehen. Noch war's unter dem Volke nicht zu Blut gekommen, die aufgehobenen Hände senkten sich, die grimmigen Mäuler verzogen sich zu einer Gebärde, so zwischen Verwunderung und Lächeln mitinnen lag, und die Raufhelden ließen die Arme sinken, als sie einen dicken, wohlgenährten Mann mit einem Vollmondsgesichte über ihren Häuptern schweben sahen. Dies geschah nicht durch ein Wunder, noch durch Flügel oder sonst künstliches Flugwerk, sondern vermittelst mehrerer kräftiger Arme, welche den Mann auf einem Schemel hoch über dem Gedränge und durch dasselbe trugen. Die Mehrzahl erkannte auf den ersten Blick das wohlbekannte Gesicht des ehrenwerten brandenburgischen Bürgers und Ratsherrn Niklas Perwenitz. Er zählte unter allen, die ihn sahen, keinen Feind; weder den Fleischhauern in Köln, noch den Lohgerbern in Berlin hatte der freundliche Alte einen Harm angethan. Viele kannten ihn von vor zehn Jahren her als geschickten Vermittler, einige sogar, wozu freilich sein Leib, wie er heut war, nicht mehr paßte, als einen rüstigen Kampfhelden, der das Schwert so gut zu brauchen gewußt, als später die Zunge. Der Zuruf: »Platz! Platz! für Niklas Perwenitz!« fand daher keinen andern Widerstand, als den natürlichen, daß kein Platz war. Der ehrenwerte Bürger, zu spät erst durch den Tumult aus seinem Morgenschlummer von der sehr beschwerlichen Reise von Brandenburg nach Berlin erweckt, fand zum Rathause keinen Weg mehr, als daß er aus dem Fenster auf den Stuhl stieg, welchen mehrere junge Gesellen ihm dort hinhielten, auf den gefährlichen Versuch hin, kraft ihrer Ellenbogen durch den Menschenstrom sich hinüber tragen zu lassen.

Wer ihn sah und das behagliche Gesicht des Alten, verstummte, so die Lippen auch eben zum derbsten Schimpfwort geöffnet waren. Wo sein schelmischer und doch scharfer Blick hinfiel, wirkte er wie Sonnenschein auf Schnee. Die harten Fäuste wurden weich, und ein wohlgefälliges Lächeln breitete sich aus über die Gesichter. Niklas wußte wohl, was sich schickt und was den Leuten gefällt, und ob er gleich ein ehrwürdiger Ratsherr war in seiner Stadt, liebte er doch zu den Leuten zu reden, nicht als ein Gelehrter, sondern wie sie's verstanden und gern hatten, und Lachen hielt er überall besser als Weinen. Wie sie nun vor ihm die Mützen zogen und einige sich unwillkürlich vor ihm neigten, nickte auch er feierlich doch nur mit dem Kinne; der Rücken blieb steif an der Lehne. Als man aber immer munterer und herzlicher dem »Papa Perwenitz« zujauchzte, breitete er wie segnend die Hände aus, und das machte die Lust noch größer. Aber alle konnten ihn nicht sehen, auch kannten ihn nicht alle; und seine Segenssprüche und seine heilige Miene brachten ihn um keinen Schritt weiter, als die kräftigen Rippenstöße der Bursche, die ihn trugen.

»Kinder!« rief er, »macht Platz. Denkt Ihr, daß sie in Brandenburg ihren Rat nicht besser brauchen können, als für Euch auf der Gasse? Zu Euch komme ich nicht; zu den Herren drinnen. Platz, Platz! Oder glaubt Ihr. daß unsere Weisheit wie eine Kugel durch Eure unverschämten Leiber fliegt? Soll ich Euch erzählen, was ich um Euretwillen schon geduldet und gelitten habe?«

Einem beliebten Redner und launigen Erzähler hört das Volk gern auch in Lagen zu, welche noch preßhafter sind als die, darin jetzt die Zuhörer sich befanden. Er erzählte mit breiter Umständlichkeit und Laune seine gestrige Reise, von den Rippenstößen auf dem langen Wege, dem sauren Bier, dem schlechten Brot und stinkenden Käse, von der Nachmittagsruhe auf einer so schmalen Bank, daß er zweimal herunter gerollt, als er einschlafen wollte, und wie ihn die Fliegen dreimal geweckt.

»Ja ich sage Euch, so viel schwarze, stechende Fliegen, daß mein Gesicht schwarz wurde, und dazu so viel Ungeziefer, als wenn alle Eure Jungen die Wämser und Mützen schütteln. Und alles dieses flog und hüpfte und kroch auf mich, auf der Bank im Heidekrug, daß ich schwarz wurde, wie Dein Hemdkragen da. Aber wißt Ihr, woran ich bei den schwarzen Fliegen dachte? An Euch. Und bei den hüpfenden, kriechenden, beißenden, saugenden, stechenden Tierchen? Auch an Euch! Denn so drüber her, und versessen und immer wiederkehrend, dachte ich, und unvernünftig, dachte ich, als diese unverschämten Fliegen, sind auch meine lieben Berliner, wenn sie mal was gefangen haben, und so stechend und beißend als diese munteren Flöhe, deren man nicht habhaft wird, wenn man sie zur Rede stellen will, und fragen: warum thut Ihr das? Dachte ich nun: wenn einer eine Leimrute brächte, und süßen Honig daran, so säßen alle diese Fliegen, die so viel brummen und summen, als gehörte ihnen die Welt, ehe Du Dich umsähst, daran. Darum, meine werten Freunde, kümmerte ich mich nicht um sauer Bier und den alten Käse, nicht um die Wurzelwege, die Ihr einmal ums Genick Eurer Freunde willen ausbessern könntet, nicht um Schweiß und Staub, noch um das zerbrochene Rad, sondern machte mich Hals über Kopf auf den Weg, um Euch das zu bringen, was Euch fehlt. Ihr in Berlin und Köln habt freilich von alters das Stapelrecht und die Niederlage von allem, was bei Euch ein- und ausgetragen wird, Ihr laßt Bier und Honig, Pfeffer und Wachs, Leinewand und Knackmandeln nicht ein und nicht aus, ohne daß Ihr nehmt, was Euch gefällt, aber ich hörte noch nicht, daß Ihr guten Rat, wenn er Euch ins Thor gelaufen kam, zurück behieltet. Darum, Ihr lieben Leute von Köln und guten Freunde von Berlin, schickt mich die »ratsreiche« Stadt Brandenburg, wo Ihr Rat holen sollt, wenn er Euch ausgeht, es aber selten thut, zu Euch, um ihn Euch ins Haus zu tragen; und nun macht Platz mit Euren Köpfen, daß ich durch kann.«

Den kräftigen Rippenstößen eines jungen Mannes verdankte der Brandenburger Ratsherr es wohl nicht weniger als seiner Beredsamkeit, daß so viel Luft wurde, um ihn über die Brücke bis nahe an die Umfassungsmauer des Rathauses durchzupressen, weiter aber vermochte weder die leibliche noch die geistige Kraft. Vergebens streckte Niklas Perwenitz, halb bittend, die Arme zu den Fenstern hinauf. Wenn die Herren vom Rat ihn auch in ihrem Eifer gesehen, ja auch, wenn sie gewollt, sie hätten ihm doch nicht die Hand reichen und ihn einladen können zu sich herauf, denn um Schwelle, Eingang und Treppe war das dichteste Gedränge. Selbst der Weibel, der das Volk von den geheiligten Hallen zurückzuhalten hatte, konnte seinen Stab kaum sichtbar schwingen. So umdrängten sie ihn.

Aber die Väter beider Städte mußten in ihrer Heftigkeit nicht einmal die ihrer Kinder draußen wahrgenommen haben. Eine Figur wie die des ehrenwerten Niklas Perwenitz auf den Schultern der Bürger schwebend und ihnen wie auf einem Teller ins Fenster gereicht, hätte doch den Streit unterbrochen. Denn ein Schauspiel der Thorheit ist so unwiderstehlich, daß auch der Weise ihm ein Auge schenkt.

Das mochte der brandenburgische Ratsherr bei sich bedenken, als er sah, daß er auf dem ordentlichen Wege nicht in den Rat konnte. Um dem Winde zu predigen, hätte er nicht die große Reise gemacht. Wie Herr Niklas nun auch die Ordnung liebte, hielt er doch um ihrer wegen etwas Unordnung für erlaubt, und die Würde einer Magistratsperson und eines Abgesandten nicht für gefährdet, wenn er statt zur Thüre zum Fenster eintrat.

Auf einen schlauen Blick des Alten zu dem jungen Manne, der, als wir sagten, der derbste war, und schlau blickte er auch um sich, ward Niklas Perwenitz plötzlich noch um eine Armeslänge höher gehoben. »Sieh, Papa Perwenitz will fliegen,« hieß es. Aber der Ehrenmann widersprach sogleich durch die That einer Anschuldigung, welche damals gefährlich sein konnte; denn wer kann fliegen, als wer Zauberei treibt! er faßte mit rascher Hand ein Geländer, gab sich einen Schwung, den man dem Wohlbeleibten nicht zugetraut, und stand, nicht in freier Luft, aber auf einem Gestell, wo er noch sichtbarer aller Augen schwebte, als vorhin auf dem Tragsessel.

Er stand auf der Laube. Keine grüne, von Jasmin und Rosen, welche den schweren Leib des Ratsherrn auch schwerlich ausgehalten hätte; sondern war's ein kurz austretendes, von hölzernen Pfeilern getragenes Vordach des Rathauses; darauf fußte Niklas Perwenitz. Eigentlich kein übler Platz für eine Obrigkeit; nur gehörte die Obrigkeit nicht über, sondern unter das Dach. In dieser Laube und der Flurhalle daneben saßen nämlich Richter, Schöffen und weise Männer zu Gericht, was in Berlin alle vierzehn Tage statt hatte. Ursprünglich wurde dies Gericht auf der langen Brücke im Freien gehegt. Ein Seil umspannte die Bänke der Schöffen und den Stuhl des Richters, und die erfahrenen Leute, die man anrief, wenn man sich nicht Rates wußte, was man damals nicht verbergen konnte, da es keine Akten und kein Amtsgeheimnis gab, standen darum her, und sie hießen der Umstand, und sahen zu, daß es beim Rechten blieb. Da es aber vor vierhundert Jahren so oft als itzo in Berlin zu regnen pflegte über Schuldige und Unschuldige, fanden die Richter es angemessener, so für Kläger als Beklagte, wenn beide, und der Richter auch, ein Dach über dem Kopfe hatten. Deshalb rückte man bei schlechtem Wetter die Bänke in die Flurhalle, und da hier nicht immer Raum genug war für alle Zuhörer, baute man noch ein Vordach davor. Das hieß die Laube, und solcher Lauben, zu Gunst und Schutz der Neugierigen, gab es in allen deutschen Städten, wo öffentlich gerichtet wurde. So sorgte man vor vierhundert Jahren, damit jeder wußte, was zu Recht geschah, und dabei trocken blieb. Späterhin hätte man's gern regnen lassen in die Säle hinein, damit die Zuschauer fortgingen.

Auf diesem Laubendach stand Niklas Perwenitz, und mit einem zweiten, minder gefährlichen Schwunge stand er an dem Fenster des Ratssaales und pochte so kräftig an die kleinen, runden Scheiben, daß sie's nicht allein diesseits und jenseits der Brücke in Köln und Berlin hörten, sondern auch drinnen im Saal.

Und hatten die Ratsherren auch nicht das Klopfen gehört, der Jubel, wie er jetzt war auf der Brücke, hätte doch selbst dem Stocktauben die Ohren geöffnet. Die Mützen und Hüte flogen, die Jungen sprangen vor Lust, und die Alten schüttelten sich vor Lachen. Von dem Lebehoch, Niklas Perwenitz gebracht, dröhnte die Luft.

»Ihr Väter der Stadt!« rief Niklas am Fenster, und das hörte man noch durch den Lärm. »Wenn Ihr gutem Rat die Thür verschließt, laßt ihn wenigstens zum Fenster ein. Aufgemacht, holla, Bürgermeister und Ratmannen, wohlweise, alte wie junge! der Deputierte von Brandenburg hängt an Eurem Fenstersims. Ich bin keine Schwalbe!«

Dieweil das Fenster sich öffnete, und dem Ratsherrn nicht ohne einige Mühe hineingeholfen ward, dauerte unten das Lärmen noch fort. Auch wenn der Sturm vorüber, tobt noch lange das aufgeregte Meer. Daß der Junge, welcher den alten Herrn zum Fenster geleitet, bei den Leuten etwas galt und war, ließ sich leicht erkennen, man brauchte nur dem Blondkopf in das blaue Auge zu sehen. Zu allem Lustigen und Tollen war da ein Freibrief zu lesen. Er hatte seine Freunde um sich, wie das so bei Wagehälsen ist. Aber auch ältere Bürger schienen ihm vertraut.

»Das hast Du einmal gut gemacht, Taugenichts!« sprach ein Schlossermeister und schlug ihm auf die Schulter. »Oder hast Du bös Spiel noch weiter trieben und den Brei von vorn eingerührt?«

Der Angeredete schüttelte den Kopf: »Euch aneinander bringen, warum? Habt Ihr Lust, Euch die leeren Schädel ohn' Ursach einzustoßen, thut's auch ohn' den Henning Mollner.«

Nun redeten Unterschiedliche zum Frieden. Es waren ihrer mehr, als man vorhin glauben mochte. Wo die Bürger sich feind sind untereinander und jeder Partei ist, fordert's oft mehr Mut, so einer zum Frieden redet, als wenn er den andern den Stein an den Kopf wirft. Aber wenn man die Häupter versöhnlich sieht, wird's bald auch ruhiger unter der Menge. Kölner und Berliner landen wieder gemischt untereinander. Sie stritten wohl noch, aber sie lachten, und einer klopfte dem andern auf die Schulter. So stehn oft Gewitter am Himmel, es sieht drohend aus und Hagel stürzt auf die Saaten; aber ein Regenbogen spannt sich mit seinen schillernden Farben über die grauen Massen und lacht die Furchtsamen an, und das Herz lacht dann auch und fürchtet sich nicht mehr. Den schillernden Regenbogen hatte Niklas Perwenitz über die Wolken gespannt, die über der Spree drohten.

Der Henning wollte sich entfernen, als mehrere an ihn das Wort richteten. Ein Parteiführer liebt nicht allemal, daß er dafür gilt, und er wies den Bürger Baltzer Boytin nicht sanfter zurück als den Knochenhauer: »Laßt mich in Ruh. Was geht mich Euer Gezänk an! Niklas Perwenitz ist mein Pate. Darum that ich ihm so, als Ihr ihm auch gethan hättet. Das ist alles.«

Aber Baltzer Boytin ließ ihn nicht in Ruh', hing sich an seinen Arm und wollte ihn nicht loslassen, als wär's sein guter Freund. Da sie um die Ecke gekommen, wo's frei war, sprach er: »Mach's einem andern weiß. Denkst, ich hätte das neulich vergessen, wie Du meinen wildesten Hengst haben wolltest? Warum? Ei, um vor ihrem Fenster vorbei zu sprengen, wie toll und blind, daß sie raus sehen sollte. Hab's nicht vergessen. So wenig als Du die schöne Else. Du hast recht,« fuhr er fort. »Die stolzen Herren ein bißchen aneinander gehetzt. Wenn die Reichen sich schütteln, fallen Brosamen für die Armen ab. Nur nicht aufgebraust, junger Herr! Freilich, Du willst keine Brosamen. Das Brot willst Du; Schnitte hineintun, wie's Dir gefällt; und Du hast wieder recht. Doch Fürsicht! Aber was sprech ich! Dir das predigen! Bist Du nicht der fürsichtigste und verschmitzteste Bursch von zweiundzwanzig Jahren; hat sie aneinander gehetzt und auseinander gezerrt, und trägt nun selbst den alten Kuppler ihnen ins Haus, daß er sie wieder streicheln und kirr machen soll. Vor der Hand ist's Dir genug, und Du wartest bessere Zeit ab. Denkst Du, ich verstehe Dich nicht?«

Das große Auge des Jungen verriet, daß er den Älteren nicht verstand. Aber er verbarg's.

»Henning Mollner!« sagte Boytin, die Hand ihm drückend: »die Ratmacher werden auch einmal zu Rat sitzen, und wir brauchen nicht immer Bürgermeister mit weißen Haaren und abgestandener Weisheit. Aber Du hast recht, die Stirn zu runzeln und die Lippen zu werfen. Recht, selbst mir nichts zu vertrauen: denn Du kennst Baltzer Boytin noch lange nicht genug, um zu wissen, ob er's mit der Gemeinheit ehrlich hält, ob er nicht hier die Hand Dir drückt, und wenn er Dich belauscht hat, die Hintertreppe hinausläuft zu den gestrengen Herren und spricht: Hütet Euch vor dem Henning Mollner. Er hat es eingerührt, er die Kölner Herren angetrieben, daß sie nicht zahlen wollen, er den Berliner Herren den Floh ins Ohr gesetzt, daß sie von Bruch und Klagen sprechen und auf ihre Übermacht pochen.«

»Sankt Christoph und sein Kind, das that ich nicht!« brach der junge Mann heraus.

»Das würden sie auch nicht glauben. Aber wenn ich ihnen sagte: Neulich vorm Thor in der polnischen Herberge hat er die Finger so zusammengeschnellt und beim Kruge Bier geschworen, so er die stolzen Herren, je drei und fünf, in einen Müllersack stecken könnt, wollte er in vierundzwanzig Stunden die Stadt rein machen und aus dem Thor tragen, was ihr nichts nutzt: Das glauben sie, Henning. Auch wenn ich zu ihnen sagte: Ihr Grützköpfe, was zankt Ihr Euch um Plundera, und merkt nicht, daß der Boden unter Euch lose wird, darauf Eure schönen, bunten, stolzen Häuser stehen? Die Bürgerschaft murrt, das wißt Ihr und sagt: Laß sie murren; wir sind reich und haben das Heft in Händen. Aber wenn nun einer die Fiedel spielt und Harmoniam in das Murren bringt, wie dann? Einen Kienspan, der brennt, bläst einer aus mit mäßiger Lunge. Aber wenn zehntausend Späne brennen, giebt's einen Brand, und wißt Ihr, ob die Lungen von allen stolzen Herren und ihren Muhmen und Vettern dazu stark genug sind? Und seid Ihr denn in Euerm Stolz und Hochmut so blind und taub, den Fiedler nicht zu sehen und zu hören? Er ist nur ein zünftig Kind, aber so keck und mutig und hochfahrend, um Rittersporen zu tragen, und reich dazu, und hat einen Anhang, dem er nur zu pfeifen braucht. Und solchen Bürgerssohn seid Ihr so unvernünftig gewesen, vor die Nas zu stoßen? Den abzuweisen, als er um die Stadtfähnrich-Stelle einkam, und noch dazu mit Spott und Hohn? Denkt Ihr, daß der Euch das vergißt? Und nun laßt Ihr ihn in Eurer unbegreiflichen Ruhe ungefährdet umherlaufen, Freundschaften stiften, so in als außer den Städten? Jetzt wäre der Junge vielleicht noch abgefunden mit einem Bissen süßem Brot und einem Läppchen Ehre. Weiß er vielleicht selbst noch nicht, was er unter den Bürgern gilt. Aber gebt acht, nachdem 's ihm heut gelang, Frieden zu stiften, wird er selber merken, was er kann. Hätte er heut zwischen Kölnern und Berlinern gehetzt, da wäre mancher Tropfen warmes Blut von der langen Brücke über die Spree geträufelt. Aber der Junge dachte: Wozu? Wollen's sparen, bis Zünfte und Gilden einig sind, und es gegen den Rat mitsammen losgeht. – Das würden sie glauben, Henning, wenn ich es ihnen sagte; und was gilt's, der Ratsschreiber flickte Dir was an den Hals; und meinst Du, daß sie so lange zu suchen brauchten, um zu finden, warum sie Dich ins Loch schmeißen, darin schon mancher Bürgerfreund faules Wasser trank?«

Weshalb Henning Mollner nachsann, waren nicht die Erinnerungen, um deren willen ihn ein wohlweiser Rat einstecken könnte. Waren seine Streiche doch stadtkundig. Er mochte Baltzer Boytin nicht, den gelben, leberkranken Störenfried, den streitsüchtigen, bankbrüchigen Krämer und Roßtäuscher, der immer vor Gericht lag und immer wieder zu Gelde kam, niemand wußte wie. Und Geld bringt Kundschaft und Ehre.

Baltzer lächelte, als er zum Abschiede dem Jünglinge die Hand drückte: »Unbesorgt, Henning. Du wirst mich kennen lernen. Baltzer Boytin ist ein Mann, der um Ehre und Vorteil willen auch einen Feind nicht an die Hochnäsigen verrät, geschweige seinen Freund. Aber es sind nicht alle wie ich. Was Dich wurmt, verbeiß es; was Du grübelst, thu es unter einer glatten Stirn. Im übrigen sei lustig, oder toll, wie zeither, ehe Du verliebt wardst. Denn von einem Tollkopf versieht man sich am wenigsten, daß er den hochweisen Rat – Doch, siehst Du, ich weiß zu schweigen, auch zwischen Dir und mir.«

Als Baltzer Boytin im Gedränge verschwunden war, wußte Henning Mollner noch immer nicht, was er verschweigen wollte. Noch hatte Henning von keinem Gedanken, der ihm durch den Kopf ging, ein Hehl gemacht. Und doch war es jetzt anders. Ein Funke war in eine vollgespeicherte Vorratskammer gefallen, ein Blitz hatte durch die Gemächer eines dunklen Hauses geleuchtet. Henning fühlte zum ersten Male etwas wie Schreck, und zum ersten Male fühlte er, daß er etwas zu verbergen habe. Daß Baltzer Boytin dies wußte, daß er es gewesen, der den Blitz geschleudert und den Funken entzündet, verdroß ihn. Immer hatte sich das Gelbgesicht an ihn genestelt, und ihn mit seiner Vertraulichkeit belästigt. Er hatte sie zurückgewiesen. Das durfte er jetzt nicht mehr. Er war wirklich Vertrauter, wenn auch nur von einem Gedanken geworden, der in ihm erst geboren ward. Und doch mußte die Summe seiner Gedanken nicht so übel sein; seine Stirn färbte sich zum Leuchten, sein Auge glänzte, und denen, die ihn grüßten, nickte er mit einer Miene, die da sagte: »Ich weiß doch mehr als Ihr!«

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