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Der Roland von Berlin - Erster Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Erster Band - Kapitel 15
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Erster Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeVierter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.

Die Nacht war keine strenge Winternacht: aber kalt genug, um die rauchenden Köpfe abzukühlen. Als wir gehört, gab es dazumal noch keine Karossen zum alten Berlin, um von einem Ball nach Haus zu fahren. Die unbehilflichen langen Wagen, wer deren in seinem Hofschuppen stehen hatte, brauchten die reichen Familien nur zu Reisen aufs Land, nach ihren Meierhöfen und Besitzungen. Auch die sänftenartigen Kasten, von zwei Pferden getragen, das eine vor-, das andere hintergespannt, und sie ruhten auf Stangen, benutzte man selten. Die Gassen waren so eng und krumm, die Wege so kurz: und mit tüchtigen Schuhen erreichte auch der zarteste Fuß in einer schmutzigen Winternacht seine Schwelle.

Also darf es kein Wunder nehmen, daß man die Jungfer Elsbeth sah durch Schnee und Wetter nach der Nagelgasse zu Fuß wandern; ob sie doch des Bürgermeisters einzige Tochter war. Sie hatte, damit man keine Sorge trage, daß sie sich erkälte, etwas, davon überhaupt in den Chroniken wenig geschrieben steht, einen mit Pelz gefütterten Mantel um, der, um die Schultern eng, in vielen gesteppten Falten weit nach unten auslief, und auf dem Kopfe eine spitze Kappe, auch mit reichem Pelzwerk ausgeschlagen. Und neben ihr ging Frau Heideckin, ihre Muhme, nicht minder wohlverwahrt; und beide Frauen hatten sich die Röcke zusammengenommen und sahen vor sich, nicht auf die Steine, denn Pflaster gab es noch selten, aber auf die Schmutzlöcher im Wege, daß sie nicht hineintreten; und ein Diener, der vor ihnen ging, leuchtete mit einem Lichte, das er an einem Stocke unter geöltem Papier trug, ihnen den Weg, denn Laternen, die über der Straße an Stricken hingen, gab es noch nicht. Wer in den Städten sehen wollte, mußte sich selber leuchten. Hinter ihnen gingen zwei Diener: der eine trug eine Hellebarde, der andere ein langes Schwert.

Also waren sie wohl bewahrt und gehütet; aber die Nacht ist keines Menschen Freund, und war es im Mittelalter noch weniger, wo zwischen Himmel und Erde so vieles sich umtrieb, was heute weder die Philosophie noch die Polizei duldet. Hölzerne Giebelhäuser mit Obergeschossen, die herüberragend die Straße verdunkeln, die Schilde an Balken vom Winde geschleudert, die weitauslaufenden Dachrinnen mit gähnenden Drachenköpfen, die knarrenden Wetterfahnen auf den Giebelfenstern; hie und da ein Steinbild an den Ecken, unter einem Baldachin oder in einer Blende ein Muttergottesbild, davor ein Lämpchen brannte – alles das, und noch manches andere, machte eine nächtliche Wanderung, zumal für Frauen, in Berlins Gassen nicht erquicklich. Um deshalb hasteten die beiden, was sie konnten, und es sprach keine zur andern, wie es doch sonst Sitte ist, wenn sie vom Ball kommen, außer sie warnten eine die andere, wo ein Loch war und wo ein großer Stein lag.

Und doch war es in dieser Nacht nicht ganz so still, als es wohl sonst war zwischen der Geisterstunde und dem ersten Hahnenschrei. Man hörte von allen Seiten den Lärm der Nachhauskehrenden vom Bankett, und die Nachtwächter hatten Streit mit den Angetrunkenen und Mutwilligen. Müßiges Volk war auch noch auf den Beinen, das ihnen folgte, wo sie einen guten Herrn in sein Haus trugen mit Fackeln und Spielleuten voran, je wie es nach eines jeden Stande und Vermögen sich schickte. Das war vor einer Thür in der Straße nach dem Oderberger Thore viel Aufhebens, und fast unanständig wurde der Lärmen. Sie hatten den edlen Ritter Herrn Britzke mit vieler Musika und sechs Fackeln dahin getragen, und er war so voll, daß er kein Glied rühren konnte; aber sein Wirt, der ein Schlossermeister war, wollte nicht aufthun, weil er sich vor dem vielen Volk fürchtete. Er sprach aus dem Fenster, den Ritter und Stadthauptmann Edlen möchte er schon aufnehmen, aber der bei ihm wohne und abends ausgegangen, habe auf zwei Beinen gestanden, den sie aber brächten, der könne ja nicht mal auf vieren gehen, und kenne er ihn nicht; um deshalb möchten sie ihn wieder ins Rathaus tragen, oder auf die Thorwacht, daß ihn morgens der Rat auslöse. Solches lose Wort verdroß alle, die es hörten, gar sehr; denn was konnte der Meister dem Ritter vorwerfen, daß er getrunken wie ein rechtschaffener Edelmann, und an einem guten Orte, und zu Ehren seines Wirtes! Auch ward der Schlossermeister andern Tages von seinen Kumpanen darum gescholten und in eine Geldbuße genommen. Denn wie auch Bürger und Geschlechter aneinander lagen, um das, was ehrbar ist, schicket es sich nicht, daß in einer guten Stadt einer den andern schilt.

Als die Frauen um die Ecke bogen, kam ihnen ein Winseln entgegen, als wenn einer sterben müßte. Unter dem Haus der Aken lag auf seiner Schwelle der alte Herr Tydeke, und konnte nicht mehr die Treppe hinauf, und war doch noch so bei sich, daß er nicht leiden wollte, daß sie ihn trügen. Seine Freunde und Sippe standen um ihn, mit Lichtern, und beklagten den alten Mann. Er aber richtete sich auf und sprach, sie sollten nicht um ihn klagen, vielmehr um die Stadt. Denn die guten Zeiten wären vorbei, und die Sittenverderbnis rücke an. Die Freunde sprachen, einer zum andern, das sei wohl wahr; denn itzt möchten sie den Jungen sehen, der das vertrüge, was der alte Herr Tydeke. Und hätte gesessen bis auf die Letzt, wie ein Fürst unter seinen Vasallen, und keiner hätte es ihm angemerkt, daß der Kopf schwer wurde. Auch gegangen sei er bis hier, nur von zweien untergefaßt, und erst auf der Schwelle seines eigenen Hauses war er hingestürzt.

»Es sieht schlimm aus, Ihr Freunde,« stöhnte der Alte, »so mit uns, als mit den Städten insgemein; – wir halten nicht mehr zusammen – einer steht ab vom andern. – So die Geschlechter nicht stark sind, und einträchtig, wer ist dann stark, wie hält's? – Wenn um eine alte Mauer die Schlingpflanzen wuchern, sieht es eitel schön aus, doch ist's das Nest für Regen und Fäulnis, und die Wurzeln bohren in die Ritzen, und die Fugen der Steine gehen auseinander. Dann haben die Mauerbrecher gut Spiel. Und so wird's kommen – Ihr Jungen, ja Ihr werdet's erleben – den Wein kochen sie nicht mehr mit Ingber, ist ihnen zu stark – das Bier, daß Gott erbarm, was sie heut brauen! Als wir zählten 1397 – beim großen Hansetag in Hamburg – ich war da für Berlin und Jasper Hakenberg für Köln – mit 'nander saßen die Herren von allen Städten und tranken Rostocker Aussatz – sieben Stunden tranken die Herren und eine halbe zu Ehren ihrer Städte, wer das meiste könnte, und um neun trugen sie die von Lübeck fort und Brandenburg, um zehn die von Lüneburg und Magdeburg, um elf von Stralsund, von Wismar und Prenzlow – und das waren gute Leute, sag' ich Euch, es giebt solcher nicht mehr; und wer blieb sitzen am Tisch? – Jasper von Köln und Tydeke von Berlin. Das gab Ehre. Da schlug das Herz im Leib. – Brachten die von Hamburg morgens drauf uns eine feine Musika und silberne Ehrenbecher – ward's eingezeichnet in der Stadt-Chronika zu ewiger Ehr' für beide Städte und zu mancher Ärger – sage nicht wem! – Wo itzt zwei, wo einen finden in Köln und Berlin, so die Herren schicken könnten zum Hansetag?«

»Er hat wohl recht,« murmelte es im Kreise.

»Ihr werdet zum längsten zur Hanse geschickt haben!« brummte die Stimme eines Mannes, der tief im Mantel verhüllt war. Es war der Baltzer Boytin; doch kannte ihn keiner.

»Freilich! freilich!« leuchtete es in dem Alten auf, der es gehört, und seine Augen funkelten. »Zum längsten hat es mit uns gedauert! Fremdes und nichts als Fremdes im Land – so Fürsten und Herren, Handelsleute und Ware, fremde Sprache und fremder Wein, fremde Sitten und fremde Herzen. Sie verachten Euer Bier und Euer Mahl, Euer Herkommen und Eure Rechtsame – und wißt Ihr, wer ihr Bundesgenoß ist?«

Da hielt Baltzer Boytin aufmerksam den Kopf hin und lüftete den Mantelzipfel, daß das Ohr frei wurde.

»Ist Eure eigne Schlechtigkeit. Daß Ihr Euch ziehen lasset, als sie sich dehnen, daß Ihr verachten lernt, was Ihr sollet ehren. Ihr seid sassische Leute und sie sind Franken; das thut nie gut bei 'nander. Die Franken schwanken und wanken; die Sassen halten fest. Wo haltet Ihr fest, an Ehre und Sitte, an Sprache und guter Gewohnheit? Eure Stiefeln riechen schon nach fränkischem Leder, Eure Reden schmecken nach fränkischer Zunge. Es hat schon zum längsten gehalten die alte Zucht, also hielt am längsten Eure Macht und Ansehen. Eure Bürgermeister verredet Ihr, Euren Älterleuten seid Ihr aufsässig, die alte Ordnung zaust Ihr bei den Haaren, wie ungeratene Söhne, so ihren Vater hänseln. An dem Bande, dran die Städte hangen, zerrt Ihr und reißet, bis es zur Schlinge wird, die ein anderer Euch über den Kopf wirft. – Und so ist's, und so wird's kommen, zum längsten hat's gewährt, und es geht aus. – Eure Mauern werden in Schutt sinken, Eure Freiheit wird betteln geh'n, der Roland wird sein Schild auf den Rücken nehmen und auswandern, Eure Kinder werden nicht wissen, was ihre Väter waren, und Eure Enkel nicht verstehen die Sprache, die ihre Väter gesprochen. – So ist's, so wird's, der alte Tydeke sagt's.«

Mit einem hämischen Gelächter, das er jedoch für sich behielt, schlich Baltzer Boytin fort, und in einiger Entfernung den beiden Frauenzimmern nach, indes seine Freunde den alten Herrn Tydeke nun hinauftrugen. Er hatte sich nüchtern gesprochen.

An der Rolandssäule, die am Eingang der Nagelgasse stand, nahm die Muhme von der Jungfrau Abschied. Die Heideckin litt es gern, was die Jungfrau sie bat, daß sie beide bewaffnete Diener und den Laternenträger mit sich nehme, denn ihr Weg nach der Stralower Straße war noch weit, und wer geht gern allein um die dunkeln Kirchenwinkel zur Nachtzeit. Es war nur ein paar Schritt bis zur Thür für die Jungfrau; aber die Heideckin wandte sich noch einmal um und sprach: »Will Dich vorerst über die Schwelle gehen sehen, Kind. Der Vater Gestrengen könnte mir bös werden.«

»Ei, Muhme, sind's doch nur drei Schritt – geh' Du mit Gott.«

»Nicht so dreist, Kind. Unglück lauert auf allen Wegen. 'S ist oft nur ein Schritt zum Grabe, und ein Schritt zum Verderben; und der Böse geht mit einem Schritte weiter, als der Gerechte mit tausend.«

Wie Elsbeth darüber lachte, fuhr es der Muhme unheimlich durch die Gebeine, denn wer lacht zu solcher Stunde und an der Kirchenmauer!

»Geh' Du mit Gott, sag' ich, liebe Muhme Walburg, und laß mich gehen mit mir. Ich bin meines Vaters Kind, und der hier,« sprach sie, auf den steinernen Roland weisend, »ist meines Vaters Diener. So einer mir in den Weg träte, ruf' ich ihn zu Hilfe.«

Das dünkte der Muhme wie eine Versündigung, daß die stolze Jungfrau den Roland ihres Vaters Diener nannte. Unter dem Pelze schlug sie ein Kreuz und wandte dem Mägdlein und der steinernen Bildsäule zugleich den Rücken, denn es war ihr, als müsse solche Herausforderung auf der Stelle gestraft werden. Aber wer konnte mit Elsbeth zurecht kommen, die recht sichtlich an der Säule stehen blieb, bis die Muhme um die Kirche verschwunden war, damit es nicht aussehe, als fürchte sie sich doch. Die Heideckin aber sprach für sich, als sie wieder in die Gasse gekommen, wo es heller wurde, denn so lange sie im Schatten der Kirche war, sprach und dachte sie nichts, als das Ave Maria, das sie zwischen ihren zitternden Lippen murmelte: »Haben wohl recht, die Leute, wenn sie sagen, wer möchte in der Haut der Rathenows stecken! Denn, weiß der Himmel, in der Familie ist doch was, man weiß nicht was, aber es ist nicht wie bei andern Leuten. Mit dem Alten wird man nicht froh; sieht doch sein Gesicht aus wie der Roland selbst. – Die Elsbeth ist meine liebe Pate, und wer wollte dem Kinde was nachsagen! Aber Art schlägt nicht aus der Art. Als hätte sie doch eine Schneiderelle verschluckt. Und wenn sie sich auf dem Hacken umdreht, und so über die Schultern sieht – wo schaut mir eine so aus, hüben und drüben! Es thäte mir in der Seele leid, aber Hochmut kommt vor dem Fall. Man erfährt mehr Böses denn Gutes und der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht. Ein jeder ist selbst sein größter Feind – ich hörte es wohl munkeln, und zu Falle kommen sie auch, ja ganz gewiß. Ach Du Christus Jesus, es wäre doch schrecklich, wenn ich das noch erleben muß. Aber mit ansehen möcht' ich es doch, ob sie dann noch den Kopf so hoch tragen, und sich besser dünken als unsereins.«

Davon hörte Elsbeth nichts, und sie dachte noch weniger, daß die Muhme so etwas denken könnte. Denn so jeder wüßte, was der andere von ihm denkt, hätte wohl niemand Freunde, und wir ständen alle so allein und kalt in der Welt als der steinerne Roland, in dessen Gesicht itzt die Jungfer blickte; und sie schrak doch unwillkürlich zusammen, denn es war ihr, als wären es des Vaters Züge, der sie streng und traurig ansah, wie es wohl unterweilen geschah. Der Wind wehte über das Kirchendach und pfiff durch die Gewölbe, wo ihre Väter schliefen; vom Kopfe des Roland fegte er den Schnee, der wie Silberlocken von eines Greises Haupt herabfiel. Ihr Herz pochte, und fast wünschte sie, daß die Muhme noch bei ihr wäre, wie trotzig sie auch eben die fortgewiesen. Also schlug sie den Mantel enger um und eilte an die Thür und griff nach dem Klopfer und schlug heftig an. Sie hätte was darum gegeben, daß sie schon zwischen ihren Pfühlen lag, und wußte doch nicht, was es war, das sie bang machte. Oben drehte sich langsam eine Thür in ihren verrosteten Angeln, und die Muhme Gertraud hustete, und langsam stieg sie die Stiegen herab und sang dabei ein traurig Liedlein. Da wurde Elsbeth fast ungeduldig: »Kannst Du denn nicht schneller machen, Muhme Gertraud? Mich friert.«

»Zu seinem Unglück kommt jeder früh genug,« stöhnte die Muhme. Elsbeth stampfte mit dem kleinen Fuße auf: »Ei, was mußt von Unglück reden itzt! Ich bin müd und will zur Ruh.«

»Alles zu seiner Zeit,« antwortete die hohle Stimme. »Die zur Ruh möchten, läßt er warten, und die ihn nicht rufen, denen winkt er unversehens um die Eck.«

»Wer? – so schließ doch auf.«

»Der Tod! Der Tod. Der wartet nimmer, und läßt doch länger warten als die schläfrigste Pförtnerin.«

Der schwere Schlüssel knarrte in dem großen Schlosse, und Elsbeth preßte sich an die Thür, denn hinter sich hörte sie Geräusch, und es war ihr, als fliege der Schatten eines Mannes über die Straße. Als sie nun aber durch die kaum geöffnete Thür sich hastig drängen wollte, riß die Heftel, die ihren Mantel zusammenhielt, und er blieb draußen liegen, daß sie die Thür nicht zuschlagen konnte. Vor ihr stand mit der Lampe die alte Gertraud, ein Gesicht, wie der leibhafteste Tod, der sein bräutlich geschmücktes Opfer angrinst. So musterte sie die Jungfrau von Kopf bis Fuß.

»Was schaust mich an, Muhme, als gehöre ich nicht ins Haus?«

»Pracht und Morgenglanz gehören auch nicht in dies Haus,« antwortete die Alte. Es war ihre Redeweise. Elsbeth erschrak darüber nicht mehr.

»Schläft der Vater?«

»Wenn ihn auch die Ratsherren schlafen lassen; die Träume sind nicht so gefällig.«

»Du sollst nicht gegen meinen Vater sprechen,« sprach Elsbeth.

»Wer unterstände sich's, gegen den Sohn des Mattheus zu sprechen! Nimm auf Deinen Mantel. Meines Mannes Mantel lag just ebenso, als er niederkniete auf den Sandhaufen. Dann hing er sich die Kette ab vom Hals, daß sie nicht blutig würde – Herr Gott, wo ist Deine Kette, Elsbeth?«

Elsbeth fühlte auf die Brust. Die Kette war fort. Sie warf den Mantel wieder hin; die Alte leuchtete. Vergebens betastete sie Brust und Hals; sie war losgerissen, spurlos fort: »Mutter Gottes, gebenedeite Jungfrau, meine Kette! Wo ist meine Kette?« Sie hob den Mantel in die Höh', umsonst; sie riß der Alten die Lampe aus der Hand, vergebens. Die Kette lag nicht auf Flur und Schwelle. Sie stieß die Thür auf, sie tappte, fühlte; alles vergebens.

»Eine schöne Kette,« murmelte Gertraud, »rotes feines Gold aus Venedig, und Steine und Perlen aus dem Morgenland!«

»Ach Gott, ach Gott, die Kette, meine Kette!«

»Deines Vaters Kette! Ja, ja – ist ihm lieber als sein Kind.«

»Liebe Muhme Gertraud! Ach heilige Mutter Gottes!«

»Du wirst sie doch nicht verloren haben?«

»Nein, nein, ich habe sie nicht verloren, gewiß nicht. Es ist so dunkel.«

»Und die Kette blinkte so hell. Ja, ja, nach dem Tage kommt die Nacht. Sie geht ihm über alles. Hat sie keiner versetzt Deiner Vater; wer weiß, was nun kommt. Der Herren Freundschaft ist eine Wetterfahne. Wer spürt heute, woher der Wind morgen bläst und übermorgen.«

Elsbeth hörte nichts davon. Ohne Kälte und Schneeluft zu achten, rannte sie hinaus; die Alte folgte ihr, die Hand vor der Lampe. Es suchte aber noch ein dritter mit, und als die Jungfrau jetzt die Hände über den Kopf schlug und Gertrauds Hände faßte und sprach: »Muhme! Wer schafft mir meine Kette. Ach Gott, der Vater! Ich darf nicht so vor ihn!« da sprach eine wohlbekannte Stimme: »Nun, der wird sich auch noch finden!«

Es war Henning Mollner.

»Henning, bist Du's?« sprach die Jungfrau. »Ach, wie Du mich erschreckt hast.« Sie reichte ihm die Hand und drückte sie. Das hätte sie wohl auch jedem anderen Bekannten gethan, der itzt ihr in der Not erschien. »Ach, Henning, lieber guter Henning, weißt Du – ich habe die Kette verloren, die schöne Kette – ach. Du kannst mir nicht helfen!«

»Ein Schelm verspricht mehr als er kann,« sagte Henning, »aber ein Mann kann mehr als ein Schelm.«

Sie schluchzte bitterlich: »Ach, er hat sie mir auf die Seele gebunden. Er wollte sie mir nicht geben. Ich bat ihn, und streichelte – bis er sie gab. Ach Henning, es war unrecht von mir, ich kann ihm nicht wieder ins Auge sehen. Lieber Henning, komm, suche mit mir.«

»Elsbeth!« rief die Muhme mit aufgehobenem Finger, denn es hatte den Anschein, als wolle die ungestüme Jungfrau an der Hand des Burschen den ganzen langen Weg bis zum alten Rathaus zurückmachen. »Elsbeth, Du weißt nicht, was Du sprichst.«

»Ach Muhme, Du hast wohl recht,« schluchzte das Kind fort. »Geh nur, Henning, leb wohl. Nein, geh nicht! Ach Gott, ich weiß nicht – daß Dich der Vater nicht sieht.«

»Ich will ja suchen gehen.«

»Du wirst sie auch nicht finden.«

»Wie Du nun wieder redest, Elsbeth,« sprach Henning, und es klang empfindlich ernst. Und schien's, als ob in dem Augenblick wieder die Zeit, wo beide Kinder waren und nichts weiter, auftauchte, und die Verhältnisse hatten keine Schranken zwischen ihnen aufgetürmt. »Wenn Dir eine Taube fortflog und Du weintest, und hattest Dich gar unglücklich, habe ich sie Dir nicht immer wiedergebracht? Oder wenn Dir einer einen Schabernack anthat, hab ich's sitzen lassen, hab ich's nicht immer rausgebracht und ihn tüchtig abgestraft, wie er's verdiente? Wenn Du auch anders worden bist, ich bin's nicht. Und so gute Augen wie einer in der Stadt habe ich auch, um zu sehen, wo was zu sehen ist, und einen Arm und eine Faust und Hände habe ich, um Dir noch immer Recht zu schaffen, wenn Dir einer unrecht thut.«

»Du lieber, guter Henning, sei nicht bös.«

»Du kannst nicht durch die Gassen laufen, Elsbeth. Bleib bei der Muhme, laß mich sehen. In die Erde kann's nicht versunken sein, und wenn's eine unnütze Hand griff, Wetter noch mal, die sollte lieber wünschen, daß sie brennendes Pech griff. Verlaß Dich drauf.«

»Henning! Henning! goldener Henning – wenn Du –« sie hielt die bittend gefalteten Hände in die Höh, und ihr Auge blickte so süß und dankbar, daß der Junge schon darum über ein paar Mauern geklettert wäre.

»Was dann?« – fragte er. Aber plötzlich, wie sich selbst unterbrechend und strafend, schnellte er die Finger zusammen. »Pfui! Das war's nicht, man soll sich nichts versprechen lassen, um zu thun, was recht ist. Will Dich auch nicht bitten, daß Du wieder sein sollst, wie Du sonst warst. Denn bist Du's nicht von freien Stücken, was hilft's Dir und mir. Aber – nun davon schweig' ich – wo hattest Du zuletzt die Kette?«

Elsbeth senkte nachdenkend das Köpfchen: »Als ich den Mantel drinnen abnahm, da verhäkelte sie sich – dann beim Tanz mit Herrn Wilkin Hakeberg – ei freilich auch noch bei Tisch – auch noch, wie Herr Dietrich – er sagte, sie blitzte ihm ins Auge –«

»Freilich blitzte sie,« unterbrach Henning. »Nicht Herrn Dietrich allein, den Frauen und Dirnen allen. Ach Elsbeth, so Du wüßtest, was sie von Dir sprachen! Mir that's in der Seele weh –«

»Woher weißt Du's?«

»Die Stadt weiß es, und Du allein weißt's nicht. Das kommt aber davon, wenn man sich mehr dünkt. So warst Du sonst nicht – wo hast Du's nun her? Elsbeth, ich möchte für Dich durchs Feuer gehen, und wenn ich nichts von hätte, aber wenn Du so hochmütig auf die Hacken trittst und den Kopf über die Schultern wirfst und einen nur halbwegs anblickst und meinst, es sei doch noch gerade gut – siehst Du, dann – nein, das wollt' ich nicht sagen. Aber Elsbeth, Du bist mir so lieb, wie mein Augapfel, nein, noch mehr, und es schneidet mir ins Herz, wenn sie mit den Fingern auf Dich zeigen und von der hochmütigen Jungfrau zischeln. – Allerliebste Elsbeth, wer sich das unterstände vor mir, ei, ich wollt' ihn ja – Aber Dir ins Herz es reden, das hab' ich mir längst vorgenommen. Du warst immer stolz und wild, aber darum warst Du mir um so lieber. Aber seit Du Bürgermeisterstochter bist, sage, um aller lieben Heiligen willen, bist Du darum was Besseres, als da Du eines ehrlichen Mannes Kind warst und einer ehrlichen Frauen Tochter? Anderwärts kann jeder ehrliche Bürger Bürgermeister werden, warum hier nicht? – Aber das ist's ja nicht, was ich sagen wollte. Liebe Elsbeth –«

Die Jungfrau hielt die Hand an die Augen.

»Weine nicht, Elsbeth, das Halsband schaff' ich Dir. Eh's Morgen ist, hast Du's. Aber wer weiß, ob ich Dich morgen wiedersehe. Bist ja eine Bürgermeisterstochter, und wenn Du's hast, und der Vater wieder gut ist, so lachst Du mir ins Gesicht.«

»Henning!«

»Ja, ja. Du lachst. Aber lache nur. Der Junker Melchior, das sage ich Dir, der soll doch nicht lachen. So wahr ich Henning Mollner heiße, ob ich auch nur ein Raschmacher bin, und er ist ein Patrizier. Ein schöner Patrizier! Ein Bauer ist er, ein Krämersohn. Ich messe mich mit ihm alle Tage, und was Freunde anlangt, laß ihn seine rufen und ich meine – wer hat mehr?«

»Henning, Du hast Wein getrunken.«

»Wein spricht wahr. Warum er Dich nicht heimführen soll? Weil er Dich nicht liebt; weil Du zehntausendmal zu gut bist für solchen Melchior. Hat er Dich lieb, und kümmert er sich um Dich? Weil Du Bürgermeisterstochter bist, weil die Alten es gekuppelt haben, weil sie im Rat ihr Regiment zusammennähen möchten, darum. Und was kriegtest Du mit dem Melchior? Einen – pfui! Daß ich ihm einen Fußtritt gäbe, mit allen seinen Kisten, Kasten, Häusern, Kähnen und Zaunpfählen. Den Melchior laß Du den anderen; da schaun genug nach ihm aus, Mütter und Töchter. Hacken möchten sie auf Dich – ist's nicht zum Lachen – neidisch auf den Melchior! Elsbeth, hätte ich eine Lunge wie der Wind, wenn er von Spandow kommt, und Feuer in der Brust, so viel als in allen Kalköfen brennt, ich wollte ihn anblasen. Ich hasse ihn, Elsbeth, weil er Dich will. Eher sollen sie die Turmspitzen von Sankt Petrus und Sankt Nikolaus zusammenbinden, als Dich und ihn –«

»Henning, lieber Henning, Du schüttelst mich ja wie die Eva Schumm.«

» Eva Schumm!« rief Henning, sie loslassend, und schlug gegen die Stirn. »Eva Schumm riß Dich an die Brust –«

»Woher weißt Du das?«

Henning sprang in die Höhe: »Juchheißa, die Eva Schumm! – Morgen hast Du es wieder. Wann darf ich an Dein Haus klopfen und das Halsband bringen?«

»Ach, lieber, lieber Henning, ich glaubte, Du wärst rasend geworden. Wann Du willst; je eher, je besser.«

»Um Schlag sechs wird das Haus der Rathenows jedermann geöffnet, der ehrbar kommt,« sprach die Muhme. »Die Tochter Johannes' hat nichts auf der Straße zu suchen, wenn junge Bursche suchen gehn.«

Damit trieb sie die Jungfrau über die Schwelle, die doch noch einmal nach dem tollen Jungen, der mit drei Sätzen um die Ecke war, ausschaute und in ihrem Köpfchen vielerlei Gedanken ins Haus mitnahm, das Gertraud nun hinter ihr zuschlug; wer ihren Blick verstand und was die Muhme murmelte, hätte gewußt, daß auch sie dem kecken Burschen, der des Bürgermeisters Tochter so arge Dinge gesagt, mehr hold war, als es der strengen Hüterin einer mutterlosen Jungfrau ziemt.

Wer Henning durch die öden Straßen fliegen sah, hätte gemeint, er sei ein Dieb, dem die Häscher auf den Hacken sind. Er aber blieb vor dem alten Rathaus stehen, was Diebe nicht zu thun pflegen. Denn sie scheuen das Haus, wo in alten Zeiten Gericht gehalten wurde, ehe sie das neue Rathaus auf der langen Brücke bauten, und noch hing damals, und es hängt bis auf den heutigen Tag, das Halseisen am Pfeiler nach der Spandower Gasse zu, und die Herren ließen hier manchen Mann am Kaak stehen und auspeitschen. Überdem, wer mochte stehlen in einem leeren Hause!

An der Schattenseite gegenüber blieb Henning stehen und schaute mit übergeschlagenen Armen auf die Fenster und maß die Höhe. Drinnen brannte kein Lämpchen mehr, und es war still wie in einem Totenhaus. Er schnalzte mit der Zunge und mochte mancherlei sinnen. Dann murmelte er für sich: »Morgen muß sie's, also muß ich's noch heute haben. Sie schlafen alle; weck' sie der Teufel. Und wenn ich den Teufel spielte, die Schlüssel sind an den Ratsherrn abgeliefert. Der würde sie mir auch geben, und ich ihn bitten! Wo keine Treppe ist, hilft eine Leiter, und wo die Schlüssel nicht zu Haus, stößt man die Fenster ein.«

»Tollkopf!« rief es hinter ihm, und Baltzer Boytins Hand berührte unsanft seine Schulter. »Hast Du mich nicht außer Atem gesetzt. Wo steckst Du? Was sprachst Du mit der Bürgermeisterstochter? – Ich schnappte nur ein paar Worte weg.«

»Immer zu viel für Dich,« murmelte Henning.

»Es wirkt, es zündet, Henning. Hättest Du gehört, was ich in allen Kneipen und Kellern. Es wird wirken, es wird einschlagen. Die Herren sind fuchswild auf ihn, und das verstockte Volk fängt auch an, einzusehen, was Johannes ihm sein kann. Nur ihn noch bearbeiten und – was willst Du thun?« fragte Baltzer erstaunt, als Henning in den Winkel am Rathaus sprang, wo die Feuerleiter an die Wand gelehnt hing, und sie aus dem Haken loshaspelte.

»Ihn bearbeiten helfen.« – »Junge, mit der Ratsleiter?« – »In der Not geht alles.« – »Zum Schatz ins Fenster steigen?« – »Vielleicht.«

Zu seinem großen Erstaunen sah er aber den Burschen die Leiter an das Fenster des Rathauses anlegen. »Daß Dich – Henning! – Junge! Willst Du Dir ein Halsband holen? Der Rat spaßt nicht.«

»Getroffen, ich hole ein Halsband.«

»Hast es bequemer hier,« antwortete Baltzer Boytin, indem er auf den Kaak deutete, wo die eiserne Halskette hing. »Aber ich bitte Dich, sprich –«

»Ist nicht Zeit dazu,« antwortete Henning, schon mit einem Fuß auf der Leiter.

»Ich mache Lärm –«

»Da müßtest Du andere Lungen haben, um die Berliner zu wecken.«

»Henning!« Er hielt ihn am Fuß fest. »Gnade Gottes, Willst das beste Spiel verderben?«

»Gewinnen, Baltzer! Laß los.«

»Still, es kommen Leute. Ich will schweigen. Gilt es was Henning, ich will Dir beistehn, treu beistehn, aber –«

»Du mir beistehn? Pack' Dich zum Henker und schrei, wenn Du Lust hast.«

Damit stieß er den ungerufenen Helfer mit dem Fuße, daß die Leiter wankte und sein Fuß frei wurde. Während Baltzer zurückfuhr, war Henning mit der Schnelligkeit einer Katze oben, und das letzte, was Baltzer hörte, war das Klirren der Scheiben, die Henning einstieß. Dann machte er, daß er davonkam, denn wirklich kamen um die Ecke Leute, und der Ruf: Diebe! Einbruch! schallte durch die Nacht.

Herr Baltzer biß sich in die Lippen, als er in Sicherheit war, und fuhr mit der Hand über die Schulter, wo Hennings Fuß ihn gestoßen: »Der freundliche Druck bleibt Dir für Gelegenheit angeschrieben!« murmelte er. »Indessen wenn er zu Schaden käme, jetzt, das wäre schlimm. Wo Klugheit zu Schanden geht, helfen Narren und Ochsen. Und wahrhaftig, dieser Bursch ist von Knochen und Blut, um ein Gespann zu Berge zu ziehen, auch wenn alle Patrizier damit zu Thale führen. Und zudem ein Narr,« setzte er hinzu, »der breite Schultern hat, drauf man die Schuld ladet, wenn es schief geht. Aber das Glück sitzt ihm im Genick.«

Diesmal ging es schief. Denn wiewohl wir alle wissen, oder doch vermuten, weshalb die Feuerleiter in der späten Nachtstunde am alten Rathaus angelehnt stand, weshalb die Scheiben eingestoßen, das Fenster aufgedrückt, und jemand eingestiegen war, so wußten es doch weder die Nachtwächter und Bürgerwachen, die herbeikamen, noch die Nachbarn, die die Scheiben klirren gehört und die Köpfe zum Fenster heraussteckten. Nun war aber das Einfangen eines Diebes, zumal was die römischen Juristen nennen in flagranti, die Deutschen aber auf handhaftiger That, von je an ein höchst ergötzlich Schauspiel in Berlin, um das jung und alt aus den Häusern, Läden und Kellern stürzte, und die Nase aus den Fenstern steckte, auch wenn der übrige Leib in einem Zustande war wo man sich sonst lieber verbirgt. Also wenn man auch sonst lieber schlief als wachte, dadurch ließ man sich wecken, und es waren erst wenig Minuten verstrichen, seit die ersten, die ankamen, die angelehnte Leiter entdeckten, als auch schon die halbe Straße voll stand, und die Nachtwächterhörner einen Lärm machten, davon die diesseits der Spree zur Hälfte aufwachen mußten, wenn auch keiner von denen, welche den Rausch vom Bankett ausschlafen mußten. Die Fenster klirrten, und das gab ein Gefrage, ein Rufen, ein Geschrei, davon die Hähne erweckt wurden, und stimmten in den Lärm mit ein.

Mit Spießen und Stöcken, mit Hellebarden und Keulen, in Nachtmützen und Hemden lief es und tobte zusammen, und dieweil einige sich der Leiter bemächtigten, besetzten andere den Hof und die Hinterhäuser, ja einige sah man mit Stangen auf den Nebendächern, daß der freche Dieb ja nicht entlaufe. Nun ward auch Rat geschafft, daß man die Schlüssel bekam; Kellerwirt und Ratsknecht mußten heraus, die Thüren öffnen; ja selbst auf den Turm stiegen sie, um zu läuten. »Fangt ihn, fangt ihn!« schrie es. Andreas, der Ratsknecht, schwor, seit er denken könne, sei ihm solche Frechheit noch nicht fürkommen. »Einzubrechen in das Rathaus!« – »Am Ende stehlen sie den Rat selbst fort!« sprach ein anderer. »Das wäre noch nicht das Schlimmste,« meinte ein dritter; aber alle meinten, für solche handhaftige That sei keine Strafe arg genug; und alle sahen doch aus wie Dachshunde, die klaffend und scharrend, und mit offenen Rachen und hangender Zunge und glühenden Augen um das Loch stehen, daß der Dachs vorkommt.

Nur einem, dem Baltzer Boytin, pochte das Herz, der doch nicht umhin gekonnt, wieder zurückzukehren, und er stand in seinen Mantel eingeschlagen, wo das Volk am dichtesten drängte. Und als droben die Schlösser knarrten, und es rief: »Halt den Dieb!« »Da ist er!« und plötzlich der das Fenster aufriß, und wieder auf die Leiter wollte, und zurückfuhr, als er die Menge sah, da murmelte er: »Schade doch um den Jungen!« und bei sich dachte sie: »Wie wird er's anfangen?«

»Laßt mich los, ich bin Henning Mollner!« schrie es, und da sie ihn erkannten, war die Verwunderung und der Schreck noch größer.

»Henning Mollner! – Henning Mollner eingebrochen! – Henning im Rathaus!«

Man sah es an den Mienen, daß er viel Freunde hatte; sie senkten und schüttelten die Köpfe, und es war so still, als es vorhin laut gewesen.

»Eingebrochen?« rief er. »Ihr guten Freunde und dummen Leute, wie sollte ich denn anders ins Haus, wenn die Thüren verschlossen sind, und die für die Stadt wachen sollen, schnarchen? Da seht mein Wams, hier am Ellenbogen ist's zerrissen, und da am Knie die Hose. Wer bezahlt mir den Schneider, der's flickt. Etwa die, die meinem Vater sein Lösegeld zahlten?«

Abermals schwieg es; da rief eine Stimme: »Henning, Du träumst.«

»Freilich träumte ich; und danke Gott und meinen Heiligen, daß ich träumte, oder habt Ihr Lust, noch einmal das Interdikt zu kosten, wie Eure Urgroßväter, als sie den Abt bei Sankt Marien totschlugen? Wahrhaftig, ich sage Euch, sie hätten besser gethan, den Bernowern all ihr Bier auszusaufen, als ihren Abt zu erschlagen.«

»Henning! was träumst Du?«

»Was ich träumte! Dreimal, daß Gott erbarm, trat Sankt Nikolaus zu mir durchs Fenster und an mein schlechtes Bett und rüttelte mich: Henning, wach' auf! Zweimal drehte ich mich nach der Wand und sprach: Es ist nichts! aber zum dritten Male rief er wie eine Trompete: Es ist wohl etwas; steh auf und rette die Stadt! – Heiliger Sankt Nikolas, sprach ich, und rieb mir die Augen, dafür sind die Herren vom Rat; ich bin nur ein schlechter Raschmachergesell, und halten mich nicht einmal gut genug, ein Fähnlein zu führen. – Die Herren vom Rat sind all besoffen, sprach der Heilige, flugs auf, in die Kleider, Gesell! Meiner Kirche ist der Schatz gestohlen und liegt vergraben im Ratsaal, wo sie geschwelgt und gepraßt: eile, Henning, ehe der Hahn kräht, oder wehe, wehe dieser Stadt, die ihr Bestes verkommen läßt. – Kinder, wenn Ihr den Druck gefühlt, wie der Heilige mich faßte, ich war braun und blau, Ihr wärt auch aufgesprungen –

Alles war noch stiller als vorhin. »Und?« – rief eine Stimme.

»Und ich gehorchte, denn war's nicht richtig, daß der Rat gezecht hat, und ist's nicht richtig, daß er auf Schätzen sitzt? Oder habt Ihr sie hinter Euch? Also da Ratsherren und Knechte schnarchen, wer schließt mir die Thore und Thüren auf? Ich reibe mir die Augen, da flimmert es hier im Saale. Die Leiter schaukelt; ich bin schon auf manche Leiter gestiegen, wo man mit Schädelbrechen zahlte: was hier nicht, wo's einen Schatz galt, und noch dazu 'nen teuren Kirchenschatz?«

»Der Henning ist im Traum ins Fenster stiegen!« lief es, halb Scherz, halb Verwunderung, halb Unglauben.

»Hast den Schatz gefunden?«

»Was werde ich nicht! Ein Heiliger wird doch nicht lügen!« rief Henning, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. »Hätte ich nicht geträumt, da seht selbst zu, was der Stadt für Bescherung drohte! Heiliger Nikolas, daß Du einen Raschmachergesellen zum Erretter Deines Probstes in Berlin gewürdigt hast, wo so viele reiche Familien und stolze Herren Dir Altäre bauen!«

Ein dumpfer Schrei der Verwunderung von drinnen sagte den draußen Stehenden, daß im Saale etwas gefunden sei, was dort die Aufmerksamkeit von dem kecken Henning mit einem Male abgezogen hatte. Und so war es, wer die Treppen hinauf konnte, mochte sich davon überzeugen. Unter einem schweren umgestürzten Tische zog man den ehrwürdigen Herrn Franz Steeger, Propst von Berlin, hervor, der daselbst gelegen, seit die Herren und Frauen den Saal verlassen, und vielleicht noch früher, und hätte da wohl liegen können bis nächsten Mittag, und niemand wußte davon; noch wußte er es selbst. Der Propst war ein runder, freundlicher Mann, und alle bedauerten ihn, und kreuzten und segneten sich, was der Stadt für ein Unglück widerfahren können, wenn der heilige Nikolas nicht dem Henning Mollner im Traume erschienen wäre. Denn so ihn der Schlag gerührt unter dem umgestürzten Tische, hätte es unfehlbar von Brandenburg und Magdeburg oder gar von Rom her über Berlin geblitzt und gedonnert, die Glocken wären verstummt und die Kirchen geschlossen, und es hätte Zeit und Geld gekostet, bis die Toten wieder mit Sang und Klang zur Erbe bestattet wären.

»So sorgt unser Rat für die Stadt!« – »Das ist der Herren Wirtschaft, die sich allein für weise halten, und regieren können,« so murmelte man beim Nachhausegehen. »Wenn der Henning nun nicht gewesen wäre?« »Wo ist Henning?« Der aber war fort, noch ehe vier starke Leute den ehrenwerten Propst, Herrn Franz Steeger, auf ihre Schultern luden, um ihn in die Propstei zu tragen, in der Brüderstraße, wo sie auch noch lange pochen mußten und fast genötigt waren, wie Henning eine Leiter zu holen, denn seine Haushälterin wollte nicht öffnen, und schalt noch überdies die Leute, die sie aus dem Schlaf geweckt, und den armen Propst noch ärgern darum, daß er ihr Keifen und Schelten nicht hören konnte.

 

Ende des ersten Bandes.

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