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Der Roland von Berlin - Erster Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Erster Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeVierter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090602
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Vierzehntes Kapitel.

Wer da vorhin oben war und es jetzt wiedersah, hätte schier es nicht wiedererkannt. Ich weiß nicht, das wievielste Faß schon angezapft war; aber der rosige Wein glühte auf allen Gesichtern, und was vordem in jedem glimmte, ein kleines Flämmchen, das loderte itzt auf, eine große Flamme. Und es brannten viele Flammen nebeneinander, von Freude und Zorn, und so viel Lärm und Lustigkeit, dessen entsannen die ältesten Leute sich nicht. Auch den Stadtpfeifern auf den Galerien mußte gut eingeschenkt sein, denn sie paukten und trompeteten, als wollten sie das Kalbfell zerschlagen; und Gläser und Schüsseln wurden auch zerschlagen, als es sich schickt, wo man froh ist, zu des Wirts, Herrn Thomas Wyns, großer Freude, der herumging mit seinen Freunden, von dem einen zum andern, und ihnen zusprach, noch wackerer zu trinken, daß das Fest ausgehe, wie es sich schickt unter guten Leuten und ihm eine Ehre sei.

Da tranken sie sich zu mit seinen schönen Sprüchen, und solchen, die so derb klangen, daß sie sich den Bauch hielten, und die Fräulein das Sacktuch vor's Gesicht; und man sah doch, wie sie lachten. Da kleideten sich die jungen Leute aus und legten sich allerhand lustigen Mummenschanz an, und so tanzten sie mit- und durcheinander, derweil die Alten noch zechten und sich nicht rühren mochten, noch konnten von ihren Sitzen. Da ward sich auch manches Süße zugeflüstert zwischen Herren und Frauen, und ein verstohlenes Küßlein ward auch wohl geraubt. Aber wie es vordem gewesen, zu Kaiser Karl des Vierten Zeiten, daß Herren und Frauen gemischt untereinander bei Tafel saßen, diese arge Sitte war nicht mehr. Der Rat in allen Städten der Mark hatte durch ein Gesetz es verboten, und wie es züchtig und ehrbar ist, hatten bei Tafel die Herren auf der einen, die Frauen und Jungfrauen auf der anderen Seite gesessen.

Nun aber ging es bunt durcheinander, durch die Säle und um die Tafeln. Da tanzten Bären und Affen mit schönen Frauen, da sprangen Zwerge auf den Tischen und Riesen erschreckten die Mägdlein. Aber am lustigsten sprang ein Narr um, wohlgefällig, wenn er ihnen was Hübsches sagte, aber noch mehr, wenn er ihnen etwas zuzischelte von einer andern, und wenn es wahr wäre, was er zu jeder gesagt, so wäre jede die Schönste von allen gewesen.

Die Jungfer Elsbeth Rathenowin, die vorhin als eine Lilie geprangt, wie wir sagten, glühte jetzt wie eine Rose. Aber es mochte nur der schöne Abend sein, denn vom Malvasier hatte sie nur genippt, oder es waren die schönen Reden ihrer Tänzer, die ihr das Blut in die Wangen trieben. Nun aber verfolgte sie der Narr und sprach ihr solche Dinge zu, daß sie verwundert war und ihm lieber nicht mehr antwortete. Da redete er aber so Lustiges und machte dazu solche Gebärden, daß sie doch wieder lachen mußte: »Schönes Frauenzimmer, Du hast ein schönes Kleid an.«

»Narr, geh zu meinem Schneider, der wird's Dir danken.«

»Um Himmels willen sprich nicht; das Kleid fällt Dir sonst vom Leib.«

»Narren sind keine Hexenmeister.«

»Es heißt: Kein Kleid steht den Frauen besser an, denn Schweigen. Wenn Du also redest, rutscht Dir Dein bester Rock von den Hüften.«

»Weißt Du noch mehr Gutes vom Schweigen?«

»So viel Du willst, schönes Frauenzimmer: Schweigen ist lohnbar. Schweigen ist für Unglück gut. Hör' und schweig. Das meiste rede mit Dir selber. Lerne schweigen, so kannst Du am besten reden. Was Dich nicht brennt, das blase nicht. Nötiger den Mund verwahren als die Kiste.«

Die Jungfrau hielt sich die Ohren zu: »Weißt Du auch das: Könnt ein Narr schweigen, so wär er weise.«

»O schöne Bürgermeisterstochter, mit den Narren befaß Dich ja nicht; Du weißt nicht, was hinter ihnen steckt. Wenn Du an einem Sommertag aufstehst mit der Sonne und Deine Zunge gehen lässest wie eine Mühle und alle Sprüchwörter hersagst, die von ihnen handeln: wenn die Sonne ins Meer sinkt, bist Du mit den Narren noch nicht fertig.«

»Gott schütze uns arme Frauen vor Narren.«

»Will Dir ein Mittel sagen, wenn Du einen Mann kriegst.«

»Einen Gotteslohn zum voraus, guter Narr.«

»Einem bösen Weib steuert niemand. Böses Weib ist böses Kleinod. Selten wohl, allzeit weh, ist täglich Brot in der Eh'. Schöne Weiber sind nichts als Zeitvertreiber. Weißt Du, wie man böse Weiber los wird?«

»Nein, Narr.«

»Nimm ein Weib, so kommst Du ihr ab.«

»Ich bin aber selbst ein Weib,« lachte Elsbeth. »Aber sage mir, Narr, giebt's denn so viel böse Weiber?«

»Nur eins, schönes Frauenzimmer.«

»Wie das?«

»Es ist nur ein bös Weib, aber jeder meint, er hat's.«

Jungfer Elsbeth lachte herzlich auf über den schelmischen Narren und dachte nach, wer es wohl sein könnte (denn seine Sprache klang ihr bekannt und auch wieder nicht bekannt). Aber sie hatte ihn bald wieder vergessen, als sie am Arm anderer Tänzer dahinflog. Der Narr flog auch zu anderen.

Da stand ein rundliches Kind, recht hübsch und bunt geputzt, und Perlen und Steine schimmerten an seinem Latz, und Blumen auf dem Kopf, fast zuviel für den Leib, der mehr in die Breite als in die Höhe geschossen war. Mit der sprach sehr eifrig die Frau Bergholzin, und was sie ihr sagte, dazu schmunzelte wohlgefällig die Jungfrau.

»Nun seh mir einer die Elsbeth Rathenowin an,« sprach sie, als die vorüberwalzte und dem hübschen Kinde fast auf den Fuß trat. »Ist's doch, als müßte der alles Platz machen.«

»Sie hat noch keinen Tanz ausgeschlagen,« sprach Eva Schumm.

»Ist mir das erhört!« sagte die Bergholzin. »Ich weiß nicht, was das junge Volk für einen Narren an ihr gefressen. Ich finde sie gar nicht hübsch. Das heißt ja wie eine Bohnenstange in die Höh' geschossen; zu meiner Zeit hatte das junge Volk einen bessern Geschmack, und wer weiß, wie es heut wäre, wenn man keinen Bürgermeister zum Vater hätte.«

Da flüsterte von der andern Seite der Narr der schmucken Dirne ins Ohr: »Jungfer Eva, 'nen Gruß von Eurer Urgroßmutter. Ihr solltet die Ohren spitzen. Die mit Euch spricht, ist eine Freundin von ihr aus dem Paradies her.«

»Und schau mir einer das Halsband bei Elsbeth an,« fuhr die Bergholzin fort. »Das kommt wohl aus der Brüderstraße vom Feinliebsten?«

»Daß ich nicht wüßte,« sagte Eva Schumm.

»Wo kann sie's herhaben? Hat der Vater doch keine Schätze in seinen Kisten und Laden. Maria Joseph, das glitzert, daß einem die Augen weh thun! Da kann man gut Gesetze machen, was andere Frauen tragen sollen, wenn man sein fein Töchterlein tragen läßt, was ihr gefällt.«

Der Narr flüsterte: »Jungfer Eva, weißt Du, was die Flöhe thaten, als Deine Elternmutter die Äpfel stahl? – Sie husteten. Aber Eva hörte es nicht.«

»Na, ich sage doch,« fuhr die Bergholzin fort, »es geht jetzt in Berlin her wie – ich will gar nichts sagen. – Wenn meine Tochter einen Bräutigam hätte wie den Junker Melchior, die würde ja nicht tanzen, wenn der Allerliebste nicht dabei ist; bis in die Fingerspitzen würde sie rot werden, wenn ein junger Herr vor sie träte.«

Eva drehte an ihren Brusthefteln: »Ach was! der Bruder Melchior wird sich auch nicht graue Haare grämen.«

»Was sollte er auch! Ist der Melchior doch ein Junker, wie sie mir noch einen zeigen sollen – ja sucht mir nur zwölf Meilen in der Runde. Wo der anklopft, wird ihm aufgethan. Das wußte auch der alte Bürgermeister, der ist schlau wie ein Fuchs. – Schau, schau! wie das wieder blitzt an ihrem Halse; ob die Steine echt sind? – Was sie von Liebestränken reden, das glaube ich nicht – aber wie er den alten Schumm 'rum gekriegt hat, das möcht ich wohl wissen.«

Der Narr flüsterte: »Als Eva vom ersten Floh gebissen wurde, weißt Du, was sie that, Jungfer Eva? – Sie juckte sich.«

»Du liebe Güte, da vergaß ich ganz, daß ich zu Herrn Bartholomeus Tochter spreche,« fuhr die Matrone fort. »Sie wird ehelängs Deine liebe Schwägerin, die beiden alten Herren werden schon wissen, warum sie sich den Kuppelpelz verdient, und dann zieht sie ins Haus in die Brüderstraße, als schöne junge Frau und wird am Fenster sitzen, wo jetzt die Jungfer Eva saß, und wird gnädig zunicken, wer draußen vorübergeht und den Hut abzieht. Na, Herzenskind, sei nicht bös, hast doch gemerkt, daß alles nur Spaß war. Heda, Jungfer Elsbeth,« rief sie halblaut der wieder Vorüberwalzenden zu, »schaut doch her. Euer schönes Jungfer Schwägerchen wirft Euch 'ne Kußhand zu.«

Der Narr flüsterte wieder, als Eva unwillig der Frau Bergholzin den Arm hielt: »Weißt Du, was Evas erster Fehler war? Hätte Eva nicht gejuckt, als der erste Floh biß, sondern zugefaßt und geknackt, so gäb' es itzo keine Flöhe mehr.«

»Sie will Dich nicht sehen, Täubchen,« fuhr die Matrone fort. »Das ist Hochmut ein bißchen zu früh. Mich dünkt, sie könnte Dir doch manches absehen und ihr thät es keinen Schaden. Der Melchior wird was zu thun bekommen. J nun, der Melchior das ist ein Sausewind.«

»Ja freilich ist er das,« sprach Eva.

»So sind die Männer alle. Um das bißchen Gesicht! Herr Gott, er hätte ja können, – doch das ist nun vorbei. Aber der alte Papa! Da wird fromm Evchen sich nun seiner annehmen müssen, denn die stolze Frau Schwiegertochter wird auch nicht am Herd stehen und ihm das Lieblingssüppchen kochen. Da sind die Hände zu fein und weiß. Vorm Spiegel ist hübscher stehen als vorm Feuer. Lieber Gott, das soll uns nicht kümmern, Evchen. 'S hält mancherlei zusammen, und niemand weiß wie.«

»Weise Leute haben ihren Mund im Herzen,« flüsterte der Narr und eilte nach der Haupttafel, wo sehr viel Poltern und Lärm war, denn die Herren waren heftig aneinander geraten, und die von Köln und Berlin begleiteten ihre anzüglichen Reden, die einer dem andern zuschob, mit der Faust auf den Tisch; und es war gar nicht der Augenblick dafür, daß jetzt Herr Dietrich Wyns auf den Tisch sprang und in schön gemeinten Reden von der Eintracht der Städte sprach und das gute Regiment lobte, und daß ein guter Christ und Bürger es gar nicht anders wünschen könne. Zwar leuchteten seine Scharlachhosen, wie er breitgespreizt auf dem Tische stand, wie zwei Fackeln, und auch die vielen Blumenkränze, die er über Arm und Schulter trug und auch um den Hals, waren prächtig anzuschauen; desgleichen waren die Reimsprüche zu Ehren beider Städte und des Regimentes, wie es ist, recht schön und erbaulich anzuhören. Aber alles das hatte nicht das rechte Schick, wie denn der Wein die Eigenschaft hat, bisweilen, was sich nicht schickt, zu schicken, bisweilen aber auch, was geschickt vorbedacht war, ins Ungeschick zu bringen, denn einmal stand er breiter, als gerade nötig war, um fest zu stehen, dann schierten sich die Eifernden wenig um ihn, vielmehr sie stritten sich zwischen seinen Beinen durch, und das war nicht geeignet, daß es der Sache den Ernst gab, auf den das Spiel abgesehen war. Da ließ er leben die Geschlechter, je eines von hüben der Spree, dann eines von drüben, aber er, – ein so feiner Mann, versprach sich nicht selten, und lobte hier einen, wofür er nicht zu loben war, und ließ Köln leben, wo es Berlin galt, und Berlin wo Köln. Und es gab Gelächter und Groll auch, denn viele nahmen, was nur der Wein that, für böse Absicht.

Nun aber pries er in so schönen Reimen, daß es rührend War, die Tugend und die Schönheit der Frauen und Mägdelein beider Städte, und ermahnte sie, wie sie walteten über den Hausfrieden, auch für den Stadtfrieden zu sorgen, und gab ihnen an, wie sie es zu machen hätten, ihren Männern und Söhnen und Brüdern den Kopf zu waschen, wenn dieselben Unfrieden hegten. Da lachten alle recht herzlich, und noch mehr, als nun Herr Dietrich alle Kränze und Blumen, die er um den Leib trug, herunternahm und ihnen zuwarf. Und zu gleicher Zeit wurden Blumen gestreut von den Galerien herab und die Trompeten bliesen und die Zinkenbläser und Paukenschläger stimmten ein zu Ehren der Allerschönsten, die Herr Dietrich hoch leben ließ, und die er aufforderte, mit ihm den Kehraus zu tanzen.

Und nun sprang er unter ungeheurem Lärm und Gelächter vom Tisch, um der Allerschönsten den Arm zu reichen; und es war kein Zweifel nach dem, wie er vorhin in den Reimsprüchen sie beschrieben, daß Elsbeth Rathenow gemeint sei, wie sich das wohl verstand und schickte, und wenn es noch Schönere gegeben, da sie des Bürgermeisters Tochter war. Aber vor den Augen des Stellvertreters unseres Wirtes, welcher selbst zu dick war, um beides zu thun, zu trinken und zu tanzen, drehte sich, als er nun heruntergesprungen, die Stube rund um, und wiewohl er grad auf Elsbeth Rathenow zuzugehen meinte, geriet er doch in schiefer Richtung auf Eva Schumm, und hielt ihr mit einer so zierlichen Verbeugung, als er noch konnte, die Hand entgegen.

»Zugegriffen, Jungfer!« flüsterte es hinter ihr, und das Gesicht der Bergholzin lachte recht schadenfroh, da Eva etwas bestürzt anstand. Entweder merkte sie, daß es ein Irrtum war, oder sie erschrak vor dem wankenden Tritte und den glühenden Wangen des Herrn Dietrich.

»Vivat die Allerschönste!« schallte es, die Hände klatschten, die Mäuler lachten, die Trompeten schmetterten, und Eva schritt an, am Arme des Ratsherrn –

»Ach Eva Schumm,
Das war mal dumm,

flüsterte es durch die Luft, und der Ton traf gerade ihr Ohr und als sie blutrot aufschaute, standen sie vor Elsbeth Rathenow. Nun war es keinem ein Zweifel, weder Eva noch Herrn Dietrich, noch einem sonst, daß Elsbeth aufgefordert gewesen, und der Jungfrau Elsbeth am wenigsten, die plötzlich um einige Zoll höher wuchs, und ihre großen Augen noch einmal so groß aufthat vor Verwunderung, dieweil sich Evas Wimpern senkten, und auch das Köpfchen. Und unwillkürlich, als müsse es so sein, hatte Eva Schumm den Arm des Herrn Dietrich losgelassen, und Herr Dietrich den Arm der Bürgermeisterstochter gereicht. Einen Augenblick war es mäuschenstill, und etwas von Schreck und Verwunderung glänzte auf allen Gesichtern. Dann aber brach ein Kichern und Gelächter aus, das stärker war als alle Musika im Saale. Eva Schumm stand da allein, wie eine Puppe in Stein gehauen, die Arme herunter und das Gesicht zu Boden, und das Gelächter schnitt ihr wie Messerstiche ins Herz.

»Ehre, dem Ehre gebührt,« summte des Narren Stimme.

»Das läßt Du Dir gefallen?« flüsterte die Bergholzin, und Evas Gesicht hob sich wieder, und ihr Auge traf das der Spielkameradin, die wirklich jetzt am Arme des Ratsherrn hing, dem das Herz auch schlug, und er mochte so wenig wissen als Eva Schumm, wie ihm geschehen.

»Vorwärts! Vorwärts!« klatschte es. und die Musika ging wieder los; aber eine andere Musika erhob sich, denn Eva Schumm war keine Bildsäule mehr. Sie hielt sich die Rücken beider Hände ans Gesicht und weinte und schluchzte bitterlich.

»Das ist zu arg!« schrieen zehn zugleich. »Was haben sie dem Kinde gethan.?« – »Das ist ein Schimpf für Köln!« schrie Herr Poppenrade, der Ratmann von Köln.

Es schrieen noch viele, aber man hörte es nicht, der Lärm war zu arg und das Gedränge so, daß sie nicht tanzen konnten. Herr Dietrich, des Wirtes Bruder, dem der Schweiß von der Stirn in dicken Perlen rann, hatte nun auch die zweite Tänzerin losgelassen, und war gar kläglich auf den Sessel hingesunken. Denn wie er auch des süßen Weins voll, er war dessen sich doch bewußt, daß zwei Frauen beleidigen und keiner recht thun, schlimmer ist, als auf den Vorderbänken sitzen im Ratssaal, wenn die Kölner und Berliner aneinander geraten. Paris von Troja gab doch einer den Apfel; er aber ließ alle beide sitzen und hatte zuvor ihnen beiden Hoffnung gemacht. Dafür strafte ihn ein verächtlicher Blick der stolzen Jungfer Rathenow, die sich auf dem Hacken umdrehte und ihm den Rücken wies; und nie hatten die hübschen Züge der kleinen Eva sich so häßlich verzerrt, als wie sie ihn durch ihre Thränen so bitterbös ansah.

Nun wäre es in der Art gewesen, daß die beiden Schwägerinnen sich mit kurzen spitzen Reden gestachelt hätten, denn vierhundert Jahre machen darin die Natur der Frauen nicht anders. Auch begegneten sich so ihre Blicke und ihre feinen Lippen spitzten sich; zu einem feinen Spiel war es aber nicht mehr an der Zeit, wenn ein Berliner Bankett im Mittelalter zu Ende ging, und die Schemel brachen und die Tische knackten, und einer hinausgeführt wurde, und der andere schon getragen. Die Herren, die das, was hier vorfiel, noch sehen konnten, schwiegen anfangs; sie machten dafür desto seltsamere Gesichter und einer blinzelte dem andern zu und gaben sich Zeichen. Von den Frauen dagegen erhob es sich wie ein Sturmwind, der aus der Ferne kommt. Zuerst summt er nur dumpf, und man nimmt ihn nur wahr an seinen Wirkungen. Aber bald blitzte es und klatschte wie Hagel und Regengüsse und Wetterstrahlen, ein solch Geschrei, daß man sein eigen Wort nicht hörte.

»Begegnet man so denen von Köln in Berlin!« – »Es ist für den Hochmut schon recht,« – »Wem's Glück wohl will, den macht's zum Narren.« – »Wem zu wohl ist, der nehme sich eine Frau aus Köln!« – »Leere Fässer geben großen Ton,« So schallte es hinüber und herüber, da flogen Spitznamen und Anzügliches wie Funken aus einer Rakete: aber das wenigste zündete, da Funken nicht zünden können, wo es schon brennt, und Tropfen im Meere so wenig gemerkt werden, als, wo alle schreien, ein Wort mehr oder weniger.

Zwei bis drei Matronen aus Köln rüttelten inzwischen an Herrn Bartholomeus Schumm. Vier Ratsherren und noch fünf von den Geschlechtern waren vor ihm fortgetragen; er saß wie eine tausendjährige Eiche, die dem Sturme trotzt, dem kräftige Stämme neben ihr schon erlagen. Mit voller Kraft schwenkte er noch den Humpen, und sein ruhiges Antlitz, im Purpurscheine, strafte das Sprichwort Lügen, daß der Volle den Nüchternen verrät.

»Es ist dem einen Hunde leid, daß der andere in die Küche läuft,« antwortete er auf die Anzettelungen der Nachbarinnen aus der Brüderstraße, die sich selbst heiser schrieen, um ihn wach zu schreien.

»Herr Bartholomeus, liegt Euch die Ehre unserer Stadt nicht am Herzen, sorgt doch um Euer Kind!«

»Eure Tochter Eva –«

»Kriegt mein halbes Geld!« antwortete der Ratsherr, den Humpen vollends leerend.

»Sie ist beschimpft – sie haben sie sitzen lassen –«

»Die bleibt nicht sitzen,« lachte der Patrizier wohlgefällig.

»Die Wyns haben ihr 'nen Hohn angethan – vor aller Welt – sie stecken mit den Rathenows unter einer Decke – das habt Ihr von Euren Rathenows – die denken nur an Euer Geld, nicht an Eure Ehre –«

»Ja, wäre der Melchior hier, der nähme sich seiner Schwester an,« rief eine andere.

»Braucht sich keiner der Schumms anzunehmen!«

»Haben sie stehen lassen, als eine ehrlose Dirne – stehen lassen vor allem Volk, um ihrer Jungfer Rathenowin die Ehre zu geben. – Die Eva. Herr Bartholomeus, Eure Tochter, schluchzt und weint wie ein verlassen Kind –«

»Sie weint? – sie soll nicht weinen!« und jetzt stampfte seine Faust den Becher auf den Tisch, daß, wenn er Glas gewesen, die Splitter geflogen wären. Das Metall von kunstvoller Augsburger Arbeit bog sich unter dem Druck seiner Finger. Die Augen rollten seltsam wild unter den breiten buschigen Brauen, und er erhob sich aus dem Armsessel wie ein Auerochs, der wiederkäuend im Moor gelegen, und nun, aufgescheucht von dem tobenden Jagdlärm, von dem Klaffen der Meute, von Pfeilen und Bogen gekitzelt, die mächtigen Glieder aufrichtet, schüttelt und zornglühenden Auges den Feind sucht.

Da merkte man, daß jemand, der, wenn er sitzt, ein großer Mann ist, und jeder hält ihn dafür, wenn er seinen Platz verläßt, nicht mehr derselbe Mann ist, und jedes Kind merkt es. Der Kölner Ratsherr stand nicht mehr auf festen Füßen, also ging er noch weniger drauf. Einem vollen Manne soll ein geladener Wagen ausweichen, heißt es, und alles wich vor Herrn Bartholomeus Schumm, wie er sich Platz machte. Nun, wer mag das fordern von einem, der nicht minder geladen und dem Feste Ehre gebracht! Da, als er seine Eva sah, noch herzlich weinend, und der Zorn ihn durchglühte, und er den Arm erhob und drohend etwas sprach, dessen Sinn man wohl faßte, aber die Worte nicht verstand, denn von Verständigung war nicht mehr die Rede, stieß er auf einen andern. Herr Dietrich, der Ratsherr, hatte sich nämlich in seiner Zerknirschung aufgerichtet, und wie der Wein allerlei hervorbringt, so Zorn und Freude, als Betrübnis und Wehmut, gedachte er der Kluft, so Berlin und Köln trennet, und die Arme streckte er nach Herrn Bartholomeus aus, um ihn ans Herz zu ziehen. Dem war aber an dieser Brücke nichts gelegen, und er wollte sie mit seinen Armen fortstoßen. Wie es aber zu gehen pflegt, wenn einer etwas vermeiden will mit allen Kräften, so bringt er es gerade zuwege. Herr Dietrich übersah, daß die Arme, die sich ihm entgegenstreckten, mit zwei Fäusten endeten, und zwischen durchschauend, umschlang er den Ratsherrn dermaßen, daß dieser nun auch nichts anderes thun konnte, als auch den andern umschlingen. Freilich that er es, um ihn los zu werden. Aber das war unmöglich, und da beide auf schwachen Füßen standen, glitten sie aus, und Berlin und Köln stürzten beide zu Boden.

Nun muß das wohl gar lustig ausgesehen haben; denn selbst Herr Thomas Wyns, der Wirt, der erst zum Guten reden wollte, und dann sie aufheben, mußte die Hände in die Seiten stemmen und sich den Bauch halten, wie der schwere Herr Bartholomeus sich vergebens aufzurichten versuchte, und mit der Faust auf den Boden schlug und die Augen vor Zorn ihm aus den Höhlen traten. Und wie Herr Dietrich, der viel dünner war, auf den Knieen saß und mit den Händen sich auch auf den Boden stützte und ihn mit einem Gesicht angaffte, darin gar kein Ausdruck war, wenn nicht ein kläglicher von Schreck und Verwunderung. Seine Nase war sehr lang und die Lippen hingen ihm herunter. Also war es wohl zu entschuldigen, das auch die stolze Jungfer Elsbeth von Heizen über ein so lustiges Schauspiel auflachte, denn sie that nur, was die andern thaten, und je grimmiger der Kölner Herr ausschaute und je heftiger er auf den Boden schlug, um so herzlicher mußte alles lachen.

Nur eine Nicht, Eva Schumm, die noch bis da nicht gewußt, was thun in der großen Beschämung, die ihr widerfahren, als daß sie sich die Augen wischte, lachte nicht mit. Jetzt aber schlug ihr kleines Herz gegen den runden Busen, daß das Mieder sich hob, die Augen funkelten Zorn und Wut, und die Glieder zitterten, und jetzt wußte sie's Sie sprang auf Elsbeth Rathenow zu und riß sie, wie man es der Kleinen nicht zugetraut, an der Brustkrause: »Was lachst Du über meinen Vater!«

Jungfer Elsbeth wurde nun ebenso leichenblaß, als Eva glutrot war, und wären die Frauen nicht dazwischen gesprungen, und die Herren auch, und die Muhmen dazu, wer weiß, was noch geschehen wäre. Aber von dem, was nun noch geschah und gesprochen wurde, wußten am Morgen drauf die wenigsten etwas. Das drängte und suchte nach dem Ausgang, als wäre Feuer im Hause! Die Frauen schrieen; man trat ihnen auf die Zehen. Die kleine erhitzte Eva mußten zwei Matronen niederhalten auf einem Stuhl. Was im Fasse ist, kommt heraus, heißt es, und sie mochte allen Groll auf die hochmütige, gottlose Elsbeth auf eins ausgießen. Da hielt Frau Bergholzin ihr lachend das Sacktuch vor den Mund, und andere Freundinnen suchten die Elsbeth fortzubringen. Sie sahen sich nicht mehr, aber sie riefen sich doch zu, was einem bei der Gelegenheit wohl in den Mund kommt. »Haben die Rathenows denn keine Freunde hier?« sprach die aufgebrachte Elsbeth, als Frau Heideckin, ihre Muhme und Ehrenhüterin heut, fast war es mit Gewalt, sie fortriß. Die Heideckin hing ihr den Pelzmantel um die Schultern und zuckte die Achseln: »Freunde in der Not, Kind, gehen viel auf ein Lot.«

Über des Herrn Dietrich Beine war die Eva im Gedränge getreten, ohne an seine neuen Scharlachhosen von Brüsseler Tuch zu denken; ja man will bemerkt haben, ihre kleinen Füße hätten mit rechter Lust drauf getrampelt. Und wer mag's ihr verargen, sie mußte ihrem Vater beispringen. Einmal noch wurde Herr Bartholomeus aufgerichtet, und er hob sein kirschbraunes Gesicht hoch auf: »Die Bettelratzen, die Rathenows sollen mir wiederkommen!« Dann stürzte er wieder hin, ob ihn doch drei Männer zu halten suchten. Also mußten auch ihn die Männer draußen, die bestellt waren, aufladen, und es war recht traurig zu sehen, wie diese umsprangen mit den ehrenwerten Herren vom Rate; denn sie trugen sie nicht, als wären sie die Väter unserer Stadt, sondern wie ein Kalb oder Schwein, das die Knochenhauergesellen aus dem Schlachthause in die Scharnen tragen. Herr Konrad Wyns, der Wirt, saß an der Thür, denn er konnte nicht mehr stehen, und sagte jedem seiner Gäste was Artiges, wie es Herkommen ist: warum sie denn so früh aufbrächen, und so wenig gegessen und getrunken, und er hoffe, daß sie ihm zu gut hielten, wenn die Nötigung schlecht war, und daß sie bald wieder bei ihm ansprächen.

Als er das auch zu Herrn Bartholomeus sagte, hob er den Kopf noch einmal und grunzte ihn an: »Hol' Dich der Geier, und alle berlinischen Hungergesichter!« Herr Thomas hörte nichts, was ihm die Gäste antworteten; er hatte genug zu thun, sich zu sammeln, daß er einem jeden dasselbe sage.

Herr Matthis Blankenfelde aber sagte leis beim Hinausgehen zu Herrn Bergholz, indem sie dem guten Herrn Schumm folgten und ihm den Kopf hielten, daß er nicht an das Geländer stoße: »Es war ein gar schöner Schmaus. Die Schumms und die Rathenows sind auseinander.«

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