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Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 7
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
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Siebentes Kapitel.

Da fragte niemand danach, wer hat ihn zurückgerufen? Ist der Achtbrief gegen ihn zerrissen? Oder, wie kam er ins Thor? Es riß alles die Fenster auf, es trat auf die Steine, den alten Mann zu sehen. Da wehten sie ihm mit Tüchern, da schwenkten sie die Hüte und warfen die Mützen. Und weit vorauf vor ihm und seinen Trägern ging sein Name. Der war schon im Rathaus, als er noch an Sankt Nikolas war, und als sie in die Oderberger Straße einbogen, da wußten es schon alle drüben im äußersten Köln. –

War es dem alten Mann wie ein Traum. Er ließ mit sich geschehen, was sie wollten, und sie hatten itzt einen Schemel genommen, darauf sie ihn sanft trugen. Aber als er nun erwachte von dem vielen Geschrei, da war's ihm wunderbar zu Mute. Er dachte an damals, wo sein Name auch auf allen Zungen war, aber mit Verwünschungen, und sie stießen und warfen ihn und wollten ihn zerreißen. Und waren das heut andere Bürger? War in den wenigen Jahren das Geschlecht von damals ausgestorben und ein neues aufgewachsen? – Er sah sich um, es waren dieselben Gesichter. Hatten sie vergessen, was ihm vorschwebte, als wäre es ehegestern geschehen?

Er hatte es nicht vergessen. Und wie auch nichts als frohe Gesichter ihn begrüßten, seines blieb ernst. Um die Lippen zuckte es schmerzlich, die Augen forschten umher, als fragten sie die Gesichter: Werdet Ihr morgen noch die Hüte schwenken und übermorgen mich nicht wieder treiben wie ein Tier? – Von solcherlei Gedanken aber war in den frohen Massen nichts. Sie dachten nur an heut, und wenn an morgen, so waren's lauter Morgenrotgedanken. Wie das Volk eine Puppe haben will, wenn es grimmig ist, einen Sündenbock, den es hinausjagt, so verlangt es auch, wenn es froh ist, nach einem Träger seiner Lust. Da werden Götzen gemacht, wenn sie nicht von selber kommen. So geschieht es oft, daß an einen vergessenen Namen sich neue Hoffnungen hangen; und wenn ein Umsturz erfolgte in einem Gemeinwesen und, was letzt galt, zertrümmert ist, sie umhersuchen nach irgend einem Manne von vordem. Denn sie denken alsdann, die gute Zeit, nach der sie trachten, sei vor der schlimmen gewesen, und sie ziehen die Fetzen daraus hervor und hängen sie aus als Reliquien, und die Männer, so die schlimme Zeit überlebt, sollen die goldene wiederbringen.

Die goldene Zeit bringt keiner wieder dadurch, daß er herstellt alles, als es war. Denn ist jede Zeit für sich und hat ihr absonderlich Gold in sich. Das muß, der Witz hat, ausprägen, also wie es in der Zeit Geltung hat. Ist's überall schwach mit dem Gold bestellt; das volle haben die Gescheiten zu jeder Zeit ausgeprägt und unter die Leute geschickt, daß es arbeite. Und das Blech wird matt und verwittert, und wenn man's putzen will, kommt das Kupfer heraus. Das schönste Gold in allen Zeiten ist, das die Sonne ausgießt auf die Erde. Die Sonne scheint in jedem Jahre, und der ist ein Thor, der den Sonnenschein verstreichen läßt und nicht arbeitet und erntet. Die Sonnentage sind überall gezählt, und der um ist, ist verloren, er kommt nicht wieder.

Da, wie sie um ihn schrieen und Freudenthränen vergossen, und von ihm hofften, Gott weiß was, nickte er nur stumm, und fast wehmütig sah er seine alten Bekannten und grüßte sie wieder, wie sie ihn grüßten. Was erzählten sie sich nicht von Johannes, wie er ein braver Mann gewesen und sein Herz allzeit geschlagen für die Stadt, wie er Einigkeit gepredigt drinnen und Zusammenhalten gegen den Feind draußen, wie er den Geringsten gehört und die Stirn kühn getragen gegen die Mächtigen, die ihr gedroht. Wie er gerecht gewesen und in seiner Gerechtigkeit arm geworden, dieweil andere reich wurden. Ja, das war alles vergessen, was sonst als Fehler galt, und sie konnten nicht Worte genug finden, ihn zu rühmen, und erfanden noch hinzu zu seinem Lobe, was nimmer geschehen war. Denn so ist das herz des Menschen: wenn es erregt ist, da findet es nicht Maß im Richten und im Bewundern. Selbst zu einem Propheten wollten sie ihn machen, gleichwie seine alte Muhme, die Gertraud, daß er voraus gewußt haben sollte alles, was nachher eingetroffen. Und wäre man ihm gefolgt, wäre es anders geworden.

Herr Thomas Wyns, der an der Ecke stand, auf einem Stein, reichte ihm die Hand. Denn sie mußten hier halten, bis Platz wurde vor dem Gedrang. »Wie ist Euch zu Mut, Johannes?« flüsterte er ihm zu und drückte mit beiden Händen seine, und sein Gesicht strahlte vor aufrichtiger Freude. Denn er meinte es gut. »Mir ist,« antwortete Johannes, »als müßt' ich schon tot gewesen sein.« – »Wie das, lieber Freund! Ihr seht, wie sie Euch lieben.« – »Sie haben mich ganz vergessen,« antwortete der Geächtete; »bin ihnen ein neuer Mann. So sie nun aber wieder finden, daß ich der alte blieb, wie wird's dann?«

Da aber war nicht Zeit zu solchem Zwiegespräch, der Menschenstrom drängte sie fort, und nun fingen sie an auf dem Rathaus zu pfeifen und zu geigen, und die Trompeter bliesen. Als er nun auf der Brücke selbsten war, hoch über ihre Köpfe getragen, und hinten von Berlin und vorn von Köln Kopf an Kopf und alle riefen ihm Lebehoch, und er den weiten Wasserspiegel um sich schaute, da stiegen seltsame Gedanken in ihm auf. Denn sie riefen von allen Seiten und dann wie aus einer Kehle: »Wir bringen unsern Bürgermeister!« – »Johannes Rathenow ist Bürgermeister!« – »Er wird der Stadt Rechte wahren, er ist der Rechte.« – »Nieder mit seinen Feinden!« riefen noch andere, und keiner widersprach. Da zuckte es durch den alten Mann; und wie die Wolkengebilde, die über dem Teltow aufzogen, so traten vor sein Aug' all die Verfolgungen, die er erlitten, die Unbill und Schmach, die er ungerecht ertragen. Solche Augenblicke hatten seine Feinde immer wahrgenommen, und den Volksunwillen auf ihn gelenkt, der ihnen im Wege stand. Nun hob ihn der Strom, ein so mächtiger als je in Berlin getobt, und er konnte ihn dahin lenken, wo er wollte. Nur wenig Worte hätte es ihn gekostet und wäre gerächt an seinen Feinden. Auch glimmte so etwas in seinen Augen. Wem ist da gleichgültig zu Mute, wo er Rache nehmen kann an denen, die ihm Schande und Untergang gebracht. Er sah auch seiner Feinde Gesichter auf dem Söller, am Fenster des Rathauses, und seine Stirn runzelte sich. – Aber der Kampf war kurz. Er griff an seine Brust: »Für meine Stadt kehrte ich zurück, nicht für mich.«

Als sie dem Rathaus näher kamen, da schmetterten die Trompeten, und die Leute sahen auf einen Mann, der auf dem Söller stand und etwas vorlas, und nachdem er's verlesen, zerriß er ein Papier in viele kleine Stücke und streute sie in die Luft. Das war der Achtbrief gegen den Johannes Rathenow; der Rat vernichtete ihn, als geschrieben zu einer Zeit, da die Stadt nicht frei war, und auf Anzettelung böser Leute, deren Hinterlist und Verrat seitdem an den Tag gekommen. Nun ward erst der Jubel groß, und Johannes Rathenow ward empfangen nicht wie einer, dem sie aus Gnade erlaubt, daß er zurückkomme, nein, es war, als wenn ein Sieger einziehe in eine Stadt, die er befreit, und Rat und Bürgerschaft kommen ihm entgegen, ihm zu danken. So streckten sie die Hände ihm entgegen, so jauchzten sie ihm zu, Patricier und Gemeine, und jeder wollte der erste sein, der ihm die Hand drückte.

Und wunderlich, der allererste von den Ratmannen, der ihm die Hand reichte, als er auf die Schwelle zum Rathause stieg, war Matthis Blankenfelde. »Willkommen, Herr Rathenow, in Eurem Hause!« sprach er. »In Eurem,« antwortete der, und eine Wolke lagerte auf seiner Stirn, und seine Hand lag kalt und steif in der des andern. Matthis lächelte: »Uns war's nicht heimisch darin, seit Ihr fort wart.« – »Es war kein Rathaus, es war ein Jammerhaus,« sagte der Hoppenrade. »Ihr habt geduldet viel, aber wir nicht wenig,« sagte wieder Matthis Blankenfelde. »Stadt und Rat wollen ausreißen viele Blätter aus ihrem Buche: wollt Ihr, Johannes, nicht vergessen?« – »Vergessen und vergeben!« riefen viele, und Johannes' kalte Hand wurde wärmer in der des Matthis. Er drückte sie und sah ihn scharf an: »Herr Matthis, Euch kann's gleich sein, ob der alte Mann vergißt; seine Tage vor ihm sind kurz, aber Eure sind noch lang. Ihr thut gut zu vergessen und auf Neues zu sinnen, das gut ist. Wollt Ihr's, so hat auch der Johannes vergessen.«

Damit waren alle zufrieden. Einige meinten, das habe der Blankenfelde gethan, weil es mit seinem Ansehen aus war, er hätte es nicht anders thun können. Aber wer liest in des andern Herzenskämmerlein! Es kommen Augenblicke, wo auch ein schlechter Mann eine gute That thut. Und wer allzeit klug sinnt auf seinen Vorteil vor den andern und seinen Nebenmenschen Netze stellt, der mag doch einmal gerührt werden und auch ihr Gutes wollen. War es wahrhaftig solche Zeit in Berlin, wo ein Mann sich selbst vergessen konnte um des Gemeinwohls willen.

Wie sie ihm da alle halfen, als Johannes die Treppe hinaufstieg. Einige drückten ihm die Hand, andere nickten ihm stumm zu ihr Willkommen. Andere konnten's nicht lassen, sie mußten ihm um den Hals fallen, Konrad Ryke hielt ihm oben an der Treppe die Hand hin: »Wir waren nicht grad' Freunde,« sprach er, »aber Ihr wart ein Ehrenmann immer. Dafür hielt ich Euch und war nicht falsch.« – »So wolle Gott,« antwortete Johannes, »daß jeder Ehrenmann solche Feinde habe.«

Im Saale, die drinnen waren, standen alle auf, als Johannes eintrat, und machten ihm Platz; auch die von den Gewerken, die sich scheuten, so an ihn heranzutreten, wie die Herren von den Geschlechtern, und ihm die Hand zu reichen. Bartholomeus Schumm stellte sich vor ihn und schüttelte langsam den Kopf. Dann reichte er ihm die eine Hand und schlug mit der andern drauf, als Johannes seine hineingelegt: »Bist mir willkommen, Johannes, aber was so spät?« – »Besser spät als gar nicht!« rief Tile Bruck. »Euer Kopf ist grau, Eure Locken weiß, Johannes. Allzu scharf macht schartig.« – »Wir werden alle alt,« entgegnete der Rathenow, und Herr Brakow, der zeitherige Bürgermeister, führte ihn unterm Arm zu dem großen Lehnstuhl, der zur Ehre dastand für den ersten Bürgermeister, und wie oft hatte Herr Johannes darauf gesessen! Er wehrte es mit der Hand ab und wollte zurücktreten; aber da erhoben sich alle einstimmig und sagten, er müsse sich niedersetzen, es sei die alte Zeit wieder da, und er sei Bürgermeister, als wie er es gewesen, da der Burggraf Anno 42 das Thor sprengte.

Herr Johannes seufzte tief und setzte sich, und sein Kopf ruhte in seinem Arme, denn er war müde, und sein Auge überflog den Saal und alle, die anwesend waren, und es herrschte eine tiefe Stille. Was mochte da jeder denken? Wer ruft die alte Zeit zurück? dachte der alte Mann, als er so viel fremde Gesichter sah. Mancher von den Ratmannen war gestorben, wie anders schaute mancher aus. Und war er denn derselbe blieben? Damals war er noch feurig und voll Zornes. Was war er heut'? – Und Aehnliches dachten die andern: wie ihn, den Rathenow, die Zeit verändert! Und sie, was hatten sie erlebt! Das ließ sich nicht wegwischen wie die Spinnweben von den Balken. Die Sonne, die itzt so hell durch die Fenster schien, sagte ihnen, es war eine andere Zeit worden. Das Volk tobte wie ehedem, auf den Bänken war es still. Als hätten die Jahre ihnen Blei in die Flügel gegossen.

Endlich hub Herr Johannes an: »Ihr habt einen alten Mann zurückgerufen in Euer Regiment. Ihr guten Herren, ich meine, die Zeit ist neu und schlimm. Sie braucht junge Kräfte. Mein Arm ist welk, die Füße wurden schwach auf den Pfaden des Elends, auch das Auge ward trübe. Was kann ich Euch helfen?« – »Mit Eurer Einsicht!« riefen viele. »Wir brauchen der Männer,« sprach Konrad Ryke, »so vergessen können die Jahre der Schmach und niederträchtiger Zwietracht, die uns von innen auffraß. Wir brauchen alter Ehrenhaftigkeit, die uns wieder aufhilft, zu denken frei, wie wir ehedem frei dachten, und frei zu sein, wie wir es waren.« – »Wir brauchen,« fuhr Pawel Strobant auf, »der Thaten; denn der Worte sind genug gesprochen, und führten zu nichts.«

So redeten viele noch, und jeder sprach seine Meinung aus, und auch an Klagen fehlte es nicht. Der alte Mann mußte noch einmal alles hören, was den Städten widerfahren, seit er fort war. Sein Herz litt mit. Jeder hätte gern, wie er's vortrug, alle Schuld von sich abgewälzt, namentlich was ihr Verfahren gegen die Rathenows betraf.

»Lieben Freunde und edle Herren!« sprach Herr Johannes und stand auf. »Das soll von heut ab vergessen sein, wie in einen tiefen Brunnen gestürzt, und man wirft Steine und Schutt darüber, daß keiner aus dem faulen Trunke schöpfe. Wahr und wahrhaftig, wir haben an anderes zu denken als unsere Versündigungen, und die Zeit ist kostbar und jede Minute verschwendet, die wir von dem reden, was gewesen ist und war und nicht zu ändern. Ich hatte mir's gelobt, was für mich ist, meinen Fuß nicht wieder zu setzen in diese Städte. Ihr wisset, warum. Als ich in Brandenburg hörte von Eurer Not und neuen Fährlichkeiten, da wandelte ich meinen Entschluß. Denn ich sprach zu mir: Johannes Rathenow hat abgeschlossen mit den Berlinern und Kölnern für sich. Aber er ist nicht der Johannes allein, der sich gehört, er ist auch der Sohn seiner Väter und gehört seiner Stadt an. Die hat Rechte über ihn und kann ihn rufen, wenn sie in Not ist. Darum kam ich, ohne zu fragen, ob Ihr mir sicheres Geleit gäbet. Und wenn ich gewußt, daß mein Achtbrief noch gälte und Ihr meinen Kopf forderte, ich wäre doch kommen. – Aber ich komme, um Eure Not und Fährlichkeiten zu teilen, nicht Euer Frohlocken. Ich sehe nichts frohes vor mir. Mag sein, daß ich zu alt bin. Eure Trompeten und Geigen, die freuten mich nicht. Mag sein, daß mein Ohr taub wurde. Eure Fahnen auf dem Dache flimmerten mir nicht bunt, sie waren grau. Mag sein, daß mein Auge für Buntes zu trüb ist. Ich bin kommen, um mit Euch zu leiden, als es meine Pflicht ist, da ich ein Teil bin Eures Leibes. Nicht begehrte ich Eurer Ehren; die möchten andere tragen. Denn die Ehren werden in Schmach sich kehren. Wir sind zu schwach, und die Markgrafen zu stark. Aber auch Schwache können stark sein, darin, daß sie nicht verzagen, daß sie thun, was an ihnen, für ihr Recht zu stehen bis auf den letzten Augenblick. Wollt Ihr das thun, dann freut's mich. Es wird die letzte Freude sein des alten Mannes.

Weiß Gott, ich thu' es ungern,« fuhr Herr Johannes nach einer Weile fort, »Bin nicht mehr der alte, um den Stürmen wie damals die Stirn zu bieten, und die neuen Stürme werden stärker wehen. Ihr Herren wißt nicht, was es heißt, in die Verbannung gehen und im Elend leben. Ich weiß es, ich bin müde und legte gern in Ruhe mein Haupt nieder, und möchte nicht zum zweiten Male ins Elend wandern.« – »Das sollt Ihr nicht, das werdet Ihr nicht!« schrieen sie. »Es war der Boytin, der Euch die Suppe einbrockte.« – »Wir haben auch gelernt,« sprach Konrad Ryke. »Und wenn sie Euch ins Elend schicken wollen,« sagte Herr Brakow freundlich, »dann gehe ich mit Euch.« Und er faßte ihn traulich unter den Arm.

»Des dank ich Euch, lieber Herr Brakow. Aber es weiß keiner von uns, wer in die Verbannung muß. Der Baltzer Boytin hat sein Part ausgespielt. Nun kommt ein anderer, für den er spielte, und wird selber spielen, nicht mit kleinen Pfeifen und Flöten, mit Posaunen und Trompeten, davor unsere Mauern wanken und unsere Häuser zittern werden. Laßt Euch nicht schrecken drum, Ihr Herren, Ihr habt keinen zum Meister gewählt, der des Furcht hat. Ihr habt den Brief, der ihn bannte, zerrissen. Ihr habt ihn eingesetzt in seine Ehren, Ihr habt ihm groß Vertrauen geschenkt und habt ihn nicht vorher gefragt, was er Euch Bürgschaft giebt, und ob er nicht kommt als ein Abgesandter und heimlicher Freund des Markgrafen. Das ist, bei Gott, ein groß Vertrauen und eine große Ehre. Des ist er Euch großen Dank schuldig. Darum nehme ich die schwere Last auf meine Schultern und kostete es den alten Kopf, der darauf steht. Ich bin Euer Bürgermeister.«

Da war doch keiner, dem nicht das Aug' naß wurde. Und zuerst schwiegen sie, dann aber brach es aus, eine laute, laute Freude. Sie drängten sich um ihn, sie faßten seine Hand, sie rissen ihn an die Brust. Was auch Schweres Herr Johannes erduldet, um solchen Augenblick läßt sich vieles ertragen, und der lohnt für großes Ungemach einen edlen Mann.

Aber nun war's auch, als wäre ein Funken in seine Seele gefahren. Er richtete sich auf, und sein Auge leuchtete. Die Runzeln von der Stirn verzogen sich. Er sprach mehr mit Blicken als mit Worten, und war's, als wäre die Jugendkraft ihm zurückgekehrt. Nun wurden die Thüren geschlossen, und sie setzten sich um die Tische. Da schlugen sie der Stadt Bücher und Register auf, damit der Herr, der so lange fort war, sich von allem unterrichte, was inzwischen geschehen war. Und er seufzte nicht und stampfte auch nicht mit dem Fuß. Er gab, wo etwas Schlimmes geschehen, das Nötige an, was nun geschehen müsse. Er unterzeichnete die Briefe an die Städte und sandte Boten aus und ließ verrechnen.

Nun war's aber desgleichen eine Freude, zu sehen, wie auch die andern Herrn wetteiferten, es ihm nachzuthun. Weil sie unterhandelten von einem Schoß, der den Bürgern aufgelegt werden müsse, zur schnellen Bewehrung der Stadt, und absonderlich, daß man ein oder mehr Geschütz kaufe, denn ohne Feuerwaffen ließ sich itzo keine Stadt mehr verteidigen, rief ein Meister von den Gewerken: »Was, noch neuen Schoß, da wir frei sein wollen! Wozu haben wir die markgräflichen Zöllner hinausgejagt, wenn die Bürger noch mehr zahlen sollen! Das thun sie nicht.« Aber andere von den Gewerken riefen: »Das werden sie doch thun.« Und war's drauf und dran, daß sie wieder in Hader gerieten. »Um Gott, das darf nicht sein!« sprach Herr Brakow. »Zweifle nicht, daß die Bürger zahlen werden, wenn die Geschlechter ihnen vorangehen. Und als wir uns haben gestritten vordem in Schlechtem, so wollen wir uns itzt in Gutem streiten, und wer das meiste einwirft zum Gemeinen.«

Da ließ er das Buch aufschlagen, wo eine reine Seite war, und sprach: »Da lasse jeder einschreiben, was er geben kann und will zur Stadt Bestem. Es wird ein gut Geld werden, das man freiwillig giebt.« Und voran mußte der Schreiber seinen Namen schreiben, des wackern Herrn Brakow, und ein groß Stück Geld dabei. Nun drängten sich alle, es ihm nachzuthun. Manchem mochte es wohl sauer angehen, wollte aber keiner zurückbleiben, und aus Eitelkeit ließ mancher mehr schreiben, als er wohl zu Haus verantworten konnte. Aber thut das nichts: es half doch zum Besten mit. Johannes Rathenow mußte sich wohl freuen darüber, aber er schaute doch wehmütig. Er konnte nichts einschreiben lassen. Aber er hatte mehr gethan als alle, denn ohne ihn wäre es wohl nicht dazu gekommen. Zuletzt trat Herr Bartholomeus Schumm heran, und der nannte so viel Schock Groschen, als wohl alle zusammen schreiben lassen. Darüber erstaunten sie sehr. Das freute ihn, aber er sprach kein Wort und that, als wäre es nichts. Nun sträubten sich auch nicht mehr die von den Gewerken, sondern sie bewilligten alle einstimmig den Schoß, den der Rat von der gemeinen Bürgerschaft ausschrieb.

Und in allem waren sie einhellig; nur als die Briefe verlesen wurden, die der Rat an Fürsten draußen geschrieben, ihnen zu Hilfe zu kommen, schüttelte der Johannes den Kopf und war seine Meinung, daß man die nicht abschicke: »Denn so wir auch mit Recht in Feindschaft sind mit unserm Herrn und die Wehr in die Hand nehmen wider ihn, weil er Ungebührliches fordert und uns will nehmen, was unser ist und war von alters, darum sind wir doch noch Märkische, und er ist unser Herr. Ist das eine Sach', die sich im Haus abthun lassen muß, als wie man, wenn die Glieder einer Familie sich zanken, nicht Fremde dazuzieht. Sondern man streitet und schlichtet unter sich; denn der unser Feind ist, ist doch unser Blut und ist eines Ehre auch die des andern.«

Einige waren für ihn, andere gegen ihn.

»Was ist er unser Blutes!« rief Pawel Strobant. »Er spricht hochdeutsch und wir sächsisch.« – »Nichtsdestoweniger ist er unser Herr von Kaiser und Reichs wegen, und wir haben ihm gehuldigt!« sagte Herr Johannes. »Das Recht ist für ihn und das Recht ist für uns.« – »Aufs Recht kommt's hier nicht an,« sagte der Strobant, »es fragt sich: wer's kann.« – »Ohne Recht, Ihr Herren, kein Ding auf Erden!« rief der Bürgermeister. »Ist's nur schwierig hier, wer das Recht finden muß.«

Sie stritten noch viel darüber, aber freundlich; endlich kamen sie überein, daß man die Briefe an die Fürsten annoch niederlege und nicht abschicke. Sondern der Ratsschreiber sollte zuvörderst Briefe aufsetzen an große Rechtskundige und an die Universitäten zu Prag und Leipzig, daß sie ein Gutachten gäben, ob die Städte Berlin und Köln des Rechtes seien in ihrer Streitsache mit dem Markgrafen, alswie sie die märkischen Städte und Herren zu ihrem Beistand aufforderten, auch Fürsten des Reiches, die nicht zur Mark gehörten, zu ihrer Hilfe zu rufen, sowohl nach Kaiserrechte als nach gemeinem. Damit war Herr Johannes zufrieden; der Pawel Strobant aber krächzte und sprach etwas höhnisch: »Ob sie uns beistehen nach Kaiserrecht oder gemeinem, das verschlägt nichts, wenn sie nur schlagen.«

Nun mag sich jeder denken, wie es rührig war an dem Tage und dem folgenden zu Berlin und Köln. Da sah man Helme putzen und Harnische, und die Waffenschmiede hatten guten Verdienst. Es dröhnte und rauchte in allen Schmieden. Die Thore und Mauern waren doppelt besetzt, und doch ritten sie aus und ein, mit Meldungen allerhand. Denn sie dachten nicht anders, als daß der Markgraf mit Roß und Mann von Spandow kommen werde und sich lagern vor der Stadt. Da ward aus den Dörfern hereingetriebcn Zugvieh in großer Menge, und große volle Wagen kamen gezogen, daß sie fast durch die Thorbogen nicht konnten und die Brücken krachten. Da übten sich die Gewerke auf den Angern und Plätzen im Armbrustschießen, und Geharnischte von Kopf bis Fuß sah man von früh bis spät durch die Gassen klirren.

Das meiste Leben aber war zu Köln an der Spree da, wo des Bartscher Bude gestanden, und sie hatten dicht am Fluß die Grundmauern gelegt zum neuen Schloß. Die Arbeit stand nun freilich still, und hatten die Werkleute auch kaum viel thun können, denn das Volk hatte sie schrecklich geneckt, und itzt hatten sie die Schiefer zerschlagen, die Steine umhergeworfen und die Hölzer zerhauen, und jeder stahl, was er Lust hatte, nicht um des Holzes willen, sondern des Schabernacks. Denn jeder Bürger, der Holzes bedurfte, konnte es aus der Heide holen. Es wuchs genug. Aber die Stadtmauer, die sich von der Spree aus, da wo itzt die Apotheke ist, nach dem Werder hinzog, die war niedergerissen, und die Mauern des Schlosses sollten sie ersetzen; aber die waren noch kaum über der Erde. Also war es ein großes Loch im Netz, durch das jeder hineinkonnte, wären nicht das Wasser und die sumpfigen Wiesen gewesen. Da galt es nun helfen, und rasch. Mauern ließen sich nicht so schnell ziehen, und ein Erdwall that es auch nicht. Um deshalb hatte Herr Johannes Rathenow und der Rat verordnet, daß sie einen Blockzaun aufführten über den Grundlagen der Mauern, die der Kurfürst zu seinem Hause gelegt. Über den Blockzaun ist viel gestritten und geschrieben worden, und nahm es der Kurfürst Friedrich als den größten Schimpf, der ihm von den Kölnern angethan, daß sie diesen Zaun aufführten. Und das war es auch, da wo eines fürstlichen Schlosses Mauer gelegt war, Pfähle einzurammeln und Schwellen, und von Bohlen und Balken einen Zaun zu zimmern, zur Schutzwehr gegen ihn selber: das war doch ein Spott!

Aber was sie fürchteten, der Markgraf kam nicht; auch schauten die Wächter auf den Türmen umsonst aus nach Roß und Mann auf den Straßen. Auch die Späher, die sie in die Spandower Heide geschickt, kamen zurück und hatten nichts gesehen. Und ein Bürger, der vom Markt kam, sagte, es sei ruhig in Spandow, und die Herren tafelten und zechten und dachte keiner daran, Berlin mit Krieg zu überziehen. Das war gute Kunde, und den Bürgern schwoll der Kamm. Da schwur mancher am Abend, der gut getrunken hatte, er solle nur kommen, der Markgraf, die Bürger würden ihm das Bad gesegnen.

Die Herren im Rate trauten dem Landfrieden nicht. Aber sie waren gar sehr verwundert, als ein markgräflicher Reiter kam, von dem sie nichts anderes erwarteten, als er brächte den Fehdebrief, und statt dessen war's ein Schreiben aus der Kanzlei des Kurfürsten: daß die Herren sich schier verwunderten über die Dinge, so sie aus den Städten vernähmen, und sie sollten ja des eiligsten des Markgrafen Richter, den Balthasar Hake, wieder frei lassen, und die kurfürstliche Arche, so etliche von ihnen erbrochen und seine Papiere zerstreut, wieder schließen, denn sie, die Herren in der Kanzlei, hätten Not, daß sie's dem Markgrafen noch verbürgen, der sehr zornig sein würde, so er's erführe. Darum so baten sie sie, als liebe und getreue Herren, die Sache in Güte zu schlichten. Da machten die Herren große Augen, und manches Gesicht verzog sich recht sonderbar zum Lachen; alle aber atmeten leicht auf. »Sankt Petrus!« rief Klaus Möwes, »was muß der Markgraf für taube Ohren haben, daß er's nicht hörte, und seine Räte hörten's doch.«

Ja ihnen schwoll auch der Kamm, wie den Bürgern, und wären Hans Rathenow und Konrad Ryke nicht gewesen, sie hätten gar Lust gehabt, einen Brief wieder zu schreiben, den der Markgraf auch niemand gezeigt hätte. Des Menschen Herz ist ein verzagt Ding, aber auch ein trotzig Ding. Es hält schwer, daß es im Ebenmaß bleibt. Aber die Verständigen behielten die Oberhand, ob sie sich doch freuten, daß die beim Fürsten die Sache nicht gleich auf die Spitze trieben. Denn so der Markgraf auf der Stelle vor die Städte gerückt wäre, wie hätten sie sich halten und ihn abwehren sollen. Wenn es sich hinzog, so wuchs ihnen Hilfe von mancher Seite, sie hofften es wenigstens, und was sich in die Länge zieht, das nimmt oft einen ganz anderen Ausgang als der Mensch fürchtet, aber auch als er hofft. Darum schrieben sie wieder einen Brief, so geschickt als der andere gesetzt, und voller Unterthänigkeit, worin sie schrieben, daß das alles des Baltzer Boytin Schuld sei, der durch sein übermütig und falsches Wesen die Bürger aufgebracht und den Namen des gnädigen Herrn gemißbraucht, weshalb sie die aufgebrachte Menge nicht zurückhalten können, die den Baltzer totschlagen wollen darum, daß er ihres gnädigen Herrn Namen und Ehre gefährdet. Also sei auch der ganze Aufstand, der fern so übel rieche, von gar gutem Geruch, und nur zu Gunsten ihres gnädigen Markgrafen, als welcher von dem Baltzer betrogen worden und in ihm einen schlechten Diener gehabt, der sich bei allem Schlechten gerühmt, daß er es auf Geheiß seines Herrn thue. Also würden sie auch den Balthasar Hake frei geben, der nur um deswillen von ihnen gesetzt worden, weil er mit dem Baltzer unter einer Decke gespielt, alsobald sie sich mit dem auseinandergesetzt hätten. Und noch viele seine Worte mehr standen in dem Briefe von Achtung und Unterwürfigkeit, und hatte Herr Matthis Blankenfelde viel dazugegeben.

Gegen den kurfürstlichen Richter Balthasar Hake waren sie alle sehr ergrimmt, denn er hatte sich hoffärtig benommen so gegen die Geschlechter als gegen die Gemeinen; und war ein finsterer Mann. Darum gönnten's ihm alle, daß er im Gefängnis saß, wo sie ihn eingesteckt, darum, daß er einen Bürger wollen setzen lassen, den der Baltzer als Bürgermeister vors Gericht geteilt, aber die Schöffen hatten kein Unrecht finden wollen, weil der Bürger nichts anderes gethan als der Baltzer selbst, da er noch nicht Bürgermeister war. Er hatte gegen den Markgrafen in einem Weinkeller geschimpft. Darum hatten sie ihn, den Balthasar Hake, in dasselbe Gefängnis geworfen, wo er den Bürger einsperren wollen, und war darüber, als Baltzer Boytin einschreiten wollte, gegen des Rates Willen, und sich selbst überhob, der Sturm ausgebrochen. Um deswillen konnte Johannes Rathenow, dem das nicht ganz recht dünkte, daß die Stadt einen Richter festsetzte, so nicht ihr Richter war, sondern des Kurfürsten, nicht durchdringen. Denn die Herren beriefen sich auf die alten Statuten; und der Hoppenrade holte aus der Lade die Urkunde vom Tage nach Sankt Ambrosius, Anno 1317, darin Markgraf Waldemar der Große bestimmt und gesagt: »Auch wollen wir, daß unsere Mannen und Vasallen, um ihre handhaftige That, welcherlei Verbrechen sie auch begangen haben, sollen zu Rechte stehen vor dem Gerichte des Schultheißen zu Berlin, und sollen Rede geben für ihr Verbrechen daselbsten.« Die Siegel unter der Urkund waren noch unverletzt, (und man sieht sie heute noch) und noch als Zeugen standen darunter vollgültige Namen, als Herzog Rudolf zu Sachsen, Herr Cunrad von Redern, Herr Friedrich von Alvensleben, Herr Cunrad von Klepatz, Herr Dietrich von Kerkow und andere mehr.

Vor solchem Zeugnis mußte Johannes Rathenow sich beugen, aber er that's ungern. Die Herren vom Rate aber waren sehr froh und ließen Abschriften fertigen von der alten Urkunde, um sie an die Städte zu senden und an die Fürsten, mit den Briefen, damit sie bewiesen, daß sie im Recht waren. Und es ließ sich nicht beweisen, daß das Privilegium, so Graf Waldemar ihnen darin gegeben, über seine Vasallen zu richten, nachmalen wäre wieder aufgehoben worden.

Zur selbigen Zeit sah man manche vornehme Personen in den Städten. Ritter, Herren und Bürger waren's. Sie kamen nur des Fürgebens als Fremde, so hier Geschäfte hätten oder durchreiseten. Aber wußten's alle, daß sie mit dem Rate verhandelten von wegen des Streites mit dem Markgrafen. Die meisten, auch die von den märkischen Städten, sprachen zur Einigung; nur wenige redeten sie auf zum Trotz. Aber grade das machte die Berliner immer trotziger. »Er wagt uns nicht mit Gewalt anzulassen, darum will er uns mit List klein kriegen.« So sprachen sie. Andere meinten, aus den großen Umständen und den freundlichen Worten, die der Markgraf gebe, sehe man's recht, wie wichtig ihm Berlin sei und Köln, die durch sich selbst die Hauptstädte geworden der Marken. Aber grad darum sei es Ehrensache ihnen, und wenn er auch goldne Berge verspreche, festzuhalten an ihrem Recht. Denn wenn er's ihnen entwunden aus ihrer starken Hand, sei's ihm leichte Arbeit, es den anderen schwächeren Städten zu nehmen. Und gleichwie sein Vater seliger, Friedrich der Erste, es versucht vor zehn Jahren an der Oder in Frankfurt, und sei's ihm nicht gelungen, als er gewollt, so wollten und dürften sie's auch nicht ihm gelingen lassen. Denn so sie fielen, fielen alle, und die Schmach komme auf sie, die die ersten waren.

So dachten die Stolzen unter den Berlinern und Kölnern, und Herr Johannes Rathenow freute sich des Sinnes. Denn es dünkte ihm ehrbar und recht. Und hätten alle so gedacht in den märkischen Städten, es wäre anders kommen als es ist.

Da war auch Herr Niklas Perwenitz wieder in Berlin. Aber er erschien nicht im Rate als Abgeordneter von Alt- und Neu-Brandenburg, sondern als Handelsherr, der, wie er vorgab, wegen der zerschlagenen Schiefer, so er zum Schloßbau geliefert, zusehen wolle, was sich thun lasse, denn der Schieferdecker Bertold von Dasseleben gehe ihn an wegen Schaden und Gewähr. Doch im stillen verhandelte er viel mit den einzelnen Ratmannen und sprach zum Guten. Er gab auch in seiner Herberg zum Hirsch manches Gelag, wo aufgetragen ward, daß die Tische knackten und der süße Wein in Strömen floß. Die Herren ließen sich auch nicht lumpen, sie gaben's ihm wieder, und bald, daß sie in der Brüderstraße, bald in der Oderberger und sonst wo die Gläser klingen ließen und die Geiger strichen, und von jedem Gelag kam Herr Niklas mit schwerem Kopfe heim, aber niemals mit leichtem Herzen. »Weiß der liebe Gott,« sprach er dann bei sich, »was in die Berliner gefahren ist! Waren sie damals so gewesen, es stünde itzt anders für sie. Aber sind nie zur rechten Zeit, was sie sein sollen.« – Wo er anklopfte bei den Herren, um das, was er wollte, da gaben sie ihm hohe Worte und schüchterne zugleich. Sie sagten, es schickte sich nicht für den einzelnen, um das zu verhandeln, was die Allgemeinheit angehe. – »Mein Gott,« sprach er dann, »Ihr macht's ja; was Ihr wollt, thun sie; Ihr seid ja die Gemeinheit!« Dann mußte er Predigten hören, daß er ja selbst den Gemeinen das Wort geführt. Wenn die Geschlechter ungestört beim Regiment geblieben, wäre all die Scheelung und Irrnis nicht gekommen. »Verhandelt nur, lieber Herr Perwenitz, mit den Gemeinen, da werdet Ihr sehen, was sich aufstellen läßt. Wir waren dazumal ihre Herren, itzt sind wir ihre Diener.« Das war nicht wahr, aber der Brandenburger durft's ihnen nicht sagen. Denn große Herren lieben manches Mal, daß sie anderen zu gehorchen scheinen, wo sie in Wahrheit befehlen; und es geht alles nach ihnen und wie sie wollen, aber es hat den Anstrich vor den Leuten, als regierten die andern. Herr Perwenitz wäre langst abgereist, hätte er nicht noch auf etwas gewartet.

Dazumal ließ der Markgraf Antwort schreiben auf der Städte ihre Briefe, und die war ebenso fein gesetzt und künstlich geschraubt. Konnte man lesen, daß er voller Danks sei über ihre gute Gesinnung für ihn, und daß sie darum mit dem Baltzer Boytin sich veruneinigt, und wisse er wohl, daß das nur schlechte Leute wären, die in den Weinkellern auf ihn gescholten und das Volk aufgehetzt: und daß seine guten Ratmannen und Gewerke von Berlin und Köln, was Unfug geschehen, höchlich mißbilligten und abstellen würden, was an ihnen. Darum aber, daß die Sache geschlichtet werde, denn auch der Baltzer Boytin führe Klage wider sie, bei ihm, dem Markgrafen, sollten sie dem freies Geleit geben, daß er zu ihnen komme und seine Sache führe, wie er ihm denn selber freies Geleit gebe durch alle Marken. – Und Baltzer schrieb selber auch deshalb einen Brief an den Rat, und auf dem Deckel stand es so: »Den Ehrwürdigen Herren zu Berlin und Köln, meinen lieben Herren und Freunden, komme dieser Brief.«

Der Rat aber schrieb ihm eine Antwort, die so lautet: »Unsern Gruß zuvor, lieber Baltzer! So Du uns geschrieben hast von unsers gnädigen Herrn Geleite, das Dir gehalten werden soll, damit Du Dein Gut verkaufen, vertreiben und friediglich austragen mögest, lassen wir Dich wissen, daß wir Dir darum nun nicht schreiben können, sondern willst Du Dein Gut verkaufen und vertreiben, das lieget an Dir. Late wy dy weten, dat wydy darup nu nicht schriven konnen; sondern wilt du din gut verkopen unde verdrifen, dat liget an dy. Geschrieben unter der Stadt Insiegel, dessen wir zu dieser Zeit sämtlichen gebrauchen, am Mittwochen nach u. s. w.«

Mit solcherlei Hin- und Hergeschreibe verging viel Zeit, und es geschah nichts. Aber heimlich waren sie doch thätig und warben Freunde und rüsteten und streuten Gerüchte aus. Da eines Abends, als er am nächsten Tag drauf abreisen wollen, trat recht verdrießlich der Brandenburger Ratmann in die Stube zu seinem alten Freunde und kündigte es ihm an. »Könnt Ihr's nicht abwarten?« sprach Johannes und lächelte etwas. »Hoffen und Harren,« antwortete der, »hat sein End'; und den Reim darauf laß ich Euch hier. Die Brandenburger brauchen keinen Narren mehr als sie ohnedem haben.« – »Werdet Euch doch verpusten!« – »Meine Lunge ist aus, und mein Weib wartet zu Haus. Mag der Markgraf einen andern schicken. Wenn seine Heimlichkeiten Öffentlichkeiten werden, fliegen sie ihm wie die Schwalben im Frühjahr ohnedies in den Hof. Was braucht er Heimlichkeiten!«

»Wartet noch, Herr Niklas Perwenitz. Ich redete heut im Rat bei geschlossenen Thüren. Zween Stunden dauerte es und ging heftig zu. Sie sagten, so man alle die Papiere und Briefe lesen lasse, möge man hinter vieles kommen, was dem Markgrafen und vielen sonst zu Unehren gereiche. Das wolle Gott nicht, antwortete ich, daß Unehre komme auf den, der unser Herr ist. Denn die Unehre des Herrn fällt auf seine Diener zurück. Und was hilft uns seine Unehre? Und was frommt uns, die wir nun zum Guten vereint sind, daß wir Schlechtes auskehren von einigen? Das giebt neuen Zank und neue Ärgernis, und haben wir nicht gelobt, zu vergessen und zu vergeben, was geschehen ist?« – »Das hat gewirkt. Nicht so?« fiel der Brandenburger ein. »Die einige wollte keiner sein.« – »Wenn man den Schnee und das Eis im Frühjahr aufhaut und aus den Gassen fegt, dann kehrt man den Kot darunter desgleichen fort und schafft ihn vors Thor und fragt und untersucht nicht zuvor, wer ihn dahin setzte, daß er darum Rechenschaft gebe. Das sprach ich, und hab's durchgesetzt –« »Was?« unterbrach ihn Niklas Perwenitz.

In dem Augenblick ging die Thür auf, und der Ratsknecht Andreas warf stöhnend ein groß zusammengeschnürt Paket von Schriften, die er mit Mühe die Treppe hinaufgetragen, in die Stube.

»Da liegt's,« lächelte der Bürgermeister und winkte dem Knecht, sich zu entfernen. – »Hier sind drinnen des gnädigen Herrn Heimlichkeiten, und mein Wort drauf, es hat sie noch keiner gelesen.« – »Ich glaub's.« – »Der Rat hat sie mir überantwortet, daß ich auf Eid und Gewissen damit thue, was zur Stadt Besten. Und das will ich itzo. Es schickt sich nicht und frommt uns nicht, daß wir aufdecken, was unser gnädiger Herr wollte, daß es geheim bleibe. Darum nehmt die Schriften, Herr Perwenitz, schnell und still und ladet sie auf Euren Wagen und bringt sie Eurem Herrn.«

Der Perwenitz schaute ihn verwundert an und lächelte vor Freude. »Ihr wollt es wagen, lieber Freund?« – »Ich will's. Rasch damit fort, ehe sie sich anders besinnen.« – »Herr Gott, Johannes! Der Himmel lohn' es Euch, und der Markgraf wird es, aber die Herren –« »Ich sag' Euch, fort damit.« – »Lieber Freund, wenn sie's erfahren! Will Euch ein Mittel angeben, denn bei Gott, es schmerzt mich, ich könnt's nicht verantworten den Dienst, den ich dem Markgrafen thue. Euch zu Schaden.«

Und er schlug ihm vor, daß er alte Papiere nehme, die nichts wert seien, und sie mit ihm zusammenbinde, und darum den Umschlag thue und die Schnüre des Packs aus der Arche. »Damit kommt Ihr morgen aufs Rathaus und laßt ein Feuer anzünden vorm Haus und sagt den Herren, Ihr habet nichts in den Papieren funden, was der Stadt besser sei, als daß sie es dem Feuer übergiebt. Dann brennt's, und ein anderer suche nach, was drin stand. So dient Ihr allen; dem Markgrafen thut Ihr einen großen Gefallen und salviert Euch selber.« – »Diene nicht gern zweien Herren,« sprach Johannes Rathenow. »Was ich thue, ist offen, und was ich thue, will ich verantworten vor männiglich. Liebe nicht Heimlichkeiten. Darum schafft mir die fort als schnell es geht.« – Da ergriff der Brandenburger des Meisters Hand: »Ihr seid ein wackerer Mann, und der Markgraf hat in Berlin einen heimlichen Freund, als er nicht denkt.«

Johannes riß die Hand zurück, und sein Auge glühte fast zornig: »Da sei Gott für, daß er das denkt. Er würde sich täuschen gewaltig. Ich diene meiner Stadt und bin ihr Freund, das sagt ihm, Herr Perwenitz, und sagt es allen, die Ihr sprecht. Und nichts anderes bin ich, nichts Heimliches, Herr Perwenitz. Diese Glieder sind alt, meine Knochen mürb, aber sagt ihm, so er vor Berlin erscheint und will ein Haar krümmen der Stadt Gerechtsamen, da soll er mich sehen auf der Mauer im schweren Harnisch und die Armbrust spannen, und Gott helfe mir, so ich muß den Bolzen schnellen gegen den, der mein gnädiger Herr ist.«

Da wußte Herr Perwenitz, daß nichts mehr zu thun war, war aber auch mit dem zufrieden. Und noch selben Abends ließ er durch einen treuen Diener, und er selbst trug mit, das Paket nach dem Hirsch bringen und gleich auf seinen Wagen verladen und fest schnallen. Ja dann schlief er selber, in Pelz verhüllt, auf dem Wagen, daß keiner über Nacht an den Schatz geriet, und frühmorgens, sobald die Thore geöffnet wurden, fuhr er hinaus und gen Brandenburg, daß er keinen Verdacht gäbe. An dem Abende lobte es Herr Perwenitz, wos sonst wenige Leute loben, daß keine Laternen in Berlin brannten.

Doch muß gesagt sein, daß sie nicht als Feinde schieden, der Brandenburger Ratsherr und der Berliner Bürgermeister. Vielmehr als das Geschäft abgethan, tranken sie noch traulich eine Flasche miteinander und stießen an auf ihre Freundschaft, daß die lange dauere und nimmer aufhöre. Und dann auf ihre Lieben, wo dem Johannes das Auge feucht ward.

»Und Ihr habt Euer Töchterlein noch nicht mal gesehen?« sprach Herr Perwenitz. »Morgen, morgen,« entgegnete Johannes. »Morgen darf ich Vater sein; bis heut war ich Bürgermeister. Gott sei Dank, daß ich sie morgen rufen darf.« – »Sie soll schön sein und hoch gewachsen. Daß sie Eure alten Tage versüße!« Herr Johannes antwortete nicht. Seine Blicke suchten den Boden: »Als wie Gott will,« murmelte er.

*

Nachmalen hieß es in Berlin, sie hätten dem Markgrafen nur um deswillen seine Heimlichkeit ausgeantwortet, weil keiner das viele Geschriebene lesen mochte.

Andern Tages kam ein Brief von dem Baltzer Boytin an den Rat beider Städte, darin er ihm offene Fehde ankündigte. Der lautete so:

»Wisset, Bürgermeister, Ratmannen, Biergewerke, Gilden und alle gemeine Bürger und Einwohner beider Städte Berlin und zu Köln, alle die da mit Euch haben Bürgerschaft und Bauernschaft, Rauch und Brot, und die Euch sind unterthänig, binnen und buten der genannten Städte beide, daß ich will Euer offenbarer, entsagter Feind sein. Euer als auch aller Eurer Güter drinnen und draußen, ich und alle diejenigen, die sich werden geben in meinen Frieden und Krieg. Und will mich dessen mit allen meinen Mithelfern gegen und wider Euch alle Vorgenannte, und gegen alle die Euren, zu Ehren meiner Ehre und aller meiner Mithelfer ganz und gar, bewahret haben. Gegeben zu Mildberg am Dienstag in den heiligen Ostern mit meinem aufgedrückten Insiegel.

Baltzer Boytin

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