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Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 6
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
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Sechstes Kapitel.

Ja, wer hätte Berlin an dem Tage wiedererkannt. Es war ein heller Frühjahrstag; die letzten Märzwolken jagten über den klaren blauen Himmel. Die Dächer der Türme und hohen Häuser waren naß von dem geschmolzenen Schnee, und es träufelte von den Rinnen und floß von den Traufen. Die Sonne aber schien doppelt herrlich davon wider, und die Tropfen blinkten wie leuchtende Edelsteine. Und die Wetterfahnen und Hähne auf den Türmen, wie glänzten sie und drehten sich stolz in den freien Lüften! Und die stolze Spree. Was ist die itzo gegen damals! Was Raumes ist ihr genommen und zwischen hohen Uferwänden von Stein und Pfahlwerk muß sie sich winden, als wie der Mensch wollte und nicht sie. Um jene Zeit war sie ein freier breiter Fluß in allen ihren Armen, und wo itzt feste, hohe steinerne Häuser stehen in der Burgstraße und Heiligengeiststraße, auch in der Breitenstraße noch, wo sie ans Wasser stößt, da war damals Spree. Zumal aber im Frühjahr war sie breit. Da waren die Wiesen übergossen, und es war ein großer See von der Mitte der Breitenstraße an bis zur Heiligengeiststraße; darüber führte die lange Brücke, und das Rathaus darauf stand wie eine Insel im Wasser. Es war das Jahr zuvor viel Schnee gefallen, und der Schnee war itzt geschmolzen im Spreewalde und in den finstern hohen Wäldern um Fürstenwalde; daher stand das Wasser hoch, und der Strom ging heftig, daß es ein prächtiger Anblick war und das Herz hebt sich, wenn es viel Wasser sieht und es ist Bewegung darin.

Wie viel Kähne, große und kleine, lagen darauf, und alle mit buntfarbigen Wimpeln; es war ein lustig Leben. Was wurden da die Enten gejagt und gescheucht von den Knaben und Mägdlein, die sich auf den Kähnen schaukelten, und sie machten gar unbändigen Lärm, wenn ein Stück Holz oder ein Trog angeschwommen kam, darauf sie Jagd machten, denn der Strom hatte vieles fortgerissen. Ja, sie überschrieen fast in ihrem Mutwillen die Mühlen vom Mühlendamm her, die doch so laut klapperten, als fühlten die hölzernen Räder und Bretter ihre Freiheit. Zum Zeichen dessen waren die Dächer der Mühlen mit bunten Tüchern und Fahnen überhangen. Aber kein lustigerer Anblick als die Brücke selbst. An alle Pfosten waren kleine Kieferbäume gebunden, und das ganze Geländer war umwunden mit Tanger, als man's in der Mark nennt, und ist das ein gutes Wort, was auch die Grammatici dagegen sagen, die ihre Nase allerweg hinstecken, und machen doch nicht die Sprache; die macht sich selbst. So daß die Brücke aussah wie ein langer schöner Baumgang; aller Welt zum Ergötzen. Das war aber zum Zeichen geschehen, daß Berlin und Köln wieder eins war; darum hatten sie den Steg, der beide verbindet, so ausgeschmückt, und hatten Berliner und Kölner mitgearbeitet, die fürnehmsten Bürger und die edelsten Frauen. War's eine Sache der Ehre. Um deshalb war auch das Rathaus auf der Brücke wieder mit allerlei Fahnen gespickt, und noch mehr denn zuvor und noch größeren; die flaggten und rauschten im Winde und gegen die blaue Luft und angeglänzt vom Sonnenschein, und wer es sah, dessen Herz kehrte sich um vor Lust. Manchem traten gar die Thränen in die Augen; und Anstreicher hingen an Seilen und Körben ringsum, die die Farben wieder aufstrichen. Ja, war's mit Anstreichen gethan, daß man etwas, das alt ist und morsch, damit wieder frisch machte! Den Wurmfraß und die Fäulnis überstreicht man wohl, daß es nach was aussieht, das Holz aber wird nicht wieder neu.

Aber man hätte sehen sollen die Leute auf den Straßen, so hüben als drüben und zumal auf der Brücke, wenn sie sich begegneten, wie sie sich die Hand drückten und um den Hals fielen, als wie wohl geschieht in einer Stadt, die belagert worden und hat Schweres ausgestanden, und am Morgen ist der Feind abgezogen, und sie fühlen sich frei. Da denkt keiner, daß der Feind wiederkommen kann. Ist auch recht. Denn so jeder dächte, wenn ein Übel vorbei, daß es wiederkommen kann, dann gäb's auf der Welt nimmermehr Freude. Und was wär die Welt ohne Freude. Ein groß Spital voller Elend, und eines hängt am andern, und wenn das eine fort ist, kommt das andere. Als wie Gott der Herr den Wein wachsen ließ, und unsere Väter nannten ihn Sorgenbrecher, damit ein guter Mann sich bisweilen einen ehrbaren Rausch trinke, also thut uns allen bisweilen ein solcher Rausch not, wär's auch ohne Wein, daß wir der Qualen und Sorgen auf etliche Zeit vergessen und uns erheben und Mut fassen zu frischen Dingen. So war's in den Städten; die Kölner und Berliner fielen sich um den Hals, und die von diesseits sprachen drüben, und die von drüben diesseits an, und alte Freundschaften wurden wieder vorgerufen, und wo einer ansprach, da ward die Weinkanne geholt und die Becher, und sie stießen drauf an, daß es immer so bliebe. Hätte da einer wieder anfangen wollen von der Teerbutte am Wagen und die Blutwurstgeschichte, den hätten sie wohl übers Geländer in die Spree gestürzt. Und mit Recht. Ein Störenfried verdient's nicht besser.

Im Rathaus selber sah es zumal erfreulich aus. Wie ein Festtag. Sie stritten nicht mehr auf den Bänken, sie waren alle eins, und Kölner und Berliner saßen untermischt. Ob sie schon den Vertrag zerrissen vom Montag nach Reminiscere Anno 1442, saßen doch von den Gewerken im Rat, aber auch viele von den Geschlechtern, und fast dieselben von vordem. Und was hübsch ist, und man rühmen muß, die stolzen Herren sprachen mit den Meistern, als wären sie ihresgleichen, und die Meister hinwiederum schimpften nicht und beargwöhnten jedes Wort, das die Herren sprachen. Giebt es ein Band in der Welt, das knüpft und hält die aller Unterschiedensten zusammen. Ist das die Klage über erlitten Unrecht. Der Bauer, der da klagt, daß die Sonne zu viel scheint, und der Bauer, dem's zu viel regnet, die sind beide eins, sie sind unzufrieden und schimpfen beide auf den Himmel, daß er's so gemacht und nicht anders. Was hatten nun die Berliner zu klagen und die Kölner wider den Markgrafen! Das ging wie ein Strom im Frühjahr; der schwillt an und kann sich kaum selbst halten, denn aus allen Erdrinnen fließen ihm Bächlein zu, und die Büsche am Rande träufeln ihm auch ihre Thränen zu. Dann rauscht er auf und tritt über die Ufer und möchte alles verschlingen.

Da, inmitten den Klagen, gedachte man auch, und das war weise, derer, die, in den unglücklichen Jahren zumal, gelitten unter dem Druck der Herrschaft und durch die Bürger selbst. Es war mancher Mann aus einer Stadt geschickt ins Elend. Und alle riefen wie mit einer Stimme: »Die rufen wir zurück!« – Da fragte der reiche Herr Brakow, der Schwiegersohn des Bartholomeus Schumm, der war vor dem Baltzer Boytin Bürgermeister gewesen, und itzt hatten sie ihn wieder gekürt, nach ordentlicher Weise, es war auch in Sturm und Hast zugegangen und hatte keiner widersprochen; der fragte: »Alle sonder Ausnahme?«

Und einen Augenblick schwiegen sie. Dann aber rief es ohne Bedenken oder was einer hatte, er verschluckte es: »alle sonder Ausnahme!« Und es jauchzte durch den Saal ob dem Beschluß, und, er ward bald durch die Städte bekannt, und sie billigten ihn, und manches Auge vergoß Thränen. Und Schreiben wurden nun gefertigt nach allen Ländern, teils um die zurückzurufen, die verbannt waren, teils an Städte, Herren und Fürsten, die Sach', wie sie war, ihnen fürzutragen und um ihre Hilfe zu bitten.

Es hätten an dem Tag alle guten Schlüsse durchgehen können, so einstimmig waren sie, und die erste Freude machte ihr Herz weich. Da läßt es sich schmieden zu allerlei Gutem; und solcherlei Augenblicke kommen bei jedem Gemeinwesen, und es fehlt nur leider oft an denen, so es dann zum Guten nutzen.

So ich aber alles herzählen sollte, was an dem Tage in beiden Städten vorging, da könnte ich nicht aufhören. Was einer ist, das kann er auch im stillen sein, aber was er sich fühlt, das muß heraus. Die andern könnten's nicht fühlen. Sie fühlten sich frei in Berlin und Köln, und alle Welt sollte es wissen. Darum hingen Tücher und Teppiche aus den Fenstern und über den Thüren steckten grüne Reiser, und die Gewerbsschilde waren mit Bändern geschmückt. Und wer dabei gewesen, wie sie den Richter des Markgrafen gefangen setzten und des Baltzer Haus stürmten, der erzählte es allen, die nicht dabei gewesen; und was wirklich geschehen, das ward nicht verschwiegen, ward aber noch manches hinzugesetzt; und was am Georgenthor noch klein war wie ein Kibitzei, das ward am Teltower Thor schon groß als ein Straußenei. Und die Thüren in allen Häusern standen offen und Schenktische in den Fluren; wer vorbeiging, dem ward zugetrunken und ein Glas gereicht, und er mußte anstoßen auf die Freiheit der Städte.

Da zogen die Gewerke vorüber, wie es vor alters gewesen, mit Spielleuten und fliegenden Fahnen, vorauf an langen Stangen ihr Gewerkszeichen; und was Rüstungen hatte, die waren umgeschnallt, daß es kriegerisch genug aussah. Keiner aber, der nicht eine Pickelhaube auf dem Kopf hatte und einen Harnisch um den Leib. Und an den Häusern der fürnehmsten Bürger, zumal der von den Geschlechtern, hielten sie und ließen die Geiger und Pfeifer aufspielen und brachten viele Lebehochs den Herren. Die sprachen dann vom Fenster herab oder traten hinaus an die Thüre, und redeten da zu den Gewerken, wie ihnen ums Herz war. Da mußte jeder gradaus und von der Leber wegsprechen. Denn so einer Umschliche gemacht hätte und viel Wenn's und Aber's angebracht, ich hätt's ihm nicht raten mögen. Muß aber zu ihren Ehren ihnen nachgesagt werden, es ging ihnen von der Leber weg, wie sie von den alten Rechten der Stadt sprachen und die Markgräflichen zum Teufel wünschten und männiglich zur Einigkeit mahnten. Denn Not lehrt beten.

In der Klosterstraße, da, wo sie eng wird, gegen Abend zu, war kaum Durchkommens. Da stehen viele hohe Häuser, die den Prälaten gehören, als dem Bischof von Brandenburg und dem von Lebus und von Havelberg und anderen geistlichen Herren; daher heißen auch die Gassen, die drauf zu gehen, die Papenstraße und die Bischofsstraße. Sie wohnen nicht allezeit darin: sind's nur ihre Absteigequartiere, wenn sie in der Stadt zu thun haben, zumal bei den Landtagen. Diese Häuser waren nun nicht geschmückt, wie die andern, denn was ging die Freude der Bürger die Herren an, oder ihre Haushofmeister, so darin wohnten. Die meisten waren verriegelt und die Fensterläden geschlossen. Da wurde geschrieen: wo die faulen Bäuche und Kapuzen steckten? Ob sie sich nicht mit freuen könnten? Wein hätten sie genug im Keller. Wer in der Stadt ein Haus habe, der müsse Freud und Leid mit ihr teilen. Das aber war nur das Sanfteste; es fehlte nicht an ganz anderen Schimpfworten. Die von Berlin nahmen nie ein Blatt vor den Mund, wenn von den Glatzköpfen die Rede kam. Ihre Väter hatten wohl erfahren, was Bann und Interdikt war, aber sie ließen sich's nicht sehr grämen. Ist der Bann wie das Erdbeben. In den heißen Ländern wird es schrecklich, in den kalten thut's wenig, und der Blitz schlägt kalt in den Sand. Es hat mancher Mann im Bann gelebt in den Marken und hat's ihm nicht viel angegangen. Die Bischöfe und Äbte aber galten für Freunde des Markgrafen, dem sie auf den Landtagen immer das Wort geredet. Und darum durften sie sich nicht freuen mit den Städtischen, wenn sie's auch gemocht. Desgleichen aber hatten sie Ursach, sich zu fürchten. Und manchem von ihnen, der in den Häusern steckte, lief der helle Angstschweiß von der Stirn und barg sich im äußersten Winkel, wenn er dachte, daß es nur ein paar Schritte waren durch die Papengasse und die Bischofsgasse nach dem neuen Markt und Sankt Marienkirchhof, wo das Kreuz stand, und noch heute steht, da der Abt von Bernow vor hundert Jahren geblutet hatte. Dazu kam's nicht. Aber mancher ließ doch in der Angst von seinem Wein schenken aus den Kellern. Ist mit dem Volk, wo es aufsprudelt, nirgend zu spaßen. Das thaten sie auch dort in der Kalandsgasse, am Kalandshof. Ob sie in ihren Kellern ein Faß mehr hatten oder weniger, darum hatten die Kalandsherren nicht weniger zu trinken. Ja wär's aufs Trinken angekommen, daß das Elend drum geringer würde, da hätten die Kalandsherren von Berlin und Köln alles Elend ausgetrunken, das in den Marken zu Haus ist und noch weiter in Sachsen und im Reich. Aber den durstigen Pilgern, die an ihre Thür klopften, reichten sie damals ein so klein Maß, daß es kaum für den Durst war. Die Alten hatten es anders gemacht. Drum gab es auch itzo vor dem Hause manche Sticheleien, die die Herren wohl verdienten, denn zu keinerlei Zeit ist es gut und von keinerlei Geschlechts, ob geistlichen oder weltlichen, so die zu Pflegern gesetzt sind der Armut und der Notleidenden, in Saufereien und Gelagen das verprassen, was fromme Leute für die Dürftigen aussetzten.

Das Gedräng in diesen Straßen kam aber daher, daß alle nach der Mauer wollten, wo des Baltzer Boytin Haus stand, oder man konnte sagen, es hatte da gestanden. Denn sie waren dabei, es niederzureißen. Waren nicht verständige Leute zur Hand gewesen, sie hätten's gar in Brand gesteckt, was noch der Stadt zum großen Unheil gereichen mögen, denn es waren alles Holzhäuser ringsum und die meisten mit Stroh gedeckt. Aber auf dem großen Hofe hatten sie doch ein Feuer angemacht, und da ward hineingeworfen, was sie in den Stuben fanden von Geräten. Und dann zerschlugen sie die Fenster und stießen die Kreuze heraus. Und andere saßen auf den Dächern und schnitten und hieben und warfen hinab. Kurz, es war ein Werk der Zerstörung und krachte und knisterte, und der Lärm war groß, und wollte jeder was dazu thun, weil er's für ein gut Werk achtete. Wenn die Jungen die Betten aufschlitzten und die Federn ausschütteten oder einer kroch selbst hinein und schüttelte sich, das war eine Lust. Und die Tiegel und Töpfe und Schüsseln, wenn die zum Fenster 'nausflogen und auf die Erde klatschten. Und nun faßten zwei oder drei einen großen Tisch oder eine Bettstelle, und die mußte auch zum Fenster hinaus, Kopf weg! hieß es, und wenn sie krachte und brach, jubelte es unten. Blieb sie aber ganz, so wurden die oben noch ausgelacht. Ja, ihre Wut ging so weit gegen alles, was dem Baltzer angehörte, selbst sein Federvieh ließen sie nicht leben. Da wurde gejagt, gespießt und geschlachtet und ins Feuer geworfen. Und wenn ein Hahn über den Zaun flog, das gab eine Jagd drauf. Es sollte nichts Lebendiges vom Baltzer in der Stadt bleiben. Gestohlen wurde aber nichts.

Fast wäre es noch zu einer Schlägerei gekommen, als das Dach herunter war und die Fenster heraus und die Steine und die Lehmwände ausgestoßen. Denn da stritten sich die Zimmerleute mit den Knochenhauern, an wem es sei, die Sparren und Stiele niederzuhauen. Eigentlich war das freilich Sache der Zimmerer, wer mochte es aber heut den Schlächtern nehmen, die das Beste gethan beim Werk; und mit ihren Beilen und Messern hackten sie das Holz als waren's Knochen; und die Leute lachten und klatschten ihnen zu. Der Meister Kuhlemey that die ersten Schläge, dann ließ er den andern Meistern und den Gesellen das übrige. Er schaute wie ein grimmiger Bär, denn ihn hatte der Baltzer vor allen betrogen, und was ihn noch mehr verdroß, daß er als kluger Mann ihm doch vertraut und sich damals beschwatzen ließ, da er doch wußte, was dahinter steckte. Um deshalb kochte es in ihm, und er war ebenso mit sich unzufrieden, als er den Baltzer tödlich haßte. Hätte er ihn gefaßt, der Baltzer wäre nicht lebendig davongekommen. Darum war es auch Bartz Kuhlemey vor allen gewesen, der in den Gewerken gesprochen hatte, daß sie sich wieder mit den Geschlechtern aussöhnten. Denn wären sie auch hoffärtig, sie wären doch geboren in der Stadt, und der Stadt Wohl und Wehe sei ihr Wohl und Wehe. Einem Fremden, wenn er auch noch so schöne Worte mache, könne man nimmer trauen, als wie sie gesehen. Und nun ging er umher auf der Mauer über dem Hause, und mit verschlungenen Armen sah er hier auf die Zerstörung und dort über die Mauer hinunter über den Graben und knirschte mit den Zähnen, daß er zu spät gekommen. An einer Zinne hing noch die Schlinge vom Seil, daran sich Baltzer herabgelassen. Er hatte sie mit dem Messer zerschnitten, als jener noch dran hing, und er war hinuntergestürzt, aber nicht tief; und so war er wieder aufgestanden und war mit Hilfe etlicher von seinen Leuten, die schon drüben warteten, hinausgeklettert und auf seine Pferde. Denn er hatte Wind von dem Sturme und hatte seine Rosse zum Oderberger Thore hinausgeschickt, als gingen sie auf die Weide. Da hielten sie nun und nahmen ihn auf, und die Steine und Pfeile, die sie ihnen nachschickten, erreichten sie nicht mehr.

Und da hob sich der wilde Meister in die Brust und sprach Worte hinunter, die schlugen stärker als die Beile seiner Gesellen. Und wie die ins Holz krachten, schmetterten die Worte in die Herzen. Es war nichts abgekartet und ausgedacht, es kam, wie's aus der Brust sprudelte, und das wirkte. Von alter Freiheit und alten Rechten, von Bürgerblut und Bürgermut sprach er, daß ihnen die Augen naß wurden und die Arme zitterten vor Lust: »Wes ist die Stadt und die Häuser, die wir bauten, und die Mühlen, die wir kauften, und die Gerechtigkeiten, die wir haben von alters, verbrieft und versiegelt? Unser oder des Markgrafen? Unser, die wir wohnen hier, seit die Lande christlich wurden, oder der Markgrafen, die ehegestern kamen? Unser, die wir sie kauften mit unserer Väter Blut, oder der Markgrafen, die dem Kaiser, ich weiß nicht wie viel Mark zahlten? Unser, Ihr Bürger. Hat's der Markgraf geleugnet, hat er ein Wörtlein gesprochen, daß er sie uns nehmen wollte? Schützen wollte er uns gegen die Feinde. Er hat uns geschützt. Unsere Augen hat er geschützt, daß wir nicht den Feind sahen. Wie den Ochsen, den man schlägt und streckt ihn nicht hin. Getroffen und blind taumelt er rechts und links und weiß nicht, wo der Schlag herkam. So wir. Wir rannten auf unsere Freunde und stießen auf unsere Nächsten. Des lachte er heimlich, des war er froh. Und wir? Rauft Euer Haar und zerreißt Euer Wams und streut Asche auf Eure Köpfe; ärger haben wir gewütet als das unvernünftige Tier gegen uns selbst. Verzehrt unsere Kräfte, stumpf und dumpf getobt, unsere Besten ausgejagt, und die Schlechtesten kamen obenauf. Ja, unsere Besten haben wir verredet und auf die Schlechtesten gehört, und jeder schlage auf seine Brust und dünke sich nun nicht besser als der andere. Es war keiner ohne Fehl, keiner von uns, der nicht »Nieder!« schrie, der sich nicht freute, wo sein Gegner stürzte, Bürger und Freunde! alle Glocken könnt Ihr läuten lassen um Eurer Tollheit willen; um was Ihr verbrochen und verspielt, es wäre noch nicht Grabgeläut genug. Aber die Glocken können auch wieder hell klingen, und etwas. Ihr Bürger, freut mich. Wißt Ihr's? – Daß der Markgraf in unsern Mauern keinen Verräter fand als einen. Und den einen haben wir hinausgejagt.«

Da jubelte alles: »Den haben wir hinausgejagt!«

»Keinen als einen, hört es. Ihr von Berlin und Köln, einen allein fand er unter den Tausend und Tausend. Wem's Herz am rechten Fleck sitzt, der jubiliere! 'S sind gute Städte, wo in zweien nur ein Schlechter ist. Wo ist er? Landflüchtig. Wo ist sein Haus? In Staub. Wo sein Name? Laßt ihn wiederkommen und den Namen vom Kaak herabreißen. An den Pranger gehört er in Ewigkeit!«

»In Ewigkeit!« schrieen ihm Hunderte nach.

Und darauf zählte er auf des Baltzer Boytin ganzen schlechten Lebenslauf, wie er bankbrüchig geworden in Stettin und anderwärts, und immer wieder zu Geld gekommen, man wußte nicht wie. Wie er allen schlechten Sachen gedient und allen braven Leuten Rechtsstreite angehängt. Wie er drauf Roßhandel getrieben durch die Marken und spioniert für den und jenen und alles Böse hinterbracht. Und wäre das schon Verrat und Todes wert, um wie mehr, was er in den Städten gethan, wie er dazumal die Bürger gehetzt gegen die Patricier, und auf sein Anstiften sei der Markgraf gerufen und das alte Wesen umgestürzt und mancher redliche Mann verbannt worden. Und wie er darauf die Bürger aufsässig gemacht gegen die regierenden Herren, wer es auch war, und sie verdächtigt bei den Gemeinen, als wären sie Diener des Markgrafen, und bei dem Markgrafen verredete er sie auch insgeheim, als handelten sie wider ihn. So sei's durch ihn geschehen, daß Johannes Rathenow gestürzt und verbannt und viele andere. Und wie er darauf in den Weinkellern gegen den Markgrafen lästerlich geredet, damit er die Bürger verführe und Anhang gewönne. Schon dazumal hätten die Gewerkmeister vor ihm gewarnt, aber er habe gefragt, ob denn die Zünfte auch vom Landesherrn bestochen wären, und so sei es gekommen, daß man ihn, den doch keiner geliebt und gemocht, zum Bürgermeister gekürt, da keiner sonst von den Geschlechtern und den Gemeinen, der von Ansehen war, übergeblieben, den er nicht verunglimpft und mit den andern veruneint. Und da es ihm gelungen und er Ältermann geworden und die Stadt mit dem Landesherrn ganz überworfen war, da habe er die Larve abgezogen und gespielt, was er sei, ein Diener, den sein Herr bezahlt, und sein Herr sei der Markgraf gewesen. Nein habe er nun ein Recht der Stadt nach dem andern in die Hände gespielt, gelassen Zöllner und Bediente des Burggrafen in die freie Stadt, Bewaffnete und Richter, die umhergeritten wären als Vögte eines Fremden und niedergeschaut mit Verachtung auf die Bürger und sie gerichtet, nicht als wären sie freie Männer, sondern Unterthänige. Einreißen habe er lassen die Mauer von Köln, die nach Spandow zu geht, und weiter als der vorige Rat es gebilligt, daß der Markgraf eine Zwingburg baue und die Stadt keinen Schutz habe, sondern sei wie ein großes Dorf, wo der Feind einreiten kann, wenn er Lust hat. Wie eine weite Wunde klaffe noch diese Mauer, und jedes Herz in den Städten fühle den Schmerz. Aber was durch dieses Loch in die Stadt noch kommen sollte, davon hätten sie nur den Anfang gerochen. Ketten und Bande und fremde Sitten und neue Zölle und fremdes Recht. Zölle, die den Handel niederdrückten und die Gewerbe töteten. So grausame Entwürfe, die die Räte zu Papier gebracht, daß der Herr selber davor erschrocken und sie versiegeln lassen, da es noch nicht an der Zeit sei, daß sie ruchbar würden.

Es hätte nicht Not gehabt, daß Bartz Kuhlemey sie nun fragte, ob sie das geruhig dulden, ob sie freie Bürger bleiben oder dienen wollten dem Bedienten eines Herrn? Sie schrieen und tobten, sie wollten frei bleiben und ihr Herzblut dran setzen. Wäre da ein Heer des Kurfürsten vorm Thore gestanden, sie wären Mann für Mann hinausgebrochen, wie sie waren, und hätten eine Schlacht gewagt, und die wäre blutig worden. Einstweilen aber schlugen sie auf die letzten Stiele, und das Haus des Roßkamms stürzte krachend ein, und der Staub wirbelte eine Säule in die reinen Lüfte, und das Geschrei der Tausende hallte ihm nach.

Aber viele waren schon fort durch die engen Winkelgassen nach der Klostergasse zu, wo sie andere Kurzweil trieben. Denn so ein ernster Tag konnte auch nicht ohne Lustigkeit abgehen. Das Gäßlein, das itzt heißt die Rosengasse, hieß damals nicht Rosengasse, sondern sie führte einen Namen, den ich nicht nennen mag, und schmutzig war sie sehr. Da wohnten die schlechten Dirnen, als es wohl heut noch ist, die sich nicht in der Stadt durften sehen lassen und unter ehrbaren Leuten. Hatte der Henker die Aufsicht über sie. Und die waren gehalten, wenn viel Kot und Unrat in den Gassen lag, dann mußten sie alle mit Schaufeln und Besen heraus und ihn zusammenkehren und schaufeln auf große Haufen, Und alsdann ihn werfen in große Schubkarren mit zwei Rädern, An diese wurden die Weibsbilder geschlossen, und so mußten sie den Kot aus Berlin hinauskarren. Mag man sich denken, was das für Lust in der Stadt war an solchem Tage, und wie die Jungen hinter ihnen zischten, schrieen und Pfiffen. Ach, nicht die Jungen allein! da wurden die Fenster aufgerissen, und auch die ehrbaren Bürgerfrauen schimpften sich satt auf die Mädchen. Denn Berlin war eine sehr ehrbare Stadt.

Heute aber hatten sie die Dirnen zu ganz anderem gezwungen. Sie mußten aus den Höfen und von den Dächern, und wo in den Winkeln noch Schnee lag, den zusammenkehren und nach dem neuen Markt zu karren. Und es war ein lustig Schauspiel, wie sie dort von allen Dächern herunterfegten, als schneite es noch, und es kam ein großer Haufen zusammen, ob er doch stark schmolz. Da arbeitete nun und knetete, was jung war und Hände hatte, half aber auch mancher große Gesell mit. Kurz, sie brachten einen Schneemann zusammen, so groß als ein Mensch und noch ein paar Köpfe größer, und der ward formiert mit einer abscheulichen Nase und noch gräßlicheren Augen, und eine Zunge streckte er heraus, die war ein Stück Dachziegel. Und Lumpen hängte man ihm um, daß es erschrecklich anzuschauen war. Aber alle Welt lachte, und sie schrieen: »Das ist Baltzer Boytin, wie er leibt und lebt.«

Nun wollten sie Gericht über ihn halten, wie es geschieht auf dem neuen Markt, und hat mancher da geblutet auf einem Sandhaufen, wo letzt noch der Galgen stand, andere aber schrieen: »Nein, er muß vor den Roland! Er muß Abbitte thun vor der Stadt Gerechtigkeit. – Er hat gedroht und gelästert unsern Roland!« Und die das wollten, hatten die Oberhand über die andern. Und wie auch die an den Fenstern schrieen, daß es auf dem neuen Markt geschehe, die unten hatten ihn und setzten es durch, und so schwer es ging, viele Hände machen Arbeit gering. Sie hatten ihn schon auf einer Trage, darunter sie viele Stangen, lang und der Quer schoben, und die Dirnen mußten ihn tragen, so sauer es ihnen ward. Aber ich hätte keiner raten mögen, ein bös Gesicht zu machen. Es war aber um deswillen, daß sie ihn vor den Roland bringen wollten, weil der Roland, wie man weiß, das Sinnbild ist des Blutbannes, den eine Stadt hat. Das Schwert in seiner Hand, das ist das Zeichen, daß sie das Recht hat, an Hals und Kragen zu richten. Und der Baltzer als Bürgermeister hatte geäußert, wie es hieß, es werde nicht gut werden, bis man dem steinernen Manne das Schwert aus den Händen winde und es einem gebe, der es besser zu führen wisse.

Darum trugen sie den Schneemann vom neuen Markt nach dem alten an St. Nikolas, wo der Roland stand. Und an Lärm und Geschrei fehlte es nicht, und sie machten eine Musika dazu, wie die Katzen auf den Dächern, oder an einem Polterabend, wo sie alte Töpfe zerschlagen und aus thönernen Pfeifen und allerhand Instrumenten Lärm treiben, den jungen Eheleuten zum kurzweiligen Spott. Weil aber der Schneemann, der groß war, auf der Trage immer schwankte, denn sie neckten auch die Weiber, und die lachten und bückten sich ohnedem, so mußten noch zwei davon hinaufsteigen und ihn halten, daß er nicht falle, was noch immer mehr Gelächter gab. Denn die zwei mußten sich selbst halten, und die Last ward den andern so schwer, daß sie alle Augenblicke sie niedersetzten, und die mutwilligen Burschen warfen sie mit Schneebällen und Kot. Dazu sangen sie, was noch lange nachgehends in Berlin gehört wurde:

Baltzer Boytin heißt er.
War unser Bürgermeister,
Itzo ist er ein Schneemann,
Den – – ihr Ehmann,
Die Berliner ihn nicht wöll'n.
Noch wen'ger die von Köln!

Und kaum daß er unzerstoßen und ungeschmolzen durch die Gassen bis auf den engen Platz um Sankt Nikolas Kirche kam. Da war alles schon voll gedrängt an Thüren, Fenstern und auf den Dächern der Bretterbuden. Und keine schlechten Leute. Es waren Herren aus den Geschlechtern da und Ratleute, denn einen Spaß sieht jeder gern, zumal wenn das Spiel einen Grund hat, der das Herz erfreut.

Und waren alle Häuser besetzt und alle Fenster voller Köpfe, so war doch ein Haus leer und die Fenster geschlossen. Die glänzten, wenn die Sonne drauf schien, grün und gelb, und Spinneweben hingen darum, und das ganze Haus schaute grau aus und unheimlich, als wohnte kein Mensch darin. Auch hing die Giebelspitze über nach der Straße zu, gar drohend, denn die Eisenstange, damit sie an die Dachfirst gefestigt, war verrostet und gebrochen. Das Dach war zerlöchert, und keiner hatte es gebessert. Der Drache, der das Wasser von der Traufe ausspie auf die Straße, hing über mit seinem Kopf, vom Winde geschaukelt, als hätte ein Ritter ihm den Hals durchhauen. Das war das Haus der Rathenow. Gras wuchs auf der Schwelle, es sah aus wie ausgestorben, und selten einmal, daß abends, wenn es dunkelte, oder morgens, ehe die Marktleute kamen, die Thür sich öffnete und ein Weib herausschlüpfte oder wieder hinein. Man hörte nichts drinnen als zuweilen ein heiseres Husten und zuweilen einen geistlichen Gesang. Die alte Muhme Gertraud schaute die Leute, und die Leute schauten sie und erzählten Wunderliches von ihr. Es war die Witwe des Martinus Wardenberg, den die Herren richten lassen vor allen Zeiten auf dem neuen Markte, und sie konnte es nicht vergessen, und so alt sie war, ihr deuchte es immer, es sei erst gestern geschehen. Sie flüsterten von ihr, daß sie alles voraus gewußt und gesagt, was zugetroffen, der Stadt zum Unheil. Auch ihrem Vetter hätte sie's gesagt, der dazumal Bürgermeister gewesen, wie es kommen werde, er hätte aber nicht auf sie gehört, daher kam ihm das Unglück. Es hörte keiner auf sie, bis alles eintraf, just wie sie's gesagt, und die Rathenows waren ausgestorben und ins Elend gangen, und sie allein überblieben und hütete das Haus, in das keiner mochte. Und die Leute machten noch viel mehr von ihren Prophezeiungen. Ja, die Hökerinnen, wenn sie über dem Kohlenstübchen saßen am grauen Morgen, und der Wind schrillte zwischen den Kirchenwinkeln, dann erzählten sie, wie die alte Gertraud der Stadt Ende vorausgesagt; meinten einige sogar der Welt Untergang. Den Männern sagten sie's nicht.

Da nun, wie sie den Schneemann niedergelassen, just vor dem Roland, und er war schon so zusammengesunken, daß er wie ein armer Sünder kniete, und der Kopf hing ihm über, und um des Roland Stirn und Schulter hatten sie Kränze gewunden von Tanger und Moos, und sie baten ihn, er möchte den Schuft richten, der ihm gelästert und der Stadt. Da nun mitten in das Gelächter hinein kam ein ganz anderer Ton. Als wenn die Saite von einer Geige springt und es schrillt häßlich, so schrie eine heisere Stimme: »Was macht Ihr da?« – Und das obere Fenster in dem öden Hause ging auf. Wie ein Totenkopf mit den paar grauen Haaren, die sie umflatterten, lugte die Alte hinaus, und war's doch, als ob das eine Weib den Jungen und Alten alle Lust nahm. Sie lachten nicht mehr und schwiegen still. Nur einige, die gedeckt standen, murmelten: »Das ist die Hexe!«

»Was macht Ihr da?« sprach sie. Keiner antwortete.

»Scheint die Sonne Euch wieder ins Nest, daß Ihr Kurzweil treibt, Ihr Kurzsichtigen! Ihr seid unten, ich stehe oben. Die Wolken kommen wieder, mit der Sonne ist's bald aus.«

Nur ein Lohgerberbursch, wie alles schwieg, der reckte den Hals und rief: »Dudeldumdei, 's ist alles einerlei.« Die Lohgerber sind absonderliche Leute. Fürchten nicht den Schwefelpfuhl, denn da kann's nicht ärger riechen als in ihren Gassen, und die Pest auch nicht, denn die kommt nicht hin. Wer so das Leder weich schlägt, dem kommen wohl dabei eigene Gedanken, und denken, alle steckten in einer Haut, und wenn man sie gerbt, ist eine als die andere Leder. Darum fürchtete sich auch solch ein Lohgerberbursch nicht vor Hexen. Der Junge schwenkte nun seine Mütze und schrie: »Unser Roland lebe hoch! Und dem Bürgermeister den Kopf ab!«

»Euer Roland hat ausgerichtet,« rief das Weib. »Er richtet keinen mehr, seine Stunde ist um. O, Ihr thörichten Bürger, was schmückt Ihr eine Leiche mit frischen Kränzen? Seht ihn doch an, er ist schon grün, aber es ist nicht Frühling, es ist Verwesung. Hat sich satt trunken an Bürgerblut, will auch Ruhe haben, und Ihr laßt sie ihm nicht. – Nehmt ihm ab die Kränze!« schrie sie mit erhobener Stimme und reckte den hageren Arm. »Es kommt der Stärkere, der den Starken zerschmettert, kriecht in Eure Hütten, steckt Eure Köpfe unter den Scheffel, daß Ihr ihn nicht ruft, der Rechenschaft fordert. Euer Schuldbuch ist groß, betet, bittet, zittert auf Euren Knieen, daß die Blätter zusammenkleben vom edlen Blute, was Ihr verspritzt. So er es doch aufschlägt, der große Richter, o, Ihr Armseligen, Ihr entsetzlichen Verbrecher, wie wird es Euch ergehen! – Reißt sie ab, die Kränze, reißt sie ab!« schrie sie heftiger. »Der Roland von Berlin richtet keinen Lebendigen mehr –«

»Aber den, der schon gerichtet ist!« rief eine Stimme aus dem Volke. »Auch den Schneemann nicht,« rief sie noch stärker. »Er ist kein Richter mehr. Er ist abgesetzt –«

»Das wolle Gott nicht!« rief die Stimme, und ein Mann erhob sich unter dem Volke. Und seine Stimme klang vielen bekannt. Und da sie die Augen auf ihn richteten, ging ein Murmeln durch die Menge. Einige schraken zusammen und gafften ihn an, wie man ein Gespenst ansieht. Sie glaubten ihn zu kennen und glaubten's doch nicht. In dem Augenblick ruckte der Schneemann. Sein Kopf senkte sich, und plötzlich fiel er ab und vor den Roland nieder. Da ward es tief still, aber nur einen Moment, so wie es still ist vor einem Gewitter. Alsbald schrie es wie mit einer Stimme: »Er hat gerichtet!« – »Unser Roland hat gerichtet!«

»Und wird noch lange richten!« rief der Mann. »Denn welcher gute Bürger, der ihm das Schwert entwinden läßt!«

»Johannes Rathenow!« rief das alte Weib vom Fenster und streckte die Arme beide in die Höh, und ihr Auge starrte ihn gläsern an.

»Johannes Rathenow!« wiederholte einer, dann zehn, dann hundert und hunderte. Es lief durch die Menge, bis es ein helles, lautes, durchdringendes Geschrei wurde: »Johannes Rathenow lebt!« – »Johannes Rathenow ist wieder da!« – »Johannes Rathenow unter uns!« – Da drängten sie, ihn zu sehen, den alten Mann, da stieß einer den andern fort, da rissen sie ihn an der Hand. Da war aller Groll fort. Johannes Rathenow war der letzte Bürgermeister aus der goldenen Zeit, wie sie ihnen itzt dünkte. Er war wieder unter ihnen, wie aus der Erde auferstanden; warum nicht die Zeit selbst? Die Sonne schien ja hell auf die Dächer, Frühjahrsluft umwehte sie, wo der Hoffnung die Flügel wachsen. »Johannes lebe!« – »Die gute alte Zeit!« Er konnte kein Wort sprechen. »Nach dem Rathaus!« rief es. Da faßten ihn zwei, drei, vier, auf ihre Schultern setzten sie ihn, und derweil die andern den Schneemann kurz und klein schlugen und zertraten, trugen sie ihn hoch über ihren Köpfen nach der langen Brücke.

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