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Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
correctorreuters@abc.de
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Viertes Kapitel.

Zu Spandow in dem markgräflichen Hause standen etliche Herren in den Fensternischen und pflogen solcher Gespräche, als man sie wohl hört an den Höfen, wenn die Vasallen gewärtig sind des Herrn, der da vor ihnen erscheinen soll. Der Kanzler, Herr Johannes, erzählte einigen, so um ihn standen, im Vertrauen, wie er sagte, von dem adligen Orden, so der Kurfürst zu stiften beabsichtige. »Er soll die Schwanengesellschaft heißen,« sprach Herr Busso Voß, »und die ihn tragen, die Kettenträger unserer lieben Frauen.« – »So verlautet es, mein Herr von Voß,« entgegnete der Kanzler, »wiewohl ich nicht weiß, ob es meinem gnädigen Herrn genehm ist, daß davon vor der Zeit gesprochen wird. Indessen, da wir hier unter uns sind, kann ich wohl sagen, dem ist so.« – »Ein schöner Name,« sagte Herr von Bardeleben. – »Das Zeichen soll auch sehr schön sein,« sprach der Ritter Hoym. »Ein Bild der Mutter Maria mit dem Jesuskinde.« – »Sehr richtig, Herr von Hoym. Um das Haupt der Maria werden Sonnenstrahlen schießen, und unter ihren Füßen ist der Mond abgebildet. Und daneben wird ein Schwan hängen mit ausgebreiteten Flügeln. Und beide Bilder hangen an einer silbernen Kette, deren Glieder zackig sind, und da, wo sie zusammenhängen, wird ein zusammengedrückt Kreuz sein.«

Alle fanden das sehr schön und gut, blickten sich aber an, als wüßten sie nicht, was das heißen solle. Da erklärte es ihnen der Kanzler: »Das Bild der Mutter Gottes mit dem Kinde soll die Mitglieder stets erinnern, daß sie dankbar seien für die Gnade Gottes und für die Erlösung durch unsern Herrn Jesus. Der Schwan ist das Bild der Sterblichkeit. Die Ketten, die Zacken und die zusammengepreßten Herzen sollen aber die mancherlei Leiden unseres irdischen Lebens vorstellen. Kann Euch auch im Vertrauen sagen,« setzte er hinzu, »daß schon ein kunstreicher Meister von Augsburg unterwegs ist, der es unter Seiner Gnaden Augen anfertigen soll.« – »Und dieser Orden wird sein Kapitel halten auf dem Marienberg bei Alt-Brandenburg?« sprach Kurt von Alvensleben. »So ist es; zum Gedächtnis, daß die Kirche auf dem Berge die älteste ist in diesen Marken, und schon stand, und viele Märtyrer daselbst bluteten, als ringsum noch heidnischer Greuel und Unsitte blühte. Also soll auch dieser Orden seine Mitglieder erinnern, daß sie sich sittig halten und fern von allen Greueln. Heißt's in der Stiftungsschrift, so schon aufgesetzt ist, daß die Ritter des Ordens sollen fleißig beten zur Mutter Maria, auch sich ehrlich und füglich für schämliche und schändliche Missethaten, für Unfug und Unehre treulich bewahren, auch verschwiegen sein, und der Mitgenossen Ehre auf alle Weise retten sollen.«

Da sahen sich die Anwesenden abermals sehr befremdlich an. Einer aber sprach: »Wer wird die Ritter küren?« Der Kanzler antwortete: »Unser gnädigster Herr und sein hochfürstlich Ehegemahl. Und aus den ersten Familien der Marken solche Ritter und Fräulein, die sich um ihrer Tugend willen auszeichnen.« – »Also auch Fräulein?« – »Fräulein und Frauen, so weit sie vier Ahnen aufweisen können und kein Laster, so ihnen anhaftet.« – »Eine sehr fürtreffliche Stiftung,« sprach Busso Voß, »und ganz würdig der Weisheit Seiner Gnaden. Sind schon einige Ritter ernannt?« – »Als mir bekannt ist, sind schon in Vorschlag mehrere aus den Familien der Jagow, Kerkow, Arnim, Bodenteich, Bredow, der Alvensleben, Schliefen, Burgsdorf, Puttlitz, Uchtenhagen, der Schenk, Waldow, Schulenburg, Schlabrendorf und unterschiedlicher anderer.« – »Das wird denenselben ein rechter Sporn sein, tugendhaft zu leben,« sprach Herr von Voß. Da sagte der Graf von Knipprode, der unfern stand mit untergeschlagenen Armen, und den Kopf etwas rückwärts gebeugt, und um seine Lippe spielte ein Lächeln: – »Auch wird's denen nicht ganz bequem sein, die gern am Weg liegen und sich umschauen, wo der liebe Gott ihnen was schickt. Vielleicht sieht's der gnädige Herr aber nicht so genau an. Denn kommt's doch darauf an, der Jungfrau Maria so viel Ritter zu schaffen, daß sie mindestens ein gut Geleit hat in diesem Lande.«

Viele der Herren senkten die Köpfe. Der Kanzler aber sprach mit einer gewichtigen Miene: »Nicht also, mein Herr Graf. Es wird streng gewählt werden unter den Sittigen und Tugendreichen, und unsere holdseligste Frau Markgräfin hat die Tafeln, darauf die Namen der Ritter und Fräulein verschrieben stehen, in ihrer eigenen Kammer, und erkundigt sich tagtäglich bei den Verständigen nach der Aufführung von dem und jenem, und wie sie etwas erfährt in Unehren, streicht sie ab, und wo ihr Gottseliges von einem andern gemeldet wird, dessen Namen schreibt sie auf. Das ist wohl, als Herr Busso richtig sagte, ein rechter Sporn, daß die Adligen ihr Leben tugendhaft einrichten. Ja, ich weiß schon manchen, der gar sehr nach der Ehre verlangt, und darum den ärgsten Soff abgethan hat und das wilde Raufleben auf den Straßen. Denn es ist wohl kein Zweifel, daß seine Gnaden aus diesen Ordensrittern wird seine Räte wählen; auch wird er die Mitglieder fördern zu seinen Hauptleuten und anderen Ehrenstellen.«

Alle lobten nun die Stiftung sehr und priesen den Kurfürsten. Zumal um deswillen, daß nur reine Adlige drin aufgenommen würden, und nicht die Familien aus den Städten, so sich Patricier nennen ließen und Wappen führten und vorgäben, sie seien auch adlig.

An einem anderen Fenster aber unterhielten sich ältere Herren von allem dem, was der gnädige Herr für die Marken gethan und für das Ansehn und die Vergrößerung seiner Herrschaft. Sie sprachen zu seinem Ruhme, wie er zu Wittstock sich mit den Mecklenburgern verglichen, wie er die Grafschaft Wernigerode durch kluges Auftreten an sein Haus gebracht, und eben itzt durch Kauf gen Mittag nach Böheim zu seine Herrschaft vergrößert habe durch Ankauf des Landes Kottbus und der Niederlausitz, die ehedem zu den Marken gehört. Und dabei blickten die Sprechenden auf zwei fremde Herren, welche in einem anderen Winkel der Stube standen. Der eine war Johann von Polenz, der andere Reinhard, Herr von Kottbus, aus zween mächtigen freien Geschlechtern. Die waren seit kurzem bei Hofe erschienen, und war die Sache friedfertig und einträchtig zwischen ihnen und dem gnädigen Kurfürsten abgemacht. Hatte sogar Herr Reinhard seine Herrschaft schon vordem unserem Fürsten auf seinen Todesfall verschrieben, da er kinderlos war.

Zu einigen vom märkischen Adel, die sich darob verwunderten, sprach Herr Reinhard: »Meine lieben Herren, es thut nimmer gut, ein kleiner Herr sein zwischen zweien großen, und er gehört zu keinem von beiden. Denn wenn sie schlagen, auf ihn fallen allemal die Stöße und Wunden ab. Darum muß sich itzo der kleine Mann unter den Schutz des größeren geben, denn er allein ist für sich nichts, und kann auch nicht Ordnung machen, wenn Unordnung um ihn her ist. Meine Väter hielten es mit den Böhmen, als die mächtig waren und ein groß Reich. Die sind nun in wilder Zwietracht, und so auch eines die Oberhand hat, wie itzt der Georg von Podiebrad, wer weiß, wie lange das währt, und ist's auch nimmer gut, wenn ein Deutscher den Slaven unterthänig ist. Darum halt ich's mit Eurem Herrn, denn er weiß, was er hat, und weiß, was er will. Ist das das Beste, was man von einem Herrn sagen kann.«

Dem stimmten die andern bei und rühmten es, daß der Markgraf auch die neue Mark über der Oder, die vordem zu den Marken gehört, aber dem deutschen Orden verkauft war, wieder eingelöst hatte. Sagten aber andere, daß das viel Verwickelungen dem Lande bringen möge, denn sehe kein Nachbar es gern, wenn sein Nachbar über seine Grenzen schreite.

Da war der Kanzler, Herr Johannes, zu ihnen getreten und nahm das Wort: »Das kümmere des Herrn Freunde nicht! Denn als er weiß zu fordern, wo er recht hat und Kraft, es durchzusetzen, so weiß er auch abzustehen, wo das Recht nicht stark genug ist, daß es sich selbst halte. Wenn ein Haus zusammenfällt, und sei's uns auch noch so lieb und hätten unsere Väter und deren Väter schon als Kinder darin gespielt, da ist es thöricht, dasselbe halten zu wollen mit Steifen und Stützen und Untermaurung, so die mehr kosten als das alte Haus wert ist. Baut man lieber ein neues. Und also will auch unser Herr nichts, denn was er kann. Denn mehr wollen und versuchen, als unsere Kräfte reichen, mag Glanz bringen und Ruhm unserm Namen, aber in Wahrheit hilft es uns nicht und andern auch nicht, und ist verlorene Arbeit.«

Das lobten die andern und bestätigten es, daß Herr Friedlich der Mann sei, durchzusetzen, was er sich vorgenommen, denn wie er, wäge keiner seine Kräfte vorher ab, daß sie stets ausreichten.

»Ihm als wie seinem hochseligen Vater,« fuhr der Kanzler fort, »ist manche glänzende Ehre hingehalten, danach andere gerungen hätten und um fernen Schein eingesetzt, was sie sicher hatten. Anders unser Herr. Die Krone Polens war ihm verheißen, als wir alle wissen, und er ward im Lande der Polen auferzogen als ihr künftiger König, in Wissenschaften und in ritterlicher Art.« – »Als wir alle mit Erstaunen hören,« sagte ein alter Ritter, »kann er lateinisch sprechen trotz einem studierten Mönch.« – »Und viele Sprachen zudem,« sagte ein zweiter. – »Und er liest in alten Büchern, sonder Stocken, Seite um Seite,« ein dritter. »Wer sollt' es glauben, und von einem Fürsten! Der hat doch Diener und Räte genug, daß sie für ihn lesen,« sagte ein vierter.

»So meinen sie's in Polen nicht,« fuhr der Kanzler fort. »Als sie tapfer sind und wild daselbst, denn sie fahren jach auf, oft um nicht viel mehr als nichts, ist doch daselbst mehr Gelahrtheit und seine Kunst zu Hause, als in allen unsern Marken. Und von ihren Königen verlangen sie, daß die ihnen vorangehen, wie an Würde, so an ritterlichem Sinn und gelehrtem Wissen. Einen König, der zurückbliebe hinter seinem Adel, möchten die polnischen Herren nimmer achten. Darum förderte sich unser Herr, als er dort wie ein Kronprinz lebte am Hof des alten Königs, in allem mannlichen Wissen und Thun, daß er der Jugend als Muster gezeigt ward.« – »Und war es alles um nichts,« sagte ein alter Ritter, »als die Königstochter, seine verlobte Braut, plötzlich starb.« – »Ob es um nichts war, mein Herr von Bardeleben, das wisset Ihr nicht, und ich weiß es auch nicht.« – »Um gut Brandenburgisch zu verstehen, braucht's keine lateinischen Bücher,« sagte der von Rochow.

»Aber der gnädige Herr vermeint, was er erworben an Weisheit aus den alten Büchern, sei nicht minder wert als die Krone von Polen selbst. Und das erste Zeichen war, daß er sich nicht unnütz härmte, um was verloren war. In Polen hatte er vielen Anhang um seine Tugend und sein ernstes Wesen, und wie die großen Herren daselbst sind, aufflackernd und rasch in kühnen Vorsätzen, sie schlugen ihm vor, ihn doch um seiner Person willen zum König zu küren, und wollten's durchsetzen mit ihren Freunden und Leuten auf dem Reichstag, daß der alte König ihn zum Erben setze. Aber der Prinz sprach: »Nein! Denn mein Recht ist gestorben mit meiner lieben Braut, und da sei Gott für, daß ich eine Krone mit Unrechten trage. Und so auch zehntausend mir zurufen, und ich mag's selber nicht glauben, daß es mein Recht ist, was hilft's mir, und wie setz' ich's durch!« Und er kehrte zurück und zürnte nicht mit dem, was Gott gefügt, sondern er war zufrieden mit dem, was er ihm beschieden, und lernte, wie er in Polen herrschen gelernt, nun herrschen in den Landen seines Vaters. Denn um das Regiment ist's ein verschieden Ding, Ihr Herren, und was in dem einen Lande gut ist, ist's darum noch nicht in dem andern.«

»Mit Mecklenburg hat er sich vertragen,« sprach Kurt von Alvensleben, »und glaub's auch nicht, daß es mit Böhmen losgeht,« – »Die schlagen sich genug untereinander,« sprach der Ritter Hoym. »Und haben die Schläge noch nicht vergessen, die sie vor Bernow bekommen,« lächelte der von Bardeleben wohlgefällig. »Aber,« fuhr der Herr von Alvensleben fort, »ein Feind steht vor den Thoren, den schickt er nicht mit schönen Redensarten fort.« –

Als er dies sprach, sah ihn der Kanzler etwas bedenklich an. Er meinte, Herr Kurt werde von den Städten sprechen, und was in Berlin und Köln Aergerliches geschehen. Und davon wollte er nicht, daß viel Aufhebens gemacht würde.

»Vermeint das nicht, lieber Herr von Alvensleben. Unser Herr trägt um kleine Dinge nicht große Sorge; noch glaubt das, was die einfältigen Leute von Krieg reden. Das sind dumme Streitigkeiten freilich, so die Städte an der Spree mit dem Baltzer Boytin angefangen. Wer aber hat Weisheit von daher erwartet! Das wird vermittelt werden, und wer schuldig ist, wird seinem Lohne nicht entgehen.«

Von den Herren schüttelten einige die Köpfe, andere sprachen miteinander heimlich. Herr Kurt von Alvensleben aber sagte: »Was gehen die Berliner und der Roßkamm das Land an! Allein die Pommern rüsten in der Stille, und sollte es mich wundern, wenn der Kurfürst die Donnerbüchsen in Stendal nur zum Vergnügen gießen läßt. Starren ja schon die Zeughäuser in seinen Schlössern von Pickelhauben, Hellebarden, von Sturmböcken und allerhand Rüstzeug. Und bei Sankt Georg, Zeit wäre es, daß der Adel 'mal wieder seine Knochen fühlen könnte und was ein guter Arm thun kann auf dem Roß. Läßt uns im Lande nicht reiten, da sollte er uns nur zum Lande hinausführen. Ein guter offener Krieg, sag ich Euch, thut dem Lande not, Herr Kanzler, was Ihr auch dagegen vorbringen mögt. Das Stubenhocken ist gut für Schneider und Schreiber; für den Adel nimmer.«

In den Münden der Herren klang's, als ob sie die Zungen regten; einige schüttelten die Schultern, als probten sie den Harnisch, den doch keiner trug. »Die Pommern schielen 'rüber,« sagte einer. »Wir schielen 'rüber,« lachte der von Alvensleben. »Wenn der alte Herr drüben in Stettin abfährt zu seinen Vätern!« Der Hoym schnalzte mit der Zunge: »Da giebt's was zu holen für gute Leute.« – »Die Pommern sind unvernünftig fett worden die letzte Zeit über,« sagte ein anderer. »Wir wollen's ihnen leicht machen,« ein dritter. Der Alvensleben rief wieder: »Hoffe zu Gott, sie schnappen's uns nicht wieder weg, die gelehrten Zungendrescher, und's giebt keinen zweiten Vertrag von Wittstock! Die Mecklenburger lachen sich noch ins Fäustchen, daß sie uns mit schönen Worten abspeisten. Wo wir Lehnshoheit forderten, uns nichts geben, als Anwartschaft auf Erbanfall!« – »Die Kriege mit Pommern haben der Mark nimmer gut gethan,« sagte der Kanzler. »Nachbarn sollten sich vertragen.« – »Der Teufel auch!« rief der von Hoym. »Wozu hat's Grenzburgen und Warttürme? Sollen die Rosse im Stalle krepieren und die Harnische rostig werden?« – »Will der Herr haben,« sagte ein anderer, »daß alle Ritter in die Städte kriechen, wie schon etliche thaten? Sollen wir uns in die Zünfte schreiben lassen? Das fehlte noch, daß wir unsere guten graden Schwerter zu Pflugscharen umschmieden.« – »Dazu hat unser Herrgott das Eisen auch nicht gemacht,« setzte ein dritter hinzu.

Markgraf hin, Markgraf her,
Wenn ich Lust hab', komm mir nicht in die Quer.«

brummte Hans Stechow. »Da sollte ja das Donnerwetter dreinfahren, so's auch da kein Losschlagen gab!« schrie Heine Schulenburg. »Ist auch gewiß nicht des Herrn Ansicht,« sagte der alte Bardeleben. »Was ist ein Land ohne Ritter, und was sind Ritter ohne Krieg!« – »Habt Ihr denn nicht genug Fehden gehabt untereinander,« entgegnete Herr Johannes. »Ist Frieden kein Segen?«

Derweil die Herren noch viel darüber sprachen, ob der pommersche Krieg ausbrechen werde oder nicht, und ihre Meinung sagten, so unverhohlen, als es heut nicht mehr Sitte ist, zog am andern Ende der Stube der Herr von Polenz den Grafen Knipprode beiseite und befragte ihn über vieles. Denn er war fremd hier, als man's seiner Tracht und seiner Miene ansah, – sein Gesicht war gelblich und seine Augen schwarz, und sein Knebelbart fiel zu beiden Seiten tief aufs Kinn herab. War sein Geschlecht böhmisch, als wie die Lausitz lange Zeit zu Böhmen gehört. Und er hatte mit Aufmerksamkeit zugehört, was die Ritter sprachen, aber schien nicht Freud' dran zu haben. »Sagt mir, lieber Herr, sind das von den vertrauten Räten des Kurfürsten?« – »Der Kurfürst,« sagte der Graf, »schenkt sein Vertrauen, des könnt Ihr sicher sein, nur solchen, die es verdienen.« – »Sein Ruhm ist weit verbreitet durch die deutschen Länder,« entgegnete der von Polenz, »und man rühmt ihn um seiner Weisheit willen. Aber in seinem Land muß man nicht die Leute fragen.« – »Lieber Herr, ein Prophet, als Ihr wißt, gilt nimmer in seinem Vaterlande.« – »Ich trug ihm meine Herrschaft zu Lehn an,« fuhr der Fremde fort, »als ich bei mir erwog, wie er ein starker und weiser Herr ist, der seine Leute schützt, und wer ihm trotzt, seine eisernen Zähne weist. Bei Gott, Frieden und Ruhe thut meiner armen Lausitz not, und mit den Parteien in Böheim ist kein Abkommen zu treffen, das uns Sicherheit giebt; es schwankt alles hin und her. Doch bei meinem Heiligen, wenn man die Herren hier reden hört, und sie in den Städten schelten und schimpfen, sollte man meinen, der Markgraf habe alle Hände voll, daß er nur sich selbst hält, und keine Kraft für seine Freunde. Was Gott verhüte!« – »Den Märkern, Herr von Polenz, bindet keiner das Maul. Hat es selbst der Papst nie gekonnt. Im übrigen mag Euch das wenig kümmern. Herr Friedrich kennt sie und weiß, was er mit ihnen anstellen kann. Liebe sie auch nicht eben absonderlich. Aber sie vertragen viel und halten aus; ist das ihr Bestes. Muß aber immer ein Fremder sie im Zug bringen.«

Wer von Polenz schüttelte bedenklich den Kopf: »Gott geb's, daß es dem Herrn gelingt. Ich schätze ihn wert und liebe ihn, und will treu bei ihm halten, als ich gelobt. Aber das ist ein Feld von Unkraut. Gehört mehr als eines Mannes volle Kraft dazu. Und was hat er davon?« – »Fragt ihn selber, und er wird Euch gelehrt antworten, lateinisch, deutsch, polnisch oder in welscher Zunge, wie Ihr wollt.« – »Was soll aber das mit dem Schwanenorden?« – »Die Ritter sollen beten lernen.« – »Dazu ist der Pfaff und nicht der Fürst.« – »Ihr habt recht. Das Beten ist nur die Blume. Die Sache aber ist, die Ritter vom Orden sollen nicht mehr das Schwein mit den Borsten braten und den Buchweizenbrei aus Tellern essen; denn Ihr gebt mir zu, wenn ein Ritter die ganze Schüssel an den Mund setzt, so nennt man's unmanierlich im Reich. Das sind die fürnehmsten Regeln des neuen Ordens. Und hat er das durchgesetzt, so versucht er's auch wohl, daß sie den Brei mit dem Löffel essen. Schließlich bringt er's dahin, daß jeder Ritter in der Mark zuvor die Stiefeln auszieht, ehe er ins Bett sich wirft, so hat er den Orden nicht umsonst gestiftet.«

Der Herr von Polenz war ein ernsthafter Mann, er lachte nicht gern. Da verflog auch sogleich wieder das Lächeln, das um seine Mundwinkel sich zusammenziehen wollte, als der Graf von Knipprode das sprach, und dabei über die Achseln nach den Rittern schaute. »Meines Dafürhaltens sollte er sie aus dem Trog essen lassen, so ihnen das lieber ist,« sprach er, »wenn er ihnen nur friedliche Gesinnungen beibrächte.« – »Mit der Manier fängt man an, die Gesinnung kommt nachher.« – »Sie wollen Krieg mit Pommern.« – »Das ist ein weiter Weg. Sorgt nicht drum.« – »Die Lust zum Losschlagen wiehert ihnen ja aus den Mäulern.« – »Ein stark Gebiß vor, und er lenkt diese Roßmenschen, wohin er Lust hat.« – »Was aber läßt er sie so sprechen!« – »'S sind freie Männer! Wird ein Hohenzoller ihnen ein Recht nehmen, das Gott ihnen gab?« – »Aber an seinem eignen Hof! Das muß den Pommern als ein offener Absagebrief klingen.« – »Zum Pommern muß man noch deutlicher sprechen.« – »Dann, haltet zu gut, weiß ich nicht, wo's hinaus soll,«

»Je mehr die Leute sprechen, mein edler Herr, um so ungestörter kann einer denken! Und was Markgraf Friedrich denkt, das spricht er grade dann aus, verlaßt Euch drauf, wenn es not thut, daß die Leute es wissen, keinen Augenblick früher. Im übrigen, und das sag ich Euch im Vertrauen, ist der Schwanenorden eine Kette zwar von Silber, aber sie kostet nicht so viel, als eine Kette von Eisen, damit er die Ritter dieser Marken aneinander schlösse. Desgleichen eine Kette von Eisen, wo kann die eines Mannes Hand ziehen? Dahingegen diese von Silber hält er mit seinem kleinen Finger. Itzund ist's ihnen ein neu Ding. Gebt acht, es wird anders. Wenn erst ein zehn, zwölf das Band um den Hals tragen, so recken zehn Dutzend ihre Hälse danach. Ja, man braucht die Schlinge nicht künstlich zu verstecken, sie springen danach, und, was gilt die Wette, es wird ein allgemeines Wettrennen danach, so wir's auch nicht mehr erleben.«

»Ein silbern Kettlein ist freilich wohlfeiler als ein Lehngut,« sprach der von Polenz. »Und schließlich, edler Herr, hat der Kurfürst seine guten Gründe, warum er grad itzt den Adel streichelt.«

Da ward ihr Gespräch durch Trompetenstöße unterbrochen, die Flügelthüren gingen auf, und die Herren schritten zur Tafel.

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