Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/alexis/roland3/roland3.xml
typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090602
projectidc492f641
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

In der Nacht, welche auf den Tag folgte, war es in Alt-Brandenburg nicht so still, als man's wohl hätte meinen sollen nach einem Tage, wo sie bis auf den späten Abend gearbeitet. Und Arbeit macht müde, ehedem wie itzt. Aber von Mitternacht an verging keine Stunde, wo nicht ein Reiter vorm Thor hielt und ins Horn stieß, und sie mußten ihm aufmachen, und er sprengte durch die Straßen und pochte hier und dort an die Thüren der Ratsherren, auch der geistlichen Herren aufm Dome und der markgräflichen Beamten. Die suchten dann einer den andern auf noch in später Nacht, was doch sonst nicht Sitte ist, und berieten sich und schüttelten die Köpfe. Auch an Niklas Perwenitz' Thür pochten sie, und er war aufgestanden und hörte kopfschüttelnd, was sie ihm brachten und darauf kamen schon andere seiner Freunde, und mit ihnen ging er aus, heimlich, in Mäntel gehüllt, zu andern Herren vom Rate, und dann auf die Dominsel, wo viele sich versammelt hatten, und die wenigsten von ihnen legten sich wieder aufs Kissen vor Tagesanbruch. Was es war, das sie sprachen, das weiß ich nicht, aber die Herren der Stadt schienen uneins und unschlüssig, und die Klügsten meinten, man solle den Tag abwarten und was er bringe. Und war das klug schon damals, als es auch itzt noch ist.

Herr Perwenitz aber sprach auf dem Rückweg bei unterschiedlichen seiner Werkmeister und Schiffer an, auch beim Schieferdeckermeister Bertolt von Dasseleben, und hieß ihn, was nach Köln geladen sei, daß er es morgen noch nicht abgehen lasse, worauf sich der Meister mit schlauer Miene hinterm Ohr kraute und sprach: »Ich konnt' es ahnen, aber nach morgen kommt auch noch ein Tag.« Zu Haus aber war Frau Cordula sehr besorgt, daß der viele Lärm ihren Gast erweckt haben möchte, worauf der Ratsherr erwiderte: »Wer weiß, ob nicht der alte Hans Rathenow davon in ihm erwacht. Jed Ding hat zwei Seiten, aber zum Schlimmen ist keine von beiden für ihn.« Darum sorgten sie, daß es am Morgen drauf recht still hergehe im Haus, damit der liebe Herr ausschlafen könne. Aber die Sonne, die hell über Brandenburg aufging, mußte ihn geweckt haben, und ehe sie sich's versahen, hörten sie seine Tritte, fest und deutlich, und war's gar nicht, wie eines Bettlers und Geächteten, als wie er gestern ins Haus geschlichen kam. Nein, er schritt, als wäre er noch der Bürgermeister, und zu ihrer Verwunderung trat er itzt, als noch eben Herr Perwenitz mit seinem Weibe überlegt, ob sie ihm den Morgenimbiß schickten, oder der Wirt zu ihm hinaufginge und ihn herunterlüde, selber in ihr Zimmer und grüßte sie freundlich und drückte ihnen die Hand. Er ging aufrecht und sahe auch stattlicher aus denn gestern, nachdem er den Mantel abgethan. Denn war auch sein Wams abgetragen und schlicht, so sahe doch jeder, daß es von keinem schlechten Manne war. Und war er auch gestern nicht zu Fuß kommen von Saarmund her, sondern in einem Bauernwagen, der ihn bis ins nächste Dorf gebracht. Aber in die Stadt mußte er zu Fuß schleichen, denn er wußte nicht, wie sie es mit dem Banne hielten, den die Städte gegen ihn gesprochen.

Also wie sie traulich beim Frühstück saßen, und Frau Cordula legte dem Gast die leckersten Bissen vor, und sprachen über dies und jenes, nur nicht, was sie dachten, denn es schickt sich für keinen guten Wirt, einen Gast zu fragen, und noch dazu einen, der hilflos zu ihm kommt und einen solchen Ehrenmann, warum er komme und was er wolle; und noch weniger für solchen Gast, daß er beim Imbiß, den sie ihm freundlich vorsetzen, damit herausfährt, wie ein Faß Bier, das platzt und kann sich nicht halten.

Also saßen sie und sprachen Gleichgültiges mit der Zunge, aber die Augen der beiden Herren sprachen anders. Als nun Frau Cordula aufstand und das Zimmer verließ, hub der Brandenburger Ratsherr an, indem er den Humpen aufhub: »Dies trinke ich Euch zu, mein lieber Freund, Herr Johannes Rathenow, und daß der Herr auf allen Euren Wegen sei, vornehmlich aber auf dem, den Euer Fuß itzo geht.«

»Amen!« entgegnete Herr Johannes, und brachte das Glas an die Lippen. Aber er leerte es nicht. Mußt' es in der Mitte fortsetzen, und wandte dem andern halb den Rücken, daß der nicht die Thräne sehe, die in seinem Auge stand.

»Nun erlaubt mir,« fuhr der Brandenburger fort, »daß ich Euch frage, wohin Euer Fuß will? Denn ist's nicht unbescheiden und eitle Neugier von mir. Vielmehr, daß mir Euer Wohl am Herzen liegt, und ich besser weiß als Ihr, der Ihr so lang außer Landes seid, auf was Hindernisse Ihr auf den beiden Wegen stoßen mögt. Ich bin im Land blieben und kann Euch die Fußpfade angeben und Richtsteige und weiß jeden Stein, daran Ihr stoßen könntet. Und so's Euch gefällt, geleite ich Euch auf welchem der beiden Wege, so Ihr einschlagen mögt.«

»Den Weg nach Spandow mein ich wohl noch allein zu finden,« entgegnete der Gast. – »Also nach Spandow!« Herr Niklas betonte die Worte und schaute dabei bedeutungsvoll auf den andern. »Als zween alte Freunde, und die wir hier unter uns sind, das ist am End' der sicherste Weg. Ihr habt sie kennen gelernt, die Berliner und Kölner. Ist kein Verlaß auf die Dauer. Und zudem, wir werden alt, wir brauchen Ruhe. Also Gott mit Euch auf den Weg nach Spandow. Ich will zween Boten voraussenden, und dann selber mit Euch reiten, und was gilt's, die Thorflügel werden aufstehen, und sie werden Euch mit offnen Armen empfangen.« Herr Johannes sah den Brandenburger etwas verwundert an: »Vergönnt, daß ich allein gehe. Ich will bei Abendzeit an das Pförtlein klopfen, daß keiner mich vorher sieht.« – »Das ist klug, aber die Vorsicht ist nicht nötig, Herr Johannes. Was habt Ihr für Rücksichten gegen die beiden Städte? Doch davon nachher. Ich bürge Euch dafür, Ihr braucht nicht am Schlüsselloch zu horchen und auf die Mienen der Diener zu lauschen. Schon vordem schlug für Euch dort ein Herz, und die Jahre haben das nicht geändert.« – »Da sei Gott für,« sprach Herr Johannes. – »Ja, ich kann Euch wohl sagen, es steht besser daselbst als Ihr meint; und recht herzlich wird man Euch das Thor aufschließen. Denn man braucht Euch –« »Daß Gott erbarm! Redet, was wißt Ihr?« Herr Perwenitz merkte nichts von der Bewegung, die auf des alten Mannes Gesichte sich kundgab, denn er sah auf den Boden, als sammle er sich zu dem Vortrage, den er itzt anhub: »Ihr standet schwer in Berlin, weil Ihr zwischen zweien standet. Dem einen wolltet Ihr's recht thun und mit dem andern nicht verderben. Das gelingt nimmer. Die Städtischen sahen Euch an als Vogt, den der Markgraf über sie gesetzt; die vom Markgrafen, ich sage nicht Herr Friedrich selbst, sahen Euch auf die Finger und trauten Euch nicht, weil Ihr ein Bürger wart und einen graden Rücken trugt. Kam nun, was nicht ausbleiben konnte. Ihr verdarbt's mit beiden. Ihr wolltet, als treu dem Eid, den Ihr geschworen, nichts zum Schaden der Herrschaft thun, und als guter Bürger nichts zulassen, was der Stadt zum Nachteil war. Sah Euch darum jeder scheel an und zwickte Euch. Wart wie Euer Haus auf der langen Brücke. Das hat auch keinen Rücken gegen eine der zwo Städte, sondern liegt zwischen beiden. Da konntet Ihr nicht stehn, mußtet fallen. War's nur Euer Ungeschick, daß beide zugleich auf Euch losfielen. Mit Rat und Bürgerschaft verdarbt Ihr's, weil Ihr die Mühlen rausgabt. Gleichviel, was Ihr geredet. Ihr thatet's. Ihr thatet noch mehr, was sie Euch nicht vergeben konnten. Aber derweil Ihr dort keinen Boden unter Euch hattet und keine Mauer hinter Euch, schlug Euch doch Euer Berliner Herz in der Brust, als der Fürst mehr forderte, denn Ihr zugestehen konntet mit gutem Gewissen. Ihr glaubtet es wenigstens. Hab' auch nichts dagegen. Aber Euer Widerstand gegen den Markgrafen war zur Unzeit. Womit wolltet Ihr ihm denn die Stirn bieten? Kein Schloß, keine reisige Mannschaft, und Rat und Bürgerschaft hinter Euch lauernd und gierig. Euch zu stürzen. Der Schloßbau war's nicht, der war nur die Gelegenheit, die griffen sie auf. Und hätte der Markgraf gefordert, daß ihm die Berliner eine Hütte bauten für seine Hunde, es wäre ebenso kommen. Wenn Ihr's geweigert, sie hätten geschrieen: er will uns verfeinden ohne Not mit dem Herrn! und der hätte Euch auch anklagen müssen. – Nun aber seid Ihr ein gescheiter Mann und habt wohl erfahren, was zeither in beiden Städten sich zutrug, und daß die Bürgermeister, die nach Euch eingesetzt wurden, mit und ohne Willen des Markgrafen, ihm noch viel mehr Schwierigkeit machten als Ihr. Ihr hättet nur seine Klagen aus den Landtagen hören sollen, und zu Haus spricht er, Köln und Berlin die wären itzt der Stein des Anstoßes in seiner Herrschaft. Es wächst ihm manch graues Haar über das Regiment dort. Matthis Blankenfelde, der nach Euch gewählt wurde, der fuchsschwänzte zwischen beiden Teilen so viel, daß ihm keiner nicht traute, und war hochmütig dazu, und griff in der Stadt Kästen, daß es eine Schande war. Als das bei den Ständen zur Sprache kam, und es herauskam, seine Doppelzüngigkeit, da mußte er mit Schimpf und Schande abdanken. So verachtet von allen trat noch keiner ab. Und wer glaubt's, hat noch immer seinen Anhang dort und spielt nun den Volksfreund, bildet, wer's ihm glauben will, ein, daß er abgesetzt worden, weil er der Stadt Gerechtsame verteidigt gegen den Herrn. So sind sie in Berlin. Der Peter Brakow kam nach ihm dran, und meinte man, nun werde es gut gehn, zumal seit er die Eva Schumm geheiratet und die Schumms hinter sich hatte. Die Brakows gehören itzt zu den Reichsten in Berlin, und Herr Petrus ist kein schlechter Mann, auch Euch, Johannes, gar nicht abhold. Aber, Du lieber Gott, das Zeug hatte er nicht dazu. Wäre vielleicht in ruhigen Zeiten ein guter Ältermann gewesen, aber die Ryke sind ihm feind, und die Blankenfeldischen bohren gegen jeden, der die Macht hat, und zumal wenn er ein Ehrenmann ist. Glaubt es mir, der Markgraf, der doch seit Anno 42 die Macht hat, einzusetzen und abzusetzen, wer ihm gefällt, der war zufrieden, wenn die in den Städten nur untereinander eins wurden über einen und wen sie ihm nannten, den bestätigte er. So kam auch nur der Baltzer Boytin auf. Aber in ihm kocht's und – doch davon nachher. Seht, wie die Sachen stehen. Ihr konntet nicht besser thun, als Ihr geht nach Spandow.« – »Herr Perwenitz, ich versteh Euch nicht.« – »Der Kurfürst war Eurer Person nimmer feind. Das hat er bewiesen dazumal. Ist ihm kein Besserer kommen als Ihr wart. Er denkt noch gut von Euch und fragte neulich: »wo er nur blieben sein mag, der Hans Rathenow! Er war ein Trotzkopf, aber eine ehrliche Haut.« Nun, versteht Ihr's itzt? Er wird Euch mit offenen Armen in Spandow aufnehmen.«

Mit großen Augen aber trübem Blick sah Herr Johannes den Brandenburger an: »Um deshalb gehe ich nicht nach Spandow. Will meine Elsbeth wiedersehen, die im Kloster dort Aufnahme fand, seit ihre Muhme Heideckin starb.« Herr Perwenitz sah ihn wieder aufmerksam an: »Ist löblich und gut von Euch, und Gott sei Dank, daß die Jungfer nur in Kost ist und nicht, als es verlautete, den Schleier nahm. Denn die taugt zu Besserem als zur Nonne. Aber ich meine, man kann das eine thun und das andere nicht lassen. Ein Mann ein Wort, Herr! Ist hohe Zeit, Herr Johannes. Zween Pferde stehn gesattelt, und mein eigner Neffe, soll hin, Euch zu melden dem Kurfürsten.« – »Um Gott! Was soll ich und der Kurfürst? Unsere Wege gehen auseinander. Will's glauben, daß er mir von Person nicht bös will. Aber er hat die Acht, so die Städte gegen mich aussprachen, genehmigt, bin verwiesen und meine Güter sind eingezogen. Er mag auch sein Aug' zudrücken, wenn ein alter Vater sein einzig Kind vor seinem Tode noch einmal sehen will, aber ich will nicht als Bettler vor ihn treten.« – »Das sollt Ihr auch nicht.« – »Dann schickt nicht Euren Neffen.« – »Ich schicke ihn doch,« und Herr Perwenitz sah mißtrauisch und schlau auf den Alten. »Das Damals ist nicht jetzt. Der Kurfürst bestätigte den Achtbrief, weil die Umstände es geboten, weil ein Sündenbock sein mußte, um den Frieden herzustellen, weil Ihr nicht erschient auf die Ladung. Darum thaten's auch die Städte, und wollte Euch doch keiner schlimm. Die Umstände sind nun anders. Ich schicke meinen Neffen, und Ihr, Herr Johannes, sollt vor dem Markgrafen erscheinen, nicht als ein Bettler, nein, im schönsten Zeug, mit Federhut und Zobelpelz und Spielleute hinter Euch.« – »Ich will's nicht.« – »Ihr sollt und müßt, als Ihr ein guter Mann seid. Mein Wort darauf, Herr Johannes, er reicht Euch die Hand und spricht: »Dir ist vergeben und vergessen. Was kamst Du nicht früher?« und zerreißen läßt er vom Kanzlei den Achtbrief und mit Sang und Klang führt er Euch zurück nach Berlin und ins Rathaus.«

»Da sei Gott für!« sprach Herr Johannes und stand auf. »Ei, Ihr liebt Eure Vaterstadt und wollt's nicht thun?« – »Weil ich sie liebe und ihre Freiheit. Das sind wunderliche Worte, Herr Niklas Perwenitz. Vergönnt mir, daß ich von Euch scheide.« – »Halt, werter Freund! Ich sage: Ihr müßt zum Fürsten und Euren Arm ihm wieder bieten, und so Ihr auch alt seid, die Last wieder auf Eure Schultern nehmen, und das müßt Ihr, nicht um Euretwillen, um Berlins und Kölns willen, aus Liebe für Eure Stadt und ihre Gerechtsame und Freiheiten. Ihr müßt's, weil ohnedem diese Gerechtsame zerbrochen werden, diese Freiheiten genommen, weil der Fürst mit dem Fuß gestampft und geschworen hat – Lieber Herr Johannes, es braucht eines Mittlers, eines guten und unbescholtenen Mannes, der Mut hat, dareinzureden, der den schlimmen Räten des Fürsten entgegentritt, wenn sie unsere Städte – Sollt' ich mich getäuscht haben, Ihr wüßtet nicht, Ihr hättet wirklich nichts erfahren?« – »In Kloster Zinna, wo der Abt mich freundlich eine Woche herbergte, hörte ich von neuen Irrungen. – Sind's denn nicht die alten, die immer wiederkehren! – Was soll ich da? Das alte Spiel noch einmal spielen, aufs neue der Sündenbock werden? Mein wenig Haar! Will ruhig sterben, Herr Perwenitz. Die Berliner wollen mich nicht. Möglich, daß der Fürst mich itzt will. Aber Johannes Rathenow will nicht sein Vogt sein, und nicht sein Ball, den er in die Städte wirft, daß sie was zu spielen haben.« – »Herr Gott, Johannes, des Mattheus Sohn! Die Sturmglocken läuten in Berlin und Köln, sie haben abgesetzt den Rat, den der Kurfürst gesetzt, das alte Regiment ist wieder eingesetzt; sind gezogen von Berlin und Köln zur langen Brücke, Bürger, Gewerke, Geschlechter, alle einträchtiglich, mit Spiel und Sang, mit Fahnen und Hellebarden, mit Pauken und Hakenbüchsen, haben zerrissen den Vertrag, der sie trennt, und den alten Bund aufgerichtet. Im Rathaus sitzt wieder der alte Rat von Köln und Berlin, sie haben ihm geschworen und geschworen, ihn zu verteidigen auf Blut und Leben, die Fahnen der Städte wehen wieder auf dem Dache, und Briefe haben sie geschrieben an die Städte vom märkischen Bunde, daß sie mit ihnen fechten und ihnen Völker schicken. Und Ihr, Johannes, wollt die Hände in den Schoß legen!«

Man sah's den Mienen des Zuhörers an, daß ihm das neue Kunde war. Die Runzeln schwanden mit der grauen Blässe seines Gesichts, die Augen glänzten wieder, und seine Gestalt hob sich. »Haben sie das gethan?« – »Und noch mehr. Es munkelte schon längst. Diese Nacht kam die sichere Botschaft. Von Berlin und Köln, und von Spandow auch. Unser Rat ist beschickt von beiden. Es wird ernstes Ueberlegen geben.« – »Wem von beiden Ihr folgen sollt?« sprach Herr Johannes. »Und Ihr, mein Freund?« Der Brandenburger faßte traulich die Hand des Gastes und schaute ihm teilnehmend ins Gesicht. »Geht mit Gott, Herr Niklas, und beschließt, was Eure Pflicht ist als Ratmann dieser Stadt.« – »Das hat noch Weile. Der Schluß wird schwer sein. Aber Ihr, Herr Johannes? Weiß Gott, Ihr steht mir in dem Augenblick näher. Sie haben Euch himmelschreiend Unrecht gethan. Verdienen darum selber Unrecht zu leiden. Lieber Herr Johannes, ist's doch, als hätte Gott es selber gefügt, daß Ihr in der Nacht bei mir einkehren mußtet. Ich schicke meinen Neffen vorauf, und Ihr reitet um Mittag nach Spandow.«

Johannes Rathenow sah ihn feierlich an, dann sprach er nach einer Weil: »Schickt Euren Neffen, oder schickt ihn nicht, als Euch beliebt. Aber nur von Euch, und was Ihr für Euch mögt verantworten.« – »Ihr seid noch nicht entschieden. Das ist fürsichtig und gut. Allein es drängt. Ihr mögt heut zu einer guten Stunde den Fürsten treffen. Wer weiß, ob morgen noch? Ob's übermorgen nicht zu spät ist,« – »Einträchtig!« rief Herr Johannes. »Gerechter Gott! Einträchtig Berlin und Köln, Gewerke und Herren? Und die Herren unter sich auch! Wer schuf das!« – »Klingt's freilich als ein Märlein aus dem Morgenlande, aber es ist so, verlaßt Euch drauf. Vorm Roland an Sankt Nikolas haben sie alle geschworen.« – »Und ich war nicht in meinem Haus!« – »Die letzte Forderung des Markgrafen brachte denn doch alles aus dem Schick.« – »Welche?« – »Was wißt Ihr auch nicht! Daß sie für die viele Unbilde, so sie seinen Dienern zugefügt und sie geneckt beim Schloßbau und beim Zolleinnehmen, kommen sollten demütiglich nach Spandow und alle Privilegien übergeben, die sie von den alten Fürsten haben, daß er sie prüfe, und wiedernehme, was sich nicht schickt, und gebe, was er für gut finde,« – »Sankt Nikolaus! Das forderte der Markgraf?« – »Freilich, und konnte man's ihm nicht verdenken nach dem, wie sie in letzter Zeit das Regiment geführt. Die Zollfreiheit in Oderberg nahm er ihnen schon ehelängst, und seine Zöllner wohnen am Mühlendamm. Auch seinen Richter, den Balthasar Haken, hat er ihnen nicht umsonst in die Städte geschickt. Der schreibt von morgens bis abends, und wird die Arche im hohen Hause so voller Papierstöße, als man in Berlin nicht geschrieben hat, seit es steht.« – »Einen kurfürstlichen Richter in der Stadt!« – »Wer stöbert in den Urkunden umher und in den Briefen, und ladet die Herren und Bürger vor sich an seinen Schreibtisch, um zu vernehmen, wie's mit jedes Rechten steht. Die Berliner spucken, und seit vier Wochen gab's kein schlimmer Scheltwort in den Städten, als so einer vom andern sagte: Du hast ein markgräflich Gesicht.«

»Ist das volle Wahrheit, Herr Perwenitz?« Johannes Rathenow faßte ihn am Brustlatz. »Alle noch nicht. Dann forderte er von ihnen das Rathaus und Gericht.« – »Das Rathaus! Ihr Heiligen alle! so sind sie im Recht!« – »Ein schönes Recht, so der Landesherr spricht: nun soll es aufhören! und er hat Reisige und Mannen und Donnerbüchsen in den Schlössern.«

Johannes Rathenow hatte sich in den Lehnstuhl wieder hingesetzt, und, beide Arme drauf ruhend, starrte er den Brandenburger Ratsherrn an. Es war nicht gar freundlich sein Blick. Nach einer Weile sprach er: »Und die Brandenburger werden antworten den Berlinern auf ihr Schreiben? Was?« – »Das weiß ich noch nicht. Es ist ein kitzlich Ding, hat viele Seiten und fordert äußerste Fürsicht. Denn angenommen, daß der Städtebund noch in Kraft ist, was nach den Vorgängen von Anno 42 von einigen geleugnet wird, andere nehmen's aber an, so fragt sich immer –« »Was der Kurfürst dazu sagen wird? Daß er auch Euch feind wird, wenn Ihr seinen Feinden beispringt. Dazumal Herr Niklas Perwenitz, als Euch die Brandenburger zu uns absandten, spracht Ihr anders in der Stube auf der langen Brücke. Habt's vielleicht vergessen. Ich weiß es noch.«

»Das hab' ich nicht vergessen. Weiß aber eben desgleichen, daß Ihr mich nicht hörtet. Und weiß, daß, wenn Ihr mich gehört, die Sachen anders stünden. Hätten damals die Städte in den Marken zusammengehalten, vergessen ihren elenden Zwist unter sich, dann schrieben die Berliner heut nicht Notbriefe nach allen vier Winden; dann stünden die Städte zu einander, eine mit der andern verschlungen, ein dichter Eichenwald, gegen den vermag der Sturm nichts. Nun aber weiß ich, daß es anders ist. Die Zeiten wurden anders. Der Städtebund ist eine morsche Kette worden, der Fürst ist gewachsen zu einem gewaltigen Herrn. Der sucht nicht mehr Hilfe, er bringt sie. Lieber Johannes, geht nach Spandow. – O, runzelt nicht so die Stirn, kein so bös Gesicht. Beim Allmächtigen, es schlägt in mir auch ein gutes, treues Bürgerherz. Könnten wir's machen ohne ihn, was ich habe, ich wollt' es einwerfen. Aber es thut's nicht. Was würde dann draus, so die Städte wirklich, eine wie die andere, den Berlinern zuschrieben: wir kommen. Und sie kämen auch, und wären stark und der Sieg wäre bei ihnen, was wäre das End'! Könnten wir die Hohenzollern aus dem Land schlagen? Und wenn, heilige Jungfrau, könnten wir was Schlimmeres und Dümmeres thun? Daß die Wege wieder unsicher würden, bei Nacht jeder zitterte und bei Tage in seinem Erker lugte, wo ein Feind herkommt. Daß wir wieder blank stünden mit dem Adel, und in jedem Sumpf, auf jedem Hügel ein Raubnest aufschösse!«

»Geht in Euern Rat, Herr Perwenitz, und sprecht. Sie werden Euch gern hören. Eure Höfe stehen voller Lastwagen, Eure Kähne sind voller Ladungen; ich hab es wohl bemerkt.«

»Frieden! Ist's nicht allerwegen ein gülden Wort, Johannes? Aber zumal uns. Wir Stiefkinder des Reichs sollten ihn vor allem hegen und pflegen. Da haben kaum die Gewerke in den Städten sich gehoben, es hat kaum noch der Handel freie Straßen funden, und nun soll es plötzlich wieder aus sein! Denn bedenkt, was uns bevorsteht. Keine Fehde wird es zwischen einem Herrn und einer Stadt, nicht die Haut wird geritzt; es geht an Leib und Leben. Es mag Blut fließen durch lange Jahre, ein Krieg wird es, der lodert von der Elbe bis zur Oder, vom Spreewalde bis ins Pommerland, wir zerfleischen uns untereinander, verbrennen unsere Höfe, treiben unsere Herden fort, zerstören unsere Straßen und Brücken. Statt des Korns wird die Nessel wuchern, und wie die Landstraßen öde werden von Reisenden und Kaufmannsgütern, so werden die Wälder und Heiden voll werden von räuberischem Gesindel. Die Sittigung geht wieder aus dem Land, die Roheit und Armut kehrt ein. O, und wenn's nur zwischen uns bliebe, aber der Krieg hat wie ein geschossen Tier, das am Wege verendet, süßen Geruch, er lockt die Raubvögel von weitem her. Glaubt Ihr, daß der Krieg zwischen den Städten und dem Fürsten allein ausgefochten wird? Werden die Pommern, die schon gerüstet stehen, die Mecklenburger es ruhig mitansehen? Werden die Polen nicht herüberkommen und mit zugreifen, und die Magdeburger, unsere alten Feinde, die keine Gelegenheit verpassen, uns weh zu thun, und sind doch so reich und wir so arm? Auch die Sachsen; ihnen ist die Mark ein gutes Land. O, der Helfer sind da genug, die ungerufen kommen, aber wer von uns den Kürzeren zieht, muß der nicht die Nachbarn rufen? Sie kommen auf den Ruf des Glücklichen und des Unglücklichen, denn überall ist zu gewinnen. Aber wer immer und in jedem Falle verliert, das sind wir. Denn mit Macht und Reichtum der Städte ist es aus, ob wir die Markgrafen im Felde schlagen, oder geschlagen werden. Unsere mühsam gesparten Kräfte versiegen, und die Nachbarstädte erben unseren Handel.«

»Das Glöcklein schlägt. Ihr müßt in den Rat, Herr Perwenitz.« – »Johannes, Ihr wollt nicht gen Spandow?« – »Weiß nicht. Bin müd'. Habe so viel Neues gehört, und mein Sinn ist alt.« – »Denkt drüber nach. Um Mittag bin ich zurück, und wir sehen uns wieder. So Ihr aber den Niklas Perwenitz dazu nicht nötig habt, so stehen meine Pferde Euch immer bereit.«

Er schaute ihn fragend an, und ihre Hände ruhten ineinander.

»Wollt Ihr nach Berlin, Herr Johannes,« sprach er mit leiserer Stimme, »der Weg über Saarmund ist noch frei.« – »Nach Berlin?« fragte der Gast verwundert. »Da werdet Ihr freilich noch mehr Neues hören.« – »Wollt mich doch nicht in meiner Feinde Hände schicken?« – »Feind gestern, heute Freund. Die Wetterfahne dreht sich, Ihr müßt nur nicht auf übermorgen hoffen.« – »Geht in den Rat, Herr, Ihr vergeßt Eure Rede für den Kurfürsten.« – »Will sie nicht vergessen, Johannes; aber auch nicht, daß ich Euer Freund bin. Reitet nach dem alten Berlin, so Euch das Herz dahin zieht, so Ihr's vergeben könnt, was sie an Euch gethan. Reitet hin: ihnen thut ein Mann not. Ein Mann dort, und wer weiß, ob ein Johannes Rathenow in Berlin jetzt nicht ebenso viel wert ist als in Spandow.« – »Euer Rat geht wie die Wetterfahne.« – »Mein lieber Herr, in sothanen Zeiten, wo die Wege auseinandergehen, und sagt uns keiner, welcher der rechte ist, da muß man jeglichen gehn lassen, den er will, und ihn nicht binden und führen. Aber eines rechtschaffenen Mannes Pflicht ist es vorher, daß er dem Manne alles sagt, was er weiß. That meine Pflicht. Ihr habt die Wahl. Aber noch eins im Vertrauen: wird kein allgemeiner Krieg werden, wenn auch Köln und Berlin losschlägt. Wird viel geredet und geratschlagt werden in den Städten, und werden schöne Worte nach Berlin senden. Worte sind aber keine Donnerbüchsen.«

»Um so mehr!« sprach Herr Johannes für sich, nachdem der Brandenburger Ratsherr ihn verlassen.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.