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Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 2
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
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Zweites Kapitel.

Und so war es. Denn der alte Mann, der eintrat, wie auch sein Gewand vom Wetter gefleckt war und gerissen, und seine Schuh bestäubt und sein Haar grau, und sein Gesicht voll Kummer, ein Bettler war es doch nicht, auch nicht ein Herumstreicher, der tags über im Graben liegt, und wenn's dunkel wird, steigt er über die Hecken und schleicht sich in die Häuser. Er trat fest auf und sein Aug' sah scharf und grad vor sich.

»Johannes Rathenow!« riefen beide Eheleute aus einem Munde. »Johannes! Johannes!« sprach Herr Niklas und trat ihm näher, und dann faßte er seine Hand. »Muß ich Euch so wiedersehen?«

»Und Ihr erkennt mich so doch wieder!«

Sie schüttelten sich die Hand und es lag gar Wehmütiges in beider Augen, wie sie so einer dem andern ins Gesicht schauten.

»Gott grüß auch Euch, Frau Cordula. Solchen Gast habt Ihr Euch nicht gemutet.«

Frau Cordula weinte und drückte seine Hand mit ihren beiden: »Ach lieber Herr Johannes, das sind schwere Zeiten, wo solch ein Mann so klopfen muß an seiner Freunde Thüren.« – »Der Herr gab's, der Herr nahm's,« sprach er. »Davon nachher. Also Ihr weist mich nicht hinaus?« – »Mutter Gottes!« rief sie. »Sind wir denn Heiden und Türkenhunde und nicht Christenmenschen und gute Brandenburger, und Eure lieben Freunde? Ach, Hannes, was kamt Ihr nicht früher zu uns! Härmten uns und weinten, und wußten nicht, wo Ihr geblieben. Ach, Ihr werdet hungern und dürsten und müde sein. Setzt Euch, um Gottes willen, Ihr sollt alles haben. Setzt Euch, Wein, Speise, ich will selber in die Speiskammer, und ein Bett sollt Ihr haben, weich und warm, oben im Erker, aber setzt Euch –«

Johannes Rathenow hatte sich in den Armsessel niedergelassen, darin zuvor Herr Niklas am Tische saß, und hatte einen Becher Weines getrunken. »Dank Euch für den Labetrunk, lieben Freunde, und mehr Dank, daß ich Euch wiederfand, unverändert, – es änderte sich so vieles in der Zeit. Aber ich bin nicht so hungrig und müd als ich ausschaue; auch ist mein Gewand nicht so schlecht als dieser Mantel,« sagte er lächelnd. »Habe schon dort in der Schenke am Thore gesessen und nur gewartet, bis es dunkel ward.«

»Ach Du Unbarmherziger! Ein Herr von Rathenow, und der Bürgermeister war im großen Berlin, muß auf die Nacht warten, um zu seinen Freunden zu schleichen.« – »Ist's denn anders?« fragte Johannes und schaute dem Brandenburger Herrn ins Gesicht. Der antwortete: »Und wenn die von Köln und Berlin noch so toben wider Euch, als dazumal, und Achtbriefe gegen Euch geschickt durchs Land, bei Niklas Perwenitz wärt Ihr sicher.« – »Auch bei dem Ratmann der alten Stadt Brandenburg? Der muß doch thun, was die Stadt ihm heißt, und die Stadt muß thun, was der märkische Bund verhängt.« – »Der Städtebund!« sprach Niklas. »Ei seht, der Städtebund hat noch mehr Köpfe als eine Stadt. Dem ging die Sache niemals sehr nahe. Er empfing nur die Schreiben von Berlin, worin sie ihm die Geschichte meldeten. Hättet Ihr bei uns angeklopft, geklagt wider die Berliner, es stände itzt schon anders um Eure Sache. Denn manchen hier wunderte es und verdroß es. Aber Ihr schwiegt und gingt ins Elend, ohne ein Wort, ohne eine That. Nun, da Ihr's stillschweigend hinnehmt, was sollten wir's laut aufnehmen? Der kratze sich, wenn's juckt. Lieber Gott, Herr Johannes, Ihr habt Eure Sache schlecht gemacht.« – »Kann sein, Niklas.« – »Das habt Ihr, Gott vergeb's Euch. Denn wo nicht ein Anwalt für Euch sprach –« »Keiner sprach für mich!« – »Und Ihr entflohen und niemand wußte wohin. Da mußten die Städte, so ungern sie's thaten, den Bann über Euch sprechen; denn Ihr erschient auch nicht auf die Ladung. Da mußten sie und einstimmig, es ging nicht anders.«

»Und ist das keine That?« sagte Johannes. »Hab sie gezwungen, einmal doch, seit der Bund besteht, einstimmig zu sprechen und zu thun.« – »Aber Ihr hättet –« »Erscheinen können, Widerspruch thun, klagen, damit ich die Parteien und die Städte noch mehr aneinander hetzte. O ja, Niklas Perwenitz, ich hätte vielleicht Recht bekommen, von dreien, vielleicht von zehn. Kann sein, die Brandenburger, die Frankfurter, die Bernower hätten mich zurückgeführt in die Stadt, eingesetzt in meine Güter, auch wohl wieder auf den Bürgermeisterstuhl. – Glaubt Ihr, ich war zornig, da ich fliehen mußte, als ein schlechter Dieb, ich, der ich meine Stadt liebe als meinen Augapfel, ich, der ich im Recht war? Ich war zornig wie einer, es wollte sich kehren das Unterst zu oberst, aber dank meinem Heiligen, ich habe es nicht gethan. – Wer hätte des Vorteil gehabt, wer gelitten? Das hätte noch gefehlt, die Städte unter sich in Hader und Fehde, um das Maß voll zu machen, um den Feind zu locken, daß er uns nahm, was uns blieb. Nein, Johannes Rathenow hat's ihnen bewiesen, nicht durch Worte, durch die That bewies er's, daß sie unrecht hatten, als sie ihn Verräter schalten. Nun hat keiner gelitten als er.«

Der Brandenburger Ratsherr sah ihn gar aufmerksam und teilnehmend an. und dann drückte er die Hand des Gastes an seine Brust: »Und was an mir ist, soll's Euch gut gethan werden.« Aber Frau Cordula meinte sehr richtig, daß das alles besser nachher könnte verhandelt werden, denn die Nacht sei noch so lang und morgen auch noch ein Tag. Und itzt sei der Tisch gedeckt und das Feuer brenne, und so er's auch nicht Wort haben wolle, sehe man's doch dem lieben alten Herrn an, daß er seit lange in keinem ordentlichen Hause gesessen und gewohnt. Sie war nun, wie wohlbeleibt auch, treppauf treppab, um das Mahl wieder herzurichten, wie es sich für solchen Gast schickt, und er mußte trinken und essen, und sie litt kaum, daß er dazwischen redete. Herr Perwenitz aber versicherte, er solle hier so sicher und heimlich sitzen, als wäre es ein Nonnenkloster; denn außer der Magd, die ihm geöffnet, wisse noch niemand um seine Ankunft, da die andern schliefen, und die sei treu wie Gold. Und er möge bleiben, so lange er Lust habe, und sich erholen; denn niemand in Alt-Brandenburg werde doch wagen in das Haus der Perwenitze zu dringen.

»Des bin ich gewiß,« sprach Herr Johannes, und reichte ihm nun die Hand, nachdem er sich durch Speise und Trank gestärkt. »Es ist ein köstlich Ding um einen treuen Freund.« – »Und blieb Euch auch nicht einer an der Spree?« Der Gast schüttelte den Kopf. »Das ist's, was sie hier alle wundert.« – »Mich nicht,« sprach Johannes in sich versunken. »Nur die schlechten Freunde fallen ab, wenn die große Buhldirne, das Glück, sich wendet. Durch das, was Ihr vordem gewirkt, solltet Ihr Euch echte Freunde gemacht haben!« – »Wo ein Wurm im Holz ist, wer treibt ihn aus! Jedwede That streut Samen aus, aber der der bösen That wuchert. Wie wär ich dazu kommen, wie wär die Gemeinheit dazu kommen, daß ich mit ihr spielen mußte das böse Spiel, wenn's nicht mein Großvater Albertus anfing! Seht Ihr, das ist's. Straflos, dachte ich, wäre mein Wandel; aber wer rückt die Sonne zurück, wer ändert den Lauf der Stunden. Er konnte nicht straflos sein, Albertus' Blut rinnt ja in meinem!« – »Sie hatten geschickt nach Spandow, um gegen Euch zu klagen; also mußtet Ihr wieder klagen.« – »Warum mußte ich denn?« – »Notwehr gilt überall. Ist ein Gesetz in der Natur geschrieben. Wird Euch kein vernünftiger Mann das verargen.« – »Ich mir aber selber, Niklas Perwenitz. Denn so ich nicht meinen Namen schrieb unter die Klage der Gewerke, wäre der Kurfürst kommen?« – »Wer weiß das!« murmelte der Brandenburger. »Ich weiß es, das war meine Schuld! Ich rief ihn, weil ich schwach war in der Stunde, und ließ mich vom Zorn überwallen. Ach, mein Freund, war's mir oft, wenn ich draußen irrte, obdachlos, und meine Hand anschaute, die den Namen unterschrieb, als thät ich am besten, wenn ich sie auf einen Block legte, und haute sie ab.«

»Und hättet Ihr nicht geschrieben, wären die Gewerke dann nicht nach Spandow geritten, wären die Kölner Herren dann umgekehrt? Ihr thatet, was Ihr nicht anders konntet. Ja, noch schlimmer wär' es worden. Ihr hättet beide gegen Euch gehabt. Die Zünfte hätten wider Euch getobt; die Kölner und Eure Widerpart im Rat, hätten die Euch beschützt? Ausgelacht hätten sie Euch, die Thür zugeschlagen. Ihr wärt auf der Rathaustreppe umgebracht.« – »Dann wär ich in meinem Recht totgeschlagen und zu meinen Vätern gegangen.« – »Und Ihr wärt itzo nicht im Recht!« – »Wer weiß das! Ach Herr Perwenitz, das Regiment ist ein schwer Ding. Ist wie ein tiefer Brunnen; man schöpft daraus und weiß nicht, wo das viele Wasser herkommt, und nun versiegt's, man weiß auch nicht, wo es blieben ist. Vordem, als sie mich gewählt, da wußte ich mein Recht und wo seine Quelle ist, und ging grad aus und wußte, jeder Schritt war Recht. Nun, da mich der Markgraf eingesetzt, da ward mir oft schwindlicht und rief mich's rechts und links, wo ich gradaus wollte, und mußte mich umschauen hier und dorthin, hatte die Richtung verloren. Bewahre Gott einen jeden Guten vor einem Regimente, da er nicht weiß, wo es her ist.« – »Alle Obrigkeit ist von Gott,« sprach Herr Perwenitz. – »Was ich sprach und that, da riefen sie im Rate: Der Markgraf spricht aus ihm! und in der Bürgerschaft schrieen sie's nach.« – »Der Markgraf hatte Euch eingesetzt.« – »Aber hatten sie denn unrecht? War's ja ihre Stadt, ihre Rechte. Ach Herr Perwenitz, ich konnte nicht anders sprechen, ich durfte nicht anders thun, aber das Herz im Leibe kehrte sich. Mußte ihnen widersprechen, thun gegen ihren Willen, mußte sie strafen, und mein Herz war doch bei ihnen.« – »Weiß es jeder, daß Euer Stand schwer war.« – »Und that's dem Markgrafen doch auch nicht recht. Kamen da Meldungen über Meldungen, Boten und Schreiben. Und wo ich mich sehen ließ, zischten sie und zischelten: Er ist nicht unser Bürgermeister, er ist des Markgrafen Vogt!«

Nachdem beide eine Weil nachdenkend geschwiegen, und Herr Johannes hatte sich durch einen frischen Trunk Weines gestärkt, fuhr er fort: »Als der Herr die Mühlen forderte am Mühlendamm, ritt ich selbst nach Spandow. Freilich vor alters hatten sie den Landesherrn gehört, aber nun waren sie doch der Stadt; wir hatten's urkundlich von den Bayerfürsten. Sprach dort, was ich sprechen konnte, alle Gründe für uns. Es thäte wahr und wahrhaftig nicht gut, so man den Bürgern nehme, was sie von Vatersvater her gehabt. Die fürstlichen Räte sagten, wir hätten sie verwirkt, als wir das Wasser schützten gegen des Markgrafen Willen. Zehn Räte gegen mich einen, und mit lateinischem Rechte, was wollt' ich dagegen! Sie schlugen auf die Pergamente und Bücher, sprachen, daß, nach dem Kaiserrechte, die Rechte des Herrn gegen seine Unterthanen nimmer verjährten, daß, was aus der Schwäche vergeben worden, aus Kraft wiedergewonnen werden könne. Freilich, der Starke hat immer Recht gegen den Schwachen. Den Kurfürsten selber bekam ich nicht zu sprechen. – Wie ich damals nach Haus ritt, durch die kalte Heide, die Kiefern knarrten und stöhnten im Walde, war's mir doch schon, wie mein Leichengesang« – »Darauf warfen Euch die Mühlknappen die Fenster ein.« – »Die thaten nur, was ihre Herren sie hießen. Und das war doch noch nicht der heißeste Tag. Doch freilich dazumal verließen mich, die noch an mir hingen, die Wyns, die Brucks, die Strobants, die hatten alle teil an den Mühlen. Was mußte ich da nicht hören im alten Rat! Daß ich der Stadt Rechte verschleudere wie der gewissenlose Verwalter, daß, weil ich selber nicht reich, ich gleichgültig zusehe dem Ruin der reichen Häuser. Ach Herr Gott! Und nun gar erst im neuen Rate. War's schon schlimm im alten mit ihnen verkehren: da aber war doch kein vernünftiger Schluß durchzudringen. Das tobte und lärmte durcheinander; und keiner verstand den anderen, und jeder mißtrauisch, weil er's nicht verstand.« – »Wo sollten sie's erlernt haben! Ihr hieltet sie zurück, als sie lernen wollten.«

»Wir hatten den Rat überkommen von unseren Vätern; wir hatten kein Recht, wieder fortzugeben, was unserer Väter war und unser Kinder bleiben sollte.« – »Darum hieltet Ihr sie ab als lang es ging, und wurdet dann fortgerissen, auf einmal übern Haufen geworfen, als wie wenn das Wasser einen Damm durchbricht. Hättet Ihr vorher die Schleusen geöffnet und etliche eingelassen, da hättet Ihr sie leiten können, wie Ihr wolltet; nun mußtet Ihr gehen, als wohin sie Euch zogen.« – »Wir hatten unsere Pflicht gethan.« – »Und seid dafür ins Elend gegangen.« – »Kam aber mit mir das Bewußtsein, daß ich nie vom Recht gewichen.« – »Ein schön Bewußtsein; aber den Bettelsack macht's nicht leichter.« – »Meint Ihr, daß die anderen drinnen itzt leichter tragen? Die mit ihnen verkehren und handeln und unterhandeln, sich täglich müssen Dinge sagen lassen, daß sie schamrot werden. Geschimpft werden im Rathaus und lächeln müssen und danken!«

»Und wißt Ihr, daß die Geschlechter dennoch nach wie vor drinnen regieren! Die Schuster und Altflicker schreien zwar im Rat: aber die Faden, daran sie gehen, sind in der Patrizier Händen. Wird nichts beschlossen, was sie nicht wollen. Ach, habt ohne Not das Leben Euch sauer gemacht. Wer klug ist und reich, regiert in aller Welt, wenn er auch nicht auf den Bänken sitzt. Wärt Ihr etwas feiner gangen, freundlich und behutsam, hättet nicht das Kamel durch das Nadelöhr fädeln wollen auf einmal, vielmehr die Fäden einzeln durchgezogen, Ihr säß't noch heut auf dem Stuhl –«

Da stand Herr Johannes von seinem auf und sprach: »Dann wär ich nicht Johannes Rathenow, meiner Väter Sohn. – Und,« fuhr er fort, durch die Stube gehend, »was ist 'rauskommen! Sieht's drum besser aus, daß sie zehn Schritte machen krumm herum, wo ich einen ging? Geschieht etwas der Stadt zum Vorteil? Vertragen sie sich besser? Stehen sie gut mit den Städten? fest gegen den Markgrafen? Greift er mit seinem langen Arm minder tief in ihre alten Rechte? Was ist Klugheit ohne Recht? Ein Stab, der bricht, wenn wir uns wollen stützen darauf.«

Der Meinung schien nicht ganz der Brandenburger Ratsherr; aber er schwieg. Mochte dem alten Manne den Stab nicht nehmen, der ihm blieben war. Dachte daran, wie sie ihn gehöhnt und von der Rathaustreppe heruntergestoßen, wie sie durch die Straßen getobt mit Mordgeschrei, und ihn umbringen wollten, was der allmächtige Gott verhütet; und er war bei Nacht und Nebel verkleidet aus der Stadt damals entwichen. Aber mußte Herrn Johannes selber das Herz warm geworden sein, und die alten Erinnerungen traten vor. Er hatte lange keinen gefunden, dem er das Herz ausschütte; darum setzte er sich wieder und sprach, als erzählte er es für sich mehr, als für den Gastfreund: »Die Tage darauf waren schrecklich. So still sie waren, es war schlimmer als der Lärm. Jedwed Gesicht, das mich ansah, ich wußte, was es mit sagte. Wenn ein Karren fuhr, wenn die Glocken läuteten, hört' ich der Bürger Gebrumm. Und in meinem Hause, die rot verweinten Augen meiner Elsbeth, die niedergeschlagenen Blicke der Dienstleute, das Ächzen der alten Gertraud. Was sie mir verschwiegen, sie thaten's aus Liebe. Hätten sie's mit Pauken und Trompeten gesprochen, es wäre nicht so arg gewesen. Denn die Heimlichkeit schleicht durch die Adern und zehrt am Blute. Ein Feind, der vor uns steht, gegen den kann ein Mann sich waffnen. Gegen einen heimlichen ist er ein Kind. Sie flüsterten, ich, ich Johannes Rathenow, hätte die Städte dem Fürsten verraten, ich durch meine Genossen den Zwist ausgesäet, damit sie klagen mußten in Spandow. Mein Werk sei es, daß der Markgraf kommen und das Thor gesprengt und der Stadt Regiment geändert; und wer Augen habe zu sehen, der müsse es sehen, da er mich zum Bürgermeister gewählt, mich allein, und von allen den alten Geschlechtern, die's gut mit der Stadt gemeint und die ich verredet, keinen!« – »Ein tückisch, niederträchtig Gerücht! Aber wer konnte das glauben.« – »Ein Gerücht, Herr Perwenitz, ist eine Schlange! Wer trifft sie? Wo man hinschlägt, ist sie fort. Meine Feinde streuten es aus. Die Menge griff und verschlang es. Und – und – sie hatten einen guten Grund. Mein Großvater Albertus hatte es so gethan.

Alles, was er kund that der Stadt und forderte, durch mich ging es,« fuhr der Gast fort. »Ich mußte es im Rate vortragen. Auf mich schimpften sie, ich mußt' es verteidigen. Mußte aber auch den Unwillen der Stadt vertreten gegen den Herrn, denn durch mich ging ihre Antwort. Da ritten eines Abends bei mir ein die Herren von Kracht und Schliefen mit Papieren und Rissen und einem Baumeister des Fürsten und sagten mir kurz raus, daß der Fürst ein Schloß zu Köln an die Spree bauen wolle, und was er für Grund und Boden fordere, von der langen Brücke an bis zur Stadtmauer. Das Gerücht lief freilich schon lange um, aber ich glaubt' es nicht: »Ihr werten, lieben Herren,« sprach ich, »um Gottes und aller Heiligen willen, gebt das auf, laßt es nicht fordern den gnädigen Herrn. Das Blut ist schon heiß bei uns. So der Fürst ein Schloß dort baut, hart am Fluß, gegenüber dem Rathaus, mit Mauern und Zinnen, sieht's wie ein feindlich Lager aus, gegen der Stadt Freiheit und Rechte. Die Städte werden's die Städte können's nicht ertragen. Nur jetzt nicht. Es ist um sie geschehen.« – Da schrie der wilde Kracht: »Es soll auch um sie geschehen sein.« Und der Schliefen lachte: »Die Städte werden's und sollen's ertragen.« – Ich redete nun, Gott weiß, was meine Worte waren. Gut war's gemeint; aber sie mögen hart geklungen haben, daß die alten Fürsten nimmer mit Roß und Mann gelagert in unsern Mauern, daß sie uns freund waren, nicht feind, daß die von Köln den Boden nimmer könnten hergeben, da's ihre Mauer sei, und Bürgerhäuser drauf stünden. Da schlug der Kracht mit seinem Eisenhandschuh mir auf die Schulter, schrie: »Bist Du der Stadt Knecht, oder Deines Herrn?« und der Schliefen stampfte auf den Boden und schlug auf den Riß, der auf'm Tische lag: »Das Schloß wird da stehen, wo's der gnädige Herr hinhaben will, und zu viel Gnad' für Euch, so er Eure Hundehütten drunten stehen läßt.« Ich schrie Gewalt, daß mein Haus zusammenlief, glaubten, die Ritter wollten mich schlagen; die aber warfen ihre Mäntel um und ritten drohend fort und schrieen Empörung! Konnte mich nicht mit ihnen verständigen.«

»Ein Paar gewaltsame Herren,« sagte der Brandenburger. »Der Fürst hat doch auch feinere Räte.«

»Wir hatten feinere Leute bei uns,« sprach seufzend der Gast. »Als es durch die Stadt lief, was in meinem Haus geschehen, da beschickten sie mich von allen Seiten. Alles sei außer sich, es siede und koche. Die Stadt müsse die Schmach auf sich nehmen, die ihrem Meister geschehen. Ich dürfe es nicht sitzen lassen, vor den Rat müsse ich es bringen. Wo ich itzt noch dem Markgrafen das Wort rede, sei es klar, daß ich unter einer Decke mit ihm spiele. – Ja dieselben, die das mir sagen ließen, am Tage drauf, im Rat, waren sie mäuschenstill. Nur ich sprach und redete, was der Kurfürst verlange, und das sei ein Unbilde, der Stadt und ihren Freiheiten angethan, und daß wir ihm unterthänigst vorstellen sollten, wie es nicht anginge, denn der Stadt Boden gehöre der Stadt und nicht dem Landesherrn, und möchte er gnädigst den Beschluß zurücknehmen; da schwiegen sie zuerst und dann ging ein Murmeln durch den Saal. Das sei itzt nicht mehr an der Zeit. Nun wär' es zu spät. Man solle nicht den Zorn des Herrn auf sich laden. Was denn aus solchen Vorstellungen herauskäme? Man hätte früher sprechen müssen. – Da geriet ich in Zorn. Wer hat denn geredet als es Zeit war! – Das wollten sie nur, daß ich ihnen Vorwürfe machte. Nun überschrie's mich. Die Blankenfeldischen steckten dahinter. Ach Herr Perwenitz, das waren Vorwürfe aus der Luft gegriffen, aber sie schmerzten doch. Ob ich allein reden wolle? Ob ich ihnen Gesetze geben und ihr Burgherr sein wolle? Ob sie dem Markgrafen gehorchen sollten, wenn's mir gefiele und nicht, wenn's ihnen gefiele? Vergebens stellte ich ihnen vor, itzt sei noch Zeit zu sprechen; wenn der Grundstein zum Schlosse gelegt, wenn die Mauern aufwüchsen, dann sei es zu spät, dann werde es Empörung. Sie hörten meine Stimme nicht. Sie schrieen, ich wollte sie verfeinden mit dem Fürsten. Hans Möwes von Köln rief: »Unsere Güter sind lehnbar dem Markgrafen; der Rathenow möchte, daß wir sie verwirken, und dann weiß ich einen, der den Rock umkehrt, wenn's Güter verdienen giebt!« Ach, da die Geduld hüten. Herr Perwenitz.«

»Wenn's in Berlin Freunde schneit,
Ist der Sonnenschein auch nicht weit,«

sprach der Brandenburger, »denn wohl gemerkt, sie schmelzen, wenn Du sie fassen willst.«

»Grad da polterten die Ritter herein, sagten, der Markgraf habe sie geschickt; nachmalen erfuhr man's aber, sie kamen nur vom Landeshauptmann. Busso Voß, der Lange mit dem höhnischen Gesicht, nahm das Wort, und wie er sprach, drehte er mir halbwegs den Rücken. Da merkten schon meine Feinde, wie es stund, und jubelten. Der Busso wahrhaftig liebte doch nicht die Bürger; aber seine Rede, die schmeckte, als wolle er sie vor Lieb' auffressen und liege ihm nichts am Herzen, als daß sie frei werden sollten von den Geschlechtern, die ihresgleichen wären und hätten sich über sie erhoben. Wäre darum allein der Fürst gekommen in unsere Thore. Aber durch Schlauheit und Arglist hätten wir seine guten Anordnungen verkehrt. Darum nur hätte er die Mühlen zurückgefordert und das andere, damit die Gemeinheit gut bedient würde. Und daß er stets ein Aug' drauf habe, wollte der gute Fürst sich ein Haus bauen unter uns, inmitten beider Städte. Und ich hatte seine Boten schnöd zurückgeschickt und mit Aufstand gedroht. Aber am Hof da kennten sie mich und wer aus mir spreche und daß ich nicht freigewählter Meister sei von beiden Städten. Darum hatten sie den Zorn des gnädigen Herrn noch beschwichtigt, denn es wäre grausam, daß die Stadt und die guten Bürger litten, um was einer gedroht. Nun aber sei's hohe Zeit, daß sie sich entschieden, ob sie ihrem Fürsten gehorsamen wollten oder ihrem Bürgermeister. Der Fürst wolle ihr Gutes; was der Bürgermeister wolle, daß wisse er nicht. Was der Fürst könne, das wisse er und sie alle, denn er könne mit Heeresmacht und Donnerbüchsen über sie ziehen und die Mauern niederreißen und der Stadt ihre Privilegien nehmen, ihr Stapelrecht und ihre Niederlage, ihre Münze und ihre Zollfreiheit. Ob aber Hans Rathenow ein so mächtiger Mann sei, daß er sie vor'm Zorn des Gewaltigen schütze, das müßten sie besser wissen als er. Nun sei die Frage, ob sie für ihren Bürgermeister durchs Feuer wollten auf Gefahr hin, daß sie ihr alles verlören, oder dem Markgrafen das Stückchen Boden verkaufen, daß er sich ein Haus baue unter ihnen. Und, schlug er auf den Tisch, der Schilling, den der Markgraf dafür zahle, solle nicht in die Säckel der Herren, sondern in die Taschen der Bürger.«

»Kann Euch zu wissen thun,« sagte der Brandenburger, »Seine Gnaden haben nachmalen nicht gut geheißen, was der Ritter in Berlin sprach.«

»Was hilft das! Kann er drum machen, daß der Sturm nicht stürmte und die Bäume wieder aufstanden, die er entwurzelt! Wenn große Herren schelten ihrer schlechten Diener Eifer, nehmen sie's doch gern, was für sie abfiel: aber gaben sies je schon wieder?« – »'S ist unrecht, gute Leute verreden,« murmelt« Niklas Perwenitz. »Der braven sind überall wenig.« – »Aber sie sind die Ecksteine und Pfeiler, gegen die man das Geschütz richtet, wenn man ein steinern Haus nieder haben will. Die andern Steine fallen dann von selbst. Und sind sie gefallen und bröcklig und morsch sind die Mauern, und die Hand braucht nur darauf zu drücken, so fällt es ein. Wie Gott will, Herr Perwenitz. Ich habe viel gelitten; Lob und Preis ihm, daß ich schwacher Mann es ertrug.«

Da merkte der Wirt, daß sein Gast müde ward, und die Erinnerungen drückten ihn nieder. Er mochte nun nicht mehr fragen, ob er schon gern noch manches aus seinem Munde gehört, was er nur durch das Gerücht und die andern wußte. Aber er stand auf und legte freundlich die Hand auf seine Schulter und sprach: »Ihr bedürft der Ruhe.« Herr Johannes schwieg und seufzte. Er stand auf und folgte ihm die Treppe hinauf in die Erkerstube, wo die gute Frau Cordula ihm ein weiches, hohes Bette aufgeschlagen hatte, und feines weißes Leinenzeug war darum geschlagen. Auch prasselte Feuer im Ofen, das sie selbst angezündet, und über dem Tische lag eine bunte Decke und darauf stand ein gebrannter Krug und Geschirr zum Trinken und Handtücher und ein silbern Waschbecken. Auch hatte sie einen Teppich sorgsam unterbreitet vorm Bette, daß der alte Mann seine Füße nicht auf die kalten Dielen setze. Mochte der Wanderer seit lange nicht so freundliches Nachtlager gefunden haben. Dafür dankte ihr ein stummer Blick, und sie ging auf den Wink ihres Herrn. Der aber sprach: »Nun ruht wohl, lieber Herr Johannes, unter meinem Dache. Morgen ist auch ein Tag, da wir mehr sprechen können, was Euch hergeführt und wie ich Euch helfen kann.«

Der Gast hatte sich auf das Bett gesetzt und hielt dem Wirte freundlich die Hand hin: »Dank Euch, lieber Herr Perwenitz. Ach, ich hätte Euch noch so viel zu sagen. Habe lange Zeit her kein freundlich Gesicht sehen. Ihr mahnt mich an den Mann, der mich damals unterm Arm faßte und herunterriß unter die Brücke, da die Steine mir schon um den Kopf flogen. Und das furchtbare Geschrei, als wäre ich ein Hochverräter, und hatte meine Stadt so lieb. Da warf er mir einen Fischerkittel um und dann –«

»Morgen, morgen! heute schlaft aus.« – »Was soll man sich nicht jeden Tag erinnern, was uns Gutes geschehen; zumal vorm Schlafengehen!« – »Es war ein gemeiner Mann, als ich hörte, der Euch auf einem Kahn zur Stadt 'raus brachte.« – »Freilich, von den Patriziern kannte mich keiner. Die hatten ihre Thüren geschlossen. Aber die Gemeinen tobten ja noch ärger draußen. War das nicht arger Unverstand, Herr Perwenitz; derweilen sie drinnen mich angeschrieen, die Herren, daß ich sie in Fehde brächte mit dem Fürsten und seinen Willen nicht thun wollte wegen des Schlosses, da schrieen sie draußen: Steine auf ihn! Zerreißt ihn! Er will uns verkaufen dem Markgrafen! – Herr Gott, rief ich, das will ich nicht. Ja, sie hörten mich nicht.« – »Das ist nun so in Berlin.« – »Nicht auch anderwärts?« sprach der Gast sinnend. »Daß sie einen ehrlichen Mann verleumden just ums Gegenteil von dem, was er that!« – »Die Menge ist blind und taub allerwegen, und der Herr richte die, die sehen und hören und sie doch auf falsche Wege führen. Ihr aber geht ins Bett.« – »Nachher mochte es manchem gereuen,« fuhr Herr Johannes fort, aber war's, als spräche er mehr zu sich denn zu dem andern. »Als ich in Teupitz war, schickte einer und der andere zu mir, sie wollten für mich unterhandeln. Da war ich zornig. Auch die Schumms.« – »Wunderte es uns alle, daß Euch der Bartholomeus im Stich ließ. Ihr hattet Euch doch wieder mit ihm vertragen.«

»Solch ein reicher Mann will haben, man soll immer auf seiner Schwelle stehn. Ließ mir auch dahin sagen, er wolle es durchführen für mich im Rat und vor den Städten. Da sollte ich ihm aber Vollmacht senden, daß er thue, wie es ihm recht dünke. Ihm und seinen Schreibern. Denn ich sei unklug und aufbrausend und verstände nicht, meine eigne Sach' zu führen. Ich ließ ihm wieder sagen – doch das gehört nicht her.« – »Ihr hattet einen Freund in den Städten.« – »Tydeke von Aken ist tot.« – »Ich meine einen andern, der ist Euch vorangegangen, ob in den Tod, das weiß Gott. Aber ins Elend ging er vor Euch. – Und Ihr schicktet ihn dahin.« setzte Herr Niklas leis hinzu. Johannes Rathenow hob den Kopf. Hatte ihn nur halb gehört. – »Einen Freund, so treu wie Gold, so mutig und so frisch. Ja, hättet Ihr den Henning Mollner nicht ins Elend geschickt, der hätte es nimmer geduldet, daß Ihr gingt.« – »Henning Mollner, schrieen sie, hätte das Thor gesprengt, weil ich's ihm hieß. O, die bösen Menschen!« – »Und schrieen sie nicht nachmalen, Ihr hättet ihn aus der Stadt geschickt, daß er Euch nicht verrate? Daß er Euer Sündenbock sei? Ach lieber Johannes, das habt Ihr schlimm gethan. Euer bester Freund war fort und die schlimmste Nachrede war blieben.« – »Er ging ja freiwillig.« – »Es munkelte anders. Er ging um Eurer Elsbeth willen, um der harten Worte willen, so Ihr zu ihm gesprochen. Seiner war er nicht mächtig mehr, der Junge; da, blind vor Jachzorn, Liebe, in Raserei und Tollheit, sprengte er das Schloß. Das hätte ihm der Vater vergeben können, die Bürger hätten's ihm gut gethan, der Markgraf hätte ihn nicht gestraft. Ach Herr Johannes, wenn einer gut war zum alten Berlin, daß er die Tollen bändigte und das zerfahrene Wesen zusammenhielt, das war der Henning Mollner. Ein Graf und Herr hatte sich wünschen können solchen Sohn für seine Tochter. Und dem schlugt Ihr Eure Elsbeth ab und ließet ihn ins Elend.«

Da hielt der alte Mann beide Hände vor's Gesicht: »Meine Elsbeth!« sprach er, und war's doch, als wenn tief aus der Brust ein versiegter Quell aufstieg und die Tropfen drangen auf, bis sie die Augen feuchteten. Und nun winkte er dem Wirte zu gehen und legte den Kopf auf das Kissen.

Als der Ratsherr heruntergestiegen, saß sein Weib noch am Feuer, und ihre Augen waren rot.

»Ach Niklas, wenn man schlechte Menschen leiden sieht, thut's uns schon weh. Aber daß auch ein solcher Mann wie ein Landstreicher muß wandern gehn. Da muß man ja fürchten, ach, ich weiß nicht was. Uns können sie doch nicht ins Elend schicken, Niklas?« – »Das steht in Gottes Hand, Cordula. Aber wenn wir ins Elend müßten, eins weiß ich. Unser Bestes nähmen wir mit uns.« – »Wenn sie uns aber alles vorher nehmen?« – »Wer will mir den Frohsinn nehmen? Glaub's Cordula, damit bettet man sich noch im Elend erträglich. Der arme Herr Rathenow nahm nur einen Stab mit, sein Recht, und darauf stützt er seinen Stolz. Der Stab wärmte und speiste ihn nicht, er trug ihn kaum, wenn er sich drauf lehnte.« – »Er wird's nicht lange machen. Er ist nicht mehr der alte.«– »Hm! hm!« entgegnete ihr Herr. »Er richtet sich wohl noch einmal auf.«

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