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Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 16
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
correctorreuters@abc.de
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Sechzehntes Kapitel.

Da kamen nun traurige Tage für die stolzen Herren von Berlin und Köln. Durch den Sumpfwald links von der Spree, der itzt der Tiergarten heißt, zogen sie paarweis gen Lützow; und wenn sie auf den Berg kamen und sie sahen die Türme von Spandow, da schlug ihnen das Herz schwer. Hier mußten sie ihr Gefährte und ihre Rosse lassen, und dann gingen sie zu Fuß nach der Festung. Es ward's keinem erlassen. Und das dauerte manche Woche, und in Spandow, wie lange mußten sie da oft stehen vor der Thüre, bevor sie eingelassen, und sie saßen wie Fürsten in ihren Stühlen. Es ist alles dem Wandel unterworfen, was auf Erden heißt Glück und Herrlichkeit.

Da in dem kleinen Stüblein über dem Thorhause saßen Herr Friedrich Sesselmann, der nun Kanzler war, und Ulrich Czeuschel, der Küchenmeister, dem der Markgraf das hohe Haus zum Lehn nachmalen gegeben, als sein Schloß zu Köln an der Spree fertig war; auch Herr Peter Knobelsdorf, der Vogt von Spandow, und sie schienen müd' vom vielen Schreiben. Da überlas der Knobelsdorf auf dem Papier die Namen aller der Patricier, die schon erschienen waren und ihre Lehen dem Herrn übergeben hatten, und die Buße stand dabei, die jeder an Geld und Geldes Wert überdem zu zahlen hatte. Je unterschiedlich als das Gericht erkannt hatte, mußten sie zahlen, mehr oder weniger, und er sprach: »Sollte man's denken, daß die Bürger zwoer Städte so viel Geld haben!« – » Sie hatten es,« sagte der Küchenmeister. »Das bringt sie ewiglich herunter. Von dem Schlag erholen sie sich in Jahrhunderten nicht.« – »Sie verdienen's,« sprach der Knobelsdorf.

Der Kanzler schüttelte den Kopf: »Wäre doch traurig! Solche blühende Städte, und sollten nun arme Nester werden! Aber, Ihr Herren, ich glaube, es wird doch anders, als wir denken. Der Markgraf ist furchtbar erzürnt, aber er ist auch gnädig. So er nicht dereinst die Absicht hätte, die Gnade walten zu lassen, was baute er sein fürstlich Haus dort inmitten der Spree! Warum nicht hier, wo die Spree ihr Wasser der reichen Havel spendet? Warum nicht in Brandenburg, das so gefügig sich erwies? Ein Fürst wie er möchte doch nicht wohnen unter denen, die sein Zorn zertritt. Ich meine, er zürnt ihnen und liebt sie doch. Er liebt die beiden Städte, weil sie seinem hochseligen Vater der erste Anhalt waren im Lande. Und solchen Liebesdienst vergißt kein Hohenzoller.«

»Gott schütze mich vor solcher Liebe!« sprach der Vogt von Spandow; und dann ließen sie die nun warteten herein. Das war Thomas Wyns und seine drei Söhne, Hans, Valentin und Martyn, Hans Plumperdum und Hans Rathenow. Die mußten stehen, dieweil die Herren saßen, und ihnen ward vorgelesen, was ihre Strafe war; sie wußten es aber schon alles. Sie mußten alle ihre Lehen, die sie vom Markgrafen, wie auch die, so sie von Prälaten, Herren, Mannen und Städten hatten, Seiner Gnaden übergeben, samt ihrer Frauen Leibgedinge. Und dann mußte jeder ein Verzeichnis überreichen von allem, was er besaß an Schuld und Gut, und zur Schrift erklären, was dann seinem gnädigen Herrn dünke, daß er thun oder geben solle, das wolle er gern thun. Und nachdem sie so, »ihr Leib und all ihr Gut in ihres gnädigen Herrn Hand gesetzt und gegeben«, verlas ihnen der Kanzler ihr Urteil. Thomas Wyns mußte 2000 Gulden noch über seine Lehen geben (Konrad Ryke und Peter Brakow hatten jeder 3000 zahlen müssen), der Hans Plumperdum 700, und mußte erlassen, was ihm der Markgraf schuldete. Der Hans Rathenow sollte auch 700 zahlen; aber das Leibgedinge von seiner Frau, das sollte er nicht zahlen, sondern sollte es aus seine Tochter übergehen. Und außerdem wurden sie, bis auf den Hans Rathenow, aus den vier Hauptstädten der Mark und Spandow verwiesen und sollten Berlin räumen zwischen hier und Martini. Und dann ward ihnen folgender Eid, wie den andern, vorgelesen, den sie schwören mußten:

»Wir schwören zu Gott und den Heiligen, nimmermehr zu ewigen Zeiten wider unsern gnädigen Herrn, Markgraf Friedrich, seine Erben und Nachkommen und die Herrschaft, weder mit Worten noch mit Werken zu sein, thun, schaffen, oder gestatten zu thun; Seine Gnaden, Erben und Nachkommen zu warnen, ob wir etwas hörten, vernähmen oder sähen, das mit Worten oder mit Werken wider seine Gnaden, seine Erben oder die Herrschaft sein mochte. Sie vielmehr das sonder Säumen wissen zu lassen, und Ihnen das also zu verkündigen, und damit seiner Gnaden, und deren Erben getreue, gehorsame, unterthänige Bürger sein und bleiben zu wollen; als uns Gott helfe und seine Heiligen.«

Thomas Wyns mit seinen Söhnen und Hans Plumperdum, die schickten sich an, sondern Zaudern zum Eide, Johannes Rathenow stand eine Weile sinnend. Dann trat er vor und sprach:

»Ich will den Eid schwören.« Des schien der Kanzler sich zu freuen, und als nun die drei, nachdem sie geschworen, abtreten wollten, winkte er dem Johannes und hieß ihn durch das Pförtlein in das Nebenzimmer treten. Aber als er vermeinte, der Kanzler habe ihm etwas zu sagen, so war er wieder fort und schloß die Thür hinter ihm zu. Da sich nun Johannes umsah in dem Zimmer, saß im Lehnstühl ein Herr darin, der halte ein Buch in der Hand und las. Und nach einer Weile blickte er auf und schaute ihn an. Das war der Kurfürst.

»Ei sieh, Johannes,« sprach er. »Was willst Du hier?« – »Gnädigster Herr,« antwortete der, sich verneigend, und trat einen Schritt zurück. »Euer Gnaden erdreist' ich mich zu fragen, was ich soll?« Da sah ihn wieder der Fürst eine Weile forschend an: »Es ist an der Ordnung daß der Übertreter zu seinem Herrn kommt, nicht daß der Herr zu dem Übertreter geht und ihn bittet. Du kommst, um zu bitten.« – »Darum ward ich nicht nach Spandow geladen.« – »Du hast nicht den Blockzaun aufrichten heißen,« fiel schnell der Herr ein, als habe er es nicht gehört. »Ich that, was an mir, da der Stadt Mauer gefallen, und der Feind drohte, daß in der Eil' geschafft würde, was uns schirmte gegen ihn.« – »Welcher Feind? Hattet Ihr mit den Polacken oder den Magdeburgern Fehde? Meine Ritter hatte ich doch gezähmt.« – »Gnädiger Herr, wir standen in Waffen für unsere Rechte. Und da hatten wir das Recht, alles zu thun, was zu unserm Frommen diente, denn im Kriege –« »Genug, genug!« unterbrach ihn der Herr. »Aber Du warst es nicht, der den Blockzaun stehen ließ, nachdem die Herren den Vertrag gemacht, ihn trotzig stehen ließ, mir zur Schmach, als ich ihnen hieß ihn forträumen?« – »Das war ich nicht, Herr. Denn mit dem Tage hörte ich auf, Bürgermeister zu sein und kam nicht mehr in den Rat, der nicht mehr ist.« – »Ich weiß es. Du bist verständiger als die starren, thörichten Trotzigen. Du hast den Eid geschworen, Johannes, ohne Zaudern, es freut mich.« – »Ich habe ihn geschworen,« seufzte der Rathenower. »Ich bin ein alter Mann und satt des Lebens. Mein Teil ist aus und sehne ich mich nach der Ruhe.« – »Wenn Du noch jung wärst, dann hättest Du nicht geschworen.« – »Ich weiß es nicht, Herr. Haltet mir's zu Gnaden. Das, was ist, ist schon so schwer, daß man oft kaum weiß, was das Rechte ist. Darum soll ein Mann sich das nicht schwerer machen und denken an all die »Wenn!« Das raubt uns viele Kraft, die wir zu Besserem brauchen mögen.« – »Das ist gut und klug gesprochen, Johannes. Ist des Mannes Pflicht, zumal in diesen bösen Zeiten, daß er die Dinge nimmt, als sie sind, und grad vor sich 'hinschaut, und thut dann das Rechte.«

Da stand der gnädige Markgraf auf und schritt einige Mal durch die Stube. Alsdann hub er wieder an: »Du warst es, Hans Rathenow, der nicht duldete, als sie schändlich meine Arche erbrochen, daß sie die Briefe öffentlich machten. Du hast meine Heimlichkeiten bewahrt. Das dank ich Dir und will es Dir nie vergessen. Darum will ich alles vergessen haben, was Du in Deinem Leben wider mich gethan. Es sollen versenkt sein Deine Thaten ins Meer, wie ich Euren Roland versenken ließ, der soll auch nie wieder auftauchen. Hörst Du's und bist Du zufrieden?« – »Herr! Nein!« Es kam aus tiefer Brust heraus. Der Kurfürst schaute ihn verwundert an. »Gnade mir Gott, Herr! Das dank' ich Euch nicht, daß ich vergessen soll, was ich mein Leblang that. Denn was wäre das Gnade, daß Ihr aus mir einen schlechten Mann macht, und ich glaubte, ich war ein guter Mann gewesen. Und ich glaubte mit Ehren mein Haupt in die Grube zu legen, und ich müßte mich schämen meiner grauen Haare. Nein, ich mag nicht vergessen, was ich that und sprach.«

»Auch daß Du ein Empörer warst gegen Deinen Landesherrn?«

»Ich war kein Empörer, gnädiger Herr.« – »Was Du thatest, ehe sie Dich auswiesen, ist Dir gestrichen. Ich weiß, böse Leute verredeten Dich. Du meintest es gut und handeltest als Du für recht hieltst. Nur der Schein war wider Dich. Und was Du gefehlt, das hast Du im Elend gebüßt. Aber Du kehrtest in die aufsässige Stadt zurück, Du stärktest sie in ihrer Aufsässigkeit, Du redetest gegen Deinen Markgrafen im Rate, Du waffnetest die Bürger, Du riefst Städte, Herren und Fürsten, daß sie das Schwert zögen wider mich, Du schnalltest selbst den Harnisch um und standest auf den Mauern gegen Deinen Landesherrn. War das keine Empörung?« – »Nein, Herr, das war meine Pflicht.« – »Bin ich Dein Herr?« – »Ihr wart mein Lehnsherr, weil ich Güter von Euch zu Lehen trug. Hab' ich die verwirkt, weil ich meiner Stadt treu war, so habt Ihr dem Vasallen die wieder genommen. Das Gericht hat entschieden, und wir sind quitt.« – »Und warst Du nicht mein Unterthan als dieses Landes Bürger?« – »Ich war Bürger meiner Stadt und meiner Stadt unterthan, als wie Ihr Landesherr wart, aber nicht Herr meiner Stadt.« – »Liegt Berlin etwa an der Donau am Reiche?«

»Die Stadt war sich selbst Herr und frei, als es geschrieben steht und versiegelt in alten Urkunden und die alten Markgrafen und Fürsten es anerkannt haben. Wir hatten Münze, Zoll und Niederlage und eigen Gericht; das alles und vieles nach war unser, wie unsere Häuser und Mauern und Thore. Die Landesherren hatten nichts als die Orbeede und die Heerfolge im Kriege. Weigerten wir Euch, was Eures Rechtes war? Wir gaben Euch alles, was Euer war und hüteten nur, was unser. Diese Freiheiten und uralten Gerechtsame, die griffet Ihr an, Herr, und die verteidigten wir. Wer war da im Rechte?«

»Die Rechte hattet Ihr erschlichen, diese Freiheiten abgedrängt den alten Fürsten in der Zeit ihrer Not. Ihr hattet an Euch genommen, was Euch nicht zukam, und Euch reich gemacht im allgemeinen Unglück. Die erlauchten Fürsten, so vor uns waren, haben Eure Städte gegründet, aber nicht, daß sie ihnen Trotz böten und nähmen, was ihres war, sondern daß sie die Waffenplätze und Handelsplätze wären, ihnen offen zu jeder Zeit und unterthan. Ihr hattet Euch angeeignet wie schlechte Verwalter das Gut Eurer Herren und für Euch gesorgt, derweil das ganze Land litt. Darum ist's der Fürsten Pflicht, daß sie wieder herstellen, was zu alters recht war.«

»Ich habe noch immer gehört, gnädigster Herr, daß das Land reich sei, dessen Städte reich sind, und daß kein Land leidet, so es den Städten wohl geht. Auch erschlichen wir's nicht, was wir besaßen. Freiwillig haben die alten Fürsten es uns geschenkt, oder unsere Väter erkauften's mit ihrem guten Gelde, und wer giebt das ihren Enkeln zurück! Aber wir wollen's nicht zurück, denn welcher Kaufmann kann den Käufer zwingen, daß er ihm nach Jahren die Ware wiedergebe, oder der Handel sei denn geschlossen auf Wiederkauf. Aber das ist eitel Wortstreit. Wir besaßen's, Herr, durch hundert, durch zweihundert Jahre, ruhig, unangefochten. Das ist unser Recht, das nehmt Ihr uns.«

»Du starrer Mann,« sagte der Fürst und setzte sich wieder, »soll ich Dir meinen Rat, den Olearius, senden, daß er Dir nach römischem Rechte beweist, wie die Rechte, die Ihr Euch anmaßtet, und der Landesherren ursprünglich waren, nimmer verjähren?« – »Herr, es wär' umsonst, ich verstehe nicht römisch.« – »Ist mir auch lieber, daß ich deutsch mit Dir rede.«

»Gnädigster Herr,« sprach der Johannes, »so man in den Rechtsstreiten zurückgehen will auf das, was gewesen ist und einmal war, dann steht nichts zu Rechte fest. Was ist mein eigen, und was Euer? Die Wenden waren vor uns Herren hier und sagen auch, wir besäßen mit Unrecht ihren Boden. Wo ist das Gericht, das sie hört? Es gäbe eitel Irrnis und Wirrnis in der Welt, so man das Vordem aufsuchen wollte. Daß wir feststehen bleiben, müssen wir uns halten an dem, was ist. Das ist das Recht.«

»Du Trotzkopf,« sprach der Herr, »so alles stehen bliebe, als es ist, was würde draus für die Zeit, die kommt! Es hat jedweder das Recht und die Pflicht, zu wirken für seine Kinder. Denn der Kinder werden immer mehr; aber wenn der Stock derselbe bliebe, wovon sollten die leben! Als nun ein jeglicher Mensch schaffen soll und erwerben für seine Nachkommen, daß die nicht verhungern, also hat der Landesherr noch viel größere Sorge, denn alle im Lande sind seine Kinder, und ihrer werden mit jedem Jahre mehr. Und er muß sich umschauen und suchen, daß neues Feld urbar werde für den Anwuchs, daß mehr Korn wachse, als es ist, und der Handel mehr Wege finde, um den Überfluß hinauszuschaffen, und was mangelt, ins Land zu ziehen. Der Fürsten Sorge ist eine große, und dafür steht er vor Gott und muß Rechenschaft geben. Und deshalb muß er zusehen, daß der einzelne sich nicht abschließe und die Straße verlagere, den Fluß dämme oder die Felder mit Mauern umschließe. Nein, es muß der einzelne mitschaffen für das Gemeine. Sonst ist er ein faules Glied, und man stößt ihn aus. Ihr Städte, wie Ihr seid, wart solche faule Glieder, die nur an sich dachten und Regen und Segen einsaugten wie ein Schwamm, und das Land verdürstete. Das kümmerte Euch nicht. Mich aber kümmert's. Ich bin der Landesherr. Und das ist mein Recht, daß ich sorge, daß allen Recht widerfahre, nicht einem.«

Johannes Rathenow schwieg eine Weil': »Wo steht das Recht geschrieben, Herr? Ich hab's in keinen Statuten gelesen.«

Da sprang der Markgraf auf: »Das steht geschrieben am blauen Himmelsbogen, das steht geschrieben in den Sternen, das steht geschrieben in meiner Brust. Das ist ewig Fürstenrecht.« – »Meine Augen sind zu schwach, Herr, um die Schrift in den Sternen zu lesen. Ich kenne nur das Recht, das in den Satzungen steht und alte Leute wissen, und was die Schöffen finden können, wenn sie auf der Bank sitzen.« – »Das nennst Du ein ewig Recht?« – »Zu Rechte, Herr, ja. Außer dem Rechte geschieht mancherlei. Da schlägt der Starke den Schwachen nieder. Aber Gewalt wird nimmer Recht.«

»Meinst Du! Ich sage umgekehrt. So wir die Historien der Welt umschlagen, da sind alle Reiche und alles Recht erwachsen nur und allein aus der Gewalt. So nahm Philippus und Alexander Magnus Asiam und Griechenland, Julius Cäsar das Römerreich, und Carolus Magnus das deutsche Land. Vor keiner Schöppenbank hätten sie zu Recht bestanden, aber ihr Recht bestand vor Gott, der ließ es zu; und was Gewalt war, das wurde Recht, und der Cäsar ward ein Kaiser, und des Kaisers Recht, danach wird noch heut gerichtet alle Welt. – Trau mir, Johannes. Dein Recht ist ein klein Recht, das ist gut in kleinen Dingen. Aber es giebt ein größer Recht. Und wenn die zusammenkommen, davor muß es sich beugen; das ist Gottes Wille. Kein Kluger kann es leugnen. Und dieses großen Rechts Vertreter sind wir, die Fürsten, denen Gott ein groß Auge gab. Gleichwie der Gärtner in einem großen Garten zuschauen muß, daß alles, was da ist, lebt und blüht und Früchte trägt, und er schlägt ab die dürren Äste und reutet aus die vertrockneten Pflanzen. So auch wir. Die könnten auch sprechen: wir wurden einmal gepflanzt, und grünten und blühten so lange, nun haben wir ein Recht, stehen zu bleiben, wie die andern. Mit nichten. Denn Ihr nehmt denen, die noch blühen, den Platz. Und die jungen Schößlinge haben mehr Recht als Ihr. – Nun, Johannes, hat der Gärtner recht?«

»Mein hoher, gnädiger Herr, der Gärtner mag recht haben vor dem Herrn, der ihn gesetzt über den Garten. Aber die Staude, die trocknet, hat auch ein Recht. Sie hat nur kein Gericht, davor sie klagt. Was fragt Ihr mich! Ich bin auch trocken und welk wie die Pflanze, die nicht mehr grünet und nicht mehr blüht, und keine Früchte mehr trägt.«

»Johannes!« sprach der Herr in gütigem Tone und lehnte sich an den Tisch und unterschlug die Arme. »Du bist ein rechtschaffener Mann und ein guter Bürger Deiner Stadt, und liebst Dein Vaterland. Du hast eine Tochter, weiß ich, ein trefflich Mägdelein, und einem wackern Ritter willst Du nun ihre Hand schenken. Wie, Alter, willst Du nicht leben in dem Glücke derer, die nach Dir kommen? Möchtest sie in eine Wüste aussetzen? Und sind diese Marken mehr als eine Wüste? Zähle die Dörfer, die ehedem waren und itzt wüst sind. Die Sümpfe, die Heiden, die Seen, die lachende Kornfelder würden, so fleißige Hände sie umwürfen. Verfolge die Landstraßen, wo Du sicher ziehen kannst, und zähle dann die Banden, die in den Winkeln lagern. Mein Vater that viel, ich that etwas, meine Nachkommen werden noch weit mehr thun müssen. Aber hätten wir tausend Arme, wir mögen's nicht zwingen, wenn das Land uns nicht vertraut und beisteht. – Dies Land kann schön und mächtig werden, als es war in der Vorzeit; aber so jeder einzeln dasteht und sein Thor schließt und auf sein klein Recht pocht, wo soll dann Gemeinsames geschehen? Nur da wird Großes geschafft und gewirkt in die Zukunft, wo der Einzelmann sich bescheidet und freiwillig hingiebt, was sein ist, zum gemeinen Besten. Sieh, ich will das Land wieder mächtig machen, was itzt verachtet ist, will, daß blühen sollen die Städte und die Dörfer, die Schlösser und die Klöster, die Zucht und die Ordnung. Ich will ihm den Frieden schenken von außen und von innen, daß der Pole erschrecke und der Magdeburger sich scheue vor dem märkischen Arm. Ich will, daß jeder Wanderer so ruhig des Weges ziehe durch den dichtesten Wald als durch Eure breiten Straßen, und der Büdner in der Hütte sein Haupt so ruhig niederlege als der Graf zu Ruppin in seinem getürmten Schlosse. Darum warf mein erlauchter Vater den Adel nieder, darum muß ich den Trotz der Städte bändigen, die ich liebe. Du bist ein redlicher Mann, Johannes; möchtest Du nicht auch die Marken glücklich sehen?«

»Wenn ich schöne Wolken sehe am Abendhimmel, dann freut sich mein Herz; aber ich kehre doch lieber zu Nacht unter mein niedrig Dach. Die Wolken treibt der Wind weg, oder sie werden Regen. Das Dach, weiß ich, was es hält, meine Väter bauten es.« Unmutig ging der Herr wieder einige Male auf und ab. Dann sprach er: »Johannes, ich meine es gut; aber ich bedarf guter Männer, die mir helfen. Bei Gott, ich stehe sehr einsam hier. Wem ich trauen kann, der faßt es nicht, und wer es faßt, dem kann ich nicht trauen. Ich habe Dich nicht ausgewiesen aus den Städten, wie die andern. Du wirst bleiben, und wenn Du treu des Eides gedenkst, den Du schwurst, wirst Du der Städte Bestes und Deines Markgrafen Bestes zu thun wissen.« Johannes Rathenow richtete sich auf und sah scharf den Herrn an. »Werdet Ihr, gnädigster Herr, unsere Statuten bestätigen und in Eurer Gnade unter unsere Briefe Euer Siegel hängen?« – »Nein!« rief der Kurfürst, und sein Auge leuchtete auf, »Ich werde in meinem Zorn die Siegel abreißen von Euren Briefen, zum Zeichen des, daß Eure Rechte verwirkt sind. Von Eurer Unterwürfigkeit wird es abhängen, welche Rechte ich Euch fürder aus dem Born meiner Gnade schenke.« Da neigte sich Johannes tief und sagte dann: »Befiehlt Eure Gnaden noch etwas?« – »Du willst nicht mein Freund sein, Johannes? – Mein Feind sein, willst Du auch nicht. Du hast es geschworen. Was willst Du dann?« – »Den Wanderstab nehmen, Herr, den Rücken kehren meiner Stadt, die frei war, und im Ausland einen Ort mir suchen, wo ich frei sterben kann. Mein Rücken ist zu alt, um sich zu krümmen. Johannes Rathenow, der siebenzig Jahr ein freier Bürger war, kann nicht ein Jahr leben als ein unterthäniger Mann einem Fürsten.« – »Halsstarriger Thor, wenn ich Dir den Auszug verweigere!«

»Des habt Ihr kein Recht, Herr. Das Lehensband zwischen mir und Euch habt Ihr aufgehoben. Ich bin nicht an die Scholle geschrieben, ich bin ein freier deutscher Mann, Sohn so freier deutscher Männer in den sächsischen Wäldern, als Eure Väter es waren in den fränkischen Bergen.« – »Und wem frommt Dein Trotz? Deine Kinder –« »Die werden bleiben. Sie mögen mit Euch ihren Frieden schließen.« – »Und was nimmst Du mit in die Verbannung?«

»Mein Recht, Herr!«

Und da nun der Kanzler, Herr Friedrich Sesselmann, den gnädigen Kurfürsten fragte: »Aber wen werden nun Euer Gnaden zum Bürgermeister in Berlin bestellen?« antwortete der: »Den Baltzer Boytin.« Da erschrak der Kanzler sichtlich: »Den schlechten Mann! Gnädigster Herr, das ist nicht gut.« – »Freilich ist's nicht gut. Aber wo die guten Männer uns verlassen, müssen wir die schlechten brauchen. Das ist ein Fluch der Fürsten.«

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