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Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 15
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
correctorreuters@abc.de
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Fünfzehntes Kapitel.

Das waren graue Tage, die nun kamen. Ein recht herzhaftes Unglück, da weiß man, was man hat. Aber wenn es so angeschlichen kommt, langsam, morgen das und übermorgen jenes, und man sieht's voraus und hofft doch noch, das zehrt die Kräfte auf. Wär' der Kurfürst durch die Mauern gebrochen, mit schmetternden Trompeten, mit klingendem Stahl, da wüßte jeder, was er zu erwarten hat. Es heißt von uralters durch die Weltgeschichte: »Wehe dem Besiegten!«

Aber so war es nicht. Sie waren nicht besiegt, aber sie konnten sich nicht mehr halten. Da waren am grauen Morgen, als sie das eine Geschütz drüber zogen, die Bohlen der langen Brücke gebrochen. Der Wagen, der Melchiors Leiche nach Köln trug, mußte in Berlin warten, bis die Zimmerer sie wiederhergestellt. Da sprach einer zum andern: »Die hat zum längsten gehalten. Es geht zum Ende.« Die von Berlin murrten auf die von Köln, daß sie sich gestern verschanzt, als die Gesellen des Hauptmanns in Berlin tobten. Die von Köln gaben's ihnen wieder. Es war Mißtrauen hüben und drüben. Sie hatten den Köpkin und seine Bande, die gestern mit Feuerbränden ausgezogen war, – Gott hatte es noch gnädiglich gewendet! – ins hohe Haus am grauen Kloster getrieben. Dort ward er belagert; denn anders kann man's doch nicht heißen, so die Bürger, mit Spießen und Schwertern, umherlagen und keinen 'raus ließen und keinen 'rein. Da ward in den Stuben geflucht und geredet. Da müsse ja das Gemeinwesen untergehen, wenn man den Feind in den Mauern hätte. Was nütze der Rat einer Stadt, so er solche Bundesgenossen ihr werbe, die man bewachen müsse, daß sie nicht ausbrächen. Sie hätten alle den Kopf verloren, und es müsse anders werden. Die Weiber schrieen, was denn draus werden solle? So die Männer Wache stehen müßten Tag und Nacht, auf den Mauern und in der Stadt, wann sollten sie verdienen? Auf dem Markte ward es auch teuer. Wo ein Herr zum Rate ging, dem schrieen sie nach und liefen ihm nach. Es war gar nichts Angenehmes, was sie ihm sagten; er konnte ihnen auch nichts Angenehmes sagen.

Und das war die traurigste Ratssitzung. Es waren wenige zugegen, und wenig ward gesprochen. Es schien alles schon abgemacht. In der Nacht war auch Niklas Perwenitz gekommen und andere Herren aus Frankfurt, Prenzlow, Spandow, ja noch fürnehmere Herren. Und obwohl die Botschaft des gnädigen Herrn erst im Rate sollte fürgetragen werden, sie wußten sie doch alle schon, als sie in den Rat gingen. Keiner stieg drum so traurigen Herzens die Stufen hinauf als Johannes Rathenow. Ihm zur Seite ging Peter Brakow. »Wenn der Bartholomeus nicht kommt, an wem soll ich mich dann halten!« sprach er traurig, »Ist seit gestern ein ganz anderer Mann worden,« sagte Herr Brakow, »sitzt im Winkel und weint und fragt vor sich hin, wozu er denn so reich worden und seine Väter gespart? Ist herzzerreißend, Herr Johannes, ihn so sprechen zu hören.« – »Dann sollt er kommen und sprechen als ein Mann. Hat er den Sohn verloren, die Stadt ist ihm blieben.« Herr Brakow zuckte die Achseln: »Er denkt nur an die ewige Lampe, die er stiften will. Und ist seine ganze Angst, daß der Markgraf die Schenkung bestätige.« Faktum. Sie brannte bis zur Reformationszeit. – »Der Kurfürst?« – »Er hat noch diese Nacht einen Boten an den Kanzler gesandt, mit einem reichen Geschenk, daß er für ihn ein gut Wort einlege, und die Stiftungsurkund' läßt er itzt aufsetzen. Er hat für nichts Sinn als dafür. Alle seine Renten und das Gerichtslehn in Bukow bestimmt er dafür.« – »Den Handel wird der Kurfürst wohl abschließen,« brummte Herr Johannes. »Köln für eine ewige Lampe! So sie die Besten verraten, was bleibt an einer Sach'!«

Nun haben die Chroniken wenig verzeichnet von der Ratssitzung, der letzten der vereinigten Städte Berlin und Köln! Nur als man den Ritter, den der Kurfürst gesandt, hereinlassen wollte und die Herren, die mit ihm gekommen und nach ihm in derselben Sache, trat der Bürgermeister auf und sprach: »Das ist noch nicht in der Ordnung, Ihr Herren. Und als lang ich Euer Ältermann bin, will ich halten an der Ordnung, an der unsere Väter hielten. Es ist vorerst verzeichnet für heut das Statut, so wir auf Antrag des Schuhmachergewerkes zu dessen Gunst erlassen wollen, anlangend die zu Markt gebrachten Felle.«

Das dünkte einigen unrecht, daß das Unbedeutende sollte vorangehen dem Hochwichtigen. Andere aber billigten es. Und die Schuhmacher beider Städte können es dem Johannes Rathenow in alle Ewigkeit danken, denn nun ist's das letzte Gesetz gewesen, das der Rat beider Städte erließ, was ihnen solche Rechte gab, und wer weiß, ob's nachmalen in den beiden Räten durchgegangen wäre. Nämlich daß, was zu Markte gebracht werde in beiden Städten, so an Rinder-, Kalb- als Ziegenfellen, weder ein Bürger aufkaufen dürfe, noch ein Fremder, vielmehr dies nur den Schuhmachern von der Gilde freistehen solle.

Konrad Ryke sprach dagegen; denn hätten die Schuhmacher schon zu viel Vorrechte, und sprach viel Gutes und Weises, daß man einen Stand nicht begünstigen müsse zum Nachteil der andern. Johannes Rathenow verteidigte es, denn es sei vordem so gehalten gewesen, wenn es auch nicht niedergeschrieben ward. Und er sprach noch kräftiger für die alten Rechte; denn so man nicht an dem festhalte, was zu Recht bestehe, woran solle man sich denn halten. Da ging es durch, einstimmig, gegen Konrad Ryke. Doch setzte der's darauf durch, daß die Hammel-, Schaf- und Schweinefelle jeder andere kaufen könne. Das Statut vom 8. April 1448.

Und kommt das wohl auch anderswo vor. So etwas Wichtiges uns bevorsteht und es drückt die Brust, da möchte keiner davon anfangen. Sie sprechen Alltägliches und machen viel Worte, um es hinzuziehen, aber der Sinn ist nicht dabei. Endlich aber muß es doch hervor. – –

*

»Muß es denn sein!« rief Herr Johannes Rathenow und stand auf, nachdem die Herren, die der Markgraf gesandt und etliche andere, die aus gutem Willen gekommen, wieder abgetreten waren; und er faltete die Hände und hob sie dann gegen das Gesicht. Tile von Bruck sammelte die Stimmen.

Konrad Ryke faßte des Johannes Arm, und leis, mit klanglosem Tone sagte er ihm: »Es muß sein, Johannes.« – »Alle einstimmig?« – »Einstimmig!« erwiderte Konrad. »Also auch Konrad Ryke?« – »Wenn der Baum bricht, kann sich der Ast halten?«

Da wurden die Herren wieder gebeten, hereinzukommen. Es waren hohe Abgesandte und gute Freunde. Außer den Bürgermeistern und Ratleuten der Städte Brandenburg, Frankfurt und Prenzlow, auch der hochwürdige Bischof Stephan von Brandenburg, Fürst Adolf zu Anhalt, Graf Albrecht zu Lindow und Herr von Ruppin und der Meister des Johanniterordens Nickel Tirbach.

Die sprachen noch viel mit dem und jenem und redeten freundlich zu, daß der Markgraf ihnen ein gnädiger Herr sein werde, so sie nun nicht mehr zögerten, seinen Willen zu thun, sondern was sie versäumt, desto mehr beeilten.

Niklas Perwenitz, der gab ihnen guten Rat als ein Nachbar. Aber sie hörten auf ihn am wenigsten; er hatte ihr Vertrauen verloren von wegen des Schloßbaues, und sie dachten nicht anders, als er warte nur darauf, daß er wieder zum neuen Bau liefern könne. Viele gaben ihm auch spitze Reden, und er mußte schweigen. Der Fürst von Anhalt sprach ihnen von der alten Zeit, als seine Vettern über die Marken geherrscht; nun aber sei es anders, und jedweder müsse sich in die Zeit fügen. Das sagte ihnen auch der Bischof von Brandenburg. Die Herren aber meinten, das könnten sie sich auch selber sagen. Nickel Tirbach, der Ordensmeister, brachte auch eben nichts Tröstliches vor, aber es war doch gut gemeint: »Alle Dinge in der Welt,« sagte er, »so geistliche als weltliche, haben ihren Anfang und ihr Ende. Seht 'mal den schönen Tempelhof draußen überm Berge. Vordem hatten ihn die Heiden, und da einen Tempel ihrer Götzen. Dann, als unsere Väter sie austrieben, bauten die Tempelherren ihr Schloß dort. Nun sind's schon hundert Jahr her, daß sie auch ausgetrieben wurden, und anderwärts wurden sie totgeschlagen und verbrannt. Da bekamen wir Johanniter ihre Länder und Höfe. Wir haben den Tempelhof und die Güter an Euch vom Rat verkauft, das sind nun auch schon viele Jahre her. Und itzt hat Euch der Kurfürst den Tempelhof und die Güter genommen. Seht, so muß sich alles in der Welt wandeln. Aber Ihr sollt ihn wieder zurück haben, so Ihr thut, was er will, und Euch ruhig dem Gericht unterwerfet, so er Euch setzt.«

Es dauerte noch manche Tage, ehe die Urkund' aufgesetzt wurde, von seiten der Herren, darin sie sagen, »daß sie den Kurfürsten mit den Einwohnern und Bürgern beider Städte, wegen des Unwillens, welcher sich zwischen ihnen an beiden Seiten erhoben hatte, ausgesöhnt und verglichen hätten.« Beim Unterschreiben machten sie noch hunderterlei Einwendungen, und zwei unterschrieben gar nicht. Das waren Johannes Rathenow und Konrad Ryke. Jener, der hatte den Bürgermeisterstuhl schon in der Sitzung mit einer Decke überhängt und war hinausgeschlichen; er wollte nicht mehr aufs Rathaus kommen.

Als sie zu Spandow am Hofe die Urkund' bekamen, verwunderten sie sich selbst darob. Der Markgraf hatte es nicht erwartet. Er kannte die stolzen Herren. »Die haben aufgehört, stolz zu sein,« sagte ihm der Ritter Busso, der wieder freigelassen war mit den andern. »Seit sie haben tanzen müssen mit einer ausgetriebenen Dirne, ist ihr Stolz gebrochen. Das hat's allein gemacht, gnädigster Herr, daß sie so schnell zu Kreuz kriechen!«

»Die Wege des Herrn sind wunderbar!« sprach der Kurfürst; die gnädige Kurfürstin aber war sehr ungehalten und fand das Spiel abscheulich: »Wird der Köpkin für den Frevel nicht gestraft? Was die Männer auch gegen Dich versündigt, was haben die ehrbaren Frauen und Mägdlein verschuldet, daß sie ihnen solch unerhörten Schimpf anthun?« – »Ach, lieber Gott,« sprach der Herr zu seinem edlen Gemahl, »so der Fürst alles züchtigen müßte, was wider Zucht ist in diesem Land, da müßte der hundert Arme haben, und sie reichen nicht. Frage Du die Ritter, die dabei waren. An ihnen ist's, den Schimpf zu rächen, der sittigen Frauen angethan wird.«

Die gnädige Kurfürstin wandte sich an den Ritter Busso: »Ihr war't dabei, Herr Busso?« – »Nur als Gefangener, gnädigste Frau. Hätte ich ein Schwert gehabt und gewußt, daß die Bürgerfrauen in so hohem Schutze stehen, mein Herzblut hätt' ich gern vergossen.« Die gnädige Kurfürstin wandte ihm den Rücken. Sie meinte, auch ohne Schwert sei es eines Ritters Pflicht, die Ehre der Frauen zu verteidigen. In ihrem Kämmerlein strich sie des Busso Namen aus, der auf der Tafel stand unter denen, welche zu dem Schwanenorden gezeichnet waren.

Der Köpkin Zarnekow ward dazumalen auch nicht gestraft; denn die von Berlin mußten noch froh sein, als er mit seinen Gesellen nach langem Verhandeln abzog. Es wär' des Argen zu viel gewesen, so sie ihn auch noch hätten belagern müssen. Man gab ihm noch ein gut Stück Geld auf den Weg. So schlimm stand es mit dem Gemeinwesen. Und doch, da es nun so weit gekommen, wenn sie nun nur nachgegeben und gutem Rat gefolgt wären. Die Gefangenen hatten sie losgegeben, und der Kurfürst seine auch; item gab er ihnen die Ratsdörfer wieder. Aber sonst ließen sie's an sich kommen. Aber so sind die Menschen. Da gaben sie alles hin, auf einen Schlag ihre Rechte, als es wohl an der Zeit gewesen, sich zu verteidigen oder gute Bedingungen zu erzwingen. Da hatte keiner Einwendungen gemacht. Aber nun, da es geschehen und zu spät war, da hielten sie wie die kleinen Kinder an dem und jenem fest und wollten's nicht loslassen, bis man's ihnen nahm. So sind wir verzagt und trotzig und wissen uns allzumal nicht in die Zeit zu schicken. Hätten sie itzt freiwillig den Blockzaun abgerissen, der ihnen doch nichts mehr nützte und nur zum Schimpf dem Markgrafen da stand und hätten Steine wieder anfahren lassen und Holz zum Schloßbau, daß der Fürst es gefunden, als wie er's verließ, das hätte gut Blut bei ihm gemacht. Nein, Gott bewahre, sie ließen den Blockzaun stehen und freuten sich wohl noch recht kindisch, und den Markgrafen mußt' es erbosen. Sie stritten sich lieber, die Familien, untereinander darum, wem die Salome die Hand gegeben und zugenickt; und eine schob es der andern zu. Ja, sie beratschlagten, ob der arme Herr Trebuß, der mit einer gestäupten Dirne getanzt, noch fürder in ihre Gesellschaften kommen dürfe?

Sollte man doch meinen, wenn es einer Stadt schlimm geht, und der Feind von außen droht, daß die Bürger drinnen zusammenhielten. Das Rohr neigt und schmiegt sich zusammen, wenn der Sturm tobt; und wo die Wölfe heulen, stecken die Rosse ihre Köpfe ineinander. Aber das Unglück trennt nur zu oft die, so es leichter tragen könnten, wenn sie sich die Hände böten. Wir haben's gelesen von Jerusalem und in alten Historien noch von mancher andern Stadt, wie die Parteien noch gegeneinander gewütet, während die Mauerbrecher dröhnten. Die Köpfe schlugen sie sich freilich nicht ein in Berlin und Köln, noch vergifteten sie die Brunnen, aber ihre Reden waren giftig. Da wollte einer es dem andern in die Schuhe schieben, das Unglück, was über alle gekommen, und sah jeder den Splitter in des Nächsten Aug', aber den Balken sah er nicht in seinem. Die Gemeinen schrieen ärger denn je: »warum haben wir's nun nicht so gelassen, wie es der Markgraf Anno 42 eingerichtet? Was half uns all unser Geld, Arbeit und Blut, es wird itzt ebenso und noch schlimmer! Unsere Güter draußen behält er, das Schloß läßt er bauen und nimmt uns das Rathaus auf der langen Brücke, das Gericht, die Mühlen, den Zoll und die Niederlage!« und die Litanei war damit lange noch nicht zu Ende. Die Patricier hätten wohl noch mehr klagen können. Sie verloren nicht allein das Regiment: sie waren nach Spandow geladen Mann für Mann, daß sie ihre Lehen der Herrschaft zurückgäben, die das Gericht für verwirkt erklärt, und Strafsummen zahlten. Aber doch klagten sie einer gegen den andern und Familien gegen Familien und verredeten sich und sahen sich nicht an.

Was bei den Schumms gegen die Rathenows gesprochen wurde, das mag ich gar nicht wieder erzählen. Der Bartholomeus wollte den Johannes nicht mehr sehen, die Eva kochte auf, wenn sie den Namen hörte, und selbst der gute Herr Peter Brakow grüßte den Johannes kaum, so er ihm begegnete. Und das hatten alles böse Zungen angerichtet, weil der Henning Mollner wieder in das Rathenowsche Haus kam. Da sollte das alles schon längst abgekartet gewesen sein: daß er erschienen bei der Trauung, daß die Elsbeth in Ohnmacht fiel; es fehlte nur, daß der Henning auch hinter dem Köpkin gesteckt, als der den Melchior schlug. Auch die Besonnenen wollten es nicht gut heißen, daß, die noch kaum Braut des Melchior war, wenn sie ihn auch ungern nahm, den Henning schon wieder freundlich ansah. Der Johannes war zu stolz, als daß er sich verteidigte; in ihm war ein anderer, tieferer Gram, und er grollte den Schumms, daß sie ihn damals verließen in der Ratssitzung.

Da dröhnten eines Abends vom Spandower Thor her dumpfe Trommeln; es zogen markgräfliche Scharen ein, und alles lief zu sehen, was es bedeute, denn die Thore waren schon längst von der Herrschaft besetzt. Herr Johannes trat aus seiner Kammer ins Zimmer vorn, um zum Fenster hinauszuschauen. Da fand er seine Tochter Elsbeth, und der Ritter Henning saß neben ihr auf einem Stuhl. Er hielt ihre Hand, und sie ließ sie ihm. Wohl schien's, als sie den Vater sahen, als erschreckten beide und wollten die Hand zurückziehen. Aber nein, die Hände verschlangen sich inniger, und beide sahen ihn an. Das war ein schöner Blick. Wenn man solchen Blick festhalten könnte! Und in beider Aug' stand dasselbe geschrieben. Und der Vater verstand es. Auch sein Blick war herzlich, aber so tief schmerzlich zugleich. Da streckte er die Hand aus und wehrte sie ab: »Meine lieben Kinder!« – »Vater!« riefen sie.

»Daß ein alter Mann, der alles verlor, doch noch die Kraft hat, andern weh zu thun. Der nichts mehr hat, andern noch verweigern kann ihr Glück. Das ist höchst wunderbar und traurig auch. Nicht wahr? Es ist nun so, Kinder. Zürne mir nur, junger Herr! Du hast recht. Es war unrecht von mir, daß ich Deine Hoffnungen nährte. – O, still, lieber Henning, was Du sagen kannst, sag' ich mir selbst. Du hast Dich wert gemacht, die Tochter der Rathenows heimzuführen. Vielleicht. Es geht seltsam in der Welt zu. Sie machen Edelleute, sonst wurden sie nur geboren. Mögen sie alles neu machen und umkehren. Sie haben's zu tragen, nicht wir, die wir der Grube zueilen. – Aber, nun ja, es geht doch nicht, itzt nicht.«

»O, teurer Herr und lieber Vater!« sprach der junge Ritter. »Ihr sagt mir, daß ich wert sei der holden Elsbeth. Dank, tausend Dank Euch! Mehr nicht heut; das andere laßt der Zeit. Über das Gedächtnis des toten Bräutigams muß erst Gras wachsen – aber dann sprossen aus dem Grase Blumen – und Kränze –« Der Alte schüttelte den Kopf. Er wies auf die Schwelle: »Johannes Rathenow brach nimmer sein Wort. Hier, entsinnst Du Dich, als Du damals flohest, gab ich es: Eh' nicht der Roland von seinem Stein springt und durch die Stadt spaziert – Lieber, armer Junge, 's ist mein Wort. Ich habe nichts mehr, bin ein armer Mann: mein Wort ist schwer, das kann kein Markgraf, kein Kaiser, keine Folter fortheben.« – »Vater!« rief Elsbeth und faßte seine Hand und bedeckte sie mit heißen Küssen. »Geduldet Euch, Kinder! Wenn der Stein über Deines Vaters Haupte drückt, dann liegt auch sein Wort mit ihm begraben.«

»Brauchen sich nicht so lange zu gedulden,« rief die Stimme der alten Gertraud. Sie hastete mit fast wilden Blicken nach dem Fenster und riß es auf. Ein heller Fackelzug leuchtete herein, und dumpfes Gemurmel und viele Tritte schallten herein. Als sie hinantraten, da dröhnten schon andere Klänge. »Was ist das?« rief Henning. »Der Zorn des Markgrafen!« sprach der Bürgermeister und hüllte sich in seinen Mantel. Er sprach kein Wort heut mehr. Er schaute ruhig dem Werke zu.

Da blinkten beim Fackelschein Spieße, Helme und gewaltige Äxte, und sie hämmerten an dem steinernen Roland.

»Im Namen des Markgrafen, unsers allergnädigsten Herrn, des Kurfürsten Friedrich des Andern!« rief ein Herold zur versammelten Menge, als da die versammelten Gesichter sich anschauten und ein dumpfes Gemurmel umging. »In seinem Namen nehmen wir diesen Roland hinweg, als welcher das Sinnbild war des obersten Gerichts und Blutbanns, so dieser Stadt zustand, und von nun an steht er ihr nicht mehr zu; also soll auch dieses Bild, hinführo nicht mehr stehn. Das ist sein Wille.«

Und da er stürzte nach nicht vielen Schlägen, denn er war sehr verwittert, zuckte es durch die Luft wie dumpfes Schmerzgeheul. Nur eine Stimme jauchzte. Dann ward es totenstill. Die so laut aufjauchzte, war die alte Gertraud am Fenster der Rathenows. Ihr verargte es niemand, denn sie war halb irr, seit die Herren ihren Mann, den Martinus Wardenberg, auf dem neuen Markte um Friedensbruch an der Stadt richten lassen. Seitdem verkündete sie es jedem, der es hören wollte, daß der Roland fallen würde und die Stadt ihren Blutbann verlieren. Und so geschah es. Sie hat wunderliche Worte gesprochen und verfiel darauf in ein stilles Fieber. Tages darauf ist sie gestorben, und es gönnte ihr jeder die ewige Ruh.

Den Roland luden sie auf eine Schleife und zogen ihn bei Fackelschein durch die Gassen nach der langen Brücke, und hier stießen sie ihn übers Geländer in die Spree.

Seitdem hat kein Roland in Berlin gestanden. Selbst die Bürger haben's vergessen, daß einer hier jemals stand, und man hat's nun gefunden in den Urkunden. Das aber, daß er ihn abhauen und in die Spree werfen ließ, that der Kurfürst um deswillen, weil sie den Blockzaun nicht abgebrochen aus eitlem Trotz und ihm zum Schimpf. In andern Städten, denen er auch den Blutbann nahm, ließ er den steinernen Mann stehn, zum Zeichen dessen, was die Städte sonst waren. So steht er noch heut in Brandenburg vorm Rathaus.

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