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Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 14
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
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Vierzehntes Kapitel.

»Freilich ist keine Zeit zu eitlem Gepränge und Banketten,« sprach der Vater, »denn es ist schlimme Zeit. Aber so die Wasser die Teiche durchbrechen, da klammern wir uns auch an ein schwaches Brett, und wer ertrinken muß, der hält sich an einem Weidenzweig, so er ihn auch mit sich reißt.«

»Ist so schlimm die Zeit?« sagte die Jungfrau, und ihr stattlich Festkleid und der Schmuck, den sie um den Hals trug, schickte sich wenig zu dem blassen Antlitz und der Thräne, die immer wieder aus den Wimpern vorquoll, was sie auch Mühe sich nahm, sie fortzuwischen. So saß sie da, ihr Blick auf die Dielen, ein Bild der Trauer.

»Sie ist schlimmer, als wir uns denken mögen. Wir sind schwach in den Mauern, und der Markgraf wird stärker jeden Tag. Unsere Dörfer hat er besetzt. Unsere Einkünfte bleiben aus, die Zufuhr zu Land und Wasser schneidet er ab. Das möchten wir ertragen und Mut schöpfen, denn im Kriege ist Wechsel, und dem Unverzagten kommt das Glück unverhofft. Aber die Uneinigkeit ist wieder groß bei uns. Was murren und grollen nicht wieder die Gemeinen, was streiten nicht die Zünfte, was werfen sie uns nicht vor und schreien ins Rathaus hinein. Und wäre es das nur! Nun aber ist auch den Geschlechtern schon das Feuer gekühlt. Der und jener sitzt da und brummt im Rat, daß seine Güter und Höfe besetzt sind und gebrandschatzt werden vom Markgrafen. Sie murren, daß sie geben sollen, und nähmen doch nichts ein. Da erwacht wieder der alte Neid der Familien. Da messen sie aus der Goldwage, was jede gethan und jede verloren. Und Du darfst nichts vorbringen zum gemeinen Besten, sie munkeln doch, Du hättest für Dich andere Absichten.« – »Vater, das wird anders werden. Ich werde des Melchior Frau. O, ich bin wieder gesund.« – »Itzt drängt uns andere Sorge, mein Kind. Es giebt Näheres, was uns drückt. Wir sind nicht mehr frei, wir sind Gefangene in unserer eigenen Stadt. Der Übermut des Köpkin nimmt mit jedem Tage zu. Er sitzt als ein Gewalthaber und Vogt dort im hohen Hause, er kommandiert aus den Mauern, an den Thoren, in den Gassen, als er will, er fragt uns nicht. Es fehlte nur noch, daß er in unsern Häusern gebietet. Ich mag nicht dran denken, wie seine Gesellen wirtschaften, welcherlei Unbill unsere Ehrbarkeit dulden muß. Gestern drang er in unser Rathaus und setzte sich auf den Bürgermeisterstuhl, und wir mußten's dulden. Es dankten ihm einige für die Ehre, die er uns erwies. Und nun sind sie des Dafürhaltens, daß wir ihm das Bankett geben müßten, um ihn zu streicheln, wie man ein Untier liebkost, daß er uns nicht zerreiße.« – »Bist Du auch des Dafürhaltens, Vater?« Er senkte den Kopf, dann sprach er: »Mein liebes Kind, es bleibt uns nichts anderes. Wir wünschen –« »Nun, lieber Vater, was dann Worte noch! Was sein muß, und Johannes Rathenow sagt, es muß sein, das thut seine Tochter. Ich will recht froh sein.«

Es war kein Frohsinn im Haus. Sie wußten beide etwas, und keiner sprach es aus. Aber wer da mehr litt, der Vater oder die Tochter, das weiß ich nicht.

Das Bankett aber war lustig am Abend, wenn Musika und Wein lustig machen können, wo das Herz bange ist. Im alten Rathaus war es. Ist nie so viel Wein getrunken worden an einem Abende in Berlin als an dem. Nie Herren tranken sich Mut, oder sie wollten die Unbill, die ihnen widerfuhr, herunterspülen. Und war doch keiner nach Haus getragen, als einer. Dem folgte aber nicht Sang und Klang, und die Fackeln hielten sie nieder. Es war ein trauriger Zug. Sind aber auch nimmer so seltsame Gesichter bei einem Bankett gesehen worden. Etliche von den Gesellen des Köpkin, die schauten doch aus, als wären sie nie gewesen, wo ehrbare Leute zusammen sind. Hatten Kleider an, die ihnen nicht standen. Gott weiß, wer die Jacken gestern und die Hosen vorgestern an hatte! Ihr Hauptmann freute sich, wenn die stolzen Herren zurückfuhren, so einer davon sie anstarrte. Aber sie mußten es dulden, und wär's das nur gewesen! Auch von den gefangenen Rittern waren da. Das mag ich nicht grad tadeln; denn sie schickten sich immer besser als des Köpkin Fähnriche auf ein Fest, das die Patricier gaben. Aber sie gingen erstaunlich hochmütig einher, nicht als wären sie Gefangene, die man aus Artigkeit einladet, sondern als wären sie die Herren, und strichen sich viel den Bart, und schauten die Bürger über die Achsel an. Und wie sie mit den Frauen und Mägdlein sprachen, das verdroß auch manchen. Es kam noch viel Schlimmeres. Mit dem Köpkin tranken sie und drehten den Herren den Rücken, was sich doch gewiß nicht schickt.

Der Köpkin Zarnekow aber saß wie der Herr des Festes und er gäbe es und hätte die andern geladen. Ordentlich als wär's, um sie zu kränken, hatte er sein schlechtes Lederwams an und die Stiefel waren kotig, auch legte er wohl ein Bein mit den Sporen auf einen Stuhl, und so sah er die Gäste an und lachte und trank und nickte den und jenen zu sich, als thäte er ihm damit noch Ehre an. Die stolzen Herren knirschten, und der Busso, der neben ihm saß, lachte sich ins Fäustchen. Er konnte sonst ein feiner Mann sein, heute aber freute es ihn, daß die Bürger, die ihn fingen, so schlecht weg kamen.

Herr Peter Brakow saß traurig im Winkel, die Hand verbunden, den Arm in einem Bande. Bei ihm sein Schwiegervater, der Bartholomeus Schumm; der sah heut ganz anders aus als sonst, und vor ihnen stand Herr Matthis Blankenfelde. Der hatte freundlich mit dem Zarnekow Rede gepflogen. Die Eva Brakow kam oft heran und fragte ihren Eheherrn, wie es ihm gehe, und stützte seine Hand auf ihre und streichelte seinen Arm. Dann aber ging sie wieder zum Tanz.

»Ein liebes Weib,« sagte Herr Peter Brakow, als sie wieder fort war. »Hilft mir alles nichts,« sprach Herr Bartholomeus. »Wenn das so fort geht, muß der Reichste betteln gehn.« – »Wir alle müssen betteln,« sprach der Blankenfelder. »Fünf Wagen, schwere Wagen, bei Beelitz mir aufgegriffen! Zwei meiner besten Knechte erschlagen! Was hilft uns der Zarnekow, wenn er uns nicht 'mal den Teltow frei hält!« So sprach Herr Schumm, und der Blankenfelder erwiderte: »Nichts hilft er uns. Er hält uns nicht den Rücken frei, vor uns müssen wir uns selber helfen, und im Herzen frißt er uns auf.«

Das sprachen sie leis und steckten drauf die Köpfe noch mehr zusammen. Was der Matthis ihnen vortrug, sie nickten dazu und sahen sich nur bisweilen um, ob kein Lauscher da war.

»Als die Dinge stehen, was bleibt uns anderes, als die Vermittlung anzunehmen. Einmal müssen wir sie annehmen, das sieht jeder Kluge ein; und die Frage ist nur, ob es klüger ist zu warten oder zu handeln? Die Zeit ist nicht günstig, aber sie kann noch schlimmer werden. Itzt wollen's die Städte vermitteln. Frankfurt, Brandenburg, Prenzlow. Der Kurfürst ist's zufrieden. Wer weiß, wenn wir noch eine Woche warten, ob er's dann zufrieden ist, ob die Städte dann noch können, ob sie noch wollen?« Herr Peter Brakow seufzte tief. Bartholomeus Schumm murmelte: »Eine verfluchte Geschichte!« – »Das sag' ich ja auch,« sprach Herr Blankenfelde. »Wir sitzen in der Patsche. Selbst können wir uns nicht 'rausziehen. Also greift ein vernünftiger Mann nach der ersten besten Hand, die man ihm bietet.«

Peter Brakow sagte: »Wären an dem Tage nicht die Bredows mit den Rochows und den Puttlitzen nach Ruppin geritten zum Grafen, heiliger Stephan, unsere Mauern gegen den Barnim standen ja bloß. Was Waffen trug, war nach dem Teltow hinaus. Fast ohne Schwertschlag hätten sie die Wälle erstiegen.« – »Das sag' ich ja auch,« fiel Matthis Blankenfelde ein. »Wir alle haben nun wohl unsern Johannes Rathenow kennen gelernt, daß er es grundehrlich meint; aber ehrlich kann man sein, ohne darum den Dingen gewachsen zu sein. Auch sehr ehrlich, und doch sehr hartnäckig. Daß er die Mauern unbesetzt ließ, mache ich ihm nicht zum Vorwurf. Wer kann an alles denken, obgleich der kleinste Fehler einer Obrigkeit mehr schadet als der gröbste eines einzelnen. Denn ein einziges Versehen kann einer Stadt den Untergang bringen. Aber, wie gesagt, wer möchte ihn tadeln, und noch dazu war es der Hochzeitstag seiner einzigen Tochter. Da kann der beste Mann den Kopf voll haben.« – »Es muß anders kommen,« sprach Herr Bartholomeus. »Es muß etwas geschehen, Herr Peter Brakow.« »Nur kein Wunder!« entgegnete der Blankenfelder. »Wenn's unsern Schutzpatronen gefiele, eins in unserer Not zu thun, dann bäte ich darum, daß sie den starren Sinn des Johannes erweichen.« – »Nun, nun,« brummte Herr Bartholomeus.

Herr Brakow fing an: »Wenn's uns heute nicht gelingt, den Zarnekow zum Ausfall zu bewegen –« » Der wird sich bewegen lassen!« fiel ihm Matthis ins Wort. »Wie ein wiederkäuend Tier liegt er bei uns und läßt sich mästen. Es kommt ihm nicht in den Sinn, gegen den Markgrafen zu Feld zu ziehen. Ihr werdet's hören. An Ausflüchten gebricht's ihm nicht, wenn er sich noch dazu herabläßt. Er verachtet uns ja offenbar.« – »Und mit wem verkehrt er!« sprach der Hoppenrade, der hinzugetreten war. »Zecht von morgens bis abends mit den gefangenen Rittern. Wissen wir, ob er uns nicht verrät, wie er uns verlacht?« – »Er muß heut' sich entscheiden,« sprach Herr Brakow. »Will er nicht, verzieht er's abermals – wir allein sind zu schwach, dürfen ihn auch nicht in der Stadt lassen, derweil wir ausziehen – dann bring ich's morgen vor im Rate.« – »Ein schwer Geschäft,« seufzte der Hoppenrade. »Glaubt das nicht,« sagte Matthis Blankenfelde. »Was unabwendbar ist, hilft sich selbst. Außer Konrad Ryke steht keiner dem Johannes bei. Sie wollen alle Ruhe.« – »Und doch ein schwer Geschäft,« fiel wieder Herr Brakow ein. »Denn wer läßt sich gern zeihen, daß er seine Stadt verrät! Und wo's auch unabwendbar, wer reißt gern den ersten Stein ab von einem Hause, darin er wohnte, wer führt den ersten Schlag gegen einen alten Baum, den er lieb hatte, so auch der Baum morsch ist und fallen muß.«

Da schwiegen alle eine Weile still. Herr Brakow und Hoppenrade gingen in den großen Saal, wo es sehr laut wurde. Auch Bartholomeus Schumm erhob sich stöhnend. Da sagte ihm in gleichgültigem Tone der Blankenfelder: »Nun wir's wissen, daß der Henning es war, der mit den Metzgern auszog und gefangen ward, kommt mir's doch seltsam bei, daß er grad am Hochzeitstag Eures Sohnes heimkehren mußte.« Herr Bartholomeus sah ihn groß an. »Ich will damit gar nichts gesagt haben, werter Freund. Nur seltsam ist's. Es giebt Zufälle in der Welt, aber nicht alles ist Zufall. Zufall ist, daß er gefangen ward; ob aber auch das Zufall ist, daß er grad in der Kirche, grad bei der Trauung sich zeigte, und einige wollen gehört haben, die Elsbeth habe »nein« gesagt, als sie in Ohnmacht fiel. Solche Ohnmacht kann man so und so betrachten.« – »Dummes Zeug!« blies der Kölner Ratsherr vor sich. »Das fehlte noch, den Karren vollends 'rein zu fahren. Herr Matthis, ich weiß nicht, was wollt Ihr? Was ich will, das weiß ich. Hol Euch alle der – aber in ein stinkend Loch wirft man nicht noch 'ne tote Ratte. Verstanden? Und wenn's Henninge hagelt, so wir zur Kirch' gehn, wir gehn doch zur Kirch', und mein Melchior wird doch des Hannes Tochtermann. Verstanden?«

So ausführlich hatte Herr Bartholomeus lange nicht gesprochen. Es mußte was Besondres sein. Drinnen aber war der Lärm sehr groß. Der Köpkin hatte mit dem Melchior gezecht und hatten beide weidlich getrunken und gelacht. Dem Ritter gefiel der Junker, weil er so gradaus sprach, und dem Junker der Ritter auch. Da kam's, daß sie Brüderschaft tranken mit großen Humpen, die verkreuzten sie in den Armen. »Aufgespielt nun!« schrie der Köpkin den Geigern zu und sprang auf. »Ist mein Bruder, der Melchior, und will's keinem geraten haben, daß er ihm scheel sieht.« Sie küßten sich beide und lachten und schworen sich Freundschaft. Da entsetzen sich viele. Aber es war in des Melchior Art. »Nun Eure Weiber vor zum Tanz!« rief der Ritter. »Wollen tanzen, Bruder Melchior!« – »Tanzen,« wiederholte der Junker und lachte gar ungebärdig. Er dachte gar nicht, daß der Ritter tanzen würde in seinen Sporenstiefeln, und er war schon voll Weines, und er auch. Aber nun freute er sich doch. »Mit wem willst Du tanzen, Bruder Köpkin?« – »Mit der Allerschönsten, das versteht sich. Du, Bruder Melchior, sollst auch tanzen mit der Allerschönsten. Mit Deiner Braut will ich tanzen. Sollst auch mit meiner Braut tanzen. Laß sehen, wer die Schönste ist.« –

Da grauselte es über Elsbeths Nacken, als der Melchior grinsend auf sie losstürzte, und er faßte sie bei der Hand und zog sie vor. Sie sträubte sich nicht, dazu hatte sie keine Kraft, sie folgte ihm wie eine Gliederpuppe, und sie schaute aus wie der Tod. So gläsern stierten ihre Augen auf den trunkenen Köpkin. Melchior sah es nicht. »Da ist sie.« – »Die!« sagte Köpkin. »Ist Elsbeth Rathenow, meine Braut.« – »Die ist nicht schön. Ist Kreide und Mondschein. – Die da ist schön. Wer ist die?«

Und wie der Unhold das sagte, da erst kehrte das Blut auf Elsbeths Wangen zurück, und sie konnte ihre Glieder rühren. Und sie sah mit Mitleid auf die junge Frau, die Eva Brakow, die der Trunkene lüstern angaffte; und wie bei ihr das Blut zurückkehrte, so schwand es vor Schreck auf den Wangen der armen Eva. Denn von allen Frauen und Mädglein dort, wer mochte wünschen, mit dem Köpkin zu tanzen, als er war! Und manchem kam da in den Sinn das Bankett von Thomas Wyns vor vielen Jahren, als beide, die Elsbeth und die Eva, aneinander gerieten. Was war nun heut' ganz anders, und die Elsbeth ward stehgelassen und die Eva ihr vorgezogen, aber es neidete ihr keiner, und sie selbst, die kleine hübsche Frau, zitterte, und die Thräne stand ihr im Auge. Nur ihr Bruder Melchior warf sich vor Lachen und schwenkte den Arm und schnalzte mit den Fingern: »Das ist ja meine Schwester Eva, Bruder Köpkin. Auch gut. Tanz mit ihr. Aber wo ist nun meine Tänzerin!« – »Ist 'die noch nicht da!« rief Köpkin. »Ei, so soll doch das Tausend Element dreinschlagen. Die Nälliesen! – Hat der Sadrach sie noch nicht genug gespickt und geschmückt.« Und nun stampfte er auf den Boden und lief und schalt zu seinen Leuten. Da liefen sie hinunter, und bald hörte man die Bande des Köpkin aufspielen, und es kam die Stiegen hinauf, und die Diener rissen die Thüren auf.

Da trat der Ritter Busso zu etlichen der Herren, und er hatte ein verdammt schelmisch Gesicht, als er vertraulich zu ihnen sprach, es werde sich wohl ziemen, daß einige von ihnen der Braut des Hauptmannes entgegengingen und sie herausführten. Wenn sie gut mit ihm stehen wollten und ihn geschmeidig haben, müßten sie der Ehre erweisen, die ihm die liebste wäre. Und eilten auch sogleich Herr Dietrich Wyns und noch einer hinunter und bald darauf kamen sie wieder und führten zwischen sich die schöne Dame. Da mag man wohl denken, daß aller Augen auf die gerichtet waren. Sie war hübsch groß und wohl gewachsen, und aus dem vollen Nacken, der nur fast zu bloß auslag für ein sittsam Fest, kam ein hoher Hals hervor, auf dem ein stolzer Kopf prangte. Nur trug sie ihn sehr zurückgeworfen. Auf einer blendend weißen Haut glänzten die roten Backen wie schöne Äpfel im Herbst, und die Lippen waren wie Korallen und die Augen wie Kohlen. Die Nas' war etwas gekrümmt. An ihrem Anzüge sah man es erst recht, wie vornehm der Köpkin sie hielt, denn das gelbe schwere Brokatkleid von benedischem Stoffe starrte ordentlich von Silber und Gold und Geschmeide, und auf dem Kopf trug sie eine Karmesinmütze von Sammet, über einen Schuh hoch, oben spitzer als unten, und mit Peilen umschlungen, und drauf einen Federbusch von allen Farben, der fast die Balken fegte. So führten sie der Dietrich und noch einer in den Saal, und die Pauker schlugen, und die Trompeter bliesen, und die Herren verneigten sich, und die Damen knicksten, als sie an ihnen vorüberging.

»Das ist meine werte Braut, Donna Salome von Hispanien!«

So man auch dazumal noch nicht sagte: »Das kommt mir spanisch vor,« denn das kam wohl erst um die Zeit des dreißigjährigen Krieges auf, so war ihnen doch allen so zu Mute, als die vornehme Dame unter ihnen stand, oder sie stand eigentlich über ihnen, denn sie schien sehr groß und schaute mit wunderlichem Lächeln auf sie nieder. Ihnen war's allen, als gehörte sie nicht dahin, und doch waren alle neugierig, und sie wurden ihr vorgestellt von Herrn Dietrich Wyns, eine um die andere, und sie sagte ihnen einer jeden etwas Artiges, und die Frauen freuten sich über ihre feine Art. Nur Elsbeth Rathenow blieb im Winkel zurück. Sie mochte ihr nicht vorgestellt werden. Ihr war bang.

Darauf sollte nun getanzt werden, und wie es schicklich, ließ Herr Köpkin seiner Braut den Vortanz, und sie sollte sich einen Tänzer wählen. Darüber wunderten sich freilich die von Berlin, da es sich sonst schickt, daß der Herr die Dame auffordert, aber Herr Busso sagte ihnen, in Spanien sei es anders, und die fürstlichen Frauen wählten sich ihre Tänzer. Und die Dame, nachdem sie eine Weile im Sessel geruht und die Herren angeschaut, ließ durch Herrn Dietrich Wyns, der neben ihr stand, den Ratmann Markus Trebuß auffordern. Das wunderte sie alle. Denn Herr Trebuß war weder sehr jung, noch sehr ansehnlich, noch auch ein sehr geschickter Tänzer. Aber man sah es ihm an, wie es ihm schmeichelte, und mit sehr zierlichen Schritten näherte er sich und verbeugte sich tief und küßte der Dame die Hand. Als sie nun tanzten und an dem Winkel am Ofen vorbeikamen, wo Elsbeth saß, und ihr Vater stand halb vor ihr, da fuhr sie plötzlich auf und flüsterte dem Vater ins Ohr: »Vater, sie ist's.« – »Wer, lieb Kind? Du siehst sie zum ersten Mal.« – »Nein, Vater, sie ist's. Sie ist's gewiß. – Die Salome – die uns Dienstmagd war.«

Da, als Herr Trebuß ausgetanzt, und er glühte vor Freude und war einige Zoll größer; denn welchem Ratsherrn von Berlin begegnet es, daß er mit einer hispanischen Gräfin tanzt, und er kühlte sich mit dem Sacktüchlein, zog ihn Johannes Rathenow beiseite: »Kennt Ihr die, Herr Trebuh?« – »Wen? Die Dame, die mir die Ehre erwies?« – »Es ist die Salome, die Ihr habt streichen lassen vorm Spandower Thor. Schaut sie nur recht an.« Herr Trebuß riß den Kopf um. Die Haare sträubten sich ihm. Er sah sie an, und da lächelte sie ihn auch an, – er kannte sie und da hätte er mögen in die Erde versinken. Und nun ging es um, von einem zum andern. Sie steckten die Köpfe zusammen und flüsterten, und aller Augen waren auf die Dame gerichtet. Aber anders als vorhin. Das Entsetzen ging durch den Saal. Der Herr Trebuß saß im Winkel leichenblaß und hielt die Hände im Schoß gefaltet.

»Aufgespielt!« rief der Köpkin. »Nun tanzen die Brautpaare. Bruder Melchior, heran zu meiner Braut, sie will Dir die Ehre erweisen.« Aber da Melchior herangetreten und ihr die Hand geboten, stürzte seine Schwester vor und riß ihn zurück: »Melchior! Was willst Du?« – »Tanzen will ich,« rief er. »Du darfst nicht,« rief sie. »Melchior, weißt –« »Die Hand ihm, dem Ritter, Evchen.« – »Melchior! Bruder! Sie ist –« Da schrieen's zehn Stimmen: »Die Salome! die Salome, so der Rat auspeitschen ließ. Die ausgewiesene Dirne –«

Herr Garnekofer und noch einer, die rissen ihn auf einen Sessel, und den Bartholomeus Schumm, den kannte man da nicht wieder, wie er, beide Arme ausgestreckt und die Hände geballt, vor seinem Jungen stand und ihn andonnerte: »Melchior! Tanzen willst Du; Deiner Schwester, Deiner Braut, Deinem Vater, Deinem Haus, Deiner Stadt zur Schande! Spei auf Deine Hand! Sie saß an der Unehr', und Du bist Deiner Schwester Bruder.« – »Das ist zu arg!« schrie Eva, und zehn riefen's ihr nach. Der ganze Saal rief es. »Nach Haus! Nach Haus!« riefen Mütter und Väter und Ehegatten. »Wer will nach Haus?« schrie der Köpkin dazwischen. »Wer hat mich gerufen? Ich bin da. Wer hat mich geladen, und will den Gast allein lassen? Sind höfliche Wirte zu Berlin!«

Herr Thomas Wyns trat höflich vor ihn: »Ihr, ehrenwerter Ritter, seid uns hochwillkommen und ehrt uns sehr durch Eure Gegenwart. Aber diese Donna aus Hispanien war ehedem –« Köpkin fuhr dazwischen: »Was sie ehedem war, das schiert Euch einen Quark. Itzt ist sie meine Liebste, meine Braut wollt' ich sagen. Das ist sie vor Euch, hört Ihr! Nichts anderes. Und bei den elftausend Jungfrauen, und noch zehn Schock mehr, den Bürgerjungen wollt ich sehen, der des Zarnekow Braut nicht Reverenz machte.« Und damit schob er den Herrn Wyns zurück und riß den Melchior vom Sessel: »Tanz, Bruder, mit ihr, oder –«

Alle sahen nun wohl, daß hier nicht friedlich zu vermitteln war, und ein wie milder und guter Mann auch Herr Thomas Wyns war, der schickte sich nicht her, wo es allen in der Brust kochte. Aber was nun kam, das hatten sie auch nicht erwartet. Der Melchior sprang auf, aber als hätte ihn ein toller Hund gebissen, schäumte er und fuhr mit beiden Fäusten auf den Köpkin los; so faßte er ihn bei der Gurgel und schleuderte ihn von sich, daß, so er nicht gegen den Tisch geflogen, er wäre länglings auf den Boden gestürzt. Und wär's vielleicht besser gewesen.

»Bierbrauerjunge! Mir das!« knirschte der Köpkin, und sein Gesicht war kirschbraun. Aber mit einem Male war er aufgesprungen, seine Klinge rasselte aus der Scheide. Es war ein gefährlich großes Ding, und mit beiden Händen faßt er es. »Zurück! zurück!« schrieen einige; die anderen schrieen: »Degen 'raus!« Aber es war zu spät – der Melchior lag und wälzte sich in seinem Blute.

*

Ach Gott, das war ein Abend, und das war ein Ausgang eines Festes! Was Heulen der Weiber und das Toben der Männer. Da hätte man sie recht unterscheiden können, die Mutigen und die Verzagten. Die ihm zu Leibe wollten, dem Totschläger, und die die Arme über den Kopf schlugen und die Hände in den Schoß legten. Recht klar bekam man's auch nicht, wie's hergegangen ist. Denn wer behielt da kaltes Blut, um zu beobachten! Wie der Hauptmann mit seinen Gesellen, die Schwerter über den Köpfen, sich Bahn machten nach der Treppe, hat der Bartholomeus Schumm ihnen nachstürzen wollen, mit blankem Degen, der unbeholfene alte Mann! Sie hätten ihn niedergerannt und unter die Füße getreten. Er war ganz außer sich. Aber Peter Brakow und ein Hakenberg hielten ihn zurück, fast mit Gewalt. Er schrie ihnen nach alle Verwünschungen, die er sammeln konnte, und rauflustiges Volk war genug zur Hand. Einen von den Zarnekows Gesellen warfen sie die Treppe hinunter über das Geländer. Die andern wurden im Hofe belagert. Man schlug die Thüren zu, und sie saßen zu Roß und konnten doch nicht hinaus. Dann schimpfte und warf man sich. Es war ein schrecklich Getös und Aufruhr; und die Nacht dazu, und die Pechfackeln!

Und dann der Jammer im Saal. Die Eva Brakow hatte sich über den Bruder geworfen, derweil andere ihn verbinden wollten; die Elsbeth kniete starr neben ihm, die Hände gefaltet im Schoß. Zuweilen fuhr sie auch damit in die Höh und bedeckte das Gesicht. Die anderen Frauen schrieen und wollten trösten. Es war ein Elend.

»Die Brücke soll nicht bestehen zwischen Berlin und Köln. Der Himmel will's nicht,« hatte Herr Garnekofer dem Matthis Blankenfelde zugeflüstert. »So muß man's denn gehen lassen.« – »Morgen im Rate!« sprach ebenso leis der Blankenfelder, und sie hatten sich davongeschlichen.

Da lief es und stürzte hin und her von Meldungen; keiner wußte, an wen es ging. Der Wundarzt, der alte Joris, zween Dominikaner, die des Wunden Beichte hören wollten. Da kam Botschaft, daß die Gesellen des Köpkin in der Klostergasse trommelten, sie hatten gehört, ihr Hauptmann werde gefangen gehalten, und andere meldeten, die markgräflichen Gefangenen nützten die Verwirrung und wollten über die Mauer brechen. Die von den Zünften am Georgenthor forderten Hilfe. Und durch all den Wirrwar gellte des Köpkin Stimme gräßlich vom Hofe. Er drohte die Stadt an vier Ecken anzustecken, zu plündern, zu sengen und brennen, so ihm der Rat die Thore nicht öffnen lasse. Und dazu das Geschrei der Weiber!

Wohl wäre Johannes Rathenow noch der Mann gewesen, aber ihn verließ ja alles. Was noch von Ratsherren in dem Saale war, hatte mit den Frauen zu thun. Die wollten Schutz und Trost von ihnen und überschrieen sie doch, wenn sie redeten. Zumal war der gute Herr Peter Brakow übel dran. Seine Eva war außer sich. So heftig hatte er sie noch nicht gesehen. Sie raufte das Haar und klagte sich an, daß sie ihren Bruder umgebracht. Und ihren Mann und den Rat und alle klagte sie auch an. Und Herr Johannes hatte überdem mit dem Bartholomeus vollauf zu thun. Hatte der ruhige Mann die Besinnung verloren. Er schrie nach Rache, und von einem Fenster lief er zum andern und rief hinunter, sie sollten bei seinem Zorn und bei seiner Liebe den Friedensbrecher und Mörder festhalten. Er bot ungeheures Geld, wer ihm seinen Kopf bringe. Dann hörte er aber wieder ruhig an den Johannes, der ihm vernünftig vorstellte, daß es so nicht ginge, daß man senden müsse zu den Gewerkmeistern um Mannschaft, wenn man den Übelthäter im Hause festhalten wolle, daß man den Rat und die Sechzehnmänner auf das Rathaus bescheiden müsse; daß Beratung und Schluß notwendig sei. Aber dann, als er handeln sollte, hatte er alles vergessen und stürzte zu seinem sterbenden Sohne, und fuhr sich ins Haar, und drückte seine Hand an die Brust und rief, die Stadt möge untergehen, denn er habe alles verloren.

Also bleibt der Mensch ein Rätsel, sich und anderen. Mein Uhrwerk mag er gehen, und der Pendel tickt hin und her, fünfzig, sechzig, auch siebenzig Jahre ohne Unterschied; und dann plötzlich rollen und hasten die Räder. Es ist aus mit der Ordnung. Der Mensch ist kein Uhrwerk, er ist ein Gefäß, darin der Geist Gottes Leben goß. Es schleicht langsam fort, und dann lodert es plötzlich auf, und alle Berechnung ist fehl gegangen. Also war auch von Stund ab Herr Bartholemeus ein anderer.

»Vater, was wird daraus!« sprach Elsbeth und umfaßte den Johannes, denn durch die Fenster leuchtete es wie Flammenschein, und wild Geschrei kam vom Georgenthor her. Zugleich krachten unten die Thore, es brach und zitterte, und das ganze alte Haus schulterte. Der Köpkin und seine Gesellen sprengten durch das erbrochene Thor. »Mord!« – »Sturm!« rief es – »Berlin brennt!« – »Läutet die Sturmglocken!« schrie Herr Johannes vom Fenster hinaus. »Die Sturmglocken, Ihr Bürger!« riefen die Herren um ihn. Sie hatten schon darauf gedrungen. Er aber hatte sie abgewehrt. Nun rief er's selbst: »Aber Gnade uns Gott,« setzte er still hinzu, »wenn der Feind draußen es nutzt.« – »Es kann nicht schlimmer kommen als, es ist,« sagte Thomas Wyns. »Die Kölner sperren sich ab,« rief eine Stimme von draußen. »Sie besetzen und verrammeln den Mühlendamm und die lange Brücke, daß der Zarnelow nicht zu ihnen kann.« – »Und uns lassen sie im Stich!« rief Herr Brakow außer sich. »Das fehlte noch!« sprach Johannes und sank auf einen Sessel. »Wir schlachten selbst unser Recht.«

Da schmetterten helle Trompetenstöße durch den verworrenen Lärm. Hufschläge und Rossegewieher kamen von der langen Brücke her, und eine durchdringende klare Stimme rief: »Mut! Mut! Ihr Bürger, Ihr lieben Zunftgenossen! Schart Euch gegen die Raubgesellen. Zurück! zurück sie getrieben. Ihr seid stärker in den engen Gassen!« Und mit einem Male rief es wie aus tausend Kehlen: »Der Henning ist's! Der Henning ist wieder da!« – »Zu Gott, ja, er ist unter Euch!« rief die Stimme. »Frisch angegriffen, Einigkeit, Einigkeit! Die Kölner rücken an, Euch zu Hilfe. Werden sich nicht versperren.«

»Vater! Lieber Vater!« rief Elsbeth freudeglühenden Blickes. »Es wird doch noch gut.« Er drückte seufzend die Tochter an sein Herz. Nur noch einmal hörte man des Köpkin Stimme toben, der Bürger Stimmen und das Waffengetön überschrie sie.

»Ich komme vom Kurfürsten und bringe Botschaft,« sprach der junge Ritter, der itzt in den Saal trat, »durch mich läßt er Euch melden –« »Wem?« unterbrach ihn Johannes, ihm entgegentretend. »Den Bürgermeistern und dem Rat beider Städte.« – »So schließe der Bote des Markgrafen hier seinen Mund,« entgegnete der Bürgermeister, »hier war die Stätte der Freude und ist itzt die Stätte des Mordes und des Blutes. Morgen in der Früh hören wir, der versammelte Rat, an ordnungsmäßiger Stelle, was uns der Markgraf künden läßt. Dahin lade ich Dich, seinen Boten. Denn nicht ziemt es einem Ältermann, allein voraus zu hören, was ein Fürst dem Rat und der gesamten Stadt melden läßt. Morgen in der Frühe, Herr Ritter, wer Ihr seid, erwartet Euch der Bürgermeister vor dem Rate.«

Und er winkte dem Thomas Wyns, daß er den Boten des Fürsten auf Kosten der Stadt ritterlich in der Herberg logiere. Den Abend sprach er kein Wort mit ihm.

ES war ein trauriger Abend. Des Köpkin Gesellen waren zurückgedrängt in ihr Quartier ohne sonderlich Blutvergießen, aber im Rathaus lag einer im Sterben; sie konnten ihn nicht mehr über die Brücke in sein Haus nach Köln tragen. In einem Kämmerlein des alten Rathauses hörte der Dominikaner seine Beichte und gab ihm die Sakramente. Alle von der Sippe gingen nicht von der Leiche, und Herr Bartholomeus gelobte zu seinem Seelenheil eine ewige Lampe zu stiften im Kloster der schwarzen Brüder.

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