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Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel.

Wenn der Feind vorm Thor steht, läuten sie itzt nicht mehr mit den Glocken; außer es wäre denn die Sturmglocke. Sonst ist's in einer belagerten Stadt totenstill, als wie ehedem, wenn das Interdikt darüber schwebte. Und heut morgen läutete es von Sankt Nikolas und Sankt Marien, und von Sankt Peter antwortete es. Auch die Franziskaner am hohen Hause, und selbst an Sankt Gertrauds Spittel ließen sie ihr Glöcklein tönen. Aber nicht Sturmglocken: das war eine feierliche Weise, als grüßten sich die Türme, einer den andern. Die Markgräflichen draußen nahmen's für Spott. Konnt' es auch sein, daß die Bürger drinnen also wenig sich um ihre Feindschaft kümmerten.

Da auf dem Berge, der der Tempelhofer heißt, und war er dazumal höher als itzt, aber Wald stand nicht viel drauf, hingegen zogen sich schöne und große Weinberge an seinen Geländen weit hin – auf dem Berge hielten an dem Morgen etliche Reiter. Sie trugen markgräfliche Zeichen, und strengten ihr Aug' an, zu sehen, wie die Türme und Dächer der zwo Städte aus dem Nebel zum Vorschein kamen. Es war ein frischer Morgen, und der Nebel lichtete sich, und die Morgensonne rötete gar anmutig die Turmspitzen. »Liegen die Nester doch als wie versoffen im Sumpf,« sprach der eine. »Man möchte den Fuß aufheben und sie 'neinstampfen.« – »Da müßtet Ihr auf einem größeren Fuß gehen, Herr Busso,« sprach der andere. »Wenn man sie stampft, sie tauchen wieder auf. Ist eine gar zähe Natur in ihnen.« – »Aber der Punkt ist gut,« fuhr wieder der andere fort. »Hätten wir drei schwere Donnerbüchsen hier, das Köln sollte doch zerlöchert werden wie ein Wespennest.« – »Das »hätten wir« ist schon gut,« sprach der andere, »aber das »haben wir« wäre besser. Leider haben wir's nicht. Der Markgraf darf's nicht wagen, die Geschütze aus Spandow über den Teltow hierherschaffen zu lassen. Da sind sie noch zu mächtig, und ist es wahr, daß der Zarnekow ihnen zu Hilfe zieht, so kann er sich selbst im Tempelhof nicht halten.« – »Die Pestilenz über den Zarnekow!« lachte Busso. »War ein Stier von Knochen, aber sein Leblang ein Kalb von Verstand und muß zu solchem Ansehn kommen!« – »Er kommt auch noch an den Galgen.«

»Das ist ein häßlich Wort, Bardeleben. Und bei alledem ist's doch lustig, diesen Köpkin, der ihnen ein Knecht Ruprecht war, nun rufen sie ihn, die Berliner. Man erlebt doch auch manches Frohe. Heiliges Kreuz! fast möchte ich wünschen, die Wirtschaft dauerte noch lang, um zu sehen, wie er drinnen mit den lieben Rittern von der Elle und von der Blutwurst umspringt. Sie konnten gar nicht besser gewählt haben.« – »Es blieb ihnen ja nichts anderes.« – »Es bleibt ihnen noch verflucht viel,« sprach Busso. »Sie haben bei uns, sage ich Euch, einen bessern Freund, als am Zarnekow bei sich. Der wird sie's fühlen lassen, was seine Freundschaft kostet; ihr Freund hier wird sie so sanftiglich anfassen, daß uns die Freude verdorben ist. Wird's zum Sturm kommen? Zur Plünderung? Wenn wir drinnen sind, werden wir nur wirtschaften dürfen, wie der Zarnekow als ihr Freund thut? Gott bewahre, er zieht Euch Sammethandschuh an, wenn er durch die Bresche reitet. 'S ist Nürnberger Blut in ihm, Krämer hält zum Krämer.«

»Meine, Ihr irrt Euch, Herr Busso. Ich sage Euch, es kocht im Markgrafen, und den Blockzaun vergiebt er ihnen nicht, bis ihre Mauern herunter sind. Ich kenne diese Hohenzollern. Sie scheinen langmütig und großmütig über die Maßen, aber einen Schimpf vergiebt keiner. Er wird diese Herren klein machen und diese Reichen arm. Er wird seinen stählernen Fuß in die Stadt setzen, daß man nach Jahrhunderten den Tritt sehen soll.«

»Schon gut, aber was kriegen wir? Er braucht einen gegen den andern, aber alles für sich. Itzt läßt er uns galoppieren, aber einen Strick hat er um unsern Nacken, zieht uns zurück, wenn's ihm beliebt. 'S ist aus, Bardeleben, mit der guten Zeit, wo wir frei waren. Und ihre kalten, ruhigen Blicke, die schaudern einem durchs Mark.« – »Hat er Euch so angeschaut? Ei, ei, Herr Busso, wie schnell Ihr die Sprache gewechselt. Man hielt Euch schon auf der letzten Staffel zu ihrer Gunst. Viele verargten's Euch, das Augendienen und Wortreden.« – »Sie sind zu klug, das ist das Elend. Man kommt ihnen nicht bei.« – »Was sie spinnen, das ist lang. Was am End' draus wird, das weiß keiner,« fiel der Bardeleben ein. »Aber das weiß ich, bis zum End' ist's auch noch lang. Und ohne Krieg kommt's nicht zu End', und kein Krieg ohne uns. Er braucht uns, und seine Nachfolger werden uns auch brauchen. Darum keine Sorge, Ritter Voß, er darf den Adel nicht kirr machen, er muß ihn frisch halten.«

Da hörte man die Glocken läuten, und sie verwunderten sich des. Der Bardeleben meinte erst, es werde ein Grabgeläut sein, aber der Busso schüttelte den Kopf: »So läuten sie keinen zur Ruh. Sie spotten unser; das klingt lustig wie zu Hochzeiten.« – »Das ist's auch,« rief einer, der herantritt. »Uns zum Hohn machen sie Hochzeiten. Es ist heut Hochzeit drinnen; der Melchior Schumm führt die Else Rathenow heim.« – »So soll doch das Wetter dreinschlagen, und wir frieren hier!« rief Herr Busso. »Ja, zu Hochzeitfesten sind wir nicht beisammen,« sprach der Hinzugekommene, der kein anderer war als der Baltzer Boytin. »Und zu unserer Ehr' auch nicht,« sagte der alte Bardeleben und sah etwas scheel auf den Roßkamm. »Euch ist das auch nicht an der Wiege gesungen,« sprach der Busso, »daß Ihr eine große Fehde führen würdet, und gute Ritter fochten zu Euch.« – »Ihr Herren,« entgegnete der Roßkamm, »es ist manchem nicht an der Wieg' gesungen, daß er die Katzenpfote sein wird, damit der Aff' sich die Kastanien aus den Kohlen holt.«

Da unterbrach sie Trompetengeschmetter, Harnische rasselten, Pferdegewieher und Staub flog auf uon der Gegend des Tempelhofs her. »Heiliger Christ!« schrie Busso. »Es geht los.« – »Der Markgraf!« rief Bardeleben. »Feinde!« der Baltzer, und sie kehrten und gaben ihren Rossen die Sporen.

Davon hörten die in Berlin nichts. Dort schallten nur die Glocken, und was nicht auf den Mauern stand und an den Thoren, war auf den Beinen. Wie viel Sonntagswämser sah man da! Alle Fenster waren voll, wo der Zug vorbei kam. Bänder und Tücher hingen aus den Fenstern. Über die Thüren hatte man Tangerzweige gesteckt und die Gassen sauber mit weißem Sand bestreut. Als der Zug langsam den Berg nach Sankt Nikolas hinaufstieg, da konnte man sie am besten sehen. Die Anzüge der Herren und Frauen von der Schummschen Sippschaft, die waren doch so prächtig, man traute seinen eigenen Augen nicht. Der Herr Melchior hatte wieder ein Wams von weißem Atlas und item solche Hosen und Schuhe, aber das war geschlitzt und gerissen und an den Gelenken so weit aufgepufft, daß er zwei Ellen maß in der Breite, und konnte seine Braut nur führen, indem er den Arm weit ausstreckte. Über dem Wams aber trug er einen kurzen Oberrock von Sammet, karmesin war die Farbe, und mit dem reichsten Rauchwerk ausgelegt. Vielen dünkte das zu prächtig, auch für einen so reichen Patricier. Die Elsbeth war ganz weiß angezogen, aber es sah keiner auf ihren Anzug. »Ach, wie schön sie ist!« sagte eine zur andern. Und andere sagten wieder: »Ach, wie blaß sie ist!« – »Sie ist wohl krank,« meinte einer. »Das macht die Freude,« sagte der andere. Noch andere meinten, das komme vom Nonnenkloster her, darin sie fünf Jahr gewesen. – »Es ist hübsch von den Schumms, daß sie sie doch noch nehmen.« So redeten sie vieles hin und her, aber leis, und sahen's nur wenige, wie sie da an der Ecke wankte und sich ein Riechfläschchen geben ließ. »Sie ist matt; es geht so langsam.«

Weiß der Himmel, woher es kam, es war doch alles, was sich schicket, da, und noch mehr, und wenn die Glocken innehielten, spielten die Geiger und Pfeifer, aber es war nicht so lustig als es bei einem Brautzug ist. Das fühlten sie alle und sah einer den andern an. »Der Feind ist vor den Thoren,« meinten einige. »Das wird die reichen Schumms kümmern!« – »Und die Rathenows noch weniger!« sagten andere. »Gott weiß,« sprach ein anderer, »wo die Rathenows dabei sind, da nimmt alles ein ernsthaft Gesicht an. Wenn man auch noch so froh war, man muß die Miene verziehen.« Und ein zweiter zeigte auf die Frau Eva Brakow, die doch unter ihrem Schmucke schier erlag, die kleine hübsche Frau! »Die Elsbeth Rathenow ist auch was,« sagte er, »man muß es ihr lassen; aber die Eva Brakow ist schöner. Das ist doch rot und schmuck und gefällt einem jeden, und ein jeder weiß, was er hat.«

So flüsterten die Leute Unterschiedliches, und es fehlte auch an Neidischen nicht, die's dem einen und dem andern nicht gönnten und über die Geschlechter sprachen, die von den andern zehrten, und mochten alle ins Unglück kommen, sie blieben immer obenauf. An der Kirchthür war ein entsetzlich Gedräng'. Ja, an der Hauptpforte, die auch nur klein ist, da war es so voll von Neugierigen, daß die Brautleute, wer möcht' es glauben, nicht durchkonnten. Sie hätten erst müssen die drinnen waren herausreißen, und wer konnte das, und wo sollten sie hin? Also entschlossen sie sich schnell rechts umzubiegen, um durch das kleine Pförtlein da an der Seite hineinzukommen. Das deuchte vielen schon ein bös Zeichen. Aber auch da war es voll, und Herrn Melchior wurden die Puffe am linken Ärmel und an beiden Knieen abgerissen. In der Pforte selbst, da fiel der Braut ihr Myrtenkranz vom Kopf. Es war ein Glück, daß es wenige gesehen hatten, und Herr Dietrich Wyns, der dünn war, als wir wissen, drückte ihn ihr rasch wieder ins Haar, aber verkehrt.

In der Kirche brannten hundert Kerzen, und der Weihrauch duftete hinauf bis in die schönen hohen Gewölbe, und die Goldkugeln an den Säulen und die Goldlichter an den Kanzeln und Altären flimmerten herrlich. Am Altar stand der würdige Probst Herr Franz Steeger und um ihn seine Diakonen und die Chorknaben mit weißen Hemden und rotem Überwurf. Die schwenkten die Weihkessel. Da ward jedermann wohl recht bewegt zu Mute. Nun trat das Brautpaar vor ihn und um sie her alle von ihrer Sippe, und von den Patriciern beider Städte fehlte doch nicht einer. Die Rede war sehr schön, aber die Braut hörte kein Wort. Ihr war es, als ob die Kirche ganz finster wäre, und lauter Nebel wogten dann und Irrlichter blitzten und der Boden wankte unter ihr. So mag wohl mancher Braut zu Mute sein. Dem Melchior deuchte die Rede zu lang. Der Probst sprach viel von der Stadt und dem gesegneten Bündnis, das ihr Einigkeit und Kraft verspreche, und brachte auch lateinische Worte und Sprüche hinein Herr Schumm hatte es bestellt, ob er auch nicht Latein verstand. Denn die lateinische Sprach' ist eine außerordentlich fürnehme Sprache, darin die alten Kaiser redeten; und um einen gemeinen Mann zu trauen, redete der Priester nicht lateinisch.

Nun fragte, als wie der Priester thun muß, ob er, bei Melchior, sie wolle, und sie, die Elsbeth, ob sie ihn wolle? und die Ringe hielt er, um sie zu wechseln in der Hand. Da war es, als ob eine Verzückung die Jungfrau überkomme. Sie sah nicht den Priester an und nicht den Verlobten, sie sah seitwärts nach dem Thor. Ihr Auge strahlte wunderbar, ihre Lippen öffneten sich wie im Krampf, sie hob sich auf den Zehen und zitterte; aber das war ein Zittern, wie wenn man einen Toten sieht, der uns erscheint. Und auf die Frage des Priesters: »Willst Du ihn?« antwortete sie: »Nein!« Und als sie's gesprochen, zitterte sie noch einmal, als brächen ihr alle Gelenke, und dann schlug sie auf den Boden nieder, und der Brautkranz rollte weit von ihr.

Was für ein Aufruhr da in der Kirche entstand, mag jeder sich selbst vorstellen. Aber wenn er nichts weiter wüßte, würde er sich doch sehr irren. Das »Nein«, was die Jungfrau sprach, und sie sprach es nicht mit Willen, sondern sie war nicht mehr bei sich, das hatte niemand von allen gehört als ihre Muhme, die Gertraud, die neben ihr stand, und sie fing sie in ihren Armen auf; sonst wäre das arme Mädchen mit dem Kopf blutig geschlagen. Der Melchior hatte »Ja« gesagt und mit solcher Stimme, daß niemand das »Nein«, das ein schwacher Mädchenmund sprach, hören konnte. Und daß eine Braut, die schon schwach war, als sie zur Kirche zog, dort niedersinkt und in Ohnmacht fällt, das ist selten, aber es ist in alten Zeiten doch auch vorgekommen. Gut ist es nicht; aber es ist nicht alles gut, was doch wahr ist.

Der Aufruhr, der entstand, war aber von anderer Art. Es stürmte nämlich zugleich von allen Glocken, und draußen schrie es, daß die Fenster bebten: »Feinde! Feinde!« – »Zu den Waffen!« Und die Sturmglocken tobten dermaßen, daß man wußte, es war äußerste Gefahr und kein Augenblick zu verlieren. Da stürzte denn alles, Patricier und Volk, zu den Kirchthüren hinaus, daß mancher so zerquetscht wurde, daß er liegen blieb und nicht den Spieß ergreifen konnte, wie die andern thaten. Denn ein wie herrlich Schauspiel eine Hochzeit auch ist, das Gemeinwohl einer Stadt ist doch mehr wert, und wo das Haus überm Kopf brennt, da läuft der Tanz auseinander. In dem Aufruhr nun sank die Elsbeth zu Boden, und die Sturmglocken tobten über ihr wie Donner der Zerstörung, und das fiel keinem auf.

Da sie die Augen aufschlug, war sie allein! nur ihre Muhme kniete neben ihr, die sah wahrhaftig nicht hochzeitlich aus in ihrer grauen Flügelhaube. »Wo ist er?« fragte sie, und ihr Auge schaute in die Weihrauchwölklein, so oben an der Decke hin und her strichen. »Fort! fort! Alles ist fort. Es ist nicht Hochzeit.« – »Nicht Hochzeit?« rief die Jungfrau, und ihr Auge leuchtete fast vor Freude. »Krieg ist,« sprach die Muhme. »Aber ich sah ihn doch.« Da zerpflückte Gertraud die Myrten und riß den Kranz auseinander. »Kann nie Hochzeit werden, wo die Ringe ins Mausloch rollen, und die Kränze fallen vom Haupt der Braut. – Thorheit! Thorheit! Es kommt ein anderer Bräutigam.«

Die Trommeln und Trompeten draußen ließen sie nicht ausreden. Noch einmal kam Herr Johannes zurück und küßte sein ohnmächtig Kind, denn sie war wieder in die Arme der Muhme gesunken, und dann eilte er fort und hieß Gertraud die Kranke nach Haus schaffen.

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