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Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 11
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.

»Es ist schlimm und noch einmal schlimm.« So sprach Herr Johannes Rathenow, als er die Rathaustreppe herabstieg, Herr Peter Brakow ihm zur Seite. »Es ist vieles schlimm, aber von dem schlimmsten ist das noch nicht das schlimmste.« – »Es heißt den Teufel austreiben durch Beelzebub, der der Teufel Oberster ist.«

»Aber bei allen Heiligen! wen sollen wir denn rufen? Keine von allen Städten hat uns geschrieben, keine als Mittenwalde. Konnten wir mit Mittenwalde nur des Roßkamms und seiner Gesellen mächtig werden? Und nun gar gegen den Markgrafen, der seine Vasallen entbietet durch alle Marken? Kam ein Fürst, nur ein Herr auf unser Rufen! Mutterseelen standen wir allein, wir hatten nichts für uns –« »Als unser Recht!« fiel Herr Johannes ein. »Und waren einig, die Städte, die Zünfte und die Geschlechter. Ist das nichts? Es ist viel, sehr viel, Herr Peter Brakow.« – »Wir konnten viel, aber wir können wenig. Wir können nicht bis Pankow hinaus. Und unsere guten Magistratsdörfer besetzt von den Markgräflichen, der Tempelhof, Rixdorf, Mariendorf, Marienfelde. Wenn's so fort ging, litten wir Hunger.« – »Der Köpkin und seine Gesellen werden noch aufzehren, was wir in den Speichern haben.« – »Die wissen zu schaffen.« – »Von wem? Von den Dörfern. Daß wir Elend über Elend schaffen, daß wir zum Unglück den Fluch auf uns laden und zum Fluche den Spott und zum Spott das Gelächter.«

»Wahrhaftig,« fiel Herr Brakow ein, »wär's ohne den Zarnekow gangen, es wär' besser. Ich lieb ihn als wenig wie Ihr. Aber wo hat einer seinen Anhang und ist willig uns beizustehen? Ist dazu tapfer wie ein Stier, der geschlagen ist. Überdem des Baltzer Boytin geschworener Feind und kann uns nicht verraten, muß an uns halten, da der Markgraf geschworen hat, läßt ihn hängen, wo er ihn fängt,« – »Und solch ein Diebsgesell mit der Anwartschaft auf den Galgen unser Freund! Heiliger Nikolaus, der unserer guten, ehrlichen, rechten Sache Bundesgenoß! Da muß ja, was gut ist, zum Schlechten sich kehren. Wo können wir da in den Kirchen beten lassen? Schämen müssen wir uns, so wir uns ins Gesicht sehen. Und was Wirtschaft wird's in der Stadt geben! Die Krämer müssen ihre Läden schließen, vor die Thüren wird man doppelte Riegel legen, eine ehrbare Frau kann sich nicht mehr auf den Straßen sehen lassen. Wer ausgeht, muß sich die Taschen zuhalten. O, sagt mir nichts davon, daß Ihr sie in die Vorstädte quartieren wollt. Die werden sich auch quartieren lassen, wo Ihr wollt. Die werden auch Eure Diener bleiben. Eure Herren werden sie sein. Basta, basta, Herr Peter Brakow, es ist geschehen, ich weiß es, das hilft nichts mehr, bin überstimmt und war längst überstimmt, sah's wohl, daß Ihr mir nur auswicht, vor dem alten Mann es verbergen wolltet. Drinnen schwieg ich, denn warum sie mutlos machen; Euch aber sag ich's. Ihr habt gerufen Euch zu helfen, der Euch verderben wird, und was sein soll unser Trost, das wird sein unser Untergang. Und ein schmählicher dazu.« – »Das Gott von uns wende!« sprach Brakow. Sie waren nun auf der Straße. »Ihr schaut alles schwarz an, lieber Herr.«

»Ist ein Familienfehler. Hab's nicht anders gelernt.« – »Nun aber, daß unsere Familien werden verschlungene Hände machen,« sagte der Brakow, »nun wird's doch anders werden, Herr Johannes. Die Freud', so spät einkehrt in ein Haus, die bleibt zum längsten.« – »Was Macht bringt und Reichtum, ob das auch Freude bringt?« entgegnete Herr Rathenow. »Da denkt Ihr wohl, wie Eure Elsbeth mit meiner Eva sich in den Haaren lagen. Kann Euch sagen, mein Evchen ist itzt das beste Weib. Ein guter Mann, der da weiß, was sich schickt, kuriert auch eine böse Frau. Bös war die Eva nie, aber nun ist sie so sittig, gut und mild als eine, und versichere Euch, sie soll und wird ihre Schwägerin begrüßen, als es recht ist. Und eben desgleichen fürchtet Euch nicht vor dem Melchior. Bös ist er auch nicht; und was schlimm an ihm ist, das wird eine so kluge und verständige Jungfrau als die Elsbeth bessern. Sollt sehn, er wird noch ein Schwiegersohn, daß Ihr Eure Freude haben sollt. Und eine Hochzeit wird's werden, daran der Neid sich soll blaß sehen. Unsere Pauker, Pfeifer und Geiger sollen einen Lärm machen, daß es der Markgraf in Spandow hören muß. Kehren uns nicht an ihn.«

Dazu schüttelte Herr Johannes den Kopf. Ihn bedünkte es nicht recht, daß der Bürger froh sei und solche Hochzeit mache, wenn die Stadt in großen Drangsalen ist und der Feind vorm Thor steht. Aber war's beschlossen und ging nicht zu ändern. Hätte es die Bürger alle auch sehr verdrossen; denn grade weil viel Kummer war, darum wollten sie auch Lustiges haben und freuten sich alle auf das Fest. Nun gemahnte Herr Brakow den Johannes, nach Hause zu gehen, ehe es zu gedrang in den Straßen werde, denn als er wohl glaube, werde sein Schwager grad um diese Stunde in der Stadt einziehen. Er lachte dabei recht verstohlen, als wisse er noch mehr.

Und so war es. Kaum daß der Rathenow in seinem Haus angelangt, als vielerlei lustige Musika von drüben her sich vernehmen ließ, und seine Tochter öffnete leis die Thür und sprach: »Er kommt, Vater!« Und als sie nun beide ans Fenster traten, war schon mancherlei zu sehen. Da war Töpfermarkt am Sankt Nikolas, und die Topfmacher der Stadt und die von den Orten, die zugelassen werden, hatten ihre Geschirre breit ausgestellt und an die Buden und Häuser hatten sie die Töpfe und Schüsseln in gar bunten Figuren übereinander aufgeschichtet. Es war ganz lustig zu schauen, denn auch Tanger und Bänder von allerlei Farben waren aufgesteckt. Kurz es war ein gar froher Markt und konnte man nur fragen: Wo kommen die Käufer zu so vielen Herrlichkeiten her, und grad in dieser Zeit? »Das ist Dir zu Ehren,« flüsterte der Vater seiner Tochter zu, denn all die Töpfersleute schauten lachend zum Hause des Bürgermeisters hinauf. Sie seufzte.

Nun hörte man viel Lärm, lustigen, Trompeter und Pfeifer, und Hufschläge und Roßgewieher, und um die Ecken kamen schön geschmückte Reiter, und alles rief: »Platz! Platz!« und »Hoch! Hoch! der Herr Melchior!« – »Platz den ehrenwerten Herren Schumms!« Da ritten viele von ihren Freunden mit, was Brakows da waren, die Hoppenrade, Garnekofer, auch die beiden Wyns; alle sauber angethan und künstliche Blumensträuße an der Brust, Manchem sah man's an, wie schwer ihm das war, zu Pferd sitzen. Aber den allergrößten Blumenstrauß, er war über einen Schuh hoch, und waren's Ranunkeln, Tulpen und Lilien, den trug der Junker Melchior vor seiner Brust. Sein Kleid, des hätte sich ein Herzog nicht schämen dürfen, der zur Freite reitet. Von weißem Atlas war das Wams, über und über mit Golde gestickt und item seine Hosen, die aber waren gepufft und geschlitzt von oben bis unten, und an den Schlitzen saßen lauter rote Rosen. Auch von weißem Atlas waren die Schuhe und gerissen und gestickt, daß die Leute sich verwunderten, und er hatte sehr große Füße. Seine Hände, die waren auch groß, denn er war ein starker Mann, nur etwas ungeschlacht von Figur und hantierte gern mit, wo es Stückfässer wälzen galt auf die Kähne, ob er's doch nicht Not hatte, selbst zu thun. Darum waren die Hände sehr rot, und er konnte, wenn er eine ausbreitete, einen tüchtigen Teller umspannen. Die weißen Seidenhandschuhe, obgleich eigens dazu gewirkt, wollten ihm also nicht recht sitzen und waren überall geplatzt. Was schickte sich auch Seide zu einer solchen Hand! Das Gesicht des Junkers war desgleichen sehr rot und mehr in die Breite gegangen, als in die Länge; sein Bart, der war blond, und Augen hatte er, so große gab's nicht zum zweiten Male in Köln, und sie schimmerten ins Weißliche.

Und so groß und stark wie er, war auch sein Pferd, mit kostbaren Decken überhangen und allerlei Rüstzeug. Aber er ritt nur langsam, denn das Roß machte ungeschickte Sprünge, weil aller Ecken ihm ein Hufeisen abflog. Aber wenn's auch einen blutig schlug, das verdroß ihn nicht; es gab vielmehr ein groß Gelächter und sie ließen den Junker in die Wolken leben. Denn der Huf war von Silber, und wer ihn fing, der behielt ihn. Und sogleich waren Schmiede zur Hand, die dem Tier ein neu Hufeisen anschlugen, aber nicht fest, und es dauerte nicht lang, so hatte es das wieder abgeschleudert. Daher kam's, daß der Zug lange auf sich warten ließ, aber mit einem Mal, da er nun angesichts des Hauses war, schrie die Jungfrau Rathenow laut auf und etliche mit ihr. Denn die Reiter sahen gar nicht vor sich, wo sie ritten, und ihre Pferde zerschlugen die ausgestellten Geschirre. Plötzlich aber, als könne er sein Pferd nicht zügeln, sprengte der Junker in einen großen Berg mit Töpfen, daß es ein Geklatsch gab und die Scherben umherflogen. Nun riß er das Pferd, wie erschreckt darob, zurück, aber von der Seite kriegte es wieder die Sporen und fuhr aufs neue in einen andern Berg.

Da Herr Bartholomeus die Angst auf den Gesichtern der Frauen sah, und insonderheit auf 'dem der schönen Rathenowin, rief er hinauf: »Keine Bange, Jungfer Elsbeth, es wird alles bezahlt.« Und so war es auch. Denn hinter dem Junker Melchior ritt Herr Dietrich Wyns mit zween vollen Säcken, die am Sattellnopf zu beiden Seiten des Pferdes herabhingen. Und wo die Töpfe und Schüsseln zerschlagen wurden, da griff er mit vollen Händen hinein und streute Kupfergeld und Silbergeld aus. Daher kam es, daß die Töpfermeister nicht klagten, als man doch erwarten sollen, sondern sie sahen alle sehr vergnügt aus. Mancher bekam doppelt mehr bezahlt, als seine Töpfe wert waren. Aber der Melchior ruhte nun auch nicht, als bis alle Haufen auf dem Markte kurz und klein waren. Historisch. Wer sich aber am meisten darüber freute, war sein Vater, Herr Bartholomeus. Man sah's ihm an, wie er so wohlbehaglich auf seinem kleinen Pferde saß, und eine Freudenthräne lief ihm über die Backen; und als die andern Herren von seiner Sippe meinten, es sei wohl nun genug, sprach er: »Laßt doch dem Jungen sein unschuldig Vergnügen.« Die Leute schwenkten ihre Mützen, und da schlug doch ein Lebehoch das andere tot, und alle meinten, seit Berlin steht, sei doch kein Patricier mit solchen Ehren zu seiner Braut geritten. Die älteren Bürger sagten, das sei eine seine Art, wie die reichen Familien ihren Überfluß den ärmeren zu Nutz verwendeten, und könnte sich mancher Mann daran ein Beispiel nehmen. Zur Verlobung oben gab's noch lange Musika, nicht von den Trompetern und Pfeifern allein, die vorm Haus blieben, sondern die Jungen polterten noch fort und fort unter den Scherben, und was noch zu groß geblieben, das zerschlugen sie gegen die Rolandssäule.

»Gefällt Euch des Bräutigams Einzug, schöne Braut?« sprach Herr Bartholomeus, da er vor Elsbeth stand; und heut sah sie aus, nicht wie eine Rose, obgleich Braut, sondern wieder als eine Lilie, so schneeweiß war ihr Antlitz. Sie war kein Kind mehr, sondern eine wunderschöne Jungfrau, die wohl schon hätte Hausfrau sein können, so wohl und hoch gewachsen war sie, und so würdig schritt sie und stand sie da. Da war nichts mehr von Mutwillen und Flattersinn in ihrem Gesicht zu lesen; die Lippen waren wohl noch etwas aufgeworfen, aber so sie die Augen aufschlug, das war ein Ernst, als schaute sie in des andern Seele hinein. Und angezogen war sie, festlich wohl, aber so einfach, daß alle sich wunderten.

»Ihr seid eingezogen ins Haus mit Zerstörung. Daß das nur kein schlimm Zeichen ist.« – »Zerstörung!« kicherte Herr Bartholomeus. »Ja, ja, 's wird mancherlei zerstört. Das geht nun so nicht anders. Seid wohl noch erschreckt? Der Junge hat Lärm gemacht. Gebt ihm die Hand. Könnt's mit ihm wagen.« – »Ich grüß' Euch, Junker Melchior, und seid willkommen in diesem Haus.« – »Ist's nicht ein prächtiger Junge? Hat sich's was kosten lassen, aber die Jungfer ist's auch wert, daß man sich anstrengt. Na, sprich doch auch ein Wort, Junge.« – »Gott grüß' Euch, Jungfer Elsbeth, und Ihr sollt's nicht lange bleiben.«

Da lachten alle herzlich, denn schon auf übermorgen war die Hochzeit angesetzt. Nun war's aber nicht Sitte, daß wenn zwei verlobt wurden, die viel selbst sprachen; und mochten beide auch nicht wissen, was sie sprechen sollten. Die Jungfrau schaute vor sich nieder, der Bräutigam aber schaute sie dann und wann an, und dann flog ein gar wohlgefällig Lächeln über seinen breiten Mund. Desto mehr sprachen die andern. Was gab's da für Flüstern und Stichelreden, wozu der Junker Melchior grinste und Elsbeth schlug die Augen nieder. Denn dazumal liebten die alten Herren, durch allerlei Anzügliches die Brautleute zu necken, und weit mehr als heut geschieht; nahm's aber keiner übel.

Und als sie nun die Ringe austauschen sollten, wie Brautleute thun, da zitterte die Jungfrau zum ersten Mal, der Melchior aber konnte gar nicht seinen Handschuh abkriegen. Endlich aber, da riß er so, daß der Ring ihm vom Finger flog. »Ei, ei, das ist nicht gut,« flüsterte sie, und der Ring rollte auf der Diele. Aber die Dielen waren schief, denn das Haus hatte sich vor alters gesenkt, und wie auch alle danach sprangen, ehe sie sich's versahen, war er in ein Mauseloch gefallen. Es konnte ihn keiner wieder kriegen. Da machten viele ein bedenklich Gesicht. Der Melchior aber hatte sich ungetüm; hatte schier Lust, mit dem Fuß die morsche Diele einzustampfen; rief nach einer Axt. Sein Vater aber sagte: »Dumm Zeug, was ist ein Ring! Einer ist wie der andere. Ist nicht so viel Gold dran, daß ein Mensch drum Aufhebens macht.« Und dann wollte er seinen vom Finger ziehen. Das hatte aber auch Schwierigkeit. Denn der Finger war geschwollen, und es ging nicht. Einige wollten's nun noch aufgehoben haben, aber das gefiel den meisten nicht, und die Kuchen und Pasteten und Schüsseln dampften schon auf dem Tische. Darum schickten sie in aller Eil' drüben zum Goldschmied, und es kam auch wirklich ein Ring, der leidlich paßte; aber Herr Bartholomeus war gar nicht mit zufrieden und spuckte, wie er ihn sah, denn das wäre ein lumpig Ding, für Bettelmannsleute, aber nicht für reiche Patricier. Sie beruhigten ihn, denn das sei doch nur der Verlobungsring; dafür verhieß er aber zur Hochzeit zween schmieden zu lassen, so dick und groß, als man noch keine in Berlin gesehen. Meinten aber doch gar viele, daß es ein bös Zeichen gewesen.

Und das war auch wohl nicht gut, daß der Junker Melchior grad an seinem Verlobungstag sich übernahm. Nicht über die Maßen, daß sie ihn forttragen mußten, aber grad gehen konnte er nicht mehr, und zwei mußten ihn unterfassen, als er die Trepp' 'nunter stieg. Das, meinten einige, sei nicht hübsch, und hätte er damit warten können bis zum Abend! Sein Vater aber sagte: »Es ist ein guter Junge, laßt ihn doch!« Zuvor aber hatte er zu Ehren seiner Braut so viel gegessen, als die Elsbeth wenig aß; und als er getrunken, da ward er ebenso redselig, als sie schweigsam blieb. Er erzählte Dinge, die man sonst nicht vor einer Braut erzählt, wie er's mit dem und dem aufgenommen und einem eine Rippe eingeschlagen, dem andern das Bein verrenkt, und wie er den Schiffern in Oderberg, als sie schliefen, die Kähne zusammengebunden und dann die Kette losgerissen, daran sie am Ufer lagen. Nun war er in den vordersten gesprungen und hatte den in die Mitte der Oder gestoßen, und alle Kähne hinterher. Das war eine Lust, als die Knechte erwachten, und ihre Fahrzeuge schwammen gen Stettin, und Melchior schimpfte und lachte sie aus; sie sollten nun in den Strom springen und nachschwimmen. Ja, es kam noch mancherlei der Art, und mag ich das durchaus nicht schelten, denn welcher Mann wünscht nicht, daß seine Braut weiß, wie stark er ist, und die Leute ihn fürchten, und was Aufsehen er gemacht. Aber als er nun noch mehr getrunken, fing er auch von seinen Liebesgeschichten an zu erzählen; und das ist nicht fein. Da vergaß er ganz, daß seine Braut neben ihm saß. Und etliche, die sprangen zu und hielten ihm mit dem Tuch den Mund zu, daß er nicht weiter spreche; und Herr Bartholomeus wollte sich darüber ausschütten vor Lachen.

Auch mit dem Henning Mollner rühmte er sich, daß er in Bernow mit ihm aneinander geraten war, im Ratskeller, und sagte, der wäre zum Fenster hinausgesprungen, und hätte er ihm einen Krug Bier nachgeworfen. Da fuhr plötzlich die Blässe von dem Antlitz der Jungfrau und ein dunkel Rot über Stirn und Wangen. Sie sprach: »Das ist nicht wahr.« Er aber schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: »Das ist doch wahr.«

Zum Glück, daß die andern auch schon getrunken hatten, und sie warfen sich ins Mittel und machten's zum Scherz, was hätte bitterer Ernst werden können. Herr Thomas Wyns schlang den Arm um seine Schulter, und Herr Peter Brakow machte ihm die geballte Hand auseinander. Wie er nun auch schrie, es sei wahr, daß er den Henning in Bernow zum Fenster hinausgeworfen, sie sagten ihm, daß er wohl mitgeflogen wäre und hätte es vergessen.

Er aber schwor, so er den Henning wieder träfe, wolle er's ihm ins Gesicht sagen, und wolle es alle Zeit mit ihm aufnehmen, so einzeln gegen einzeln, als Geselle gegen Gesellen, Da hatten sie ihm gut sagen, daß der Jungfer die Thräne im Auge stände, sintemalen der Henning ihr guter Spielgenoß gewesen, und nun war er verschollen und wahrscheinlich umkommen im Elend. »Dreitausend Hennings hin, dreitausend Hennings her,« schrie er, »darum kräht noch kein Hahn!« Da mußte auch Herr Bartholomeus zuspringen, und sagte: »Junge, sei nicht toll. Das war dumm Zeug und ist nun vorbei. So sie dem Henning gut war, vergiß das. Sie soll's auch nicht wissen, wie viel Mägde Dir nachliefen.« – »Das mag sie wissen,« schrie der Melchior, »ich scher' mich nichts um ihren Henning, nicht so viel.« – »Melchior, bist Du eifersüchtig?« – »Ich eifersüchtig!« schrie er auf. »Ich bin nicht eifersüchtig, ich bin ihr Bräutigam. Das will ich beschwören, und wer will's mir abstreiten.« – »Niemand, niemand!« lachten die andern. »Und nun beweis es auch. Gebt Euch die Hand und einen Kuß in Ehren.«

Wer gar wenig an dem Tische gesprochen, das war Johannes Rathenow. So ernsthaft hatte man ihn lange nicht gesehen. Er hätte sich doch freuen sollen, meinten die andern, mit was Ehren der Bräutigam seiner Tochter ins Haus gezogen war. Sie meinten, die zerschlagenen Töpfe hätten dem alten Bartholomeus allein fünf Schock Groschen gekostet, ungerechnet die silbernen Hufeisen. »Aber der ist selbst 'ein Sauertopf worden,« sagte Herr Thomas Wyns, »er denkt nur an die Stadt und nicht an sein Haus.« – Ein anderer sagte: »Eine Stadt sind viele Häuser, und wer nicht für sein Haus sorgt, der sorgt auch nicht für seine Stadt.«

Itzt aber seufzte Herr Johannes tief auf und senkte den Kopf. Es war da, als der Junker Melchior seiner Tochter den Brautkuß gab. Sie sah sehr traurig aus und blaß; ihr Auge wandte sich ab, und die Blicke trafen sich, des Vaters und der Tochter. Das ging ihm in die Seele, und er trank von dem Augenblick keinen Tropfen Weines. War's ihm auch sehr lieb, als die Gäste nun aufbrachen. Die waren alle guter Dinge und hatten nichts gemerkt. Sie freuten sich vielmehr als gute Bürger über die Hochzeit, daß nun doch die Schumms und die Rathenows zusammenkämen, was der Stadt Sache Festigkeit und Einheit versprach. Denn eben wie der Johannes, wollte der Bartholomeus keinen Finger breit nachgeben dem Markgrafen. Und waren doch schon etliche im Rat, die von Unterwerfung sprachen.

Als sie alle fort waren, saß der Bürgermeister in seiner Kammer und stützte den Kopf auf den Arm. Elsbeth trat zu ihm: »Was sorgst Du, lieber Vater, um mich? Du hast Sorgen, die größer sind und schwerer Dich drücken.« Er nahm ihre Hand und streichelte sie mit seinen beiden, und freundlich und wehmütig schaute er zu ihr hinauf: »Du bist verständig worden und ernst über Deine Jahre, mein liebes Kind.« – »Sie sagen, das Unglück ist eine Schule, darin man am meisten lernt. Was sollte ich im Kloster drüben lernen froh sein, da ich wußte, mein Vater war im Elend. Nun bist Du wieder in Deinem Haus, bist in Deine Rechte eingesetzt, geehrt und geachtet. Sie lauschen auf Dein Wort, und Dein Ansehen ist groß, als Du es verdienst. Nun werde ich wieder froh sein.« – »Dein Auge zeiht Deine Lippen der Lüge. Ach, liebe Elsbeth, wirst Du denn froh sein?« – Ein tiefer Seufzer stieg aus ihrer Brust: »Vater, ich glaube, ich werde froh sein, ich hoffe es. Bei den Schwestern in Spandow habe ich gelernt, was einer Hausfrau obliegt, die sorgen muß für ein großes Haus. Da will ich walten darin und zum Rechten sehen, als es einem guten deutschen Weibe ziemt.« – »Hätte Dir gern einen andern gegönnt,« sprach Herr Johannes in sich hinein.

Sie hörte es und trocknete mit dem Tüchlein das Aug', da eine Thräne vorquoll: »Der andere ist tot,« sagte sie mit leiser Stimme. »Ich hatte den Henning lieb, Vater, sehr lieb, des bin ich mir erst in der Einsamkeit des Klosters recht bewußt worden. Da träumte ich oft in den Mitternächten, wenn der Sturm durch die Kreuzgänge fegte und die Ziegel vom Dache riß, und ich sah Dich am Stabe durch Wald und Nacht pilgern, und Du wanktest und konntest nicht weiter. Da kam auch einer, der im Elend irrte. Der faßte Dich unter, führte Dich, wärmte und speiste Dich, er sang Dir frohe Lieder und machte Dir Hoffnung. Ach, der Henning wußte doch immer das Rechte zu finden.« – »Der arme Henning!« – »Vater, ich träumte, er käme geritten als ein stolzer Ritter vor die Thore Berlins, und pochte daran und ließe Trompeter blasen, und Dich führte er wieder in Deine Ehren und Dein Recht.« – »Der schläft nun unter kühlem Rasen, Gott allein weiß wo!« – »Aber so Du's wüßtest, nicht wahr, Du richtetest ihm einen Denkstein auf, als er verdient? Denn er war ein guter Mensch und hatte Dich sehr lieb, auch die Stadt. Wär' er itzt hier, es sähe wohl anders aus. Es fehlt den Bürgern solch einer mit dem Mute. Er würde zu ihnen sprechen, er würde sie gegen die Feinde führen. Ach, Vater, die bösen Bürger, ihre Besten haben sie ins Elend geschickt!« – »Und nur die Hinfälligen und Alten wiedergerufen, die ihnen nichts mehr helfen.« – »Du wirst es, Vater!« sprach die Tochter mit leuchtenden Augen. »Ich habe den Henning begraben. Der Melchior wird Dein Sohn, und Gott wird mich stärken.« – »Wird er's?«

»Ja, gewiß, Vater. Das Herz der Elsbeth ruht in dem Grabe, wo Henning schläft. Aber die Tochter ihres Vaters, die Tochter der Rathenows, ist auch eine Bürgerin ihrer Stadt. Sie wird sich auch freuen, wenn der Stadt Recht besteht und ihre Freiheit siegt. Die Brücke zwischen Köln und Berlin wird nicht abgebrochen. Sie wird stärker werden. Unsere Hochzeit wird ein Fest sein, nicht für die Elsbeth und nicht für Dich, aber für den Johannes Rathenow, den Sohn seiner Väter, für unsere freie Stadt, für die Geschlechter und die Gewerke, für uns alle, Vater. Die Schumms und Rathenows eins, das wird eine Säule werden, daran sie sich halten, daran muß die häßliche kleine Zwietracht scheitern, und darum, Vater, lohnt es sich doch –«

Was sie noch hinzusetzen wollte, erstickten die Thränen oder des Vaters Arme, die das geliebte Kind umschlossen. Auch in seinen Augen perlte es, und dann legte er beide Hände auf ihre Stirn und segnete sie.

Die alte Muhme hatte es mit angehört. Als die Elsbeth fortgestürzt war in ihr Kämmerlein, sprach sie: »Johannes! Die Säule wird nicht gebaut, die Pfeiler der Brücke werden nicht gestärkt. Der Brautzug wird nicht drüber gehen, die Elsbeth wird nicht des Melchior Weib. Der Brautring fiel ins Mäuseloch. Ist eitel Hoffen, Johannes. Die Schumms werden so wenig verschlungene Hände machen mit den Rathenows, als der steinerne Roland stehen bleibt. Sieh doch, wie er wankt. Seine Zeit ist um.«

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