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Der Roland von Berlin - Dritter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Dritter Band - Kapitel 10
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Dritter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeSechster Band.
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Zehntes Kapitel.

»Träume sind Schäume,« sagte die Muhme.

»Ach Muhme, das war aber kein Traum. Ein Traum war's wohl. – Aber wie ich nun aufwachte, die Sterne selber froren am Himmel. Und so klar war er und flimmerte. Und durch die Fenster schauerte es herein. Mein Vater stöhnte neben mir. Der Knecht Dietrich, der lag an der Thür und schnarchte. Hab' nie einen Menschen so schnarchen gehört. Die Mäuse raschelten in den Winkeln, die Rosse unten stampften voll Ungeduld, und draußen in der kalten Nacht heulten die Wölfe.« – »Die hören wir ja auch. Wenn's recht scharfer Frost ist, kommen sie bis ins Dorf.« – »Aber nicht so, Muhme, so heulen sie nicht wie in jener Nacht. Immer näher und immer näher, immer mehr und immer mehr, und ein Geheul, so kläglich und so gräßlich. Der Atem stockte mir.« – »Der Dietrich! daß er auch schlafen mußte, der nie 's Maul halten kann,« sagte die Muhme. »Wir waren alle sehr müd. Und wären wir nicht so müd gewesen, und die Wölfe nicht, so wären wir auch gewiß da nicht eingekehrt. Denn die Burg, Muhme, das sah aus! Und's war gar keine Treppe eigentlich, nur eine Leiter, die wir hinaufstiegen. Und ein Haferbrei, das war unser Abendimbiß. Und der häßliche Wende wollte es doch nur um Gottes willen thun.« – »Als ich mir habe sagen lassen, Kind, war der nicht so bös. Er nahm Euch nur darum ungern auf, weil die Raubgesellen bei ihm einkehren. Er mochte nicht, daß sie Euch totschlügen. Mancher Mensch sieht schlechter aus als er ist. Und mancher schaut güldig und als ein großer Herr, und ist doch nur ein gemeiner Gesell.« – »Das sagte der Knecht Dietrich auch dazumal am Wege von dem Ritter, und der Vater glaubte es, und siehst Du, wie das falsch war. Hätten wir gewartet in Dobrilugk, bis daß sein Roß besser wurde –« »Dann wär's anders kommen als es ist,« fiel die Muhme ein. »Ja, ganz anders.« – »Nicht doch, Agnes. Es kommt nicht anders als es kommen soll. Dann wär' Dir ja auch nicht der Erzengel Michael erschienen.«

Agnes wurde rot: »Dann hätte er aber auch nicht die Wunde weg, der gute, liebe, herrliche Ritter, um unsertwillen.« – »Er hätte aber auch nicht bei uns auf dem Siechbett gelegen, und Du hättest ihn nicht können pflegen. Und hättest nicht die Freud' gehabt, daß er gesundet. Ist alles im Himmel beschlossen, als es kommen soll. Wer weiß, warum der reiche herrliche Ritter nach Burg Malchow kommen mußte. Hat dem Vater sagen lassen, er wird heute mit zu Tisch kommen.« – »Ach, heilige Mutter Gottes!« – »Ja, Kind, die war wohl recht sichtlich bei Dir da in Kikhövel. Die hat Dir den Erzengel Michael geschickt, ich meine im Traume den. Wolltest mir aber noch sagen, wie kam es, als Du aufstandest.« – »Es ließ mich nicht ruhen. Als lägen unsere Schachteln und Kasten auf mir, drückte es. Da sprang ich auf. Aber wie mir da himmelangst war in dem öden kalten Saal, das kann ich Dir gar nicht sagen. Ich hätte schreien mögen und alles wecken, aber es war mir auch wieder, als müßt' ich den Atem anhalten, als bräche alles los und zusammen, so ich nur einen Laut thäte. Nun schaute ich zum Fenster 'raus. Da war mir, als hätte der Schnee all das wilde Treiben und den Lärm verdeckt und versteckt. Und ich konnte nicht das Aug' fort thun, wie mich auch bitter fror. Unten war's still worden. Die Hunde schliefen und winselten, die Rosse stöhnten im Schlaf bisweilen auf. In der Wirtsstube dort, wo der Lärm herkam, war es auch still, das Licht war aus, nur dann und wann flog ein Funken durch die Esse. Aber die Raben auf dem Turme schliefen nicht. Die kletterten auf den Sparren umher und streckten ihre Hälse und breiteten ihre Flügel und flatterten auf, als schauten sie aus, was kommen möchte. Und dann sah ich ein Rudel Wölfe springen. Sie heulten nicht, aber –« »Quäl Dich nicht, Kind. Wenn die bösen Mächte über uns sind, da muß der Mensch ein Kreuz schlagen und still liegen.« – »Ich lag still, Muhme, und schlang alle Decken um mich und vergrub mich ins Haferstroh. Das war aber bös von mir. Hätte mich nicht sollen grauen lassen.« – »Du warst müd' und schwach. Der Mensch kann nicht mehr thun, als der Herr zuläßt.« – »Ich hätte doch den Vater wecken können.« – »Der ward doch geweckt, als es Zeit war. Die lieben Heiligen sandten Dir den festen Schlaf und den Traum auch.«

»Ach Gott, Muhme, aber das Erwachen! Ich schlief noch immer fort, als ich schon aufgesprungen war, und die Thüre krachte, und die Schwerter und Messer blitzten, und es pfiff und schrie. Und es war alles, wie ich es im Traum sah. Zwei hatten mich gepackt. Der Dietrich schlug mit seiner Axt um sich wie ein Mühlrad –« »Ist ein wackrer Knecht,« sagte die Muhme. »Der Vater wird ihm auch zeitlebens das Gnadenbrot geben.« – »Einen hatte der Vater niedergeschlagen, zween taumelten verwundet, aber nun strauchelte er und fiel rücklings: »Sorg' nicht, Vater! Der Erzengel Michael kommt!« rief ich.« – »Das sprachst Du noch im Traume, und dann mußte es so kommen.« – »Nein, das war nicht Traum, Muhme. Ich sah ja leibhaftig vor ihm den Drachen, rotborstig, grad so, als er mir erschienen, ein breites Maul von einem Ohr zum andern, und eine Reihe Zähne fletschen, als eines Wolfes, und grün schillernde Augen. »Er thut Dir nichts, der Drache, Vater! Der Engel ist über ihm.« – »Und da hielt er mit der Axt still. Was Gott Wunder thut durch ein schwaches Mädchen!« – »Wo der Drache ist, muß doch auch der Engel sein.« – »Und da kam er?« – »Nein, er stand da, es wußt' keiner wie. Zum Fenster herein, wo just der erste Sonnenstrahl eindrang, und sein Harnisch funkelte golden, und sein breites Schwert flammte als des Cherubims drüben in der Klosterkirche.«

Die Muhme, so gläubig sie auch war, mußte doch ein wenig lächeln, denn er war nicht durchs Fenster gekommen, sondern die Treppe herauf und hatte vorher drei der Raubgesellen niedergestreckt.

»Ach, Muhme, der goldige Sonnenschein und das flammende Schwert und die blonden Locken über den Harnisch rollend, wie's auf allen Bildern ist. Und nun stürzte der rote, häßliche, blutige Räuber mit einem Streiche zu Boden und wälzte sich als Drache, und der goldene Ritter mit einem Fuße auf ihm, und mein Vater gerettet –« »Da mußtest Du ihm wohl zu Füßen sinken.« – »War er denn nicht als ein Engel kommen?« – »Schon gut, liebes Kind. Aber der Michael, der ist ein ganz anderer Engel. Das ist ein großer, vornehmer, ein Erzengel. Der kommt nur und schlägt drein, wenn der Gottseibeiuns selber aus der Hölle brechen will. So er um jede Räuberbande auf die Erde müßte und um jeden Junker, der einmal in eine schlechte Herberge geriet, ach, Du lieber Gott, das wär' doch zu viel verlangt.« – »Weiß nicht, warum die Engel nicht auch um kleine Dinge auf die Erde kommen. Für uns war's doch ein groß Ding. Und was wär' er mir denn im Traum erschienen! Ein Heiligenschein war um seine Stirn.« – »Der Engel aber, der Dir im Traum erschien, sah wohl just auch aus – wie der Ritter in Dobrilugk.« Agnes ließ das Köpfchen sinken. »Sag' mal, was trug denn der Erzengel Michael über dem Harnisch? Ich meine der Engel, der Dir im Traum erschien?« – »Ein Pantherfell.« – »Ei, siehst Du, Kind, der Erzengel Michael, der den frommen Märtyrern erschienen und den heiligen Bischöfen und Malern, der trägt Flügel an den Schultern und keine Pantherhaut. Den Ritter von Dobrilugk hattest Du im Sinn, den mit der Pantherhaut. An den Du dachtest, der erschien Dir im Schlaf.« – »Aber Engel, als mir gesagt ist, wenn sie unter Menschen kommen, lieben es, in menschlicher Gestalt, das heißt als gute und herrliche Menschen, zu erscheinen, damit wir nicht erschrecken, sondern sie gleich von Anfang an lieb haben.« – »Das ist schon gut, Kind. Aber wer kennt denn hier den Ritter und weiß eigentlich, wer er ist?« – »Herr Gott, Muhme, der Ritter, der meinem Vater das Leben gerettet und mich gerettet, wo wär' ich, was wär' aus mir worden, und wie ein Riese schlug er sich, und nachdem er neun von den Bösewichtern niedergestreckt und die andern flohen, da mußt ein Tückebold von hinten einen Bolzen auf ihn schießen, daß er hinstürzte. O, das war schändlich, solchen Ritter! Und solchen Ritter sollten wir nicht kennen! Es ist kein so edler im ganzen Land.« – »Na, aber ein Engel war er doch nicht! Den hätte kein Bolzen getroffen.« – »Ach, Muhme, so mein' ich's auch nicht.«

»Und ein Engel wär' nicht so schwer zu tragen gewesen, wie die Knechte sagen, als sie ihn herschafften.« – »Aber wenn die Engel nicht bei ihm waren, da wär' er unterwegs verblutet und gestorben. Solche Wunden bei kalter Winterszeit!« – »Und er soll schon ehegestern ganz ordentlich getrunken haben, sagt der Hausmeister.« – »Er ist ein Ritter.« – »Und die Magd hörte ihn fluchen, weil sie ihm von dem sauren Wein gebracht.« – »Und hat er da nicht recht? Welchem Ritter von dem schlechten Wein bringen, der den allerbesten verdient. Gut, daß Du mir's sagst, ich will selbst in den Keller und ihm zapfen lassen vom besten. Dem Gesinde kann man doch niemals trauen.« – »Ja, sie sagen, er scheine ihnen sehr verwöhnt. Müsse recht gehätschelt sein. Das meinten auch Deine Vettern.« – »Ach, die Hans Ungeschicks! Da bricht ja die Treppe, wenn sie 'runterstürzen, und wenn sie in die Thür treten, stoßen sie sich mit den Ellenbogen. Die wissen einen feinen Ritter nicht zu würdigen. Wenn er erzählt, wie hört sich das an, und wie er neulich zum erstenmal im Armsessel saß und die Herren empfing, da sah er doch aus wie der Graf von Ruppin, und die wären seine Vasallen. Er ist wohl reicher als die Ruppiner.« – »Ja, ja, Gold und Silber, wenn es das thäte, das ist genug da. Nu, der liebe Gott und seine Heiligen wird alles zum Besten fügen.« – »Liebe Muhme, was ist Dir?«

»Nichts ist mir, Kind. Das Gold ist gewiß echt und das Silber auch. Und der Knecht Dietrich ist ein einfältiger Mensch. Gestohlen ist es auch nicht, es sitzt ihm ja alles wie angegossen. Aber wie der Zusammenhang, und wo das her ist. – Der Böse schleicht auf allerhand Wegen, mit Gold verblendet er die Augen der armen Menschenkinder. Gerade da, wo man's nicht erwartet, streut er's hin. – Wissen wir doch kaum seinen Namen; wo er her ist, noch gar nicht. Weißt Du, wenn er so schelmisch lacht, da wird mir ganz wunderlich zu Mute. – Und es ist gewiß ein christlicher Ritter, Agnes, denn er schlägt sein Kreuz wie einer. Aber – kurios ist doch das, wie er da plötzlich wie aus dem Himmel geschneit in die Burg kam –«

»Das ist ja ganz natürlich, Muhme. Er zog denselben Weg als wir.« – »Natürlich scheint manches, Kind. Aber im Schneegestöber verirrt man leicht, zumal wenn man im Lande fremd ist. Was mußte der nun gerade Deine Spur finden durch Schnee und Wind.« – »Es hat ihm jemand den Weg gezeigt.« – »Ja, ja, dieser Jemand. Es begegnet uns oft ein Jemand am Kreuzweg, und der möchte uns immer führen. Wir sollen uns aber nicht von ihm führen lassen.« – »Er sagte von einer alten Frau.« – »Ja, ja, diese alten Frauen kennen wir. Zuweilen reiten sie auf einem Besen, zuweilen hinken sie auf einem Bein. Was hat ein alt Weib in Schneenacht und Finsternis zu thun? Der Fürst der Finsternis leuchtete ihnen freilich, daß sie den Rechten finden. Ach, Kind, ach, Kind, wenn er nur nicht auch noch hinkt.«

Agnes hatte nur wenig zugehört, sie stand am Fenster und plötzlich rief sie auf: »Da geht er, Muhme. Er hinkt nicht mehr.«

Da kann man sich wohl denken, daß in dem alten Schlosse viel Geflüster war über den verwundeten Gast. Und jeder dachte sich etwas Besonderes. Denn es war überhaupt nicht viel im Schloß, am wenigsten Unterhaltung. Wer macht viel Besuche im Winter, wenn der Schnee schuhhoch auf den Straßen liegt, und wo man im Keller an leere Fässer klopft und im Rauchfang den schwarzen Ruß sieht, da eilen die Gäste auch nicht hin. Der Junker hielt seinen Gast nicht für den Erzengel Michael und auch nicht für einen Gesellen, den der Gottseibeiuns ihm ins Haus geschickt. Aber neugierig war er doch sehr, zu wissen, wer er denn eigentlich war? Um deshalb unterließ er's nicht, jeden Morgen, wenn der Ritter noch schlief, leis in seine Stube zu treten und beschaute seine glänzende, silbereingelegte Rüstung und mit noch mehr Lust seine reichen türkischen Waffen. Den silbernen Halbmond, das köstliche Beutestück, hielt er hin und her, und die Schilde mit arabischer Schrift drauf, und die Falten des golddurchwirkten Sammetrocks streichelte er mit solchem innigen Wohlbehagen, daß dabei die auf seiner eignen Stirn sich glätteten. Und die Sporen waren gediegen Gold, und desgleichen die schwere Kette, die dem Ritter der Kaiser um den Hals gehängt, und die Kisten, die freilich verschlossen waren, aber schwer waren sie. Und jedesmal, daß er hinausging, war der Junker mehr davon überzeugt, was für einem trefflichen Ritter er sein und seiner Tochter Leben verdanke, und wollte der Knecht Dietrich doch noch immer etwas meinen, der wurde zurecht gewiesen. Ja, er war so zufrieden, wie es war und sich schickte, daß es ihm gar nicht so lieb gewesen, wenn der Ritter kein Ritter gewesen wäre, als er war, sondern der Erzengel Michael, eine wie große Ehre es auch für einen Ritter in der Mark Brandenburg sein mußte, so der heilige Erzengel als Gast unter sein schlechtes Dach kam.

Mit dem Dache sah es allerdings schlecht aus. Der Regen leckte nicht durch, er kam offen 'rein. Wenn's gar zu stark goß, schickte der Junker den Knecht aufs Dach mit ein paar Bund Stroh. Das hält schon noch, meinte er. Und eines Tages, da überraschte ihn der Fremde auf dem Boden; denn er erholte sich zusehends und schritt in Haus und Hof umher und sah sich alles an und sprach freundlich mit jedem. Auf dem Boden aber überraschte er den alten Junker, wie er mit dem Knecht Dietrich den Schnee fortfegte, der doch gar zu dick gefallen war. Ein bißchen kann man schon liegen lassen. Herr Gottfried wurde fast rot und stotterte etwas, als er den Besen fortlegte. Aber der andere lachte und fing auch an zu kehren, als hätte er's nur so von Jugend auf getrieben. Und sie fegten alle drei, daß es eine Lust war, und der Boden ward so rein, als er nie gewesen.

»Ja, sonst war's besser,« sagte Herr Gottfried mit einem tiefen Stoßseufzer, als er ihn darauf in den Wohngebäuden, den Ställen und Höfen umführte.

»Und künftig wird's besser werden,« lächelte der Gast. »Es geht alles bergunter,« fuhr der Wirt fort. »Will nicht sagen, daß das ehedem ein Schloß war wie Plauen oder im Reiche die großen Grafenschlösser, die auf Bergen und Felsen liegen sollen. So was haben wir hier nicht. Aber anzuschauen war's noch stattlich genug, als ich ein Knab' war; und wenn die Abendsonne auf die zwölf Fenster flimmerte, Donnerwetter! da glaubte einer, der von fern kam, daß Wunders was dahinter wäre. Ja, unsere Familie galt etwas; sie sprach ein Wort mit auf den Landtagen, und sie meinten, es wären nicht die schlechtesten Worte gewesen. Und wir zählten keine schlechten Männer, wo es drauf 'und los ging. Mein Großohm war Landeshauptmann, und das Land war damals nicht schlechter dran als itzt.« Ein »So« des Gastes mochte den Junker etwas stutzig machen, und er fuhr fort: »Ich meine die Ritterschaft. Blitz und Sturm! Wenn gute Familien da zusammenhielten, gab's Ansehen und Ehre, und aus den ärmsten Vetter fiel davon ab. Was ist nun! Zersplittert Treiben. Jeder läuft seinen Weg. Die einen murren und schließen sich ein auf ihren Höfen, die andern hofieren um den Burggrafen. Statt für die Familie zu sorgen, hascht jeder um ein Amt oder ein Stückchen Ehre. Als ob ein Fürst einem Edelmann und Ritter Ehre geben kann, die er nicht schon im Mute hat!« Etwas mißtrauisch sah er zum Ritter auf: »Oder seid Ihr des Dafürhaltens?« Der Gast lachte und schlug mit der Hand gegen den Degengriff. »Meines Dafürhaltens gibt das die beste Ehre.«

»Ihr seid mein Mann, Wo ist die itzt zu holen! Wenn ein guter Mann sich rührt, probieren möchte, was seine Knochen aushalten, ei der Tausend, da wird geschickt und geschrieben und angezettelt. Er wird verstrickt und vorgeladen. Sag' Euch, lieber Herr, ist nichts Gutes mit den Hohenzollern ins Land kommen. Lauter Neues, Sprache, Sitten, Recht, Einrichtungen. Und das Neue wuchert und dampft. Wir werden alle dran ersticken.« Und Herr Gottfried holte tief Atem: »Weiß der Geier, was fuhr in die 'rein! Alles anstänkern wollen, schichten und einrichten! Und was kommt dabei 'raus? Niemals was Gescheites. Die vor ihnen, die Luxemburger, ließen's gehen wie es ging. Die Bayern sollen's auch so gehalten haben. Warum sie nicht? Warum müssen sie alles anders machen wollen?«

»Man sagt im Reich, es sei vordem hier verdammt schlecht hergangen,« bemerkte der Gast. »Herr Gott, mag sein. Aber es ging doch. Wo ein Loch im Wege war, man wußte es und ging drum 'rum. Bei diesen Nürnbergern, die der Himmel ins Land geschneit, soll nun alles in die Richte gehen, und wo der Vater aufhörte, da fährt der Sohn fort.« – »Sie werden im Reiche sehr gerühmt ob ihrer Mannhaftigkeit, Ausdauer und ruhigen Besonnenheit.« – »I, Herr Jesus Christus, laß sie rühmen! Und mannhaft sein meinethalben gegen die Türkenhunde, wie Ihr, lieber Herr, gethan, aber nicht gegen gute christliche Ritter und alte Edelleute. Was müssen sie uns scheeren! Nein, als wären wir nicht ihr Blut, echtes, adliges Blut, stechen und placken sie uns. Sonst kam wohl einer über den andern auf, der unter ihm sein mußte, als wie die Quitzows. Das war nicht gut. Aber man half sich, vertrug sich mit ihnen. Wo aber kommt itzt ein einziger auf, nämlich für sich, der ihnen nicht um den Bart geht! Da werden die Register so genau geführt, als nicht Kaiser Karl der Vierte that, der das Landbuch schreiben ließ. Da soll man von allem, was man nimmt und thut, Rechenschaft geben. Ist dazu der Ritterstand! Und alle Augenblick werden wir dran erinnert, daß wir unsere Güter nicht frei haben, sondern zu Lehn tragen. Das unterstanden sich die Luxemburger nicht, und die Bayern hätten das mal thun sollen! Wir waren so freie Leute –«

» Geworden,« fiel der Gast ein. »In den Zeiten der Unordnung, hab ich mir sagen lassen in des Kaisers Kanzlei. Zu den Zeiten der alten Fürsten, der Askanier, waren die Ritter alle der Markgrafen Vasallen.« – »Aber was für Vasallen!« fuhr der Junker auf. »Unsere Väter standen tagaus, tagein in Stahl und Erz. Da gab's täglich zu thun gegen die Heiden und schlimme Nachbarn. Vasallen waren sie ihren Fürsten, aber auch ihre Kriegsgesellen. Die Fürsten waren nichts ohne sie. Was erkannten sie, und im Feld und Zelt wird der Kleine mit dem Großen freund. Die alten Fürsten starben aus, der Adel blieb leben. Wenn viele zusammen geschafft und ihr Blut zusammenfloß in eine Grube, wes ist dann die natürliche Erbschaft, so einer stirbt und keine Söhne hat? Des Kumpans, der mit ihm stritt, schaffte und blutete. Von den Fürsten ging's auf die Kumpanei des Adels über. Das erkannten auch die Bayern an, und die Luxemburger nicht weniger. Nun soll's mit einem Mal anders sein. Schickt uns da Kaiser und Reich, die sich nimmer um uns kümmerten, wenn's uns schlimm ging, die Nürnberger Burggrafen ins Land, sollen uns verwesen und regieren, und thun, als wenn's ihres wäre, was unser ist.« – »Nun sind sie aber drin.« – »Gott sei's geklagt. Wir hätten so ruhig leben können.« – »Draußen im Reich haben sie kuriose Gedanken. Die Fürsten meinen –«

»Das ist's eben, lieber Herr, daß die Menschen so viel meinen, und die Fürsten auch, die doch wahrhaftig Besseres thun könnten. Und Räte legten sie sich zu, die ihnen nichts als dumm Zeug ins Ohr reden. Wenn's alles bliebe, als es war, dann blieben die reich waren reich, und die arm waren arm. Und wer was mit dem andern auszumachen hat, der macht's mit ihm aus. Da braucht sich kein dritter drum zu kümmern. Nun werden durch die verfluchten Meinungen und Ratschläge die reich waren arm, und die arm waren reich. Ist das eine Ordnung, und sie schwatzen von Ordnung, die sie herstellen wollen! Misch Du Dich doch nicht in das, was Dich nicht angeht; das ist die beste Ordnung und der beste Rat. Und was thun nun die Nürnberger? Alles umgekehrt. In alles mischen sie sich. Zuerst in den Adel. Haben uns unsere Lehen genommen, weil wir uns unserer Haut wehrten und unser Recht verteidigten. Itzt möchten sie gar in unsere Küchen und Speisesäle gucken und sehen, wie viel wir trinken und beten. Da wird ein Orden gestiftet, der soll uns geschliffen machen. Den Teufel auch, wer sich nun nicht will schleifen lassen! Nun geht's an ihre lieben verhätschelten Kinder, an die Städte. Schon recht, denen gönn' ich's. Und wenn sie ihnen viel Kopfbrechens machen, desto besser für beide. Am Ende möchten sie sich auch in unsere Bauern mischen und sehen, was sie für uns arbeiten und nicht arbeiten. Immer zu! Auch den Priestern unter den Chorrock geschaut, und wie sie räuchern und singen. Wohl bekomm's ihnen. Sag' ich doch, lieber Herr, sie möchten aus den Marken eine Nürnberger Uhr machen, wo ein Rad ins andere greift und Stunden weist und schlägt, tick, tack, ein Schlag als der andere, und sie ziehen sie auf, und dann muß sie laufen wie sie wollen. Wozu hat uns der liebe Gott gemacht? Daß wir seien wie uns der Schnabel gewachsen ist. Aber sie möchten ihn uns drehen und stutzen als sie wollen. Ist eine Sünd' und Schande!«

Und anscheinend übte der gute Ritter auch im Leben den Satz, den er ausgesprochen, daß sich keiner in des andern Angelegenheiten zu mischen habe. Denn er ließ es ruhig zu, wenn der Gast mit seiner Tochter lustwandelte oder sich gar anmutig über Tisch mit ihr unterhielt, wobei es viele feine Scherze gab und das Fräulein gar oft sehr rot wurde. Aber sie hatte es gern und konnte gar nicht abwarten, wenn er fort war, bis er wiederkam. Und eben desgleichen dünkte jeder Ritt und jede Jagd, die er mit dem Herrn Gottfried machte, dem Gaste, der doch sonst ein Freund von derlei Lustbarkeiten war, überlang, bis er zu dem holden Fräulein zurückkehrte. Und das gab dann ein Geschwätz und ein Erzählen. Und wenn der Junker sich entschuldigte, daß er einem so edlen Gast keinen Zeitvertreib schaffen könne in seiner öden Burg, so war das nur so hingesagt. Die beiden konnten gar keinen besseren Zeitvertreib haben, und Herr Gottfried auch nicht, wenn er zusah und hörte. Und er dachte: »Es ist mein einzig Kind, und schön und gut und holdselig und adlig als eine im Lande, und wär' schad', wenn einer ihrer Vettern sie kriegte. Die sind schon gute Jungen, aber –« Das andere verschluckte er. Und wenn seine Augen auf die geborstenen Mauern und Decken umher blickten, und er an die schweren Kisten dachte, die in des Gastes Kämmerlein standen, dann dachte er auch: »Damit ließe sich schon Burg Malchow wieder aufbauen, daß es ein Ansehen hätte, und wäre ein schöner Herrensitz für Deine Agnes.« Denn daß der Gast vordem hier im Land begütert gewesen und Haus und Hof verkauft, das hatte er schon aus den Gesprächen heraus.

Wes das Herz froh ist, davon geht der Mund über. Also lobte der Gast einmal die deutschen Frauen, und hätte nirgend so schöne und huldreiche gesehen als in seinem Vaterland, wobei er denn gar Erstaunliches erzählte, wie die Frauen im Morgenland gehalten würden. Die dürften sich nicht sehen lassen, und schwarze Mohren bewachten sie als ihre Zofen, und gingen verhüllt in dichte Schleier, daraus nur die Augen vorblickten, die wären aber wie Kohlen und Blitze und hätten schon manch Unheil angerichtet, denn sie wären wie toll, wenn sie einen Blondkopf sahen und blaue Augen. Die Agnes und die Muhme glaubten's kaum, aber der Herr Gottfried dachte so bei sich: »Er wird's auch erlebt haben,« und freute sich, daß er noch aus dem Unheil davongekommen. Nun sagte er aber, einem guten Deutschen werde erst wieder froh, wenn er blonde Haare und die guten himmelblauen Augen sähe, und die wären nirgends schöner als in seinem Vaterlande. Darum wolle er auch nicht wieder hinaus und hier ein Haus sich bauen und drinbleiben, und sein Schild aufhängen, und suchen, was ihm Gott beschere. Da waren alle recht froh, und sie stießen an, auf des Ritters neues Haus und was ihm Gott da hineinbescheren werde. Und wie der Fremde und Agnes sich zufällig ansahen, wurden beide blutrot und senkten die Augen; die andern aber lachten, und itzt ward erst angestoßen und getrunken und gesungen. Der Junker ließ sein Bestes aus dem Keller bringen.

Andern Tags war eine Wolfsjagd. Ein rechtes Wetter war dazu. Und wie schlug des Fräuleins Herz, als sie den Reitern nachsah, die in Büffelwämser bis über den Kopf geschnallt und kurze Spieße mit Widerhaken in der Hand in den Wald ritten, und der eine wandte sich immer um und grüßte noch, und sie grüßte wieder. Um den Hals trug er eine blaue Schnur, die hatte sie ihm gegeben; daran hing ein Kreuzlein von Ebenholz, Das sagte sie ihm, wahre vor Stich und Biß böser Tiere. Daher schlug auch ihr Herz gar nicht aus Furcht, daß ihm ein Wolf Schaden thue. Auch ohne Schnur und das Kreuz hätte sich darum Agnes nicht gefürchtet. Denn um eine Wolfsjagd zagt kein Fräulein, wenn es auch ihr Schatz wäre, der mitzieht. Aber weiß Gott, mit dem Spinnrad wollte es gar nicht fort; auch riß alle Augenblick der Faden, und dann nahm sie aus dem Schrank ein ledern Kästlein und öffnete es und sah mit Verwunderung und fast mit Schreck auf die bunten leuchtenden Steine, die in dem Halsband saßen, und daran hing ein rot funkelndes Herz.

»Ach, Muhme, Muhme!« sprach sie, als die ihr zusah. »Mir ist's doch, als könnt' ich's nicht annehmen.« – »Ei, Närrchen, warum nicht?« – »Es ist zu kostbar und schön, und man weiß doch nicht –« »Was weiß man nicht?« – »Wo er's her hat,« entfuhr es Agnes' Lippen, und sie erschrak selbst und wurde blaß. – »Ei, Kind, das mußt Du nicht denken. Ein so guter und ehrenhafter Ritter, wo wird der's anders her haben, als ehrlich aus dem Krieg. Und wenn nicht, so hat er's ehrlich nachher gekauft von seinem Beutegeld. Was auch die bösen Jungen schwatzen, trau dem nicht; gerade die besten Leute werden am meisten verredet. Auf den will ich schwören, er ist guter Leute Kind und unverdorben. Ein bißchen mutwillig. Aber das schadet nicht. Möchtest Du einen Ritter zum Mann haben, dem die andern auf der Nase spielen –« »Ach, wer denkt daran?« – »Ich denke daran, und Dein Vater denkt daran, und er, der Fremde denkt daran. Ob Du dran denkst, das weiß ich nicht –« »Ach, Muhme, liebe Muhme, mir wird so bang.« – »Wird sich schon geben. Heut auf der Jagd wird ihn der Vater ausfragen, wo er her ist. Brauchst nicht bange zu sein. Ist nicht der Erzengel Michael und keiner, den der böse Feind ins Land gesetzt. Sieh mal, die Schnalle zum Miedergürtel hat er mir geschenkt. Ist echtes, schweres Gold. Hexengold, das vergeht über Nacht. Nein, das ist ein guter Mann. Na, und was dann? Herzpüppchen, wie ist Dir? Ach, Ihr heiligen elftausend Jungfrauen, wie wird der Herr seine Braut ausputzen! Was ist Dir denn? Du läufst ans Fenster.« – »Ich glaube, Muhme, es kommt jemand.« – »Das ist ja Lärm. Die kehren noch nicht zurück.« – »Ach, die Vettern!« rief Agnes. Und so war es. Es tobte und lärmte auf dem Hofe, und es war, als wenn ein Dutzend schwere Stiefel die Treppe heraufstolperten. »Die kommen recht ungelegen,« murmelte die Muhme, und Agnes' plötzlich blaß gewordenes Gesicht sprach dasselbe aus; und die Worte, die man draußen von ihnen hörte, die waren auch nicht gemacht, daß die beiden sich freuen mochten. Denn sie schrieen den Knechten und Mägden zu: »Krieg! Juchhei! 's gibt Krieg!«

Wir haben's nun noch erst mit der Jagd zu thun, die gar lustig war und auch blutig, wie so eine Wolfsjagd ist. Zween Tiere hatten sie erlegt, und das eine der Fremde allein. Dessen Mut und Geschick hatte auch die Kühnsten verwundert. War eine Wolfsjagd der Zeit aber gar nichts so Ungemeines, daß sie in den Chroniken beschrieben stände, vielmehr die Chroniken sagen nichts, als daß sie die Wölfe totschlugen, und drei Bauern dabei blutig gerissen wurden. Des konnten sich also alle recht freuen, und die Wölfe lud man auf Bahren und trug sie so dem Zuge vorauf, als sie heimkehrten, und blies in die Waldhörner und sang und lachte, daß es eine Lust war. Die angerissenen Bauern ließ man auch nicht im Walde. Nein, die andern Treiber durften Kieferäste abschlagen, und darauf luden sie die zwei, der dritte aber konnte noch laufen.

Und unterwegs erzählte der Gast gar kurzweilige Geschichten, wie sie in fremden Ländern die Jagd ausrichteten, dazu alle verwundert horchten. Aber das wollten sie kaum glauben, als er nun sagte, sie wären in einer Reichsstadt drauf und dran, ganz kleine Donnerbüchsen zu machen, die man auch mit Pulver und Kugeln lüde, und könne sie allenfalls ein Mann tragen, und auf eine Gabel, die sie in die Erde steckten, festlegen. Alsdann könne man gegen Menschen schießen als wie mit der Armbrust; und auch auf der Jagd könne man sie brauchen gegen die Tiere. Da schüttelten alle den Kopf und glaubten's nicht und meinten, wozu denn das wäre? Der Fremde sagte: »So man auf diese Weise ein reißend Tier von fern erlegen kann, ist die Gefahr nicht, daß es die Bauern blutig reißt.« Das wollte ihnen noch weniger zu Kopf, und Herr Gottfried, als er mit dem Gast zu zweien ritt, sprach: »Das will mir nicht gefallen, denn so man ein Tier aus der Fern' ablangen kann, was ist die Jagd dann noch für eine Lust? Eben als im Krieg, denn so ich da von weitem meinen Feind treffe, ist's nicht mehr ein Ding für gute Männer, sondern für Weiber.«

Der andere entgegnete, das hätte schon mancher Ritter gemeint. Es hülfe aber nichts, es wäre einmal so, und in allen Städten würden itzt so viel Feuerwaffen geschmiedet als ehedem Lanzen, Schwerter und Harnische. Da stieß der Junker einen recht derben Fluch aus gegen die Städte, die alles Unheil über Land und Ritter gebracht. »Und die Schwerenöter von Berlin haben auch zwei Donnerbüchsen gießen lassen. Wie soll's nun noch ein guter Ritter mit solchen Kratzbürsten aufnehmen! Denn welcher Herr kann die Ausgabe machen!« Da schwieg der andere zuerst still vor sich hin. Alsdann aber sprach er noch viel mit dem Junker über den Krieg, und wie ein Krieg im großen ganz etwas anderes sei, als wenn Ritter und Städte sich untereinander bei den Köpfen kriegten. »Da fühlt man erst, was ein Mann gilt. Da ist Platz und Raum, daß jeder zeigen kann, was er wert ist. Da kann der Kleine sich vorthun vor dem Großen und selber groß werden. Und der Feldobrist schaut sich heraus, wen er brauchen mag. Grad da, wo sie mit Feuerwaffen Krieg führen, ist das Feld für die Tüchtigen. Denn so einer um einen Kopf größer ist und stärker als der andere, darauf kommt's nicht an, sondern ob er geschickt ist und klug und den Augenblick zu fassen weiß.« – »Ja, darauf, ob er von guter Art ist,« fiel der Junker ein. – »All Art ist gut zum Krieg, so man versteht, wie den Feind am besten schädigen.« – »Das verstehen aber nur, die zu guten Rittern geboren sind, weil ihre Väter und deren Väter es schon waren.«

Der Fremde lachte: »Es sind Feldobristen worden, Herr, die möchten ihre Ahnen in des Bettelmanns Sack suchen.« – »Da kann doch kein Respekt sein beim gemeinen Mann.« – »Den machen sie sich selber. Wer das nicht versteht, der kann auch nicht Obrist werden und nicht Hauptmann. Aber im kaiserlichen Heere sind ihrer itzt viele, tapfere Leute, hoch geehrt, die kommandieren, daß der Feind sich erschrickt, und ihre Leute gehen für sie durchs Feuer, und waren Bürger vordem. Freilich, manche von den alten Geschlechtern verdrießt es, aber der Kaiser ist doch noch ein größerer Herr, und der freut sich in der Seel', daß er so tüchtige Obristen hat.« – »Gegen die Türkenhunde ist freilich alles gut,« murmelte der Junker. »Ist auch in der Litanei mancherlei beisammen von Pestilenz und Elend.«

Der Fremde lächelte innerlich vergnügt.

»Hab' auch wohl schon ehedem von solchen Feldhauptleuten gehört,« fuhr der Junker fort, »aus der Bayernzeit her. Die hatten solche. Als mir deucht, hieß einer Schweppermann. Kann's aber nicht zu Kopf kriegen, wie unter solchem, der kein Ritter ist, Ritter dienen können. Wer den Sporen hat, hat das Regiment.« – »Ei nun, der Kaiser schenkt ihm goldene Sporen.« – »Einem Bürgerlichen? Das ist nicht möglich.« – »Nachdem er ihn vorher niederknieen ließ und zum Ritter schlug. Dann giebt er ihm auch ein gut Schild und macht ihn zum Edelmann.« – »Bei den heiligen drei Königen, wie kann man einen zum Edelmann machen, der's nicht ist! Kann man aus einer Katz' einen Hund machen? Oder so man Roggen drischt, wird Weizen daraus?« – »Der Kaiser thut's.« – »Der Kaiser!« brummte der Junker. »Ist ja der Kaiser Kaiser, aber kein Hexenmeister. Kann er mich zu 'nem Lohgerber machen oder 'nem Raschmacher?« – – »Weiß nicht, lieber Herr!« – »'S wird immer wunderlicher in der Welt. Was man nicht hören muß! Aber sehen möchte ich mal so einen, den der Kaiser zu 'nem Edelmann gemacht hat, und er ist keiner.« – »Schaut her, da habt Ihr einen,« lachte der Gast auf. »Ich bin aus des Kaisers Mache. Denn vordem war ich ein Berliner Bürgerkind.«

Da war's doch dem Herrn Bredow, als wenn er einen Geist vor sich sähe, das heißt ein Gespenst, das aus der Erde aufschießt. So starrte er ihn an und wußte nichts, was sagen. Es fehlte nicht viel, so hätte er ein Kreuz geschlagen. Der andere ward aber darum nur noch lustiger und sagte, er solle sich gar nicht fürchten, denn was Bürgerblut in ihm sei, das wäre abgeflossen in den Türkenschlachten, und auch seine Haut sei eine neue, denn die Ungläubigen hatten die Alte zerfetzt und zerrissen mit ihren Säbeln, und werde ihn in Berlin kaum einer wiedererkennen, darum daß er mit weißer ausgezogen und nun kehre er mit brauner wieder. Doch der Herr Bredow wußte gar nichts zu sagen, und einer hätte glauben mögen, er zittere am Leibe, so scheu und schüchtern ritt er neben dem andern und brachte kaum eine Silbe vor. Je mehr er aber verlegen war, um so toller wurde der andere und erzählte gar Unglaubliches, wie er an des Kaisers Tisch gesessen, und der Kaiser ihm zugetrunken, und die fürstlichen Fräulein ihm Kränze gewunden und mit ihm getanzt.

Da wußte der Junker doch gar nicht mehr, was er denken sollte, und darum dachte er lieber gar nichts. Aber als sie der Burg sich näherten, schallte ihm anderer Lärm entgegen. Hunde-, Rosse- und Menschenstimmen. Das lief auf und ab, und aus den Rüstkammern trugen sie Spieße, und auf dem Hofe gar lag ein Haufen von Harnischen, Schienen und Sattelzeug.

»Die Vettern sind da. In drei Teu– bei den heiligen drei Königen, was giebt's?« – »Krieg!« schrie der Fritz aus dem Fenster. – »Umgeschnallt, Vetter Götz,« schrie der Busso, »es geht los!« – »Jungens, was geht los?« – »Heidenlust!« schrieen sie. »Juchhei! Unsere Pferde sollen Wein saufen. Pestilenz und Krieg, Vetter! Die Meute 'raus! Eine Jagd, eine lustige Jagd!« – »Wen wollt Ihr jagen?« – »Wen?« lachten alle drei, denn Wilkin, der dritte Vetter, war auch zugesprungen; der tanzte zwischen den Armaturstücken und setzte sich 'nen Helm auf, und schmiß ihn dann in die Luft und fing ihn wieder. Mußten alle schon gut getrunken haben aus Herrn Gottfrieds Keller. »Wen wollen wir jagen? Die Kratzbürsten, die Schweineschneider, die Ellenreiter, die Grapengießer, die Leineweber, Sack und Pack, Katz und Maus. Hallo, 's ist aus!« – »Seid Ihr toll?« – »Nur froh. Der Besen ist meine Fahne,« schrie Fritz, »wollen fegen bei ihnen,« – »Bei wem. Du heilloser Sausewind?« – »Bei den Berlinern,« schrie einer. »Bei den Kölnern,« der andere. »Daß sie Euch nicht wegpusten. Sie haben zwei Donnerbüchsen.« – »Der Markgraf hat neun.« – »Der Markgraf!« rief der Junker verwundert. »Der Markgraf soll leben, und alle guten Ritter daneben!« – »Der Markgraf läßt blasen.« – »Gegen die Städte!« rief Wilkin und warf sich ungestüm dem Vetter um den Hals. »Juchhei, ist das nit Heidenlust! Zum Garaus läßt er blasen – die Hunde, wir wollen sie jagen.«

Da war auch Agnes herabgekommen und ihre Muhme. »Vater, Du mußt in den Krieg. Der Markgraf hat geschickt. Alle seine Vasallen –« »I, so muß doch der Blitz dreinschlagen!« – »Der soll auch dreinschlagen,« juchheiten die Vettern. »Wir brechen ihre Thore, wir stürzen ihre Mauern. Hat ihnen abgesagt, den Krämern. Blank und bar. Hat sie geladen vor die Stände.« – »Eine Anklag' wie eine Faust dick. Die sollen sie fressen. Papier, ist ihnen schon recht.« – »Ihre Brücke wird er abbrechen, ihren Zoll nehmen, ihr Stapelrecht, ihre Niederlage, ihr Rathaus und ihren Roland. Kurz und klein will er ihn schlagen. Wird selbst das Schwert nehmen und ihr Roland sein.«

Das dröhnte dem Vater Bredow durch die Ohren, Er konnt's doch kaum auf eins fassen. War's auch zu viel für einen Tag, und nach dem, was er eben gehört vom Fremden, und konnt's auch nicht fassen. Darum ließ er sich's noch mal wiedererzählen in der Halle bei einem Kruge gewürzten Weines, und die drei fielen sich ins Wort, und die Muhme und die Agnes redeten mit drein. Es summte ihm so um die Ohren, und er machte Augen groß wie ein Ochs, und seine Hände lagen dabei auf den Knieen. Aber dann fuhr's wie Lächeln um die Lippen: »Den Städten gönn' ich's schon.« – »Aber –« er fuhr auf und hielt die Hand hinters Ohr – »der Ritter.« – »Ach, Vater,« sagte Agnes und ihr Köpfchen senkte sich. Die drei Vettern lachten aus vollem Halse. Die Muhme faltete die Hände: »Er ist ja kein Ritter nicht.« – »Ein Ritter ist er schon,« sagte Herr Gottfried, »aber –«

Da klirrte es über den Hof, und fünf Rosse des Fremden standen fertig gesattelt, und seine Knechte luden Sack und Pack auf, und er selber trat ein, den Helm über den Kopf, und die Federn drauf streiften an die Decke, als er eintrat, daß er sich bücken mußte. Mit lauter Lust, aber auch mit Neid mußten's alle sehen, wie er so stattlich war.

»Aber ein Bürgerkind bin ich doch, nicht wahr, Herr Götze Bredow, das wollet Ihr sagen. Das bin ich auch, hat mich der Kaiser auch zum Ritter vom Hahn geschlagen, bin ich doch allezeit der Henning blieben aus Berlin und nicht aus der Art geschlagen, das sollen sie sehen. Habt recht, lieber Herr, aus einer Katze wird kein Hund, und kein Hahn soll über seine Mauer fliegen. Euch ruft der Markgraf, mich rufen die Bürger. Und wenn auch nicht, ich komme doch. Das ist ein schlechter Mann, der nicht kommt, so seine Genossen in Gefahr sind.« – »Ihr wollt?« – »Ziehn nach Berlin, als Ihr nach Spandow zieht. Ist nicht weit voneinander, nur schad', daß unsere Wege nicht zusammen gehn. Gott befohlen, Ritter Götz, topp! 'S ist hübsch, daß Ihr mir Eure Hand gebt. Rechtschaffene Leute können doch Freunde bleiben, so sie sich auch zausen und schlagen müssen. 'S ist mal so in der Welt.«

»'S ist mal so in der Welt,« wiederholte der Wirt fast bewegt und füllte den großen Pokal und kredenzte ihn dem Gaste: »Auf Euer Wohlsein, Herr Henning vom Hahne!«

Da nahm ihn der und trank ihn der Tochter vom Hause zu: »Auf Euer Wohlsein, schönes Fräulein, und haltet's mir schon zu gut, daß ich nichts anderes bin, als wozu mich der liebe Gott gemacht hat. Und so Ihr's wollt, dann zum Zeichen des behaltet das.« Das sagte er zu ihr, als er ihr sittig zum Abschied die Stirn küßte und sah, daß sie den Schmuck in der Hand hielt und ihm den wiedergeben wollte und wußte nicht wie. Und dann flüsterte er noch: »'S ist kein ander Hexerei dran, als wer's um den Hals hat, den betrügt keiner. Und bei Gott, Euch darf keiner betrügen.« Und den Vettern reichte er auch die Hand: »Thut mir leid. Ihr lieben jungen Herren, daß ich Eure Bekanntschaft hier nicht machen kann. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Werden's wohl vor Berlin nachholen.«

Als er nun fortgeritten war, da sprach keiner ein Wort. Nur Herr Gottfried kraute sich wieder hinterm Ohr: »Sag ich doch, 's ist itzt 'ne Wirtschaft. Und das kommt alles von den neuen Dingen her.« Das Fräulein sprach den ganzen Tag kein Wort und man sah 'sie oft mit roten Augen. Der Knecht Dietrich säuberte und fegte, auf Geheiß der Muhme, die Kammer, darin der Fremde gelegen, als wär's ein Pestkranker gewesen. Abends beim Zubettgehen aber sprach die Muhme zu dem lieben Mädchen: »Wem lieben Herrgott und unserm Heiligen Dank, daß er das von uns abgewandt hat. Denk' Dir doch, Kind, 's ist so schrecklich, daß man's kaum denken kann. Er war ein Raschmachergesell!«

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