Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Käthe van Beeker >

Der Ring der Nuramaja

Käthe van Beeker: Der Ring der Nuramaja - Kapitel 3
Quellenangabe
authorKäthe van Beeker
titleDer Ring der Nuramaja
publisherVerlag der Wiking-Bücher
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid41bcbad8
Schließen

Navigation:

Hier endeten die Aufzeichnungen. Hans Heinrich, um dessen Lippen während des Lesens ab und zu ein leises, halb staunendes, halb mitleidiges Lächeln geflogen war, blickte nun mit einem verwirrten Blick zu der alten Dame auf.

»Das ist höchst sonderbar. Es klingt wie ein Märchen oder wie eine Schicksalstragödie, und wie bei dieser habe ich auch hier die Empfindung, daß es die Angst vor einer dunklen Prophezeiung ist, die zu ihrer Erfüllung treibt. Wenn man von vornherein mit einem Schicksal belastet wird, arbeitet man ihm unwillkürlich entgegen. Der Gedanke, fluchbeladen ins Leben zu treten, nimmt sogleich Lebensfreude und Lebensmut, das heißt, wenn man daran glaubt! Verzeihung, Ahne, aber ich meine, daß es vielleicht gütiger und klüger gewesen wäre und das Geschlecht der Sesenburger besser erhalten hätte, wenn man sie in segensvoller Unwissenheit gelassen hätte über das, was ihr Fluch und ihr Schicksal sein soll.«

Denn nun lag es doch wie ein Druck auf ihm, und indem er derjenigen zürnte, die diesen Druck auf ihn gelegt hatte, bemühte er sich zugleich, ihn von sich abzustreifen.

Die alte Dame blickte ihn nachdenklich an. »Ich verstehe; du machst mir einen Vorwurf, den deine Mutter mir auch einstmals machte, und es klingt fast, als wenn du recht hättest. Aber du irrst. Mein Gatte und ich waren die letzten, die schon zum Anfange ihrer Ehe in die alte, unheilvolle Geschichte der Sesenburger eingeweiht wurden. Mein Mund hat seitdem geschwiegen, trotzdem es mir stets in der Seele gebrannt hat, wenn eine junge, blonde Frau in unsere Familie trat, und ich mich gescholten habe, die Warnung vor ihren blonden Haaren und blauen Augen versäumt zu haben. Aber ich wußte freilich auch, daß Liebe sich nicht vor Worten und Zeichen beugt, daß sie ihren Weg ebenso fest und sicher geht wie das Schicksal. Und das ist immer hinter ihr hergeschritten, und wenn es seinen Weg vollendet hatte, dann habe ich gesprochen, um der, die es traf, den Trost zu geben, daß vor ihr schon andere ihres Geschlechtes gleich ihr gelitten und am gleichen Fluche getragen haben. Ein trauriger Trost war es, aber doch ein Trost. Nur deine Mutter hat ihn nicht als solchen genommen. Trotzig und stolz hat sie ihn von sich gewiesen und an keinen Fluch und kein Familienschicksal glauben wollen. Sie war eben nie eine echte Sesenburg. Trotzdem hätte ich ihrer Forderung, dich nie in jenes alte Märchen, wie sie es nannte, einzuweihen, Folge geleistet; denn ein langes Leben und langes Nachdenken haben mich gelehrt, daß Schweigen stets besser ist als Reden, und was du vorhin von dem Segen des Nichtwissens sprachst, ist auch mir oft nachdenklich durch die Seele gezogen. Aber ich konnte den Ring nicht vernichten, ich konnte und wollte nicht, da ich an die letzten Worte des sterbenden Hans Heinrich ebenso glaube, wie ich an die Erfüllung des Fluches habe glauben lernen müssen. An dem Ringe, den ich einst vom Finger meines toten Gatten zog, und den seitdem kein Sesenburg mehr trug, hängt die Erlösung unseres Geschlechtes, und er mußte in dessen Besitz bleiben. Ohne seine Bedeutung zu kennen, hättest du ihn vielleicht verschleudert.«

»Er ist noch vorhanden?« Hans Heinrich fragte es erregt und sah mit wunderlicher Spannung auf den kleinen, alten Kasten, dessen Deckel die Greisin jetzt langsam, fast andächtig öffnete.

»Ja, er ist noch vorhanden.« Die knöchernen Finger lösten sich aus der Tiefe des Kastens und hoben einen mattglänzenden, breiten Goldreif heraus, in dessen Mitte ein großer, prachtvoller Rubin auffunkelte, umspannt von einer aus kleinen, länglichen Perlen zusammengesetzten Schlange, aus deren feinem Goldköpfchen zwei aus goldig schimmerndem Topas geschnittene Augen tückisch und geheimnisvoll aufleuchteten. Dazu schillerte der weiße Perlenleib so wunderlich, daß es den Eindruck machte, als ringele sich eine lebende, winzige Schlange in steter Bewegung um den wie Blut leuchtenden Stein.

»Wundervoll! Das ist ja eine Seltenheit und Kostbarkeit ersten Ranges!« rief Hans Heinrich, alles andere vergessend, in hellem Entzücken aus und wollte nach dem Ringe greifen. Aber die alten Finger hielten ihn fest und wiesen auf die breite Goldfassung des Steines. »Siehst du die Zeichen, die in ihn hineingegraben sind? Niemand kann sie enträtseln. Deine Mutter ist mit dem Ringe bei berühmten Gelehrten gewesen, die alte und neue Sprachen zu ihrem Studium machten und von allen Zeichen wußten, mit denen vergangene Geschlechter schrieben, aber diese hat keiner gekannt. Die meisten haben gemeint, daß es indische Magierzeichen sein könnten, aber ihren Sinn konnte niemand ergründen.«

Zögernd hielt die Sprecherin inne, hielt den Ring dem vor ihr Stehenden hin, und zögernd griff dieser nach ihm. Es beschlich ihn nun doch ein seltsames Gefühl, als er den schweren, mit fremdartigen Zeichen verzierten Reif in seiner Hand hielt. Gewaltsam raffte er sich zusammen. Gleich, sobald man dem Aberglauben auch nur den kleinen Finger reichte, nahm er die ganze Hand! Seine Sinne wurden schon vom Unsinn umnebelt.

»So wird er jetzt wieder den ihm gebührenden Platz einnehmen«, sagte er, sich zu einem Lächeln zwingend, und schon schwebte der Reif über dem Ringfinger seiner rechten Hand, als die Ahne hastig zugriff.

»Halt! Laß dir erst sagen, was mich außerdem bestimmte, dir Mitteilung über unsere Familiensage zu machen. Schließlich hätte ich den Ring dir besonders empfehlen und testamentarisch bestimmen können, daß er nie aus der Familie gehen dürfe und stets dem Stammhalter der Sesenburgs zu eigen sein müsse. Das hätte genügt, und ich wäre gegen deine Mutter, die mich beschworen hatte, dir nie diese Mitteilung zu machen, nicht wortbrüchig geworden. Es war auch meine Absicht so. Aber seit drei Nächten erscheint mir im Traume die schwarze Frau Nuramaja, so wie der Maler sie auf jenem Bilde, unter dem sie starb, festgehalten hat. Sie trägt denselben Ring an ihrer Hand wie auf dem Bilde, aber in der anderen hat sie statt der gelben Tulpe, die sie dort hält, diesen großen Reifen. Den hebt sie hoch und spricht klar und verständlich, aber mit fremdländischem Tone und in wunderlicher Art, wie Pater Domenikus es in der Chronik geschildert hat: »Eile dich, ihn seinem rechtmäßigen Eigentümer zu geben. Die Stunde der Erlösung naht; du wirst bald eingehen zu deinen Lieben, eile dich!« Dreimal ist sie mir so erschienen, und immer hat mir die Frage auf den Lippen gebrannt, ob sie mit der Stunde der Erlösung mein Dahinscheiden meint oder das Ende des Fluches, der sich an den Ring bindet. Aber meine Lippen sind dann wie versiegelt, kein Wort kann den Weg über sie finden. Und sie spricht immer dasselbe. Da habe ich dir die Botschaft gesandt und beschlossen, dir zu sagen, was ich wußte, und was ein echter Sesenburg auch wissen muß. Vielleicht ist es dir vorbehalten, den alten Fluch zu lösen und unser Geschlecht zu neuer Blüte zu bringen. Dazu helfe dir Gott, mein Sohn, und der Segen einer alten Frau, die dicht vor dem Abschied von dieser Erde durch dich noch einmal für diese Erde hoffen gelernt hat, soll dich geleiten.«

Die weiße, knöcherne Hand hob sich ihm wie zum Segen entgegen, und tief ergriffen von dem Blick der blassen Augen, die sich jugendlich und stolz aufblitzend auf ihn richteten, beugte Hans Heinrich unwillkürlich Knie und Haupt vor der letzten seines Stammes. Er fühlte, wie sich ihre Hand leise auf seinen Scheitel legte, und ihm war, als schwebe ein Gebet über ihn hin.

Als er sich wieder aufrichtete, lehnte die Greisin tief im Sessel, das Licht in ihren Augen war erloschen und müde blickte sie wie in weite Fernen – Fernen der Vergangenheit, Fernen der Zukunft? Wer konnte es wissen? Hans Heinrich sah unsicher auf sie hin. Sie hielt den Ring noch immer in den Fingern. Durfte er sie stören, aus ihrem weltentrückten Sinnen aufwecken und sie um den Ring bitten?

Da straffte sich die Gestalt der alten Dame, ihr Blick kehrte zurück aus den Fernen, die er durchmessen, und wandte sich wieder dem vor ihr Stehenden zu. Sie hob die Hand und bot ihm den Ring hin. »Nimm ihn, und möge all das Unheil, das er deinem Geschlecht gebracht, sich für dich zum Segen wenden.« Er nahm den Ring und streifte ihn auf den Finger.

Dann wandten sich seine Augen zu der vor ihm Sitzenden. Sie hatte sich ganz aufgerichtet und sah mit starrem Blick auf seine Hand. Ein wunderliches Lächeln, halb gramvoll, halb befriedigt, spielte um den eingesunkenen Mund. Ihre Gestalt schwankte. Ein kurzes Röcheln, und ehe Hans Heinrich noch zuspringen konnte, sank sie mit gebrochenen Augen zurück in den Stuhl. Erschreckt beugte er sich über sie, wollte sie halten, stützen, faßte ihre Hände; die eiskalt und starr in den seinen lagen, und rief mit angstvoller Stimme ihren Namen.

Aber sie rührte sich nicht. War sie tot? Hatte der große Erlöser sie gerufen, im Augenblick, da die Erlöserin ihres Geschlechtes vor ihrem hellsehenden Blick stand? Hans Heinrich stürzte zur Tür und rief nach Hilfe. Kaum war seine Stimme verhallt, da eilte auch schon Johann herbei. Er mußte ganz in der Nähe gewartet haben, nickte bei des jungen Barons überstürztem Bericht stumm und hastig mit dem Kopfe und eilte auf den Stuhl zu, in dem die alte Dame zusammengebrochen war. Dann winkte er von da aus mit der Hand.

»Sie lebt. Es ist nichts. Der Herr Baron brauchen sich nicht zu beunruhigen. Das sind Zufälle, die in den letzten Jahren häufiger gekommen und stets ohne Schaden vorübergegangen sind. Die Gnädige braucht jetzt nur Ruhe, nichts als Ruhe. Wenn Herr Baron nur so gütig sein wollten, meine Frau zu rufen. Gleich rechts über den Flur. Wir bringen dann die Gnädige zu Bett. Herr Baron brauchen sich weiter um nichts zu sorgen.«

Hans Heinrich ging es wie ein Mühlrad im Kopfe herum. Der Schreck über den Zusammenbruch der Ahne hatte im Augenblick alles andere aus seinem Empfinden gelöscht, aber als er jetzt sein Zimmer betrat, schoß gleich wieder die Erinnerung an das vorher Erlebte scharf durch seine Gedanken.

Der Ring! Man konnte beinahe anfangen, an alte Märchen zu glauben! Beinahe – wenn man nicht eine so vernünftige Erziehung genossen und ein so klar denkender, moderner Mensch wäre! Die böse Macht, die im Ringe walten sollte, erkannte er nicht an, sie war durch Zufälle und Aberglauben künstlich herangebildet, gerade so wie die ganze abenteuerliche Geschichte, die zu dem Ringe gehörte und sich wie eine recht amüsante und etwas pikante, schauerlich erfundene Novelle las. Ein abergläubischer und vielleicht von heimlichem Haß und heimlicher Liebe durchglühter Mönch hatte mit seiner Phantasie die zu damaliger Zeit wohl kaum so sehr ungewöhnliche Liebesgeschichte seines gewalttätigen, abenteuernden Bruders ausgeschmückt und, vom greifbaren Beweise des Ringes unterstützt, dazu einen Fluch gedichtet, der, durch Zufälle und vom Aberglauben der Zeit begünstigt, wirklich zu dem herangewachsen war, was jener in seinem fanatischen Eifer schuf und vielleicht selbst glaubte. Dann hatten kommende Geschlechter die romantische Geschichte wohl noch immer romantischer und schreckhafter ausgeschmückt und Frauen mit lebhaftem Geist und reger Phantasie hinzugetan, was sie noch gewaltiger und interessanter machte.

Es ließ sich alles ganz einfach erklären, auch die nächtlichen Träume der alten Dame, unter deren Eindruck sie ihn zu sich rief. Wünschende Gedanken waren zu anscheinend sichtbarem Bilde geworden. Außerdem konnte sich ein Gehirn, das neunundneunzig Jahre lang arbeitete, wohl allmählich verwirren und mit seinen dünn und fein gewordenen Fühlfäden in Visionen hineintasten. Es ließ sich alles ganz natürlich erklären. Aber so oft und vernünftig er sich das auch vorhielt und auseinandersetzte, es blieben doch eine heimliche Aufregung und ein seelisches Unbehagen in ihm. Dabei war eine Unruhe in ihm, die ihn rastlos aus einem der dunklen, alten Zimmer ins andere trieb und auch nicht weichen wollte, als Johann kam, um zu berichten, daß die Gnädige wieder zum Leben erwacht sei und sich vollkommen wohl fühle. »Will sie mich sehen?« fragte er hastig.

In Johanns Gesicht trat eine leichte Verlegenheit; er räusperte sich und sagte dann, jedes Wort langsam und vorsichtig abwiegend: »Nein, Herr Baron, das wünscht die Gnädige nicht. Im Gegenteil, sie trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß Ihrer Abreise nichts im Wege stünde.« – »Ah!« Hans Heinrich sah den alten Diener ganz verblüfft an. Dann lachte er auf, aber es klang doch ein leiser Ärger durch sein Lachen. »Das heißt also, mich klipp und klar hinauswerfen!« – »Herr Baron müssen verzeihen und das nicht so aufnehmen. Unsere alte Herrin ist etwas wunderlich; sie meint, daß alles, was sie mit Ihnen zu verhandeln hatte, gemacht sei, und daß der Aufenthalt im alten Schloß für einen jungen Menschen nicht sehr angenehm sei.«

»Gut, gut, Johann,« sagte Baron Hans Heinrich, »aber ich hätte die alte Dame gern noch einmal gesehen. Man kann nicht wissen, ob es nicht das letzte Mal ist, und sie ist meine einzige Stammverwandte.«

»Gewiß, Herr Baron! Aber gegen den Willen der Gnädigen kann man nichts tun. Sie hat sozusagen jetzt, nachdem sie mit Ihnen gesprochen hat, mit dem Leben und allen Außenhandlungen abgeschlossen. Sie will nicht neue Fäden anknüpfen, sich durch nichts fesseln lassen. Das war das letzte. Herr Baron begreifen – in dem Alter. Unsereins versteht das und kennt die alte Gnädige.«

Wieder standen Tränen in den Augen des greisen Dieners und seine Stimme versagte. Hans Heinrich nickte und klopfte ihm freundlich auf die Schulter. »Ja, ja, Johann, ich verstehe auch. Der Wille der gnädigen Frau soll geschehen. Dann lassen Sie nur anspannen.« – »Nein, Herr Baron, so ungastlich sind wir doch nicht. Die Gnädige haben bestimmt, daß der Herr Baron noch einen Imbiß nehmen soll. In einer Stunde wird er bereit sein, und wenn Herr Baron dann befehlen, kann David Sie zur Bahn fahren. Es stimmt dann gerade mit dem Drei-Uhr-Zuge. Eher können der Herr Baron sowieso nicht fort.«

»Aha, die Neuzeit stellt ihre Forderungen«, lachte Hans Heinrich. »Ich soll nicht als reitender Bote befördert werden, sondern muß auf die Bahnverbindung warten. Auch gut, Johann! Aber wie bringe ich die Stunde hin bis zum Essen? Gibt es eine Bibliothek, einen Rittersaal, irgend etwas Interessantes? Es ist eine Schmach, aber ich weiß von nichts. Ich war ja nie länger als ein paar Stunden hier und habe nie etwas anderes als die Gemächer der Ahne gesehen.« – »Ja, ja,« nickte Johann, »der junge gnädige Herr kennt seinen Ahnensitz schlecht. Aber es gibt hier auch nichts zu sehen. In der Bibliothek hat der Bücherwurm arg gewirtschaftet, es war wohl auch nie etwas Besonderes darin, und der Rittersaal ist leer und kahl. Wollen Herr Baron nicht lieber etwas im Park spazierengehen?«

»Nein, das habe ich schon heute morgen zur Genüge getan, lieber gehe ich in die Bibliothek. Oder« – plötzlich sprang ein Gedanke in ihm auf – »nun hab' ich's! Johann, ich will in den Turm! Der scheint mir das Interessanteste an dem alten Kasten. Holen Sie den Schlüssel und dann können Sie mich führen.« Erschreckt blickte Johann zu dem Sprecher auf. Er schwieg einen Augenblick und rieb verlegen die Hände, dann sagte er zögernd: »Ich glaube, Herr Baron, das würde die Gnädige nicht gern sehen.« – »Dann braucht sie es ja nicht zu erfahren«, lachte Hans Heinrich. »Und außerdem, mein lieber Johann, können Sie sich immerhin daran gewöhnen, auch meinen Willen als maßgebend anzuerkennen; früher oder später wird er es doch.«

Johann knickte ganz in sich zusammen. »Verzeihung,« murmelte er bestürzt, »es war nur der Gnädigen halber. Aber natürlich, wenn der Herr Baron befehlen – ich komme gleich mit dem Schlüssel.« Wenige Minuten danach schritt der künftige Schloßherr hinter dem greisen Diener her, durch dunkle Zimmer und enge, finstere Gänge dem Ziele seines plötzlich aufgetauchten Verlangens zu. Er wußte eigentlich selbst nicht recht, wie ihm dieses gekommen war, und was er dort im Turme zu finden dachte. Es war eine Idee, bei deren Ausführung man sich beinahe die Beine brechen konnte, denn der Gang wurde immer dunkler, niedriger und ausgetretener. Merkwürdigerweise glitt der alte Johann über ihn hin wie über Parkett. Er mußte ihn gut gewöhnt sein. Als Hans Heinrich, über einen Stein stolpernd, ihm das ärgerlich lachend zurief, hielt er im Schritt inne und entzündete schnell eine anscheinend bereitgehaltene Kerze.

»Verzeihung! Ich hätte das früher tun sollen. Wer den Weg zum ersten Male geht, findet sich schlecht zurecht, jawohl. Ich habe die Gnädige so oft hinführen müssen, daß wir kaum ein Licht mehr brauchten; wir kennen jedes Loch und jeden Stein.« – »Die Ahne besuchte den Turm so oft? Immer oder erst seit kurzem?« – »Wohl immer, aber seit kurzem täglich.« – »Warum denn? Was wollte sie denn dort?« – »Ich weiß nicht; ich glaube, das Bild ansehen.« Ah, richtig, das Bild! Das war wohl wert, angesehen zu werden, das hatte ihn wohl unwillkürlich auch dorthin gezogen.

Da endete der Gang vor einer schweren, eisenbeschlagenen Tür. Johann stieß einen Schlüssel ins Schloß, drehte ihn und langsam, aber glatt öffnete sich die Türe. Sie führte auf einen kleinen, dumpfigen Vorraum, durch dessen offene Luken das Tageslicht schien. Und nun öffnete Johann eine kleinere, unverschlossene Türe und das Licht seiner Kerze fiel in ein rundes, gewölbtes Gemach, dessen Weite und Höhe die dünne, unruhig flackernde Kerze kaum im Anfange erhellen konnte.

Zögernd blieb Hans Heinrich auf der Schwelle stehen. Irgend etwas von außen oder aus seinem Innern Kommendes verschlug ihm den Atem, es kroch kalt und unheimlich an ihn heran, es rieselte an ihm hernieder, es umschlang ihn, es würgte ihn in der Kehle wie Grauen und Schrecken. Gewaltsam mußte er sich zusammenraffen und alle seine Vernunft aufbieten, um sich nicht umzudrehen und fortzulaufen. Indem stieß der voranschreitende Johann einen Fensterladen auf; das schwache Kerzenlicht erlosch im hereinströmenden Luftzug, aber statt seiner flutete ein Meer von Sonnenlicht und Frühlingsduft in das dunkle, unheimliche Rund. Der Druck von Hans Heinrichs Brust fiel ab. Hochaufatmend trat er näher, zwei Schritte vor, und wie von einer geheimen, zwingenden Macht gelenkt, drehte er den Kopf nach der Wand zu seiner Linken, die, vom Sonnenlicht vergoldet, in voller Helle aufglänzte.

Und da hing das Bild. Zärtlich glitten die Sonnenstrahlen über eine schlanke, in weite weiße Gewänder gehüllte, mittelgroße Frauengestalt, die halb sitzend, halb liegend auf einem purpurroten Lager ruhte. Der Saum des von der Zeit mit Flecken und Rissen bedeckten Gewandes ließ einen der kleinen, in goldenen Sandalen steckenden Füße frei, die rechte Hand hielt eine gelbe Tulpe, die linke ruhte lässig im Schoße, und ihren Ringfinger umspannte derselbe breite, rubingeschmückte Reif, den Hans Heinrich an seiner Hand trug. Mit leidenschaftlich gespanntem Interesse sah er zu dem Kopf der dunklen, fremden Frau auf.

Von dem fielen unter einem weißen, dünnen Schleier schwarze, leicht gelockte Haare über Nacken und Schultern. Sie waren, wie das ganze Bild, ungeschickt und flüchtig gemalt. Es schien, als hätte der Künstler alles nebensächlich und ohne Interesse gemalt und sein ganzes Können, seine ganze Kunst aufgespart und verschwendet für die Wiedergabe des zart bräunlichen Frauengesichts, das diese dunklen, langen Haare umrahmten. Und doch sah man von diesem nur wenig, denn der dünne weiße Schleier, der sich um ihr Haar schlang, legte sich auch eng um die schmale, schön gewölbte Stirn, ließ nur die Augen frei und schmiegte sich dann verhüllend um den ganzen unteren Teil des Gesichts. In Wirklichkeit sah man nur die Augen, dunkle, in bläulichem Weiß schimmernde Sterne, die mit seltsam lebendigem zwingenden Blick, halb traurig, halb lächelnd, zu dem Beschauer herniedersahen, Augen voll wundersam rätselhafter Tiefe, in denen eine leidenschaftliche Frage, eine heiße Sehnsucht ruhte, die gefangennahmen und nicht mehr losließen, die in die Seele drangen und diese an sich zogen mit süßer Gewalt und Zärtlichkeit.

Hans Heinrich stand vor diesen Augen wie ein Weltentrückter; ihm war, als flösse die heiße Sehnsucht, die aus ihnen sprach, in sein Herz hinüber, als rege sich darin dieselbe leidenschaftliche Frage, die in ihnen brannte, als durchriesele ihn warm, wonnig und doch mit leisem Grauen die süße Gewalt und Zärtlichkeit, die in ihren Tiefen glühte. »Ja, die Augen! Die Augen haben es jedem angetan, der sie einmal sah«, sagte neben ihm die Stimme des alten Johann. »Das sind sündige Hexenaugen, junger Herr, gefährliche Augen! Es tut nicht gut, sie solange anzuschauen.«

Hans Heinrich war beim Klang der Stimme wie aus einem Traum erwacht; er hörte kaum, was Johann gesagt hatte, er sah ihn mit leerem, verständnislosem Blick an. Der alte Mann schüttelte den Kopf und schlug heimlich ein Kreuz. »Gott bewahre jeden in Gnaden«, murmelte er und fuhr dann lauter fort: »Hier auf diesem Fleck hat die Heidin ihr sündhaftes Blut verspritzt, und hier muß sie umgehen und Unheil bringen seit bald zweihundert Jahren.« – »Aber, Johann, glauben Sie doch nicht solchen Unsinn!« fuhr der Baron auf, und jetzt lächelte er. »Umgehen und Unheil bringen können die Toten nicht, das tun nur die Lebenden, und wenn nicht anders, dann tun sie es damit, daß sie solchen Unsinn glauben.«

Der Alte bekam einen verschlossenen, feindseligen Ausdruck in sein faltiges Gesicht. »Das ist kein Unsinn, mit Verlaub zu sagen, Herr Baron. Das sind Dinge, die sich nicht wegleugnen lassen, wenn man sie auch nicht erklären kann. Jedes Kind im Dorfe weiß es.« Durch Hans Heinrichs Kopf flogen allerlei Gedanken und Fragen. Die vorherrschende sprach er aus: »Ist denn das Grab noch zu finden, in dem die Fremde ruht?« – »Hm – ja – man sagt, es sei droben im Wald auf einem kleinen Hügel, – man sagt, aber niemand weiß es«, antwortete der Alte zögernd und anscheinend widerwillig. »Aber wollen der Herr Baron jetzt nicht den Rückweg antreten? Ich denke, der Imbiß wird fertig sein.«

Hans Heinrich achtete nicht der Mahnung. »Und jedes Kind im Dorfe kennt die alte Sage, die sich an den Turm und das Grab knüpft?« fragte er weiter. »Hm – ja – das wandert von Geschlecht zu Geschlecht. Wir sind hier viel Alteingesessene, da erzählt es der Vater dem Sohne.«

»Nur ich wußte nichts davon und war doch der Nächstbeteiligte«, dachte Hans Heinrich und runzelte die Stirn; dann lächelte er wieder. Natürlich seine kluge, klarblickende Mutter hatte ihm die Kindheit nicht mit quälenden Phantastereien beschweren wollen. Trotzdem steckte er nun mitten darin, zwar mit gereiftem Geist und ruhiger Überlegenheit, aber im Empfinden merkwürdigerweise doch nicht ganz unbeeinflußt von dem, was sein Verstand belächelte und verwarf. Die Augen dort auf dem Bilde redeten eine so seltsam überzeugende Sprache.

Er wendete sich zu ihnen zurück. Aber die Sonne war jetzt hinter einen der vor dem Fenster wehenden Lindenzweige geschlüpft und die Augen blickten aus dem Schatten heraus nun auch schattenhaft dunkel und leer. Ihr sprechender Zauber schien mit der Sonne entschwunden zu sein. Enttäuscht glitt der Blick des jungen Mannes nun über die verschleierte Unterpartie des Gesichts. Sie schimmerte nur sehr undeutlich durch den leichten Schleierstoff. Die Kunst des Malers hatte auch hier versagt, oder war es vielleicht sein Wille und seine Bestimmung gewesen, das Verhüllte nicht erkennen zu lassen. Nur der Mund leuchtete in seltsamer Frische unter dem dünnen Stoff hervor, feine schmale Lippen von einem so warmen Rot, als wenn sie atmeten und sich zum Kusse wölbten.

Und eben hatte die Sonne zwischen den grünen Lindenblättern wieder einen Spalt entdeckt und glitt mit goldenem Gruß noch einmal über das ganze Gesicht des jungen Weibes. Da war es, als wenn der rote, schmale Mund plötzlich lächelte, und in den Augen wachte wieder die heiße Sehnsucht, die süße Gewalt und Zärtlichkeit auf und glühte hernieder in das Herz des reglos Staunenden.

Nur eines Atemzuges Länge – dann krachte, vom frischen neckischen Frühlingswind getrieben, der aufgestoßene Fensterladen polternd zu und das ganze runde Gemach lag plötzlich in tiefem, unheimlichem Dunkel. Zugleich zog es wie leises Seufzen und Stöhnen durch den Raum, und wenngleich Hans Heinrich sich mit klarem Verstande sogleich sagte, daß es der Wind sei, der, sich zwischen den Wänden fangend, in diesen geisterhaften Tönen spräche, rieselte ihm doch ein kalter Schauer über den Rücken und seine Stimme klang belegt, als er ausrief: »Stoßen Sie den Laden wieder auf, Johann! Man findet sich ja sonst in dieser Pechfinsternis nicht vor-, nicht rückwärts!«

Gleich darauf flammte Johanns Kerze auf und beleuchtete dessen blasses, verstörtes Gesicht. Der Alte schritt eilig, die Flamme mit der Hand schirmend, so daß sie nur den knappesten Umkreis erhellte und kaum den Rahmen des Bildes streifte, an dem Baron vorüber, der Türe zu. »Aber, Johann, Sie sollen doch den Laden öffnen!« wollte dieser ihn aufhalten. »Ich kann nicht, Herr Baron«, war die heisere Antwort. »Mir zittern die Hände. Herr Baron wollen verzeihen. Ich bin ein alter Mann, ich kann so etwas nicht durchsetzen. Herr Baron mögen mich gütigst freilassen.«

Er zitterte wirklich an allen Gliedern, das Licht in seinen Händen schwankte, und seine Augen blickten verstört. Der arme Alte. Wie verderblich doch der Aberglauben wirkte! Hans Heinrich fühlte ein wirkliches Mitleid, in dem alles andere, sogar seine Begier, das Bild noch einmal zu sehen, restlos unterging. Jetzt war die Hauptsache, den alten erschreckten Mann zu beruhigen. Er legte seine Hand sanft auf die zusammengesunkenen Schultern des Dieners und sagte freundlich: »Ruhe, Ruhe, Johann! Natürlich gehen wir zusammen. Ich habe gesehen, was ich sehen wollte. Es tut mir leid, daß Sie sich so aufgeregt haben, aber es war wirklich nicht nötig.«

Dabei hatten sie beide das Zimmer verlassen. Hinter ihnen flog die Türe krachend ins Schloß. Johann fuhr wie unter einem Schlage zusammen und strebte mit eilenden Schritten der zweiten Türe zu. Erst als diese von seinen noch immer bebenden Händen mit dem großen Schlüssel fest verschlossen war, atmete er auf, lehnte sich schwach gegen die Mauer des Ganges und sah seinen jungen Herrn mit angstvoll fragenden Augen an.

»Glauben der Herr Baron nun, daß es Dinge gibt, die man nicht erklären kann, die aber doch vorhanden sind? Das war nicht der Wind, der den Laden zuschlug. Es roch nach Blut, nach sündigem Blut. Nein, Herr Baron, das war nichts Natürliches! Das ist uns auch noch nie passiert, so oft und so lange ich mit der alten Gnädigen auch dort gewesen bin. Da war's immer bloß ein Bild, aber heute – Gott steh mir bei, heute war's, als lebe die Heidin!« – »Wart Ihr denn schon jemals im Sonnenschein dort?« – »Nein, die Gnädige geht immer erst abends. Aber trotzdem – so unheimlich war's noch nie!« – »Aber Johann, das ist's ja eben, das Sonnenlicht schuf den Schein des Lebens.« – »Nein, nein, Herr Baron, unsereins kennt das, unsereins ist damit aufgewachsen; das ist und war immer Spuk und Zauber.«

Es war verlorene Liebesmühe, dem Alten vernünftig erklären zu wollen, was er unter allen Verhältnissen unvernünftig ansah. Hans Heinrich schwieg und stolperte hinter dem hastig Vorwärtsstrebenden her. Ohne daß er es sich selbst zugestand, schwebte auch über seinem Empfinden ein ungreifbares und unbegreifliches Etwas, das ihm leise durch die Adern schauderte, seinen sonst so klaren Sinn verwirrte und ihn mit geisterhaften Fäden umspann.

Es verflog auch nicht vollkommen, als er schon in der alten schweren Staatskarosse saß und die alten fetten Gäule ihn langsam wieder fortzogen vom sagen- und fluchumwobenen Stammschloß seiner Ahnen, der kühlen, nüchternen Gegenwart und deren jedem Spuk und jeder verträumten Poesie spottenden lärmenden Kinde, der Eisenbahn, entgegen.

Es war allerlei Beunruhigtes in ihm, auch daß er die Ahne, zu der nun doch ein Gefühl tiefer innerer Zusammengehörigkeit erwacht war, nicht noch einmal wiedergesehen hatte. Ihre Erzählungen wirkten leise in ihm nach. Er versuchte freilich, sie nach wie vor zu belächeln, aber der Ring, der an seinem Finger saß, und das Bild, dessen Augen einen so verwirrenden Eindruck auf ihn gemacht hatten, standen als greifbare Beweise hinter den märchenhaften Unfaßbarkeiten ihrer Mitteilungen und erweckten in ihm manchmal eine heimliche Unruhe und flüchtig auftretende Schwermut, gegen die er zwar mit heftig aufwallendem Ärger und blankgezogener Vernunft kämpfte und die er dann auch besiegte, die aber doch einen zeitweiligen Schatten über sein Leben warf, den er früher nicht gekannt hatte.

Schwer vergaß er das Bild, nach dem eine unruhige Sehnsucht in ihm blieb. Oft packte ihn der leidenschaftliche Wunsch, es aus dem dumpfen, modrigen Raume, in dem es hing, fortzuholen und in seine Wohnung zu bringen, in golden flutenden Sonnenschein, in dem diese Augen wieder leben, dieser blühende Mund wieder lächeln würde. Ein geschickter Meister sollte es in die Hände nehmen, die Flecke und Risse, mit denen die Zeit ihren Stempel darauf gedrückt hatte, tilgen, die fast bis zur Unkenntlichkeit nachgedunkelten Farben auffrischen und die stümperhafte Technik verbessern. Nur an Mund und Augen dürfte er nicht rühren, der Kopf mußte ganz so bleiben, wie sein Bildner, der an ihm zum Meister wurde, ihn geschaffen hatte. Aber freilich, daran war nicht zu denken, solange die Ahne lebte. Mit ihrem Willen würde er niemals das Bild von seinem Platze entfernen dürfen, das sagte er sich selbst. Es ging der alten Dame merkwürdigerweise wieder ganz gut. Sie hatte eigenhändig an ihn geschrieben und ihm für seinen Besuch gedankt, aber hinzugefügt, daß sie ihn bitte, diesen nicht eher zu wiederholen, bis eine Aufforderung dazu an ihn erginge.

Das war so klar und deutlich, daß er unmöglich dagegen handeln konnte, und so blieb seine Sehnsucht nach dem Bilde ungestillt. Hans Heinrich war keine schnell empfängliche und zugängliche Natur, aber gerade deshalb hafteten starke Eindrücke besonders tief und lange in ihm. Als einziger Sohn einer temperamentvollen und zärtlich, fast eifersüchtig liebenden Mutter, hatte seine Kindheit und erste Jugend ihm wenig Gelegenheit gegeben, sich an Altersgenossen anzuschließen. Die auf alle seine Empfindungen und Ideen sorgsam eingehende Mutter hatte ihm alles ersetzt, war ihm Freund und Gespielin gewesen und sogar im Alter leicht entflammter Jugendschwärmerei seine erste Liebe und sein Ideal.

Dadurch war nach ihrem frühen Tode eine gewisse Vereinsamung und Neigung zum Zurückziehen in sich selbst über ihn gekommen. Zwar hatte er, ihrem und des verstorbenen Vaters Wunsche folgend, seine staatliche Laufbahn beim Militär begonnen und voll Pietät, da alle Sesenburgs lange Jahre Soldaten gewesen waren, ehe sie sich zur Landwirtschaft zurückzogen, drei Jahre in dem Kavallerieregiment gestanden, in dem vor ihm eine Reihe seiner Vorfahren gedient hatte. Aber diese Jahre schienen ihm, besonders im Rückblick, als für sein Leben ohne Einfluß. Er war ein guter Reiter, aber damit endete auch die Liste seiner militärischen Begabungen; als Soldat leistete er nur Mittelmäßiges. Ihm fehlte das Interesse am Beruf. Seine Neigungen, von der Mutter ganz auf das Feingeistige, Künstlerische und Wissenschaftliche hingewiesen und gepflegt, fanden weder im Verkehr mit den schneidigen, flotten Kameraden, noch am Dienst, soweit er in einer rein körperlichen und mechanischen Beschäftigung bestand, irgendwelche Befriedigung. Obgleich seine Regimentsgenossen ihn als liebenswürdigen, immer hilfsbereiten Kameraden schätzten, trat er doch mit keinem von ihnen in ein näheres Verhältnis, weil er keine ihrer Liebhabereien teilte und nirgends mit Wärme mithielt. Er schied aus dem Regiment und dem Militärdienst, um sich dem juristischen Studium zu widmen, das ihm behufs späteren Eintritts in die diplomatische Laufbahn am geeignetsten für einen Beruf schien.

Mit einundzwanzig Jahren bezog er die Universität; aber trotz dieses jugendlichen Alters fühlte er sich den ihm gleichstehenden Kommilitonen gegenüber schon so bedeutend älter, überlegener und lebenskundiger, daß er auch während der Jahre dieses Studiums, die ihm auf verschiedenen Universitäten sehr angenehm und genußreich vergingen, keinerlei festen Anschluß suchte und nirgends eine wirkliche Freundschaft schloß. Seine sehr bedeutenden Mittel ermöglichten ihm überall eine Sonderstellung, die ihm in Verbindung mit altem guten Namen, sehr gewinnender Erscheinung und geistvoller Liebenswürdigkeit alle Türen öffnete und alle Wege ebnete. Besonders die Pforten der Frauenherzen öffneten sich ihm überall weit und einladend. Aber er schritt ungerührt und oft sogar ahnungslos an ihnen vorüber, und die Pforte seines eigenen Herzens blieb fest verschlossen.

Vor der stand nach wie vor das Bild der Mutter, das, je weiter die Jahre vorschritten, im Zauber der Erinnerung immer höher wuchs und reicher ausgestattet wurde, und an dessen Maß keine der schönen und reizvollen Frauen, die sich ihm huldvoll zuneigten, heranreichen konnte. Die ersten Frauenaugen, die Unruhe über ihn brachten und eine bestimmte Sehnsucht in ihm erweckten, waren die jenes Bildes im alten Turmgemach seines Ahnenhauses.

* * *

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.