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Der Ring

Laurids Bruun: Der Ring - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLaurids Bruun
titleDer Ring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1929
translatorn.n.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180118
projectide9d5e370
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VI

Viktor Heller war zeitig aufgestanden.

Nachdem er im Restaurant des Hotels gefrühstückt hatte, ging er in den Garten, um die wunderbar milde Morgenluft zu genießen, die von dem tiefblauen Meere herüberkam. Aus den Myrten stieg ein kräutriger Duft auf, und die Macchia sandte ihren würzigen Hauch von den nahen Felshängen herüber.

Ein Gärtnergehilfe fegte die Gänge mit einem langen Besen, als ob es ein Zimmerboden sei. Ein andrer sprengte die Blumenbeete. Die schrägen Sonnenstrahlen sickerten durch die Bäume und blitzten auf dem Wasserstrahl.

Heller nahm auf einer Bank unter einer alten Steineiche Platz. Gestern abend war er mit dem Dampfer aus Nizza angekommen und bereits heute morgen hatte er einen Brief von der H. Y. B. S.  A. erhalten.

Er zog ihn aus der Tasche und las ihn noch einmal.

» Dear sir.

Anschließend an unsern Brief von vorgestern, in dem wir Sie baten, umgehend nach Ajaccio zu fahren, um durch persönliche Ermittlung an Ort und Stelle sich der Sache B 27 anzunehmen, haben wir Ihnen heute noch folgende wichtige Mitteilungen zu machen: Unser Vertreter in Genua schreibt uns auf Anfrage, daß der verstorbene Fürst vor sieben Jahren, während seines Aufenthaltes in Korsika eine private Verfolgung des Signor Lucchetti unternahm, wobei ein Verwandter desselben von einem Angestellten des Fürsten erschossen wurde. Dadurch machte der Fürst sich Lucchetti zum Feinde, und auf der Insel nimmt man allgemein an, daß Furcht vor der Blutrache Lucchettis die Veranlassung war, daß der Fürst kurz darauf sein Besitztum verkaufte und die Insel verließ, ohne vorher die von Lucchetti verlangte Buße ihm zu zahlen.

Unsre lokale Polizeiverbindung teilt uns mit, daß in der Angelegenheit noch keine Spur zu finden war. Gleichzeitig erfahren wir aber von andrer Seite, daß ein Beamter der » International Detection«, Mr. Lacombe, auf Veranlassung des Geschäftsführers des Hotels in Ajaccio eingetroffen ist und als Gast im Hotel wohnt.

Die Tatsache, daß man im Salon der Fürstin, wo der Diebstahl begangen wurde, auf dem Kamin zehntausends Francs in Scheinen gefunden hat, beweist, daß es sich hier nicht um einen gewöhnlichen Diebstahl handelt.

Nun wird uns aus Genua ferner mitgeteilt, daß Lucchetti in einem andern Vendetta-Fall Vendetta = Rache einen Einbruch habe veranstalten lassen, um in den Besitz einer ungezahlten Schuld zu kommen. Darum halten wir es nicht für ausgeschlossen, daß das berühmte Perlenhalsband der Fürstin sich jetzt in seinem Besitz befindet. Umso mehr als sie es vor vierzehn Tagen bei einem Empfang des Präfekten trug, wo es so viel Aufsehen machte, daß es in den Lokalzeitungen erwähnt wurde. Vielleicht ist Lucchetti dadurch auf die Idee gekommen.

Da der Schmuck ein Erbstück in dem Geschlecht des Fürsten, nicht dem der Fürstin ist, hat Lucchetti, nachdem er sich vorher über den angeblichen Wert unterrichtet hat, sich desselben bemächtigt, und wo der Wert die von ihm geforderte Summe samt Zinsen um ungefähr zehntausend Francs überstieg, hat er mit dem ihm eigenen Ehrgefühl die Differenz bezahlt, indem er genannte Summe auf dem Kaminsims hinterließ.

Das Schmuckstück, von dem wir Ihnen in unserm vorigen Brief eine Abbildung und eine genaue Beschreibung sandten, ist von der Fürstin vor vielen Jahren bei uns zu dem Betrage von hundertsechzigtausend Francs versichert worden, die also jetzt fällig sind.

Wir bitten Sie nun alles zu tun, was in Ihrer Macht steht, um der Sache auf die Spur zu kommen. Beginnen Sie mit einem Besuch bei Lucchetti und übergeben Sie ihm beifolgenden versiegelten Brief von uns. Wir sind schon bei früherer Gelegenheit mit ihm persönlich in Verbindung getreten und haben allen Grund anzunehmen, daß er Sie als unsern Vertreter gut empfangen wird.

Bevor Lucchetti unser Schreiben gelesen hat, das alles Wichtige enthält, dürfen Sie keine Frage an ihn stellen, noch solche von seiner Seite beantworten; jedoch dürfen Sie die gewohnten Höflichkeitsformen keineswegs vernachlässigen. Signor Lucchetti soll Gewicht darauf legen, als Gentleman behandelt zu werden.

Sie wollen im Hotel bleiben, bis Sie Näheres über Zeit und Ort erfahren, wo und wann Sie Lucchetti besuchen können. Der Maire in ...ta ist beauftragt, Ihnen die Botschaft persönlich zu übermitteln.

Yours truly p. p.
H. Y. B. S. A.

Das Schreiben war von dem Generalsekretär der Gesellschaft persönlich unterzeichnet.

*

Vier Jahre waren seit jenem Vormittag vergangen, als Viktor zu seinem Hotel in der rheinländischen Stadt zurückkehrte, – seines Geldes, seiner Uhr und eines gefundenen Polizeischildes beraubt, doch bereichert um den Entschluß, sich in Zukunft sein Geld selbst zu verdienen.

Morgens beim ersten Frühstück hatte er sich eine Zeitung geben lassen und darin eine Anzeige von einer Internationalen Versicherungsgesellschaft gefunden, die einen Vertreter suchte, einen Mann von akademischer Bildung und feinem Benehmen, der in den Weltsprachen und auch auf italienisch Verhandlungen führen konnte.

Das Hauptbüro dieser Gesellschaft war in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Der Generalsekretär aber war ein Engländer, der mit der Besatzung des Rheinlandes nach Deutschland gekommen war, und dort viele und interessante Sachen zu ordnen hatte.

Nach kurzer Prüfung war Viktor als Mitarbeiter angenommen worden, nicht nur, weil er fließend Italienisch sprach – man gebrauchte gerade einen Mann mit dieser Fähigkeit zu einer wichtigen Verhandlung, – sondern auch weil er sofort antreten und außerdem auf Grund seiner dänischen Muttersprache, in Kopenhagen verwendet werden konnte, wo man während des Krieges ein bedeutendes Arbeitsfeld gefunden hatte.

Die Gesellschaft war die führende Bergungs-Gesellschaft der Welt, wie der Generalsekretär versicherte. Die Buchstaben H. Y. B. S. A. bedeuteten Help Yourself Brethren, Salvage Association. Man übernahm Versicherungen aller Art, – die Abteilung für die Versicherung von Gegenständen aber war auf Grund der enormen Entwicklung des internationalen Diebsgewerbes die bedeutendste geworden.

Gab es doch nichts, was nicht versichert wurde, – von der Jacht des amerikanischen Millionärs mit seiner kostbaren Last an Schmuck und Kleidern, bis zu den Brillantringen am Finger des Vergnügungsreisenden in Paris und Monte Carlo.

Die Gesellschaft hatte nun eine Abteilung organisiert, die einzig in ihrer Art war: durch einen Nachrichtendienst, der über die ganze Welt verzweigt war und dank seiner Diskretion und seines privaten Charakters, die Erfolge der amtlichen Polizei aller Länder weit übertraf, versuchte man, geraubte oder verlorene Gegenstände wieder herbeizuschaffen, anstatt sie durch Auszahlung der Versicherungssumme zu ersetzen.

Durch heimliche Verbindungen in Verbrecherkreisen, durch neutrale Verhandlungen mit den Herren Dieben, erreichte man häufig, was der Polizei mit ihrem schwerfälligen Apparat nicht glückte. Gegen ein bescheidenes Entgelt an die Herren Diebe konnte man häufig dem rechtmäßigen Besitzer das gestohlene Gut zurückschaffen. Es war vorgekommen, daß man sich durch eine Barauslage von zehntausend Francs eine fällige Versicherungssumme von hunderttausend Francs gespart hatte.

Für diese Gesellschaft nun hatte Viktor seit vier Jahren gearbeitet. Zuerst war er vom Rheinlande nach Palermo geschickt worden. Dort hatte er mit einem sizilianischen Baron zu verhandeln um ihm eine äußerst zweifelhafte Forderung abzukaufen, die dieser, wie er behauptete, an der Villa eines Amerikaners besaß, die abgebrannt war.

Diese Villa hatte viele Jahre leergestanden, und der Baron oder sein Inspektor hatten, da die Villa dicht neben ihrem Besitztum lag, aus Bequemlichkeitsrücksichten den Stall in Gebrauch genommen und den Boden der Villa als Speicher benutzt. Nach dem Brande nun hatte der Baron die Frechheit, ein Drittel der sehr hohen Versicherungssumme zu verlangen, und da er zu den einflußreichsten Männern der Insel gehörte, hatte die Gesellschaft sehr wenig Aussicht, einen Prozeß zu gewinnen.

Der Zufall wollte, daß der Baron Liebhaber und Sammler römischer Antiquitäten war, und er war so entzückt, einen Mann aus dem Auslande zu treffen, der die italienische Sprache vollkommen beherrschte, seine Sammlungen beurteilen und seine Interessen teilen konnte, daß er Viktor wie seinen Gast behandelte und ihn gar nicht wieder fortlassen wollte.

Der Besuch dauerte über vierzehn Tage, und als Viktor bei seiner Abreise um eine Entscheidung in der Versicherungssache bat, fertigte der Baron sie mit einer Grandseigneurgebärde ab und zog seine Forderung zurück.

Nach diesem günstigen Anfang – Viktor war Diplomat genug, um zu verschweigen, was die römischen Antiquitäten für den Erfolg bedeutet hatten – wurde er festangestellt. Er erhielt ein recht bedeutendes monatliches Gehalt, nebst einem prozentualen Anteil, mußte aber stets zur Verfügung stehen und dorthin reisen, wohin die Gesellschaft ihn schickte und wo sie für seine Sprachkenntnisse und Verhandlungsgabe Verwendung hatte. Offiziell war er wie bisher der wohlhabende, selbständige Kulturhistoriker, der gelegentlich für Zeitungen und Zeitschriften schrieb.

Er erhielt den wöchentlichen Bericht der Gesellschaft mit den Abbildungen der Wertgegenstände, die gesucht wurden und nahm auf diese Weise an sämtlichen Ermittlungen der Gesellschaft teil. Außerdem hatte er die Pflicht, wie die andern geheimen oder offiziellen Agenten der Gesellschaft, überall, wo er sich befand, hauptsächlich in großen Hotels, sich unter das Publikum zu mischen und vor allem ein Auge auf kostbaren Damenschmuck zu haben. Es gab Dinge, die seit Jahren auf der Liste der Gesellschaft gestanden hatten und den Mitarbeitern beständig in Erinnerung gebracht wurden, für den Fall, daß sie durch Besitzwechsel an den Tag kommen könnten.

   

Viktor stand auf, steckte den Brief in die Tasche und begab sich ins Hotel, um das Fremdenbuch zu studieren, solange die Halle noch leer war.

Auf dem Weg kam ihm ein junger, sonnenverbrannter Bursche mit einer Samtjacke, wie korsikanische Bauern sie zu tragen pflegen, mit einem Brief in der Hand entgegen.

Da Viktor annahm, daß es die Mitteilung sei, von der in dem Schreiben der H. Y. B. S. A. die Rede war, blieb er stehen und sah den Boten fragend an.

Der Bursche grüßte zurückhaltend und zeigte auf die Aufschrift des Briefumschlages, ohne ein Wort zu sagen. Viktor las seinen Namen und nahm den Brief in Empfang. In dem Umschlag lag ein Zettel, worauf stand:

»Der Maire von ...ta teilt Ihnen mit, daß die gewünschte Unterredung heute Abend stattfinden kann. Auf der östlichen Seite des Place du diamant wird um sechs Uhr ein graues Auto mit der Nummer 53 halten. Ihre Frage, ob das Auto dem Maire in ... ta gehört, wird der Chauffeur mit ja antworten und Sie an den Ort der Unterredung bringen.«

Viktor gab dem Burschen einen Franc, dieser zögerte indessen und zeigte auf die Rückseite des Zettels: Dort stand:

»Dieser Zettel ist an Überbringer zurückzugeben, mit Bestätigung, daß er vorgezeigt worden ist.«

Viktor setzte seinen Namen unter das Schreiben und reichte es dem Burschen, obgleich er es gern als Kuriosum behalten hätte; stammte es doch sicher von Lucchetti selbst, dem berühmten und gefürchteten korsikanischen »Bandit«.

Er hätte gern etwas Näheres über diesen merkwürdigen Menschen gewußt, bevor er mit ihm verhandelte, und es ärgerte ihn, daß seine Gesellschaft ihm keine Kopie des versiegelten Briefes geschickt hatte, den er Lucchetti abliefern sollte. So mußte er sich ganz unvorbereitet zu der schwierigen Verhandlung begeben; wollte man seine Verwendbarkeit von neuem auf die Probe stellen?

Durch den morgenstillen Garten erklangen jetzt Axtschläge. Er drehte den Kopf und sah zwischen einer Gruppe junger Platanen einen älteren Mann, der in Hemdsärmeln Holz spaltete, das in einem Haufen neben ihm lag.

Es war kein gewöhnlicher Holzhauer; er suchte sich mit Sorgfalt ein Stück Holz aus, musterte es wie ein Chirurg seine Instrumente vor der Operation, legte es umständlich auf den Block, worauf der Schlag kurz und bestimmt und mit einer Frische fiel, die alles andre als gewohnheitsmäßig war.

Als Viktor näher trat, sah er einen ergrauten Kopf, eine Adlernase zwischen buschigen Brauen, eine magere Hand mit geschwollenen Adern, die Knöchel weiß vom festen Griff.

Als der Mann Viktors ansichtig wurde, machte er eine Bewegung mit seinem Kopf, als ob er den ungebetenen Zuschauer aus seinem Gesichtskreis fegen wollte.

Viktor entfernte sich. Vor dem Hotel stand der Portier und grüßte.

»Wer ist der Mann dort?«

»Das ist Mr. Farham, Minenbesitzer und Multimillionär aus den Vereinigten Staaten. Er wohnt hier mit Familie und Dienerschaft, seine Jacht liegt drüben auf der Reede. Jeden Morgen, bevor andre Leute aufgestanden sind, hackt er sein bestimmtes Quantum Holz, seiner Gesundheit wegen. Man sagt, daß er ganze Holzstämme an Bord hat.«

Der Portier machte eine diskrete Handbewegung zur Stirn, fand keine Zustimmung und war gleich wieder voller Ehrerbietung.

Viktor drehte sich nach dem Millionär um, – er arbeitete, als ob er dafür bezahlt bekäme.

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