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Der Ring

Laurids Bruun: Der Ring - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLaurids Bruun
titleDer Ring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1929
translatorn.n.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180118
projectide9d5e370
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V

Trompetenstöße in der Ferne –

»Sie kommen!«

Teresa bahnte sich einen Weg zur Ecke, wo Liesje schon auf dem Torpfeiler des Kaufmannes einen guten Platz gefunden hatte.

Ganz hinten, über den Köpfen der Kinder, die sich reckten, um besser zu sehen, kam der Zug durch das Stadttor –

Voran ritt der Herold in einem blau und weiß gestreiften Wams, eine Feder auf dem Barett; dann kam die Stadtkapelle – Teresa kannte jeden einzigen der Musikanten.

Dann kam Franz Schuhmacher, der die Fahne trug, mit einem Beihelfer zu jeder Seite, die die Enden der Fahne hielten –

Und darauf folgte auf einem weißen Pferde – Apothekers alte Reitstute – der Älteste der Schützenbrüder, in seiner grünen Ordenstracht, die goldene Kette um den Hals –

Am Ende des Zuges schloß die Jugend sich an. Zuerst die Mädchen Arm in Arm, mit langen, blonden Zöpfen und hellen Kleidern, die jüngsten mit flatternden Haaren über sonnengebräunten Hälsen.

Liesje und Teresa schlossen sich einer Reihe an. Man nickte und lächelte ihr zu, denn alle kannten das Zigeunermädchen, hatten es von klein auf gekannt, als es noch eine Fremde war; jetzt gehörte Teresa mit zur Stadt, die stolz auf sie war, wie auf eine aus Welschland eroberte Fahne.

Der Zug bewegte sich durch die Alte Gasse, an den uralten Linden vor dem Jesuitenkollegium vorüber, bis zu der hochgewölbten Brücke, die über den Bach führte, der tief unten in seinem Steinbett floß, – zwischen alten, freundlichen Häusern, die seit des Kurfürsten Zeiten mit ihren Giebeln dort gestanden hatten.

Bei der Brücke, die über den Bach zum Burgpfad führte, mußte halt gemacht und die Reihen geteilt werden, weil der Weg zu schmal wurde.

Dann ging es langsam in zwei Zickzackschlangen bergauf, zwischen alten Akazienbäumen, die so süß und kräutrig dufteten, zur alten Burgruine hinauf, die grau und moosbewachsen, mit ihrem blinden Turm über die Stadt ragte. Die Luke vor der Fensteröffnung in dem oberen halbverfallenen Stockwerk sah wie eine schwarze Augenklappe aus.

Auf dem Burghof wurde der Zug aufgelöst. Die Uniformen wurden aufgeknöpft, Helme abgenommen, Stirn und Gesicht getrocknet – auf dem Platze leuchtete es von Taschentüchern in allen Farben.

Teresas Augen strahlten. Ihr roter Mund war halb geöffnet, ihre Brust wogte, die Zähne blitzten, – hin und wieder schlug ihr helles Lachen durch den allgemeinen Lärm.

Arm in Arm mit Liesje, die sie nicht losließ, glitt sie von Gruppe zu Gruppe.

Die jungen Leute schubsten sich, um dem dunkeln und dem blonden Mädchen nahezukommen, ihnen die Hand zu drücken, ein frohes Fest zu wünschen, sich einen Tanz für den Abend zu sichern, und um Freunde vorzustellen, die von weither gekommen waren, um dem Feste beizuwohnen.

Wieder begegnete Teresas Blick einem festen Augenpaar in einem jungen blonden Gesicht, mit einer Narbe auf der linken Backe, das ihr bereits früher aufgefallen war, – ein Soldat der Reichswehr, hatte Liesje gesagt, aus der Stadt aber sei er nicht; denn Liesje kannte alle.

Wann immer es möglich war, versuchte er, Teresas Blick zu fangen. Einmal kam er ihr ganz nah im Gedränge, streifte sogar ihre Hand, Teresa zog sie schnell zurück, mußte aber doch lachen. – Er wurde dunkelrot und tauchte in der Menge unter. Es dauerte lange – endlich aber ging die Sonne unter. Im Festsaal wurden lärmend Stühle gerückt, Lampen angezündet, das Orchester begann zu spielen. Das Gesinde des Wirtshauses hing unter den schattigen Linden und längs der Mauern bunte Papierlaternen auf, – rote, gelbe und blaue, mit kleinen Wachskerzen auf dem Grunde.

Drinnen im Saal tanzten die Schützenbrüder mit ihren Damen, – die Stadtmusikanten spielten Polka und Hoppsa, Rundtänze und Quadrillen, wie die Vorfahren getanzt hatten.

Draußen auf dem Platz aber, auf der Tribüne, nahmen Musikanten Platz, die von auswärts gekommen waren und neue Tanzmusik spielen konnten. Sie fanden sich überall ein, wo ein Fest stattfand, und konnten die ganze Nacht aushalten.

Die Flöte war nicht trocken, die Trompete nicht rein, der Bogen traf nicht immer die richtige Saite, – Schwung aber hatten sie, spielten handfest, leichtfaßlich.

Jetzt wurden unten auf den Mauern Fackeln angezündet, der Rauch zog bis in die Kronen der Linden. Über dem Bergpfad, zwischen den Stämmen der Akazien flackerte der rotgoldene Schein, und je dunkler es wurde, desto phantastischere Formen nahm er an.

Plötzlich erblickte Teresa die flackernden rotgoldenen Schatten und angstvoll umklammerte sie den Arm ihres Tänzers –

Es war der Soldat mit dem festen Blick und der Narbe auf der linken Backe. Er lachte und legte schützend seinen Arm um sie. Einen Augenblick lehnte sie sich zurück, in dem süßen Gefühl der Geborgenheit –

Er merkte das Zucken in seinem Arm, blickte ihr in die Augen, und sie lächelte ihm mit Tränen zu.

Dann war es vorbei. Die Musik spielte einen anderen Tanz, und sie gab sich dem Rhythmus hin.

Wie immer, wenn sie mit Leib und Seele tanzte, vergaß sie Zeit und Ort, – es war, als ob ein elektrischer Strom in ihr geschlossen würde, er durchzuckte sie vom Kopf bis zur Sohle, – alles in ihr spannte sich, und sie schwang und drehte sich wie unter einem fremden Willen. Sie wußte selbst nicht welche Bewegungen sie machte, die ganze Umgebung war für sie versunken.

Sie wußte selbst nicht, daß sie den Arm ihres Tänzers schon längst losgelassen hatte. Erst als die Musik verstummte, seufzte sie tief auf und sah sich in dem Kreise um, den die tanzenden Paare um sie gebildet hatten. Ängstlich wich sie vor den vielen Augen, den erstaunten Gesichtern zurück, wußte im ersten Augenblick gar nicht, wo sie war, und ob sie lachen oder weinen sollte –

Da rief einer Bravo, ein andrer klatschte in die Hände, und während ein Beifallssturm losbrach, lachte sie laut auf und warf sich dem ersten besten Tänzer in die Arme –

Es war wieder der Soldat mit dem festen Blick. Er sah, daß sie schwankte und führte sie behutsam aus dem Kreise –

Man drehte sich nach ihnen um. Einige lachten und riefen ihnen etwas nach. Dann aber begann die Musik wieder zu spielen, und der Tanz ging weiter.

Teresa konnte gar nicht aufhören zu lachen, obgleich sie sich das Taschentuch in den Mund stopfte. Es gluckste ihr im Halse, und das Herz quoll ihr so heftig in der Brust, daß sie unwillkürlich die Hand daraufpreßte.

»Sie sind doch nicht krank?« fragte er besorgt, während er mit ihr, den Arm um ihre Taille geschlungen, über den Pfad ging, der im Zickzack vom Burghof zum Wäldchen hinauf führte.

Sie schüttelte den Kopf, löste sich aus seinem Arm und strich sich über Stirn und Haar, als ob sie sich hier in der Stille wieder auf sich selbst besänne.

Er nannte ihr seinen Namen und erzählte, daß er aus der Nachbarstadt käme, – er wolle die ganze Nacht durchtanzen, gar nicht zu Bette gehen, denn er mußte schon um fünf Uhr mit dem Zuge fahren, um vor sieben in seiner Kaserne zu sein.

Sie hörte nur halb zu, antwortete ja und nein, lachte dazwischen – ihre Aufmerksamkeit war auf etwas ganz andres, etwas ganz Eigentümliches in ihrem eigenen Gemüt gerichtet, – eine Sehnsucht, die sie sich selbst nicht zu erklären vermochte. Etwas Überwältigendes, Neues hatte von ihrem Herzen Besitz ergriffen, so daß es ihr fast den Atem benahm.

Sie hatten den Waldsaum erreicht, wo junge Akazien sich über ihren Köpfen die Hände reichten. Unter dem Abhang sahen sie den hellen Lichtschein der Stadt; durch die Stille tönte hin und wieder Musik zu ihnen herauf. Der Mond war aufgegangen und warf seinen silbernen Schein über den Pfad.

Er legte wieder den Arm um sie, vorsichtig, ja zaghaft. – Und sie gab sich dem Schutz seines Armes hin.

Er wagte nicht zu sprechen, nicht zu fragen, hoffte aber, daß das, was sein Arm ausdrückte, bis in ihr Herz dringen würde.

»Hast du mich lieb?« platzte er schließlich heraus, während er sich über ihre Hand beugte, die gewohnheitsmäßig auf dem Halsbändchen lag. Sie hörte nicht, antwortete nicht.

Da beugte er sich noch tiefer herab und küßte die Hand auf dem Halse.

Sie sah zu ihm auf – ihr Auge war voller Dunkelheit und Tiefe –

»Warum tun Sie das?« fragte sie erstaunt.

»Weil ich dich liebe.«

Sie spürte, wie es in seiner Brust wogte, die er gegen ihre Schulter drückte –

»Hast du mich nicht auch gern?«

Sie überlegte, was er eigentlich damit meinte. Warum sollte sie ihn nicht gern haben.

»Doch,« sagte sie; er war ja so freundlich gegen sie gewesen.

»Küsse mich!«

Sie entwand sich seinem Arm. Nein, küssen wollte sie ihn nicht.

»Warum?« fragte sie und lachte ihm mit weißen Zähnen und halbgeöffneten Lippen entgegen.

Da sah sie, wie vor ihnen auf dem Wege, der vom Mondlicht beleuchtet war, ein Schatten fiel. Im selben Augenblick hörte sie hinter sich einen Laut. Bevor sie aber noch Zeit gefunden hatte, sich umzudrehen, sah sie, wie ein paar Hände um die Kehle ihres Begleiters griffen –

Ein Gurgeln, Röcheln –

Sie sprang zur Seite, wollte schreien. Da preßte sich eine Hand auf ihren geöffneten Mund: »Wenn du schreist, schlage ich dich tot!«

Es war Walthers Stimme.

Starr vor Entsetzen blickte sie ihm in das lange verzerrte Gesicht. Seine schwarzen, funkelnden Augen hielten sie fest, bis er sah, daß sein Kamerad den Soldaten überwältigt hatte.

»Für die nächsten drei Stunden ist der unschädlich gemacht!« hörte sie ihn sagen.

Da packte Walther sie am Arm und zog sie mit sich, während der andre, nach allen Seiten spähend, ihnen folgte und zur Eile antrieb.

»Du bist mir durchgebrannt,« sagte Walther mit schneidender Stimme, »das hast du schlau angefangen. Zum zweitenmal aber soll es dir nicht glücken, mein Engel. Jetzt bist du siebzehn Jahre alt, und ich werde mir nehmen, was du mir versprochen hast. Jetzt fahren wir geradewegs nach meiner Wohnung, ich habe mein eigenes Auto – bin zu Geld gekommen, was sagst du dazu? – Es hält dort unten vor dem ...bacher Tor zwischen den übrigen Privatautos, die zum Schützenfest gekommen sind. Wenn du dich gut benimmst, will ich dich wie eine Gräfin halten und deinen Ring in Gewahrsam nehmen. Hüte dich aber, wieder davonzulaufen, dir kann niemand helfen, und mir kann keiner etwas antun! Sieh dies Ding hier, wie das blitzt! – Weißt du, was das ist? – Ein Polizeischild, das der Polizeipräsident in höchst eigener Person gesegnet hat. Das ist mehr wert und ein besserer Schutz als dein Ring, der nur von einem Bischof geweiht worden ist.«

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