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Der Ring

Laurids Bruun: Der Ring - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLaurids Bruun
titleDer Ring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1929
translatorn.n.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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III

Viktor begab sich auf den Weg durch die Hauptstraße, in die Richtung des Nachtviertels.

Auf einem großen Marktplatz erkundigte er sich. Der Schutzmann, den er nach dem Wirtshaus »Zum Kuckuck« fragte, musterte ihn, und als er sah, daß er ein Fremder war, sagte er gutmütig: »Bleiben Sie lieber davon!«

Viktor lachte, bot ihm eine Zigarre an und ging weiter.

Ein uraltes Haus, mit einer düsteren Fassade und einer altmodischen Laterne über der schweren Tür, auf der mit rot gemalten, verschnörkelten Buchstaben »Eremitenklause« stand, und darunter, in modernem Stil: »Bier und Wein«.

Ein Ober – gewöhnlich, verdrießlich, pflichtgetreu – schaffte ihm Platz in einer Loge, wo glattgekämmte, lautredende Ladenkommis saßen, eng gedrängt neben Mädchen in anständigen Kleidern, chemisch gereinigt, bescheiden genug, – die Augen aber blank und zudringlich, mit zweideutigem Lächeln.

Hier, auf seinem ersten Spionageposten, konnte er wirklich nichts Bemerkenswertes entdecken.

Falschspiel sollte Walther hier betrieben haben! – Viktor begab sich auf eine Inspektionsrunde längs der Garderobenhaken, wo Zeitungen an langen Schäften hingen. Die Musik spielte in lebhaftem Durcheinander, vaterländische Lieder und Foxtrott, taktfest, für Stundenlohn; zwischen den Nummern gab's Bier.

Das Geschwätz blühte; hin und wieder stimmte ein feuchter Bierbaß ein Lied an, – hohes Gelächter von explosiven Frauengemütern, ein Hoch bald hier bald dort, Bestellungen für den Kellner, die an das Büfett weitergegeben wurden. Biergläser klirrten, Kellner eilten geschäftig hin und her, alles ging seinen gewöhnlichen Gang.

Viktor langweilte sich und wollte bereits gehen, ärgerlich über den verlorenen Abend. Er winkte dem Kellner »Zahlen«, und während der Mann herausgab, bemerkte Viktor etwas Verdecktes in seinen stechenden Augen. »Kennen Sie Hugo Walther?« fragte er aus plötzlicher Eingebung.

Der Kellner schüttelte den Kopf, indem er der übrigen Gesellschaft in der Loge einen prüfenden Seitenblick zuwarf, – die Kommis saßen eng an ihre Damen gedrückt, intim versunken, mit roten Köpfen.

»Ich werde dem Herrn den Weg zeigen –«

Als ob Viktor nach der Toilette gefragt habe, ging der Kellner auf seinen schmerzenden Plattfüßen vor ihm her.

Am Büfett wechselte er einen Blick mit der hochbusigen Büfettdame, die einen hübschen kleinen Schnurrbart hatte und den Kunden mit einem süß blinzelnden Blick musterte.

Ein fast unmerkliches Kopfnicken, und der Kellner zog Viktor mit sich hinter einen Wandschirm, der ein halbdunkles Privatleben verbarg: ein Spiegel an der Wand, Mäntel und Hüte der Kellner am Haken.

»Fünfzig Pfennige!« flüsterte der Kellner mit geöffneter Hand. Nachdem er sie empfangen hatte, drückte er auf einen elektrischen Kontakt hinter einer Portiere.

Das Knipsen einer Feder, ein Lichtstreifen in der Spiegelwand, die plötzlich einen Riß bekommen zu haben schien.

»Sankt Antonius' Versuchungs- und Folterkammer,« sagte der Kellner geschäftsmäßig auf Viktors fragenden Blick. »Klopfen Sie dreimal mit dem Türklopfer!« Damit schob er Viktor durch die Wandtür und schloß sie lautlos hinter ihm.

Eine schwach erleuchtete Wendeltreppe führte zu einem Keller. Viktor stand vor einer schweren, eichenen Tür, mit massivem gotischem Eisenbeschlag, zierlich verarbeitet, die zu einem alten Burggewölbe zu führen schien, und klopfte dreimal mit einem Klopfer, der einen Drachenkopf darstellte. Der Türdrücker knirschte, er war echt genug, und ein Landsknecht mit einem mächtigen, gezwirbelten Schnurrbart und einer Papprüstung hielt seine Hellebarde quer vor eine halbdunkle, enge Halle, die wie ein Torweg mit einer Laterne unter der Wölbung eingerichtet war.

»Feldruf!« sagte er barsch, gleich hinterher aber mit breitem, gemütlichen Grinsen: »Zwei Mark, bitte!«

Jetzt kam ein Küper mit einem Lederschurz herbei und führte Viktor – nachdem er den Betrag entrichtet und eine Kontrollmarke in Empfang genommen hatte – hinter einen Vorhang, der zu Sankt Antonius' Versuchungs- und Folterkammer führte.

Ein niedriger, tiefer, langgestreckter Kellerraum mit Kreuzgewölben.

Altes Weinlager, dachte Viktor, aus der Patrizierzeit. Er erinnerte sich zahlreicher Holzschnitte aus seinen Kunstgeschichten. Unter jedem Kreuzgewölbe hing eine Stallaterne mit grünlichem Licht, – Fenster hatte der Raum nicht.

Längs der Wände befanden sich Logen wie in dem oberen Lokal. In jeder Loge hingen Marterwerkzeuge, echte und nachgemachte, im bunten Durcheinander. Und geradevor stand in einer Loge eine Nachahmung der Jungfrau von Nürnberg, der Mantel war zurückgeschlagen, so daß man die eisernen Spieße sehen konnte, die von dem grünen Licht beleuchtet wurden.

Tisch und Bänke im alten Nürnberger Stil. Am Ende des Raumes eine niedrige Tribüne mit einem Schrammeltrio: Gitarre, Harmonium und Violine, in unverfälschtem Wiener Stil.

Der Gitarrenspieler erhob sich von seinem Taburett und begab sich spielend und singend unter die Gäste nach der einen Seite des Saales. Der Violinist, der ihn akkompagnierte, begab sich nach der entgegengesetzten Seite, dennoch blieben sie hübsch im Takt, obgleich ihre Aufmerksamkeit den Gästen zugewandt war.

Viktor durchsuchte die Logen, bevor er sich einen Platz nahm.

Hier und dort lagen Karten auf den Tischen. Man sah schweigsames Spiel – und lautes Spiel, wo geschäftige Burschen mit vielen Kunstgriffen Trumpf aufdeckten, während andre, die herumstanden und zusahen, Beifall oder Teilnahme zu erkennen gaben.

Viktor fühlte mehrfach einen kalten, schnellen Blick auf sich, mitten durch lärmendes Lachen, er hörte übermütig ausgelassene Zurufe, die nach Rausch klangen, aber kein Flackern im Blick dabei, nur verzerrtes Lächeln, – Maskengrimasse, die als Rausch herhalten mußte –

Er mußte über sich selbst lächeln: es war gar nicht so leicht, Detektiv zu sein!

Dreiste Frauenaugen folgten dem hochgewachsenen, schlanken Fremden von den kleinen Tischen, indem er vorbeiging –

Er hatte sich gemerkt, daß die Toilette ganz hinten im Saal lag; das gab ihm eine willkommene Veranlassung, an beiden Logenreihen vorbeizugehen.

Der Violinist streifte auf seinem Wege zur Tribüne dicht an ihm vorbei.

Ein ehrerbietiges »Verzeihung« und ein fragender, aufreizender Blick aus den blanken Augen, den er nicht verstand.

Der Violinist war ein junger Bursche mit frauenhaftem Teint und einer schwarzen Locke, die ihm in die Stirn fiel, mit blitzenden, weißen Zähnen hinter dunkelroten Lippen, die offenbar gefärbt waren.

Viktor blieb mitten im Saal stehen, als die Musik, die jetzt wieder auf der Tribüne versammelt war, plötzlich mit voller Kraft einsetzte, – ein Saxophon hatte das Harmonium abgelöst –

Und sieh: eine Frau trat von rechts hinter einem Vorhang hervor, – in einem hellroten Mantel stand sie mitten auf der Tribüne, das Licht wurde verstärkt – sie breitete die Arme aus – ließ den Mantel fallen –

Und stand in dem blendenden Bad des Projektors so nackt, wie die Natur sie geschaffen hatte.

Allgemeines Verstummen, – sogar die Musik machte eine Pause, wie ein Atemstocken ging es durch den ganzen Saal. Viktor fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg –

Dann löste die allgemeine Benommenheit sich in rasendes Beifallklatschen, während die Musik explodierte.

Wunderbar gewachsen, strahlenden Auges, von Lachen sprudelnd, mehr wild als frech, jenseits aller Schranken, schwang sie sich in einem selbsterfundenen Negertanz – ein oder zwei Minuten, länger dauerte die Vorführung nicht. Man wußte, daß solch starker Trank nur in Tropfen zugemessen werden durfte, wenn die Wirkung nicht so stark werden sollte, daß kein Teufel die Hexe wieder beschwören konnte.

Auf ein Zeichen des Wirtes, der vom Eingang des Raumes aus der Vorführung folgte, ergriff sie ihren Mantel und war durch den Vorhang verschwunden, der hinter ihr herflatterte.

Die Stimmung war riesig gestiegen, überall wurden Bestellungen gemacht, die wenigen Kellner konnten sie kaum bewältigen.

Viktor begab sich wieder an seinen Platz, das blendende Licht noch in den Augen; der Kopf war ihm schwer von dem Tumult, oder sollte es schon der Mosel sein?

Die Kapelle spielte wild darauf los, um die Stimmung auf der Höhe zu halten.

»Das As gehörte mir!« schrie eine erregte Stimme aus der Loge nebenan, und eine Faust fiel schwer auf den Tisch.

»Entschuldigen Sie, mein Herr!« sagte einer von den Umstehenden mit ruhiger Stimme, »der Herr dort hat recht. Ich habe selbst gesehen, daß er das As hatte, als Sie Trumpf spielten.«

Es wurde verhandelt. Der Wirt, groß, dick und würdig, näherte sich, indem er, zur Ruhe mahnend, nach oben zeigte.

Die Stimmen beruhigten sich, es wurde Versöhnung getrunken und das Spiel ging weiter.

Viktor begriff: während die Dame tanzt, sind aller Augen auf sie gerichtet, das Interesse für das Spiel ist wie fortgeblasen. Eine Karte wird vertauscht. Die Dame verschwindet, die Gemüter beruhigen sich langsam, das Interesse für das Spiel und die Erinnerung kehren wieder. »Das As gehörte mir?« Wird hier falsch gespielt? – Einer der Anwesenden, der mit der Falschspielerbande im Bunde ist, bezeugt, was er gesehen hat. Im Hintergrunde steht der Wirt und wahrt den Hausfrieden, – lautes Reden ist im Interesse aller streng verboten.

Plötzlich wurde das Licht gedämpft, die Musik spielte eine andre Melodie. Im Hintergrunde der Tribüne wurde eine weiße Fläche freigelegt und ein Film gezeigt, bei dem ihm der Atem stockte –

Aus den Zurufen und unterdrücktem Gekicher an den Tischen aber merkte er, daß er an diesem merkwürdigen Orte der einzig Verblüffte war.

Lichtbilder von haarsträubender Unanständigkeit wurden mit nicht weniger schamlosem Beifall begrüßt. Doch wurde auch dieser Wein nur in kleinen Dosen verabreicht.

Es wurde wieder hell, die weiße Fläche wurde sorgsam verdeckt. Viktor blickte sich aufmerksam um –

Wie er so saß, begegnete er dem Blick des Violinisten, der zusammen mit der Gitarre wieder auf Wanderung durch den Saal begriffen war.

Ich will versuchen ihn auszuforschen, dachte Viktor. Wenn hier jemand über die Stammgäste Bescheid weiß, so muß es die Musik sein.

Er hielt den Blick unter der schwarzen Stirnlocke fest.

Der Bursche lächelte und kam spielend auf ihn zu.

Viktor legte zwei Mark auf den Tisch und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, an seinem Tisch Platz zu nehmen; das Stück war gerade zu Ende, Pause trat ein.

Der ist kaum achtzehn Jahre alt, dachte Viktor und sah auf seine Hände herab, die klein und weich wie Frauenhände waren. Er schien es auch zu wissen, denn er strich selbstgefällig darüber hin.

»Wird hier nicht getanzt?« fragte Viktor.

»Erst später –«

Der Bursche beugte sich Viktor vertraulich zu und sagte: »Glücklicherweise. Sie ahnen nicht, mein Herr, was wir armen Musiker ohnedies an Staub schlucken müssen – und all der Frauenzimmerdunst, der einem in die Nase steigt!«

Viktor nickte zustimmend, und der Bursche fügte erklärend hinzu: »Seife ist ja teuer.«

»Kennen Sie Hugo Walther?«

Ein hastiger Blick, ein augenblickliches Zögern –

»Hat er hier gespielt?«

»Ja, aber nicht Musik – Karten.«

»Ach so.«

Der Bursche spitzte die Lippen, als wollte er pfeifen.

»Ich kenne ihn nicht,« sagte er lächelnd. »Sie vielleicht?«

Festgerannt.

Viktor griff in die Tasche und legte seine Hand flach auf den Tisch – das Licht fiel auf das Messingschild –

»Überlegen Sie es sich wohl,« sagte er mit dem kitzligen Gefühl der Übermacht.

Der Bursche rückte unwillkürlich ein Stück von ihm ab.

»Er ist ein schmalschultriger Mensch, mit schlenkernden Armen, einem verzerrten Gesicht und funkelnden, schwarzen Augen.«

»Hm, ja, ja. Lassen Sie mal sehen – ist er nicht Pole?«

Dann aber fügte er mit plötzlicher Dienstbeflissenheit hinzu: »Der ist seit dem Abend, als der Bauer den Krach machte, nicht wieder hier gewesen.«

Darauf erfuhr Viktor die ganze Affäre – ein Gutsbesitzer war im Spiel betrogen worden, während die Dame tanzte, wollte sein Geld zurückhaben, drohte mit der Polizei und bekam den Betrag vom Wirte ausgezahlt.

»Er hat ihn also trotzdem angezeigt?« fragte der Violinist gespannt.

»Und seitdem hat man ihn hier nicht mehr gesehen?«

Der junge Mann hob seine rechte Hand, als ob er schwören wollte, wurde plötzlich beleidigt und sagte mit dicker Stimme: »Ich bin nicht so einer. Sie irren sich, Herr Polizist. Weil man in einem Nachtlokal spielt, kann man doch anständig sein. Man nimmt halt, was man kriegen kann – und der Lohn ist erstklassig.«

Darauf lächelte er und versuchte seine Worte durch einen Witz abzuschwächen: »Wenn ich falsch spiele, handelt es sich jedenfalls um Noten und nicht um Karten – das kann ich Sie in aller Bescheidenheit versichern.«

»Er ist hier Stammgast?«

Der junge Mann nickte.

»Sind Frauen in seiner Gesellschaft?«

»Soviel ich weiß, nicht. Übrigens –« fügte der junge Mann mit einem geringschätzigen Lächeln hinzu – »Frauenzimmer sind nicht mein Geschmack. – Er ist Ober in einem anständigen Lokal mit Klavierdame – oben am Flusse. ›Zum goldenen Engel‹ heißt es, glaube ich, das aber wissen Sie wahrscheinlich besser.«

»Klavierdame? – Hat er von ihr gesprochen?«

Der Violinist richtete sich auf und sagte mit Würde: »Kein' Ahnung. Herr Walther gehört nicht zu meinem Verkehr, ein hergelaufener Pole!«

Jetzt näherte der Gitarrenspieler sich. Die Pause war zu Ende, man wartete –

Der Violinist nickte, er war bereit, sagte »Prost« und trank sein Glas aus.

»Keiner erfährt, wer ich bin, oder wovon wir gesprochen haben.« Viktor sah ihm fest ins Auge.

»Auf mich können Sie sich verlassen, mein Herr, – nichts leichter als das,« erwiderte dieser, als der Gitarrenspieler sich näherte. Er nahm Viktors Hand und drückte sie auf eine gewisse vertrauliche Art, die nicht mißzuverstehen war und dem Kollegen auch nicht entging.

   

Viktor hielt sein Glas in der Hand und blickte lächelnd durch den Saal.

Zwei Frauenaugen suchten die seinen beim Vorbeitanzen. Er nickte und hob sein Glas. Sie lächelte und als sie seiner Loge wieder nahe kam, lachte sie mit Augen und Mund. Sie kam ihm bekannt vor, und er deutete auf den leeren Platz neben sich.

Kurz darauf kam ein großer, vornübergebeugter Herr mit Glatze, Bauch und schlotternden Hosen durch die tanzenden Paare auf ihn zugesteuert, in der einen Hand eine Flasche, in der andern ein Glas. Es war gar nichts Anstößiges dabei, denn es war die Zeit, wo alle Schranken fallen –

»Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle – Doktor Kaspar von der ... Zeitung.«

»Doktor Heller aus Kopenhagen.«

»Darf ich Ihre Einsamkeit mit Ihnen teilen?«

Viktor machte lächelnd Platz.

Doktor Kaspar setzte sich beschwerlich. Darauf legte er seine dicke, unberingte Hand auf Viktors schmales, weißes Handgelenk und fühlte ihm den Puls –

»Unregelmäßiger Puls – bedenklicher Zustand von geselliger Unterernährung,« sagte er, indem er Viktor über den Kneifer, der beständig verrutschte, wie oft er ihn auch gerade rückte, musterte. Schläfrige, hervortretende Augen, mit gelblichem Ton im Weißen, und die Iris mit einem dunklen Rand, wie der Bodensatz einer getrübten Flüssigkeit. Dadurch bekam der Blick eine seltsam krankhafte Schwere, wie ein beständiges Brüten über etwas –

»Was ist ein Menschenleben?« sagte er voller Ernst, mit einem schwermütigen Seitenblick.

Viktor wußte nicht, ob er lachen oder auf den ernsthaften Ton eingehen sollte.

Doktor Kaspar trank ihm zu.

»Ein Menschenleben –« fuhr er fort, legte Daumen und Zeigefinger gegen einander und blies darauf, als wollte er ein Stäubchen in den Raum senden, – »hüten Sie sich davor, ihm nah zu kommen. Der Staat beschützt es – heute ich, morgen du! Ergo –«

Er beugte sich vertraulich vor –

»Ich bin ihm zu nah gekommen – verstehen Sie – Ex-Arzt, Staatspensionär, zwei Jahre Zwangsfütterung und Bewegungsrationierung unter hermetischem Verschluß! Und nach diesem herrschaftlichen Leben ist mir ein unlöschbarer Durst verblieben! – Prost, Sie, Mann aus dem Norden! Sie wissen doch, daß uns von dort ein Erlöser prophezeit ist?«

Er zeigte seine schadhaften Zähne. Die Goldplomben grinsten aus der Vergänglichkeit. Die Säcke unter den Augen und der hängende Bauch hüpften bei seinem lautlosen Lachen, als sei der ganze Mann ein durchlöcherter Gummiball, der sich nicht mehr aufblasen ließ.

Viktor stimmte mit ein. Keiner von ihnen wußte, worüber sie lachten. Sie tranken aus und setzten ihre Gläser klirrend auf den Tisch.

»Kollege,« die fette Hand lag vertraulich bohrend auf Viktors Schulter –

»Ich bin nicht Arzt,« unterbrach Viktor ihn, »ich bin Kulturhistoriker – oder richtiger –«

Es schwebte ihm etwas Überzeugendes vor, daß etwas vorbei sein sollte –

»Na, prost, Doktor aus dem Norden! Wer lebt, wird sehen! – Er soll nicht sterben! Er soll nicht sterben

Darauf leerten sie beide ihre Gläser.

Doktor Kaspars Flasche war leer, er stellte es mit Ernst und Gründlichkeit fest. Viktor aber war nicht der Mann –

»Ober! – Noch eine Flasche!«

»'selbe Marke, Jones!« warnte der Ex-Doktor mit erhobenem Zeigefinger.

Dieselbe Marke kam auf den Tisch, – rieselnd, glühend, prickelnd, bis der ganze Raum sich vor Viktors Augen zu drehen begann.

Die Musiker auf der Tribüne steppten zu ihrem Trio, daß die Bretter dröhnten. Sie spielten mit Armen und Beinen, Augen und Zähnen, in Staub und Nebel; im Schein der grünen Laternen unter den Kreuzgewölben wurde eifrig getanzt.

Fahl lag der Lichtschein über dem ausgelassenen Treiben von Gesicht und Gliedern, Lächeln und Augenspiel – grell, grinsend –

Viktor mußte an den Totentanz denken mit den verrenkten Gliedern und gähnenden Augenhöhlen.

»Sehen Sie!« sagte er und faßte den fetten Arm neben sich.

Doktor Kaspar drehte den Kopf und sah –

»Ja, die! – Die hat den Teufel im Blick! Ein Satanstemperament wie die nackte Wahrheit!«

Er heftete seine schweren Augen mit dem schmutzigen Rand auf Viktor und sagte mit tiefer Überzeugung: »Die Wahrheit, Mann aus dem Norden, – die unbedingte, nackte, rauhe Wahrheit. Ich mache nämlich in Wahrheit, tagsüber, wenn ich nüchtern bin. ›Gesundheit und Wahrheit‹ ist meine Devise – die Dienstagsbeilage der ... Zeitung ist mein Arbeitsfeld. Ich impfe der Bürgerschaft Wahrheit ein, ich dünge sie mit Wahrheit, ich rücke ihnen mit Wahrheit auf den Leib, so weit ich es vermag, denn, wie gesagt, was ist ein Menschenleben? – Wie war der Kurs während des Krieges? Und wie ist er jetzt? – Gestiegen, sagen Sie? Ach, gehen Sie zum Teufel!«

»Das habe ich auch gar nicht behauptet,« protestierte Viktor.

»Ha, ha, ha, – gestiegen! – Nein, Sie, Kollege und Kindergemüt aus dem Norden – der Kurs ist nicht mehr wert als ein Samenkorn, das im vorigen Jahre auf das Steinpflaster gefallen ist! – Menschenleben? – Nicht mehr wert als das Stück Papier, worauf es gedruckt wurde.«

»Papier?«

»Na, ja, als das Fleisch, in das es geblasen wurde – – ›alles Fleisch ist Spreu‹ – Menschenwert? Alle solche Aktive sind während des Krieges zu Grunde gegangen und steigen nie wieder – unwiderruflich umkapitalisiert – konstante Zwangspreise – erledigt! – Und ich habe zwei Jahre Hermetik bekommen, weil ich dem Menschenwert zu nahe getreten bin, obgleich er in Null Komma Null steht! – Der Staat hält ihn künstlich hoch,« flüsterte er und lachte höhnisch mit schläfrigen Augen vor sich hin.

*

Viktors Blick schweifte über den Saal. Die Frau streifte wieder vorbei, in den Armen ihres Tänzers, – eines mageren, langhalsigen, grauen und sehnigen Kavaliers, der sie mit seinen schwitzenden, behaarten Armen wie in einem Schraubstock hielt.

Der Ex-Doktor winkte mit der Hand und erhob sich halb von seinem Sitz –

»Hallo, Auguste, komm her und trinke ein Glas mit uns!«

Das Paar hörte auf zu tanzen. Sie warf den Kopf lachend in den Nacken, es flog das kurze, wilde Haar, – und Viktor sah, daß es die Frau war, die vorhin nackt auf der Bühne getanzt hatte –

Der Ex-Doktor lachte glucksend –

»Sie kennen die Dame wieder, nicht wahr? Wer kennt sie nicht! Und doch anständig, – an – stän – dig, sage ich Ihnen. Voll von Prinzipien, wie eine Kuh von Tuberkeln – sie hält Ihnen bei Tageslicht brüchige, mottenzerfressene Prinzipien unter die Nase, während sie davon lebt, sie jede Nacht zwischen zwölf und ein Uhr zu tränken.«

»Und dabei behaupten Sie, daß Menschenwert in Null Komma Null steht!«

Der Ex-Doktor ließ sich nicht unterbrechen –

»Sie ernährt ihre beiden kleinen Mädchen, Vater und Mutter und einen arbeitslosen Bruder mit ihrer Nacktheit. Sie hat Temperament wie ein siedender Kessel. Sehen Sie, wie es ihr aus den Guckerchen blitzt, – schwarz wie Zwetschgen, von den großen französischen – und dennoch das Gehirn auf Eis. Ein verteufeltes Frauenzimmer, sage ich Ihnen. Ein jeder kann sehen, daß sie zum Verderben der Männer geschaffen ist, die verschlingt alle mit Haut und Haaren – sie ist das Leben, das willkürliche, das rieselnde, das grausame Leben. Hat sich was – Ihr Geld will sie – sie macht in Nacktheit, um sich späterhin als anständige Hausfrau zu etablieren – sicheres Geschäft – auf lange Sicht! – Und dennoch sage ich Ihnen« – er heftete seinen schweren Blick eindringlich auf Viktor, als wolle er ihm eine seiner nackten Wahrheiten einprägen: »Besser nackt hinter einer Chance herlaufen als wie ein wohlverwahrter Wurm auf dem Ast der Schicksalslosen hocken – glauben Sie mir, ich habe beides probiert! – Ach, Sie, Kollege, mit dem Kinderblick – was ist ein Menschenleben!«

»Wir wollen sie an unsern Tisch bitten!« sagte Viktor.

Kurz darauf saß Frau Auguste, deren Bild, nackt und im wilden Tanz, noch vor Viktors innerem Blick stand, – mit hochgeschlossenem Kleide, höchst anständig zwischen ihnen und nippte an dem Wein, dem glühenden, rieselnden, prickelnden, während sie ihre lachenden Teufelsaugen von dem einen Kavalier zum andern schickte.

Inzwischen stand ihr Tänzer mit leeren Händen wartend im Saal. Viktors Blick fiel auf ihn, und gastfrei lud er ihn in seine Loge ein.

»Der Hungerkünstler Signor Pietro Magro,« Peter der Magere stellte der Ex-Doktor vor – »mit bürgerlichem Namen: Peter Schultze. Zurzeit im Stadium des Fressens.«

Viktor lachte, er meinte, es sei ein Scherz.

Schultze warf sich in den Rücken, indem er seine behaarten Hände vorn auf dem konkaven Magen faltete. Die Lippen verzogen sich zu einem Lächeln über einem Gebiß mit zwei riesigen Pferdezähnen.

»Herr Doktor – Herr Doktor – habe die Ehre!« Er setzte sich Frau Augusta gegenüber, indem er keinen seiner chronisch hungrigen Blicke von ihr verwandte.

Viktor wurde es klar, daß Doktor Kaspar keinen Witz gemacht hatte, als er ihn als Hungerkünstler vorstellte, sondern daß es die nackte, geschäftsmäßige Wahrheit war.

Lieber Gott, dachte er, warum hält sie ihn so knapp. Er betrachtete ihn verstohlen in seiner ganzen Notdurft, um Spuren seiner merkwürdigen Profession festzustellen.

»Er hat dieselben Lebensbedingungen wie das Eichhörnchen und der Bär,« fuhr der Ex-Doktor belehrend fort, »nur in umgekehrter Reihenfolge: Er hungert und schläft im Sommer in einem kontrollierten, hermetisch verschlossenen Glashaus im Lunapark – zur öffentlichen Besichtigung für jedermann, der fünfzig Pfennig zahlen will – nur Soldaten der Reichswehr haben aus staatswirtschaftlichen Gründen freien Zutritt. Dadurch, daß er an seinem eigenen Fett zehrt, verdient er so viel, daß er im Winter darauf losleben und mit allen Händen das Geld aus dem Fenster werfen kann. Also, hochverehrter und mitverantwortlicher Kollege aus dem Norden – hier habe ich Ihnen drei miteinander verwandte Gewerbe von modernem Schnitt vorgestellt, – Kulturprodukte der Nachkriegszeit: Frau Augusta, die von ihrer natürlichen Nacktheit zwischen zwölf und ein Uhr in der Nacht lebt, – ich, der ich davon lebe, nackte Wahrheiten einmal wöchentlich in einer Zeitungsbeilage zu verzapfen, – und Schultze, der sich ganz einfach durch Hungern ernährt.«

   

Die Musik auf der Tribüne packte ihre Instrumente zusammen. Die Kellner entfernten Flaschen und Gläser, stellten Tische und Stühle an ihre Plätze, während einige Nachzügler in der Tiefe des Saales von dem hinteren Ausgange dem Wirt gute Nacht zuriefen, der um Ruhe bat, – denn der leere Saal hatte ein Echo bekommen.

Plötzlich stand der Violinist da, mit seinen roten Lippen und seinem süßen Lächeln, den Violinkasten unter dem Arm.

»Gute Nacht, meine Herrschaften, und vielen Dank!«

»Komm her, du lasterhaftes Spielzeug!« Die Augen des Ex-Doktors waren zufällig auf ihn gefallen – »setz' dich und trink' ein Glas mit uns.«

Der Violinist setzte sich neben den Hungerkünstler und lächelte Viktor verständnisvoll an; Viktor hatte indessen ihr Gespräch von vorhin vergessen.

»Ach, du Fritzeken!« – Frau Augusta sandte ihm einen Blick aus ihren Zwetschgenaugen, die jetzt einen leidenden Ausdruck bekommen hatten; sie konnte die Lider kaum offenhalten, und ihre Stimme kippte um, als ob sie Tränen im Auge habe.

Sie streckte einen müden Arm nach dem Violinisten aus, ihre Finger tasteten über seine Westentasche –

Die Augen des Violinisten suchten Viktor, als bäte er um seine Zustimmung, während er vorsichtig ihre zitternden Finger zu entfernen versuchte –

Sie fuhr in die Höhe, legte ihren Arm um seinen Hals, als ob sie tanzen wollte, und nahm mit der andern Hand ein kleines weißes Papier aus seiner Tasche. Darauf wandte sie ihnen den Rücken –

Viktor sah, daß sie etwas an den Fingern hatte, das sie schnupfte, und er begriff –

Der Violinist sah ihn wieder mit einem fragenden Blick an; da entsann Viktor sich der Geschichte mit dem Polizeischild und nickte ihm zustimmend zu.

»Was ist ein Menschenleben?« sagte der Ex-Doktor und starrte tiefsinnig in sein leeres Glas.

Der Ober, mit schlotternden Gliedern, fahl im Gesicht vor Müdigkeit, sprang noch einmal, und zwei neue Flaschen reckten ihre Hälse zwischen den Gläsern.

Frau Augusta schob die Brust vor, ihr Kopf saß wieder aufrecht und trotzig zwischen ihren schönen Schultern.

»Sehen Sie, jetzt ist der Teufel in sie gefahren!« grunzte der Ex-Doktor voller Wohlbehagen –

»Komm – komm!« lockte er.

Sie lachte kreischend auf und tätschelte ihm das Gesicht, so daß sein Kneifer glirrend ins Glas fiel –

Darauf sprang sie auf und stand vor den andern, als wollte der elastische Körper den Stoff sprengen, der ihn einengte.

Viktors Augen hingen an ihr, von dem Bilde vorhin gezwungen: das ausgelassene, bebende, springende Weib in voller Nacktheit.

Er sprang auf, unwiderstehlich angezogen –

Der Hungerkünstler öffnete die Arme, als wollte er dem andern die Beute entreißen – seine Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Lächeln, er griff nach ihr, sie aber winkte ihn mit beiden Händen fort –

Ihre Augen funkelten wie die einer Wahnsinnigen –

»Geschäft – Geschäft!« grunzte Doktor Kaspar, keiner aber hörte auf ihn.

Sie stand auf ihren Zehenspitzen – drehte sich vor Viktors Augen wie ein Kreisel, mit verhaltenem Atem – schwankte, wie bei Seegang –

Sie verführte nicht – sie steckte an –

Dem Violinisten zuckte es in den Fingerspitzen – ein, zwei, drei, Violine und Bogen aus dem Kasten –

Und dann entfuhr ihm der Teufelstanz, seine Finger hüpften über die Saiten, wie der Knochenmann zwischen Grabsteinen –

Frau Augusta schwang sich im Saal – riß sich den Mantel vom Leibe, – er fiel über die Glatze des Ex-Doktors, der getreulich damit sitzen blieb, den brütenden Blick mit dem schmutzigen Rand unverwandt auf sie gerichtet.

Von dem Rhythmus behext, saß er da, mit hängenden Lippen, Augen und Kinnladen, während der Mantel um seine schlaffen Schultern hing –

Der Hungerkünstler sah ihn und krümmte sich vor Lachen, er mußte sich ganz zusammenbeugen und seine mißhandelten, schmerzenden Magenmuskeln halten.

Im nächsten Augenblick jagte er hinter der wirbelnden, betörenden Hexe her – der anständigen Teufelin mit Vater, Mutter, zwei Kindern und einem arbeitslosen Bruder.

Viktor sah atemlos zu. Alles an ihm bebte – der Saal schwankte wie ein Schiffsdeck bei hohem Seegang – er sah die roten Lippen des Violinisten wie zwei bebende Kleckse in dem weißen Mädchengesicht, – die schwarzen Augen folgten bald dem Tanz der Finger auf den Saiten, die unter dem Bogenstrich jubelten und klagten, bald ruhten sie sekundenlang trunken und verloren auf der wirbelnden Frauengestalt, die Gott weiß welche Gesichte in dem lasterhaften Knabengemüt auslöste.

Viktor konnte sein Gemüt und seine Glieder nicht mehr beherrschen – die Glut wollte aus seinen Adern heraus, jeder Nerv an ihm war in der Gewalt des Spieles. Plötzlich hatte sein Arm die wirbelnde Taille erfaßt und drückte sie heftig gegen seine Brust.

Mitten im Tanz hielt sie inne und sah ihn mit einem eiskalten Blick an, der ihn ernüchterte.

Er ließ sie los –

»Weiter!« rief der Violinist hysterisch, mitten in einem Teufelsstrich, und stampfte mit dem Frauenfuß auf.

Plötzlich stand der Wirt da mit seinem Schafsgesicht und Hängeleib – besorgt um Ruhe mahnend, mit den hochgehobenen Händen nach oben deutend – nicht zum Himmel, nur zum oberen Stockwerk, das sich in der Hand des Staates und des Gesetzes befand.

»Meine Herrschaften!« flehte er, und seine Hände griffen vorsichtig nach Augusta, die ihn von sich abschüttelte.

»Was ist ein Menschenleben?« grunzte der Ex-Doktor, der noch mit Augustas Mantel wie mit einer Trophäe auf seinem blanken Schädel dasaß.

Der Hungerkünstler war nüchtern genug, um an seine unbezahlte Rechnung zu denken. –

»Meine Herrschaften,« sekundierte er und streckte seine langen Arme mit den knochigen, behaarten Händen nach dem Violinisten aus, um ihn zum Aufhalten zu bewegen.

»Ja, wenn die Polizei selbst zugegen ist!« entfuhr es dem Violinisten.

Viktor sah, wie der Wirt die Augen aufriß – sein Blick glitt hastig von Doktor Kaspar zum Hungerkünstler – den Fremden beachtete er nicht.

Viktor aber fühlte Augustas Blick auf sich, wie einen Stich – darauf strich sie sich von Stirn über Brust und Lenden, als wollte sie die Hexe von sich abstreifen –

»Hast recht, Alter,« sagte sie mit ruhiger Stimme, indem sie dem Wirt beruhigend den Arm klopfte – –

Langsam beruhigten sich alle. Der Violinist packte den Teufel in den Kasten, noch zitterten seine Mädchenhände –

Er begriff, daß er eine große Dummheit gesagt hatte – seine Augen wichen Viktor aus – und er war verschwunden, bevor dieser ihm noch gute Nacht gesagt hatte.

Viktor bezahlte die phantastische Rechnung, ohne zu murren, seine Gedanken waren ganz wo anders –

Darauf bahnten sie sich einen Weg durch den Saal, zwischen Tischen und Stühlen, die übereinander gestapelt waren – von dem Wirt begleitet, der seit der unüberlegten Bemerkung des Violinisten kein Wort mehr gesagt hatte – bis sie die Tür am Ende des Raumes hinter der Tribüne erreicht hatten.

Der Wirt verbeugte sich, mit der Hand zur Ruhe mahnend, – Viktor stolperte über eine hohe Stufe, – der Ober riß ein Streichholz ab – noch eines.

Viktor tastete sich an der Mauer längs der Wendeltreppe hinauf, – Doktor Kaspar fühlte sich mit den Händen über die Stufen vorwärts, – Augusta mußte einen Lachsprudel unterdrücken, als sie ihn so auf allen vieren kriechen sah. –

Die Tür wurde vorsichtig und sorgsam hinter ihnen geschlossen.

*

Kalte Luft schlug Viktor entgegen und halb unbewußt knöpfte er seinen Mantel fester am Halse.

Sie standen in einer düsteren, engen Gasse –

Er drehte sich nach dem Arzt und dem Hungerkünstler um, um ihnen gute Nacht zu bieten, sie aber waren bereits verschwunden.

»Peter ist mit Doktor Kaspar um die Ecke gebogen,« erklärte Augusta, »er weiß, wo er wohnt. Kommen Sie!«

Sie faßte Viktor vertraulich unterm Arm und hob ihr ausgelassen lachendes Gesicht dicht zu dem seinen auf – ihr heißer Atem, der wie von bitteren Kräutern gewürzt war, streifte sein Gesicht.

Es durchzuckte ihn, doch erinnerte er sich des eisigen Blickes von vorhin, und er unterließ es, die glühenden Lippen zu küssen, die sie ihm reichte.

Sie führte ihn von Gasse zu Gasse, er hatte ihr den Namen seines Hotels genannt. Dabei schwatzte sie wortreich mit leiser Stimme.

Hin und wieder schlenkerte eine graue Gestalt längs der grauen Mauern vorbei, – eine Nachtpatrouille passierte – Augusta sah den Soldaten nach –

»Engländer,« sagte sie nur. Dann erzählte sie von ihrem Leben in Berlin, von der anständigen Beamtenfamilie, von einer Ehe mit einem schneidigen Unteroffizier. Sie war glücklich gewesen, bis der Krieg kam und sie in einer Fabrik arbeiten mußte, während die Kinder den ganzen Tag in einem Hort waren. Der Mann, Feldwebel, wurde nach dem Kriege in einen politischen Rummel hineingezogen, kam ins Gefängnis und war seitdem verschwunden. Sie erzählte darauf los, bald kalt und gehässig, bald lebendig und ergriffen, wenn sie von den Kindern und der Mutter sprach.

Plötzlich klammerte sie sich an ihn, tastete mit den Fingern über seine Brust und preßte ihren festen Körper gegen seine Lende –

»Ach, du,« sagte sie, indem sie mit ihren Augen auf ihn eindrang – »leih mir hundert Mark – oder zweihundert – was du gerade entbehren kannst. Ich schulde noch die Miete für zwei Monate, und wenn ich sie morgen nicht zahle, werden wir alle auf die Straße gesetzt – Vater und Mutter und die Kinder –«

Die Stimme versagte ihr – sie schluckte.

»Du sollst es nicht umsonst getan haben,« klang es atemlos vor seinem Gesicht – ihre Hände betasteten ihn, fieberhaft und heiß, von Hals zu Brust – »was bedeuten zweihundert Mark für dich – bitte – bitte!«

Viktor lachte vor sich hin, – »Geschäft auf lange Sicht« – zweihundert für Miete bezahlt die nicht, das ist natürlich Lüge – aber sie soll sie haben – meinetwegen!

Er zog seine Brieftasche heraus und gab ihr zwei Scheine –

Noch hatte er sie nicht wieder eingesteckt, als er ihre heißen Hände um seinen Nacken fühlte und ihre glühenden Lippen sich auf seinen Mund preßten.

So heftig war die Umarmung, daß er seinen Hut verlor. Sie bückte sich danach, drückte ihn auf seinen Kopf, mit einem jubelnden Lachen.

»Ich wohne hier um die Ecke,« sagte sie, »Charlottenstraße dreißig, Hinterhaus, vierter Stock, rechts – komm morgen um vier Uhr zum Kaffee zu mir, ja? Dann bin ich mit den Kindern allein.«

Sie wiederholte die Adresse, während sie seinen Arm festhielt.

»Sei nicht dumm!« trompetete sie ihm ins Gesicht, gab ihm noch einen Kuß mitten auf den Mund und schwenkte ihn herum –

»Geh nur immer geradeaus!« sagte sie, indem sie sich noch einmal umdrehte, »dann kommst du zum Marktplatz.«

Ein Vogelgezwitscher – eine winkende, weiße Hand – und Viktor stand allein in der dunklen Straße.

Der Kopf brummte ihm, als ob ein Lastauto ratternd über Steinpflaster fuhr, – dennoch lächelte er erwartungsvoll vor sich hin, als ob etwas Neues in sein Leben gekommen sei –

»Laßt einmal sehen – – das Rotkäppchen?«

Er versuchte seine Eindrücke von dem Mädchen mit dem geweihten Ring zu sammeln –

Er schnupperte die Nachtluft – bekam einen Tropfen auf die Nasenspitze – schneite es?

Er streckte die Hand prüfend aus, konnte aber nichts Nasses fühlen –

»Darum kann es doch schneien. Wenn man zuviel getrunken hat, ist die Fähigkeit zu fühlen – laßt mal sehen: die dritte Flasche hat der Ex-Doktor fast allein getrunken – »was ist ein Menschenleben?« – ha, ha, ha –

Wieder ein Tropfen, diesmal auf die Backe –

Er schnupperte durch die Luft, wurde einer Uhr in einem hohen Turm ansichtig – das Lichtfeld tanzte und schwankte, als sei es die leuchtende Fläche eines Kreisels, der sich auf der Turmmauer drehte –

Er blieb stehen, um ihn festzuhalten und die Zeit zu entziffern, tastete nach seiner Taschenuhr, mußte es aber aufgeben –

Da fühlte er eine Berührung von hinten – sein Hals wurde wie zwischen Eisen gepreßt –

Er wollte schreien, aber kein Laut drang über seine Lippen – er fuchtelte wild mit den Armen durch die Luft – das Blut drang ihm zum Kopfe, als ob er platzen wollte, die Augen traten aus ihren Höhlen –

Dann wußte er nichts mehr – fühlte nichts mehr –

*

Als er zum Bewußtsein erwachte, dämmerte es.

Der Marktplatz war von einer dünnen, weißen Schicht und vereinzelten blankgefrorenen Wasserpfützen bedeckt. Auf den obersten Fenstern der grauen Häuserreihe blitzte ein schwacher Lichtschein, wie Augen, die mit dem Schlaf kämpfen.

Er richtete sich auf und fühlte einen dumpfen Schmerz im Hinterkopf, ein Schmerzgefühl an der Kehle – er versuchte zu schlucken, mußte es aber aufgeben. Dann kam ein verzehrender Durst –

Da fühlte er, daß er seinen Arm im Fall verletzt hatte. Er bewegte ihn vorsichtig auf und nieder – Gott sei Dank, gebrochen war er nicht.

Langsam wich der Nebel von seinen Augen – der Rausch war vorbei – und im selben Augenblick wurde ihm das Geschehene klar –

Er blickte an sich herab – sein Schlips war aufgerissen – die Weste stand offen – die Tasche war leer – seine Brieftasche fort; auch seine goldene Uhr war verloren –

Seine Hand fuhr schnell zur Rocktasche – seine Finger suchten fieberhaft nach dem kühlen Metall –

Das Schild war mit dem übrigen geraubt.

Der Violinist hatte das Schild gesehen –!

Nein, es war kein Knabe mit Mädchenhänden, der ihn gewürgt hatte – er hatte den Eindruck, daß es Hände aus Eisen gewesen waren, und ein schwerer Körper, der sich gegen seinen Rücken stemmte –

Der arbeitslose Bruder mit den unbeschäftigten Händen?

Ausgeschlossen – dazu war einfach keine Zeit gewesen, – sie hatte ihn ja kaum verlassen.

Endlich glückte es ihm, aufzustehen. Er richtete seinen Blick auf den Tagesschein längs der Häusermauern, atmete die perlende Kälte und vergaß seine Schmerzen, als die frische Luft ihm durch die Lungen rieselte und ihm über Kopf und Hals strich.

Er zog seinen Taschenspiegel heraus: sein bloßer Hals war rot und geschwollen. Er glättete sein Haar, band den Schlips, knöpfte seine Weste –

Seinen Hut fand er unter einer Linde auf dem Marktplatz – so weit war er gerollt –

Der Schmutz auf seinem Mantel war das schlimmste.

Da kam ein Beamter von der Straßenreinigung mit einem Wasserschlauch angetrabt. Viktor rief ihn an. Der Mann betrachtete ihn von oben bis unten, dann verzogen die stumpfen Züge sich zu einem verständnisvollen Lächeln. Gleich darauf hatte er den Wasserhahn geöffnet, und das Wasser sprudelte aus dem Schlauch.

Viktor nahm sein Taschentuch, und nach kurzer Zeit war der ärgste Schmutz von seinem Mantel entfernt.

Beim zunehmenden Tageslicht eilte er längs der Häuserreihe.

Schmutz – Abschaum – Fäulnis hatten sich ihm aufgedrängt – Elend, körperliches und seelisches –

»Du hast es ja gewußt – was wolltest du dort?«

Plötzlich aber blieb er stehen, irgend etwas schien ihn handgreiflich zum Sehen zu zwingen –

Ist denn der Schmutz, der dich bespritzt hat, dieser körperliche und geistige Mist, diese Verderbtheit, in die ich meine Nase zum erstenmal gesteckt habe, – etwas andres als derber, gährender Dünger für etwas, das kommen soll, – die ewige Gegenwärtigkeit – der Mensch in Erneuerung?

Er erkannte es deutlich in dem grauen Morgen – das, was ihn zu dem Rotkäppchen hingezogen hatte, das war ja das Unerwartete, Unberechenbare, – das Leben selbst, das allem zum Trotz wächst, das sich durch ungünstige, ja, tötende Umgebung seinen Weg bahnt –

Der lebendige Augenblick!

Hatte er nicht zwanzig Jahre auf das verwandt, was gewesen ist und nie in derselben Form zurückkehrt? –

Zum Teufel mit dem rückblickenden und erdachten Leben!

Das Leben leben – dabei sein – mit Herz und Sinnen, mit Gemüt und Gehirn –

Dabei sein, wo es wächst, wo die Blasen aus der Tiefe steigen, – erleben – nicht im Parkett sitzen und zusehen –

Aber das Geld – plötzlich fiel ihm ein, daß er heute morgen all sein Geld zu sich gesteckt hatte, weil er es sicherer in seiner Brieftasche als in seinem Koffer wähnte – seine ganze Barschaft hatte er zu sich gesteckt –

Er mußte den Diebstahl sofort der Polizei melden. Er schritt so schnell aus, wie seine schmerzenden Glieder ihn tragen wollten –

Himmlische Güte!

Der Atem stockte ihm und er blieb stehen: Wer ihm Geld und Uhr genommen, hatte auch das Polizeischild bei ihm gefunden! Sollte er sich selbst der Polizei stellen? –

Er wendete und drehte die Sache, fand aber keinen Ausweg.

»Wie sind Sie in den Besitz dieses Schildes gekommen?« würde man ihn fragen. – Habe es dort und dort gefunden. – Warum haben Sie es nicht gleich abgeliefert? – Wußte nicht, wo die nächste Polizeiwache war. – Die hätte jeder Schutzmann Ihnen zeigen können. Oder er würde antworten: Hatte keine Zeit, wollte bis morgen warten. – Beweisen Sie, womit Ihre Zeit so stark in Anspruch genommen war! – Und das schlimmste von allem war, daß der Violinist mit den schwarzen Augen bezeugen konnte, daß er das Schild gebraucht hatte – überführtes Verbrechen. Denn es war anzunehmen, daß der Violinist nicht dicht gehalten, und daß jemand, der von dem Polizeischild gewußt ihm auch die Brieftasche geraubt hatte. Jedenfalls wußte der Räuber jetzt davon, und in dem Augenblick, wo er ihn der Polizei meldete und man ihn fand, konnte er ihn in die größte Verlegenheit bringen.

Es war fast sein ganzes flüssiges Kapital, er hatte es auf eine Bank tragen wollen, sobald er in Rom angekommen war, wo er bis auf weiteres bleiben wollte.

Sein übriges Besitztum, seine Erbschaft von Marquard, war so festgelegt, daß er nur die Zinsen heben konnte. Außerdem waren da noch die Möbel und andre bewegliche Habe, die er in Kopenhagen bis zu seiner Rückkehr auf einem Speicher untergestellt hatte. Sie verkörperten alle Erinnerungen, sowohl die von seinem Vater als auch von seinem Pflegevater, – Zeichnungen, Skizzen, Bücher – davon wollte er sich keinesfalls trennen.

Während einiger Minuten überlegte er ratlos hin und her.

Da richtete er sich plötzlich auf und seufzte erleichtert –

»Das Geld bekomme ich doch nicht wieder,« sagte er laut vor sich hin – »wer aber das Leben leben will, muß auch lernen, sich sein Geld selbst zu verdienen. Wie hatte er doch gesagt – der Doktor? – ›Wie ein wohlverwahrter Wurm auf dem Ast der Schicksalslosen hocken‹ –«

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